Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen
Das sind die Wörter, die es diesmal zu verarbeiten galt. Bei mir ist eine neue Oma Betty Geschichte draus geworden, wie immer mit viel Wahrheit drin aber auch jeder Menge Fantasie.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore – Lores Märchenzauber
Martina – Von Herz zu Herz Geschichten

Oma Betty und die Wollmäuse

„Oma, was ist denn eigentlich in dieser großen runden Schachtel dort oben auf dem Kleiderschrank?“
Maila war wieder einmal bei Oma Betty zu Besuch und half ihr, die Betten neu zu beziehen. Das machten sie gern zusammen, denn Maila liebte es so sehr, zwischen Oma und Opa im frisch duftenden Bett zu liegen. Als sie gerade auf der Matratze herumhüpfte, sah sie oben auf dem Schrank diesen rosa-weiß gestreiften Karton und schon war die Neugier geweckt.
„Könnte es wohl sein, dass da mein Weihnachtsgeschenk drin versteckt ist?“, fragte sie.
Oma Betty lachte.
„Aber Kind, die Geschenke bringt doch das Christkind, nicht wahr?“
Maila grinste, dabei wurde ihre große Zahnlücke sichtbar.
„Oma, ich weiß genau, dass es ein Christkind gibt, aber die Geschenke, die kommen doch von euch, gib es zu!“
„In dieser Schachtel ist auf jeden Fall kein Geschenk für dich!“, verriet Oma und zog den großen Bezug über das dicke Federbett.
„Für jemand anderen vielleicht?“, wollte Maila wissen.
Oma Betty schüttelte den Kopf. „Auch nicht für jemand anderen!“, sagte sie.
„Oma, nun sag schon. Was ist drin?“ Maila konnte es fast nicht mehr aushalten, so neugierig war sie.
„Lass uns zuerst die Betten fertigmachen. Dann holen wir Opa, denn ich bin zu klein, ich komme gar nicht ran an die Schachtel und ehrlich gesagt: ich traue mich auch nicht!“
„Wieso? Ist da was Gefährliches drin?“ Maila sah ihre Oma mit weit aufgerissenen Augen an.
„Eigentlich nicht, aber neulich, da hat es so komisch geknarzt in der Nacht, vielleicht haben sich Mäuse dort oben eingerichtet. Opa meint, das sei unmöglich, aber ich schwöre, ich habe etwas gehört!“ Oma Betty hatte sehr leise gesprochen, so, als wollte sie nicht, dass die Mäuse hörten, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war. Oh je, das war spannend.
„Soll ich Opa schon holen?“, fragte sie.
„Ja, mach das und sage ihm, dass er die Trittleiter mitbringen soll und verrate nicht, dass ich dir von den Mäusen erzählt habe. Dann sagte er nämlich wieder: Das kann gar nicht sein!“
Maila kicherte. Das war nämlich einer von Opas Lieblingssätzen. Immer wieder kam der zum Einsatz, besonders dann, wenn er keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, was in seinen Augen Unsinn war.
Wenn aber seine Enkelin um etwas bat, dann fackelte er nicht lange, sondern tat, was sie wollte. Er schnappte sich also die Trittleiter und gemeinsam gingen sie zu Oma ins Schlafzimmer.
„Wo brennts?“, fragte er.
„Gar nicht!“, sagte Oma. „Ich wollte dich bitten, die Schachtel vom Kleiderschrank zu holen und bei der Gelegenheit könntest du kurz Staub wischen da oben, ich komme so schlecht da ran!“, sagte Oma.
Opa stellte die Leiter auf und kletterte hoch. Er schnappte sich die Schachtel und musste prompt niesen, so staubig war es auf dem Schrank. Oma nahm die Schachtel an, wischte sie ab und reichte den Lappen an Opa weiter.
„Oh, oh“, schimpfte er und nieste erneut. „Mäuse, Wollmäuse, jede Menge!“
Oma Betty kreischte und verließ den Raum. Maila, die keine Angst vor Mäusen hatte, wäre am liebsten gleich mit auf die Leiter geklettert und hätte sich die niedlichen Wollmäuse angeschaut.
Opa lachte.
„Mailakind, hol Oma zurück. Es sind keine echten Mäuse, schau!“ Er zeigte Maila einen Knubbel aus Staub.
Oma war längst wieder da. „Igitt!“, rief sie. Da sollte ich mich wohl schämen!“ Sie hatte einen kleinen Eimer mit Wasser und einen frischen Putzlappen mitgebracht und Opa wischte nun den gesamten Kleiderschrank sauber. Das lohnte sich so richtig!
Oma befreite die Schachtel vom restlichen Staub und dann war es endlich so weit. Maila durfte den Deckel abheben.
In der Schachtel lag ein riesiger weißer Hut. „Mein Hochzeitshut“, flüsterte Oma Betty und hob den Hut aus seiner Schachtel.
„Ein Hochzeitshut? Das habe ich noch nie gesehen!“, meinte Maila, betrachtete aber den Hut ehrfürchtig, immerhin war er ja schon alt, mindestens hundert Jahr oder so.
„Setzt du ihn bitte mal auf, Oma!“, bat sie. Doch das wollte Oma nicht, lieber wollte sie Maila Bilder von der Hochzeit zeigen.
„Weißt du, der Hut ist nämlich magisch, wenn man ihn trägt, muss man tanzen, die ganze Nacht lang. So war das jedenfalls bei unserer Hochzeit und jetzt machen das meine müden Gelenke nicht mehr mit!“, versuchte Oma zu erklären.
Opa lachte schallend.
„Ich höre immer „müde Gelenke“, das kann ja wohl nicht sein, oder? Zwei Mal in der Woche gehst du zum Sport, einmal zum Yoga und im Sommer schwimmst du jeden Morgen – von Müdigkeit keine Spur, also setz den magischen Hut auf, mach uns die Freude!“
„Also gut!“ Oma setzte den Hut auf, fing an zu singen, schnappte sich Opa und tanzte mit ihm durchs Schlafzimmer. Und Maila? Die machte mit! Später waren alle drei aus der Puste und ließen sich ins frisch bezogene Bett fallen, aber nur ein Viertelstündchen …

© Regina Meier zu Verl

Mika rappt ein Weihnachtslied

Mika rappt ein Weihnachtslied

Es war Dezember. Draußen war es dunkel und kalt, aber in den Zimmern war es mollig warm und gemütlich. Überall im Wohnzimmer leuchteten Kerzen. Mama stand auf und ging ans Klavier, sie klappte den Deckel auf, stellte ein Notenbuch auf die Ablage und sagte:
„Spielt jemand mit?“ Erwartungsvoll sah sie uns an. Papa und Mika rührten sich nicht. Ja, sie taten so, als hätten sie nichts gehört. Das machten sie immer so und ich, Ela, war dann wieder diejenige, die Mama nicht enttäuschen wollte. Also stand ich brav auf, holte die Querflöte aus meinem Zimmer und stellte mich hinter Mama ans Klavier.
Wir spielten »Alle Jahre wieder« zum Aufwärmen, das konnten wir schon lange, hatten es sogar im letzten Jahr beim Weihnachtskonzert in der Kirche vorgetragen. Papa summte ein wenig mit, nur Mika daddelte auf seinem Handy herum.
„Was jetzt?“, frage Mama, als wir alle drei Strophen gespielt hatten.
„Stern über Bethlehem!“, schlug ich vor. Das war noch ein Lied aus dem Weihnachtskonzert.
„Jetzt mal ganz was anderes“, meinte Papa und stand auf, nahm seine Gitarre, stimmte sie kurz durch und schlug ein paar Akkorde an.
„Wir sollten mal selbst was erfinden, die alten Weihnachtslieder sind schön, aber es dürfte auch mal was schönes Neues geben, findet ihr nicht auch?“
Mika legte sein Handy zur Seite. „Dann brauchen wir aber einen Text, ich könnte was rappen!“, schlug er vor.
„Ja, los, mach mal!“, ich war begeistert, fand es ziemlich cool, wenn mein Bruder rappte.
Papa bestimmte die Tonart, schlug einen Akkord an und dann
warteten wir gespannt, was Mika einfallen würde. Der hatte sich eine Cellophantüte genommen, in der vorhin noch Plätzchen gewesen waren. Er fasste sie an beiden Enden und ließ sie, wie eine Ziehharmonika, immer wieder von innen nach außen schnellen. Dabei entstand ein interessantes raschelndes Geräusch, das nun den Takt vorgab, dann legte er los:
Der Lebkuchenkerl war ein Genuss,
besonders gut war sein Zuckerguss,
rosa und mit Silberliebesperlen
schmeckt er nicht nur Chikas,
sondern auch uns Kerlen!
Mama kicherte.
„Mach direkt noch einmal, das war gut!“, sagte sie. Papa gab noch einmal den Akkord vor und schlug ihn rhythmisch weiter, Mika begann zu rappen und Mama legte eine leise Melodie über das Ganze. Das klang mega!
„Jetzt du, Ela!“, meinte Papa, aber das war gar nicht so einfach. Schließlich hatte ich keine Noten und einfach so etwas zu spielen, das fand ich noch zu schwer. Aber Mama hatte die Lösung, sie schrieb mir ein paar Töne auf einen Zettel und dann probierten wir alle zusammen.
Ich sag’s euch, das klang echt cool und noch cooler war, das Mika noch eine zweite Strophe einfiel:
Der Lebkuchenkerl ist nun längst verdaut,
zu gern hätte ich ihn nochmal angeschaut.
Das Lied hier ist für dich,
du süßer rosa Kerl,
sag mal, denkst du auch an mich?

Ich weiß nicht, wie oft wir das Lied an diesem Abend noch gespielt haben, es wurde von Mal zu Mal besser und wir hatten wirklich einen Mega-Spaß. Zu Weihnachten in der Kirche werden wir es aber wohl eher nicht vortragen, oder was meint ihr?
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Umzugswochenende

Morgen zieht meine Mutter (89) um, sie bekommt nun eine barrierefreie kleinere Wohnung in einem Haus, in dem viele Wohnungen für ältere Menschen sind. Unsere Hoffnung ist, dass sie dort ein wenig Kontakt zu den anderen Bewohnern bekommt, damit sie nicht nur auf uns Kinder (wir sind 3) angewiesen ist und vielleicht noch ein wenig selbständiger werden kann. In der alten Wohnung war es die Dusche, die einen hohen Einstieg hatte und die Treppe zur Wohnung und verschiedene Stolperfallen, die immer wieder Stürze hervorgerufen haben. Außerdem ist im neuen Zuhause ein Fahrstuhl, so dass sie auch mal selbständig rausgehen kann.
Sie selbst ist morgen nicht da, verbringt den Tag bei ihrer Schwester und am Abend führen wir sie dann in ihr fix und fertiges neues Heim, das sie übrigens selbst ausgesucht hat.
Ich bin gespannt, wie es werden wird und hoffe, dass ich durchhalte, bin nämlich noch immer sehr angeschlagen. Drück mir bitte die Daumen! Danke schön!

Die Gardinen hängen schon … 🙂

Novembergedanken

Novembergedanken

Dein grauer Mantel wärmt mich nicht, November. Doch hüllt er mich ein, schmeichelt mir und lässt meine Linien weicher erscheinen. Ich habe das bunte Herbstgewand neben das zitronengelbe Sommerkleid gehängt. Das Grau schmücke ich mit farbenfrohen Tüchern, so wie ich meine Fenster mit Kerzenlicht erhelle.
Die Gedanken an das keimende Leben in der Natur verscheuchen die Tristesse, die wieder mal Gast in mir sein will. Ich habe gelernt damit umzugehen und habe mir ein Lächeln ins Gesicht gemalt, versuche es zu halten und siehe da, wie gespiegelt lächeln die Menschen zurück. Wo noch eben Missmut spürbar war, zaubert das Lächeln ein Licht um sie und strahlt immer heller. Freundliche Gesichter, warme Worte, ein Miteinander wie ich es mir wünsche. Es ist so leicht, warum machen wir es uns immer so schwer?
Mein Herz tut sich auf und erkennt die Schönheit der Nebelschleier, gnädig verhüllen sie die Welt, geben ihr etwas Geheimnisvolles. Im Abendlicht funkeln Tropfen wie Glasperlen an feinen Spinnfäden. Ich suche nach Elfen und Waldgeistern in dieser zauberhaften Natur und manchmal habe ich Glück und entdecke ein Waldwesen in einer Baumrinde oder einer vergessenen Blüte. Ich umarme die Bäume, spüre ich Kraft und wünsche mir, dass ich wie sie den Lebensstürmen trotzen kann. Und plötzlich weiß ich: Ich kann! Ich muss es nur wollen und ich will. Dankbar bin ich und demütig. Ich bin eins mit der Natur, sie nimmt mich auf und das wird sie auch tun, wenn meine Erdenzeit zu Ende sein wird. Der Kreislauf des Lebens, es ist die Zeit, in der wir der Verstorbenen gedenken und ihre Gräber schmücken mit Farbe und Licht. Wir tragen sie in uns und sie stehen uns zur Seite, immer, nicht nur im November.
Vorfreude erwacht, kindliches Staunen, das mit großen Augen auf die Lichter schaut, die nach und nach die Fenster erleuchten. Schon erahne ich die ersten Schneekristalle, die auf meiner Nasenspitze schmelzen und mit der Zunge fahre ich über die Lippen, um den Winter zu schmecken. Willkommen, November, ich mag dich und deine Eigenheiten. Dein Geruch ist ausgeprägt in meiner Erinnerung, wie liebe ich den Duft des Laubes. Das Rascheln unter meinen Füßen singt mir ein Lied und ganz leise klingen schon die Glocken des Advents mit.

© Regina Meier zu Verl


Novemberlicht, Foto © Regina Meier zu Verl

Mit Blaulicht durch den Schnee

Mit Blaulicht durch den Schnee
Was für eine Freude machte es, durch den, noch unberührten Schnee zu gehen. Die ersten Fußspuren vorsichtig in das Weiß zu drücken, bevor es ein anderer tat, das war herrlich. Es hatte die ganze Nacht geschneit, genauso wie die Wetterfrösche es vorausgesagt hatten. Dabei meinte Opa immer, dass die gar keine Ahnung haben.
»Hey, die haben Ahnung, die haben das studiert», pflegte Oma dann zu sagen und damit hatte sie vermutlich recht. Der Beweis lag hier vor mir, in Form einer weißen Schneedecke. Ich malte ein Herz in den Schnee.
»Das ist für dich, Oma!“, sagte ich und malte gleich noch eines daneben, für Opa. Die würden staunen, wenn sie es erblickten. Seit die beiden Rentner waren, schliefen sie morgens immer ein bisschen länger. Ich war schon immer ein Frühaufsteher und konnte es kaum erwarten, den anderen den Schnee zu zeigen. Mama war schon im Bad, jedenfalls brannte dort Licht. Papa hatte Nachtdienst gehabt. Sicher hatte er den Schnee gesehen, als er von der Arbeit heimkam. Jetzt musste er schlafen und wir alle verhielten uns leise, bis er wieder wach war. Meine große Schwester hatte bei ihrer Freundin übernachtet. Die Mädchen wollten Weihnachtsgeschenke basteln.
Und ich hatte gestern stundenlang an meinen Adventskalendern gemalt, meine Eltern und meine Großeltern sollten nämlich jeweils einen bekommen. Das war viel Arbeit, vierundzwanzig kleine Bilder pro Kalender anzufertigen. Schön sollten sie sein und bunt und fantasievoll. Am Anfang war das noch leicht. Ich hatte mir einfach vorgestellt, wie sich Menschen und Tieren aufmachten, um in Bethlehem dabei zu sein, wenn Jesus geboren würde. Dazu hatte ich mir kleine Geschichten ausgedacht. Gestern hatte ich zwei Krankenwagen-Bilder gemalt, obwohl diese Fahrzeuge eigentlich mit dem Gang nach Bethlehem gar nichts zu tun hatten. Damals gab es noch keine Autos. Aber ich bin so ein großer Fan, will sogar einmal Rettungssanitäter werden, wenn ich groß bin. Deshalb dachte ich mir, dass der Krankenwagen einfach für mich dazu gehört, und das verpacke ich dann folgendermaßen: Auf dem Weg kommt eines der Tiere ins Stolpern und bricht sich ein Bein und das muss dann mit den Krankenwagen ins Hospital gefahren werden, damit das Bein eingegipst werden kann. Kann man doch machen, oder?
Sie werden alle staunen, ganz bestimmt und das ist doch das Wichtigste. Ich selbst war auch schon gespannt, ob ich einen Adventskalender bekommen würde und was es für einer sein wird in diesem Jahr. Aber jetzt sauste ich erstmal durch den Schnee, im Garten immer außen herum, damit ich die schönen Herzen nicht zertrample, dabei rief ich laut: „Tatüüüü, Tataaaa!“ Ihr wisst schon.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte „Die Wichteltür“ Teil 2

Anzug, Schaf, zittern, schnäuzen, blind

Das waren die Wörter, die verarbeitet werden mussten, bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

Die Wichteltür (Teil 2) Teil 1 findet ihr her TEIL 1

„Warum hast du denn heute Nacht auf dem Teppich geschlafen? War es nicht viel zu kalt und ungemütlich?“, wollte Mama von Alina wissen. Die schüttelte den Kopf.

„Nein, gar nicht, ich habe wunderbar geschlafen und außerdem ist mein Schlafanzug schön kuschelig warm. Ich habe nicht gefroren! Aber – wie bin ich denn in mein Bett gekommen?“

Mama erzählte, dass sie Alina hineingetragen habe. Daran konnte sich das Mädchen nicht erinnern, wohl aber daran, dass es in dem Land hinter der Wichteltür gewesen war, zum allerersten Mal und so, wie Oma das vorhergesagt hatte. Das schönste daran aber war, dass sie dort eine Dame getroffen hatte, die Grüße von Oma ausgerichtet hatte. Die Dame hatte sie umarmt und an die Hand genommen und dann waren sie zusammen weiter in das Land hinein gegangen. Wie schön es dort gewesen war und wie großartig war, dass Alina nun immer wieder hingehen konnte. Gleich heute Abend würde sie es wieder tun und darauf freute sie sich schon sehr. Ihr war bewusst, dass sie ihren Eltern besser nichts davon erzählen sollte. Vielleicht kam sonst noch einer darauf, die Wichteltür abzubauen. Alina kannte ihre Mutter, die machte kurzen Prozess, wenn ihr etwas nicht geheuer war.

Es war aber gar nicht so einfach, diese Freude für sich zu behalten. Zu gern hätte Alina sie mit jemandem geteilt. In dem Land hinter der Wichteltür war Alina mit der Dame spazieren gegangen. Alina nahm sich vor, die Dame heute nach ihrem Namen zu fragen. Das hatte sie gestern ganz vergessen so beschäftigt war sie mit den vielen Eindrücken gewesen, die da auf sie zugekommen waren. Niemals hatte sie schönere Blumen gesehen und buntere Bäume.

„Beschreibe mir, was du siehst!“, hatte die Dame sie gebeten. „Ich bin blind und habe dieses schöne Land leider selbst nie sehen können. Aber es muss wunderbar sein, stimmt’s?

Alina tat die Dame leid. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass diese nicht sehen konnte, denn sie bewegte sich sicher auf den Wegen und erklärte Alina sogar, was für Bäume da am Wegrand standen und wies auf die leuchtenden Farben ihrer Gewänder hin. Alina traute sich nicht zu fragen, woher sie denn das wisse, wenn sie blind sei.

Alina beschrieb also so gut sie konnte, was sie sah. Sie gingen an einer Wiese vorbei, auf der ein Schaf graste. „Es ist kuschelweich, wie eine Wolke!“, beschrieb Alina das Schäfchen. „Und es zittert leicht, so, als habe es Angst vor uns!“

„Das kann sein, denn lange hat es keinen Menschen mehr gesehen, das Schaf. Du bist die erste, die unser Land wieder betreten durfte und das ist gut so!“, sagte die Dame lächelnd.

Sie kamen an einem Baum vorbei, dessen Laub aus unzähligen bunten Federn bestand. Wunderschön war das anzusehen, Alina staunte und dann nieste sie. „Hatschi!“, und noch einmal, „Hatschi!“

Gerade wollte sie in ihre Hosentasche greifen, um ein Taschentuch zum Schnäuzen herauszuziehen, als sie bemerkte, dass sie im Schlafanzug unterwegs war. Alina lachte, dann beschrieb sie die schillernd bunten Federn des Baumes und eine, die darunter lag, gab sie der Dame in die Hand, damit sie ertasten konnte, wie sich so ein Federblatt anfühlte …

Hier geht es bei der nächsten Reizwortgeschichte weiter …

© Regina Meier zu Verl

Aus dem Malkasten

Die beiden ersten Bilder sind Grußkarten, das Bild im Rahmen ist neurographikart – mein Lebensbaum, und das letzte Bild war durch eine Inspiration beim happypainting entstanden – jetzt gehts aber wieder mehr an den Schreibtisch, auch da warten einige Ideen für Geschichten und bald ist ja auch schon wieder Reizwortgeschichtentag, am 30.10.

Die Nudisten und die Knabberfische

 

Wann immer es möglich ist, laufen wir beide nackt herum. In der Wohnung sowieso, es sei denn es ist Winter und eiskalt drinnen und draußen. Dann wäre das zu extrem und wenn wir erstmal richtig kalt geworden sind, dann ist es schwierig, wieder warm zu werden. Oft hilft dann nur ein heißes Bad, um die Lebensgeister wieder aufzuwecken, oder eine wärmende Massage mit einem herrlichen Aromaöl.

Am Besten gefällt es uns im Bett. Die Nacht ist nämlich, mit Ausnahmen; die einzige Zeit, die wir miteinander genießen dürfen. Dann kuscheln wir und reiben uns aneinander. Doch halt, zu viele Intimitäten wollen wir hier nicht ausplaudern. Das ist nicht angemessen.

Gestern war uns eine Wellness Behandlung vergönnt. Zuerst lagen wir entspannt in einem duftenden Schaumbad mit Glitzerteilchen. Danach durften wir eine wohltuende Massage genießen und anschließend erfuhren wir, dass es neben dem Wellness-Salon die neue Sommerkollektion an Schuhen gab. Die Damen, die sich darüber unterhielten, stießen spitze Schreie aus und ganz ehrlich, wir beiden hätten auch am liebsten eingestimmt, aber nicht vor Wohlbehagen, sondern aus Angst.

Als nämlich im letzten Jahr das Wort „Sommerkollektion“ fiel, wurden wir in ein Bad mit unzähligen kleinen Fischchen gesteckt, die zur Aufgabe hatten, unsere Hornhaut anzuknabbern. Das war nicht schön, gar nicht! Diese Knabberfische sind kleine Karpfen, man nennt sie auch Doktorfische. Es hat zwar nicht weh getan, aber wer lässt sich schon gern von Fischen anknabbern? Sie etwa?

Frauen und Schuhe, das war doch ein krankhaftes Verhalten, was sie da an den Tag legten. Wenn man sie doch nur überreden könnte, davon abzulassen. Keine Chance! Zuerst wurde die Kollektion in Lederausstattung bewundert, dann die Stoffschuhabteilung, Sportschuhe aus hypersensitivem Material, Badeschlappen, Gummistiefelchen in Modefarben und und und …

Sie, verehrter Leser, haben längst erraten, wer wir sind. Stimmt! Wir sind die Füße einer sehr mode- und gesundheitsbewussten Dame im mittleren Alter. Es geht uns gut soweit, außer man steckt uns in zu enge Schuhe. Aber das macht unsere Besitzerin schon längst nicht mehr, das waren dann eher Jugendsünden – das Alter hat also auch etwas für sich.

© Regina Meier zu Verl

Knabberfisch?

Die Reise der Stare

Die Reise der Stare (Oma Betty)
Opa Heinz schiebt seinen Strohhut in den Nacken. Die Daumen klemmt er in die Gürtelschlaufen seiner Cordhose und dann schaut er in den Himmel.
Ich renne ins Haus, hole meinen Strohhut, den Oma Betty mir beim letzten Flohmarktbesuch spendiert hat, und mache es Opa nach.
Ich stelle mich neben ihn, blicke zum Himmel hinauf und warte ab.
„Guck!“, sagt Opa. Das ist das Zeichen dafür, dass er mit gleich eine Geschichte erzählen wird. All seine Geschichten fangen so an und ich liebe sie alle. Sehr sogar!
„Guck!“, sagt er noch einmal. „Da oben versammeln sich die Stare. Es werden nun jeden Tage ein paar mehr werden, bis sie sich auf die große Reise machen!“
Ich sehe ein paar schwarze Vögel am Himmel und frage mich, woher Opa das weiß.
„Wie kannst du das wissen?“, frage ich.
„Es ist immer gleich. Anfang September versammeln sie sich, das haben sie schon im Sommer eifrig geübt. Sicherlich machen sie eine Lagebesprechnung, bevor sie losfliegen!“, sagt Opa. Er zieht einen Daumen aus der Gürtelschlaufe und deutet mit der freigewordenen Hand nach oben. „Guck, da kommen noch welche!“
Tatsächlich! Immer mehr Stare kommen dazu und schon bald bildet sich eine dunkle, hin und her wabernde Wolke. Ich finde, das sieht beinahe ein wenig gespenstig aus.
„Haben sie einen Anführer?“, will ich nun wissen. Aber das weiß Opa auch nicht so genau.
„Das muss ich nachlesen, auf jeden Fall ist es nicht so wie bei den Wildgänsen, die haben eine Leitgans, die vorweg fliegt!“ erzählt er mir und gleich kommen mir auch die Kraniche in den Sinn, die am Himmel eine riesige Eins bilden, wenn sie auf die Reise gehen.
Am Abend lesen Opa und ich nach, wie das bei den Staren ist. Wir lernen, dass es keinen Leitstar gibt und dass die Vögel gut aufeinander achtgeben während ihres Fluges. Jeder einzelne orientiert sich an bis zu sieben seiner Nachbarn. Und irgendwie wissen sie, wohin sie müssen. Ist schon ein kleines Wunder, finde ich. Opa liest noch vor, dass die Stare gemeinsam in Baumkronen übernachten, bevor es am nächsten Tag weitergeht.
Ich würde auch gern mal auf einem Baum übernachten, am besten mit all meinen Freunden. Am Morgen würden wir dann auch zu einer großen Reise aufbrechen. Allerdings sollten wir besser ein Navi mitnehmen, denn so ortskundig wie die Stare sind wir nicht.
© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle papaya45/pixabay