Ich bin nicht allein

Ich bin nicht allein

Dienstag ist Omatag. Einmal in der Woche holt sie mich vom Kindergarten ab und wir unternehmen etwas zusammen. Das finde ich toll. Oma ist auch toll, nur manchmal ist sie etwas streng. Immer dann, wenn ich mal schlechte Laune habe und unbedingt fernsehen will. Das mag Oma nicht. Sie erlaubt es auch nicht. Zuerst bin ich dann beleidigt und heule und quengele herum. Meist, nach ein paar Minuten, geht es dann wieder und ich schleiche mich langsam an Oma heran.

„Sollen wir was spielen?“, frage ich sie. Sofort hat sie Zeit für mich. Manchmal liegen wir einfach auf dem Bauch im Wohnzimmer und spielen mit den Autos. Oma kann tolle Geräusche machen, fast so gut wie ich selbst. Aufheulende Motoren gelingen ihr besonders gut.

Ein anderes Mal geht sie mit mir in die Bibliothek. Ich fühle mich da richtig wohl. So viele tolle Bücher gibt es und ein Kasperltheater. Ich suche die Bücher aus und Oma liest vor. Das macht uns beiden viel Spaß. Ich sehe es an Omas Augen, sie strahlen, wenn sie liest, vor allem seit sie die neue Brille hat und wieder richtig gut gucken kann.

Oma ist schon alt, ungefähr hundert Jahre. Opa auch, aber beide sind noch ganz fit. Sogar Fangen können sie noch mit mir spielen. Meist gewinne ich.  Ist ja auch kein Wunder. Ich habe junge Beine, die laufen schneller, sagt Oma.

Am Sonntag ist Muttertag, da schenke ich Mama ein schönes Bild und Blumen, die Oma für mich pflückt. Das hat sie mir versprochen. Aber Oma ist ja auch eine Mutter, also bekommt sie auch ein Bild und einen dicken fetten Schmatzer. Oma liebt meine Schmatzer, selbst dann, wenn ich Schokolade gegessen habe.  Das sieht dann lustig aus und ich schmatze ihr noch einmal auf die Wange.

Oma hat auch zwei Kinder, meinen Papa und meine Tante Düwi. Die heißt gar nicht Düwi, ich habe sie immer so genannt, als ich noch nicht richtig sprechen konnte. Düwi ist toll und sie bleibt meine Düwi. Aber eine Mutter ist sie noch nicht, sie hat keine Zeit für Kinder, weil sie noch studiert.

Meinen Papa sehe ich nicht so oft, dabei habe ich ihn doch ganz doll lieb. Mama und Papa mögen sich nicht mehr so gern leiden. Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich ja noch klein war, als Papa ausgezogen ist. Ich habe ja noch Oma und Opa – und das gleich zwei Mal. Aber das erzähle ich später, jetzt muss ich schlafen.

„Gute Nacht Mama, gute Nacht Omas und Opas, gute Nacht Papa und Tante Düwi!“

© Regina Meier zu Verl

Oma erzählt die schönsten Geschichten

Für eine Geschichte aus dem Leben erzählt ist man wohl nie zu alt, besonders, wenn sie von der Oma vorgelesen wird!

Oma erzählt die schönsten Geschichten

Großmutter schloss das Buch und nahm ihre Lesebrille ab. Dann schaute sie Lukas erwartungsvoll an.
„Na, mein Junge, kanntest du diese Geschichte schon?“
Lukas grinste, wobei die große Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen sichtbar wurde.
„Ja, Oma, die kannte ich schon, aber das macht nichts. Du weißt, dass ich all deine Geschichten liebe und sie immer wieder hören kann!“
Wie reizend das aussah, wenn Oma errötete. Lukas liebte diese Frau so sehr, dass ihm das Herz weh tat, wenn er daran dachte, dass sie vielleicht eines Tages nicht mehr da sein könnte. Schnell wischte der den Gedanken weg.
„Wenn ich uns noch einen leckeren Kakao mache, würdest du dich überreden lassen, mir noch eine Geschichte vorzulesen?“
Natürlich ließ sich Oma überreden, viel zu gern las sie ihrem Enkel vor. Im Laufe der Jahre war eine schöne Geschichtensammlung entstanden, die schon vielen Kindern Freude gemacht hatte. Oft war Lukas die Hauptperson, aber immer wieder kamen auch Kinder drin vor, die sich selbst erkannten, weil Lukas’ Oma es irgendwie immer schaffte, eine besondere Eigenart der Kinder herauszustellen, ohne den Namen zu nennen.
„Das Mädchen eben in der Geschichte, das war doch meine Cousine Petra, nicht wahr?“
Lukas kam mit den Kakaobechern aus der Küche.
„Sei vorsichtig, damit du nichts verschüttest“, warnte Oma, dann nickte sie. „Ja, das war die Petra. Was sie heute wohl macht? So lange habe ich nichts von ihr gehört.“
„Es wird ihr schon gut gehen. Wenn man nichts hört, dann ist das doch eher ein gutes Zeichen. Das sagt Mama jedenfalls immer.“
„Ich bin aber trotzdem froh, dass wenigstens du dich immer bei mir meldest und mich regelmäßig besuchst. Sonst wäre ich ganz schön einsam.“
Oma schaute nachdenklich auf ihren Enkel und strich ihm dann sanft über die Wangen. Ehe Lukas etwas dagegen tun konnte, hatte sie kurz auf ihr Taschentuch gespuckt und versuchte nun, Lukas den Kakaorand vom Mund zu wischen.
Lukas ließ es geschehen, musste aber schon wieder grinsen. Er fragte sich, ob Oma ihm im nächsten Jahr, wenn er seinen Fünfzigsten gefeiert hatte, noch immer die Schnute abwischen würde.
„Es war einmal ein Junge, der hieß Lukas …“, begann Oma zu lesen. Lukas setzte sich auf den Fußboden zu ihren Füßen und legte den Kopf auf ihren Schoß.

© Regina Meier zu Verl

Julius und sein Schneemann

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Von Julius für den Schneemann gemalt

„Einmal nur möchte ich eine bunte Blumenwiese sehen, das ist mein größter Traum!“, sagt der Schneemann zu Julius, der ihn gebaut hat.
Traurig antwortet der Junge: „Das geht nicht, deine Zeit ist der Winter. Wenn die Sonne wärmer wird, dann wirst du schmelzen!“
„Du hast mich gebaut, also bist du doch mein Vater, stimmt’s?“, fragt der Schneemann.
Julius kichert.
„Das könnte man so sagen!“
„Väter tun alles für ihre Söhne, oder?“
„Alles, was sie können!“, stimmt Julius zu.
„Dann mach, dass ich auf einer Blumenwiese stehen kann!“ Der Schneemann wird immer energischer und Julius immer stiller. Wie soll er seinem Schneemann den Wunsch erfüllen? Er hat keine Idee.
„Mein Vater tut auch alles für mich, aber manche Wünsche kann auch er nicht erfüllen!“
„Es ist aber doch mein einziger Wunsch!“, erwidert der Schneemann.
„Also gut, ich überlege mir was. Aber jetzt muss ich ins Haus, Papa hat schon zum Essen gerufen!“
Als Julius mit seinem Papa am Küchentisch sitzt, fragt er:
„Du, Papa, wenn ich nur einen einzigen Wunsch hätte, würdest du mir den erfüllen?“
„Wenn ich das könnte, dann würde ich es tun. Was wünscht du dir denn?“
„Ach, eigentlich geht es gar nicht um mich, sondern um einen Freund!“
„Erzähl doch mal!“
„Mein Freund der Schneemann draußen wünscht sich auf einer Blumenwiese zu stehen!“
„Wie soll das gehen, es ist doch Winter!“
„Das habe ich ihm auch gesagt, aber er meint, dass es sein einziger Wunsch sei und den möchte ich ihm so gern erfüllen!“, sagt Julius traurig und eigentlich will er gar nicht weinen. Doch da ist es schon passiert, die Tränen kullern die Wangen hinunter.
Papa reicht ihm ein Taschentuch, das er aus der Hosentasche gezaubert hat.
„Mama hätte bestimmt eine Idee“, jammert er. Doch Mama ist nicht da, sie macht eine Kur im Schwarzwald und ist ganz weit weg.
„Vielleicht hätte sie das. Ruf sie doch am Abend mal an!“, schlägt Papa vor.
Plötzlich beginnen Julius’ Augen zu leuchten. Er rast in sein Zimmer und ist in nullkommanichts wieder da. In der Hand hat er ein Bild von Mama.
„Ich hab’s!“, ruft er. „Abends wünsche ich mir immer, dass Mama bei mir ist. Da sie aber nicht kommen kann, nehme ich ihr Bild und schaue es so lange an, bis mir ganz warm wird, vor lauter Liebe und dann geht es mir gleich besser!“
„Das ist schön! Aber was hat das mit dem Schneemann zu tun?“
„Ich male ihm ein Bild und auf dem Bild steht er auf einer bunten Blumenwiese. Das ist dann fast so, als wäre es wahr!“
Papa ist stolz auf seinen Julius und es rührt ihn beinahe zu Tränen, wie klug und gefühlvoll der kleine Mann ist.
Nachdem die beiden den Tisch abgeräumt haben, hilft Papa dabei, ein wunderbares Bild zu malen und später bringt Julius es in den Garten, zu seinem Schneemann. Papa knipst ein Foto vom Schneemann, Julius und dem Blumenwiesenbild und das schicken sie dann zu Mama.
Die wird sich freuen!

© Regina Meier zu Verl 2015

Engel unter sich (ein kleines Hörspiel für Zwei)

Wolkenhimmel

Zwei Engel, ein junger und ein älterer, sitzen auf einer dicken Wolke. Es ist kurz vor Weihnachten. Die beiden ruhen sich aus, denn sie haben für die Festvorbereitungen kräftig gearbeitet.

Kleiner: Na du!

Großer: Na du? Was soll das denn heißen?

Kleiner: Wollte nur mal Hallo sagen, mir ist so langweilig hier!

Großer: Mmh, ja, ein bisschen langweilig ist mir auch! Hast du denn auch schon alle Aufgaben erledigt?

Kleiner: Klar, ich war in diesem Jahr in der Backwerkstatt. Ich kann dir sagen: tonnenweise Mehl haben wir da verarbeitet. Junge, war das eine Arbeit!

Großer: Ein bisschen Respekt bitte, ich bin kein Junge, ich bin ein Engel, ein alter dazu.

Kleiner: Sorry, habe ich doch nicht böse gemeint. Weißt du, ich mag dich doch!

Großer: So? Mmh, ja, wie soll ich es sagen?

Kleiner: Sag einfach wie dir der Schnabel gewachsen ist …

Großer: Ich habe aber keinen … ach egal. Ich wollte sagen, dass es mich freut, wenn du mir sagst, dass du mich magst! Hat mir lange keiner mehr gesagt!

Kleiner: Oh, dann wurde es ja Zeit. Sollen wir ein bisschen singen?

Großer: Ach nein, weißt du, meine Stimme ist etwas kratzig. Früher konnte ich schön singen, da war ich sogar im Engelchor. Ach, was haben wir schöne Konzerte gegeben.

Kleiner: Toll. Ich spiele in diesem Jahr im Orchester mit, darauf freue ich mich schon sehr. Morgen haben wir wieder eine Probe. Ich muss gleich noch ein bisschen üben. Spielst du mit?

Großer: Ich kann das nicht und um es zu lernen bin ich wohl schon zu alt! Schade!

Kleiner: Ach was, du bist doch nicht alt. Alles kann man lernen, man muss es nur wollen!

Großer: Meinst du?

Kleiner: Meine ich!

Der junge Engel zieht seine Flöte hervor und einen Putzstab. Er fängt an, das Instrument zu reinigen.

Großer: Was machst du da?

Kleiner: Ich reinige meine Flöte, weißt du, sie muss von innen immer gut ausgewischt werden, sonst verändert sich das Holz und dann klingt sie nicht mehr schön. Wenn ich gleich fertig bin, dann zeige ich dir, wie man spielt!

Großer: Ach, das ist vergebliche Liebesmüh, das lerne ich nie. Bin viel zu alt dafür!

Kleiner: Jetzt hör aber auf, ständig mit deinem Alter zu kokettieren. Du bist nicht alt, nur älter als ich und was macht das schon?

Großer: Wenn du meinst!

Kleiner: Meine ich!

Der junge Engel reicht dem Alten die Flöte und zieht eine weitere Flöte hervor.

Kleiner: Zuuuufällig habe ich noch eine Flöte, die ist schon sauber. Wir können also loslegen.

Großer: Loslegen? Ich?

Kleiner: Ja pass auf, ich zeige es dir. Du musst den linken Daumen schön dicht auf das Daumenloch legen, guck hier hinten …

Großer: Okay, das klappt. Und dann?

Kleiner: Dann legst du den Zeigefinger auf das oberste Loch, den Mittelfinger auf das nächste und immer so weiter, bis alle Finger auf der Flöte sind. Mach mal!

Großer: So? Mach ich das richtig? Aber ich höre gar nichts!

Kleiner:Haha, du bist mir ja einer. Du musst oben reinpusten, sonst hört man natürlich nichts, ist doch klar!

Großer: Ach so, ja, warte, ich versuche es mal! (Er spielt ein paar Töne) Klingt schaurig! So wird das nichts, glaube ich!

Kleiner: Nicht so ungeduldig – wir haben ja etwas ganz Wichtiges vergessen!

Großer: Was denn?

Der kleine Engel fasst in seine Tasche und holt etwas Sternenstaub heraus, er pustet ihn über beide Flöten!

Kleiner: So, nun kann es losgehen, was spielen wir?

Großer: Weiß ich doch nicht, sag du!

Kleiner: Für den Anfang was Leichtes … eins, zwei drei vier

Die beiden spielen „Alle Jahre wieder“, es klappt ganz gut!

Großer: Ich bin beeindruckt, das hätte ich nicht gedacht, dass das so gut klappt.

Kleiner: Du bist eben cool!

Großer: Cool?

Kleiner: Talentiert, meinte ich.

Großer: Meinst du?

Kleiner: Meine ich!

Sie nehmen wieder die Flöten. der Kleine zählt an. Sie spielen: Hört der Engel helle Lieder, es klingt wunderbar.

Kleiner: Ich werde vorschlagen, dass du im Orchester mitspielen kannst!

Großer:Das wäre wunderbar. Schon immer wollte ich in einem Orchester mitspielen. Danke, kleiner Engel, du bist …

Kleiner: Cool?

Großer: Ja, genau!

Kleiner: Wenn du meinst!

Großer: Meine ich!

© Regina Meier zu Verl

Die drei Glocken

Die drei Glocken

Im ersten Türchen fanden wir eine kleine goldenen Glocke und hörten die Geschichte vom Glöckchen, das im Glockenturm einer kleinen Bergkapelle sein Zuhause gehabt hatte. Am Sonntag vor dem Gottesdienst ertönten immer die beiden großen Glocken und der Klang des kleinen Glöckchens ging darin unter, so dass niemand hören konnte, welch silberhelles Stimmchen die Kleine hatte. Trotzdem läutete sie voller Inbrunst, denn sie wusste, dass sie wie Lie-be klang, Lie-be, Lie-be, Lie-be. War das nicht das Wichtigste auf der Welt? Die Liebe!
„Spiel dich nicht so auf, Kleine, tönte die dicke Glocke, die alle anderen übertönte. Es ist der Glaube, der am wichtigsten ist. Ja, ja, der Glaube!“ Sie legte sich noch einmal so richtig ins Zeug und die Kinder, die vor der Kirche standen legten die Hände auf die Ohren, so laut war sie.
„Und was ist mit mir?“, fragte die dritte Glocke, die ein wenig kleiner war als die Dicke, aber immer noch laut genug, um die kleine Glocke zu übertönen. „Ich bin die Hoffnung und ohne die Hoffnung geht gar nichts!“
Es stimmt nicht, dachte die kleine Glocke, aber sie schwieg. Wusste sie doch genau, dass die Liebe, war sie als Glöckchen auch noch so klein, die Größte von allen war, was ihre Bedeutung betraf. Aber sie liebte ja ihre beiden Freunde und deshalb ließ sie diese gewähren.
Langsam klangen sie aus, die Gottesdienstbesucher waren alle in der Kirche, als die Hoffnungsglocke leise sagte: „Bald ist wieder Weihnachten, ich hoffe sehr, dass es friedlich sein wird, hier und überall auf der Welt!“
„Das möchte ich so gern glauben“, flüsterte die Glaubensglocke. „Aber denkt doch mal an die vielen traurigen Erlebnisse dieses Jahres. Da kann einem angst und bange werden, findet ihr nicht auch?“
Beinahe hätten die beiden anderen Glocken genickt, aber das durften sie nicht, weil sie erst am Ende der Sonntagsfeier wieder läuten durften.
„Vielleicht“, wisperte die kleine Glocke, „vielleicht sollten wir einmal alles anders machen, nicht mehr schweigen und uns fügen, sondern die Menschen darauf aufmerksam machen, wie wichtig Glaube, Liebe und Hoffnung sind. Was meint ihr?“
„Sie hat recht!“, meinte die Dicke und auch die Mittlere stimmte zu. „Ja, wir sollten nicht mehr schweigen. Kleine Glocke, fang du an und wir stimmen dann leise mit ein. Wie findest du das?“
So kam es, dass die kleine Glocke zunächst ganz allein ihr Lie-be, Lie-be, Lie-be erklingen ließ, ganz fein und leise klang das und die Menschen horchten auf. Und als die mittlere Glocke einstimmte, da staunten alle, die es hören konnten und das war weithin möglich. Schließlich setzte die große Glocke ein und man hörte das Geläute der drei weit über den Ort hinaus. Die Menschen blieben stehen und lauschten andächtig.
„Jetzt kann Weihnachten werden!“, sagte der alte Michel, der zum ersten Mal nach vielen Jahren ein Lächeln auf den Lippen hatte. „Glaube, Liebe und Hoffnung, diese drei“, flüsterte er und schaute glücklich in den Winterhimmel.

© Regina Meier zu Verl

Die drei Glocken – Bild Regina Meier zu Verl (nach einem Tutorial von happypaintingclub)

Silver, der kleine Engel

Silver, der kleine Engel

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Der kleine Engel Silver trottete traurig durch den verschneiten Winterwald. Eiskalte Füße hatte er, daran konnten auch seine heißen Tränen nichts ändern. Er hätte fliegen können, doch dazu fehlte ihm die Kraft.
Es war Nacht. Glücklicherweise schien aber der Vollmond hell auf den glitzernden Schnee. So schön sah das aus, doch Silver nahm es nicht wahr.
„Nun sag mal“, sagte der kleine Fuchs, der plötzlich mitten auf dem Weg stand. „Was ist denn nur mit dir los? Du weinst ja zum Herzerbarmen!“
„Stimmt“, schluchzte der Engel. „Es ist aber auch alles so furchtbar traurig!“
„Kann ich dir helfen?“, fragte der Fuchs.
„Mir kann niemand helfen!“, heulte Silver und schon wieder tropfen dicke Tränen in den Schnee.
„Lass es mich doch versuchen“, schlug der Fuchs vor. Er setzte sich vor die Füße des kleinen Engels und schlug seinen buschigen Schwanz um seine Vorderpfoten. Sehr anmutig sah das aus. Silver, der noch nie einen Fuchs aus der Nähe gesehen hatte, war beeindruckt von dessen Eleganz.
„Wie schön du bist!“, rief er bewundernd aus und das meinte er auch ganz ehrlich.
Der Fuchs lächelte, das Kompliment freute ihn.
„So schöne Worte für mich von einem so schillernden Wesen wie dir“, schmeichelte er. „Dabei bist du viel schöner als ich. Dein silbernes Engelshaar leuchtet im Dunklen. Jeder Stern müsste vor Neid blass werden.“
Silver überlegte einen Moment. Sollte der Fuchs etwa recht haben? Doch mit dem winzigen Hoffnungsfünkchen stellten sich schon im nächsten Augenblick heftige Zweifel ein.
„Das mag sein, aber alles an mir ist falsch. Alle anderen Engel sind von goldener Farbe, ihr Haar, ihre Gewänder, ihr Sternenschmuck im Haar. An mir ist alles Silber. Das ist nicht richtig und deshalb bin ich so unglücklich!“
„Tja“, sagte der Fuchs. „Du musst lernen, dich selbst zu lieben. So mache ich das auch und deshalb bin ich ein glücklicher Fuchs.“
„Ich werde es versuchen“, versprach der kleine Engel halbherzig.
„Gut“, sagte der Fuchs. „Denk immer an meine Worte! Mach‘s gut, kleiner Engel!“
Der Fuchs erhob sich und ging seines Weges. Erst jetzt bemerkte Silver, dass der hübsche Fuchs das linke Hinterbein schwerfällig hinter sich herzog.
Lange schaute er ihm nach und er schämte sich. Er jammerte und jammerte, nur wegen seiner Farbe und der Fuchs, der offensichtlich ein schweres Schicksal zu tragen hatte, strahlte Zuversichtlichkeit und Glück aus.
„Warte, Fuchs!“, rief Silver laut. „Lass mich ein Stück mit dir gehen!“
Doch der Fuchs drehte sich nicht um und er wartete auch nicht auf den kleinen Engel. Also ging Silver allein weiter. Er hatte aufgehört zu weinen. Auch die Last auf seinen Schultern schien ihm plötzlich nicht mehr so schwer zu sein. Vorsichtig hof er seine Flügel an und hob sich in die Luft.
„Ich kann es wieder“, jubelte er. „Ich bin gut, so wie ich bin. Das werde ich von nun an beherzigen und dann wird sich erfüllen, was mir mein Freund Gabriel prophezeit hat, der gesagt hatte: „Kleiner Engel Silver, Engel werden mit ihrem Namen geboren und wie dein Name, ist auch alles weitere an dir silbern. Das ist kein Zufall, sondern Bestimmung. Eines Tages wirst du wissen, was das zu bedeuten hat.“

Was es damit auf sich hatte, das werden wir auch schon bald erfahren, denn das ist schon wieder eine neue Geschichte von Silver, dem kleinen silbernen Engel.

„Silver, der kleine Engel“ weiterlesen

Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen
Das sind die Wörter, die es diesmal zu verarbeiten galt. Bei mir ist eine neue Oma Betty Geschichte draus geworden, wie immer mit viel Wahrheit drin aber auch jeder Menge Fantasie.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore – Lores Märchenzauber
Martina – Von Herz zu Herz Geschichten

Oma Betty und die Wollmäuse

„Oma, was ist denn eigentlich in dieser großen runden Schachtel dort oben auf dem Kleiderschrank?“
Maila war wieder einmal bei Oma Betty zu Besuch und half ihr, die Betten neu zu beziehen. Das machten sie gern zusammen, denn Maila liebte es so sehr, zwischen Oma und Opa im frisch duftenden Bett zu liegen. Als sie gerade auf der Matratze herumhüpfte, sah sie oben auf dem Schrank diesen rosa-weiß gestreiften Karton und schon war die Neugier geweckt.
„Könnte es wohl sein, dass da mein Weihnachtsgeschenk drin versteckt ist?“, fragte sie.
Oma Betty lachte.
„Aber Kind, die Geschenke bringt doch das Christkind, nicht wahr?“
Maila grinste, dabei wurde ihre große Zahnlücke sichtbar.
„Oma, ich weiß genau, dass es ein Christkind gibt, aber die Geschenke, die kommen doch von euch, gib es zu!“
„In dieser Schachtel ist auf jeden Fall kein Geschenk für dich!“, verriet Oma und zog den großen Bezug über das dicke Federbett.
„Für jemand anderen vielleicht?“, wollte Maila wissen.
Oma Betty schüttelte den Kopf. „Auch nicht für jemand anderen!“, sagte sie.
„Oma, nun sag schon. Was ist drin?“ Maila konnte es fast nicht mehr aushalten, so neugierig war sie.
„Lass uns zuerst die Betten fertigmachen. Dann holen wir Opa, denn ich bin zu klein, ich komme gar nicht ran an die Schachtel und ehrlich gesagt: ich traue mich auch nicht!“
„Wieso? Ist da was Gefährliches drin?“ Maila sah ihre Oma mit weit aufgerissenen Augen an.
„Eigentlich nicht, aber neulich, da hat es so komisch geknarzt in der Nacht, vielleicht haben sich Mäuse dort oben eingerichtet. Opa meint, das sei unmöglich, aber ich schwöre, ich habe etwas gehört!“ Oma Betty hatte sehr leise gesprochen, so, als wollte sie nicht, dass die Mäuse hörten, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war. Oh je, das war spannend.
„Soll ich Opa schon holen?“, fragte sie.
„Ja, mach das und sage ihm, dass er die Trittleiter mitbringen soll und verrate nicht, dass ich dir von den Mäusen erzählt habe. Dann sagte er nämlich wieder: Das kann gar nicht sein!“
Maila kicherte. Das war nämlich einer von Opas Lieblingssätzen. Immer wieder kam der zum Einsatz, besonders dann, wenn er keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, was in seinen Augen Unsinn war.
Wenn aber seine Enkelin um etwas bat, dann fackelte er nicht lange, sondern tat, was sie wollte. Er schnappte sich also die Trittleiter und gemeinsam gingen sie zu Oma ins Schlafzimmer.
„Wo brennts?“, fragte er.
„Gar nicht!“, sagte Oma. „Ich wollte dich bitten, die Schachtel vom Kleiderschrank zu holen und bei der Gelegenheit könntest du kurz Staub wischen da oben, ich komme so schlecht da ran!“, sagte Oma.
Opa stellte die Leiter auf und kletterte hoch. Er schnappte sich die Schachtel und musste prompt niesen, so staubig war es auf dem Schrank. Oma nahm die Schachtel an, wischte sie ab und reichte den Lappen an Opa weiter.
„Oh, oh“, schimpfte er und nieste erneut. „Mäuse, Wollmäuse, jede Menge!“
Oma Betty kreischte und verließ den Raum. Maila, die keine Angst vor Mäusen hatte, wäre am liebsten gleich mit auf die Leiter geklettert und hätte sich die niedlichen Wollmäuse angeschaut.
Opa lachte.
„Mailakind, hol Oma zurück. Es sind keine echten Mäuse, schau!“ Er zeigte Maila einen Knubbel aus Staub.
Oma war längst wieder da. „Igitt!“, rief sie. Da sollte ich mich wohl schämen!“ Sie hatte einen kleinen Eimer mit Wasser und einen frischen Putzlappen mitgebracht und Opa wischte nun den gesamten Kleiderschrank sauber. Das lohnte sich so richtig!
Oma befreite die Schachtel vom restlichen Staub und dann war es endlich so weit. Maila durfte den Deckel abheben.
In der Schachtel lag ein riesiger weißer Hut. „Mein Hochzeitshut“, flüsterte Oma Betty und hob den Hut aus seiner Schachtel.
„Ein Hochzeitshut? Das habe ich noch nie gesehen!“, meinte Maila, betrachtete aber den Hut ehrfürchtig, immerhin war er ja schon alt, mindestens hundert Jahr oder so.
„Setzt du ihn bitte mal auf, Oma!“, bat sie. Doch das wollte Oma nicht, lieber wollte sie Maila Bilder von der Hochzeit zeigen.
„Weißt du, der Hut ist nämlich magisch, wenn man ihn trägt, muss man tanzen, die ganze Nacht lang. So war das jedenfalls bei unserer Hochzeit und jetzt machen das meine müden Gelenke nicht mehr mit!“, versuchte Oma zu erklären.
Opa lachte schallend.
„Ich höre immer „müde Gelenke“, das kann ja wohl nicht sein, oder? Zwei Mal in der Woche gehst du zum Sport, einmal zum Yoga und im Sommer schwimmst du jeden Morgen – von Müdigkeit keine Spur, also setz den magischen Hut auf, mach uns die Freude!“
„Also gut!“ Oma setzte den Hut auf, fing an zu singen, schnappte sich Opa und tanzte mit ihm durchs Schlafzimmer. Und Maila? Die machte mit! Später waren alle drei aus der Puste und ließen sich ins frisch bezogene Bett fallen, aber nur ein Viertelstündchen …

© Regina Meier zu Verl

Die Reise der Stare

Die Reise der Stare (Oma Betty)
Opa Heinz schiebt seinen Strohhut in den Nacken. Die Daumen klemmt er in die Gürtelschlaufen seiner Cordhose und dann schaut er in den Himmel.
Ich renne ins Haus, hole meinen Strohhut, den Oma Betty mir beim letzten Flohmarktbesuch spendiert hat, und mache es Opa nach.
Ich stelle mich neben ihn, blicke zum Himmel hinauf und warte ab.
„Guck!“, sagt Opa. Das ist das Zeichen dafür, dass er mit gleich eine Geschichte erzählen wird. All seine Geschichten fangen so an und ich liebe sie alle. Sehr sogar!
„Guck!“, sagt er noch einmal. „Da oben versammeln sich die Stare. Es werden nun jeden Tage ein paar mehr werden, bis sie sich auf die große Reise machen!“
Ich sehe ein paar schwarze Vögel am Himmel und frage mich, woher Opa das weiß.
„Wie kannst du das wissen?“, frage ich.
„Es ist immer gleich. Anfang September versammeln sie sich, das haben sie schon im Sommer eifrig geübt. Sicherlich machen sie eine Lagebesprechnung, bevor sie losfliegen!“, sagt Opa. Er zieht einen Daumen aus der Gürtelschlaufe und deutet mit der freigewordenen Hand nach oben. „Guck, da kommen noch welche!“
Tatsächlich! Immer mehr Stare kommen dazu und schon bald bildet sich eine dunkle, hin und her wabernde Wolke. Ich finde, das sieht beinahe ein wenig gespenstig aus.
„Haben sie einen Anführer?“, will ich nun wissen. Aber das weiß Opa auch nicht so genau.
„Das muss ich nachlesen, auf jeden Fall ist es nicht so wie bei den Wildgänsen, die haben eine Leitgans, die vorweg fliegt!“ erzählt er mir und gleich kommen mir auch die Kraniche in den Sinn, die am Himmel eine riesige Eins bilden, wenn sie auf die Reise gehen.
Am Abend lesen Opa und ich nach, wie das bei den Staren ist. Wir lernen, dass es keinen Leitstar gibt und dass die Vögel gut aufeinander achtgeben während ihres Fluges. Jeder einzelne orientiert sich an bis zu sieben seiner Nachbarn. Und irgendwie wissen sie, wohin sie müssen. Ist schon ein kleines Wunder, finde ich. Opa liest noch vor, dass die Stare gemeinsam in Baumkronen übernachten, bevor es am nächsten Tag weitergeht.
Ich würde auch gern mal auf einem Baum übernachten, am besten mit all meinen Freunden. Am Morgen würden wir dann auch zu einer großen Reise aufbrechen. Allerdings sollten wir besser ein Navi mitnehmen, denn so ortskundig wie die Stare sind wir nicht.
© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle papaya45/pixabay

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle congerdesign/pixabay

Wie viele Beine haben Spinnen?

Wie viele Beine haben Spinnen?

Nur mit viel Mühe gelingt es Enya, den schweren Eichenstuhl vor das Bücherregal zu schieben. Als sie es geschafft hat, klettert sie auf die Sitzfläche und versucht, das Buch mit den tollen Tierzeichnungen zu erreichen. Leider sind die Arme zu kurz. So sehr Enya sich auch reckt und streckt, es gelingt ihr nicht, das Buch zu fassen.
Die Stehleiter fällt ihr ein. Die müsste im Keller sein. Enya wuchtet den Stuhl wieder an seinen Platz. Im Keller findet sie die Leiter, doch sie ist zu lang und zu schwer. Unmöglich ist es, diese die Treppe nach oben zu schieben.
Enya überlegt. Was könnte sie denn noch probieren? Sie möchte unbedingt das Buch haben, weil ihr so langweilig ist und Mama würde erst in zwei Stunden nach Hause kommen. Papa sitzt in seinem Büro; ihn darf sie nur im Notfall stören. Ist das nun ein Notfall? Wahrscheinlich nicht.
Andererseits ist es aber doch wichtig, denn Enya soll für den Sachunterricht in der Schule eine Spinne zeichnen und sie kann sich einfach nicht erinnern, ob eine Spinne sechs oder acht Beine hat. Deshalb beschließt sie, doch den Vater zu stören.
Zaghaft klopft sie an die Tür und wartet auf das „Herein“, das mürrisch klingt, nachdem sie das dritte Mal angeklopft hat.
„Papa, könntest du mir kurz helfen?“, bittet Enya. Papa seufzt. „Warte einen Moment, ich möchte gerade noch diesen Satz zu Ende schreiben“, antwortet Papa und tippt weiter. Enya setzt sich auf das rote Sofa, das in Papas Arbeitszimmer steht. Ihr ist ein wenig kalt, deshalb schnappt sie sich die Decke, die am Fußende bereit liegt. Papa hämmert hingebungsvoll auf der Tastatur herum. Lustig klingt das, fast wie ein Lied, denkt Enya und lauscht. Sie denkt sich einen Text dazu aus:

Tipp, tipp, tipp, tipp – schnurrdiburr,
Kätzchen tanzt auf der Tastatur.
Schreibt dort viele Wörter hin,
doch es liegt kein Sinn darin.
Tipp, Tipp, Tipp, Tipp, schnurrdiburr,
Kätzchen tanzt auf der Tastatur.

So ein Lied beruhigt. So sehr, dass Enya richtig müde davon wird. Sie kuschelt sich ein und schließt die Augen. Es dauert nicht lange, da ist sie eingeschlafen. Und Papa? Der hat seine Tochter ganz vergessen. Natürlich nicht wirklich, nur so lange, bis Mama nach Hause kommt.
Während die Eltern das Mittagessen zubereiten, blättert Enya im Tierlexikon, stellt fest, dass Spinnen acht Beine haben und macht eine wunderbare Zeichnung für den Sachunterricht. Das Stündchen Schlaf hat ihr gut getan und weil Papa ein schlechtes Gewissen hat, geht er am Nachmittag mit ihr zum Sportplatz, wo sie eine Runde bolzen. Klasse!

© Regina Meier zu Verl

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