Sterne am Birnbaum

Heute haben Nora und ich besprochen, dass wir gemeinsam eine Geschichte schreiben möchten. Nora hat das Thema vorgegeben und ich habe geschrieben. Nora ist ja erst 3,5 Jahre alt, die Fantasie funktioniert, aber mit dem Schreiben müssen wir noch ein wenig warten (glücklicherweise)

Sterne am Birnbaum
„Ich wünsche mir, dass auf dem Birnbaum Sterne wachsen!“, sagt Nora zu Oma. Die beiden machen während einer Regenpause einen Spaziergang durch den Garten und Oma erklärt, was für Bäume und Sträucher sich da finden. Noch ist alles kahl, aber schön bald werden die Forsythien und Magnolien blühen und auch die Obstbäume werden nach und nach voller Blüten sein.
„Ach, das wird schön!“, seufzt Oma und kann es kaum noch erwarten. Auch Nora freut sich auf den Frühling, wenn sie endlich wieder im Garten herumtollen darf und die Sonne sie wärmt.
„Oma, was wird schön? Wenn Sterne auf dem Birnbaum wachsen? Meinst du, das könnte klappen, wenn ich es mir ganz fest wünsche?“, fragt Nora.
„Wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann kann es sein, dass es in Erfüllung geht“, meint Oma. „Aber manchmal funktioniert es auch nicht! Warum wünschst du dir Sterne am Birnbaum?“, will Oma jetzt wissen.
Als sie keine Antwort bekommt, fragt Oma weiter: „Möchtest du diese Sterne auch essen, oder sollen sie einfach nur leuchten wie die Sterne am Himmel?“
„Sie sollen im Garten Licht machen, ich mag es doch nicht so, wenn es dunkel ist. Und ab und zu könnte man mal einen essen. Die schmecken dann sicher lecker!“, sagt Nora und reibt sich ihren kleinen Bauch.
„Warten wir einfach mal ab. Zuerst muss der Baum blühen und die Bienen müssen kommen und die Blüten bestäuben und dann können die Früchte wachsen. Das alles dauert noch bis zum Spätsommer. Vorher dürfen wir uns aber schon auf Kirschen und Frühäpfel freuen“, schwärmt Oma und sie hat auch schon eine Idee, wie demnächst Sterne auf dem Birnbaum wachsen könnten, aber zuerst … ihr wisst schon: zuerst müssen wir geduldig auf die Blüte warten.
Bis zum Spätsommer möchtet ihr nicht warten? Verstehe ich, deshalb verrate ich Omas Gedanken. Also, zuerst wird Oma mit Nora geduldig auf die Blüte warten und die Bienen beobachten und dann wird sie sehen, wie winzig kleine Birnen heranwachsen und wenn sie dann feststellt, dass keine Sterne dabei sind, obwohl sie es sich doch ganz fest gewünscht hat, dann wird sie nachhelfen – aber nur dann. Wie? Sie wird eine Lichterkette in den Baum hängen, eine mit Sternen natürlich, die kann man zwar nicht essen, aber das Problem mit der Dunkelheit wird sie lösen. Genial, oder?

© Nora & Regina Meier zu Verl

Von Meisen und Mäusen

Von Meisen und Mäusen

„Blaumeisen und Kohlmeisen sind auf jeden Fall täglich da, auch mehrere Rotkehlchen kommen immer wieder und die frechen Spatzen sowieso!“, erzählt Oma, die nichts mehr liebt, als vom Esszimmerfenster aus die Besucher auf ihrer Terrasse zu beobachten.
„Und die großen dicken da vorn, was sind das für Vögel?“, will Lio wissen und klopft an die Scheibe. Im Nu sind alle gefiederten Freunde verschwunden.
„Hey, du darfst sie nicht stören beim Fressen, sie haben doch Angst vor uns!“, schimpft Oma.
„Oh, das wollte ich nicht!“, sagt Lio schuldbewusst.
„Die Großen, das sind Drosseln“, erklärt Oma. „Die schaffen es nicht, an die Meisenknödel zu kommen und auch das kleine Futterhäuschen ist für sie schlecht zu erreichen, deshalb streue ich für sie immer ein wenig Futter auf den Schnee. Das darf aber der Opa nicht sehen, dann schimpft er mit mir!“, erzählt Oma und lacht.
„Warum das denn?“, will Lio wissen.
„Weil er sagt, dass ich die Mäuse damit anlocke und wenn sich dann mal eine im Haus verirrt, dann ist das meine Schuld, behauptet Opa.“
Nun muss auch Lio lachen. „Das ist doch Quatsch. Hast du schonmal in Opas Pferdestall geguckt? Da wohnen unzählig viele Mäuse, die fressen alles, was sie kriegen können, die kleinen Schelme!“
„Und die verirren sich natürlich nicht im Haus, die hat Opa erzogen, nicht wahr?“ Oma lacht zwar noch, aber ein bisschen ärgerlich wird sie nun doch.
„Na warte, mein Lieber!“, sagt sie drohend und meint damit nicht den Lio.
„Aber verrate nicht, dass ich dir das erzählt habe!“, bitte Lio.
„Ach was, das wusste ich doch längst“, sagt Oma. „Hast du Lust, eine Runde mit mir spazieren zu gehen?“, fragt sie und da ist Lio sofort dabei. Schnell ziehen die beiden ihre Winterstiefel, die dicken Jacken und Handschuhe an und Omas selbstgestrickte Mützen wärmen die Ohren.
„Was hast du im Sinn, Oma?“, fragt Lio, der seine Oma ganz schön gut kennt. Wenn sie freiwillig rausgeht, ohne im Garten zu arbeiten, was ja jetzt im Winter nicht möglich ist, dann braucht sie die frische Luft als Treibstoff für ihren Kopf. So hat sie ihm das einmal erklärt und oft entstehen dann nach den Spaziergängen Geschichten.
„Na, was werde ich wohl im Sinn haben?“ Oma lacht. „Eine Geschichte!“
Lio strahlt. Er mag Omas Geschichten sehr und meist ist er der Erste, der sie hören oder lesen darf.
„Worum geht’s diesmal?“, fragt er neugierig.
„Rate!“ Oma grinst, kein Anflug mehr von schlechter Laune.
„Geht’s um die Vögel auf der Terrasse?“
„Nein, die habe ich schon so oft für meine Geschichten verwendet!“
„Geht’s um Opa?“
„Nur ein bisschen, auf jeden Fall wird es eine Geschichte werden, die Opa zu denken geben wird – oder die ihn ärgert, je nachdem!“
„Du machst es aber spannend!“ Jetzt möchte Lio doch gern wissen, was Opa ärgern könnte, ob Oma ihn doch verraten würde. Nein, das sah ihr gar nicht ähnlich, vor allen Dingen dann nicht, wenn sie etwas versprochen hatte. Auf Oma war Verlass, immer.
Eine Weile schweigen beide. Dann sagt Oma: „Die Geschichte der Terrassen- und Stallmäuse! Das ist der Titel, damit du weißt, um was es geht und nun hilf mir beim Denken!“, fordert sie Lio auf und der schnattert auch sofort los.
„Es waren einmal ein paar Terrassenmäuse und viele, viele Stallmäuse…“

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Glück*

Vom kleinen Glück

Das kleine Glück saß auf dem Marktplatz und fror. Ach, es war so bitterkalt an diesem letzten Tag des Jahres. Worauf aber wartete das kleine Glück? Es hätte doch einfach in irgendein Haus gehen können, oder in die Kirche, die war immer geöffnet. So einfach war die Sache aber nicht. Das kleine Glück wartete darauf, dass es jemand aufhob und annahm, denn nur dann konnte es seine Kräfte entfalten.

Viele Menschen gingen an ihm vorbei. Sie nahmen es gar nicht wahr, das Glück auf dem Marktplatz. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Sie schauten nicht nach rechts und nicht nach links. Sie hatten keine Zeit für einen Gruß, geschweige denn für ein Lächeln. Sie eilten von einem Kaufhaus ins andere und kamen mit prall gefüllten Taschen wieder heraus. Das kleine Glück verstand nicht, warum die Menschen so viele Sachen nach Hause schleppten. Ihre Gesichter machten einen gequälten Eindruck, von der schweren Schlepperei.
Schon vor Weihnachten hatte das kleine Glück das beobachtet und letztendlich niemanden gefunden, an den es sich verschenken konnte. Lediglich Bruno, der alte Setter, der nachts durch die Straßen streunte, hatte das Glück beschnuppert, angenommen und sich mit ihm auf die Suche nach etwas Essbarem gemacht. Und da er das Glück bei sich hatte, fand er im Hinterhof des Restaurants einen dicken Knochen.
Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter über den Marktplatz. Kaum konnte es den schnellen Schritten der Frau folgen. Doch die hatte es eilig. „Komm, Marie, wir wollen doch noch ein Tischfeuerwerk kaufen, für die Silvesterfeier morgen!“, sagte sie und zog Marie mit sich fort. „Wir brauchen noch Luftschlangen, Glücksschweinchen, Kleeblätter für die Tischdekoration und noch so allerhand Sachen.“
Marie war müde und sie hatte Hunger. Sie hatte auch keine Lust mehr, hinter der Mutter herzulaufen. Ihre kleinen Füße schmerzten. Wie gern hätte sie sich irgendwo hingesetzt und eine heiße Schokolade getrunken, denn kalt war ihr auch. Traurig schaute sie vor sich auf den Boden.
Plötzlich entdeckte sie ein Glitzern im Schnee. Sie wischte sich über die Augen und schaute genauer hin. Da, da war es wieder.
Das kleine Glück hatte das Kind entdeckt und es freute sich über die Aufmerksamkeit des Mädchens. Es hatte sofort das Glitzern entdeckt, an dem alle vorbeigingen und es nicht wahrnahmen. Erfreut hüpfte es in Maries Manteltasche. Das Kind hatte das bemerkt, aber es sagte kein Wort. Gut fühlte es sich an, warm und einfach nur schön.
„Marie, wir sollten eine Pause machen. Sicher ist dir kalt und du bist müde, stimmt’s? Komm, wir trinken einen heißen Kakao, da drüben beim Bäcker. Willst du?“, fragte die Mutter und verlangsamte ihre Schritte.
„Ja, klar, das wäre toll! Ich bin doch ein Glückskind!“, rief Marie begeistert.
Und das war sie auch, schließlich trug sie das kleine Glück in der Manteltasche spazieren. Das blieb noch eine Weile bei ihr, dann hüpfte es wieder hinaus und wartete auf den nächsten, den es glücklich machen konnte, wenigstens ein bisschen. Schließlich war es ja ein kleines Glück.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle „Braunschweig“ ArtTower/pixabay

Was Opa unterwegs so denkt

Was Opa unterwegs so denkt

Opa hatte den alten Bollerwagen mit einem Schaffell sowie bunten Decken und Kissen ausgepolstert. Er stellte eine Tasche mit Leckereien hinein, die Oma liebevoll gepackt hatte. Dann machte er sich auf den Weg, die Enkelkinder abzuholen, die sicherlich schon auf ihn warteten. Es war der vierte Advent und in der Nacht hatte es geschneit, der erste Schnee des Jahres.
Er küsste Oma und versprach, die Kinder gut einzupacken. „Ich würde ja mitkommen“, sagte Oma. „Aber du weißt ja, es gibt noch so viel zu tun vor Weihnachten und dann muss ich ja auch noch dem Christkind helfen, die Geschenke zu verpacken!“
„Ja, ja, hilf du nur dem Christkind. Ich werde schon fertig mit den beiden Spatzen. Sie werden viel Spaß haben, wenn sie meinen Bollerwagen entdecken!“, sagte Opa, setzte seine Mütze auf und machte sich auf den Weg. Oma winkte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dann ging sie ins Haus zurück und machte sich gleich an die Arbeit. Im Kühlschrank wartete noch ein Plätzchenteig, den würde sie zuerst verarbeiten.
Opa wählte den Weg am See vorbei. Wie schön es dort aussah, alle Bäume waren mit einer Zuckerschneeschicht bedeckt und der See lag ganz still da. Um diese frühe Morgenzeit gab es auch noch keine Spaziergänger, nur einzelne Tierspuren im Schnee wiesen darauf hin, dass Opa nicht ganz allein war. Trotzdem fühlte er sich ganz und gar unbeobachtet und fing an zu singen: „Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See!“ Wie gut das heute passte. Opas Herz machte einen freudigen Hüpfer, ganz nah fühlte er sich in diesem Moment dem Christkind und dem Weihnachtsgedanken zum Fest seiner Geburt.
Er erinnerte sich daran, wie es früher gewesen war, als er selbst noch ein Kind war. Die Heimlichkeiten rund um das Weihnachtsfest und die Aufregung kurz vor dem Fest fielen ihm wieder ein. Er wollte seinen Enkelkindern gern auch dieses Weihnachtsgefühl vermitteln, doch immer, wenn er ihnen vom Christkind erzählen wollte, dann wehrten die Eltern ab. „Lass doch Vater, das ist nicht mehr zeitgemäß“, meinten sie und das konnte er gar nicht verstehen. Vom Weihnachtsmann sprachen sie. Er bringe die Geschenke und er komme durch den Kamin. Opa gefiel das nicht, aber er musste sich fügen und so hielt er seine Erzählungen zu Weihnachten eher neutral.
Vom Frieden erzählte er und von der Liebe, vom Zusammenhalt in den Familien und von der Barmherzigkeit anderen Menschen gegenüber. Trotzdem liebten die Kinder seine Erzählungen aus der Zeit, in der er selbst noch Kind war und er würde es sich nicht verbieten lassen, davon zu erzählen. So wie Oma sich nicht verbieten ließ, dem Christkind zu helfen.
Es hatte wieder angefangen zu schneien. Wie gut, dass er an die Mütze gedacht hatte, denn er hatte nur noch wenige Haare und da fror man schnell am Kopf. Fröhlich marschierte er durch die verzauberte Landschaft und gelangte an die kleine Brücke unter der lustig ein kleines Bächlein dahinhüpfte.
„Hoffentlich bleiben mir noch ein paar Jahre“, dachte er wehmütig, denn wie das so ist, wenn das Herz besonders bewegt ist, dann kommt auch die Angst dazu, dass es vielleicht das letzte Mal sein könnte. „Ach, mir geht es doch gut!“, sagte Opa laut, um sich selbst zu beruhigen. Er war gesund und was sollte schon passieren?
Wieder fing er an zu singen. „Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind!“, sang er und es tat ihm gut, die alten Lieder zu singen. Seine Wangen röteten sich vor Freude und wer ihn an diesem Morgen am See gesehen hätte, der hätte einen älteren Herrn erkannt, der glücklich das Weihnachtsfest erwartete.
Als er in die Straße einbog, in der seine Tochter mit ihrer Familie wohnte, sah er schon von weitem die Kinder am Fenster. Sie drückten ihre Näschen an die Scheiben und als sie ihn mit seinem Bollerwagen entdeckten, war die Freude groß. Sofort verschwanden die kleinen Gesichter am Fenster und im nächsten Moment öffnete sich die Haustür und sie stürmten ihm entgegen.
„Papa, da bist du ja!“, rief seine Tochter und schnell scheuchte sie die Kleinen wieder ins Haus. „Zuerst die Jacken anziehen, sonst erkältet ihr euch noch. Der Opa kommt ja rein zu uns!“
Aber das war Wunschdenken. Es war nicht daran zu denken, den Opa hereinzubitten. Die Kinder waren außer Rand und Band und sie wollten endlich los, mit diesem wunderbaren Gefährt.
Also wurden beide warm eingepackt und mit ein paar Ermahnungen konnten die Drei sich auf den Weg zu Oma machen.
„Wir kommen später nach! Ich muss zuerst noch dem Christkind etwas helfen“, versprach Mama. Auch sie winkte, bis Opa und Kinder nicht mehr zu sehen waren, genau wie ihre Mutter am Morgen, dachte Opa und was hatte sie gerade gesagt? Sie wollte dem Christkind helfen?
Opa grinste, eine breites zufriedenes Grinsen, das anhielt, bis er mit den Kindern bei Oma zu Hause angekommen war. Zwischendurch hatte er aber den Enkelkindern die Schönheit der morgendlichen Schneelandschaft gezeigt und das Lied vom Christkind, das alle Jahre wiederkommt hatten sie auch gelernt.

© Regina Meier zu Verl

Das Weihnachtstheater *

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Couleur/pixabay

Oma Socke*

Oma Socke
In unserer kleinen Stadt kannte sie jeder. Ihren richtigen Namen wusste aber fast niemand, jeder nannte sie Oma Socke. Vermutlich hatte sie für jedes Kind unserer Stadt und manchen Erwachsenen Socken gestrickt und diese Socken waren die besten und wärmsten der Welt. Ich weiß das genau, denn auch ich habe so ein Paar Socken besessen und sie gehütet wie meinen Augapfel.
Ihr denkt jetzt sicher, dass es ganz großer Quatsch ist, denn auch andere Menschen können Socken stricken und sogar die gekauften Socken wärmen die Füße und erfüllen ihren Zweck. Aber es ist wirklich kein Blödsinn, den ich euch heute hier erzähle. Das kann mir kein geringerer als der Nikolaus selbst bestätigen. Fragt ihn, wenn ihr ihn in diesem Jahr irgendwo treffen solltet. Ich bin davon überzeugt, dass ihr mir dann glauben werdet.
Was aber war das Geheimnis dieser bunt geringelten Strümpfe? Lange wusste ich das auch nicht, bis ich es vor vielen Jahren erfahren habe. Damals besuchte ich Oma Socke regelmäßig, denn sie konnte nicht nur stricken, nein, sie erzählte auch ganz wunderbare Geschichten. Ich liebte Geschichten und da meine Oma gestorben war, was mich lange Zeit sehr traurig machte, schickte meine Mutter mich zu Oma Socke. Was besseres hätte mir nicht passieren können, denn wenn ich bei ihr war, vergaß ich für eine Weile meine Trauer und irgendwann nahm ich Oma Socke beinahe wie eine eigene Oma an. Das tat uns beiden sehr gut, denn Oma Socke hatte selbst keine Enkelkinder.
„Warum wärmen deine Socken viel besser als alle anderen Socken der Welt?“, fragte ich sie eines Tages. Oma Socke lächelte, zierte sich aber noch ein wenig, mir das Geheimnis anzuvertrauen.
„Wenn ich es dir erzähle, dann ist es ja kein Geheimnis mehr!“, sagte sie. „Aber, ich bin eine alte Frau und vielleicht sollte ich es wenigstens dir erzählen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, wenn ich einmal nicht mehr da bin.“
Dieser Satz machte mir ein wenig Angst, denn Oma Socke hatte ja wohl nicht vor, meiner richtigen Oma in den Himmel zu folgen?
„Du musst bei mir bleiben!“, sagte ich deshalb traurig und das Geheimnis war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. „Ich brauche dich doch!“
Oma Socke standen Tränen in den Augen. Dabei hatte ich sie gar nicht traurig machen wollen, ich hatte doch nur eine Frage gestellt und nun waren wir beide kurz vorm Weinen.
„Ist schon gut, wir müssen ja alle mal gehen!“, sagte sie und dann lächelte sie wieder. „Pass auf, ich erzähle dir jetzt, warum meine Socken so beliebt sind. Sie haben außer der Wolle zwei Zutaten, die sie so besonders machen.“
Das klang geheimnisvoll und ich wollte nun unbedingt wissen, welche Zutaten das waren. Irgendwie klang das lustig, wie beim Backen.
„Und? Was waren das für Zutaten?“, fragte ich.
„Die erste ist die Liebe!“, sagte sie und strich liebevoll über den fast fertigen Strumpf, den sie gerade in Arbeit hatte. „Man muss beim Stricken Freude empfinden und liebevoll an denjenigen denken, für den sie bestimmt sind!“
Das konnte ich verstehen, schon deshalb, weil in meinem Zimmer ein Bild hing, auf dem folgender Spruch stand: Was man mit Liebe tut, wird immer gut! Mama hatte mir das erklärt und seitdem machte ich sogar meine Hausaufgaben mit Liebe, dann ging es mir viel leichter von der Hand. Ich sagte jetzt nicht „Ich liebe dich“ zum meinen Matheaufgaben, das wäre doch zu viel des Guten gewesen. Aber ich ging mit Freude an die Sache und Freude und Liebe liegen ja eigentlich ganz nah beieinander, oder?
„Und? Die zweite Zutat?“, fragte ich ungeduldig.
„Die habe ich vom Nikolaus empfohlen bekommen!“, behauptete Oma Socke. „Warte, ich zeige es dir!“ Sie griff nach ihrem Haarknoten, löste ihn und ihre weißen Haare fielen über ihre Schulter. Wie ein Engel sah sie plötzlich aus. Ich hätte niemals gedacht, dass Oma Socke so lange Haare hatte. Sie griff ein einzelnes Haar und zog es mitsamt der Wurzel aus. Aua! Dann nahm sie ihr Strickzeug, legte das Haar über den linken Zeigefinger, zusammen mit dem Wollfaden, und strickte es in die nächsten Maschen mit ein.
Dann erklärte sie: „Der Nikolaus hat einmal einige Paare Socken bei mir bestellt, die waren für eine arme Familie bestimmt. Am Nikolausabend wollte er die Socken in deren Stiefel stecken. Aber vergiss nicht, sagte er zu mir, eines deiner Haare in jedem Socken mit zu stricken. Das wärmt besonders gut, der Winter wird hart! Selbstverständlich habe ich seinen Wunsch erfüllt und seitdem stricke ich in jede Socke ein Haar von mir mit hinein! So ist das!“
Ihr könnt euch vorstellen, dass ich erstmal sprachlos war. Aber ich weiß genau, dass es stimmt, denn, wie gesagt, ich hatte auch mal ein Paar Socken von Oma Socke, das ich gehütet habe wie meinen Augapfel.
Jetzt kennt ihr das Geheimnis der besten Socken der Welt. Vielleicht strickt ihr ja auch, dann strickt doch mal ein eigenes Haar mit ein, vielleicht funktioniert es bei euch auch – und: vergesst die Liebe nicht!

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich dir die Geschichte vor

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Bildquelle ArtTower/pixabay

Das Christkind und die Wolldecke*

2014-12-19 15.07.56

Das Christkind und die Wolldecke

Timo liegt bäuchlings auf dem Fußboden. Er blättert in seinem Bilderbuch. Die Erwachsenen haben keine Zeit für ihn, denn die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest sind in vollem Gange. Susi, die Dackeldame hat es sich neben Timo gemütlich gemacht.
Überall im Haus wird geputzt und gewienert, geschmückt und verpackt, gebacken und gebraten. Köstlich riecht es, nach Leckereien und nach Tannenduft. Timo mag das sehr. Weihnachten ist einfach toll.
Seine gute Laune lässt sich Timo durch nichts und niemanden verderben, auch wenn er gern jemanden zum Spielen gehabt hätte. Doch mit einem Buch wird ihm nicht langweilig, denn er denkt sich zu den Bildern Geschichten aus. Manchmal passiert dann etwas, was man nicht erklären kann. So auch heute!
Timo betrachtet eine Krippenszene. Das Jesuskind ist schon geboren und liegt mit einem strahlenden Lächeln in der Krippe. Die Eltern, Maria und Josef, knien neben dem Kind. Sie sind glücklich, das sieht Timo ihren Gesichtern an. ‚Ihr habt es ja auch gut, ich muss noch auf das Christkind warten. Bei euch ist es schon da!“, flüstert Timo. Der Ochse, der im Stroh liegt, schnaubt leise und wendet sich Timo zu. Oder hat Timo sich das nur eingebildet? Nein, da schnaubt er schon wieder und dann erhebt er sich und kommt direkt auf Timo zu.
„Kannst du mich kurz kratzen, bitte? Ich habe vermutlich einen Floh und den können wir hier im Stall gar nicht gebrauchen. Schließlich ist hoher Besuch anwesend.“
Er blickt in Richtung der Könige, die ins Gebet vertieft sind.
Vorsichtig streckt Timo die Hand aus und greift ins flauschige Fell des Ochsen. Dann wird er mutiger und kratzt dem Tier den Rücken.
„Oh, das tut gut!“, schwärmt der Ochse freudig.
„Ich kann aber keinen Floh entdecken!“, stellt Timo fest.
Der Ochse lacht und wedelt mit dem Schweif.
„Dann habe ich mich wahrscheinlich getäuscht …“
„IA!“, ruft der Esel und die anderen Tiere mahnen empört zur Ruhe.
„Das Kind! Denk doch an das Kind, es braucht seine Ruhe!“, flüstert ein Schäfchen und die Hirten nicken zustimmend und legen den Finger auf den Mund, was so viel bedeuten soll, dass alle ruhig sein sollen.
Timo krault den Esel hinter den Ohren, damit er Ruhe gibt. Die Schafe rücken näher an das Kind heran. „Wir wollen es wärmen, schau nur, es ist ja fast nackt!“, erklären sie Timo.
„Wartet, ich hole eine Decke!“, schlägt Timo vor, weiß aber nicht so recht, was er dem Kind anbieten könnte. Es ist ja so winzig klein. Dann fällt ihm ein, dass seine Mama immer so kleine Deckchen strickt, Maschenproben nennt sie das. Das könnte gehen. Timo sucht in Mamas Handarbeitskorb und findet einen wolligen Lappen, der klein genug ist, um das Kind damit zuzudecken. Als er zurückkommt, hat es angefangen zu schneien in seinem Buch.
„Gut, dass du kommst ruft einer der Hirten. Hilf uns mal, wir wollen ein Fell in die Krippe legen und das Kind darauf betten. Kannst du es hochnehmen?“
Timo ist sehr aufgeregt. Das Jesuskind aufheben soll er. Das ist eine sehr große Ehre. Hoffentlich kann er das auch, wo er doch immer so tollpatschig ist. Schnell legt er die kleine Decke zur Seite und behutsam hebt er das Kind aus der Krippe und legt es in die Arme seiner Mutter. Der Hirte kleidet das Bettchen mit dem Fell aus und Maria legt das Kind wieder hinein. Dann kommt Timos Maschenprobe zum Einsatz. Vorsichtig deckt er das Kind zu. Es lächelt dankbar und Maria summt ein Schlaflied. Es dauert gar nicht lange, da ist das Jesuskind eingeschlafen, schön warm liegend auf einem Schaffell und mit einer wolligen Decken aus Mamas Strickkorb zugedeckt.
Auch Timo ist ein wenig müde geworden und weil Maria so schön singt, schläft er auch ein. Er träumt vom Christkind und den Hirten, vom Ochsen und Esel, von den Schafen und von einem kleinen Floh, der sich vorwitzig beim Dackel Susi einen neuen Platz gesucht hat. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Baumgeflüster

Hier kannst du die Geschichte auch anhören: KLICK
Baumgeflüster

„Weißt du eigentlich, dass die dicke Eiche auf unserem Hof reden kann, Opa?“, fragt Jan seinen Opa, der gerade hinter dem Schuppen eine Zaunlatte repariert.
„Klar, weiß ich das. Ist ein richtiges Plappermäulchen, die Dicke!“, sagt Opa und grinst übers ganze Gesicht.
„Du glaubst mir wohl nicht!“ Jan kennt diesen Tonfall und das dazugehörende Grinsen.
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass sie plappert!“
„Ja, aber das sagst du nur so. In Wirklichkeit denkst du, dass ich spinne!“ Jan kickt mit dem Fuß einen dicken Ast zur Seite. „Aua!“ Der Ast war härter als gedacht.
„Hast du dir was getan?“, fragt Opa besorgt. Er lässt den Hammer fallen und geht auf Jan zu. Doch der ist verärgert. Schnell läuft er davon.
„Nun warte doch, Junge! Was hat sie denn nun gesagt, die Eiche?“, ruft Opa.
„Sie sagt, dass Erwachsene blöd sind!“, antwortet Jan ohne sich umzuschauen. Im gleichen Moment tut es ihm schon wieder leid. Er wollte Opa doch erklären, wie Bäume miteinander reden, denn die plappern natürlich nicht so wie die Menschen. Aber soweit ist er ja gar nicht gekommen, gleich hat Opa das ins Lächerliche gezogen und das findet Jan blöd, sehr blöd sogar.
Jan setzt sich auf die Bank vorm Haus, zieht seinen Schuh und den Strumpf aus und reibt seinen schmerzenden Zeh. Als Opa am Haus angekommen ist, setzt er sich zu Jan auf die Bank.
„Tut mir leid!“, sagt Opa.
„Mir tut es auch leid!“, sagt Jan und dann grinsen sie beide.
„Ist dein Zeh verletzt?“, will Opa wissen.
„Nein, ich glaube nicht, sehen kann man nichts. Ist ja meine eigene Schuld!“, sagt Jan und streckt Opa den Fuß hin. „Guck du doch mal!“
Vorsichtig bewegt Opa Jans Zeh hin und her.
„Scheint alles in Ordnung zu sein!“, sagt er dann. „Vielleicht sollten wir trotzdem ein wenig mit Eis kühlen“, schlägt er vor und macht sich auf den Weg ins Haus. „Bin sofort zurück!“
Als er mit einem leckeren Eis zurückkommt, das zwar nicht den Zeh kühlt, aber Jans Zunge, ist die Welt wieder in Ordnung.

„So, und jetzt erzähl mir mal, was die dicke Eiche gesagt hat!“, bittet Opa.
„Na ja, so richtig gesprochen hat sie nicht, also so mit Worten wie wir, meine ich. Aber Bäume reden miteinander“, erklärt Jan seinem Großvater. „Heute war ein Förster in unserer Schule, der hat uns erzählt, dass die Bäume so eine Art Netzwerk haben, in dem sie sich miteinander verständigen können!“
„Wie im Internet?“, fragt Opa.
„Ja, ganz ähnlich, sie brauchen dafür aber keinen Computer, sie machen das mit Gerüchen, Geschmäckern und mit ihren Wurzeln!“, erzählt Jan.
Opa ist beeindruckt und will mehr wissen.
„Hat der Förster euch auch erklärt, wie das geht?“
„Ja, alles habe ich nicht behalten, aber gemerkt habe ich mir, die Sache mit den Raupen!“
„Igitt, ich mag keine Raupen!“, meint Oma, die gerade aus dem Haus kommt.
„Setz dich zu uns, der Jan erklärt mir gerade wie die Bäume miteinander reden!“, sagt Opa und klopft mit der flachen Hand auf die Bank. „Komm!“
Jan erzählt weiter: „Wenn eine Raupe an einem Blatt knabbert, dann ist das für den Baum eine Verletzung. Es tut ihm weh. Also wehrt er sich!“
„Ach ja? Was macht er denn? Schüttelt er sich?“, fragt Oma lachend.
„Du sollst den Jungen ernst nehmen!“, schimpft Opa. „Rede weiter, Jan!“
„Er schüttelt sich nicht, das kann er gar nicht, dazu braucht er Wind. Bäume, die sich von sich selbst aus schütteln können, gibt es nur im Märchen!“ Jan erinnert sich, dass der Förster das auch gesagt hat. „Auch kann ein Baum keine Geräusche machen von sich selbst aus. Er muss zu anderen Mitteln greifen. Passt auf: Die Raupe knabbert und solange es ihr schmeckt, wird sie weiter knabbern. Also verändert der Baum den Geschmack seiner Blätter. Das dauert ein wenig, aber so ungefähr nach einer Stunde schmeckt das Grün so widerlich für die Raupe, dass sie von ihm ablässt. Und um die anderen Bäume zu warnen, verändert sich auch der Duft des Baumes!“

Oma und Opa staunen. Das haben sie nicht gewusst, aber wenn Jan das sagt, dann ist da sicher etwas Wahres dran.
„Das klingt sehr logisch, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann!“, meint Opa.
„Wir haben ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das noch einmal erklärt wird!“ Eifrig springt Jan auf, um seinen Schulrucksack zu holen.
„Guckt hier!“ er zeigt das Arbeitsblatt. Man sieht einige Bäume, die in einer Gruppe beieinanderstehen. Ihre Kronen berühren sich und unter der Erde sind ihre Wurzeln miteinander verbunden. Die gezeichneten Bäume haben fröhliche Gesichter, nur einer von ihnen schaut verärgert, in seiner Krone sitzt nämlich eine fette Raupe, die sich an dem Blattgrün sattfrisst. Im nächsten Bild schauen dann alle Bäume verärgert, sie haben mitbekommen, dass sich da ein Schädling bei ihrer Baumfreundin eingenistet hat. Im dritten Bild purzelt die Raupe auf die Erde und macht sich, so schnell sie kann, davon. Ihr schmeckt es nicht mehr. In einer Sprechblase steht „Igittigitt“.
„Das ist aber schade!“, sagt Opa und legt die Stirn in Falten.
„Was denn?“, fragen Oma und Jan gleichzeitig.
„Na, dass unsere dicke Eiche da ganz alleine steht. Sie hat niemandem, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie vor Raupen warnen könnte. Sicher ist sie einsam!“
Das findet Jan auch, aber er hat keine Idee, wie man das ändern könnte. Schließlich sollte die Eiche auch einen Partner ihrer Art haben, oder doch nicht?
„Meinst du, wir könnten einen kleinen Baum daneben pflanzen, Opa?“, fragt er deshalb.
„Ja, das meine ich. Hat denn der Förster gesagt, ob Eichen sich auch mit anderen Bäumen vertragen?“, will Opa wissen.
Jan schüttelt den Kopf. „Nein, das hat er nicht gesagt. Gleich morgen frage ich mal nach. Wir machen nämlich mit dem Förster einen Ausflug in den Wald.“
„Das finde ich super! Ach, ich würde auch gern noch einmal zur Schule gehen“, meint Opa, doch das findet Jan völlig übertrieben. Sie gehen ja nicht jeden Tag in den Wald.
„Du kannst in die Baumschule gehen und eine Freundin für unsere Eiche aussuchen. Das ist auch schön, oder nicht?“, fragt Jan.
„Das machen wir zusammen, wenn du herausgefunden hast, was für einen Baum wir pflanzen wollen! Ich fände es gut, wenn es keine Eiche wäre.“
„Aber warum denn, Opa?“
„Weil die so langsam wachsen, dass ich gar nicht mehr erleben würde, ob die beiden sich anfreunden. Unsere Dicke ist nämlich schon älter als ich, mein Opa hat sie gepflanzt, vor mehr als siebzig Jahren.“
Jan überlegt einen Moment. Wahrscheinlich hat Opa Recht, sie sollten einen schnellwachsenden Baum aussuchen, damit sie selbst etwas davon hatten – nicht erst die Ur-Ur-Enkel. Ist doch klar!

© Regina Meier zu Verl

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Seit meine Oma den Bücherschrank in der Stadt betreute, für den eine alte Telefonzelle eingerichtet wurde, hatte sie jede Menge zu tun. Aber sie tat es gerne, denn sie war eine Leseratte und freute sich über jedes neue Buch, das sich im öffentlichen Bücherschrank einfand. Das war dann auch das Verrückte an der Sache, denn Oma konnte an keinem, wirklich an gar keinem Buch vorbeigehen, ohne es sich genauer anzusehen, darin zu blättern und die ersten paar Seiten zu lesen. Und dann fand sie es so interessant, dass sie es erstmal mit nach Hause brachte.
Seitdem stapelten sich hier die Bücher, die zuerst gelüftet, dann gelesen und anschließend wieder in den Bücherschrank gebracht wurden. Lüften? Ja, wirklich. Oma war allergisch gegen Zigarettenrauch. Manchmal griff sie sogar zum Föhn und föhnte die einzelnen Buchseiten durch. »Damit wird das Klima für die Buchstaben und Worte besser«, hatte sie mir mal erklärt.
Ehrlich, das habe ich bis heute nicht verstanden, aber es konnte mir egal sein. Die Bücher allerdings waren auch mir nicht gleichgültig. Sorgsam blätterte ich sie erstmal Seite für Seite durch. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gefunden habe.
Von den Eselsohren mal abgesehen, fanden sich die ungewöhnlichsten Lesezeichen. Da war vom Bonbonpapier bis zum Brausepulvertütchen aus den 60iger Jahren bis über Haarnadeln und Visitenkarten alles dabei. Das schönste Fundstück war allerdings ein Brief, den ich behalten habe, weil er mir so gut gefällt. Er war in einer feinen Handschrift von einer Eva geschrieben an ihren Hans. Junge, Junge, muss die den geliebt haben. Manchmal legte ich all meine Fundstücke vor mir auf den Tisch und überlegte, was sie wohl so alles erlebt haben mussten, wo sie gewesen sein könnten und ob die Leute, die sie in den Büchern vergessen hatten, jung gewesen waren oder alt, glücklich oder traurig, aufgeregt und gelangweilt, und in meinem Kopf entspannen viele neue Geschichten. Die könnte alle jemand in ein neues Buch, nein, in viele neue Bücher packen. Aufregend war das, echt wahr.
Das war doch eine großartige Idee – ich sollte Geschichten schreiben, Büchergeschichten.
»Oma!«, rief ich laut und warte auf eine Antwort.
»Oma, ich habe eine Idee!«, versuchte ich es noch einmal. Keine Reaktion!
»Oma, ich werde ein Buch schreiben!«, kreischte ich, so laut ich konnte.
»Das sagen sie alle!«, rief Oma und die Stimme kam ganz aus der Nähe. Komisch!
»Und rate, wie viele von ihnen dann tatsächlich ein Buch schreiben!«
»Nicht viele?«, fragte ich, doch das interessierte mich gerade weniger. Nein, was für mich gerade viel spannender war, war die Frage: Wo steckte Oma? Ihre Stimme klang, als hockte sie in dem Buch, das vor mir lag, irgendwo zwischen den Seiten. So nah klang sie. Nah und unsichtbar. Träumte ich das gerade?
Ich blätterte das Buch durch, fand aber gar nichts darin, auch Oma nicht, obwohl mich das gar nicht gewundert hätte.
Jetzt stand sie plötzlich neben mir und schaute mir über die Schulter.
»Wo warst du denn?«, fragte ich.
»Hier, wo sonst?« Oma sah mich verwundert an.
»Die ganze Zeit?«, wollte ich wissen.
»Klar!«, sagte Oma und nahm mir das Buch aus der Hand.
»Aha!«, sagte sie und lächelte vielsagend.
»Vielleicht war ich auch kurz in Narnia, schau, die Schranktür ist noch offen!«
Das konnte sie erzählen, wem sie wollte, aber ich würde ihr das nicht glauben! Ihr vielleicht?

© Regina Meier zu Verl

Urlaubserinnerungen

Urlaubserinnerungen

„Hier ist alles anders als zuhause, aber es gefällt mir!“, sagte Bine beim Frühstück und schob sich ein Stück Wassermelone in den Mund. „Köstlich schmeckt die hier, viel besser als daheim.“
Mama lachte. „Es sind die gleichen Melonen, die wir auch bei uns kaufen können.“
„Falsch“, sagte Bine. „Es sind Urlaubsmelonen und die schmecken viel viel viel süßer. Und saftiger. Besser eben. Genauso wie Urlaubseis, Urlaubssalat, Urlaubsschnitzel und Urlaubsbrot.“
„Und was schmeckt bei all diesen „Urlaubs“-Leckereien anders?“, erkundigte sich Mama.
„Keine Ahnung. Sie riechen auch besser. Nach Ferien, Spaß und … nach Urlaub eben!“, antwortete Bine. Sie schmatzte.
„Das liegt an der Luftveränderung!“, behauptete Papa, der immer alles erklären wollte. „Denk doch mal an den Wein auf Sardinien, Annette! Den genossen wir dort auf der Insel mit Freuden und zu Hause konnte man ihn nicht genießen. Dies liegt an der Luft, am Meer, an der Sonne und so.“
„Auch weil im Urlaub alles viel mehr Spaß macht. Und weil wir mehr Zeit zum Essen und Trinken haben als daheim. Das kann man alles schmecken“, krähte Bine.
„Zeit kann man schmecken?“ Verständnislos sah Papa Bine an.
Mama aber nickte. „Wie recht du hast, Binekind“, murmelte sie.
„Wir können doch daheim versuchen, dieses Urlaubsgefühl zu behalten!“, überlegte Bine und ihre Augen strahlten. „Das wäre cool.“
Da seufzte Mama. „Das ist nicht so einfach, mein Schatz! Wenn der Alltag uns in seinen Fängen hat, vergisst man schnell alle guten Vorsätze.“
„Stimmt.“ Papa stellte eine leere Limoflasche auf den Tisch. „Aber das muss nicht so sein. Lasst uns ganz viele schöne kleine und große Momente in diesem Urlaub sammeln. Die packen wir in diese Flasche hinein und stellen sie daheim neben Salz- und Pfefferstreuer auf den Esstisch.“
„Super!“, rief Bine. „So machen wir das, und ich packe gleich den ersten schönen Moment hinein: Urlaub ist toll und mit allen zusammen noch toller!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Urlaub, Bildquelle © Pexels/pixabay

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