Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne (13)

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne

Der Igel Konrad, der mit seiner Frau auf der Suche nach einem geeigneten Platz für den Winterschlaf war, hatte Hunger und Durst und wollte unbedingt eine Pause einlegen.
„Lass uns ein wenig hier rasten“, schlug er deshalb vor, erntete aber nur einen bösen Blick von Kornelia.
„Wir können doch nicht ständig Pausen machen“, zeterte sie und lief noch ein bisschen schneller, so dass Konrad kaum folgen konnte. Er schnaufte und stöhnte, doch Kornelia ließ sich nicht beirren.
„Schau“, sagte sie, „die Bäume sind schon fast kahl, es wird Zeit, dass wir einen Unterschlupf finden, in dem wir sicher sind. Schlafen und dich ausruhen, das kannst du dann den ganzen Winter lang.“
„Ich will aber auch was vom Leben haben und nicht immer nur vorsorgen. Guck doch mal, die Sonne, sie lacht uns an und ruft: Ruht euch aus, ich wärme euch mit meinen Strahlen!“
Kornelia schüttelte unwillig den Kopf.
„Du bist ein Spinner, mein Lieber. Die Sonne kann gar nicht rufen, sie kann strahlen oder nicht strahlen, das ist auch schon alles.“
Konrad wurde immer trauriger. Er liebte seine Kornelia, aber sie war überhaupt nicht romantisch, kein kleines Bisschen. Das fand er nicht schön.
„Die Sonne kann strahlen, lachen, wärmen, trocknen, erhitzen, verbrennen, Regenbogen machen und rufen. Lausch doch mal, dann wirst du es hören!“

Die Elfe Sumsinella hatte das Gespräch des Igelpaares belauscht. Insgeheim war sie auf der Seite von Konrad, aber ein klein wenig konnte sie auch Kornelia verstehen. Da ihr aber der Schalk im Nacken saß, sang sie mit feiner Stimme:
„Ich bin die Mutter Sonne und trage die Erde bei Tag und Nacht …“ Das Lied kannte sie von der kleinen Anna, die es jeden Morgen in der Schule sang.
„Pst …“, machte Kornelia. „Hast du das auch gehört?“ Konrad verzog sein Igelschnütchen zu einem breiten Grinsen.
„Klar, ich hab’s dir die ganze Zeit schon gesagt, sie spricht und singen kann sie auch noch!“
„Sing weiter, Sonne, dein Lied ist so schön!“, bat Kornelia und lauschte.
„Ich trage die Erde bei Tag, die Erde bei Nacht“, sang Sumsinella weiter.
„Siehst du, sie kann noch mehr, die Sonne, sie kann tragen“, rief Konrad begeistert und bekam einen dicken Buff in die Seite.
„Sei still!“
Sumsinella hatte ihre Freude daran, die beiden Igel an der Nase herumzuführen, wusste aber, dass sie sich doch zu erkennen geben musste. Oder doch nicht?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn über ihr, in der alten Buche saß Krächz, der Rabe.
Mit krächzender Stimme und ziemlich laut sang er drauflos: „Und ich bin der Mond, der schööööne Mond, den man gern mit einem Stück Käääääse belohnt!“
„Du bist unmöglich, Krächz, ganz und gar unmöglich!“, schimpfte Sumsinella und kam dann schnell aus ihrem Versteck, um sich den Igeln zu zeigen.
„Entschuldigung“, flüsterte sie und wurde ein wenig rot dabei. „Aber ich habe nicht gelogen, all das kann die Sonne, nur nicht rufen, das habe ich für sie übernommen.“
Das Igelpaar hatte Humor, alle lachten herzlich und hielten dann noch ein ausgiebiges Pläuschchen. Sumsinella hatte sogar einen wunderbaren Laubhaufen gesehen, zum dem sie Konrad und Kornelia brachte. Dort verbrachten die beiden den Winter und sie träumten von einer singenden Sonne und von Sumsinella, der kleinen Elfe.

© Regina Meier zu Verl

Sumsinella

Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Sumsinella und Muck, der Mückenmann

Auf dem Teich hat die Seerose ihre großen Blätter und eine wunderschöne Blüte ausgebreitet. Eine Libelle schwebt mit hauchfeinen Flügeln über dem Wasser. Sie schimmert im Sonnenlicht. Doch halt, das ist gar keine Libelle. Schau genau hin. Es ist Sumsinella, die Elfe, die einen Landeplatz sucht. Leichtfüßig schwebt sie auf ein großes Blatt und schaut sich suchend um.
„Vater Quak!“, ruft sie. „Bist du nicht zu Hause?“
Wenn eine Elfe ruft, dann ist das etwa so, als flüstere der leichte Sommerwind mit dir. So zart ist ihre Stimme und Vater Quak, der mal wieder völlig müde ist und seinen Mittagsschlaf hält, hört nichts, gar nichts. Er hat sich im Schilf verkrochen, damit ihn niemand stören kann.
„Schade“, denkt Sumsinella und schaut sich weiter um. Irgendwer wird doch zu Hause sein. Sie setzt sich und singt ein Lied. Das Singen ist ihre Lieblingsbeschäftigung und sie kann es auch wirklich wunderbar. Es dauert gar nicht lange, da gesellt sich der erste Gartenbewohner zu ihr, ganz leise setzt er sich neben Sumsinella und lauscht dem Gesang.
Es ist Muck, der Mückenmann. Er ist so verzaubert von der Melodie, dass er leise mitbrummt. Sumsinella lässt ihn gewähren und lächelt ihn an. Als das Lied zu Ende ist begrüßt sie ihn:
„Hallo Muck, aber nicht, dass du mich gleich stichst!“
„Mach ich nicht, kleine Elfe. Du weißt doch, dass nur unsere Weibchen stechen, oder weißt du das etwas nicht?“
Sumsinella schüttelt den Kopf. Das hat sie noch nicht gehört.
„Gut zu wissen“, freut sie sich und erkundigt sich dann nach der Familie.
„Alles gut soweit, wir wollen heute Abend noch tanzen. Es ist gerade das richtige Wetter dafür. Könntest du vielleicht dazu singen? Dann macht es noch mehr Freude.“
Sumsinella ist einverstanden.
„Aber nur, wenn du ein Rätsel lösen kannst, pass auf: Sag mir ein Wort in dem drei U vorkommen.“
Muck schaut die Elfe entsetzt an.
„Wie soll ich das denn wissen? Ich kann ja nicht einmal schreiben!“
Sumsinella lacht.
„Dann solltest du es lernen, es ist immer gut, wenn man schreiben und lesen kann.“
„Als Mücke braucht man das nicht, sag mir womit ich einen Stift halten sollte!“
„Entschuldige, Muck, daran hatte ich gar nicht gedacht. Dann verrate ich dir das Wort und du sagst mir dann, was das ist, in Ordnung?“
„Leg schon los!“
Sumsinella will gerade das gesuchte Wort sagen, da unterbricht Muck sie.
„Warte noch, mir ist was eingefallen: Uhukuchen … sind da drei U drin?“ Sumsinella kichert.
„Schon, aber das gibt es doch nicht, Uhukuchen. Was dir nur immer einfällt. Hast du noch eine Idee?“ Man muss also gar nicht lesen und schreiben können, nur hören und hinhören. Auf diese Weise kann man auch entdecken, wie viele Laute in einem Wort vorkommen, denkt Sumsinella und freut sich, dass der Mückenmann mitdenkt.
„Ja, ich habe noch eine Idee: Wunderwurzelmus!“
„Was soll das sein? Drei U sind aber drin, da hast du Recht!“ Der Mückenmann freut sich.
„Na, ist doch klar, Mus von der Wunderwurzel, sage ich doch! Gilt das?“
Sumsinella ist einverstanden. „Gut, wir lassen es gelten, obwohl ich ein anderes Wort gemeint habe. Soll ich es sagen?“
„Bitte!“
„Kuckucksspucke – da kommen drei U drin vor und drei C und vier K, ist das nicht ein tolles Wort?“
„Ja, ein Superwort, aber – was ist Kuckucksspucke? Ich habe das noch nie gehört!“
„Eigentlich“, antwortet Sunsinella, „eigentlich gibt es keine Kuckucksspucke, aber im Mai, wenn auch der Kuckuck anfängt zu rufen, dann bilden die Schaumzikaden ihre Nester an den Wiesenblumen und das sieht so aus, als sei es Spucke. Deshalb sagt man Kuckucksspucke dazu.“
„Das sind doch Insekten, wie ich, oder? Ich sollte mich mehr um meine Verwandten kümmern“, sagt Muck und dann lacht er so laut, wie eben eine Mücke laut lachen kann.
„Ich hab noch was! Muck, Muck, Muck …“
„Und was soll das sein?“, fragt Sumsinella erstaunt.
„Das sagt meine Frau immer, wenn ich zu spät nach Hause komme und deshalb sause ich jetzt mal los. Machs gut, Sumsinella, bis heute Abend!“
© Regina Meier zu Verl

Sommerkirmes 1970

Jedes Jahr, am ersten Wochenende im September ist in meiner Heimatstadt eine Kirmes, das „Verler Leben“. Und jedes Jahr denke ich an die Zeit zurück, von der ich in meiner kleinen Erzählung berichte. Schön war’s, richtig schön.
Wegen Corona fällt das Fest in diesem Jahr wieder aus, das ist schade. Hoffen wir auf das nächste Jahr!
(Verl ist mittlerweile eine Stadt – eine schöne Stadt!)

Sommerkirmes 1970
Im Dorf ist Jahrmarkt,
wieder einmal. Bunte Stände und Fahrgeschäfte reihen sich aneinander. Herrlich, das Herz klopft schneller beim Anblick. Ich denke an dich, meine nach Zimtnudeln duftende Freundin aus Kindertagen. Weißt du noch, wie vergnügt wir waren? Kinder noch und doch schon auf dem Weg erwachsen zu werden. Weißt du noch, wie wir stundenlang vorm Spiegel standen, um uns aufzuhübschen? Weil uns ja der Mann unseres Lebens hätte begegnen können – auf dem Jahrmarkt. Die Vorbereitung auf den Bummel durch die Straßen unserer Heimat war beinahe noch schöner, als der Kirmesbesuch selbst. Wir machten Pläne, kicherten um die Wette, flochten unsere Haare zu Zöpfen, krempelten unsere Miniröcke in der Taille um, damit sich noch ein wenig kürzer waren. Natürlich krempelten wir erst dann, wenn wir aus der Sichtweite unserer Mütter waren. Sie hätten uns so nicht ziehen lassen.
Der Mann unseres Lebens ist uns dort nicht begegnet, wie sollte er auch? Wir saßen zu zweit im Twister-Karussell und juchzten vor Freude, so lange, bis wir unser Taschengeld ausgegeben hatten. In der Gondel war nur Platz für zwei, für dich und für mich, liebe Freundin. Wie geht es dir heute, was machst du? Sind deine Gedanken an die Kindheit auch so bunt wie meine?
Ich hebe mein Glas, in dem ein dunkler Roter funkelt. Ich hebe es und trinke auf dich und ich schaue aus dem Fenster auf die Buden der Schausteller – im Dorf ist Jahrmarkt, wieder einmal.
© Regina Meier zu Verl



Noch ist es nicht so weit

Noch ist es nicht so weit

Zu weit nach vorn zu schauen, das ist nicht gut. Trotzdem kommt mir manchmal schon der Herbst in den Sinn, weil ich ihn so mag. Aber – noch ist es nicht so weit!
Noch ist es nicht so weit.jpg
Die Bäume werfen ihr Gewand
von oben runter in den Sand,
doch das ist Quatsch, es sind nur Phrasen,
die Blätter landen auf dem Rasen.
Das mit dem Sand sei hier geduldet,
war lediglich dem Reim geschuldet.
Wie geht’s nun weiter im Gedicht?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht,
Würd‘ gern mich zu den Blättern legen,
statt unermüdlich Laub zu fegen.
Geht ihr mir wieder auf den Leim?
Stimmt ja, ich fege nicht, ich reim!
Was Kluges fällt mir heut nicht zu,
drum gebe ich jetzt wieder Ruh.
Noch sind die Blätter an den Bäumen
und ich werde nun weiterträumen,
vom Herbst, der mich so sehr erfreut,
meine Lieblingsjahreszeit!

© Regina Meier zu Verl

Gedankenblitze und Bölkewater

Gedankenblitze und Bölkewater

Schatz, Kutsche, kratzen, maulen, steinreich

Das sind die Reizwörter, die diesmal mit eingebaut werden mussten. Bitte lest auch, was meine beiden Kolleginnen dazu geschrieben haben:

Lores Märchenzauber

Martinas Von-Herz-zu-Herz-Geschichten

Gedankenblitze und „Bölkewater“*

Der Sommer ist Hannas liebste Jahreszeit. Sie liebt es barfuß durch den Garten zu laufen, am besten gleich am Morgen nach dem Aufstehen, gern auch im Schlafanzug. Das hat sie von Mama abgeguckt, die macht das auch. Dazu gehört bei Mama aber noch eine Tasse Kaffee, unbedingt.
Kaffee trinkt Hanna nicht, der ist ihr zu bitter. Aber neuerdings nimmt sie ihre Lieblingstasse, gefüllt mit Mineralwasser und wandert durch den Garten. Während des Wanderns denkt sie, so wie Mama. Die denkt nämlich über ihre nächste Geschichte nach und ab und zu kommt es vor, dass sie schnell die Kaffeetasse irgendwo abstellt und ins Haus saust, weil sie eine zündende Idee hatte, einen Gedankenblitz. Hanna findet das toll. Sie möchte auch Geschichten schreiben, vielleicht über einen verborgenen Schatz, mit dessen Hilfe sie dann steinreich werden kann. Deshalb wartet sie auf so eine Blitzidee.
Seit sie mit Mineralwasser wandert, kommt ab und zu ein kleiner Rülpser, aber ein Blitz war noch nicht dabei. Schade! So richtig kann sie sich das aber sowieso nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Es blitzt im Kopf und dann? Eigentlich müsste es dann donnern, aber es handelt sich wohl nicht um ein richtiges Gewitter. Na ja, Hanna muss Mama einmal genauer befragen, vielleicht funktioniert es dann auch bei ihr mit den Gedankenblitzen.
Noch bevor Hanna ihre Mutter interviewen kann, passiert es heute Morgen. Es blitzt ein Gedanke in Hannas Kopf. Schnell stellt sie die Tasse ab und saust in ihr Zimmer. Ein Block und ein Stift liegen dort bereit, für den Fall, dass sie schnell etwas aufschreiben muss.
Hanna nimmt den Bleistift und schreibt: «Das Geheimnis der Kaffeetassen». Das war der Blitzgedanke, aber wie soll es weitergehen? Hanna ist unsicher. Dabei gibt es viele Möglichkeiten. Die Tassen könnten verschwinden, oder sie fangen an, miteinander zu reden. Vielleicht sind im Garten Kobolde, die Geschirr sammeln und die Tassen in ihre Behausungen schleppen. Es hilft nichts, Hanna muss wieder in den Garten, vorsichtshalber nimmt sie noch eine Tasse mit Mineralwasser mit, das hat ja scheinbar geholfen. Über dem Garten hängt zwar eine dicke Wolke, aber noch regnet es nicht und Mama ist auch gerade unterwegs und denkt. Sie lächelt Hanna kurz zu und legt dann den Zeigefinger auf die Lippen. Das heißt: Bitte jetzt nicht stören! «Natürlich nicht!», mault Hanna leise.
Hanna wandert und wandert, die zweite Tasse ist schon wieder leer und der Bauch wölbt sich von der vielen Kohlensäure. Wieder lässt das Mädchen ein paar kleine Rülpser ab, nicht zu laut, um Mama nicht zu stören. Hanna grinst. Bereits beim nächsten Rülpser kommt eine neue Idee. Wieder stellt sie die Tasse ab und flitzt ins Haus, sie überholt Mama, die ebenfalls gerade auf dem Weg an ihren Schreibtisch ist. Beide lächeln und schweigen, damit sie ihre Gedanken nicht verlieren.
In der Überschrift hat sie von geheimnisvollen Kaffeetassen geschrieben, aber jetzt erst weiß sie, wie es weitergehen soll. Also schreibt Hanna:
Es war ein schöner Tag Ende August. Die großen Ferien waren zu Ende und endlich durfte man die Freundinnen und Freunde wiedersehen, die man so sehr vermisst hatte. Lea hatte in den Ferien einen Kaffeebecher mit Porzellanfarben angemalt. Den schenkte sie ihrer besten Freundin Lotta, die sich darüber sehr freute. Für sich selbst hatte Lea genau den gleichen Becher bemalt, nur dass ihr Name draufstand und auf Lottas Becher eben Lottas Name, logisch, oder? Die Namen hatte sie auf eine Kutsche geschrieben, nämlich auf die Kürbiskutsche, die sie in ihrem Märchenbuch gefunden hatte und mit der Cinderella zum Ball gefahren war.
Hanna ist stolz, als sie den Text noch einmal durchliest. Das war doch schon ein kräftiger Gedankenblitz, darauf kann man aufbauen, denkt sie und wandert wieder in den Garten. Diesmal ohne Tasse, denn der Schrank ist leer, es ist keine Tasse mehr drin. Hanna nimmt sich einen kleinen Korb und macht sich auf in den Garten, nach den Tassen schauen. Auf der Terrasse findet sie einen von Mamas Bechern. Er ist noch halb voll, aber der Kaffee ist kalt. Mit einem Schwung gießt Hanna den Inhalt an die Geranien im Blumenkübel. Dann wandert sie weiter, findet den nächsten Becher unter dem großen Rhododendronbusch, auch einer von Mamas. Eine Schnecke sitzt drin und schaut sich verwundert um, als sie mitsamt dem Becher hochgehoben wird.
«Igitt!», ruft Hanna, schickt aber gleich ein «Entschuldigung, ist mir nur so rausgerutscht!» hinterher. Eigentlich mag Hanna Schnecken, aber nicht in Kaffeetassen. Behutsam legt sie die Tasse ins Gras und sagt: «Ich gebe dir fünf Minuten, um in die Freiheit zu kriechen, dann komme ich wieder!»
«Herzlichen Dank!», flüstert die Schnecke.
«Gerne!», sagt Hanna und geht weiter auf Tassenjagd. Dann stutzt sie, kratzt sich am Kopf, denkt nach – ja, noch intensiver als sowieso schon und kommt zu dem Schluss, dass sie sich verhört haben muss und das nun ein echter Gedankenblitz war. Sie rennt ins Haus, so schnell man das mit einem Korb mit einer Tasse drin kann und schreibt auf ihren Block: Wenn Schnecken in Kaffeetassen wohnen, können sie sprechen!
Wie die Geschichte weitergeht, möchtet ihr nun wissen? Das wüsste ich auch gern, ich nehme mir nun meinen Lieblingsbecher mit Kaffee und wandere in den Garten. Dort warte ich, na, ihr wisst es schon! Nein, nicht auf den Gedankenblitz, sondern auf sprechende Schnecken, ich bin nämlich davon überzeugt, dass es die gibt. Ihr auch?

*Bölkewater ist übrigens Mineralwasser mit Kohlensäure
© Regina Meier zu Verl

Was man früher so sagte

Was man früher so sagte

Was man früher so sagte

„Jeder hat doch eine Leiche im Keller!“, behauptet Onkel Hermann. Gerade hat er mit Papa über die Nachbarn gesprochen, die ihn mal wieder geärgert haben.
„So langsam aber sicher wird es mir zu bunt. Ich werde es denen schon zeigen!“, fügt er noch hinzu und stürmt dann wütend ins Haus. Ich nutze die Gelegenheit, um Genaueres von Papa über die Leiche zu erfahren. Immerhin klingt das unheimlich und spannend. Für ein Abenteuer bin ich zu haben, jederzeit.
„Was für eine Leiche denn?“, frage ich deshalb. Papa lacht und erklärt mir dann:
„Das sagt man nur so, damit ist gemeint, dass jeder irgendwie Dreck am Stecken hat.“
Damit kann ich auch nichts anfangen, ich frage also weiter.
„Was bedeutet das?“
„Früher hatten die Straßen noch keine Asphaltdecke. Wer von Haus zu Haus oder von Ort zu Ort marschierte, ging über nicht befestigte Wege und hatte dann Dreck an den Schuhen. Das müsstest du doch eigentlich recht gut kennen, wenn ich mir deine Turnschuhe so anschaue! Aber weiter: Man hat dann versucht, mit einem Wanderstock, die schmutzigen Schuhe zu reinigen. Einen Wanderstock nannte man damals auch Stecken. Aber dann hing natürlich Dreck am Stecken. Sinnbildlich wurde das dann auf denjenigen übertragen, der sich eine Schuld aufgeladen hat. Schuld und Sünden stehen für das Schmutzige. Wer also Dreck am Stecken hat, will eine Untat verbergen.“
Ich setze mich zu Papa auf die Treppe. Diese Erklärung reicht mir noch nicht.
„Und was hat das nun mit der Leiche zu tun?“
„Na, es ist genauso wie beim Dreck. Jemand hat etwas zu verbergen, das im Dunklen bleibt. Dann sagt man er habe eine Leiche im Keller!“
„Also hat er gar keine richtige Leiche im Keller, der Nachbar!“, stelle ich fest.
Papa nickt zustimmend, dann sammelt er seine Werkzeuge ein.
„Feierabend für heute. Kommst du mir rein?“, fragt er mich und zwinkert mir zu.
„Ich werde mir jetzt nämlich ein erlesenes Weinchen aus dem Keller holen, der ruht direkt neben unserer Leiche!“
„Mensch Papa, du bist so blöd, ich fasse es nicht!“
„Sei nicht so frech, mein Lieber. Außerdem hast du Dreck am Stecken äh, Turnschuh meine ich. Mach den mal lieber ab, sonst gibt’s Meckerei von Mama!“

© Regina Meier zu Verl 2016

Bockermänner

Bockermänner

2017-09-09 14.55.33

Bockermänner

Kennst du das? Du hast ein Paar Lieblingssocken und glaubst, dass du ohne diese Socken nicht leben kannst. Deine Oma hat sie gestrickt, mit viel Liebe und Mühe. Dann passiert folgendes: du hast Kartoffeln reingepflanzt! Kennst du nicht? So sagen wir bei uns, wenn sich die große Zehe, oder gleich beide, durch die Spitze den Weg nach draußen verschaffen und vorwitzig ins Freie schauen. Natürlich ziehst du diese Socken an, solange das Loch noch klein genug ist. Du denkst drüber nach, ob es im Laufe des Tages passieren könnte, dass du die Schuhe ausziehen musst. Zum Beispiel beim Arzt. Dann geht das natürlich nicht. Nichts ist peinlicher, als Löcher in den Socken zu haben. Gut, es gibt noch Peinlicheres, aber die Lochsocken sind schon in Kategorie Eins der Dinge, die man vermeiden sollte.

Irgendwann stellst du entsetzt fest, dass der große Bockermann sich völlig durchgekämpft hat.  Dann ist die Zeit gekommen, etwas zu unternehmen. Wenn man nicht stopfen kann, hilft es eine Weile, eine dünne Socke drunter zu ziehen. Aber das ist keine Dauerlösung.

Du bewaffnest dich also mit Stopfnadel und Garn und wagst den ersten Stopfversuch. Wie hat Oma das gemacht? Ach, wenn man sie doch fragen könnte.

So schwer kann es aber nicht sein. Einmal den Vorgang in Gedanken durchgespielt, dann geht es los. Zuerst schaffst du ein Gitter, dafür wird Faden neben Faden über das Loch gespannt. Der zweite Schritt folgt sogleich, in der anderen Richtung wird dann die Wolle durch das Gitter gewebt, oben – unten – oben – unten und so weiter. Wie ein feiner Stoff spannt sich das Gewebte über das gerade noch klaffende Loch und schon ist der Schaden behoben. War doch ganz leicht und der Bockermann hat nun keine Chance mehr. Lieblingssocke gerettet!

Oma wäre stolz, sehr stolz. In Gedanken höre ich ihre Stimme:

„Und als nächstes lernen wir das Sockenstricken, nicht wahr?“

Ich nicke zur Bestätigung und schreibe in mein Tagebuch: Socken gestopft, hat Spaß gemacht. Morgen kaufe ich Wolle und ein Nadelspiel.

 

© Regina Meier zu Verl

 

 

Kindermund „Sommersprossen“

Kindermund „Sommersprossen“

„Lukas, was hast du für niedliche Sommersprossen auf der Nase!“

„Hab ich gar nicht!“

„Doch, kleine süße Pünktchen!“

„Zeig!“

Wir gehen ins Bad und Lukas schaut sich seine Sommersprossen an. Sie sind kaum zu sehen und wegputzen kann man sie nicht, stellst er fest.

„Oma?“

„Ja?“

„Und was ist mit den Wintersprossen?“
(aus meinem alten Blog aus 2013)