Opas Chaiselongue

Opas Chaiselongue

„Opa machte seinen Mittagsschlaf stets auf der Chaiselongue. Oma ärgerte sich darüber, denn dann musste sie nach dem Essen leise sein, durfte nicht mit dem Geschirr klappern, geschweige denn es abspülen. Einen Geschirrspüler gab es damals noch nicht und auch keine Küchentür, die sie hinter sich schließen konnte“, erzählte Mama. Jakob hat sie darum gebeten, ein wenig von ganz früher zu erzählen, weil sie in der Schule gerade von der Zeit sprachen, als seine Eltern noch Kinder gewesen waren.
„Was ist denn eine Chaise… was weiß ich, wie das Dings heißt?“, fragte Jakob.
„Das ist so eine Art Sofa, ich zeige dir mal so ein Möbelstück, wenn du willst“, sagte Mama und holte ihren Laptop. Dort gab sie ‚Chaiselongue‘ in die Suchmaschine ein und schon konnte Jakob sehen, wie so ein Sofa aussah. Im Grunde war es ein verlängerter Sessel. Große Menschen konnten sicher nicht so gut darauf schlafen, weil das einzige Kopfende hochgestellt war.
„Interessant!“, sagte Jakob, der seinen Uropa gern kennengelernt hätte. Aber das war ihm nicht vergönnt. Frieder Paulsen aus seiner Klasse hatte sogar noch beide Urgroßeltern. Das kam nicht so oft vor, meinte Mama.
„Hat der Uropa denn gar nicht beim Spülen helfen müssen?“, will Jakob jetzt von seiner Mutter wissen, denn gerade fällt ihm ein, dass sein Papa, als der Geschirrspüler einmal kaputt war, immer helfen sollte. Die Kinder mussten dann alles wegräumen. Das war blöd gewesen, hatte Papa auch gesagt und schnell dafür gesorgt, dass der Elektriker die Maschine wieder reparierte.
„Nein, ich glaube, er glaube, er hat nicht im Haushalt geholfen. Oma sorgte sogar dafür, dass man ihn in Ruhe ließ, wenn er aus dem Stall kam und das Vieh versorgt hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass alle dann mucksmäuschenstill sein mussten.“
Jakob überlegte einen Moment, bevor er die nächste Frage stellte.
„Durfte Uroma dann auch mal auf die Chaiselongue?“, er war ganz stolz, dass ihm das schwere Wort wieder eingefallen war.
„Ich glaube schon“, antwortete die Mutter. „Aber weißt du, was richtig schön war?“
„Nein, erzähl doch schon“, drängelte Jakob.
„Das war, wenn Opa auf seiner Chaiselongue saß wie auf einem Pferd, also mit ausgebreiteten Beinen. Dann klopfte er auf das Polster und das hieß, dass ich dann zu ihm mit auf sein Ross kommen durfte und wir taten so, als ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer. Das war schön!“ Mama hatte rote Wangen von Erzählen bekommen und vom Erinnern. Das tat gut!
„Mama?“
„Ja, Jakob?“
„Ich wünschte, wir hätten auch eine Chaiselongue!“, flüsterte Jakob.
„Wir nehmen einfach die Sofalehnen, komm!“, rief Mama und schon ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer.

© Regina Meier zu Verl

Ankündigung

Mein neues E-Book ist in der letzten Woche erschienen. Ab dem 16.1. gibt es eine Preisaktion und es ist für nur 99 Cent erhältlich. Später kostet es 2.49 €.

Hier könnt ihr es downloaden und auf dem Ebookreader, dem Handy oder Tablett lesen.

Tierische Geschichten KLICK
Hier der Klappentext:
In der Luft, auf den Feldern, in den Wäldern und in unserem Zuhause leben sie, unsere tierischen Freunde. Wenn man ihnen zuhört, dann erfährt man so manches, was man niemals geahnt hätte. Du denkst, das geht nicht? Und ob das möglich ist, lies oder höre selbst, was uns die Tiere erzählen möchten und dann erzähle es weiter. Nicht alle können die Sprache der Tiere verstehen, dabei musst du nur gut hinhören. Lass dich überraschen! Von Mäusen, Hunden und Schmetterlingen wirst du lesen, von den kleinen Meisen und anderen gefiederten Freunden und viele andere Tiere werden dir in diesem kleinen Geschichtenbuch begegnen.

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Die Eselsbrücke

Die Eselsbrücke

„Was ist denn das? Das ist doch kein Winter!“, sagt Frau Müller kopfschüttelnd. „Wenn ich da so an meine Kindheit zurückdenke … da gab es Schnee, massenhaft. Man konnte noch Schneemänner bauen und Rodelbahnen. Ach, was hatten wir für einen Spaß!“
Die junge Kassiererin lächelt freundlich und nimmt Frau Müllers EC-Karte, steckt sie in das Gerät und dreht eben dieses der Kundin zu. „Bitte geben Sie die Geheimzahl ein!“. fordert sie die Kundin auf.
Diese überlegt, tippt dann schnell vier Zahlen ein und sieht unmittelbar die Nachricht: Falscher Pin Code. Frau Müller versucht es noch einmal, fest davon überzeugt, dass sie sich einfach nur vertippt hat. Es klappt wieder nicht. Da Frau Müller mal gehört hat, dass nach dreimaliger falscher Eingabe die Karte gesperrt wird, traut sie sich nun nicht mehr. An der Kasse hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet.
Die Kassiererin ruft durch ihr Mikrophon: „Frau Sauerland, bitte an Kasse 2!“ Frau Müller ist blass geworden, sie überlegt fieberhaft und ihr will die Geheimzahl nun einfach nicht mehr einfallen.
Die Warteschlange wandert geschlossen zu Kasse 2, so dass die freundliche Kassiererin sich ganz auf Frau Müller konzentrieren kann. Sie kennt das, die Kundin ist nicht die Erste, der das passiert.
„Immer mit der Ruhe“, sagt sie deshalb. „Denken Sie einen Moment an etwas anderes, dann fällt Ihnen die Nummer sicher wieder ein!“
Frau Müller hört nicht zu. Sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Trotzdem fällt ihr dieser verflixte Pin-Code nicht ein. Nervös blättert sie in ihrem Portemonnaie und zählt den Inhalt. Es reicht nicht, um den Einkauf bar zu bezahlen.
„Was mache ich denn jetzt?“ Frau Müller ist dem Weinen nahe.
„Wir packen Ihre Einkäufe einfach in den Wagen, legen den Kassenzettel dazu und ich bringe den Wagen in unser Lager. Sie gehen eine Tasse Kaffee trinken und versuchen an etwas anderes zu denken, dann wird sicher die Geheimzahl wieder da sein. Ich habe das schon öfter erlebt. Später holen wir dann ihre Einkäufe wieder zurück und sie zahlen. Machen Sie sich keine Sorgen!“
Frau Müller ist dankbar. Das klingt unkompliziert und notfalls muss sie einfach schnell nach Hause fahren, denn sie hat die Zahlen dort notiert – für alle Fälle. Zuerst aber folgt sie dem Rat der netten Angestellten und setzt sich in das kleine Café direkt im Supermarkt. Sie bestellt einen Kaffee und ein dickes Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Den Gedanken an die Geheimzahl kann sie aber noch nicht loslassen. Erst als die sahnige Köstlichkeit auf ihrer Zunge zergeht, wandern die Gedanken zurück in die Kindheit. Sie denkt an ihre Mutter, die immer die herrlichsten Torten gebacken hat. Jedes Rezept hatte sie im Kopf gehabt. Sie war eine Meisterin im Backen gewesen. Ach ja, das war eine schöne Zeit, die Kindheit. Damals hatte es ja auch noch jede Menge Schnee gegeben.
Frau Müller lächelt und genießt. In Gedanken sieht sie die Mutter und baut mit ihr zusammen einen großen Schneemann. Auch der Vater ist da, er rollt die größte Kugel für den Unterbau, die Frauen kümmern sich um den Oberkörper und den Kopf. Als der Schneemann steht, nimmt die kleine Elisabeth ihren Schal und bindet ihn dem Schneemann um. Die Mutter holt eine Möhre aus der Küche und zwei Kohlen für die Augen. Mit Mamas rotem Lippenstift malen sie ihm einen Lachmund. Elisabeth ist so stolz. Dann beginnt der Schneemann zu sprechen: „Juli, August, Januar, Februar!“, sagt er.
Frau Müller lacht begeistert auf. Das ist es. So hat sie sich die Geheimzahl eingeprägt. Dass sie das vergessen konnte! Juli, August, Januar und Februar stehen für die Zahlen. Es ist doch ganz einfach. Schnell isst sie das letzte Stückchen Torte, trinkt noch einen kräftigen Schluck Kaffee und bezahlt. Ein großzügiges Trinkgeld gibt sie, dann eilt sie zur Kasse zurück. Strahlend!
„Sehen Sie, ich wusste es doch!“, empfängt sie die freundliche junge Dame. Sie rechnet noch schnell ab und schließt dann die Kasse. Dann holt sie Frau Müllers Einkaufswagen aus dem Supermarktlager. Mit dem Bezahlen gibt es nun auch keine Schwierigkeiten mehr. Wie gut, dass es diese Eselbrücke gab und dass sie Frau Müller rechtzeitig genug wieder eingefallen ist. Oder hat etwa der Schneemann tatsächlich gesprochen?

© Regina Meier zu Verl 2016

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Was man nicht alles im Kopf hat …

Klebrige Küsse

Als Monika von ihren Kindern ein Handy geschenkt bekam, war sie zunächst wenig begeistert. Irgendwie hatte sie immer Angst etwas falsch zu machen. Manchmal war sie regelrecht erschöpft vom Ausprobieren der vielen Funktionen dieses Wundergerätes. Doch recht bald freundete sie sich mit ihm an. Schließlich war sie lernfähig.
Dabei ging es ihr gar nicht um die ständige Erreichbarkeit. Ab und zu braucht jeder seine Ruhe, vor allem abends. Monika stellte das Handy dann auf „lautlos“, erwischte sich aber dabei, dass sie ständig auf das Display schaute, ob jemand geschrieben oder angerufen hatte.
Praktisch fand sie auch, dass sie ihre Termine im Kalender nun verwalten konnte und jeweils eine Nachricht am Morgen und eine weitere genau eine Viertelstunde vor dem jeweiligen Termin bekam. Auf diese Weise konnte sie gar nichts mehr verpassen. Das gefiel ihr!
Adressen, Telefonnummern, Geburtstage und vieles mehr speicherte Monika sorgfältig im Handy ab und es erfüllte sie mit diebischer Freude, dass sie nun nichts, aber rein gar nichts mehr vergaß. Selbst dem Schulfreund aus lange vergangener Zeit schrieb sie eine SMS zu dessen Geburtstag – aufs Festnetz, denn das konnte man ja auch machen. Herrlich!
Nicht mit einer Silbe hatte sie daran gedacht, dass genau das zu Verwicklungen führen könnte.
Der Wortlaut der SMS war folgender: Rate, wer an dich denkt. Denk an klebrigen Kuss bei Abschiedsparty. Dornröschen
Lange hatte sie daran herumgefeilt, denn sie durfte nur 80 Zeichen verwenden. Sich kurz zu fassen, das war eigentlich nicht ihr Ding. Aber letztendlich war sie zufrieden. Die Nachricht beinhaltete alles, was wichtig war.
Achim würde sie schon verstehen. Monika kicherte, als sie sich an das Spiel erinnerte, das sie auf der Fete gespielt hatten. Damals verließen sie die Grundschule und gingen danach auf verschiedene Schulen, Achim aufs Gymnasium und sie selbst zur Realschule. Für das Spiel bekam ein Kind die Augen verbunden und wurde dann im Kreis gedreht, bis es die Orientierung verlor. Dann musste es einen Klassenkameraden ertasten und diesen dann küssen. Was man nicht wusste war, dass dieser zu Küssende einen Schaumkuss vor sein Gesicht hielt und dann ordentlich zudrückte, wenn sich der Mund des jeweiligen Kuss-Suchenden näherte. Das war eine Schweinerei, aber eine leckere und lustige. Monika hatte damals Achim ertastet und den Rest kann man sich denken.
Obwohl sie in der gleichen Stadt wohnten, hatten sie sich irgendwann aus den Augen verloren. Monika hatte seine Telefonnummer aber gefunden und an seinen Ehrentag erinnerte sie sich noch gut, weil es der gleiche Tag war, an dem auch ihre Mutter Geburtstag hatte.
Nachdem sie die SMS verschickt hatte, überkamen Monika Zweifel. Was wäre, wenn Achim den Anruf gar nicht entgegennehmen würde? Vielleicht war er ja verheiratet und seine Frau ging ans Telefon. Sicher war er verheiratet, er war schon damals ein Mädchenschwarm gewesen.
„Ich bin so blöd!“, schalt sie sich und starrte ihr Handy an. Sollte sie anrufen und das klarstellen? Sie traute sich nicht. Wie ein Tiger lief sie von einer Ecke des Zimmers in die andere. Sie nahm ein Buch und versuchte zu lesen, schaltete den Fernseher ein und wollte sich ablenken, es gelang nicht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang dann die Melodie der „Kleinen Nachtmusik“, ihr Handyklingelton. „Ja bitte!“, meldete sie sich mit zittriger Stimme.
„Halle Dornröschen!“ War das Achims Stimme? Klang er so als Erwachsener?
„Achim?“
„Nee, hier ist Volker. Ich bin Achims Mann!“
Schweigen.
„Aber … entschuldigen Sie. Ich wollte Achim zum Geburtstag gratulieren, wir sind zusammen zur Schule gegangen!“
„Und Sie haben klebrige Küsse getauscht!“, die Stimme des Mannes klang belustigt.
„Ja, wissen Sie, das war ganz harmlos damals und es ist ja auch schon sehr lange her“, stotterte Monika.
„Warum haben Sie ihn nicht einfach angerufen? Er steht hier neben mir und amüsiert sich prächtig, Moment …“
Oh weh, war das peinlich, Monika setzte sich. Sie hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment ohnmächtig werden würde.
„Hallo Dornröschen!“ Das war Achim, unverkennbar. „Überraschung gelungen!“
Die Beiden plauderten noch eine Weile und Monika lud Achim und seinen Mann für das nächste Wochenende zum Essen ein.

Nach diesem Schlüsselerlebnis schrieb Monika keine SMS-Nachrichten mehr und schon gar nicht ins Festnetz und ganz sicher nicht, wenn sie nicht ganz genau wusste, dass sie damit keine Verwirrungen oder gar Unfrieden stiften konnte.

© Regina Meier zu Verl

Die Webers ziehen um

Die Webers ziehen um

Leise unterhalten sich die Eltern. Die Kinder sollen nicht mitbekommen, worum es geht.
„Sie werden enttäuscht sein. Das lässt sich wohl nicht vermeiden!“, sagt die Mutter.
„Es gibt keine andere Chance, ich muss diese Stelle annehmen. Eine solche Gelegenheit wird sich nicht wieder bieten und ich bin es wirklich leid zu kämpfen und jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen!“
Der Vater hat ein Stellenangebot bekommen. Dafür muss die Familie aber umziehen.
„Ohne euch macht es keinen Sinn für mich und es ist einfach zu weit, um jedes Wochenende hierher zu fahren. Dreihundert Kilometer! Das will ich nicht!“
Die Mutter möchte das auch nicht, die Kinder sind einfach noch zu klein. Sie brauchen Mutter und Vater. Es ist ihr klar, dass sich vieles nun verändern wird. Aber so, wie es in den letzten sechs Monaten war, kann es ja auch nicht weitergehen. Mit der Situation sind alle unzufrieden.
„Wann fährst du, um den Vertrag zu unterschreiben?“, fragt sie und schlägt vor, dass sie und die Kinder doch mitfahren könnten, um sich das Städtchen einmal anzuschauen.
„Vielleicht ist es ja so nett dort, dass wir uns auf Anhieb wohlfühlen!“ Sie versucht immer, alles von der positiven Seite her zu betrachten. Vieles gelingt dann einfach besser.
„Es ist sehr ländlich dort, aber schön“, Vater ist am Anfang der Woche zum Vorstellungsgespräch schon dagewesen. Gerade eben hat der Personalchef angerufen und ihm mitgeteilt, dass man sich unter vielen Bewerbern für ihn entschieden habe. Natürlich freut er sich, das ist klar. Wäre da nicht dieses große Aber.
„Okay, wir fahren alle hin am Freitag. Dann können wir es auch den Kindern erzählen. Sie lieben Ausflüge und werden guter Stimmung sein, die beste Voraussetzung für Neuigkeiten. Um die Zwillinge mache ich mir weniger Sorgen. Schwieriger wird es für Simon werden, wo er doch gerade erst eingeschult wurde.“
„Daran habe ich auch schon gedacht. Aber auch die Mädchen haben bereits ihre Freundinnen im Kindergarten. Das wird sicher Tränen geben.“
Am Freitag ist es dann so weit. Die Familie Weber, ausgerüstet mit einem Picknickkorb und in allerbester Laune, fährt in die Stadt, die ihre neue Heimat werden wird. Die Kinder thronen in ihren Sitzen auf der Rückbank. Simon hat seine lilafarbenen Kopfhörer im Ohr und für die Mädchen läuft eine Märchen-CD im Autoradio. Simon meint, dass er schon viel zu groß für Märchen ist. Dass er plötzlich seinen Walkman leiser dreht, und einen Kopfhörer heimlich aus dem Ohr nimmt, merkt niemand. Das wäre ihm doch zu peinlich gewesen. So aber lauscht er dem schönen Märchen von dem Jungen Pedro, der nur mit einer Dose Schuhcreme, einer Bürste und einem weichen Lappen sein Glück in der großen weiten Welt gefunden hat. Er summt sogar leise mit, wenn die Melodie wieder erklingt, die der kleine Schuhputzer immer singt, wenn er einem Fremden die Schuhe auf Hochglanz poliert. Auch die Zwillinge klatschen begeistert in die Hände und immer wenn die Stelle kommt, wo es heißt „Eins, zwei, drei, blitzblank im Nu ist der feine Lederschuh“, dann singen alle laut mit, Mama auch und Papa lacht aus vollem Herzen. So fröhlich waren sie alle schon lange nicht mehr unterwegs.
„Was haltet ihr davon, wenn wir unser Glück auch in der weiten Welt suchen, so wie der kleine Pedro?“, fragt Mama und dreht sich gespannt zu den Kindern um.
„Sollen wir etwa auch Schuhe putzen?“, fragt Simon.
Nun ist es an der Zeit, den Kindern den Sinn der Reise zu erklären. Papa steuert den nächsten Parkplatz an und bevor all die leckeren Sachen aus dem Picknickkorb verspeist werden, erzählt Papa von seiner neuen Arbeit.
„Wir suchen uns eine schöne Wohnung oder vielleicht ein kleines Haus mit Garten, in dem wir dann wohnen werden. Wie findet ihr das?“
Simon überlegt. Die Zwillinge haben nur die Pfannkuchen im Sinn, so richtig haben sie noch nicht verstanden, um was es eigentlich geht. Für sie ist erstmal wichtig, dass Mama dick Schokocreme auf die Pfannkuchen streicht, sie dann aufrollt und den Mädchen je einen in die Hand drückt. Mmh, sind die lecker!
„Und was ist mit Oma?“, fragt Simon plötzlich. Wenn er drüber nachdenkt, dass Oma dann ganz allein ist und er sie gar nicht besuchen kann, dann drückt das im Bauch und wenn es im Bauch drückt, dann dauert es auch gar nicht lang, bis die Tränen rollen.
Mama Weber schaut ihren Sohn bestürzt an. Dass sie daran noch gar nicht gedacht hat! Sie schämt sich. Aber als Papa sagt:
„Die nehmen wir einfach mit!“, wird ihr ganz warm vor Freude. Das Leben ist gar nicht so kompliziert, wie es sich manchmal anfühlt, denkt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.
„Klar, so machen wir das!“, sagt sie.
„Eins, zwei, drei, das ist der Hit, kommt die Oma einfach mit!“, singt Simon und alle stimmen ein.
Nun müssen sie nur noch die Oma fragen, ein schönes Häuschen finden und dann kann es losgehen.
Wie es mit den Webers weitergeht, das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Der Rockabilly-Traum

Der Rockabilly-Traum


Rockabilly war der Begriff für eine Spielart des Rock ’n‘ Roll. Blues mit Countrymusic vermischt, so könnte man die Musik beschreiben. Später wurde der entsprechende Kleidungsstil als Rockabilly-Style bezeichnet. Dieser war, wie die Musik auch, auffällig, rebellisch, immer ein wenig überdreht und angesagt.
Meine Musik war das nie, aber die Mode hat mir immer gefallen. Hier bei uns in Gütersloh gab es ein Geschäft, das sich auf genau diesen Style eingeschossen hatte. Ein toller Laden mit toller Mode und tollen Inhaberinnen, die lebten, was sie verkauften. Meine Tochter hat sich dort einmal ein Kleid gekauft, für eine Hochzeit. Sie sah großartig darin aus und irgendwie hatte ich immer den Wunsch, auch einmal so ein Kleid zu tragen. Es sprach aber immer etwas dagegen, z.B. gab es für mich keine Gelegenheit, so ein Kleid mit bauschigem Petticoat zu tragen, oder ich hatte nicht die richtige Figur dafür, oder oder…
Das nur als Vorgeschichte zu meinem Traum von heute Nacht und nun geht es los:
Jemand, ich weiß nicht genau, wer es war (mein Mann war es nicht), hatte mich ins Kino eingeladen. Es gab einen alten Film mit Elvis Presley. Ich freute mich auf den Kinobesuch und sah endlich einmal die Gelegenheit, mein tolles Rockabilly-Kleid zu tragen. Selbstverständlich ging ich an dem Tag auch zum Frisör und ließ meine Haare entsprechend stylen – hochtoupiert, eine Art Dutt auf dem Kopf und eine Schleife um das ganze Kunstwerk. Lidstrich und knallrote Lippen waren genauso selbstverständlich wie ein aufgemalter Leberfleck rechts über der Oberlippe.
Der Petticoat stand so weit vom Körper ab, dass ich im Auto hinten sitzen musste, weil der Fahrer, wer auch immer das war, sonst nichts hätte sehen können. Ich fands lustig und kicherte die ganze Zeit vor mich hin.
Im Kino gingen dann die Schwierigkeiten aber erst richtig los. Die Stühle hatten Armlehnen und ich passte mit all dem Bausch nur schwer dazwischen. Man muss dazu sagen, dass ich auch in meinem Traum keine Modellfigur hatte. Schließlich hatten wir, mein Begleiter und ich, die Röcke aber so eng an den Körper gehalten, dass ich mich niederlassen konnte. Jetzt konnte ich allerdings die Leinwand gar nicht sehen, weil der Rock vor meinen Augen war. Es ging aber, wenn ich ihn mit den Händen nach unten drückte. Leider hatte ich so keine Hand für Cola und Popcorn frei, aber: wer schön sein will muss leiden, nicht wahr?
Schlimmer war, dass der Kinobesucher hinter mir keine Chance hatte, etwas zu sehen. Weder nach vorn blickend, noch rechts oder links an mir vorbei. Der ärgerte sich lautstark und forderte, dass ich mich in die letzte Reihe begeben sollte. Ich glaube, er war aber nicht so freundlich, wie sich das hier anhören mag. Ich konnte nichts erwidern, da ich in diesem Moment aufwachte …

© Regina Meier zu Verl

Engel der Obdachlosen

Vorwort:
Die Geschichte stammt aus einer Sammlung mehrerer Geschichten rundum den Advent und Weihnachten. In der Rahmenhandlung befinden wir uns in einem Café und dort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Insgesamt sind es 20 Begegnungen, eine davon möchte ich hier vorstellen.

„Engel der Obdachlosen“

Heute ist es ruhig im Café. Ein jüngerer Mann sitzt an einem Tisch in der Nische, er scheint nervös zu sein, denn immer wieder schaut er auf seine Uhr. Sarah bringt ihm einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Auf ihre freundlichen Worte reagiert er kaum. Nach einer Viertelstunde betritt ein weiterer, älterer Man den Raum, schaut sich suchend um und begrüßt dann den Jüngeren. Sarah hört, wie er sich vorstellt. Die beiden Männer kennen sich also nicht persönlich. Auch er bestellt einen Kaffee. Sie sprechen leise miteinander, doch als das Gespräch in Fluß kommt, schnappt die junge Kellnerin einige Sätze auf, die sie dazu veranlassen, sich diskret zurück zu ziehen.

„Er hat oft von Ihnen gesprochen, wissen Sie?“
Siegfried Müller schüttelte den Kopf.
„Wie soll ich das wissen, ich habe ihn ja gar nicht gekannt!“
„Entschuldigen Sie, das war gedankenlos!“ Herr Stein hob bedauernd die Hände, überlegte einen Moment und fuhr dann fort:
„Vielleicht sollte ich einfach von vorn anfangen, also von unserer ersten Begegnung. Sie sollen alles erfahren, was ich über ihn weiß!“
„Gut, erzählen Sie einfach. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch Sie etwas von meinem Vater erfahren werde.“
„Es war ein Sonntag, Anfang Dezember 1985. Es hatte schon seit Tagen gefroren und die Bäume waren über und über mit Raureif bedeckt. Sie glitzerten in der Morgensonne. Herrlich sah das aus. Ich ging mit meinem Hund im Park spazieren. Damals konnte man die Hunde einfach so laufen lassen, ohne dass man damit rechnen musste, eine Strafe zu bekommen. Heute geht das ja nicht mehr, ist ja auch richtig so. Aber ohne den alten Bruno hätte ich Leo, Ihren Vater, wohl niemals kennengelernt. Mein Hund lief immer ein Stückchen voraus, aber ich musste nur kurz pfeifen, dann kann er zu mir zurück. Nicht so an diesem Tag. Ich machte mir schon Sorgen, da ich ihn seit einigen Minuten nicht gesehen hatte, als er plötzlich anschlug. Irgendetwas hatte er entdeckt und nun wartete er auf mich, um es mir zu zeigen.
Auf einer etwas abgelegenen Bank saß Leo, völlig in sich zusammen gesunken. Ich dachte schon, dass er tot sei, weil er sich gar nicht rührte. Aber er war nur starr vor Angst und Kälte, wie sich später herausstellte. Ich nahm meinen Bruno an die Leine und sprach Ihren Vater an. Nie werde ich diesen traurigen Blick vergessen. Mir war klar, dass es mit einem netten Gespräch nicht getan war, dieser Mann war in Not und ich musste handeln. Ich lud ihn also ein, eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, da ich ja ganz in der Nähe wohnte. Ich nahm seinen Rucksack, hielt den Bruno an der kurzen Leine und ging los. Er stand schwerfällig auf und folgte mir, oder seinem Rucksack, der scheinbar sein ganzes Hab und Gut enthielt. Bis dahin hatte er noch kein einziges Wort gesprochen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich ihm sofort vertraute und nicht einen Gedanken daran verschwendete, was passieren könnte, wenn ich ihn in mein Haus einlud. Ich schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Später stellte sich dann erst heraus, dass wir beide im gleichen Jahr geboren waren, 1950. Na ja, das machte wohl das Leben auf der Straße, das einen altern lässt. Die Kälte, die Nässe, die unregelmäßigen Mahlzeiten. Damals lebte er ja schon fünf Jahre von der Hand in den Mund, ein schreckliches Schicksal, dachte ich mir.“
Friedrich Stein nahm einen Schluck Kaffee und winkte die Kellnerin heran, um sich ein Wasser zu bestellen.
„Entschuldigen Sie, mein Mund ist ganz trocken vom vielen Erzählen“, sagte er und dann ging es weiter.
„Meine Frau hatte das Frühstück vorbereitet, als wir beide zu Hause eintrafen. Auch für sie war es keine Frage, dass er mit uns essen und trinken sollte. Man merkte allerdings, dass er selbst ein Problem damit hatte und es schlecht annehmen konnte. Er sprach nicht viel, bedankte sich aber höflich und man konnte merken, dass er, wie man so sagt, aus gutem Hause kam. Wir stellten ihm keine Fragen, obwohl mir vieles auf den Lippen brannte. Bescheiden aß er und trank seinen Kaffee. Dann erhob er sich und verabschiedete sich. „Ich danke Ihnen Herzen!“, sagte er noch. Dann nahm er seinen Rucksack, zog seinen alten Parka an und wollte das Haus verlassen. „Warten Sie!“, rief meine Frau und verschwand im Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Paar Stricksocken und selbst gestrickten Fausthandschuhen zurück. „Die habe ich für unseren Kirchenbasar gestrickt!“, sagte sie und drückt ihm die Wollsachen in die Hand. „Die werden Sie wärmen!“
Leo nahm beides an, dann verließ er das Haus und wir sahen ihn einige Tage nicht mehr. Jeden Morgen im Park hielt ich nach ihm Ausschau, ich machte mir Sorgen. Ich war ja zu der Zeit noch berufstätig und war morgens immer nur kurz mit Bruno im Park. Ingrid, meine Frau, gab mir jeden Morgen ein Paket mit Broten mit, falls ich ihn treffen sollte. Das legte ich dann auf die Bank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Das Proviantpaket war stets am nächsten Tag verschwunden.“
Jakob Stein machte eine Pause. Er schaute den Jüngeren an und erkannte die Züge des Vaters in dessen Gesicht.
„Hat er sie genommen?“, fragte Siegfried Müller.
„Ja, das habe ich aber erst später erfahren. Er schellte eines Tages an unserer Tür und brachte einen Blumenstrauß für meine Frau und eine Flasche Wein für mich. Ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, dass ich ihn erneut einlud, zu bleiben und ein wenig von sich zu erzählen. Er berichtete, dass er sich endlich Hilfe gesucht habe und nun in einem Heim für Obdachlose untergekommen war. So musste er den Winter nicht draußen verbringen. Mittlerweile war es ja bitterkalt geworden. Es war ein paar Tage vor Weihnachten.“
„Von welchem Geld hat er Blumen und Wein kaufen können? Wissen Sie das?“
„Ja, er fand einen Job. Als Weihnachtsmann verkleidet zog er durch die Straßen und wenn es zu kalt war, dann hatte er seinen Platz im Eingangsbereich des Kaufhauses. Eine Agentur hatte ihn vermittelt. Ich habe dort mal nach ihm geschaut. In seinem Kostüm war er kaum zu erkennen. Es fiel mir auf, dass seine Augen strahlten, wenn die Kinder ehrfürchtig vor ihm standen. Er hat das sehr genossen, ich hatte sogar das Gefühl, dass er glücklich war.“
Siegfried Müller lächelte. Es tat gut, zu hören, dass der Vater irgendwie die Kurve bekommen hatte.
„Leider war das ja ein Job auf Zeit. Wer braucht schon nach Weihnachten einen Weihnachtsmann, nicht wahr?“
„Wie ging es weiter?“, fragte der Jüngere ungeduldig.
„Gesehen habe ich ihn danach nur noch ein paar Mal. Er kam zu uns und bat meine Frau, ihm das Socken stricken beizubringen! Diese warmen Socken haben ihm so gut geholfen damals, dass er auch anderen damit helfen wollte. Die beiden haben dann im Wohnzimmer gesessen und gestrickt. Er hatte das sehr schnell begriffen. Irgendwann konnte er es ganz allein. Meine Frau hat ihm dann noch jede Menge an Restwolle geschenkt und dann haben wir ihn aus den Augen verloren.“
„Hat er Ihnen erzählt, warum er uns damals verlassen hat?“, fragte Siegfried Müller mit Tränen in den Augen.
„Nein! Wir haben auch nicht gefragt. Wir hatten Angst, dass wir ihn damit verschrecken würden. Ich habe nur immer wieder gespürt, dass er eine große Sehnsucht nach Ihnen hatte. Er war aber wohl zu stolz, um Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Ich habe angenommen, dass Ihre Mutter ihn sehr verletzt haben muss.“
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Dann suchte Herr Stein etwas in seiner Brieftasche und beförderte schließlich einen alten Zeitungsartikel hervor mit der Überschrift „Leo, der Engel der Obdachlosen“. Er gab dem Jüngeren den Artikel, der über einen Obdachlosen berichtete, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Obdachlosen seiner Stadt mit selbstgestrickten Socken zu warmen Füßen zu verhelfen.
„Behalten Sie den Ausschnitt, vielleicht finden Sie ihren Vater ja dadurch. Ich fand diesen Bericht erst im letzten Jahr in unserer Heimatzeitung!“
„Ich danke Ihnen so sehr, lieber Herr Stein. Ich werde ihn suchen und vielleicht habe ich ja das Glück, ihm hiermit ein wenig näher gekommen zu sein!“
Die beiden Männer tauschten noch ihre Adressen aus, dann verließen sie das Café, beide in der Hoffnung, dass sie der Weihnachtsfreude noch ein Stück weit näher gekommen waren.

(c) Regina Meier zu Verl

Silver, der kleine Engel

Silver, der kleine Engel

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Der kleine Engel Silver trottete traurig durch den verschneiten Winterwald. Eiskalte Füße hatte er, daran konnten auch seine heißen Tränen nichts ändern. Er hätte fliegen können, doch dazu fehlte ihm die Kraft.
Es war Nacht. Glücklicherweise schien aber der Vollmond hell auf den glitzernden Schnee. So schön sah das aus, doch Silver nahm es nicht wahr.
„Nun sag mal“, sagte der kleine Fuchs, der plötzlich mitten auf dem Weg stand. „Was ist denn nur mit dir los? Du weinst ja zum Herzerbarmen!“
„Stimmt“, schluchzte der Engel. „Es ist aber auch alles so furchtbar traurig!“
„Kann ich dir helfen?“, fragte der Fuchs.
„Mir kann niemand helfen!“, heulte Silver und schon wieder tropfen dicke Tränen in den Schnee.
„Lass es mich doch versuchen“, schlug der Fuchs vor. Er setzte sich vor die Füße des kleinen Engels und schlug seinen buschigen Schwanz um seine Vorderpfoten. Sehr anmutig sah das aus. Silver, der noch nie einen Fuchs aus der Nähe gesehen hatte, war beeindruckt von dessen Eleganz.
„Wie schön du bist!“, rief er bewundernd aus und das meinte er auch ganz ehrlich.
Der Fuchs lächelte, das Kompliment freute ihn.
„So schöne Worte für mich von einem so schillernden Wesen wie dir“, schmeichelte er. „Dabei bist du viel schöner als ich. Dein silbernes Engelshaar leuchtet im Dunklen. Jeder Stern müsste vor Neid blass werden.“
Silver überlegte einen Moment. Sollte der Fuchs etwa recht haben? Doch mit dem winzigen Hoffnungsfünkchen stellten sich schon im nächsten Augenblick heftige Zweifel ein.
„Das mag sein, aber alles an mir ist falsch. Alle anderen Engel sind von goldener Farbe, ihr Haar, ihre Gewänder, ihr Sternenschmuck im Haar. An mir ist alles Silber. Das ist nicht richtig und deshalb bin ich so unglücklich!“
„Tja“, sagte der Fuchs. „Du musst lernen, dich selbst zu lieben. So mache ich das auch und deshalb bin ich ein glücklicher Fuchs.“
„Ich werde es versuchen“, versprach der kleine Engel halbherzig.
„Gut“, sagte der Fuchs. „Denk immer an meine Worte! Mach‘s gut, kleiner Engel!“
Der Fuchs erhob sich und ging seines Weges. Erst jetzt bemerkte Silver, dass der hübsche Fuchs das linke Hinterbein schwerfällig hinter sich herzog.
Lange schaute er ihm nach und er schämte sich. Er jammerte und jammerte, nur wegen seiner Farbe und der Fuchs, der offensichtlich ein schweres Schicksal zu tragen hatte, strahlte Zuversichtlichkeit und Glück aus.
„Warte, Fuchs!“, rief Silver laut. „Lass mich ein Stück mit dir gehen!“
Doch der Fuchs drehte sich nicht um und er wartete auch nicht auf den kleinen Engel. Also ging Silver allein weiter. Er hatte aufgehört zu weinen. Auch die Last auf seinen Schultern schien ihm plötzlich nicht mehr so schwer zu sein. Vorsichtig hof er seine Flügel an und hob sich in die Luft.
„Ich kann es wieder“, jubelte er. „Ich bin gut, so wie ich bin. Das werde ich von nun an beherzigen und dann wird sich erfüllen, was mir mein Freund Gabriel prophezeit hat, der gesagt hatte: „Kleiner Engel Silver, Engel werden mit ihrem Namen geboren und wie dein Name, ist auch alles weitere an dir silbern. Das ist kein Zufall, sondern Bestimmung. Eines Tages wirst du wissen, was das zu bedeuten hat.“

Was es damit auf sich hatte, das werden wir auch schon bald erfahren, denn das ist schon wieder eine neue Geschichte von Silver, dem kleinen silbernen Engel.

„Silver, der kleine Engel“ weiterlesen

Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen
Das sind die Wörter, die es diesmal zu verarbeiten galt. Bei mir ist eine neue Oma Betty Geschichte draus geworden, wie immer mit viel Wahrheit drin aber auch jeder Menge Fantasie.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore – Lores Märchenzauber
Martina – Von Herz zu Herz Geschichten

Oma Betty und die Wollmäuse

„Oma, was ist denn eigentlich in dieser großen runden Schachtel dort oben auf dem Kleiderschrank?“
Maila war wieder einmal bei Oma Betty zu Besuch und half ihr, die Betten neu zu beziehen. Das machten sie gern zusammen, denn Maila liebte es so sehr, zwischen Oma und Opa im frisch duftenden Bett zu liegen. Als sie gerade auf der Matratze herumhüpfte, sah sie oben auf dem Schrank diesen rosa-weiß gestreiften Karton und schon war die Neugier geweckt.
„Könnte es wohl sein, dass da mein Weihnachtsgeschenk drin versteckt ist?“, fragte sie.
Oma Betty lachte.
„Aber Kind, die Geschenke bringt doch das Christkind, nicht wahr?“
Maila grinste, dabei wurde ihre große Zahnlücke sichtbar.
„Oma, ich weiß genau, dass es ein Christkind gibt, aber die Geschenke, die kommen doch von euch, gib es zu!“
„In dieser Schachtel ist auf jeden Fall kein Geschenk für dich!“, verriet Oma und zog den großen Bezug über das dicke Federbett.
„Für jemand anderen vielleicht?“, wollte Maila wissen.
Oma Betty schüttelte den Kopf. „Auch nicht für jemand anderen!“, sagte sie.
„Oma, nun sag schon. Was ist drin?“ Maila konnte es fast nicht mehr aushalten, so neugierig war sie.
„Lass uns zuerst die Betten fertigmachen. Dann holen wir Opa, denn ich bin zu klein, ich komme gar nicht ran an die Schachtel und ehrlich gesagt: ich traue mich auch nicht!“
„Wieso? Ist da was Gefährliches drin?“ Maila sah ihre Oma mit weit aufgerissenen Augen an.
„Eigentlich nicht, aber neulich, da hat es so komisch geknarzt in der Nacht, vielleicht haben sich Mäuse dort oben eingerichtet. Opa meint, das sei unmöglich, aber ich schwöre, ich habe etwas gehört!“ Oma Betty hatte sehr leise gesprochen, so, als wollte sie nicht, dass die Mäuse hörten, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war. Oh je, das war spannend.
„Soll ich Opa schon holen?“, fragte sie.
„Ja, mach das und sage ihm, dass er die Trittleiter mitbringen soll und verrate nicht, dass ich dir von den Mäusen erzählt habe. Dann sagte er nämlich wieder: Das kann gar nicht sein!“
Maila kicherte. Das war nämlich einer von Opas Lieblingssätzen. Immer wieder kam der zum Einsatz, besonders dann, wenn er keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, was in seinen Augen Unsinn war.
Wenn aber seine Enkelin um etwas bat, dann fackelte er nicht lange, sondern tat, was sie wollte. Er schnappte sich also die Trittleiter und gemeinsam gingen sie zu Oma ins Schlafzimmer.
„Wo brennts?“, fragte er.
„Gar nicht!“, sagte Oma. „Ich wollte dich bitten, die Schachtel vom Kleiderschrank zu holen und bei der Gelegenheit könntest du kurz Staub wischen da oben, ich komme so schlecht da ran!“, sagte Oma.
Opa stellte die Leiter auf und kletterte hoch. Er schnappte sich die Schachtel und musste prompt niesen, so staubig war es auf dem Schrank. Oma nahm die Schachtel an, wischte sie ab und reichte den Lappen an Opa weiter.
„Oh, oh“, schimpfte er und nieste erneut. „Mäuse, Wollmäuse, jede Menge!“
Oma Betty kreischte und verließ den Raum. Maila, die keine Angst vor Mäusen hatte, wäre am liebsten gleich mit auf die Leiter geklettert und hätte sich die niedlichen Wollmäuse angeschaut.
Opa lachte.
„Mailakind, hol Oma zurück. Es sind keine echten Mäuse, schau!“ Er zeigte Maila einen Knubbel aus Staub.
Oma war längst wieder da. „Igitt!“, rief sie. Da sollte ich mich wohl schämen!“ Sie hatte einen kleinen Eimer mit Wasser und einen frischen Putzlappen mitgebracht und Opa wischte nun den gesamten Kleiderschrank sauber. Das lohnte sich so richtig!
Oma befreite die Schachtel vom restlichen Staub und dann war es endlich so weit. Maila durfte den Deckel abheben.
In der Schachtel lag ein riesiger weißer Hut. „Mein Hochzeitshut“, flüsterte Oma Betty und hob den Hut aus seiner Schachtel.
„Ein Hochzeitshut? Das habe ich noch nie gesehen!“, meinte Maila, betrachtete aber den Hut ehrfürchtig, immerhin war er ja schon alt, mindestens hundert Jahr oder so.
„Setzt du ihn bitte mal auf, Oma!“, bat sie. Doch das wollte Oma nicht, lieber wollte sie Maila Bilder von der Hochzeit zeigen.
„Weißt du, der Hut ist nämlich magisch, wenn man ihn trägt, muss man tanzen, die ganze Nacht lang. So war das jedenfalls bei unserer Hochzeit und jetzt machen das meine müden Gelenke nicht mehr mit!“, versuchte Oma zu erklären.
Opa lachte schallend.
„Ich höre immer „müde Gelenke“, das kann ja wohl nicht sein, oder? Zwei Mal in der Woche gehst du zum Sport, einmal zum Yoga und im Sommer schwimmst du jeden Morgen – von Müdigkeit keine Spur, also setz den magischen Hut auf, mach uns die Freude!“
„Also gut!“ Oma setzte den Hut auf, fing an zu singen, schnappte sich Opa und tanzte mit ihm durchs Schlafzimmer. Und Maila? Die machte mit! Später waren alle drei aus der Puste und ließen sich ins frisch bezogene Bett fallen, aber nur ein Viertelstündchen …

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte „Die Wichteltür“ Teil 2

Anzug, Schaf, zittern, schnäuzen, blind

Das waren die Wörter, die verarbeitet werden mussten, bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

Die Wichteltür (Teil 2) Teil 1 findet ihr her TEIL 1

„Warum hast du denn heute Nacht auf dem Teppich geschlafen? War es nicht viel zu kalt und ungemütlich?“, wollte Mama von Alina wissen. Die schüttelte den Kopf.

„Nein, gar nicht, ich habe wunderbar geschlafen und außerdem ist mein Schlafanzug schön kuschelig warm. Ich habe nicht gefroren! Aber – wie bin ich denn in mein Bett gekommen?“

Mama erzählte, dass sie Alina hineingetragen habe. Daran konnte sich das Mädchen nicht erinnern, wohl aber daran, dass es in dem Land hinter der Wichteltür gewesen war, zum allerersten Mal und so, wie Oma das vorhergesagt hatte. Das schönste daran aber war, dass sie dort eine Dame getroffen hatte, die Grüße von Oma ausgerichtet hatte. Die Dame hatte sie umarmt und an die Hand genommen und dann waren sie zusammen weiter in das Land hinein gegangen. Wie schön es dort gewesen war und wie großartig war, dass Alina nun immer wieder hingehen konnte. Gleich heute Abend würde sie es wieder tun und darauf freute sie sich schon sehr. Ihr war bewusst, dass sie ihren Eltern besser nichts davon erzählen sollte. Vielleicht kam sonst noch einer darauf, die Wichteltür abzubauen. Alina kannte ihre Mutter, die machte kurzen Prozess, wenn ihr etwas nicht geheuer war.

Es war aber gar nicht so einfach, diese Freude für sich zu behalten. Zu gern hätte Alina sie mit jemandem geteilt. In dem Land hinter der Wichteltür war Alina mit der Dame spazieren gegangen. Alina nahm sich vor, die Dame heute nach ihrem Namen zu fragen. Das hatte sie gestern ganz vergessen so beschäftigt war sie mit den vielen Eindrücken gewesen, die da auf sie zugekommen waren. Niemals hatte sie schönere Blumen gesehen und buntere Bäume.

„Beschreibe mir, was du siehst!“, hatte die Dame sie gebeten. „Ich bin blind und habe dieses schöne Land leider selbst nie sehen können. Aber es muss wunderbar sein, stimmt’s?

Alina tat die Dame leid. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass diese nicht sehen konnte, denn sie bewegte sich sicher auf den Wegen und erklärte Alina sogar, was für Bäume da am Wegrand standen und wies auf die leuchtenden Farben ihrer Gewänder hin. Alina traute sich nicht zu fragen, woher sie denn das wisse, wenn sie blind sei.

Alina beschrieb also so gut sie konnte, was sie sah. Sie gingen an einer Wiese vorbei, auf der ein Schaf graste. „Es ist kuschelweich, wie eine Wolke!“, beschrieb Alina das Schäfchen. „Und es zittert leicht, so, als habe es Angst vor uns!“

„Das kann sein, denn lange hat es keinen Menschen mehr gesehen, das Schaf. Du bist die erste, die unser Land wieder betreten durfte und das ist gut so!“, sagte die Dame lächelnd.

Sie kamen an einem Baum vorbei, dessen Laub aus unzähligen bunten Federn bestand. Wunderschön war das anzusehen, Alina staunte und dann nieste sie. „Hatschi!“, und noch einmal, „Hatschi!“

Gerade wollte sie in ihre Hosentasche greifen, um ein Taschentuch zum Schnäuzen herauszuziehen, als sie bemerkte, dass sie im Schlafanzug unterwegs war. Alina lachte, dann beschrieb sie die schillernd bunten Federn des Baumes und eine, die darunter lag, gab sie der Dame in die Hand, damit sie ertasten konnte, wie sich so ein Federblatt anfühlte …

Hier geht es bei der nächsten Reizwortgeschichte weiter …

© Regina Meier zu Verl