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Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen

„Hilfe, Hilfe, hört mich denn keiner?“
Die Elfe Sumsinella sprang auf. Sie hatte ein Mittagsschläfchen gehalten und die warme Sonne genossen. Phil hatte neben ihr gelegen, doch jetzt war er weg.
„Wo bist du denn?“, rief Sumsinella und schaute sich suchend um.
„Hier, bei den Heckenrosen. Ich hänge fest!“, rief Phil und zappelte hin und her.
„Es piekt und sticht, komm, hilf mir doch!“
Sumsinella war schon bei den Heckenrosen angekommen und überlegte, wie sie den Mäuserich frei bekommen könnte.
„Hör auf zu zappeln, du machst es nur noch schlimmer!“ ordnete sie an und schob die Unterlippe vor. So konnte sie besser nachdenken.
„Ich hole Hilfe“, beschloss sie schließlich.
„Nein, auf gar keinen Fall, lass mich hier nicht allein, ich sterbe vor Angst!“, kreischte Phil.
„Aber ich kann gar nichts machen, es muss jemand kommen!“
„Dann rufen wir eben gemeinsam um Hilfe, aber bitte, geh nicht weg!“, heulte Phil und Sumsinella brachte es nicht übers Herz, ihn zu verlassen.
„Also gut, dann müssen wir uns was anderes überlegen. Sei einen Moment still, damit ich besser denken kann!“
Doch Phil rief in seiner Not schon wieder um Hilfe und Sumsinella stimmte mit ein:
„Hiiiilfe, Hiiilfe!“
„Ihr habt gerufen und hier bin ich“, war auf einmal eine feine Stimme zu hören. Sumsinella schaute sich um, sah aber niemanden.
„Wo bist du und wer bist du?“ fragte sie.
„Hier unten bin ich, neben deinem rechten Fuß.“
Sumsinella ging in die Hocke und entdeckte eine Ameise, die sie freundlich anlächelte.
„Das ist lieb, dass du gekommen bist“, freute sich Sumsinella, machte aber gleich wieder ein ernstes Gesicht.
„Meinst du wirklich, dass du uns helfen kannst?“ Sie betrachtete das Tierchen und fragte sich, wie ein so kleines Wesen nützlich sein konnte, wenn es um Phils Befreiung aus den Dornen ging.
„Ja, das glaube ich. Ich habe auch schon eine Idee, wie es gehen könnte.“
„Da bin ich sehr gespannt!“
„Ich hole noch ein paar Schwestern und gemeinsam werden wir die Haare aus den Dornen zupfen. Wir sind stark und schaffen das.“
Kaum hatte die Ameise das ausgesprochen, da näherte sich schon eine Schar ihrer Schwestern. Sie kamen im Gänsemarsch und krabbelten gemeinsam auf Phils Rücken. dort zupften und zogen sie. Ab und zu lachte Phil, weil es so kitzelte, dann wieder schrie er laut:
„Aua, könnt ihr denn nicht vorsichtig sein?“
Sumsinella schaute der Hilfsaktion zu und es dauerte gar nicht lange, da war ihr Freund frei.
Er sah ein wenig zerzaust aus, strahlte aber vor Freude und bedankte sich überschwänglich bei den Ameisen.
„Ihr seid Klasse, einsame Klasse“, rief er und strich mit den Pfötchen über seinen zerrupften Schnurrbart.
Sumsinella lachte:
„Einsam sind die Ameisen ganz bestimmt nicht. Hast du nicht bemerkt, dass es mindestens fünfzig Schwestern waren, die dich gerettet haben?“
„Echt? Deshalb hat es so gekitzelt!“ Phil kicherte.
Die Ameisen kicherten auch und machten sich dann wieder auf den Heimweg.
„Los, los!“ rief die Anführerin. „Wir haben noch jede Menge Arbeit, die Königin wartet schon auf uns.“
Sumsinella und Phil begleiteten die Ameisenkolonne noch bis zu ihrem Bau und Phil versprach, demnächst besser auf sich aufzupassen.
„Aber schön war es doch, welcher Mäuserich kann schon von sich sagen, dass ihm fünfzig Frauen gemeinsam das Fell gestreichelt haben!“
Sumsinella schüttelte den Kopf.
„Männer!“ sagte sie und buffte Phil in die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und der englische Glückskäfer
Hier kannst du dir die Geschichte von mir vorlesen KLICK
Die wöchentliche Teestunde mit den Freundinnen war Sumsinella heilig. Ganz gleich, wie viel Arbeit sie hatte, den Mittwochnachmittag hielt sie sich frei.
Auch heute trafen sich die drei, diesmal bei Erdbeerina, die einen leckeren Kuchen gebacken hatte, auf dem frische Walderdbeeren in herrlichem Rot prangten.
„Sieht das köstlich aus!“, schwärmte Sumsinella und leckte sich die Lippen. Sie konnte es kaum erwarten, so ein herrliches Kuchenstück auf den Teller zu bekommen.
„Zum Tee habe ich Kleeblütennektar mitgebracht.“ Sumsinella reichte ihrer Freundin ein Eichelhütchen, das mit einem Birkenblatt abgedeckt und verschlossen war.
„Ich habe auch ein Geschenk!“, rief Niesella, die gerade erst angekommen war. „Schaut mal!“
Sie öffnete ihre Hand, auf der ein Marienkäferchen saß.
„Ach, wie niedlich, ein Zweipünktchen!“, rief Erdbeerina.
Der Käfer hob seine Flügel ein wenig an und krabbelte auf Niesellas Handfläche herum. Er flog aber nicht davon.
„Kann er nicht fliegen?“, fragte Sumsinella.
„Frag ihn doch selbst!“, riet Niesella und lachte.
„Kann er denn reden?“ Erdbeerina war völlig aus dem Häuschen. Ein Marienkäfer, der sprechen konnte war etwas ganz Besonderes. Normalerweise sprachen diese Glückbringerchen nicht mit den Elfen, die sonst mit jedem Waldbewohner reden konnten.
„Hallo du, wie heißt du denn?“, fragte Sumsinella und wartete gespannt auf eine Antwort.
„I am a ladybird!“, sagte der Käfer mit leiser Summstimme.
„He? Was hast du gesagt?“ Die Elfen schauten sich verwundert an. Der Käfer sprach, aber sie verstanden kein Wort.
„I am a ladybird!“, sagte der Zweipunkt jetzt und krabbelte auf Niesellas Mittelfinger, direkt bis an die Spitze. Anscheinend hatte er von dort einen besseren Blick auf die Elfenmädchen, die er nacheinander erstaunt anschaute.
„Was spricht der für eine Sprache?“, rätselte Erdbeerina. „Das klingt ganz fremd!“
Sumsinella tippt sich auf die Brust und sagte mit lauter und deutlicher Stimme:
„Sum-si-nella!“
„Ssummssinella!“, wiederholte der Käfer und Sumsinella klatschte erfreut in die Hände.
„Klasse, er versteht mich.“ Dann deutete sie auf Erdbeerina:
„Erd-bee-rina!“
Der Käfer versuchte es auch:
„Errina …“, sagte er und rollte das R ganz seltsam dabei.
Ach, machte das Spaß, mit dem Käferchen zu plaudern. Schade war aber, dass er scheinbar nur wiederholte und gar nicht verstand, was er da sagte.
Doch der Glücksbote stellte sich auf seine Hinterbeine und tippte sich nun seinerseits auf die Brust.
„Ladybird!“, sagte er laut und deutlich.
„Das ist wohl dein Name, Leedibörd, stimmt’s?“
„Yes, yes, my name is ladybird!“ Ladybird flatterte aufgeregt mit den Flügeln und machte ordentlich Wind.
„I am from England and I speak English!“, erklärte der Käfer.
“Inglisch? Du meinst sicher Englisch, oder?” Niesella war glücklich, endlich wusste sie, woher ihr neuer Freund kam und dabei hatten ihr die beiden anderen Elfen geholfen.
„Dann kommst du direkt aus dem Himmel?“, fragte sie.
Ladybird antwortete nicht und Erdbeerina und Sumsinella sahen die Freundin erstaunt an.
„Wie kommst du darauf?“, fragten sie.
„Na, wenn er Englisch spricht, dann kommt er wohl von den Engeln, woher sonst?“
Das war einleuchtend und jetzt wussten die Freundinnen auch, warum man die Marienkäferchen als Glücksbringer bezeichnete. Sie brachten das Glück direkt von den Engeln. Ja, so war es wohl.
Ladybird krabbelte wieder auf Niesellas Handfläche, pumpte ordentlich mit den Flügeln, nahm Anlauf und startete dann seinen Flug.
„Er kann fliegen! Er kann fliegen!“, rief Niesella und verdrückte ein Tränchen, weil sie doch wusste, dass ihr neuer Freund sie jetzt verlassen würde.
„Bye, bye!“, rief Ladybird und die Elfen taten es ihm nach:
„Bei, bei, kleiner Leedibörd, pass auf dich auf!“

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und die Pünktchenkrankheit
Hier kannst du dir die Geschichte von mir vorlesen lassen KLICK
Heftiges Kopfweh plagte Sumsinella, nachdem sie im Flug mit Hicks, dem dicken Hummelmann zusammen gestoßen war. Hicks traf keine Schuld, Sumsinella war mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen.
„Du musst schnell zu deiner Schwester. Sie hat die Pünktchenkrankheit. Sie ist am ganzen Körper von roten Punkten übersät und ihre Flügel hängen schlaff herunter“, hatte ihr die Brieftaube überbracht.
Sumsinella war in großer Sorge um Zitronella und jetzt war auch noch dieser blöde Unfall passiert. Auf ihrer Stirn wuchs eine dicke Beule.
„So was Blödes, die eine hat rote Punkte und die andere Beulen“, jammerte sie.
Hicks hatte ein Blütenblatt der Sumpfdotterblume erbettelt, das vom frischen Tau benetzt war.
„Sei still, hicks, und leg dich hin, hicks“, befahl Hicks, der wie immer mit seinem Schluckauf kämpfte.
„Ich werde dir, hicks, die Stirn kühlen!“
Das tat gut, Sumsinella seufzte erleichtert. Nach ein paar Minuten machte sie sich erneut auf den Weg.
Kurz bevor es dunkel wurde, erreichte sie den Garten, in dem ihre Schwester lebte. Sie lag auf einem Moosbett und war tatsächlich rot gepunktet. Das sah so lustig aus, dass Sumsinella kichern musste.
„Das ist ja wohl die Höhe“, schimpfte Zitronella. „Du lachst mich doch nicht etwa aus?“
„Nein, nein, aber du siehst schon ein wenig komisch aus.“
Zitronella umarmte die Schwester.
„Schön, dass du da bist.“
„Ich hätte noch eher da sein können, wenn ich nicht diesen dummen Zusammenstoß mit Hicks gehabt hätte. Schau mal meine Stirn an!“
Sumsinella strich ihre blonden Haare zur Seite, damit die Schwester die Beule sehen konnte.
„Du Arme!“
„Ist nicht so schlimm. Wir wollen jetzt erst einmal herausbekommen, was du für eine Krankheit hast. Ich werde Kuno Troll herbitten, der soll sich das ansehen. Sicher weiß er einen Rat.“

Am nächsten Morgen flog Sumsinella los und machte sich auf die Suche nach Kuno, der allerlei gute Heilmittel wusste.
Kuno saß vor seiner Höhle. Er las in einem dicken Buch.
„Hallo Kuno Troll, ich brauche deine Hilfe, meine Schwester ist gepunktet!“
„So, so“, brummte Kuno, der sich nicht gern beim Lesen stören ließ. „Rote Punkte?“
„Ja, genau, rote Punkte hat sie, am ganzen Körper und sie fühlt sich schwach.“
„Klarer Fall von Windpocken!“, stellte Kuno fest. „Das ist nichts Schlimmes. Allerdings …“
Sumsinella bekam einen Schreck.
„Allerdings ist die Krankheit ansteckend, es wird zehn Tage dauern, dann wirst auch du mit Punkten gesegnet sein und alle, mit denen deine Schwester und du zu tun haben.“
„Ach herrjemine“, seufzte Sumsinella. „Das ist ja schrecklich!“
„Na, na, so schlimm ist es nicht. Wenn man die Windpocken gehabt hat, dann bekommt man sie nie wieder. Das ist das Gute daran!“
Kuno erhob sich und holte eine große braune Flasche.
„Damit kannst du deine Schwester einreiben, damit es nicht zu sehr juckt. Und sag ihr, dass sie sich nicht kratzen soll, das gibt Narben.“
Sumsinella bedankte sich und versprach dem Troll, dass sie sich bald wieder melden würde.

Es passierte genau so, wie Kuno es vorausgesagt hatte. Als bei Zitronella die Pusteln langsam abheilten, fing die Pünktchenkrankheit bei Sumsinella an und ob man es glaubt oder nicht – Kuno Troll erwischte es auch.

© Regina Meier zu Verl


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Diese Geschichte ist der Auftakt zu zwölf weiteren Elfengeschichten, die ich momentan vertone und gern in Erinnerungen rufen möchte. Ich stelle ab heute jeden Tag eine neue Geschichte vor und setze auch den Link zum Anhören (das geht in diesem Blog momentan noch nicht, soll aber demnächst auch funktionieren)

HIER kannst du die Geschichte anhören, wenn du magst

Die Elfe Sumsinella (1)

Den ganzen Tag hatte Sumsinella fleißig gearbeitet.
„Ach du liebes Gänseblümchen, schau dir nur dein Röckchen an, es ist ganz unordentlich“, sagte sie und zupfte die weißen Blütenblätter in Form. „So ist es schön!“
Die großen Blätter der Seerosen waren so blank poliert, dass Vater Quak beinahe ausgerutscht wäre.
„Also das ist zu viel des Guten, Sumsinella. Muss das denn sein?“ schimpfte er, meinte es aber nicht so böse, wie es klang.
„Ach Vater Quak, einer muss doch hier für Ordnung sorgen, stimmt’s?“ Sumsinella stemmte die zierlichen Hände in die Hüften und ihre zarten Flügel bebten ärgerlich während sie weiter sprach:
„Ich finde, dass alle ein wenig mehr mit helfen könnten!“
„Ich habe den ganzen Tag Fliegen gefangen“, verteidigte sich der Frosch und strich zufrieden über seinen dicken Bauch.
„Du denkst doch nur ans Essen.“ Sumsinella kicherte.
„Du lügst, manchmal denke ich auch ans Schlafen!“ Der dicke Frosch lachte albern und seine ganze Familie stimmte mit ein.
„Ich lüge niemals, damit du es weißt!“ Sumsinella hob sich in die Luft und flog verärgert davon. Auf der alten Kastanie, ließ sie sich nieder und summte ein trauriges Lied.
„Was ist denn los, Kleines?“ fragte der dicke Hirschkäfer. „Kann ich dir helfen?“
„Ach nein, du Lieber. Manchmal fühle ich mich nur so allein und dann ärgere ich mich über Kleinigkeiten“, erklärte die Elfe.
„Schade, dass ich schon verheiratet bin“, scherzte Hirschi, der nicht im Traum daran gedacht hätte, eine Elfe zu heiraten. Sumsinella war bildhübsch und konnte wunderbar singen, aber diese kleinen Flügelchen, die ständig in Bewegung waren und das emsige Treiben den ganzen Tag machte ihn ganz nervös.
„Dann schlaf schön, kleine Elfe und sing noch ein bisschen, das klingt so herrlich“, sagte Hirschi und das machte Sumsinella dann auch. Als sie zu ihrer Schlafblume flog, kam sie gerade noch rechtzeitig, bevor diese ihren Blütenkelch schließen wollte.
„Da bist du ja endlich, jetzt aber husch, husch ins Blütchen!“

© Regina Meier zu Verl


Vater Quak hat sich in den lila Blütensternchen versteckt © Regina Meier zu Verl

Welche Farbe hat die Freude?

Tina starrt auf die blütenweiße Leinwand. Auf dem Tisch neben ihr, sind verschiedene Farbtöpfchen aufgereiht. Pinsel in allen Stärken stehen in einem Marmeladenglas, daneben zwei weitere Gläser mit klarem Wasser gefüllt.
„Ich kann das nicht!“, denkt Tina und schaut verstohlen zu ihrer Nachbarin zur Linken, die schon munter mit dem Malen begonnen hat. Auch auf der rechten Seite huscht der Pinsel über die Leinwand, als sei das alles ganz einfach. Ist es aber nicht.
Wieder überlegt sie. Was soll sie eigentlich in diesem Malkurs? Ist sie hier nicht fehl am Platz? Sie kann doch gar nicht malen.
„Aber Freude“, murmelt sie. „Freude will ich haben. Malen soll fröhlich machen. Und zufrieden. Ich brauche Fröhlichkeit und Zufriedenheit.“
„Wie bitte?“, fragt ihre Nachbarin.
„Ach, nichts.“ Tina taucht den Pinsel ins Wasserglas und dann in die kupferrote Farbe. Sie malt einen dicken, runden Klecks auf die Leinwand.
„Der ist schön!“, sagt Johanna, die Kursleiterin, die gerade Tinas Platz erreicht hat, während sie hin und her wandert.
„Wer ist schön?“, fragt Tina.
„Na, der Kürbis – es ist doch ein Kürbis, oder?“, fragt Johanna.
„Ein Kürbis?“ Erschrocken starrt Tina auf den roten Kleks, der ein Kürbis sein soll. Will man sich lustig über sie machen? Oh nein, das kann sie zurzeit gar nicht ertragen. Schnell wäscht sie den Pinsel aus und greift zu einer neuen Farbe. Blau. Türkisblau wie ein Bergsee an einem Sommertag.
So richtig traut sie sich noch nicht, die Farbe auf die Leinwand zu bringen. Zaghaft setzt sie den Pinsel an, malt ein paar Tupfer und taucht den Pinsel erneut in das Wasser.
Man kann auch abstrakt malen, überlegt sie stumm. Viele Künstler tun das. Große Künstler. Und ja, warum soll sie es mit dieser Technik nicht ebenfalls versuchen.
„Ich suche die Fröhlichkeit“, sagt sie zu Johanna, die noch immer hinter ihr steht.
Johanna überlegt, legt den Kopf schief und lächelt.
„Ich ahne sie schon, die Fröhlichkeit, wie wäre es mit etwas Gelb?“
„Gelb?“ Tina spürt die Verwunderung, die in ihr wächst. „Nur gelb? Sollte die Fröhlichkeit nicht alle Farben haben. Alle Farben dieser Welt?“
„Nun ja, ich meinte das so: du hast das Rot des Abendrots gemalt, das Blau eines strahlenden Sommerhimmels, fehlt noch das Gelb der Sonne. Das war mein Gedanke, natürlich darfst du alle Farben dieser Welt in deinem Bild zeigen, ganz wie du willst!“
Tina kommen die Bilder in den Sinn, die sie als Kind gemalt hatte. Himmel, Sonne, Haus und Baum. Bilder, die alle Kinder aufs Papier bringen. Die Worte ihres Vaters fallen ihr ein, Worte wie Ohrfeigen:
„Schade! Mein Maltalent hast du nicht geerbt. Du kannst nicht malen. Sehr schade ist das.“
„Ich kann nicht malen!“, sagt sie nun laut.
„Wer sagt das?“, will Johanna wissen. Doch das möchte Tina ihr nicht erzählen. Entschlossen taucht sie den Pinsel in die schwarze Farbe und übermalt die blauen Tupfen und den roten Ball, hin und her und kreuz und quer. Sie malt so lange, bis die Leinwand fast schwarz ist und nur noch hier und da ein wenig Rot und Blau hervorlugt. Dann wäscht sie die Pinsel aus, schließt den Farbkasten und sagt: „So! Fertig!“ Sie lächelt. „Ich glaube“, sagt sie zum Abschied, „ich bin für einen Malkurs nicht geschaffen.“
Sie verlässt die Malschule, tritt auf die Straße, geht zum nahe gelegenen Park und setzt sich dort auf eine Bank am See. Ein bisschen zur Ruhe kommen möchte sie und den Farben auf Leinwand „Adieu“ zu sagen. Sie blickt in das satte Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das Gelb der Sonnenblumen, das Lila der Astern, das Rot des Mohns … und greift, ohne viel nachzudenken, nach ihrem Skizzenblock. ‚Und ob ich malen kann!‘, denkt sie und lächelt zufrieden.

© Regina Meier zu Verl

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Zeichnung Regina Meier zu Verl

Ole und der Regenbogen

Opa Heinz und Ole saßen im Wintergarten. Gerade hatten sie in noch fleißig Unkraut gezupft im Garten.

Dann war eine dicke Regenwolke gekommen und über dem Grundstück stehen geblieben. Sie hatte ihnen das Sonnenlicht geraubt und sofort die Schleusen für einen tüchtigen Regenguss geöffnet.

Ole hatte gerade genüsslich an einer der dicken, roten Pfingstrosen geschnuppert, als ihm dicke Regentropfen in den Nacken fielen.

„Igittigitt!“, kreischte Ole und rannte aufs Haus zu.

„Was soll das denn heißen? Wir brauchen dringend Regen, jede Menge davon!“, schimpfte Opa, der sich aber trotzdem ebenfalls im Haus in Sicherheit brachte.

„Vielleicht ist es ja nur ein Schauer und wir können gleich wieder raus!“, verkündete Ole voller Hoffnung.

Doch davon wollte Opa Heinz nichts wissen.

„Nee, nee, lass mal. Es dürfte eine ganze Woche Tag und Nacht plästern!“, meinte er.

Ole lachte laut auf. Das war wieder so ein Opa-Heinz-Wort, plästern. Dieses kannte Ole schon, aber immer mal wieder tauchte ein neues Wort auf, Ole fand das sehr spannend. Er sammelte diese Wörter und benutzte sie auch mit Vorliebe. Erst neulich hatte er wieder ein neues Wort gelernt: ‚abelig‘. Opa hatte nämlich nicht mit ihm zum Eis essen gehen wollen, weil ihm so abelig war. Das bedeutet, dass einem schlecht ist.

„Was lachst du denn so albern?“, wollte Opa nun wissen.

„Ach Opa, ich finde deine Spezialwörter so toll!“, sagte Ole.

„Das sind keine Spezialwörter, und meine sind es auch nicht. Sie sind alt und kommen teilweise aus dem Plattdeutschen.“

Das fand Ole spannend. „Kannst du mir auf Plattdeutsch mal etwas beibringen, Opa?“

Opa überlegte. Dann nickte er. „Mache ich, muss ich aber erstmal drüber nachdenken!“, versprach er und als Ole den Regenbogen entdeckte, der gerade am Himmel zu sehen war, geriet das Thema zunächst wieder in Vergessenheit.

„Guck mal, Opa, so ein schöner Regenbogen!“, rief er begeistert aus.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“, sagte Opa.

„Was?“, rief Ole, der kein Wort verstand.

„Das war deine erste Lektion und außerdem heißt das ‚wie bitte‘“, Opa lachte.

„Wie bitte ist doch viel kürzer, das kann doch nicht sein!“

„Etwas Wunderbareres gibt es nicht am Himmelreich!“, übersetzte Opa und nachdem Ole es ein paar Mal nachgesprochen hatte, gelang es ihm auch.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“

Ist ja so, oder?

© Regina Meier zu Verl

Nachdem ich nun viel Post zu meinen Treckergeschichten bekommen habe und ich immer wieder gefragt wurde, wann es denn endlich weiter geht mit dem kleinen Trecker, stelle ich heute die 6. Geschichte vor und es werden weitere folgen. Danke für Euer Interesse und die vielen netten Mails dazu!

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)
Das Wunder in der Scheune

Ich hatte euch doch von dem schönen neuen Sitzkissen erzählt, auf das ich so richtig stolz war. Margret, die Bäuerin, hatte es für mich gestrickt, bevor Josef mit mir zum Trecker Treff gefahren war. Dort hatten wir zwar keinen Preis gewonnen, aber wir sahen beide sehr fesch aus, der Josef mit seiner neuen Weste und frisch gestutztem Bart, und ich auf Hochglanz poliert und mit dem wunderbaren Sitzkissen.
Ja nun, wenn ihr jetzt erfahrt, warum ich dieses Kissen nicht mehr benutzen kann, dann werdet ihr sagen: Ist doch nicht so schlimm! Wetten?
Passt auf, das war so:
Ich stand, wie immer, in der Scheune und erfreute mich am Feierabend. Der dicke grüne Traktor hatte eine große Halle für sich allein. Mir gefiel es in der Scheune, dort hatte ich seit vielen Jahren meinen Platz. Ab und zu bekam ich Besuch, sogar mitten in der Nacht. Ein paar Mäuse trippelten durch die Scheune und suchten nach etwas Essbarem. Aber auch Violetta die schwarz-weiße Katze verirrte sich schonmal bei mir. Manchmal lag sie sogar auf meinem nigelnagelneuen Sitzkissen und schlief dort ein paar Stunden. Ich hatte nichts dagegen, war ich halt nicht so allein.
Ich hatte in den letzten Tagen immer mal gedacht, dass Violetta ganz schön dick geworden war. ‚Vielleicht frisst sie sich Winterspeck an‘, dachte ich noch und als ich sah, dass ihr Bauch beinahe über den Boden schleifte, musste ich kichern und hätte ihr am liebsten gesagt: Jetzt ist es aber genug, Violetta. Habe ich aber nicht, wie auch, sie hätte mich doch nicht verstanden.
Auf jeden Fall kam Violetta eines Nachts in die Scheune. Sie sah komisch aus, gar nicht so wie sonst. Gut, sie war dick geworden, aber daran hatte ich mich längst gewöhnt. In dieser Nacht aber war sie träge wie noch nie und sie schaute sich so ängstlich um, so als befürchte sie Schlimmes. Ganz seltsam eben. Sie atmete auch viel schneller als sonst und machte dabei so pfeifende Geräusche.
Ich bin ein alter Trecker und ich habe eine gewisse Lebenserfahrung. Also dachte ich mir schon, dass Violetta möglicherweise Junge bekommen würde und auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Geburt war. Dass sie schließlich diesen Platz in meinem Führerhaus wählte und sich dafür das Kissen vom Sitz zog, um es im Fußraum zu drapieren, konnte ich ja nicht ahnen.
Genau so passierte es aber. Violetta lag auf dem Kissen im Fußraum des Führerhauses und atmete schnell und schneller. Und ich, ich konnte gar nichts tun. Ich konnte nur ein guter Gastgeber sein und sie gewähren lassen, selbst wenn sie auf meinem schönen Kissen lag und das sicher nicht unbeschadet bleiben würde. Nicht so schlimm, habe ich doch gesagt!
Jedenfalls dauerte es ungefähr zwei Stunden, genau kann ich es nicht sagen, weil ich keine Uhr auf dem Tacho habe. Aber ich habe ein ganz gutes Zeitgefühl. Nach den zwei Stunden waren dann die Kätzchen geboren, was für ein Wunder. Josef hat mir später erzählt, dass es acht junge Kätzchen waren und eines bezaubernder war als das andere. Wir ließen Violetta und ihre Kinder weiter im Führerhaus wohnen. Josef und Margret brachten ihr jeden Tag frisches Futter und Wasser und stellten ihr sogar das Katzenklo ganz in die Nähe.
Josef und Margret haben übrigens direkt am nächsten Morgen von der wundersamen Geburt erfahren, nachdem ich mal eine Ausnahme gemacht habe und einfach von mir selbst aus laut gehupt habe, aber psssst, nicht verraten, dass ich das kann, abgemacht? Josef hat gemeint, dass Margret das nur geträumt haben kann, das mit dem Hupen, dann hat er aber doch nachgesehen und den Rest kennt ihr ja nun.
Margret strickt mir übrigens ein neues Kissen, nett, oder?

© Regina Meier zu Verl

Teil 1 

Teil 2 

 Teil 3

Teil 4

Teil 5

 

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Ferdinand hat Kummer

„Ich verstehe gar nicht“, sagte die Maus Roselies ihrer Freundin Netti, als sich die beiden bei einem Spaziergang trafen, „dass da nicht früher jemand darauf gekommen ist!“
Netti kicherte.
„Wir sind eben ganz besonders kluge Mäuse!“, sagte sie und setzte ein wichtiges Gesicht auf.
„So klug könnt ihr nicht sein, wenn ihr so sorglos durch die Gegend lauft.“
Sie sahen nach oben, wo Meridith, das Eichhörnchen auf einem Ast saß, eine Nuss zwischen den Pfoten.“
„Warum sagst du so etwas?“, empörte sich Roselies.
„Weil der Kater Balduin euch im Visier hat und gerade dort hinten angeschlichen kommt. An eurer Stelle würde ich mich sputen.“
„Ha!“, kicherte Netti.
„Der kann uns bald gar nichts mehr anhaben, das garantier ich dir!“
Trotzdem verschwanden die beiden Mäusemädchen blitzschnell, denn sie wollten nicht riskieren, dass der Balduin sie zum Abendbrot verspeiste. Demnächst könnte er ihnen nichts mehr anhaben, sie hatten nämlich einen Plan! In der dicken Eiche gab es ein verlassenes Vogelnest, das sich ganz wunderbar als Ferienwohnung eignete. Dort wollten die beiden einziehen und es sich so richtig gut gehen lassen.
Aber zuerst wollten sie etwas fressen, ihre kleinen Bäuchlein knurrten schon recht verärgert.
„Wir könnten doch unseren Freund Ferdinand Dickerle besuchen, so verfressen wie der ist, hat er bestimmt was Leckeres zuhause.“ schlug Netti vor.
„Ja, aber nenne ihn um Himmels Willen nicht Dickerle. Diesen Spitznamen mag er gar nicht. Er wird dann sehr wütend und lädt uns sicher nicht zum Essen ein. Außerdem ist er nicht fett sondern nur etwas korpulent.“
Netti lacht über das komische Wort, das sie noch nie gehört hatte, es klang irgendwie … korpulent.
„Ich schlage vor, wir nehmen ein kleines Präsent mit, was meinst du?“, fragte sie Netti. Die schaute sie mit ihren Knopfaugen an und staunte.
„Schon wieder ein neues Wort. Was ist denn ein Präsent?“
Roselies verdrehte die Augen, Ihre Freundin war doch manchmal sehr ungebildet.
„Ein Präsent ist ein Geschenk, das man mitbringt, wenn man einen Besuch macht.“
„Was du alles weißt!“
„Naja“, meinte Roselies bescheiden, „meine Familie lebte im Haus eines Professors und da bekommt man so einiges mit.“
„Was denkst du, über was würde Dick,,, oh pardon, Ferdinand sich freuen?“
Roselies krauste das Näschen und überlegte angestrengt.
„Keine Ahnung! Es sei denn, wir pflücken ein paar Blümchen. Aber freut sich ein Mann über Blumen?“, meinte Roselies.
„Warum eigentlich nicht!“ Netti fand den Vorschlag nicht schlecht, außerdem standen ja hier Blumen genug herum, da kam es auf ein paar mehr oder weniger gar nicht an.
„Du Netti, wir verraten dem Ferdinand aber nichts von unserem Plan, nicht wahr? Sonst will der noch mitmachen und dafür ist er nun wirklich zu … korpulent!“
„Nein und außerdem sehr sportlich und schnell ist er auch nicht. Der würde es gar nicht bis in unsere Ferienwohnung schaffen. Schade, das würde ihm auch gefallen.“
„Ach Unsinn, außerdem ist das allein unser Plan, so war es abgemacht und basta. Sieh mal die Gänseblümchen da drüben, die sind doch schön.“
Netti kicherte.
„Hoffentlich glaubt er nicht, es wäre etwas zum Fressen!“
Bald hatten sie beide einige Gänseblümchen gepflückt und machten sich auf den Weg zu Ferdinands kleiner Höhle.
Gerade wollten sie eintreten, als sie Ferdinands Stimme hörten. Offensichtlich hatte er Besuch. Er schimpfte laut: „Geh nur, lass mich ruhig hier allein, mir ist schon alles egal! Ich weiß, dass mich niemand mag!“
Betroffen ließen Netti und Roselies die Gänseblümchen fallen. Was war denn da los? So hatten sie „ihren“ Ferdinand noch nie erlebt.
Vorsichtig näherten sie sich. Ferdinand stand mit hochrotem Gesicht vor einer zierlichen Maus, deren Barthaare zitterten und aus deren schwarzen Knopfaugen Tränen kullerten.
„Was ist denn hier los?“
Ferdinand drehte sich zu Netti und Roselies herum und nun richtete sich seine ganze Wut auf diese beiden.
„Was wollt ihr denn, kommt wohl wieder zum Essen schnorren, ja dazu ist das fette Dickerle gut genug. Keiner mag mich wirklich, alle wollt ihr mich nur ausnutzen!“
„Das stimmt doch gar nicht!“, rief Netti und Roselies sammelte schnell die Gänseblümchen auf und reichte sie dem Freund.
„Schau, wir wollten dir einen Blumenstrauß bringen! Das ist doch nett von uns, oder?“
Trotzdem hatten die beiden Mäusemädchen Bauchschmerzen, wegen des schlechten Gewissens, das da im Bauch rumorte. Das fühlte sich gar nicht gut an.
Der Mäuserich betrachtete verächtlich die Blumen und deutete spöttisch in den Hintergrund der Höhle.
„Holt euch was zum Essen, dafür seid ihr ja wohl zu mir gekommen!“
Wütend rannte er aus seinem Zuhause.
„Wir müssen ihm nach, hoffentlich macht er keine Dummheiten!“ rief das kleine Mäusefräulein ängstlich.
„Wer bist du denn eigentlich?“ wollte Netti wissen.
„Lass Sie!“, rief Roselies. „Komm lieber, wir müssen den Ferdinand einholen!“
Sie rannten, so schnell ihre kleinen Beinchen das zuließen ins Freie und hatten Glück. Ferdinand war noch nicht weit gekommen. Im Nu hatten sie ihn eingeholt.
„Was ist denn nur mit dir los heute?“, fragte Netti, als sie wieder zu Atem gekommen war. Roselies war still, sie strich dem Ferdinand liebevoll übers Nackenfell.
Der ließ sich das gefallen, aber er schwieg.
„Ferdilein“, drängte Netti ihn. „Nun sag doch was!“
„Geht nicht“, stammelte Ferdinand. „Dann heule ich gleich und ein Mann heult nicht!“
Roselies lächelte ihn freundlich an und gestand ihm dann;
„Ferdinand, es stimmt, wir haben uns hinter deinem Rücken oft lustig gemacht und haben wir deine Gutmütigkeit ausgenutzt, aber das war nicht böse gemeint, nur etwas gedankenlos. Denn wir haben dich wirklich gern!“
„Ist das auch wahr?“ fragte der Mäuserich zweifelnd.
Netti trat neben ihre Freundin und bestätigte:
„Ja das ist wahr, wir haben dich wirklich gern, auch wenn wir es nicht immer zeigten. Aber nun erzähle uns deinen Kummer. Wir wollen jetzt für dich da sein, wie du es immer für uns warst.“
Ferdinand wurde rot.
„Ich habe mich verliebt.“
„In die Kleine, die bei dir war?“
„Ja, Putzi heißt sie und sie ist ja auch so lieb und putzig,“ schwärmte er.
„Doch heute hat sie mir gesagt, dass ich nicht mehr kommen darf, denn ihr Vater und ihre Brüder haben es verboten.“
Und nun liefen ihm wirklich die Tränen herunter.
Die beiden Mäusemädchen weinten mit ihrem Freund und es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich jede Menge Waldbewohner zu ihnen und als alle sie fertig waren mit Weinen, da schmiedeten sie einen Plan.
„Ich schlage vor“, sagte der Fuchs, „ich rede mal mit dem Familienvorstand der kleinen Putzi!“
„Sind Sie verrückt?“, kreischte Netti.
„Wir hier wissen, dass Sie Vegetarier sind, aber Putzis Familie weiß das nicht. Die haben Angst vor Ihnen!“
Nun redeten sie alle durcheinander und bemerkten nicht die kleine etwas korpulente Mäusedame, die sich zu ihnen gesellt hatte.
Aus gutmütigen klugen Augen betrachtete sie die aufgeregte Gesellschaft.
„Hallo?“ Keiner beachtete sie.
„Hallo!“ Ihre Stimme wurde nun lauter, schließlich hatte sie fünf Kinder und gelernt sich durchzusetzen.
Die Waldbewohner drehten sich erschrocken um.
„Na also, geht doch,“ murmelte die Maus und trippelte zu Ferdinand und betrachtete ihn sehr aufmerksam.
Dann lächelte sie zufrieden.
„Du gefällst mir, ich würde dich gerne in meiner Familie willkommen heißen.“
„Wer, wer sind sie denn?“ stammelte der Mäuserich.
„Ich bin Putzis Mutter!“
Ferdinands Augen wurden immer größer. War das wirklich passiert? Putzis Mutter wollte ihn in der Familie begrüßen? Unglaublich, aber wunderschön!
„Das … Das möchte ich auch gern!“, stammelte er und alle Waldbewohner applaudierten, sogar die Spinne Cordula, die dafür kurz die Fliege loslassen musste, die sie in ihrem Netz gefangen hatte. Dass diese entkommen konnte, setzte dem Tag das I-Tüpfelchen auf, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

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Ferdinand ist doch ein hübscher Kerl, oder?

 

 

Ein Wispern und Raunen,
ein Flüstern und Staunen,
ein Drehen und Zwirbeln,
ein Huschen und Wirbeln.

Maishexen treiben im Feld ihre Spiele,
rote und blonde, unzählig viele.

Ein Lachen und Knistern,
ein Singen und Flüstern,
ein Toben und Brausen,
ein Tanzen und Sausen.

Maishexen laden zum Mitternachtsfeste,
fürs leibliche Wohl gibt es nur das Beste.

Ein Kommen und Gehen,
ein Stürmen und Wehen,
ein Küssen und Kosen,
ein Schmatzen und Tosen.

Maishexen drehen sich eins, zwei, drei
kaum begonnen, schon ist es vorbei.

© Regina Meier zu Verl

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl