Lebensdrabble „Stollen aus Bethel“

Onkel Siegfried war einmal Bäcker gewesen, in Bethel. Dort hatte er die leckersten Stollen der Welt gebacken. Den Beruf des Bäckers hatte er zwar aufgegeben, wegen des frühen Aufstehens, denke ich. Aber Stollen hat er weiter gebacken, jedes Jahr viele davon und einen bekamen immer wir. Ich habe nie wieder einen solch köstlichen Stollen gekostet. Als Marzipanliebhaberin kam ich auf meine Kosten. Noch heute habe ich den knirschenden Zucker, der außen rum war, auf der Zunge. Mein Onkel backt keinen Stollen mehr, gerade geht es ihm ganz schlecht und heute Abend wird in meinem Fenster ein Licht für ihn brennen.

100 Wörter

Als ich dieses Drabble geschrieben habe, hatte sich mein Onkel gerade auf den Weg gemacht. Es geht ihm nun besser, er backt keine Stollen mehr, aber er hat nun auch keine Schmerzen mehr. Ich werde ihn niemals vergessen!

Claras Puppenstube

Claras Puppenstube

Zufrieden trat Steffen einen Schritt zurück, um sein Werk noch einmal mit gebührendem Abstand zu betrachten. Schön war die Puppenstube gelungen, die sich Carla so dringend zu Weihnachten wünschte. Seine Tochter hatte ihm genau beschrieben, wie ihr Wunsch aussah und er, Steffen, hatte sich bemüht, alles genauso umzusetzen. Eine Puppenstube, die anders war als die, die man kaufen konnte, sollte es sein. Und ganz wichtig: Nichts durfte rosa sein. Die Farbe mochte Carla nämlich nicht leiden. Außerdem sollte ein Platz für einen Esel vorhanden sein. Einen Esel? Steffen fand, dass diese Bedingung am schwersten umzusetzen war. Jedenfalls war ihm das so vorgekommen, doch dann hatte er die Idee gehabt, gleich einen ganzen Stall anzubauen, so wie es damals auch in seinem Zuhause war, auf dem Bauernhof vor langer Zeit.
»Eine Stube mit Stall!« Er grinste. »Das muss mir erst einmal jemand nachmachen.«
»Das ist nichts Neues, Junge!«, brummelte Urgroßvater Hinrich, der mit einem Buch neben ihn saß und las. »Auf dem Land hatte man das früher so. Ich habe das noch manchmal gesehen.«
»Was? Wohnen mit Stall?« Steffen staunte. Er stellte sich das nicht so angenehm vor und sicherlich hatte das doch gestunken!
»Klar, die Tiere haben die Deele mit ihren Körpern gewärmt, so dass im Winter die Kälte nicht in die Küchen kriechen konnte, die war nämlich meist direkt neben der Deele. Erinnerst du dich gar nicht mehr an unseren Hof, mein lieber Steffen?«
»Schon. Aber daran nicht.« Steffen zögerte. »Aber die Stube, die sehe ich noch genau vor mir. Gemütlich war sie und den großen Kamin habe ich über alles geliebt. Es war so kuschelig, so heimisch.« Er zögerte wieder und sagte dann leise: »Wenn mich jemand nach meiner Heimat fragt, so muss ich immer an die Geborgenheit auf dem alten Hof denken.“
Der Urgroßvater schmunzelte. »Daher ähnelt deine Puppenstube wohl ein bisschen unserer alten Deele, nicht wahr?«
Steffen nickte. »Weißt du was? Ich werde auch noch versuchen, ein paar Tiere zu finden. Irgendwo auf dem Dachboden ist sicher noch mein altes Holzspielzeug, ich schaue gleich einmal nach!«, verkündete er.
Der Urgroßvater klappte sein Buch zu und schloss die Augen. Es dauerte gar nicht lange, da war er eingeschlafen und jetzt könnt ihr euch sicherlich denken, wovon er träumte, oder? Richtig, er war ein Kind und befand sich auf dem Bauernhof. Gerade war ein Kälbchen geboren worden. Der Urgroßvater rieb es mit Stroh trocken und durfte ihm einen Namen geben. Wilhelm hatte er es taufen wollen. Das war der Name des letzten Kaisers und von dem hatte ihm sein Urgroßvater so oft und so viele Geschichten erzählt, dass der kleine Hinrich so unbedingt auch einen Wilhelm haben wollte. Aber alle Hofbewohner hatten die Nasen verzogen. Einen Kaiser Wilhelm wollten sie nicht auf dem Hof haben, nicht einmal im Kuhstall. Aber gelacht haben sie noch in der lange in der Familie, wenn sie von dem Willhelm-Kalb sprachen.
Mittlerweile war Steffen wieder vom Dachboden hinabgestiegen und wollte seine Ausbeute an Holztieren dem Urgroßvater zeigen. »Großvati, schläfst du?«, flüsterte er und legte seine Hand sanft auf die Schulter des alten Mannes.
»Nein, nein, ich ruhe nur ein wenig!«, sagte dieser.
»Schau, was ich gefunden habe!« Steffen zeigte einen Esel, ein Schaf und eine Kuh mit ihrem Kälbchen. Der Urgroßvater griff nach dem Kälbchen und schaute es mit Tränen in den Augen an. »Wollen wir es Wilhelm nennen?«, fragte er.
»Sicher, wenn du das möchtest, heißt es jetzt Wilhelm!«, sagte Steffen und als er die glücklichen Augen des alten Mannes sah, freute er sich schon darauf, wenn Carla und der Urgroßvati gemeinsam mit der Puppenstube spielen würden.

© Regina Meier zu Verl

Als die Glocken nicht mehr schweigen konnten

Als die Glocken nicht mehr schweigen konnten

Kindergeschichte für den Frieden für Groß und Klein – Die Glocken rufen zum Beten für den Frieden

Um 16 Uhr mitteleuropäische Zeit treffen sich Menschen für eine Minute zum Gebet für Frieden auf der Welt. Magst du mitbeten?
(Mehr Info dazu findest du hier unter der Geschichte … )

„Nein, ich will heute nicht läuten“, rief die große Glocke im Kirchturm. Sie war die größte im Geläut und irgendwie die Chefin hier. „Überhaupt nicht mehr läuten möchte ich. Jetzt nicht und gar nicht mehr.“
„Warum das denn?“, fragte ihre Nachbarin, die mittlere Glocke, die auch Betglocke genannt wurde. „Liebst du unsere Klänge nicht mehr?“
Die große Glocke seufzte. „Ich schon. Aber sonst kaum jemand, wie es mir scheint. Uns hört doch fast keiner mehr zu!“
„Stimmt!“, klingklingte die kleine Glocke mit hellem Klingbim.
„Aber wenn wir nicht läuten, vergessen die Menschen, zur Kirche zu kommen oder sich im Gebet auf sich selbst zu besinnen. Nie war es wichtiger als jetzt in diesen unfriedlichen Zeiten!“, meinte die Betglocke, und eine tiefe Besorgnis hallte in ihrer Stimme.
„Wichtig! Wichtig! Friede! Friede! Wichtig!“, bimmelte die kleine Glocke und sie klang aufgeregt.
„Pssst! Sei leise! Jetzt ist keine Glockenzeit!“, mahnte die große Glocke. „Und das mit dem Beten, werte Kollegin, haben die Menschen wohl verlernt. Ebenso wie das Zuhören.“
„Ja, verlernen sie denn alles? Ob sie uns auch nicht mehr sehen?“ Die Betglocke war ratlos. Und traurig auch.
„Wir sollten uns in Erinnerung bringen, jeden Tag! Das können wir auch alleine. Wir sind doch nicht auf die Menschen angewiesen. Was meint ihr?“, fragte die Kleine.
„Ja, du kannst das, aber ich bin zu schwer, um mich alleine zu bewegen“, meinte die Große.
„Bei mir wird es auch schwierig sein“, ergänzte die mittlere, die Betglocke. „Ich bin auch zu dick.“
„Zu dick? Hihi! Das sagen doch nur die Menschen, wenn sie über die wahren Probleme im Leben nicht sprechen möchten“, kicherte die kleine Glocke und wenn Glocken lachen könnten, so hätten alle drei nun laut und herzlich gelacht. Dick! So etwas aber auch!
„Pah!“, rief die Betglocke. „Das werden wir ja sehen! Wer nichts probiert, erreicht auch nichts.“
„Ja, versuche es!“, brummte die große Glocke. „Du wirst gebraucht.“
„Ich auch! Ich auch!“, rief die Kleine und fing vor Aufregung schon wieder an zu bimmeln. „Ich werde läuten. Zu Beginn von jeder Stunde. Für die Menschen! Für den Frieden! Und dann ..“
„Dann werden die Menschen schon merken, dass wir ihnen etwas mitteilen möchten. Ich habe die Hoffnung, dass es so ist!“, unterbrach sie die Große und die Betglocke nickte zustimmend. Mit jedem Nicken setzte sich ihr Klöppel etwas mehr in Bewegung. Schließlich kam er so richtig in Schwung und läutete laut und vernehmlich. Schön klang das! So wunderschön und eindringlich, dass die beiden anderen Glocken ergriffen schwiegen.
Da es die Betglocke war, die mit sonorem Klang alleine läutete, merkten viele Menschen auf. War es Zeit für ein Gebet? Sie ließen ihre Arbeit liegen und nahmen sich Zeit und beteten. Ein kleines, stummes Gebet für den Frieden.
Die große Glocke und das kleine Glöckchen hielten sich zurück, sie hatten auch keine Zeit, denn sie beteten mit den Menschen auf der ganzen Welt für den Frieden.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Ich bin dabei, bitte macht mit. 1 Minute. 

Während des Zweiten Weltkriegs organisierte ein Berater des Premierministers Winston Churchill eine Gruppe von Menschen, die jede Nacht zu einer bestimmten Zeit innehielten, was auch immer sie taten, um in der Gemeinschaft für den Frieden, die Sicherheit und die Sicherheit der Menschen in England zu beten.
Das taten sie jeden Tag, und es war, als würde die Stadt stillstehen, so groß war die Macht des Gebets.
Das Ergebnis war so überwältigend, dass die Bombardierungen nach kurzer Zeit eingestellt wurden!
Jetzt organisieren wir uns wieder, eine Gruppe von Menschen verschiedener Nationalitäten, um eine Minute lang für die Sicherheit unserer Länder zu beten, für ein Ende der Probleme, die uns unterdrücken und bedrücken, und dafür, dass Gott die Entscheidungen unserer Regierenden leitet.
Wir werden uns zu folgenden Zeiten treffen:
Österreich 16:00 Uhr
Deutschland 16:00 Uhr
Spanien 16:00 Uhr
England 15:00 Uhr
Portugal 15:00 Uhr
Kanarische Inseln 15:00 Uhr
Costa Rica 20 Uhr
Kolumbien 19:00 Uhr
Frankreich 16:00 Uhr
Nicaragua 20:00 Uhr
Ecuador 19:00 Uhr
Guatemala 20:00 Uhr
Mexiko 20 Uhr
Panama 19 Uhr
Honduras 18 Uhr
El Salvador 20:00 Uhr
Venezuela 18 Uhr
Uruguay 17 Uhr
Paraguay 17 Uhr
Brasilien 18 Uhr
Argentinien 17 Uhr
Chile 17 Uhr
Italien 16 Uhr
Israel 17 Uhr
Griechenland 17 Uhr
Bitte unterstützen Sie uns bei dieser Initiative.
Wir werden jeden Tag zu den festgesetzten Zeiten eine Minute innehalten, um für den Frieden in der Welt zu beten, für ein Ende der Konflikte und für die Wiederherstellung der Ruhe in allen Völkern der Erde, und dafür, dass die Familien auf Gott für ihre Sicherheit und ihr Heil schauen.
Wenn wir die enorme Macht des Gebets verstehen würden, wären wir erstaunt.
Wenn Sie diese Bitte an Ihre Kontakte weiterleiten, können wir mit unserem Gebet ein Wunder bewirken.
Stellen Sie den Wecker auf Ihrem Handy jeden Tag zu der für Ihr Land eingestellten Zeit und beten Sie eine Minute lang für den Frieden 


Noch schweigen sie, Bildquelle © Hreisho/pixabay

Verirrt

Dieser hübsche Vogel hatte sich wohl bei uns verirrt. Hier sitzt er nahe unserer Terrasse und beobachtet die Meisen beim Futter picken. Sicher hat er auch Hunger. Später war er dann weg und ich habe ihn auch noch nicht wieder entdeckt – hoffentlich geht’s ihm gut.

In unserem Garten – ein Besucher!

Baumgeflüster

Hier kannst du die Geschichte auch anhören: KLICK
Baumgeflüster

„Weißt du eigentlich, dass die dicke Eiche auf unserem Hof reden kann, Opa?“, fragt Jan seinen Opa, der gerade hinter dem Schuppen eine Zaunlatte repariert.
„Klar, weiß ich das. Ist ein richtiges Plappermäulchen, die Dicke!“, sagt Opa und grinst übers ganze Gesicht.
„Du glaubst mir wohl nicht!“ Jan kennt diesen Tonfall und das dazugehörende Grinsen.
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass sie plappert!“
„Ja, aber das sagst du nur so. In Wirklichkeit denkst du, dass ich spinne!“ Jan kickt mit dem Fuß einen dicken Ast zur Seite. „Aua!“ Der Ast war härter als gedacht.
„Hast du dir was getan?“, fragt Opa besorgt. Er lässt den Hammer fallen und geht auf Jan zu. Doch der ist verärgert. Schnell läuft er davon.
„Nun warte doch, Junge! Was hat sie denn nun gesagt, die Eiche?“, ruft Opa.
„Sie sagt, dass Erwachsene blöd sind!“, antwortet Jan ohne sich umzuschauen. Im gleichen Moment tut es ihm schon wieder leid. Er wollte Opa doch erklären, wie Bäume miteinander reden, denn die plappern natürlich nicht so wie die Menschen. Aber soweit ist er ja gar nicht gekommen, gleich hat Opa das ins Lächerliche gezogen und das findet Jan blöd, sehr blöd sogar.
Jan setzt sich auf die Bank vorm Haus, zieht seinen Schuh und den Strumpf aus und reibt seinen schmerzenden Zeh. Als Opa am Haus angekommen ist, setzt er sich zu Jan auf die Bank.
„Tut mir leid!“, sagt Opa.
„Mir tut es auch leid!“, sagt Jan und dann grinsen sie beide.
„Ist dein Zeh verletzt?“, will Opa wissen.
„Nein, ich glaube nicht, sehen kann man nichts. Ist ja meine eigene Schuld!“, sagt Jan und streckt Opa den Fuß hin. „Guck du doch mal!“
Vorsichtig bewegt Opa Jans Zeh hin und her.
„Scheint alles in Ordnung zu sein!“, sagt er dann. „Vielleicht sollten wir trotzdem ein wenig mit Eis kühlen“, schlägt er vor und macht sich auf den Weg ins Haus. „Bin sofort zurück!“
Als er mit einem leckeren Eis zurückkommt, das zwar nicht den Zeh kühlt, aber Jans Zunge, ist die Welt wieder in Ordnung.

„So, und jetzt erzähl mir mal, was die dicke Eiche gesagt hat!“, bittet Opa.
„Na ja, so richtig gesprochen hat sie nicht, also so mit Worten wie wir, meine ich. Aber Bäume reden miteinander“, erklärt Jan seinem Großvater. „Heute war ein Förster in unserer Schule, der hat uns erzählt, dass die Bäume so eine Art Netzwerk haben, in dem sie sich miteinander verständigen können!“
„Wie im Internet?“, fragt Opa.
„Ja, ganz ähnlich, sie brauchen dafür aber keinen Computer, sie machen das mit Gerüchen, Geschmäckern und mit ihren Wurzeln!“, erzählt Jan.
Opa ist beeindruckt und will mehr wissen.
„Hat der Förster euch auch erklärt, wie das geht?“
„Ja, alles habe ich nicht behalten, aber gemerkt habe ich mir, die Sache mit den Raupen!“
„Igitt, ich mag keine Raupen!“, meint Oma, die gerade aus dem Haus kommt.
„Setz dich zu uns, der Jan erklärt mir gerade wie die Bäume miteinander reden!“, sagt Opa und klopft mit der flachen Hand auf die Bank. „Komm!“
Jan erzählt weiter: „Wenn eine Raupe an einem Blatt knabbert, dann ist das für den Baum eine Verletzung. Es tut ihm weh. Also wehrt er sich!“
„Ach ja? Was macht er denn? Schüttelt er sich?“, fragt Oma lachend.
„Du sollst den Jungen ernst nehmen!“, schimpft Opa. „Rede weiter, Jan!“
„Er schüttelt sich nicht, das kann er gar nicht, dazu braucht er Wind. Bäume, die sich von sich selbst aus schütteln können, gibt es nur im Märchen!“ Jan erinnert sich, dass der Förster das auch gesagt hat. „Auch kann ein Baum keine Geräusche machen von sich selbst aus. Er muss zu anderen Mitteln greifen. Passt auf: Die Raupe knabbert und solange es ihr schmeckt, wird sie weiter knabbern. Also verändert der Baum den Geschmack seiner Blätter. Das dauert ein wenig, aber so ungefähr nach einer Stunde schmeckt das Grün so widerlich für die Raupe, dass sie von ihm ablässt. Und um die anderen Bäume zu warnen, verändert sich auch der Duft des Baumes!“

Oma und Opa staunen. Das haben sie nicht gewusst, aber wenn Jan das sagt, dann ist da sicher etwas Wahres dran.
„Das klingt sehr logisch, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann!“, meint Opa.
„Wir haben ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das noch einmal erklärt wird!“ Eifrig springt Jan auf, um seinen Schulrucksack zu holen.
„Guckt hier!“ er zeigt das Arbeitsblatt. Man sieht einige Bäume, die in einer Gruppe beieinanderstehen. Ihre Kronen berühren sich und unter der Erde sind ihre Wurzeln miteinander verbunden. Die gezeichneten Bäume haben fröhliche Gesichter, nur einer von ihnen schaut verärgert, in seiner Krone sitzt nämlich eine fette Raupe, die sich an dem Blattgrün sattfrisst. Im nächsten Bild schauen dann alle Bäume verärgert, sie haben mitbekommen, dass sich da ein Schädling bei ihrer Baumfreundin eingenistet hat. Im dritten Bild purzelt die Raupe auf die Erde und macht sich, so schnell sie kann, davon. Ihr schmeckt es nicht mehr. In einer Sprechblase steht „Igittigitt“.
„Das ist aber schade!“, sagt Opa und legt die Stirn in Falten.
„Was denn?“, fragen Oma und Jan gleichzeitig.
„Na, dass unsere dicke Eiche da ganz alleine steht. Sie hat niemandem, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie vor Raupen warnen könnte. Sicher ist sie einsam!“
Das findet Jan auch, aber er hat keine Idee, wie man das ändern könnte. Schließlich sollte die Eiche auch einen Partner ihrer Art haben, oder doch nicht?
„Meinst du, wir könnten einen kleinen Baum daneben pflanzen, Opa?“, fragt er deshalb.
„Ja, das meine ich. Hat denn der Förster gesagt, ob Eichen sich auch mit anderen Bäumen vertragen?“, will Opa wissen.
Jan schüttelt den Kopf. „Nein, das hat er nicht gesagt. Gleich morgen frage ich mal nach. Wir machen nämlich mit dem Förster einen Ausflug in den Wald.“
„Das finde ich super! Ach, ich würde auch gern noch einmal zur Schule gehen“, meint Opa, doch das findet Jan völlig übertrieben. Sie gehen ja nicht jeden Tag in den Wald.
„Du kannst in die Baumschule gehen und eine Freundin für unsere Eiche aussuchen. Das ist auch schön, oder nicht?“, fragt Jan.
„Das machen wir zusammen, wenn du herausgefunden hast, was für einen Baum wir pflanzen wollen! Ich fände es gut, wenn es keine Eiche wäre.“
„Aber warum denn, Opa?“
„Weil die so langsam wachsen, dass ich gar nicht mehr erleben würde, ob die beiden sich anfreunden. Unsere Dicke ist nämlich schon älter als ich, mein Opa hat sie gepflanzt, vor mehr als siebzig Jahren.“
Jan überlegt einen Moment. Wahrscheinlich hat Opa Recht, sie sollten einen schnellwachsenden Baum aussuchen, damit sie selbst etwas davon hatten – nicht erst die Ur-Ur-Enkel. Ist doch klar!

© Regina Meier zu Verl

Felix und der Schniefgeist

Felix und der Schniefgeist

Oma erzählt: Neuerdings wohnte er im Kinderzimmer von Felix. Durch die Fensterritze war er gekommen und hatte es sich gemütlich gemacht. Draußen war es jetzt schon kühl und vor allem nass. Er mochte das eigentlich, aber noch lieber hatte er Gesellschaft.
Also hatte er sich auf Felix‘ Kopfkissen niedergelassen und abgewartet, bis der Junge ins Bett musste und dann war es passiert. Der Felix hatte sich den Schnupfen eingefangen, der da in seinem Bett auf ihn lauerte.
„Oma, das ist doch Quatsch! Den Schnupfen habe ich mir eingefangen, als mir gestern so kalt war und ich außerdem noch nasse Füße bekommen hatte!“, sagt Felix und schnäuzt sich die Nase.
„Nasse Füße sind wahrlich nicht angenehm.“ Oma nickt.
„Aber hast du dich einmal gefragt, warum deine Füße plötzlich nass waren? Wenn ich mich genau erinnere, bist du nicht in den Bach gefallen und die Pfützen auf dem Weg waren zugefroren!“ Oma wiegt bedenklich ihren Kopf hin und her. „Jede Wette, dass er da schon seine Finger im Spiel hatte, dieser hinterlistige Kerl.“
Felix überlegt. Oma hat recht. Doch woher waren die nassen Füße wirklich gekommen, ob ihm etwa … nein, einen Streich hatte ihm niemand gespielt und Hendrik von nebenan war verreist mit seinen Eltern. Der konnte es also auch nicht gewesen sein.
„Der Schniefgeist ist’s!“, ruft er plötzlich. „Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Er hat mir den Schnupfen geschickt.“
„Der Schniefgeist? Soso!“ Oma muss schmunzeln. „Den Kerl habe ich noch nie gesehen. Wo mag er stecken?“ Suchend blickt sie sich im Zimmer um.
„Da!“, ruft Felix. „Er hockt da drüben auf der Fensterbank.“
Oma lässt ihre Brille auf die Nase rutschen, gewöhnlich trägt sie diese auf dem Kopf, wie einen Haarreifen. „Ich sehe ihn trotz Brille nicht“, verkündet sie, steht auf und geht näher an die Fensterbank.
„Hatschi!“, tönt es plötzlich nur eine Nasenlänge vor ihr. „Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi!“
„Huch!“, entfährt es Oma und sie springt ungelenk einen Schritt zurück. Ulkig sieht das aus. Und dann macht sie: „Hatschi!“
„Jetzt hat er dich auch erwischt!“, sagt Felix und das klingt ziemlich schadenfroh. „Konntest du ihn sehen? Oder hast du ihn an die Seite geniest?“
Oma niest schon wieder, schüttelt aber den Kopf. „Gesehen habe ich ihn nicht! Hatschi!“ Sie macht ein strenges Gesicht. „Und ich finde, wir sollten unseren ungebetenen Gast ganz schnell aus der Wohnung jagen. Wer sich unsichtbar macht und nur Schabernack treiben möchte, der ist hier nicht willkommen. Hatschi!“
„Aber wie willst du den Kerl verjagen, Oma?“
„Krieche du unter die Decke, ich lüfte mal durch, das hilft! Und dann koche ich einen leckeren Tee für uns, mit einem kräftigen Löffel Honig darin und dann kuschle ich mich zu dir, okay? Und damit er nicht zu uns unter die Decke kriecht, dieser Schniefgeist, erschießen wir ihn. Jetzt gleich.“
„Erschießen? Jetzt gleich?“ Entsetzt starrt Felix seine Oma an. Schießen? Das passt so gar nicht zu Oma.
Die geht zum Schrank und zieht eine Pistole heraus. Nein, halt, es ist keine Pistole. Ein Wasserzerstäuber ist es und in den füllt Oma nun mit einem Lächeln Wasser und ein paar Tropfen Pfefferminzöl.
Felix ist begeistert, seine Oma ist einfach genial. Jetzt heißt es nur noch, den ollen Schnupfengeist auch zu treffen – aber das würde schon gelingen!

© Regina Meier zu Verl

Wer macht das Wetter

Wer macht das Wetter?

Der kühle Wind vertrieb den Spätsommer von der Bühne. Er fegte durch den Himmel, trieb die Schönwetterwölkchen und erste gelbe Birkenblätter vor sich her und zerrte an den Baumkronen. Mit lautem „Plopp“ fielen die Kastanien und Eicheln aufs Pflaster. Sollte es das etwa gewesen sein? Gab sich der Sommer so schnell geschlagen?
„Bitte nicht! Wind, du kannst dich zur Ruhe begeben, wir sind noch nicht bereit für deine Kühle! Und du, Sommer, bleib hier!“
Laut hallten die Rufe der Frau durch den Tag und die Häuser gaben ihre Worte im Gesang des Halls zurück. Sie stand mitten auf dem Marktplatz und war mit ihrer Bitte an Wind und Sommer nur schwer zu überhören.
Die Leute blieben stehen und lauschten. Einige nickten zustimmend mit den Köpfen, andere ereiferten sich laut: „Endlich ist es nicht mehr so heiß, die Verrückte soll doch still sein! Wir sind froh, dass der Herbst endlich kommt!“, riefen sie.
Die Frau aber wurde nicht müde, den Sommer zu beschwören zu bleiben.
„Das sind doch alles Worte!“, rief sie den Leuten entgegen. „Heute ist euch die Hitze zu heiß, morgen die Kälte zu kalt. Der Herbst wird euch bald zu ungestüm und unberechenbar und dunkel sein, vom Winter ganz zu schweigen. Da nämlich werdet ihr am Fenster stehen, in den Himmel sehen und euch nach dem Sommer sehnen. Ja, genauso wird das sein, ich sage es euch voraus!“
„Der das Wetter gemacht hat, hat sich etwas dabei gedacht!“, sagte ein Mann. „Wir brauchen nämlich alle Jahreszeiten und wenn wir noch so sehr jammern, so wird sich nichts ändern. Leider, leider haben wir Menschen aber schon eingegriffen in die natürlichen Abläufe und das ist nicht gut!“
„So ein Blödsinn!“, rief ein anderer Mann. „Niemand hat eingegriffen. Wir können gar nicht eingreifen, Sie sagten es doch selbst!“
„Wer hat es denn gemacht, das Wetter?“, fragte eine Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hatte.
„Mama, weißt du das denn nicht?“, fragte die Kleine verwundert.
Die Mutter schüttelte den Kopf und sah ihr Kind mit einem liebevollen Blick an.
„Nicht wirklich, nein, wenn ich ehrlich bin, so weiß ich das nicht so genau. Aber ich rate mal. Es … es ist die gute Wetterfee. Stimmt`s?“
Das Kind lächelte.
„Das könnte sein!“, sagte es. „Aber es könnte auch sein, dass das Wetter von Gott kommt, oder?“
„Ja, das könnte auch sein. Vielleicht waren es beide, Gott und die Wetterfee, denn Gott kann auch nicht alles allein schaffen. Er braucht Hilfe, oder?“
Die Mutter schwieg. Es fiel ihr schwer, diese Frage zu beantworten. Zu viel passierte überall auf der Welt gerade mit der Natur und dem Wetter. Zu viel, was Sorgen bereitete und ängstigte und was weder Gott noch alle Wetterfeen des Universums wieder würden richten können, wenn nicht bald Vernunft und Einsicht in die Köpfe der Menschen zurückkehrten.

© Regina Meier zu Verl

Jeder Tag ist wunderbar

Jeder Tag ist wunderbar

Anne hielt beim Schreiben inne und schaute versonnen aus dem Fenster. Was sollte sie einer Frau wünschen, die in den achtzig Jahren ihres Lebens schon so viel erlebt hatte und jetzt schwer erkrankt war? Gesundheit? Glück?
Ach, das war schwer, aber auch sie hatte von Katharina immer Briefe oder Karten bekommen, wenn es ihr einmal nicht so gut gegangen war.
Ein kleiner Spatz landete ungestüm auf dem Fensterbrett. Er stutzte, dann drehte er sein Köpfchen hin und her. Niedlich sah er aus.
Anne lächelte und in ihrem Bauch hüpfte jenes leise, glückliche Gefühl, das ihr immer so viel Kraft gab.
Mit einem Mal wusste sie, was sie schreiben könnte. Es ging doch gar nicht um irgendwelche Floskeln wie „Wie geht es dir, mir geht es gut“ Zuwendung brauchte man, egal in welcher Lebenssituation er sich befand. Sie würde sich Katharina zuwenden, ihr erzählen aus ihrem Leben, sie mitnehmen in ihre Gedanken. Vielleicht war dies das schönste Geschenk, das sie ihr machen konnte.
Ja, das war ein guter Ansatz. Aber halt: Sie musste doch etwas aufpassen, was sie erzählte. Und sie stellte sich vor, sie läge krank und freudlos im Bett. Was würde sie gerne von Freunden hören wollen? Dass es ihnen gut geht? Ja. Dass sie glücklich sind. Auch. Dass sie etwas Schönes erlebt hatten?
„Genau das“, sagte Anne wie bekräftigend. „Ich möchte all das Gute aus ihrem Leben hören. Aber … ein bisschen würde es mich schmerzen, dies alles selbst nicht erleben zu dürfen. Vielleicht nie mehr.“ Sie nahm entschlossen ihren Füller wieder zur Hand, legte den Briefbogen leicht schräg auf den Schreibtisch und begann zu schreiben:
Liebe Katharina, die ersten Frühlingssonnenstrahlen kitzeln meine Nase, während ich hier sitze und an dich denke. Kannst du die Sonne von deinem Bett aus sehen und kitzelt sie dich auch? Gerade hat ein kleiner Spatz mich besucht. Na ja, ich sollte besser schreiben, er hat sich verirrt. Auf mein Fensterbrett hat er sich gesetzt. Richtig empört war er, weil das Fenster ihm den Weiterflug versperrte. Er sah aus wie Fritzi. Erinnerst du dich noch an Fritzi, den kleinen Piepmatz, den wir mit Mehlwürmern großgezogen haben? In Birkenwalde war das. Ach, die friedliche Zeit der Kindheit.“
Anne stand auf und öffnete das Fenster. Tief atmete sie die noch frische Frühlingsluft ein. Duftete sie nicht ein bisschen nach Meer? Und nach frisch gepflügter Erde, ein bisschen auch nach Knoblauch. Sie schnupperte. Ob im Wäldchen schon der Bärlauch wuchs? Wie in Birkenwalde? Wieder schweiften ihre Gedanken in die Kindheit zurück. Es war eine glückliche, erfüllende Zeit gewesen, trotz des Krieges, aber das war ein anderes Kapitel. Sie seufzte und beschloss, die Erinnerungen in ihrem Brief an die Freundin weiter aufzufrischen. Gab es Schöneres als die Gedanken an das Kindsein?
Weißt du noch, wie wir dem Peterle immer wieder Streiche gespielt haben, obwohl es doch so ein herziger Junge war, der uns vergöttert hat? Ob er noch lebt? Hast du später noch einmal etwas von ihm gehört, Katharina? Wie schön wäre es, wenn wir drei uns in diesem Leben noch einmal treffen könnten. Vielleicht hat er den Weg in die Heimat noch einmal geschafft und unseren Schatz ausgegraben. Wie oft denke ich an diese alte Kiste, die wir am Waldrand unter der großen Kiefer vergraben hatten. Für später, wenn wir mal alt sind. Oh ja, was für Ideen wir hatten!
Gerade fällt mir auch Fräulein Sanftenberg wieder ein, die uns mit ihrer Engelsgeduld das Nähen beibringen wollte, weil sich das für ein gut erzogenes Mädchen so gehörte. Hast du es jemals gelernt? Ich nicht, ich kann gerade mal einen Knopf annähen, oder besser gesagt: ich konnte, denn heute sind meine Augen so schlecht, dass es mir schon schwerfällt, einen Faden in die Nadel zu bekommen. Aber die wichtigen Dinge, auf die es ankommt, die kann ich noch sehr gut sehen. Meine Augen haben irgendwann begonnen, nur noch das scharf zu sehen, was sie sehen wollen. Eine richtige Einstellung. Sie blicken zurück und nach vorne und sie verweilen auch gerne in der Gegenwart und bestaunen den Tag. Weißt du, jeder Tag ist kostbar, egal, wie man sich fühlt. Er ist ein Geschenk und ich hoffe so sehr, dass du ihn auch als solches wahrnimmst, meine Liebe.
Anne las das Geschriebene noch einmal durch und beschloss, den Brief mit liebevollen Grüßen zu beenden und noch am gleichen Tag zum Postkasten zu bringen. ‚Wir haben nicht mehr so viel Zeit‘, dachte sie und tröstete sich mit dem Gedanken, dass man jeden Tag wieder neu beginnen konnte, einen wunderbaren Tag zu erleben. Man musste nur genau hinschauen!

© Regina Meier zu Verl

Das Birkenblatt im Herbst

Ein goldgelbes Birkenblatt segelt durch die Lüfte.

Hui ruft es, schön ist das und diese tollen Düfte!

Kommt ihr Blätter, folgt mir nach, Kinder, das macht Spaß,

Wind, du darfst ruhig kräftig pusten, ach ich liebe das!

Ja, es dauert gar nicht lange, da ist die Birke leer,

schon nach ein paar Tagen trägt sie kein Blättchen mehr.

Traurig hängen ihre Zweige, wiegen sich im Wind,

Tränen kullern auf die Erde für jedes Blätterkind.

Die Blätterkinder aber legen auf die Erde ihre Decken

und manches Gartentier mag drunter sich verstecken,

das Igelchen, das kuschelt sich in die Blätterbetten,

dort träumt es wunderbare Träume – wetten?

© Regina Meier zu Verl

Photo by Jill Burrow on Pexels.com