Ein Geschenk für die Eiche

Ein Geschenk für die Eiche

Ein Geschenk für die Eiche

„Hallo Baum, da bin ich wieder!“
Lea strich sanft über den Stamm der alten Eiche. Um sie zu umarmen war sie viel zu dick, aber ein Küsschen, das konnte Lea ihr geben. Und das tat sie auch.
„Hast mich sicher vermisst, oder?“, fragte das Kind und es gab sich gleich selbst die Antwort.
„Natürlich hast du das, aber weißt du, im Winter darf ich nicht in den Wald, da gehe ich nur am Rand ein wenig spazieren und es ist ja auch so früh dunkel draußen. Dann fürchte ich mich.“
An diesem ersten Sonnentag im März war Lea gleich nach Schulschluss zu ihrer Eiche gelaufen. Noch war ihr Geäst kahl, aber schon bald würden die ersten Triebe grün werden. Lea liebte das so sehr.
„Heute habe ich dir etwas mitgebracht, schau mal!“
Lea holte eine Rolle aus ihrer Schultasche, auf die ein rotes Band gewickelt war.
„Hoffentlich ist es lang genug“, sagte sie und versuchte, das Band um die Eiche zu legen. Das war gar nicht so einfach ohne Hilfe. Aber Lea hatte eine Idee. Sie klemmte es an einem Borkenstück fest und holte dann zuerst die eine Seite, dann die andere nach vorn. Eine dicke Schleife band sie dann und freute sich wie eine Schneekönigin, dass das Band ausreichte.
„Jetzt bist du richtig chic!“, rief sie und tanzte um den Baum herum.
Die rote Schleife leuchtete in der Sonne und Leas Augen leuchteten auch.
„Ich werde dich jetzt wieder ganz oft besuchen, liebe Eiche!“
In der Nacht träumte Lea von ihrer Eiche. Sie stand stolz im Wald und ließ sich von den anderen Bäumen bewundern. Die waren gar nicht neidisch, denn sie gönnten ihrer Freundin die Aufmerksamkeit sehr. Sie flüsterten miteinander und Lea hörte, dass ihre Eiche sagte: „Ich habe die kleine Lea so lieb, wenn ich es ihr doch nur einmal sagen könnte.“
„Das weiß ich doch, liebe Eiche“, murmelte Lea und drehte sich auf die andere Seite.
Als die Mutter später noch einmal in Leas Zimmer kam, lag diese mit einem seligen Lachen in ihren Kissen.
„Sicher träumt sie etwas ganz Wunderbares“, dachte die Mutter und hauchte Lea einen zarten Kuss auf die Stirn.

© Regina Meier zu Verl

Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof   (unter der Geschichte auch zum Anhören)

„Ihr könnt mir glauben, ich habe es genau gesehen!“, behauptete Ida, eine der ältesten Hennen auf dem Hof des Bauern Josef. „Mitten in der Nacht, noch bevor er einen Schrei loslassen konnte, haben sie ihn geholt und in eine dunkle Kiste gesteckt. Und nun ist er weg, einfach weg!“
„Reg dich nicht auf, Ida, das ist nicht gut für dein Hühnerherz!“, meinte Frieda, ihre Freundin, gelassen. „Es ist ja nicht der erste Kerl, der bei Nacht und Nebel verschwunden ist!“ Sie pickte weiter auf dem Boden herum, stets auf der Suche nach dem dicksten Korn.
Ida hatte keinen Appetit. Der Hahn Hermann war ihr ans Herz gewachsen, auch wenn er ein rechter Krachmacher war. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie ihn eingefangen und weggebracht hatten. Unglaublich! Menschen machten doch auch Lärm. Wenn Ida nur an die dicken Trecker dachte, oder an den Balkenmäher, mit dem der Sohn des Bauern häufig wie ein wildgewordener Handfeger durchs Gehege jagte.
„Vielleicht kommt er ja wieder zurück!“, piepste Kicki, das Junghuhn. „Kann ja sein!“
Frieda lachte laut auf. „Du Jungspund! Hast du jemals erlebt, dass einer von uns zurückgekommen ist?“
„Nee, aber ich bin ja auch noch jung, wie du richtig gesagt hast. Was sagt ihr Alten denn dazu? Ist mal einer zurückgekommen?“, wollte Kicki wissen.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein.
„Ich!“, rief Agnes aufgeregt, „Ich habe das mal erlebt, am eigenen Leibe sogar!“
„Erzähl!“, riefen die Hennen neugierig.
„Es war kurz vor Ostern. Die Bäuerin hatte mich gepackt und in den Stall getragen. Ich wusste ja nicht, was sie vorhatte und deshalb habe ich mich auch gar nicht gewehrt.“
„Und dann?“ Kicki fand das sehr spannend und sie wünschte, sie wäre an Agnes‘ Stelle gewesen.
„Dann hat sie gesagt, dass ich eine schöne Suppe ergeben würde. Stellt euch das vor, sie wollte mich kochen, Hühnersuppe sollte ich werden!“, Agnes versagte es beinahe die Stimme, als sie daran dachte, welche Angst sie damals gehabt hatte.
„Ich war so in Panik, dass ich vor lauter Schreck ein Ei gelegt habe, mitten in die Hand der Bäuerin!“
Die Hühner gackerten los, einerseits vor Lachen, aber auch vor Schreck, denn noch kannten sie ja den Ausgang der Geschichte nicht.
„Und dann?“, kreischte Kicki.
„Dann hat sie mich losgelassen, sie wollte wohl das Ei nicht fallenlassen! Ihr könnt euch vorstellen, wie schnell ich gerannt bin, um ihr zu entkommen. Sollte sie doch mein Ei behalten, das hätte sie mir ja sowieso weggenommen. Aber …“ Agnes grinste.
„Aber?“ Kicki konnte es vor Aufregung kaum noch aushalten.
„Sie brachte es mir in den Hühnerstall und ließ es mich ausbrüten. Es war eben ein besonderes Ei!“, behauptete Agnes.
„Und? Was war es, ein Hähnchen, oder ein Hühnchen?“, wollte nun Ida wissen, die sich gar nicht erinnern konnte an dieses Geschehnis.
„Weder noch!“ Agnes grinst immer breiter.
„Häh? Sag schon, verflixt!“, riefen die Hennen.
„Da war der Bär drin, den ich euch gerade aufgebunden habe“, rief Agnes und machte, dass sie davonkam. Hühner haben nämlich spitze Schnäbel und die hätte sie sicher zu spüren bekommen.
Wo Hermann abgeblieben ist, das weiß ich leider auch nicht. Möglicherweise ist er einfach nur umgezogen.
© Regina Meier zu Verl

Aufregung im Hühnerhof
Die „tonnenschweren“ Mückendamen

Die „tonnenschweren“ Mückendamen

Die tonnenschweren Mückendamen

Zwei Mückendamen saßen auf einem Zitronengrashalm im Garten. Sie genossen die Ruhe und die Sonne, denn beide hatten eine anstrengende Nacht hinter sich.
Gemeinsam hatten sie das Zimmer der kleinen Leni belagert und sich reichlich an deren Blut gelabt. Immer und immer wieder hatten sie in die zarte Kinderhaut gepiekt. Das ging so lange, bis Leni wach wurde und sofort jämmerlich anfing zu weinen.
Sofort waren die Eltern ins Zimmer gestürmt. Während die Mutter das Kind tröstete und eine kühlende Salbe auf die Stiche auftrug, jagte der Vater die Mücken. Doch er war erfolglos, welch ein Glück für die Mückenweibchen. Sie flüchteten durch eine undichte Stelle im Fliegennetz vor dem Fenster.
Nun hatten sie Bauchschmerzen, vor lauter Aufregung und weil ihr Bauch voll war. Das drückte mächtig und sie hofften auf Linderung durch das Zitronengras, dessen Geruch sie eigentlich verabscheuten.
„Das Leben ist zu kurz, um sich ständig solchen Gefahren auszusetzen“, jammerte Micky. Ihre Freundin Lexi fand das auch, aber sie wusste, dass es notwendig war, wenn sie sich vermehren wollten. Und das wollten sie, unbedingt. Die Nährstoffe aus dem Blut brauchen sie für ihre Eier, damit diese sich entwickeln können.
„Ich fühle mich schwer wie eine Tonne!“, beklagte sich Micky und rülpste.
„Mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten, du Ferkel!“, schimpfte Lexi und tat es ihr nach. „Oh, das tat gut!“, meinte sie und dann kicherten die beiden, so laut, wie Mücken halt kichern können. Eine Mücke ist übrigens nur zwei Milligramm schwer, von Tonne kann also gar keine Rede sein.
„Es muss doch noch etwas anderes geben, als nur zu fressen oder Eier zu legen, findest du nicht auch?“, fragte Lexi nachdenklich.
„Ja, aber was soll das sein?“ Verlegen putzte Micky ihre Flügel. Sie wusste so wenig vom Leben, das bei Mücken recht kurz ist. Wenn eine Mücke nicht von einer Fliegenklatsche oder einem Pantoffel aus dem Leben scheidet, dann bleiben ihr gerade mal sechs Wochen. Das ist nicht viel.
„Ich hab’s!“, rief Lexi auf einmal. „Wir machen einen Fallschirmsprung! Jeder sollte einmal im Leben einen Fallschirmsprung machen, findest du nicht?“
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte Micky aufgeregt. Ein Abenteuer, das wäre was Großartiges.
„Zuerst muss unser Bauch wieder leer sein, sonst sind wir zu schwer!“ Lexi hatte scheinbar einen Plan. Es ist gut, einen Plan zu haben!
„Und dann?“
„Dann nehmen wir uns einen Fallschirm, der Löwenzahn ist bald soweit, er hat schon Samen gebildet, die schickt er in die weite Welt. Wir halten uns einfach an einem seiner Schirmchen fest und dann „Huiiiii“, geht’s los!“
„Aber …“, stammelte Micky, doch die Freundin ließ sie nicht ausreden.
„Komm, wir fliegen eine Runde, legen unsere Eier ab und bis unsere Kinder da sind, sind wir längst zurück! Also los!“
Genauso machten sie das, nachdem sie die Eier abgelegt hatten, flogen sie zur Löwenzahnwiese, suchten sich zwei kräftige Fallschirme aus und klammerten sie daran fest. Dann warteten sie auf einen kräftigen Windstoß und flogen davon.
Wo sie gelandet sind? Das weiß ich auch nicht, ehrlich!

© Regina Meier zu Verl

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Zufrieden streckte der Löwenzahn auf der Wiese seine Blüte in die Sonne. „Wunderbar, dass ich hier meine Wurzeln gefunden habe. Dies ist ein herrliches Fleckchen Erde, nicht wahr, meine Liebe?“
„Ja, lieber Löwenzahn,“ antwortete das Wiesenschaumkraut, „das kann man wohl sagen, aber mit den Wurzeln ist das so eine Sache.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ohne Wurzeln können wir Pflanzen doch nicht leben.“
„Das ist ja das Problem. Wir sind fest angewachsen und haben keine Chance, uns vom Fleck zu bewegen. Eine Freundin von mir könnte noch unter uns weilen, hätte sie statt der Wurzeln Beine gehabt.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut erschraken. Was war passiert? Gerade noch hatte ihnen die Sonne ihre herrlich warmen Strahlen geschenkt. Sollte wieder ein Wolkentag sein? Die beiden hoben ihre Blütenköpfe gen Himmel. Doch der war nicht zu sehen. Es war Alma, die schwarzbunte Kuh des Bauern, die über ihnen stand und den Sonnenstrahlen den Weg versperrte.
„Hey du!“, rief der Löwenzahn, „geh mal einen Schritt zu Seite, du nimmst uns das Licht weg.“
Alma bewegte sich nicht von der Stelle. Sie neigte ihren Kopf und naschte laut schmatzend von dem frischen Gras.
„Hey du, hast du nicht gehört? Du sollst sofort zur Seite gehen“, protestierte der Löwenzahn, nun noch etwas lauter.“
Das Wiesenschaumkraut aber hatte jegliche Farbe verloren. „Psst, Löwenzahn! Sind Sie verrückt? Gleich tritt sie zur Seite und stampft uns in den Boden. Oder noch schlimmer: Sie frisst uns auf. Machen Sie doch nicht so einen Lärm!“
Im gleichen Moment setzte sich die Kuh Alma in Bewegung. Ihr linker Hinterfuß trat gefährlich nah neben dem Wiesenschaumkraut auf dem Boden auf. Das fühlte sich an wie ein Erdbeben, und das Wiesenschaumkraut heulte vor Angst laut auf.
Doch die beiden Pflanzen hatten Glück. Alma zog in die andere Richtung weiter. Als sie aber ein paar Meter entfernt wieder anhielt, schrie der Löwenzahn: „Eine Unverschämtheit ist´s, arglose Wiesenblumen so zu erschrecken.“
Alma blickte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Seltsam. Sie stand kuhseelenallein auf der Weide. Hmm. Gelangweilt kaute sie weiter.
„Das ist aber gerade noch einmal gut gegangen,“ wisperte das Wiesenschaumkraut.
„Du bist aber ängstlich.“ Der Löwenzahn plusterte sich auf und sah das Wiesenschaumkraut verächtlich an. „Feigling!“, fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam Peter, der Sohn des Bauern, um Alma zum Melken nach Hause zu holen. Er erblickte das Wiesenschaumkraut und bückte sich, um es abzupflücken. „Dich werde ich mitnehmen. Meine Mama mag deine schönen weißen Blüten sehr.“
„Und ich? Hey, was ist mit mir?“, kreischte der Löwenzahn empört.
Aber Peter war schon weitergegangen. „Alma komm, es ist Zeit …“

© Regina Meier zu Verl

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty und die Veilchen

Oma Betty und die Veilchen

Eine weitere Geschichte von Oma Betty, die so allerhand erlebt und es mit Freuden an ihre Enkelkinder weitergibt. Viele Geschichten entstehen auf diese Weise. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen.

Oma Betty und die Veilchen

Heut ist ein wunderbarer Tag, endlich ist der Frühling gekommen. Oma Betty und ich genießen die Sonne im Garten.
„Guck doch mal hier!“, ruft Oma Betty begeistert. „Veilchen!“
„Ich sehe keine Veilchen!“, behaupte ich und sehe auch wirklich nichts. Oma Betty zieht an meinem Arm.
„Du musst dich schonmal etwas bücken, von da oben siehst du sie nicht!“
Ich bücke mich und entdecke winzige blaue Blüten im Rasen.
„Okay!“, sage ich, „Kann ich jetzt wieder gehen?“
Oma Betty ist entsetzt über meine gleichgültige Reaktion. Für sie sind die Veilchen im Rasen eine Sensation, das spüre ich deutlich. Sie sitzt in der Hocke vor den zarten Blümchen und freut sich. Ich würde das zu gern knipsen, habe aber leider Handyverbot.
„Oma, ich würde sie gern für dich fotografieren, darf aber mein Handy nicht benutzen diese Woche!“, erkläre ich und hoffe insgeheim, dass Oma mir ihres anbietet.
„Tja, da kann man nichts machen!“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Schönheit dieser Frühblüher kann man sowieso nicht ablichten, die muss man genießen und erschnuppern!“
„Erschnuppern?“
„Die kleinen Blüten haben nämlich einen Trick, weil sie so klein sind und von den Menschen kaum wahrgenommen werden, verströmen sie einen bezaubernden Duft. Riech doch mal!“
Oma Betty legt sich auf den Bauch und schnuppert, aus der Hocke heraus wäre das nicht möglich gewesen, denn dann wäre sie umgefallen.
Ich lasse mich ebenfalls auf den Bauch fallen und rieche an den Veilchen und tatsächlich, der Duft ist super, er erinnert mich an irgendwas, das mir gerade nicht einfällt. Gerade will ich noch eine Nase voll nehmen, als Oma wohl die gleiche Idee hatte und wir beide mit den Köpfen zusammenstoßen. Aua! Das tat weh, aber lustig war’s auch und ein bisschen kann ich Oma Bettys Begeisterung für die kleinen blauen Blüten nun verstehen.

© Regina Meier zu Verl

Weitere Geschichten von Oma Betty:
Oma Betty meditiert

Weiberfastnacht

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied

Jonas, Zwiebelchen und der Muttertag

Jonas, Zwiebelchen und der Muttertag

Jonas, Zwiebelchen und der Muttertag

Der kleine Apfelschimmel Zwiebelchen steht auf der Wiese. Er lässt sich das frische Gras schmecken. Es ist eine Freude, ihm dabei zuzuschauen. Ab und zu schüttelt er seine zottelige Mähne, dann sucht er weiter mit seinem weichen Maul nach dem leckeren Grün.
Na, Zwiebelchen, ist es dir nicht zu langweilig, so allein hier?“, fragt Jonas, der vor dem Mittagessen schnell noch einen Besuch bei seinem Freund macht.
„Schau her, ich habe dir etwas mitgebracht!“ Jonas holt eine trockene Brotscheibe aus seiner Hosentasche. Die hat er in der Küche stibitzt.
„Mama mag dich auch sehr gut leiden, deshalb ist es sicher nicht so schlimm, dass ich das Brot genommen habe. Weißt du, meine Mama ist die beste Mama von allen!“, erzählt er dem Pferd, das genüsslich kauend zuhört.
„Wo ist eigentlich deine Mutter? Schade, dass du mir nicht antworten kannst. Vielleicht sollte ich den Bauern mal fragen.“ Jonas setzt sich ins Gras. Die Sonne meint es schon gut an diesem Tag in Mai. Endlich kann man wieder ohne Jacke nach draußen gehen. Wunderbar. Alles fühlt sich so leicht an. Jonas lässt sich zurückfallen ins weiche Gras, und es dauert gar nicht lange, da ist er eingeschlafen.
Er träumt von Zwiebelchen, der mit seiner Mutter, einer hübschen Schimmelstute auf der Wiese steht. Es sieht so aus, als ob die Pferde miteinander reden. Jonas lauscht. So gern möchte er wissen, worüber sie sprechen. Aber er kann nichts verstehen. Als sich eine Fliege auf Jonas’ Nase setzt, muss er niesen. Die Pferde erschrecken und galoppieren davon. ‚Bleibt doch!’, ruft Jonas. Doch mit schwebender Leichtigkeit sind sie über das Gatter gesprungen und verschwinden im Wald. Jonas läuft ihnen nach, immer weiter und weiter. Er verliert sie aus den Augen, denn sie sind viel schneller als er. Erschöpft lässt er sich auf den Waldboden fallen. „Mama!“, ruft er, denn es ist dunkel im Wald und er hat sich verlaufen. „Mama!“
„Hier bin ich!“, sagt eine helle Stimme. Jonas öffnet die Augen und schaut in das Gesicht seiner Mutter. Erleichtert springt er auf.
„Oh Mama, ich habe wohl geträumt; im Traum habe ich mit verlaufen …“
Die Mutter nimmt Jonas in den Arm.
„Glücklicherweise bist du nur eingeschlafen. Ich habe dich gesucht und plötzlich hörte ich dich rufen. Da bin ich wohl zur rechten Zeit gekommen.“
„Ja, das bist du. Ich hatte solche Angst! Das arme Zwiebelchen hat keine Mutter, die immer da ist. Mama, ich habe dich so doll lieb!“
Mama lächelt. Ihr Jonas ist ein wunderbarer Junge.
„Zwiebelchen kann schon ganz gut allein auf sich aufpassen und ein bisschen kann ich ja auch seine Mutter sein, wie findest du das?“
„Gute Idee! Und weil doch am Sonntag Muttertag ist, machen wir dann alle zusammen ein Picknick hier, Zwiebelchen, du und ich, okay?“

Hier auch zum Anhören

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Muttertagsgeschichte findet ihr hier: Mamas Herzenswunsch

Eine Überraschung für Mama

Eine Überraschung für Mama

Omas Bett steht am Fenster im Wohnzimmer. Wenn Mama das Kopfteil ein wenig höher stellt, dann kann Oma in den Garten schauen. Das gefällt ihr, denn raus kann sie nicht mehr, schon lange nicht. Sie muss fast den ganzen Tag liegen. Dadurch, dass das Bett aber nun im Wohnzimmer steht, nimmt sie am Familienleben teil und ist nicht so allein.
Ich spiele oft im Garten. Immer wieder schaue ich dann bei Oma vorbei, zeige ihr ein Blümchen, das ich gepflückt habe oder male ein Herz an die Fensterscheibe. Dabei darf ich mich aber nicht von Mama erwischen lassen. Sie mag das nämlich gar nicht.
Dieses Wochenende ist bei uns was los. Mama und Papa machen Frühjahrsputz. Jede Ecke wird aufgeräumt und entstaubt. Die Fenster werden auf Hochglanz poliert und selbst die Decken aller Räume werden geputzt. Dafür hat Mama einen weichen Lappen auf den Wischer gespannt und sie streckt und reckt sich, damit sie auch jeden Winkel erwischt. Das ist anstrengend, denn sie stöhnt in einer Tour.
Oma und ich schmunzeln bei jedem Seufzer und schauen uns wie zwei Verschworene an. Laut zu lachen, das wagen wir nicht, das würde Mama wohl ärgern. Dabei hat sie selbst es sich ja so ausgesucht und wir können ihr auch gar nicht helfen. Oma, weil sie krank ist und ich, weil ich auf Oma aufpassen muss. Das ist in diesem Fall ganz praktisch, finde ich.
Papa entrümpelt den Keller, so steht er Mama nicht im Weg und er muss auch nicht ihr Gestöhne anhören. Schließlich kann er ja nichts dafür, dass die Spinnen die Decke und Zimmerecken „bewebt“ haben. All die feinen Spinnweben, wahre Kunstwerke, verschwinden nun im Putztuch. Oma hustet, ich huste zur Gesellschaft gleich mit und wedle mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Puh, staubt das hier!“, bemerke ich und fange mir einen bösen Blick von Mama ein.
„Meckern kann ich auch“, schimpft sie und macht weiter. Oma hustet schon wieder, ich auch. Papa kommt ins Wohnzimmer und wedelt ebenfalls mit den Armen.
„Das kann ja nicht gesund sein, Ingrid, denk an deine Mutter!“ Er geht zum Fenster und öffnet es weit. Im Raum wird es furchtbar kalt und Oma und ich husten um die Wette.
„Ihr macht mir doch was vor, ihr Beiden“, sagt Mama verärgert, hört aber auf, an der Decke herumzuputzen.
Als Papa das Fenster gerade wieder schließen will, steckt der Postbote seinen Kopf ins Zimmer.
„Ich habe schon drei Mal geläutet, habe einen wichtigen Brief für Sie!“, kündigt er an und überreicht Papa einen großen Umschlag.
„Schauen Sie, hier müssen Sie bitte quittieren. Er deutet auf sein Lesegerät und reicht Papa einen Stift. Papa zieht die Augenbrauen in die Höhe und staunt. Er fragt sich, was wohl in dem Brief sein wird. Als sich der Postbote verabschiedet hat, lässt sich Papa auf’s Sofa fallen, Mama daneben, gemeinsam öffnen sie den Briefumschlag. Sie lesen, dann kreischt Mama und Papa grinst, als er einen dicken Schmatz von seiner Frau bekommt.
„Du bist ja so süß, Freddy, richtig romantisch, ich bin hin und weg!“
Oma und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Wir verstehen nicht, was da gerade los ist. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob Oma nur so tut, oder ob sie genau weiß, was da vor sich geht. Papa sagt nämlich:
„Das ist ja sehr lieb und du darfst mich ruhig noch mal küssen, liebe Ingrid, aber ich war das nicht, Ehrenwort!“
„Was ist denn nur los?“, will ich jetzt wissen. Oma schweigt und grinst.
„Dein Vater hat mir eine Reise nach Paris geschenkt und nun tut er so, als wäre er es nicht gewesen!“, beantwortet Mama meine Frage.
Oma kichert und jetzt weiß ich auch warum: sie war das.
„Oma war’s!“, verkünde ich und bekomme einen Buff in die Seite.
„Mutter, ist das wahr?“
„Ja!“, sagt Oma. „Ich wollte euch etwas zum Hochzeitstag schenken und dachte mir, dass ihr mal nach Paris reisen solltet und den Knirps, den lasst ihr hier bei mir. Der muss Tante Elisabeth Anweisungen geben. Denn die wird sich während des Wochenendes um mich kümmern. Ihr seht, für alles ist gesorgt!“
„Aber …“, stammelt Mama, „aber, das geht doch nicht!“
„Geht!“, sagt Oma und da ist auch nichts dran zu rütteln.
Ich finde das gut, denn ich bin ja schon groß und kann Tante Elisabeth gut sagen, wo es langgeht. Vielleicht gehorcht sie sogar, wenn ich Pizza bei ihr bestelle und einen dicken Eisbecher. Wir werden sehen.

HIER auch als Hörbuch: Überraschung beim Frühjahrsputz

© Regina Meier zu Verl

Kirschzweige im Frühling