Die Reise der Stare

Die Reise der Stare (Oma Betty)
Opa Heinz schiebt seinen Strohhut in den Nacken. Die Daumen klemmt er in die Gürtelschlaufen seiner Cordhose und dann schaut er in den Himmel.
Ich renne ins Haus, hole meinen Strohhut, den Oma Betty mir beim letzten Flohmarktbesuch spendiert hat, und mache es Opa nach.
Ich stelle mich neben ihn, blicke zum Himmel hinauf und warte ab.
„Guck!“, sagt Opa. Das ist das Zeichen dafür, dass er mit gleich eine Geschichte erzählen wird. All seine Geschichten fangen so an und ich liebe sie alle. Sehr sogar!
„Guck!“, sagt er noch einmal. „Da oben versammeln sich die Stare. Es werden nun jeden Tage ein paar mehr werden, bis sie sich auf die große Reise machen!“
Ich sehe ein paar schwarze Vögel am Himmel und frage mich, woher Opa das weiß.
„Wie kannst du das wissen?“, frage ich.
„Es ist immer gleich. Anfang September versammeln sie sich, das haben sie schon im Sommer eifrig geübt. Sicherlich machen sie eine Lagebesprechnung, bevor sie losfliegen!“, sagt Opa. Er zieht einen Daumen aus der Gürtelschlaufe und deutet mit der freigewordenen Hand nach oben. „Guck, da kommen noch welche!“
Tatsächlich! Immer mehr Stare kommen dazu und schon bald bildet sich eine dunkle, hin und her wabernde Wolke. Ich finde, das sieht beinahe ein wenig gespenstig aus.
„Haben sie einen Anführer?“, will ich nun wissen. Aber das weiß Opa auch nicht so genau.
„Das muss ich nachlesen, auf jeden Fall ist es nicht so wie bei den Wildgänsen, die haben eine Leitgans, die vorweg fliegt!“ erzählt er mir und gleich kommen mir auch die Kraniche in den Sinn, die am Himmel eine riesige Eins bilden, wenn sie auf die Reise gehen.
Am Abend lesen Opa und ich nach, wie das bei den Staren ist. Wir lernen, dass es keinen Leitstar gibt und dass die Vögel gut aufeinander achtgeben während ihres Fluges. Jeder einzelne orientiert sich an bis zu sieben seiner Nachbarn. Und irgendwie wissen sie, wohin sie müssen. Ist schon ein kleines Wunder, finde ich. Opa liest noch vor, dass die Stare gemeinsam in Baumkronen übernachten, bevor es am nächsten Tag weitergeht.
Ich würde auch gern mal auf einem Baum übernachten, am besten mit all meinen Freunden. Am Morgen würden wir dann auch zu einer großen Reise aufbrechen. Allerdings sollten wir besser ein Navi mitnehmen, denn so ortskundig wie die Stare sind wir nicht.
© Regina Meier zu Verl

star-3187943_1280
Bildquelle papaya45/pixabay

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl

apple-3874590_1280
Bildquelle congerdesign/pixabay

Wie viele Beine haben Spinnen?

Wie viele Beine haben Spinnen?

Nur mit viel Mühe gelingt es Enya, den schweren Eichenstuhl vor das Bücherregal zu schieben. Als sie es geschafft hat, klettert sie auf die Sitzfläche und versucht, das Buch mit den tollen Tierzeichnungen zu erreichen. Leider sind die Arme zu kurz. So sehr Enya sich auch reckt und streckt, es gelingt ihr nicht, das Buch zu fassen.
Die Stehleiter fällt ihr ein. Die müsste im Keller sein. Enya wuchtet den Stuhl wieder an seinen Platz. Im Keller findet sie die Leiter, doch sie ist zu lang und zu schwer. Unmöglich ist es, diese die Treppe nach oben zu schieben.
Enya überlegt. Was könnte sie denn noch probieren? Sie möchte unbedingt das Buch haben, weil ihr so langweilig ist und Mama würde erst in zwei Stunden nach Hause kommen. Papa sitzt in seinem Büro; ihn darf sie nur im Notfall stören. Ist das nun ein Notfall? Wahrscheinlich nicht.
Andererseits ist es aber doch wichtig, denn Enya soll für den Sachunterricht in der Schule eine Spinne zeichnen und sie kann sich einfach nicht erinnern, ob eine Spinne sechs oder acht Beine hat. Deshalb beschließt sie, doch den Vater zu stören.
Zaghaft klopft sie an die Tür und wartet auf das „Herein“, das mürrisch klingt, nachdem sie das dritte Mal angeklopft hat.
„Papa, könntest du mir kurz helfen?“, bittet Enya. Papa seufzt. „Warte einen Moment, ich möchte gerade noch diesen Satz zu Ende schreiben“, antwortet Papa und tippt weiter. Enya setzt sich auf das rote Sofa, das in Papas Arbeitszimmer steht. Ihr ist ein wenig kalt, deshalb schnappt sie sich die Decke, die am Fußende bereit liegt. Papa hämmert hingebungsvoll auf der Tastatur herum. Lustig klingt das, fast wie ein Lied, denkt Enya und lauscht. Sie denkt sich einen Text dazu aus:

Tipp, tipp, tipp, tipp – schnurrdiburr,
Kätzchen tanzt auf der Tastatur.
Schreibt dort viele Wörter hin,
doch es liegt kein Sinn darin.
Tipp, Tipp, Tipp, Tipp, schnurrdiburr,
Kätzchen tanzt auf der Tastatur.

So ein Lied beruhigt. So sehr, dass Enya richtig müde davon wird. Sie kuschelt sich ein und schließt die Augen. Es dauert nicht lange, da ist sie eingeschlafen. Und Papa? Der hat seine Tochter ganz vergessen. Natürlich nicht wirklich, nur so lange, bis Mama nach Hause kommt.
Während die Eltern das Mittagessen zubereiten, blättert Enya im Tierlexikon, stellt fest, dass Spinnen acht Beine haben und macht eine wunderbare Zeichnung für den Sachunterricht. Das Stündchen Schlaf hat ihr gut getan und weil Papa ein schlechtes Gewissen hat, geht er am Nachmittag mit ihr zum Sportplatz, wo sie eine Runde bolzen. Klasse!

© Regina Meier zu Verl

books-373053_1280
Bildquelle cocoparisienne/pixabay

 

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne (13)

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne

Der Igel Konrad, der mit seiner Frau auf der Suche nach einem geeigneten Platz für den Winterschlaf war, hatte Hunger und Durst und wollte unbedingt eine Pause einlegen.
„Lass uns ein wenig hier rasten“, schlug er deshalb vor, erntete aber nur einen bösen Blick von Kornelia.
„Wir können doch nicht ständig Pausen machen“, zeterte sie und lief noch ein bisschen schneller, so dass Konrad kaum folgen konnte. Er schnaufte und stöhnte, doch Kornelia ließ sich nicht beirren.
„Schau“, sagte sie, „die Bäume sind schon fast kahl, es wird Zeit, dass wir einen Unterschlupf finden, in dem wir sicher sind. Schlafen und dich ausruhen, das kannst du dann den ganzen Winter lang.“
„Ich will aber auch was vom Leben haben und nicht immer nur vorsorgen. Guck doch mal, die Sonne, sie lacht uns an und ruft: Ruht euch aus, ich wärme euch mit meinen Strahlen!“
Kornelia schüttelte unwillig den Kopf.
„Du bist ein Spinner, mein Lieber. Die Sonne kann gar nicht rufen, sie kann strahlen oder nicht strahlen, das ist auch schon alles.“
Konrad wurde immer trauriger. Er liebte seine Kornelia, aber sie war überhaupt nicht romantisch, kein kleines Bisschen. Das fand er nicht schön.
„Die Sonne kann strahlen, lachen, wärmen, trocknen, erhitzen, verbrennen, Regenbogen machen und rufen. Lausch doch mal, dann wirst du es hören!“

Die Elfe Sumsinella hatte das Gespräch des Igelpaares belauscht. Insgeheim war sie auf der Seite von Konrad, aber ein klein wenig konnte sie auch Kornelia verstehen. Da ihr aber der Schalk im Nacken saß, sang sie mit feiner Stimme:
„Ich bin die Mutter Sonne und trage die Erde bei Tag und Nacht …“ Das Lied kannte sie von der kleinen Anna, die es jeden Morgen in der Schule sang.
„Pst …“, machte Kornelia. „Hast du das auch gehört?“ Konrad verzog sein Igelschnütchen zu einem breiten Grinsen.
„Klar, ich hab’s dir die ganze Zeit schon gesagt, sie spricht und singen kann sie auch noch!“
„Sing weiter, Sonne, dein Lied ist so schön!“, bat Kornelia und lauschte.
„Ich trage die Erde bei Tag, die Erde bei Nacht“, sang Sumsinella weiter.
„Siehst du, sie kann noch mehr, die Sonne, sie kann tragen“, rief Konrad begeistert und bekam einen dicken Buff in die Seite.
„Sei still!“
Sumsinella hatte ihre Freude daran, die beiden Igel an der Nase herumzuführen, wusste aber, dass sie sich doch zu erkennen geben musste. Oder doch nicht?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn über ihr, in der alten Buche saß Krächz, der Rabe.
Mit krächzender Stimme und ziemlich laut sang er drauflos: „Und ich bin der Mond, der schööööne Mond, den man gern mit einem Stück Käääääse belohnt!“
„Du bist unmöglich, Krächz, ganz und gar unmöglich!“, schimpfte Sumsinella und kam dann schnell aus ihrem Versteck, um sich den Igeln zu zeigen.
„Entschuldigung“, flüsterte sie und wurde ein wenig rot dabei. „Aber ich habe nicht gelogen, all das kann die Sonne, nur nicht rufen, das habe ich für sie übernommen.“
Das Igelpaar hatte Humor, alle lachten herzlich und hielten dann noch ein ausgiebiges Pläuschchen. Sumsinella hatte sogar einen wunderbaren Laubhaufen gesehen, zum dem sie Konrad und Kornelia brachte. Dort verbrachten die beiden den Winter und sie träumten von einer singenden Sonne und von Sumsinella, der kleinen Elfe.

© Regina Meier zu Verl

Sumsinella

Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Sumsinella und Muck, der Mückenmann

Auf dem Teich hat die Seerose ihre großen Blätter und eine wunderschöne Blüte ausgebreitet. Eine Libelle schwebt mit hauchfeinen Flügeln über dem Wasser. Sie schimmert im Sonnenlicht. Doch halt, das ist gar keine Libelle. Schau genau hin. Es ist Sumsinella, die Elfe, die einen Landeplatz sucht. Leichtfüßig schwebt sie auf ein großes Blatt und schaut sich suchend um.
„Vater Quak!“, ruft sie. „Bist du nicht zu Hause?“
Wenn eine Elfe ruft, dann ist das etwa so, als flüstere der leichte Sommerwind mit dir. So zart ist ihre Stimme und Vater Quak, der mal wieder völlig müde ist und seinen Mittagsschlaf hält, hört nichts, gar nichts. Er hat sich im Schilf verkrochen, damit ihn niemand stören kann.
„Schade“, denkt Sumsinella und schaut sich weiter um. Irgendwer wird doch zu Hause sein. Sie setzt sich und singt ein Lied. Das Singen ist ihre Lieblingsbeschäftigung und sie kann es auch wirklich wunderbar. Es dauert gar nicht lange, da gesellt sich der erste Gartenbewohner zu ihr, ganz leise setzt er sich neben Sumsinella und lauscht dem Gesang.
Es ist Muck, der Mückenmann. Er ist so verzaubert von der Melodie, dass er leise mitbrummt. Sumsinella lässt ihn gewähren und lächelt ihn an. Als das Lied zu Ende ist begrüßt sie ihn:
„Hallo Muck, aber nicht, dass du mich gleich stichst!“
„Mach ich nicht, kleine Elfe. Du weißt doch, dass nur unsere Weibchen stechen, oder weißt du das etwas nicht?“
Sumsinella schüttelt den Kopf. Das hat sie noch nicht gehört.
„Gut zu wissen“, freut sie sich und erkundigt sich dann nach der Familie.
„Alles gut soweit, wir wollen heute Abend noch tanzen. Es ist gerade das richtige Wetter dafür. Könntest du vielleicht dazu singen? Dann macht es noch mehr Freude.“
Sumsinella ist einverstanden.
„Aber nur, wenn du ein Rätsel lösen kannst, pass auf: Sag mir ein Wort in dem drei U vorkommen.“
Muck schaut die Elfe entsetzt an.
„Wie soll ich das denn wissen? Ich kann ja nicht einmal schreiben!“
Sumsinella lacht.
„Dann solltest du es lernen, es ist immer gut, wenn man schreiben und lesen kann.“
„Als Mücke braucht man das nicht, sag mir womit ich einen Stift halten sollte!“
„Entschuldige, Muck, daran hatte ich gar nicht gedacht. Dann verrate ich dir das Wort und du sagst mir dann, was das ist, in Ordnung?“
„Leg schon los!“
Sumsinella will gerade das gesuchte Wort sagen, da unterbricht Muck sie.
„Warte noch, mir ist was eingefallen: Uhukuchen … sind da drei U drin?“ Sumsinella kichert.
„Schon, aber das gibt es doch nicht, Uhukuchen. Was dir nur immer einfällt. Hast du noch eine Idee?“ Man muss also gar nicht lesen und schreiben können, nur hören und hinhören. Auf diese Weise kann man auch entdecken, wie viele Laute in einem Wort vorkommen, denkt Sumsinella und freut sich, dass der Mückenmann mitdenkt.
„Ja, ich habe noch eine Idee: Wunderwurzelmus!“
„Was soll das sein? Drei U sind aber drin, da hast du Recht!“ Der Mückenmann freut sich.
„Na, ist doch klar, Mus von der Wunderwurzel, sage ich doch! Gilt das?“
Sumsinella ist einverstanden. „Gut, wir lassen es gelten, obwohl ich ein anderes Wort gemeint habe. Soll ich es sagen?“
„Bitte!“
„Kuckucksspucke – da kommen drei U drin vor und drei C und vier K, ist das nicht ein tolles Wort?“
„Ja, ein Superwort, aber – was ist Kuckucksspucke? Ich habe das noch nie gehört!“
„Eigentlich“, antwortet Sunsinella, „eigentlich gibt es keine Kuckucksspucke, aber im Mai, wenn auch der Kuckuck anfängt zu rufen, dann bilden die Schaumzikaden ihre Nester an den Wiesenblumen und das sieht so aus, als sei es Spucke. Deshalb sagt man Kuckucksspucke dazu.“
„Das sind doch Insekten, wie ich, oder? Ich sollte mich mehr um meine Verwandten kümmern“, sagt Muck und dann lacht er so laut, wie eben eine Mücke laut lachen kann.
„Ich hab noch was! Muck, Muck, Muck …“
„Und was soll das sein?“, fragt Sumsinella erstaunt.
„Das sagt meine Frau immer, wenn ich zu spät nach Hause komme und deshalb sause ich jetzt mal los. Machs gut, Sumsinella, bis heute Abend!“
© Regina Meier zu Verl

Tomaten, Tomaten und nochmals Tomaten

Tomaten, Tomaten und nochmals Tomaten

Es begann alles damit, dass meine Mutter sagte: „Die Tomaten sind reif und es sind so viele, dass wir in den nächsten Tagen viele Rezepte ausprobieren werden.“ Seitdem dreht sich hier bei uns alles um die Tomaten.
Ich mag ja Tomaten, wirklich. Abends, auf dem Butterbrot mit Salz und Pfeffer, auch mal mittags, dann am liebsten als Tomatensauce auf den Nudeln. Manchmal beiße ich sogar in so eine dicke Fleischtomate wie in einen Apfel. Aber irgendwann ist es dann auch gut.
Gestern gab es Tomatensalat, dazu frische Bratkartoffeln und ein Spiegelei. Das war auch lecker, aber, wie schon gesagt, es reicht jetzt! Mir kommen die Tomaten nun bald zu den Ohren wieder raus und nachts träume ich sogar schon von den roten Früchten.
Heute will Mama nun Tomatenmarmelade kochen. Das wird ihr erster Versuch und ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass das schmecken wird. Igitt, Tomatenmarmelade. Also ich weiß ja nicht. Aber weil ich ein netter Mensch bin, äußere ich meine Bedenken erstmal nicht und helfe sogar bereitwillig beim Enthäuten, Entkernern und Schnippeln. Gut ist, dass für das Rezept sehr viele Tomaten verbraucht werden und man die Marmelade nicht sofort verzehren muss, sollte sie denn schmecken. Die hält sich und landet erstmal in den Vorratsregalen im Keller. Das beruhigt mich.
Wenn wir andere Marmeladen kochen, nasche ich immer von den Früchten und ernte dann jedes Mal einen Rüffel von Mama. „Die habe ich doch schon abgewogen, Lea. Man muss ganz genau sein bei den Mengen, sonst geliert der Fruchtbrei nicht!“ Heute verkneife ich mir das Naschen, bin völlig tomatensatt.
Im großen Topf sind nun die Tomatenwürfel, ein Päckchen Vanillezucker, der Saft einer dicken Zitrone und der Gelierzucker. Ich darf mit dem Pürierstab alles zu einem Brei zerkleinern und dann wird alles zum Kochen gebracht. Die Gläser hat Mama schon ausgekocht und die Deckel ebenfalls. Schon bald kocht der Tomatenbrei, sprudelnd, vier Minuten lang. Dann füllt Mama die heiße Marmelade in die Gläser, schraubt den Deckel drauf und stellt das fertig gefüllte und verschlossene Glas auf den Kopf. Das macht man so, sagt sie und wenn sie das sagt, dann wird das schon richtig sein. Zehn Gläser werden es, und ein halbes, das ist zum Probieren. Na ja, viel verspreche ich mir davon nicht.
Als ich dann aber am Abend etwas von der nun kalten Marmelade auf mein Käsebrot streiche, staune ich nicht schlecht. Das schmeckt, und wie das schmeckt. Köstlich!
Wer es nachmachen möchte, dem verrate ich unser Rezept:
1500 Gramm reife Tomaten, häuten, entkernen, schnippeln, in Würfel schneiden, den Saft einer Zitrone dazu, ein Päckchen Vanillezucker und den Gelierzucker, ebenfalls 1500 Gramm dazu. Das ganze pürieren, dann vier Minuten sprudelnd kochen lassen und in die Gläser abfüllen. Guten Appetit!

© Regina Meier zu Verl 2015

tomaten

Zwetschgenzeiten

Zwetschgenzeiten

„Halloooo! Wo seid ihr? Will uns denn keiner haben? Halloooo?“
Laut und turbulent ging es zu auf der Obstwiese. Besonders hinten beim Zwetschgenbaum, wo sich die reifen Zwetschgen laut zu Wort meldeten.
„Will uns denn keiner ernten?“
„Hört auf zu jammern, da oben!“, schimpfte der Zwetschgenbaum. Ihr seid noch gut dran. Meine Schmerzen müsstet ihr haben, dann wüsstet ihr, wie schwer die Last ist, die ich zu tragen habe. Ich wünsche, es käme ein Wind, der euch abschüttelte!“
„Abschütteln? Uns? Nein! Was fällt dir ein!?“
Aufgeregt schrien die Zwetschgen ihren Ärger in den Tag hinaus.
„Nicht auszudenken, was uns alles passierte, lägen wir auf dem Boden“, ereiferte sich eine.
„Vom Bodensturz ganz abgesehen“, sagte eine andere. „Wer weiß, wie wir uns dabei verletzen könnten.“
„Oh, oh, das gäbe blaue Flecken!“, klagte eine dicke Zwetschge, die weit oben in den Zweigen hing.
Da musste der Baum herzlich lachten. „Blaue Flecken, dass ich nicht lache, ha ha! Ihr seid doch sowieso blau, ihr blöden Zwetschgen, hahaha!“
Er lachte so sehr, dass gleich ein paar Zwetschgen hinunter purzelten.
„Au, aua, autsch!“, heulten die Zwetschen auf. Die, die auf den Boden fielen, heulten ebenso laut wie die, die sich an ihren Plätzen in den Zweigen festhalten konnten. Sie waren halt etwas zimperlich, diese blauen Früchtchen.
„Wenn ihr erst entsteint, aufgeschnitten und mit Zimt und Zucker bestreut auf einem Kuchenteig in den Backofen geschoben werdet, sehnt ihr euch gerne danach, einfach nur auf den Boden fallen und dort für alle Zeiten liegen bleiben zu dürfen“, brummte der Zwetschgenbaum, dem die zickigen Früchtchen etwas auf die Nerven gingen.
Die Zwetschgen schwiegen. Sie mussten darüber nachdenken, was der Baum gesagt hatte. Gut hörte sich das nicht an. Vielleicht sollten sie doch lieber nicht zu laut schreien. Aber genau wussten sie es auch nicht.
„Mir passiert das mit dem Kuchen nicht“, rief die Zwetschge, die kaum einer mehr beachtete, weil sie schon seit Tagen einen Wurm in ihrem weichen, überreifen Bauch beherbergte. „Ich bin so etwas wie eine Mutter geworden. Eine Wurmmutter. Und sagt, wer würde einer Mutter etwas antun?“
Ein Wanderer kam des Wegs. Er sah die reifen Früchte, pflückte eine ab, polierte sie an seinem Hemdsärmel und biss genussvoll hinein.
„Lecker, lecker!“, lobte er und machte sich wieder auf den Weg.
Beim Zwetschgenbaum war es still geworden. Man hörte auch in den nächsten Tagen keine Rufe mehr. Irgendwann kam die Bäuerin mit Korb und Leiter und pflückte alle Früchte ab. Die ergaben sich klaglos in ihr Schicksal. Sie lebten noch lange ein zweites Leben und verfeinerten in den dunklen Monaten des Jahres viele Mahlzeiten mit ihrem köstlichen Geschmack, dass die Menschen „Zwetschgen sind unsere liebsten Früchte“ sagten. Ja, so war das!

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl 2016


Zwetschgenzeit, Bildquelle © congerdesign/pixabay

Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt nach den Sommerferien in die Schule. Im Kindergarten hat sie mit ihrer Mutter zusammen eine Schultüte gebastelt. Nadja findet, dass es die schönste Schultüte von allen ist und sie ist besonders stolz auf sie.
„Schau, Oma, ist sie nicht ganz wunderbar geworden?“, fragt sie die Oma, die das nur bestätigen kann.
„Ich habe noch nie eine schönere Schultüte gesehen, Nadja!“
„Hast du auch eine Schultüte gehabt, Oma?“, will Nadja nun wissen.
„Aber sicher, mein Kind. Sie war aus rotem Glanzpapier und ein Blumentauschbild klebte darauf. So groß und schwer war meine Schultüte, dass ich sie kaum tragen konnte“, erinnert sich Oma.
„Was war denn drin, dass sie so schwer war?“
„Genau weiß ich das nicht mehr, aber ich erinnere mich an einen dicken Apfel mit roten Backen und an einen Anspitzer. Ach ja, eine Butterbrotdose war auch noch drin und ein Griffelkasten aus Holz.“
Nadja weiß nicht, was ein Griffelkasten ist, das Wort hat sie noch nie gehört, deshalb fragt sie nach.
„Wir hatten eine Tafel, auf der wir das Schreiben gelernt haben. Auf so einer Schiefertafel konnte man mit einem Kreidestift schreiben, den man auch Griffel nannte. Das Geschriebene konnte man anschließend wieder wegwischen und die Tafel neu beschreiben. Es gab eine Schwammdose mit einem sauberen feuchten Schwamm und einen Tafellappen aus Baumwolle zum trocken wischen“, erklärt Oma und dann fällt ihr ein, dass da noch etwas ganz Tolles in ihrer Schultüte war, etwas, das man nirgends kaufen kann.“
„Nun sag schon, was war es?“, drängelt Nadja.
„Eine Karte, auf die hatte meine Mutter mit Lippenstift einen dicken Kussmund gedrückt und darunter stand: Das ist ein Notfallkuss, damit du immer weißt, dass ich bei dir bin!“
„So ein Quatsch!“, sagt Nadja, die gar nicht verstehen kann, dass man einen Notfallkuss gebrauchen könnte. Schließlich war Mama ja immer da und die Schule ging auch nur bis zum Mittag, da war sie schnell wieder zu Hause.
„Ich habe diesen Notfallkuss immer bei mir getragen und es war gut, dass ich ihn hatte“, sagt Oma und dann geht sie zum Schrank und holt ein Fotoalbum hervor.
„Schau hier, da bin ich mit meiner Schultüte und hier hinten, auf der letzten Seite, da ist die Karte mit dem Kuss, ein wenig verblichen, aber immer noch erkennbar!“
Nadja schämt sich ein bisschen, dass sie den Kuss als „So ein Quatsch“ bezeichnet hat, wo er Oma doch so wichtig ist.
„Es ist der schönste Notfall-Kuss von allen“, lobt sie ihn deshalb und das tut Oma gut, sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und drückt ihre Enkeltochter fest.
Am Abend, als Nadja zu Bett geht und Oma noch schnell gute Nacht sagen will, steckt sie ihr einen Zettel zu.
„Schau, Oma, hier ist ein frischer Notfall-Kuss, damit du weißt, dass ich immer für dich da bin!“, sagt sie und dann hüpft sie aus dem Zimmer.
„Wie gut, dass ich sie habe!“, denkt Oma und betrachtet liebevoll den kleinen Kinderkussmund. „Ein Schatz ist sie, ein wahrer Schatz!“

© Regina Meier zu Verl

einschulung

Gefühle und Gewitter

Gefühle und Gewitter

Manchmal zieht sich Lya gern in ihr Schneckenhaus zurück. Dann ist sie für niemanden zu sprechen, auch für Mama nicht. Natürlich hat Lya kein richtiges Schneckenhaus. Sie findet das blöd, denn so richtig zurückziehen kann sie sich nicht. Ist sie in ihrem Zimmer, dann klopft irgendwann jemand an und fragt nach, ob es ihr gut geht. Oder Mama hat einen Auftrag für sie. Heute auch!
„Es wird gleich regnen, kannst du mir helfen, die Wäsche abzunehmen, Lya?“, ruft Mama. Lya tut so, als habe sie nichts gehört. Mama ruft noch einmal, diesmal lauter:
„Lya, bitte komm sofort aus deinem Zimmer. Ich brauche deine Hilfe!“
‚Noch sagt Mama „bitte“, das wird sich gleich ändern‘, denkt Lya und schon krabbelt der Ärger den Rücken hoch, setzt sich im Nacken fest und dann ist er durch das Ohr gekrochen und im Kopf angekommen. Wenn er dort erstmal ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten – man wird wütend und knirscht mit den Zähnen, oder man fühlt sich von Gott und der Welt nicht verstanden, man wird traurig und Schwupps sind sie da, die Tränen. Ab und zu kann man nicht erkennen, ob es Wuttränen sind oder eben Trauertränen, beide sind nass und auch die Nase mischt sich ein und läuft.
„Lya, ich zähle bis drei!“, ruft Mama jetzt und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Mamas Geduld nun zu Ende ist. Lya findet es feige, gleich bei Eins loszulaufen. Soll Mama sich doch ruhig auch ein bisschen ärgern. Schließlich muss Lya dringend nachdenken, dafür gibt es einen Grund, der momentan nebensächlich ist. Aber das verstehen die Erwachsenen sowieso nicht, deshalb muss Lya allein nachdenken und dafür braucht sie Ruhe.
„Eins!“, ruft Mama, es klingt bedrohlich. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Dicke Tropfen platschen auf die Dachfensterscheibe. Mama hat aufgehört zu zählen, mit einem lauten Knall fliegt die Haustür ins Schloss.
„Ich komme ja schon!“, ruft Lya. Dass Mama sie nicht hören kann, ist ihr klar. Die ist nämlich nun allein zur Wäscheleine gelaufen. Sicher wird sie schimpfen, wenn sie zurückkommt. Bei Lya meldet sich das schlechte Gewissen. Das kommt im Gegensatz zum Ärger von der anderen Seite, grummelt im Bauch herum, kneift im Magen und drückt dann auf das Herz. Das tut weh! Es beißt sich fest wie ein kleiner bissiger Hund.
Es blitzt und kurz darauf ertönt ein gewaltiger Donnerschlag. Auch das noch! Mama ist draußen im Regen und Lya ganz allein im Haus. Da, wieder ein Blitz. Lya zählt die Sekunden bis zum Donner. Sie hat in der Schule gelernt, wie man die Entfernung eines Gewitters ausrechnen kann. Eins, zwei, drei, vier, fünf Sekunden sind es, die fünf muss man mit 340 malnehmen, weil jede Sekunde 340 Meter sind. Nun ist das aber gar nicht so einfach, wenn im Kopf der Ärger sitzt und auf dem Herzen sich das schlechte Gewissen festgebissen hat. Lya erscheint es schlicht unmöglich und ein neues Gefühl gesellt sich zu den anderen, die Verzweiflung. Lya schlägt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich.
So findet Mama sie, die pitschnass auf einmal in Lyas Zimmer erscheint.
„Lya, was ist denn los?“, fragt sie besorgt.
„Ach Mama“, schluchzt Lya. „Ich hab doch nur zehn Finger, das reicht nicht, weil … und dann die Haustür und der Donner und ich wollte doch …“
Mama setzt sich auf Lyas Bett, zieht das Kind auf ihren Schoß und streicht ihr zärtlich übers Haar.
Ganz fest schmiegt sich Lya an die pudelnasse Mama und das schlechte Gewissen knabbert gleich wieder ein wenig an ihrem Herzen herum.
„Pst, nun beruhige dich erstmal und dann erzählst du mir alles!“, schlägt Mama vor. „Ich möchte mir etwas Trockenes anziehen und dann die Wäsche falten, die ich gerade noch vor dem Regen retten konnte. Hilfst du mir?“
Lya springt auf. „Aber klar doch!“, ruft sie erleichtert. Im gleichen Augenblick nimmt der Ärger das schlechte Gewissen an die Hand und die beiden lösen sich in Luft auf. Die Verzweiflung folgt ihnen und die Gänseblümchen auf Lyas Lieblingskissen grinsen unverschämt. Sie kennen das schon.

Übrigens: 5 x 340 = 1700. Das Gewitter war also 1700 Meter oder 1,7 Kilometer entfernt, als Lya die Sekunden gezählt hat – nur der Vollständigkeit halber.

© Regina Meier zu Verl 2016