Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

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Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Gänse, Brot, süß, meckern, stehlen

Das sind die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten. Lest, was dabei herausgekommen ist unten und auch bei meinen beiden Mitstreiterinnen:

Lore

Martina

Aufregung auf der Gänsewiese 

Aufgeregt liefen die Gänse auf der Gänsewiese hin und her. Sie schnatterten dabei laut. Man hätte denken können, es sei der Teufel oder der Fuchs hinter ihnen her. Sie schlugen so kräftig mit den Flügeln, dass Gänsefedern durch die Luft stoben. Das Pony Rodrian wieherte: „Guck, es schneit wieder!“
Was war denn da nur los? Tante Anna, die Bäuerin, stand am Küchenfenster und wunderte sich.
„Ich glaube“, sagte sie zu ihrem Mann Antonius, „du musst mal gucken gehen, die Gänse sind außer Rand und Band!“
Antonius schob sich schnell noch ein Stück Brot mit Schinkenspeck in den Mund, murmelte „Jau!“, erhob sich schwerfällig, schnappte seine Mütze und ging nach draußen.
Als er an der Gänsewiese angekommen war, beruhigten sich die Tiere ein wenig. Es war immer gut, wenn sich der Boss einmischte, das kannten sie schon.
„Nun macht doch mal halblang, ihr alten Schnattertanten!“, sagte er und schon der Klang seiner Stimme half, um noch ein wenig mehr Ruhe einkehren zu lassen.
„Schade!“, wieherte Rodrian und drehte den Gänsen sein Hinterteil zu. Er hatte sich so über den Schnee gefreut und nun machte der Bauer alles kaputt.
„Nun sagt mir doch mal, was hier los ist!“, befahl der Bauer. Sofort schnatterten alle wild durcheinander.
„Halt!“, brüllte Antonius. „So nicht! Eine redet, die anderen schweigen!“
Stille kehrte ein, dann schnatterte Gisela, die Älteste: „Die böse Katze hat unser Schnubbelchen gestohlen!“
„Wer um alles in der Welt ist denn Schnubbelchen?“, fragte der Bauer verwundert.
„Na, unser Jüngstes!“, erklärte Gisela weinerlich. „Die Katze hat das Kleine so lange gelockt, bis es durch ein Loch im Zaun hinter ihr her ist. Wir konnten gar nichts machen!“
„Und wo ist die Katze jetzt? Und wie sieht sie aus? Und von woher kommt sie überhaupt?“, wollte der Bauer nun wissen.
Gisela zuckte mit den Flügeln. „Woher soll ich das wissen?“
Der Bauer Antonius schlurfte nun über seinen gesamten Hof, schaute in jede Ecke, hinter jeden Busch und Strauch und rief: „Schnubbelchen! Schnubbelchen!“
Gerade als er vor dem Küchenfenster hinter dem Rhododendron nachgeschaut hatte und immer weiter rief: „Schnubbelchen, wo bist du denn?“, antwortete sein Frau: „Hier bin ich doch!“
Der Bauer Antonius lachte auf, er konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. „D…dich meinte ich nicht!“, stammelte er atemlos. „Ich suche ein Gänseküken, Schnubbelchen! Eine fremde Katze soll es gestohlen haben!“
Anna überlegte nicht lange. „Dann kann ich dir helfen. Es wird die Nachbarkatze sein, die Schnurrsula! Die kuschelt so gern, schau mal in der Scheune nach!“ Die Bäuerin kam aus der Küchentür und begleitete den Antonius zur Scheune. Leise öffneten sie die Tür und schauten vorsichtig hinein.
„Da, schau!“ Anna deutete auf einen Haufen Heu, in dem hatte sich die Katze eingerollt und an ihren Hals gekuschelt schlief ein Gänseküken, Schnubbelchen.
„Das ist süß, oder?“, flüsterte Anna.
„Jau!“, sagte Antonius und sah seine Anna liebevoll an. „Aber jetzt verrate mir doch bitte, woher du den Namen der Katze kennst!“
„Es ist die Katze der Nachbarin und weil die Ursula heißt, und die Katze so ein liebevolles Kätzchen ist, habe ich sie Schnurrsula genannt!“
Dass die Katze eigentlich ein Kater war und Felix hieß, war ja nicht so schlimm, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Lachflash

Lachflash

Lachflash

„Nun schalte doch endlich den Fernseher aus, du hast ja schon ganz viereckige Augen!“, schimpfte Luise, die schon vor Stunden ins Bett gegangen war und dann aufwachte, weil sie Fred vermisste, der noch immer auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Eigentlich musste sie zur Toilette, aber das mit dem Vermissen ist ja viel romantischer, nicht wahr?
Fred machte kurz das linke Auge auf, dann gähnte er und hätte damit dem müden Löwen im Zoo gut Konkurrenz machen können. Unglaublich!
„Ich schaue ja gar nicht, ich schlafe. Die Stimmen im Fernseher beruhigen mich so schön!“, sagte Fred und drehte sich auf die andere Seite.
Luise schüttelte unwillig den Kopf, ließ noch ein: „Mach doch, was du willst!“ da und verzog sich wieder in ihr Bett. An Einschlafen war aber nicht zu denken. Luise stand wieder auf, schüttelte das Kissen auf, trank einen Schluck Wasser und machte einen neuen Versuch.
Sie ging die Einkaufsliste für das Wochenende noch einmal durch. Immer wieder horchte sie, ob der Fernsehapparat noch lief.
‚Ich mache jetzt einfach das Licht aus und stelle mir vor, dass Fred neben mir liegt. Dann werde ich schon schlafen können‘, dachte sich Luise. Also löschte sie das Licht und versuchte einzuschlafen. Tatsächlich konnte sie sich vorstellen, dass Fred neben ihr lag. Lediglich das Schnarchen fehlte ihr ein wenig, aber nicht allzu sehr.
Es dauerte nur ein paar Minuten, als Luise in das Reich der Träume wechselte. Gerade hatte sie noch ‚Gute Nacht, Fred‘ geflüstert, als sie sich zurückversetzt fühlte zu dem Frühlingstag vor 40 Jahren, als sie und Fred sich kennengelernt hatten. Das Thermometer war bereits am Morgen auf 20 Grad geklettert. Luise trug ein buntes Sommerkleid. Sie hatte ein Buch eingepackt, eine Flasche Wasser und ein paar Kekse, falls sie der Hunger überkommen sollte. Ihr Ziel war der Stadtpark. Dort suchte sie ihre Lieblingsbank auf, hielt ihr Gesicht für einen Moment in die Sonne, wobei sie die Augen schloss und einfach nur das warme Gefühl genoss.
„Guten Morgen!“ Luise schreckte auf und sah einen jungen Mann vor sich stehen. Er trug Jeans, ein rotes T-Shirt und Turnschuhe. „Darf ich mit für einen Moment zu dir setzen?“, fragte er. Die Antwort wartete er nicht ab, er setzte sich sofort und packte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Dann nahm er einen kräftigen Schluck.
‚Fehlt noch, dass er nun rülpst‘, dachte Luise und musste über ihren absurden Gedanken lachen. Und wenn Luise einmal anfing zu lachen, dann war sie so schnell nicht zu bremsen.
Da ihr Lachen ansteckend war, stimmte der junge Mann gleich mit ein. Sie lachten sicherlich ein paar Minuten, andere Parkbesucher wurden aufmerksam und freuten sich über das fröhliche junge Paar auf der Parkbank, dass bisher nichts voneinander wusste.

„Was ist los?“, fragte Fred, der plötzlich neben Luise im Bett lag. Sofort war Luise wieder hellwach.
„Was soll denn los sein?“, fragte sie verschlafen.
„Du hast so laut gelacht. Hast du dir einen Witz erzählt? So wie damals? Du weißt schon!“, Freds Stimme klang zärtlich. Genau diese Frage hatte er ihr damals auch gestellt und Luise hatte ihm nie verraten, was der Auslöser für ihren Lachanfall gewesen war. Eigentlich war es auch egal, es hatte einfach so sein müssen damals, vor 40 Jahren. Ein großes Glück war es gewesen, ein anhaltendes Glück. Luise tastete nach Freds Hand. „Schlaf schön!“, flüsterte sie. „Du auch!“, flüsterte Fred.

© Regina Meier zu Verl

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Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Hier lese ich dir die Geschichte vor. KLICK

Juli 1962 – Die Kinder strömten aus dem Haupteingang des Schulhauses. Endlich Sommerferien! Einige von ihnen blieben noch auf dem Schulhof. Sie tauschten Sammelbilder oder spielten Gummitwist. Lotte und Moni wurden von den Eltern abgeholt, die mit vollgepacktem Auto vor der Schule auf sie warteten.
Fröhlich winkten die Mädchen den anderen Kindern zu. „Schöne Ferien!“, riefen sie.
Maria nahm Annas Hand. Die beiden Mädchen waren allerbeste Freundinnen. Alles machten sie zusammen. Jetzt aber waren sie traurig. Lange würden sie sich nicht sehen.
„Sei nicht traurig, liebe Anna. Es sind doch nur ein paar Wochen. Schon bald bin ich wieder hier bei dir und wir haben alle Zeit der Welt für uns!“, versuchte Maria die Freundin zu trösten. Sie selbst fuhr, wie in jedem Jahr, zu ihrer Oma nach Bayern. Dort würde sie die gesamte Ferienzeit verbringen. Marias Eltern waren berufstätig und konnten sich während der Ferien nicht um sie kümmern.
Anna lebte mit ihrer Familie auf einem Bauernhof außerhalb des Dorfes. Im Sommer gab es dort eine Menge zu tun und jede helfende Hand wurde gebraucht. Das machte Spaß, aber ohne Maria war es nur halb so schön. Schon im letzten Jahr war ihr die Zeit viel zu lang geworden und sie hatte sehnsüchtig auf Marias Rückkehr gewartet.
„Du hättest bei uns bleiben können. Schade, dass es deine Eltern nicht erlaubt haben“, jammerte Anna.
„Wie gern wäre ich bei dir geblieben, aber schau, meine Oma sieht mich ja auch nur einmal im Jahr und sie freut sich so sehr, dass ich komme. In der kleinen Stadt ist es sehr nett und wenn ich da bin, dann ist auch wieder der Jahrmarkt und von dort werde ich dir etwas Schönes mitbringen.“, versprach sie.
Die Freundinnen umarmten sich und verabschiedeten sich schnell, weil jede von ihnen befürchtete, dass es Tränen geben würde. Sie wollten einander nicht weh tun.
„Mach’s gut, liebe Anna, ich werde dir schreiben, versprochen!“ Maria drehte sich schnell um und ging nach Hause.
Wenn Anna gewusst hätte, dass sie ihre Freundin nicht wiedersehen würde, dann hätte sie sie niemals losgelassen. Aber das Leben hatte einen anderen Weg für sie bestimmt.

Während der Sommerferien trennten sich Marias Eltern und sie entschieden, dass Maria bei der Oma in Bayern bleiben sollte. Annas Mutter hatte versucht, ihrer Tochter das schonend beizubringen, doch Anna war untröstlich. Sie schrieb der Freundin einen langen Brief, aber eine Antwort bekam sie nie.
Als sie Marias Mutter einmal besuchen wollte, war auch diese weggezogen. Der Vater hatte eine Stellung in der Stadt gefunden und niemand wusste, wo er jetzt wohnte. Es war wie verhext.

Juli 1972
Zehn Jahre waren vergangen. Anna hatte die Schule längst beendet und machte eine Ausbildung zur Schneiderin. Noch immer dachte sie oft an die Freundin aus Kindertagen und immer wieder zog es sie zum alten Schulhaus, das nun zu einem Heimatmuseum geworden war. Dort setzte sie sich auf die Treppe und träumte von Maria und der glücklichen Zeit, die sie als Kinder miteinander verbracht hatten.
Beim Tanzkurz lernte Anna dann Hans kennen, mit dem sie ihre Zeit verbrachte. Sie tanzten miteinander, sie lachten und hatten viel Spaß und irgendwann hatte Amor seine Pfeile platziert und es war um sie geschehen. Sie verliebten sich und nach ein paar Jahren heirateten sie und bekamen eine Tochter, der sie den Namen Maria gaben. Anna war glücklich.

Juli 1982

Anna war gerade in der Küche beschäftigt, als es an der Haustür schellte. Maria öffnete und rief nach ihrer Mutter, die sich die Hände an der Schürze abwischte und gleich in den Flur lief. Ein junges Mädchen stand vor der Tür. Anna wich jede Farbe aus dem Gesicht, sie hielt sich am Garderobenständer fest und rang nach Atem.
„Mama, was hast du? Ist dir nicht gut?“, fragte die Tochter.
„Nein, nein, es geht schon!“, flüsterte Anna.
Das konnte nicht sein. Dort stand leibhaftig ihre Freundin Maria vor ihr, die sie vor vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte und sie war noch immer ein Kind.
Das Mädchen holte ein Lebkuchenherz aus ihrer Tasche und hielt es Maria hin:
„Ich möchte Ihnen das von meiner Mutter geben, sie hat es Ihnen versprochen!“, sagte sie.
„Wenn du dich verirrst, zeige ich dir den Weg!“, stand in Zuckerschrift auf dem Herzen.
„Deine Mutter?“, fragte Anna, die noch immer nicht begriff.
In diesem Moment kam eine Frau über den Gartenweg zum Haus.
„Da kommt sie ja!“, rief das Mädchen und wies auf die Frau.
„Und ich bin die Tochter Anna und habe schon so viel von Ihnen gehört!“, sagte sie.

Die beiden Frauen standen sich nun gegenüber. Anna konnte es nicht fassen. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, auch Maria weinte und dann fielen sie sich in die Arme.
„Es gibt so viel zu erzählen!“, sagte Maria, doch Anna wehrte ab.
„Später, kommt doch erstmal herein!“
Dann saßen die beiden Annas und die beiden Marias zusammen am Küchentisch und lachten und weinten und waren froh, dass sie sich wiedergefunden hatten. Auch die beiden Kinder verstanden sich auf Anhieb.
„So lange habe ich auf diesem Tag gewartet“, sagte Maria und drückte der Freundin die Hand.
„Ich ja auch, liebe Maria, endlich bist du da!“

Was genau damals geschehen war, das erzählten sich die Frauen in den nächsten Tagen, denn es waren wieder einmal Sommerferien und Maria und ihre Tochter blieben für ein paar Wochen. Danach verloren sie sich nie wieder aus den Augen und das Lebkuchenherz hat einen besonderen Platz in Annas Haus bekommen.

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Ich lag gerade so schön mit Opa auf dem Sofa, als plötzlich ein lauter Schrei aus dem Badezimmer zu hören war.
„Ach herrjemine!“, rief Opa. „Oma Betty!“ Er sprang so schnell auf, dass sein Weinglas auf dem Tisch umkippte. Dann rannte er ins Bad, ich hinterher.
„Betty, was ist passiert?“, fragte er durch die geschlossene Tür. Ich wäre ja sofort reingegangen, aber Opa ist eben höflich. Er stört nicht, wenn eine Dame duscht.
„Mich hat eine erwischt!“, kreischte Oma. „Kommt rein, ihr müsst gucken!“
„Wer hat dich erwischt?“, fragte ich aufgeregt. Es konnte doch gar niemand reingekommen sein.
Vorsichtig öffnete Opa die Tür. Oma hatte sich ein großes Badehandtuch umgelegt und sie machte ein sehr verschrecktes Gesicht.
„Hier!“, sagte sie und stellte ihr Bein auf den Badewannenrand.
„Ich sehe nichts!“, sagte Opa. „Philip, hol bitte schnell meine Brille!“
Das war ja mal wieder typisch. Immer wenn es spannend wurde, dann schickte man mich weg. Ich sauste so schnell ich konnte ins Wohnzimmer und hastete dann mit der gewünschten Brille wieder ins Bad.
„Dann lass mich mal gucken!“ Opa setzte die Brille auf und nickte. „Stimmt, da hat dich eine angefallen!“, sagte er. Angefallen? „Ich will auch mal sehen!“, rief ich und schaute mir Omas Oberschenkel genauer an. Dann sah ich sie, eine dicke Zecke hatte sich dort festgebissen. Die hätte Opa nun auch ohne Brille erkennen können. Also wirklich.

„Und jetzt?“, fragte ich. „Müssen wir ins Krankenhaus?“
„Quatsch mit Soße!“, lachte Opa. „Hol den Zeckenhaken, der liegt auf dem Schrank neben dem Hundekörbchen.
Als ich zurückkam, erfolgte die Operation „Zecke“ umgehend. Konzentriert setzte Opa den Haken an und zog. Oma hatte wohl die Luft angehalten, sie war schon ganz weiß im Gesicht. Der Zeckenhaken rutschte ab und die Zecke steckte noch immer in Omas Bein.
„Dieses verflixte Biest!“, kreischte Oma. Opa versuchte es erneut. Es funktionierte, das Tier war raus. Es zappelte noch mit den Beinen und wie es aussah, war es noch vollständig. Das war gut, denn wenn noch etwas in Omas Bein geblieben wäre, das wäre schlecht gewesen.
Oma atmete nun wieder, sie war froh, dass sie den kleinen Vampir los war.
„Ich desinfiziere das ein bisschen und dann ist alles wieder gut!“, sagte sie und schickte uns wieder ins Wohnzimmer zurück. Opa ließ schnell das Weinglas verschwinden, das beim Umkippen kaputt gegangen war und ich wischte die Weinflecken weg, so gut es ging.
Jetzt könnte man meinen, es sei alles gut ausgegangen – stimmt leider nicht. Am nächsten Morgen war Omas Bein geschwollen und es tat ihr weh.
„Morgen gehe ich zum Arzt!“, beschloss sie. Es war ja Sonntag und in die Notaufnahme wollte sie nun auch nicht.
Am Montagmorgen war die Schwellung noch gewachsen, in der Mitte war ein roter Flatschen und außen rum war es weiß und geschwollen. Eine Wanderröte nennt sich das. Hat der Arzt Oma erklärt und ihr eine Medizin verschrieben, die sie nun 21 Tage lang einnehmen muss. Oma gefällt das nicht, aber sie fügt sich und sie schimpft auf diese verflixten Biester jeden Tags aufs Neue. Kann ich verstehen, ihr auch?

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Wenn Oma Betty morgens ihre erste Tasse Kaffee getrunken hat, setzt sie die Lesebrille auf und macht sich über die Tageszeitung her.
Liest sie was Nettes, grinst sie, manchmal ärgert sie sich und ab und zu regt sie sich auf. Gestern zum Beispiel!
Ich dachte schon, dass etwas furchtbar Schlimmes passiert ist, noch furchtbarer als die schlechten Nachrichten, über die sich Oma sonst so ärgert. Sie wurde puterrot im Gesicht und atmete ganz schnell.
„Oma, was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig, bekam aber keine Antwort. „Soll ich dir ein Glas Wasser holen?“, hakte ich nach, weil sie so heftig schnaufte.
„Wasser?“ Sie schrie es fast, ich bekam es so langsam mit der Angst zu tun.
„Wasser hilft nicht und Schnaps darf ich nicht, du weißt ja, mein Herz! Ich könnte jetzt aber einen gebrauchen!“ Oma nahm die Lesebrille ab, setzte sie wieder auf und las noch einmal das, was sie so aufregte.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte sie. Dann hielt sie mir die Seite hin, die wohl Anlass für den Ärger war. Eine ganzseitige Werbeanzeige des Kaufhauses in der Nachbarstadt.
„Das machen die doch extra!“, schimpfte Oma Betty.
„Was denn? Ich verstehe nicht …“, warf ich ein, obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben hatte, gleich zu erkennen, was denn so schrecklich war.
„Na da!“ Oma klopfte mit der flachen Hand auf die Anzeige. Als ich noch immer nicht reagierte, nahm sie den Zeigefinger und tippte auf einen Topf. So langsam schwante mir, was passiert sein könnte.
„Dein neuer Slow-Cooker?“, fragte ich vorsichtig.
„Genau der! Eine Unverschämtheit ist das, ich sag’s ja, die machen das extra!“
„Aber was denn, Oma?“
„Die verkaufen doch das gleiche Modell für 49 Euro und ich habe letzte Woche 79 Euro bezahlt!“ Oma war jetzt den Tränen nah.
„Aber du hast ihn doch gar nicht dort gekauft, Oma!“
„Nein, habe ich nicht. Ich wollte den unbedingt haben und da bin ich zum Haushaltswarenladen bei uns gefahren, da gab es den für 79 Euro und die Verkäuferin sagte noch, dass es ein Sonderangebot sei!“
Mir fiel nichts ein, was Oma hätte trösten können, also blieb ich lieber still. Plötzlich sprang Oma auf und rannte in den Keller. Mit der Gebrauchsanweisung des neuen Topfes kam sie zurück in die Küche. Diese studierte sie dann ganz genau, las dann noch einmal die Anzeige und endlich entspannten sich ihre Züge.
„Ich nehme alles zurück!“, sagte sie leise.
„Warum?“, wollte ich nun wissen.
„Mein Slow-Cooker ist für fünf Liter ausgerichtet, der in der Anzeige nur für drei Liter!“ Sie strahlte.
„Oma?“
„Ja, was ist denn?“
„Sagst du nicht immer zu mir, dass ich erstmal ganz genau nachdenken soll, bevor ich jemanden beschuldige?“, fragte ich sie und freute mich, dass mir das gerade eingefallen war.
„Das ist ja ganz was anderes …“, sagte sie. „Aber …“
„Aber?“
„Aber du hast doch ein bisschen recht, nein, du hast hundertprozentig recht, entschuldige!“, sagte sie und die Entschuldigung habe ich natürlich angenommen. Auch Omas können sich mal vertun, nicht wahr?“

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty im Tanzfieber

Oma Betty im Tanzfieber

Oma Betty im Tanzfieber

„Und eins, zwei drei, eins zwei drei!“, zählt Oma Betty, während ich wie ein kleines Äffchen an ihr hänge und versuche, mich zu der Musik zu bewegen. Oma ist nämlich im Tanzfieber, seit sie diese Sendung im Fernseher verfolgt. Da sie aber niemanden hat, den sie zum Tanzen überreden könnte, Opa ist nämlich völlig untalentiert, bin ich mal wieder dran.
„Oma, du schaffst mich!“, stöhne ich und wundere mich, wo diese alte Frau ihre Kondition hernimmt. „Können wir mal eine Pause machen?“
Ich löse mich aus ihrem festen Griff und lasse mich in den Sessel plumpsen. Oma lacht mich aus.
„Junge, du solltest Frühsport machen, so wie ich! Jeden Morgen hundert Kniebeugen, das tut gut und hält fit!“, meint Oma und macht die Musik leiser.
Ganz ehrlich, ich habe Oma Betty noch niemals Kniebeugen machen sehen. Das ist doch geflunkert, denke ich.
„Hundert Kniebeugen?“, frage ich. „Ist das nicht ungesund?“
Oma schüttelt den Kopf. „Keineswegs, soll ich es dir vormachen?“
„Nein, lass mal, ich glaube dir auch so!“, behaupte ich, weil ich fürchte, dass ich mitmachen muss.
„Dann tanzen wir aber noch eine Runde, okay? Weißt du, es ist gut, wenn ein Mann tanzen kann“, sagt sie und strahlt mich an. Ich strahle auch, denn es gefällt mir gut, als Mann bezeichnet zu werden, das weckt meinen Ehrgeiz ungemein.
„Also gut!“, ich rappele mich hoch, verbeuge mich vor Oma und sage: „Darf ich bitten?“
„Gern!“, sagt Oma und reicht mir die linke Hand, mit der rechten dreht sie den CD-Spieler wieder auf laut. Wir schwingen dreimal hin und her und dann tanzen wir den langsamen Walzer zu Omas krasser Musik. Geschmack hat sie, das muss ich sagen, denn genau wie Oma liebe ich Metallica. Oma Betty hat eine Aufnahme von „Nothing else matters“ Metallica mit Symphonieorchester, das rockt!
„Wie viele Musiker hat eigentlich so ein Orchester?“, frage ich Oma, als wir wieder eine kurze Verschnaufpause einlegen müssen.
„Das können bis zu hundert Musiker sein, wenn ich das richtig behalten habe!“, sagt Oma und plötzlich leuchten ihre Augen und ich weiß genau, was jetzt kommen wird.
„Schade, dass ich nun zu alt dafür bin, ich hätte auch so gern mal in einem großen Orchester mitgespielt!“, sagt sie und ich höre deutlich das Bedauern in ihrer Stimme.
„Aber Oma, du bist doch nicht alt. Du wirst sicher hundert Jahre alt werden, es bleibt also noch genügend Zeit, um sich Wünsche zu erfüllen, oder?“
Oma lacht, richtig fröhlich klingt das und gar nicht alt. „Du bist ein Schatz!“, behauptet sie und drückt mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. Ich lass ihr das heute mal durchgehen, ausnahmsweise.
„Sag mal Oma, heute haben wir es aber mit der Hundert, oder?“
Irritiert schaut sie mich an. „Was meinst du?“
„Na, hundert Kniebeugen, hundert Musiker im Orchester und dann dein hundertster Geburtstag irgendwann!“, zähle ich auf und Oma setzt der ganzen Zählerei noch die Krone auf:
„Und dieses ist die hundertste Geschichte für das Bonewie*!“, lacht sie und ich weiß, dass sie unserem Tanznachmittag nun gleich aufschreiben wird.
Meinetwegen – ich bin sicher, sie kriegt auch die Zweihundert noch voll!

© Regina Meier zu Verl
Das Bonewie ist ein Lokalmagazin, in dem monatlich eine Geschichte von mir erscheint.

Oma Bettys neuer Hut

Oma Bettys neuer Hut

Oma Bettys neuer Hut

Lausig kalt war es heute und zu allem Überfluss war für den Nachmittag Regen angesagt. So ein Mist! Dabei hatte ich mich schon so auf den Besuch bei Oma Betty gefreut. Wir wollten einen Herbstspaziergang machen und anschließend im kleinen Café am Tierpark einen leckeren Kakao mit Marshmallows trinken. Das konnten wir nun wohl vergessen.
Ich rief Oma an, als ich aus der Schule zurückkam.
„Hallo Oma. Ich bin ganz traurig, wir wollten doch zum Tierpark!“, sagte ich.
„Ja und, was spricht dagegen?“, meinte Oma und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Wir ziehen uns schön warm an und ich führe meinen neuen Regenhut aus!“, sagte Oma fröhlich.
„Klasse!“, rief ich ins Telefon. „Wann soll ich kommen?“
„Du weißt doch, erst mein Mittagsschläfchen, dann bin ich zu jeder Schandtat bereit!“
Mama bestand darauf, dass ich nach dem Essen meine Hausaufgaben erledigen sollte. „Dann hast du den Kopf frei und das tut gut!“, behauptete sie und ich fügte mich. Es war dann auch gar nicht schlimm, irgendwie machte mir die Aufgabe heute sogar Spaß, was nicht immer der Fall ist. Wir sollten alles aufschreiben, was wir am Morgen über den Kürbis gelernt hatten. Da ich gut aufgepasst hatte, fiel es mir nicht schwer und als ich dann zu meinem Text noch einen leuchtend orangen Kürbis dazu gemalt hatte, war ich happy. Die Zeit hatte ich völlig vergessen und als Mama in mein Zimmer kam und mich erinnerte, dass ich doch zu Oma wollte, musste ich mich sputen.
Mit dem dicken Pulli, den Oma mir gestrickt hatte, der wetterfesten Jacke und quietschbunten Socken in Gummistiefeln machte ich mich dann auf den Weg zu Oma. Ich sang fröhlich vor mich hin und ließ keine einzige Pfütze aus unterwegs. Ach, es machte so Spaß so richtig mit Schmackes hinein zu hüpfen. Dabei wurde es immer später, aber das würde Oma mir sicherlich verzeihen.
Dreimal hatte ich bereits an der Haustür geklingelt, doch Oma machte nicht auf. Also ging ich ums Haus herum und schaute im Garten nach Oma. Ich hatte sie schon einige Male gerufen, als sich plötzlich hinter dem Komposthaufen ein dicker Fliegenpilz in Bewegung setzte. Das gab’s doch gar nicht, zum einen nicht so dicke Fliegenpilze und schon gar keine, die laufen konnten. Ich wusste das und trotzdem fuhr mir der Schreck in die Glieder. Da, jetzt kam er auf mich zu. Ich wollte weglaufen, aber meine Beine konnten sich nicht rühren. Jetzt rief der dicke Pilz meinen Namen! „Hallo Mila!“, rief er und nochmal: „Hallo Mila!“
„Oh mein Gott! Fliegenpilze sind gefährlich, aber fressen sie auch Großmütter?“, schrie ich.
„Hä? Was ist denn das für eine Frage?“, sagte der Fliegenpilz und lachte laut.
Ich schwöre, dass ich erst in diesem Moment erkannte, dass da meine Oma vor mir stand, leibhaftig, mit ihrem neuen Regenhut – rot, mit weißen Tupfen. Sie trug ihre weiße Regenjacke und Gummistiefel. Den Hut hatte sie tief ins Gesicht gezogen.
Ich habe Oma nicht verraten, dass ich einen Moment lang richtig Angst gehabt hatte und dicker Fliegenpilz habe ich auch nicht zu ihr gesagt, ehrlich.

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Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt
Heute: Schwiegermutter

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

© Regina Meier zu Verl