Äpfel pflücken ist gefährlich

Äpfel pflücken ist gefährlich

Der Apfelbaum ist voller wundervoller Blüten.
„Wenn die Bienchen fleißig sind und aus jeder Blüte ein Apfel wird, dann haben wir im Herbst und Winter jede Menge Äpfel. Das wäre prima!“, sagt Mama und schaut den Apfelbaum ganz verliebt an.
Ich glaube, sie denkt schon an den leckeren Apfelkuchen, den sie für uns backen wird, und all die anderen Leckereien, die sie aus Äpfeln zaubern kann. Ich denke an etwas anderes, nämlich ob ich dieses Jahr endlich zum Ernten in den Baum klettern darf. Vermutlich wird daraus nichts, aber man darf ja hoffen. Ich höre schon Mamas Stimme:
„Mika, das geht doch nicht, du könntest runterfallen. Nein, das erlaube ich nicht, auf gar keinen Fall!“
„Was guckst du so betrübt?“, fragt Mama. „Du magst doch auch gern Apfelmus und Apfelsaft und ach, es gibt so vieles, was wir mit den Äpfeln machen können.“
„Aber zuerst muss man sie ernten“, wage ich einen ersten Vorstoß. „Das ist mächtig viel Arbeit.“
Mama lacht.
„Nein, mein Schatz! Erst muss man warten, bis die Blüten befruchtet und sich daraus kleine Äpfelchen bilden werden. Und dazu braucht unser Baum …“
Sie hält inne. „Was? Weißt du es?“
Ich rolle die Augen. Peinlich, diese Frage.
„Komm mir jetzt bloß nicht mit den Bienchen und den Blüten! Das ist Schnee von gestern!“
Erstaunt sieht Mama mich an. Ob sie wohl gar nicht weiß, wie groß ich schon bin und was ich alles so weiß?
„Was meinst du?“, fragt sie und ich weiß, dass sie genau weiß, um was es geht.
„Das weißt du ganz genau“, schnaube ich. „Aber bitte schön, ich sag’s halt nochmal: Die Bienen befruchten die Blüten. Nur dann funktioniert das mit Äpfeln, klaro?“
„Nice!“, sagt Mama und ich wundere mich doch sehr. Wo hat sie denn das schon wieder her?
„Ich wollte nur mal hören, ob du das mit der Befruchtung verstanden hast!“, fügt sie hinzu und schmunzelt.
„Du bist eben doch schon ein großer Junge.“
„Stimmt und deshalb werde ich die Äpfel in diesem Jahr direkt vom Baum holen, mit meinen eigenen Händen. Dann kannst du mir nicht mehr sagen ich sei zu klein!“
„Du?“ Mama stemmt die Hände in die Hüften und sieht mich an mit diesem energischen Mamablick, der nichts Gutes verspricht und der auch nicht mehr nach ’nice‘ aussieht. „Du meinst, weil du dich mit Apfelblüten auskennst, hast du die Fähigkeiten, zur Ernte auf einen Baum zu klettern? Also ich …“
„Also du solltest deinem Sohn auch mal etwas zutrauen. Schließlich sind wir dann alle dabei und wenn er verspricht, nicht allein in den Bäumen herumzuklettern, dann sollten wir ihm das gestatten!“ Papa hat der Unterhaltung schon eine Weile zugehört und mischt sich nun ein. „Außerdem hat er noch viel Zeit zum Üben, bisher sehe ich nur Blüten.“
„Eben!“ Ich schnaube innerlich. Ein Glück, dass Papa mir zum rechten Moment zu Hilfe kommt, auch wenn Mama nun die Nase rümpft. Pah! Was beide nicht wissen: Das mit dem Klettern übe ich schon seit einem Jahr und was sie auch nicht wissen, ist, dass ich im letzten Herbst in Frau Krauses Garten die Äpfel schon geerntet habe. Ganz allein und gleich auf drei Bäumen. Und ehrlich, das müssen sie auch nicht unbedingt wissen.

© Regina Meier zu Verl

Krümel träumt – Reizwortgeschichte

Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig
Das waren die Wörter, die heute mit eingebaut werden mussten. Wir sind heute nur zu zweit, da Lore sich von einem heftigen Sturz erholen muss. Wir wünschen ihr gute Besserung und freuen uns, wenn sie bald wieder dabei sein kann!
Lest bitte auch bei MARTINA KLICK

Hier kannst du dir die Geschichte anhören:

Krümel träumt

Krümel hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf. Da war doch ein Geräusch gewesen, mitten in der Nacht. Da! Schon wieder. Krümel bellte zweimal kurz „Wuff, Wuff!“ Dann lauschte er aufmerksam. Er hörte nichts mehr und legte sich wieder bequem hin. Ach, er war so müde und hatte auch überhaupt keine Lust, Einbrecher zu verjagen. Sicher hatte er geträumt.
Er versuchte, sich zu erinnern, wovon er geträumt hatte. Es war doch gerade so schön gewesen. War da nicht ein Hundemädchen vorgekommen? Verflixt, Krümel wusste es nicht mehr und jetzt konnte er auch nicht wieder einschlafen vor lauter Denkerei. Wie blöd war das denn!
Vielleicht könnte er mal kurz in die Küche gehen und einen Schluck trinken, sicher schaffte er es anschließend, wieder in seinem geräumigen Kuschelkorb einzuschlafen. Einen Versuch war es wert. Also, ab in die Küche. Dort schlabberte er den gesamten Wassernapf leer und bedauerte, dass da nicht ein einziges Leckerchen im Fressnapf lag. Dabei mochte er doch diese gelben Hunde-Biskuits so gern, bei denen vorn auf der Tüte diese süße Hundedame abgebildet war. Die war es auch, die ständig in seinen Träumen vorkam, jetzt fiel es ihm wieder ein. Was gäbe er dafür, die Süße jetzt betrachten zu dürfen, die Tüte dürfte auch ruhig leer sein. Irgendwo hatte er doch neulich eine dieser Verpackungen aus dem Müll gerettet und versteckt, wo war das nur gewesen?
Krümel machte sich auf die Suche. Er fing in der Küche an. Unter dem Tisch war nichts, unter der Eckbank auch nicht. Die Schränke konnte er nicht öffnen und die Arbeitsplatte war unerreichbar für ihn. Weiter ging es im Wohnzimmer. Er krabbelte unters Sofa, schaute hinter den Sofakissen, wobei er sie im hohen Bogen ins Zimmer warf. Selbst in den großen Topfblumen fand er nichts auf Anhieb. Vielleicht hatte er die Tüte dort verbuddelt? Mit den Vorderpfoten schob er zunächst vorsichtig die Erde ein wenig zur Seite. Als er nichts fand, wurde er ärgerlich und schließlich vergaß er, dass er im Wohnzimmer war und nicht draußen im Garten, er buddelte also heftig, so dass die Blumenerde nur so flog. Die Tüte fand er nicht und nach der Niedergeschlagenheit meldet sich dann das schlechte Gewissen. Krümel zog den Schwanz ein und wimmerte. Was hatte er nur wieder angestellt. Da würde Mama sicher heftig schimpfen. Vor lauter Not musste er nun auch noch pinkeln, ganz dringend musste er. Er erleichterte sich auf der Blumenerde, die auf dem Teppich lag, oh, das tat gut!
Als Mama am nächsten Morgen das Malheur entdeckte, kreischte sie so laut, dass Krümel vor lauter Schreck in den Flur flitzte und in seine Transportbox kletterte, die unter der Garderobe stand. Eigentlich mochte er diese blöde Box gar nicht leiden, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass es dann zum Tierarzt ging, und der piekte ihn dann mit dieser furchtbaren Spritze. Aber heute fühlte er sich in der Box in Sicherheit. Mit der Schnauze zog er sogar das Gitter von innen zu und sagte keinen Mucks mehr. Den ganzen Vormittag blieb er darin und als er sich sein Kissen zurechtschieben wollte, knisterte es ein wenig. Da war sie ja, die Tüte mit dem Portrait der Angebeteten. So wurde doch alles wieder gut und Mama, die beruhigte sich auch bald wieder, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

Die eingebildete Hortensie

Die eingebildete Hortensie

Die eingebildete Hortensie

Blau, blau, blau sind alle meine Blüten, blau, blau, blau und wunder-wunderschön!“, singt die Hortensie, deren blaue Blüten wirklich prächtig sind.
„Du eingebildete Pflanze!“, schimpft die kleine Dahlie, die ein wenig im Schatten der Hortensie steht. Sie blüht nicht, denn ihre Zeit ist noch nicht gekommen.
„Rot werde ich bald blühen. Ein tiefes Wunderrot …“ Sie zögert. „Oder ist es orange? Oder gelb gar?“ Sie zögert wieder. „Ich glaube, ich habe es vergessen. Es ist ja auch mein erstes Jahr hier.“ Sie lacht. „Vielleicht bin ich auch blau? Ach, ich lasse mich einfach überraschen.“
„Blau? Das kann nicht sein. Das Blau ist meines und keinesfalls kommt es noch einmal vor, nicht in dieser Brillanz und schon gar nicht bei Dahlien!“
Die Hortensie ist verärgert. Gerade hat sie noch so schön gesungen und dann kommt da so ein Grünkraut, das nicht einmal blüht und meint, dass es auch blau blühen könnte.
„Dein Blau? Ha! Gewiss nicht!“, rufen da ein paar feine Stimmchen. Es sind die Kornblumen, die im letzten Jahr von der Wiese nebenan in den Garten gewandert sind, „Wir sind es, denen die Farbe Blau gebührt. Sie trägt sogar unseren Namen: Kornblumenblau!“
„Ihr seid doch ein eingebildetes Volk, ihr Blumen“, warf der Holunderbusch dazwischen. „Ich produziere leckere Holunderbeeren, daraus machen die Menschen Saft und Marmelade und sie schmecken auch den Vögeln sehr. Fragt die Drossel, die wird euch das bestätigen!“
„Na und?“, meckert die Hortensie los. Sie kann es nicht leiden, wenn sie nirgendwo Bewunderung findet und die Antworten ihrer Blumenkollegen hier im Garten gefallen ihr gar nicht.
„Keiner von euch ist so unvergänglich wie ich und das macht ihr mir auch nicht nach. Nach meiner Blüte nämlich bewahre ich meine Gestalt und werde damit zur Trockenblume. Die Menschen lieben mich dafür umso mehr.“
„Trockenblume, dass ich nicht lache! Das bin wohl ich, meine Lieben“, schimpft die Strohblume, die schon ein wenig knistert, so trocken ist sie bereits. Die Hortensie wird immer stiller, irgendwie ist ihr die Lust vergangen, sich selbst zu prahlen. Es macht keinen Spaß und es führt ja auch zu nichts. Viel schöner wäre es doch, wenn man sich einfach ein wenig unterhalten könnte. Vielleicht war es noch nicht zu spät.
„Vorhin“ beginnt sie, „hat mich ein kleiner Schmetterling besucht und ich sage euch, einen so wunderhübschen kleinen Kerl habe ich in meinem ganzen Blumenleben noch nicht gesehen. Blau ist er gewesen. Morgenhimmelblau mit kleinen braunen Tupfen auf den Außenflügeln. Dieses Blau war fast noch schöner als mein Wunderblau. Aber nur fast und ich…“
Sie kann es nicht lassen mit dem Prahlen, die anderen grinsen und schweigen. Es macht ihnen auch keine Freude mehr zu widersprechen. Erst jetzt, als es still geworden ist, meldet sich ein feines Stimmchen, fein und kleiner als alle anderen hockt es am Boden, das wunderschöne Veilchen, in das man sich sofort verliebt, wenn man es denn wahrnimmt, ja, ja, so ist das!

© Regina Meier zu Verl

Irgendwann, wenn ich groß bin


Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

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Der geheime Geburtstagswunsch

Der geheime Geburtstagswunsch

„Ich sage nur eines: Käsekuchen!“, sagt Tim auf die Frage, was er sich denn zum Geburtstag wünsche.
„Also gut“, Mama lacht. „Sonst noch was?“
„Cola!“, sagt Tim. Es ist ein Versuch, der auch dieses Mal – wie immer – scheitert.
„Cola ist sehr ungesund, der viele Zucker und dann noch Coffein“, sagt Mama. „Nenne mir andere Wünsche. Du hast noch zwei frei.“
Tim überlegt nicht lange. „Opa Werner soll kommen“, ruft er.
„Du weißt, dass das nicht geht, Opa Werner und ich sind zerstritten. Ich habe es dir schon öfter erklärt!“ Mama wird sehr ernst und Tim merkt, dass sie zu dem Thema nichts mehr sagen will.
Es war aber auch zum Verrücktwerden! Erwachsene konnten manchmal so dumm sein. Dabei wäre alles ganz einfach, wenn Mama einfach auf Opa Werner zuginge und ihm die Hand reichte. Doch leider trafen da zwei Sturköpfe aufeinander und wer ist der Leidtragende? Tim!
„Ooookay“, sagt er gedehnt. „Dann, ja, dann wünsche ich mir ein Picknick. Auf einem Berg. Mit einer alten Burg. Und mit viel Spaß.“ Und mit Opa Werner, fügt er in Gedanken hinzu.
„Picknick, Burg und Spaß, das klingt gut und könnte funktionieren. Und wie lautet der dritte Wunsch?“, will Mama wissen, die froh ist, dass Tim nicht weiterbohrt bei dem Wunsch nach Opa Werner.
„Der dritte Wunsch ist geheim. Es ist einer, der nur in Erfüllung gehen wird, wenn ich ganz fest daran glaube und deshalb darf ich ihn auch nicht verraten.“
„Hm. Das ist schwierig“, meint Mama. „Wie soll ich dir einen geheimen Wunsch erfüllen? Das stelle ich mir schwierig vor.“
„Das ist doch das Wunderbare!“, ruft Tim und voller Begeisterung klatscht er in die Hände. „Diese Wünsche sind die spannendsten.“
Mama seufzt. Tief.

Nun möchtet ihr auch gern wissen, was Tims geheimer Wunsch sein könnte. Oder könnt ihr euch das schon denken? Macht mal die Augen zu und denkt kurz nach und wenn ihr es dann noch nicht wisst, dann erfahrt ihr es, wenn Tims Geburtstag vorbei ist. Ich weiß nämlich auch noch nicht, ob sich der geheime Wunsch erfüllen wird.
© Regina Meier zu Verl

Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus

Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus
Eine Fensterbankgeschichte

„Ich kann nicht verstehen“, rief die Sansevieria ihrer kleinen Schwester zu, „dass immer dieser hässliche Kaktus zwischen uns stehen muss. Ich mag ihn nicht leiden!“
„Da bin ich ganz deiner Meinung, meine Liebe!“, gab diese näselnd zur Antwort.
„Aber bedenke, nicht jeder hat das Glück, so wohlgestaltet und wunderschön sein zu dürfen wie wir. Daher sollten wir Mitleid haben mit dem armen Kerl, findest du nicht auch?“
Die Große stimmte ihr zu:
„Das stimmt wohl, er kann ja nichts dafür, dieser stachelige Geselle. Armer Wicht!“
„Dick ist er auch!“, meinte die Kleine.
„Wir dagegen sind schlank und schön, habe ich nicht recht?“
„Und eingebildet, ja, das seid ihr“, brummte der Kaktus.
„Ich wünschte, ich müsste euch nicht länger zuhören. Im Übrigen: Hört euch mal um! Von uns, den Kakteen spricht jeder, weil jeder sie kennt. Wer aber weiß schon, was eine Sansevieria ist. Ha! Und nun möchte ich um etwas mehr Ruhe bitten. Ich bin etwas müde.“
„Blödmann!“, schimpfte die Kleine.
„Kaktus, wie das schon klingt, wie … ach, ich mag es gar nicht aussprechen!“
Die große Schwester lachte albern, schickte aber die nächste Frechheit gleich hinterher:
„Du siehst aus wie ein grüner Igel, ein hässlicher grüner Igel!“
„Igel sind niedlich!“, brummte der Kaktus. „Ihr aber nicht, ihr böswilligen Schwestern!“
Er nahm sich vor, nun nichts mehr zu sagen. Warum sind sie so gemein zu mir, überlegte er und er merkte, wie ihn Traurigkeit überrollte. Das Leben könnte so schön sein, wenn alle nett zueinander wären. Nett und einfach.
„Ach, ach!“, entfuhr es ihm nun und er senkte sein stacheliges Haupt.
Die Sansevieria-Schwestern schwiegen. Vielleicht merkten sie, dass sie es übertrieben hatten, und das schlechte Gewissen regte sich. Eine Weile war es still auf der Fensterbank an diesem schönen Sommertag, bis auf einmal die Kleine sagte: „Mir ist das viel zu heiß hier heute, ich könnte einen Schluck Wasser vertragen.
„Oh, oh, ich auch“, erwiderte ihre Schwester. „Aber ich fürchte, wir werden warten müssen. Die Frau gießt uns jeden Freitag und das ist noch nicht lange her. Eigentlich reicht das auch.“
„Nur jetzt gerade nicht. Ich glaube, wir müssen verdursten … und Schuld ist dieser Kerl da.“ Sie winkte zum Kaktus hinüber. „Ärger macht durstig. Das weiß doch jeder.“
Der Kaktus kicherte.
„Was kicherst du so blöd?“, fragten die Schwestern gemeinsam.
„Och, mir fiel nur gerade ein, dass Ärger nicht nur durstig, sondern auch hässlich macht, ja ja!“
„Hast du das gehört?“, brauste die Große auf. „Eine Unverschämtheit ist das. Ha!“ Sie wandte sich an ihre Schwester. „Warum sagst du nichts dazu?“
Die Kleine schwieg und ihre Blattspitzen begannen, sich leicht, ganz leicht einzurollen.
Auch der Kaktus kicherte nicht mehr.
„Lasst uns zusammenhalten!“, sagte er. „Wir sind doch die einzigen hier, die …“
„Die was?“, fragte die Gießkanne.
„Na, wir sind die, die zusammenhalten müssen. Komm schon, Gießkanne, gib den Damen einen Schluck Wasser. Ich kann lange ohne Wasser auskommen, die beiden aber nicht!“
„Und ich habe keine Beine“, sagte die Gießkanne.
„Was bildest du dir eigentlich ein, du doofe Kanne!“, keifte die große Sansevieria los.
„Verschwinde, du hast hier überhaupt nichts verloren!“, polterte auch die Kleine.
„Genau!“, brüllte der Kaktus. „Nichts als Unfrieden säst du, nur Unfrieden, du Wasserding, du. Du willst wohl unsere kleine Familie hier gegeneinander aufbringen. Lass uns in Ruhe! Hörst du?“
Lautes Gezeter und Geschimpfe erfüllte den Raum.
„Ich lasse mich nun einfach von der Fensterbank fallen, wollen wir doch mal sehen, ob dann nicht jemand kommt und eingreift“, verkündete der Kaktus. Er ruckelte hin und her und noch einmal hin und her und zack, lag er auf der Seite. Das schepperte heftig und sofort kam Gela angerannt. Sie wohnte hier und hatte die Macht über die Gießkanne.
„Na sagt mal, was ist denn hier los?“, fragte sie und wollte den Kaktus wieder aufrichten, dabei stachen seine spitzen Stacheln heftig in ihre Hand.
„Aua!“, schrie sie und ließ ihn gleich wieder fallen. „Du spinnst wohl!“
„Tut er nicht!“, riefen die Sansevierien im Chor. „Er wollte uns retten, der Liebe!“
Aber das hörte Gela nicht, sie konnte wohl die Blumensprache nicht verstehen. Der Kaktus aber hatte es vernommen und es tat ihm so gut.
Als Gela ihn vorsichtig aufgerichtet hatte und er wieder zwischen den Schwestern stand, war seine Welt wieder in Ordnung. Alle bekamen einen Schluck Wasser aus der Gießkanne, die nun auch erfreut wieder in den Kreis der Freunde aufgenommen wurde.

© Regina Meier zu Verl

Der kleine Drache Schubbelpo

Der kleine Drache Schubbelpo

Der Drache Schubbelpo war unzufrieden. Ausgerechnet seine Lieblings-Schubbelbaum hatten die Menschen gefällt. Auf einmal waren viele Männer gekommen, mit einem Traktor und einer lärmenden Kreissäge und dann war es dem Baum an den Kragen, ach, an den Stamm natürlich, gegangen. Und ehe sich Schubbelpo versah, war er weg, sein Baum. Wie erstarrt hockte der kleine Drache tief mitten im Farn, dass man nur noch seinen Kopf ein bisschen sehen konnte. Aber auch das nur, wenn man genau hinsah.
Schubbelpo zitterte und die Farne ringsum zitterten auch.
»Was mache ich denn jetzt?«, weinte er leise. »Die können mir doch nicht einfach den Baum wegnehmen, das ist eine so große Gemeinheit!«
Von weitem hörten man die Kreissäge wieder aufheulen. Schubbelpos Laune wechselte blitzschnell von traurig zu wütend. »So geht das nicht!«, rief er. »So nicht! Ich werde … werde … werde …«
Er ballte die Fäuste. Ja, am liebsten würde er hinüberlaufen zu den Menschen mit dem schrill lauten Sägeding und ihnen tüchtig die Meinung geigen, oder besser gesagt fauchen. Aber würden sie auf ihn hören? Was, wenn sie ihn auslachten?
»Geh hin! Kämpfe!«, rief ihm der Rabe, der auf der Kiefer hockte, zu.
»Sei klug! Sei listig!«, sirrte ihm die Libelle zu. »Kämpfe mit dem Köpfchen, nicht mit deinem winzig kleinen Feueratem.«
»Nimm mich!«, lockte die junge, noch sehr schmal gewachsene Birke. »Aus mir wird bald ein toller Baum, an dem du deinen Po schubbeln darfst.«
Schubbelpo beruhigte sich ein wenig, nachdem seine Freunde ihm beistanden und ihn ermutigten zu kämpfen und die hübsche Birke bot sich sogar als Schubbelbaum an. Aber das war nicht so einfach. Er hatte doch seinen Baum geliebt, ja er liebte ihn noch immer. Da konnte er sich doch nicht einfach einem anderen Baum zuwenden und möglicherweise würde man ihm den dann auch wieder wegnehmen. Nein, er musste verhindern, dass so etwas noch einmal passierte.
Die Frage war nur, wie er das machen sollte. Kämpfen, wie der Rabe meinte, oder mit Klugheit, wie es die Libelle riet? War er denn eigentlich klug genug, um es mit Klugheit und List zu schaffen?
Er blickte zu seinem Schubbelbaum hinüber. Das Eichhörnchen turnte auf seiner Krone, die nun nicht mehr in den Himmel lachte, sondern müde am Boden lag, herum.
»Schade, schade!«, brabbelte es dabei vor sich hin. »Ich habe ihn gemocht, den alten Kerl, der eigentlich, wenn ich mir seinen Stamm so ansehe, ein ziemlich kaputter alter Kerl ist. Ich warte schon lange, dass er umfällt.«
»Hey, du!« Schubbelpo war empört. »Was sagst du da, Eichhörnchen?«
»Es hätte dir längst auffallen müssen, lieber Schubbelpo. Der Baum hatte doch ein leuchtend rotes Kreuzzeichen, das bedeutet, dass er gefällt werden sollte und nun war es eben so weit. Schade, aber nicht zu ändern. Morsche Bäume sind gefährlich, ja, sind sie!«
»Gefährlich?«
Weit riss Schubbelpo die Augen auf. »Das ist ja schrecklich!« Er stockte, dann brach er in Tränen aus. Viele dicke große traurige Drachentränen. »U-u-und ich bin sch-schuld!«, schluchzte er. »Ich und mein Schubbelpo. Oh, wie tut mir das lei-ei-eid!«
Das Eichhorn war bestürzt.
»Das ist doch gar nicht so, du kannst gar nichts dafür! Das Schubbeln hat ihm gar nicht geschadet, er war von innen morsch und deshalb musste er gefällt werden. Aber weißt du was? Wir werden ein Stück seines Stammes für dich zum Andenken in Sicherheit bringen, damit du dich immer an ihn erinnern kannst!«
»Was für eine liebe Idee!« Schubbelpos Tränen versiegten und er hatte plötzlich ein ganz warmes Gefühl für diese kleine Fellmädchen namens Eichhörnchen.
»Ich glaube, ich mag dich«, sagte er leise und das Eichhörnchen lächelte.
»Komm, Schubbelpo«, antwortete es. »Ich zeige dir meinen Baum, in dem ich mein Nest habe. Er hat einen breiten Schubbelstamm und er wird dir gefallen.«
Und dann zogen die beiden neuen Freunde los durch den Farnwald und waren bald nicht mehr zu sehen.

© Regina Meier zu Verl

Auseinander geliebt – Reizwortgeschichte

Ferien, Frühstück, flott, freuen und fauchen
Das sind die Wörter, die diesmal mit eingebaut werden sollten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Martina und Lore

Auseinander geliebt

Hannes arbeitete schon viele Jahre in einem Tierpark. Alle tierischen Bewohner waren ihm ans Herz gewachsen. Besonders gern aber hatte er die kleinen Ziegen. Besucher, die öfter herkamen, hatten ihm aus diesem Grund den Spitznahmen Ziegenhannes gegeben. Er freute sich über diesen Namen, erinnerte er ihn doch jeden Tag aufs Neue an seine Kindheit, in der man ihn immer Dackelhannes gerufen hatte. In seinem Zuhause hatten nämlich sechs niedlich anstrengende Dackel gelebt, sein Vater hatte eine Rauhaardackelzucht gehabt, und nachmittags ging Hannes mit allen sechs Hunden spazieren.
Das war lange her, trotzdem träumte Hannes davon, irgendwann mal wieder einen Dackel, gern auch zwei oder drei, zuhause zu haben. Leider war seine Marianne völlig dagegen.
„Ich kann nicht gut mit Hunden!“, beteuerte sie immer wieder. Hannes glaubte ihr, denn wenn sie bei einem Spaziergang mal auf einen Hund trafen, weiteten sich Mariannes Augen vor Schreck und sie zitterte vor Angst. Überhaupt hatte sie Probleme mit Tieren, von Katze bis Maus, von den Spatzen im Hof bis zu harmlosen Mücken. Und Ziegen. Nur Schmetterlinge, die liebte sie über alles, fanatisch fast.
Hannes war, auch wenn er seine Marianne liebte, sehr traurig darüber. Ein einziges Mal in all den Jahren hatte sie ihn an seiner Arbeitsstelle besucht. Wenn er am Abend heimkam, musste er seine Kleidung flott in der Garage wechseln, weil Marianne den Geruch, der daran haftete, nicht ertragen konnte. Das machte ihn oft traurig, auch, weil er nicht herausfinden konnte, ob sie die Tiere nur fürchtete, oder ob sie sie schlicht nicht mochte. Wie konnte er sie da bedingungslos lieben? Und wie immer, wenn er darüber nachdachte, war er froh, dass sie den Gang zum Standesamt bisher nicht gewagt hatten. Seit 27 Jahren!
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie ein Kind gehabt hätten. Doch es war müßig, darüber nachzudenken, der Zug war wohl abgefahren und vielleicht war das ebenfalls auch besser so.
Als Hannes und Marianne nach einer Ferienreise wieder zuhause angekommen waren, passierte etwas, das ihr ganzes Leben verändern würde: Alwin war gestorben! Einfach nicht mehr aufgewacht war Hannes‘ Kollege und bester Freund seit Kindheitstagen, der draußen vor der Stadt allein in seinem kleinen Häuschen mit dem großen Garten lebte. Und ihn, Hannes, hatte Alwin zum Alleinerben bestimmt für Haus, Garten und … für Königspudel Amadeus.
„Du erwartest doch nicht, dass ich mit dir in diese „Bude“ ziehe!“, hatte Marianne gefaucht, als Hannes von der Testamentsverlesung nach Hause gekommen war. Seit Alwins Tod kümmerte sich Hannes schon um Amadeus und da er einen Schlüssel zu Alwins Haus hatte, war er schon ab und zu dageblieben, bevor er wusste, dass ihm das alles mal gehören sollte.
Bude? Es war so ein schönes Haus, so ein friedliches, harmonisches und Amadeus ein Juwel. Nie hatte er einen friedfertigeren und klügeren Hund erlebt als ihn. Sollte er dieses liebevolle Geschöpf etwa in ein Tierheim bringen? Nein.
„Sieh es dir doch einmal an!“, bat er Marianne eines Morgens nach dem Frühstück. „Du wirst es lieben. Und Amadeus auch. Er tut dir nichts zuleide. Ich verspreche es dir.“
Ein paar Wochen gingen ins Land. Marianne hatte sich nicht erweichen lassen und lebte nun allein in der Wohnung, die sie zuvor mit Hannes bewohnt hatte. Aber es hatte sich etwas verändert zwischen ihnen. So fuhr Hannes jeden Abend nach Dienstschluss zuerst zu Marianne, schaute, ob sie etwas brauchte, trank einen Kaffee mit ihr und bekam dafür eine liebevoll gekochte Mahlzeit mit nach Hause. Manchmal brachte er Blumen für sie mit und sie blieb stets am Fenster stehen und winkte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Doch irgendwann wurden seine Besuche seltener. Sie vertrugen sich nicht mehr so gut wie früher, und ohne es zu merken, waren sie irgendwann kein Paar mehr und jeder lebte sein Leben, das nicht mehr für zwei genügte.
Einmal noch hatte Hannes sie gesehen. Im Park. Sie saß dort, angeregt plaudernd, mit roten Wangen vor Eifer, mit einer Freundin und zwei Schäferhunden und jede hielt eine Hundeleine in der Hand. Von Mariannes Furcht vor Hunden war nichts zu spüren.
„Sie hat mich wohl nicht genügend geliebt“, murmelte Hannes. „Oder zu sehr. So sehr, dass sie kein weiteres Wesen in unserer Liebe ertragen konnte?“

© Regina Meier zu Verl

Was wächst denn da?

Als ich diese Geschichte geschrieben habe, hatte ich meinen Sohn vor Augen, der als kleiner Junge genau diese Mundbewegung gemacht hat und ständig einen Sandbart hatte, so wie der Steffen …

Was wächst denn da?

Steffen kann schon ganz allein Traktor fahren. Sein Vater ist darüber sehr froh, denn auf dem Bauernhof fällt gerade im Sommer sehr viel Arbeit an. Da wird jede helfende Hand gebraucht.
Während Steffen mit dem Traktor und Pflug dahinter das riesige Feld pflügt, kann der Vater sich schon mal um die Saat kümmern.
„Steffen, ich fahre mal schnell zur bäuerlichen Genossenschaft und hole das Saatgut. Kommst du allein zurecht?“
„Klar, Papa, ich bin doch schon groß“, antwortet Steffen und macht ein wichtiges Gesicht. Einen Bart hat er auch schon, der ist aber nicht echt, sondern vom Sand, der beim Pflügen durch die Luft wirbelt. Steffen hat die Angewohnheit, dass er sich mit der Zungenspitze um die Lippen leckt, wenn er sich konzentrieren muss und das muss man beim Trecker fahren. Der schwarze Sand haftet besonders gut auf der feuchten Oberlippe und es sieht aus, als habe er schon einen richtigen Männerbart.
Papa grinst und schon ist er weg.
Nach ein paar Minuten kommt Onkel Josef mit seinem Fahrrad angefahren. Er stellt sich an den Ackerrand und schaut dem Steffen bei der Arbeit zu.
Steffen beschließt, mal eine kurze Trinkpause einzulegen und stoppt den Traktor auf Onkel Josefs Höhe.
„Hallo Steffen, du bist ja ein fleißiger Bauer“, ruft der ihm zu.
Steffen steigt vom Traktor ab, steckt die Hände in die Hosentaschen, wie die großen Männer das auch tun und geht auf den Onkel zu.
„Ja, ja“, sagt er. „Der Papa ist ganz schön froh, dass er mich hat.“
Der Stolz blitzt ihm aus den Augen und Onkel Josef klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
„Ja, das kann ich verstehen. Du bist ja auch schon eine große Hilfe, das ist gar nicht so selbstverständlich. Was sät ihr denn in diesem Jahr hier aus?“
Der Steffen kratzt sich kurz am Kopf und denkt nach.
„Ich weiß nicht genau, aber ich glaube Stroh.“

© Regina Meier zu Verl


Das Feld mit der geheimnisvollen Aussaat, Foto © Regina Meier zu Verl

Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

In dieser Geschichte geht es auch um die Heimat: Eine Reise in die Kindheit (auch zum Anhören)