Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

Grinsende Schnecken

Grinsende Schnecken

Ein wenig mehr Regen könnten wir gebrauchen, aber wir wollen nicht unzufrieden sein, denn gerade vorhin hat ein Schauer den Staub von den Blättern gespült und der Garten sieht wie frisch geputzt aus.
Ich ziehe meine Gummistiefel an und freue mich darauf, eine wenig in meiner Kräuterspirale zu schnuppern und zu zupfen, falls nötig. Ich freue mich immer, wenn ich über den Rasen zu ihr hinüber gehe und dort verweilen darf. Ein bisschen bin ich auch stolz auf sie, denn die Kräuter gedeihen prächtig.
Jetzt aber erschrecke ich. Ein bisschen verwüstet sehen sie aus und zwei fette rote Nacktschnecken aalen sich auf Petersilie und Rauke.
»Das ist ja wohl eine Unverschämtheit!«, rufe ich laut aus. Die beiden Schnecken stört das gar nicht, sie mümmeln ruhig weiter an den Kräutern. Fast sehen sie ein wenig so aus, als grinsen sie mich frech an.
Oh nein, zum Lachen ist mir gar nicht zumute.
»Verschwindet!«, herrsche ich die beiden kleinen Monster an. »Ihr habt hier nichts zu suchen. Das ist mein Kräuterbeet und meine Petersilie und mein Rucola. Ab mit euch auf die Wiese – oder noch besser rüber zum Nachbarn!«
»Aber, aber, meine Liebe! Das ist nicht die feine Art!«
Die Stimme vom Nachbarn Fritz ertönt laut, nicht unfreundlich, aber auf der Stelle habe ich ein schlechtes Gewissen. Wie viel mochte er gehört haben, auch das mit dem Nachbarn? Wahrscheinlich! Ich laufe puterrot an und schäme mich. Ob ich mich entschuldigen soll? Aber was soll ich sagen? Und grinsen die beide Schnecken nun nicht noch unverschämter? Überhaupt: Noch nie habe ich eine grinsende Schnecke gesehen und zwei schon gar nicht.
»Ei-ein Missverständnis«, grummle ich Richtung Gartenzaun.
»Ach so!«, sagt Fritz und wendet sich wieder seinen Rosen zu. Er ist kein Mann der großen Worte. Eigentlich bin ich erleichtert, aber dann möchte ich doch gern wissen, was er gehört hat.
»Gibt es bei dir auch Schnecken, Fritz?«, frage ich und hebe eine von den meinen mit spitzen Fingern an, um sie Fritz zu zeigen, dabei gehe ich ein paar Schritte auf ihn zu.
Er guckt erst verdutzt auf die Schnecke, dann auf mich, grinst und sagt:
»Die grinst ja! Siehst du das auch?«
Hat er es also auch gesehen! Und ich habe schon befürchtet, ich sei ein wenig neben der Spur heute. Naja, plemplem eben.
»Klar, das sehe ich auch. Da ist noch eine, die grinst genauso unverschämt. Warte, ich hole sie!«, sage ich und drehe mich schon um, als Fritz sagt: »Und dann setzt du sie in meinem Garten aus, oder?«, er lacht laut. ‚Also doch‘, denke ich und spüre, wie mir die Röte abermals ins Gesicht schießt.
»Das würde ich doch nie tun!«, sage ich schnell und bemühe mich, seinem Blick standzuhalten. »Kein Mensch mit Anstand würde seinen Nachbarn so misslich behandeln und …«
Ich stutze und starre auf Fritzens Gesicht. Es ist rot geworden. Puterrot.
Mich kitzelts in der Kehle, ich kann gar nicht mehr denken, konzentriere mich auf das Kitzeln und dann lache ich los, laut und befreit. So lange lache ich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und Fritz? Der lacht erleichtert mit und die beiden Schnecken? Sind verschwunden, komisch!

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte – Die Flucht vor den Speckbohnen

Die folgenden Wörter galt es dieses Mal in der Geschichte unterzubringen: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend.

Bitte schaut auch, was meinen Kolleginnen dazu eingefallen ist: MARTINA und LORE

Die Flucht vor den Speckbohnen

Meine Mutter konnte gut kochen, ganz ehrlich. Aber ein Gericht mochte ich gar nicht gern und jedes Mal gab es Streit, wenn sie es zubereitet hatte. Grüne Bohnen mit Speck.
„Schön aufessen!“, sagte sie immer, „Bohnen sind gesund! Du stehst mir nicht vom Tisch auf, ehe du alles aufgegessen hast.“
Wie sollte ich das essen? Mir war schon schlecht, wenn ich es nur sah oder roch.
Aber sie kannte kein Pardon, es war wirklich schrecklich. Ich hatte auch keine Idee, was ich da unternehmen konnte und bat meine Oma um Hilfe.
„Ach Kind, so schlimm schmeckt das doch gar nicht!“, sagte sie, versprach mir aber, sich etwas einfallen zu lassen.
Ich seufzte. Oma hatte sich schon öfter etwas einfallen lassen, doch Mama war uns immer auf die Schliche gekommen und am Ende saßen wir beide am Tisch und mühten uns ab, dieses Ekelzeugs zu essen. Ehrlich, da musste uns nun etwas ganz besonders Schlaues einfallen, um dem beim nächsten Mal zu entgehen. Nur was?
Als Mama am folgenden Tag ankündigte, dass sie Bohnen pflücken wollte, weil es mittags Bohnen und Speck geben sollte, sagte Oma:
„Liebe Mechthild, koch aber nicht so viel davon, denn Mia und ich haben morgen schon etwas vor und sind über Mittag außer Haus. Und wir haben es jetzt schon sehr eilig!“ Oma stand auf und zwinkerte mir zu.
Erstaunt schaute ich sie an und nicht nur ich, sondern auch meine Mutter hatte Fragezeichen in den Augen.
„Wo wollt ihr denn hin und werde ich eigentlich gar nicht mehr gefragt?“, sagte sie empört.
„Nö“, sagte Oma und grinste.
„Nö“, sagte auch ich und tat ganz unschuldig, so als hätte ich mit all dem gar nichts zu tun. Und das war ein Fehler. Ich Esel hätte es wissen müssen, Mama roch den Braten sofort.
„Nun gut“, sagte sie. „Das ist mir ganz recht, denn dann muss ich nicht zu Mittag gar nicht kochen und kann mir einen netten Nachmittag machen. Papa hat nämlich auch einen Termin und kommt nicht zum Mittagessen.“
Sollte Papa etwa auch allergisch gegen Speckbohnen sein?
Nun war guter Rat teuer, denn, und das konnten wir uns sicher ausrechnen, es würde halt einen Tag später die verhassten Bohnen geben. Oma räusperte sich, dann sagte sie mit fester Stimme:
„Meine Liebe, du hast es sicher längst bemerkt, wir reißen vor deinen Speckbohnen aus, die mögen wir nämlich beide nicht!“
Oh ha, die traute sich was, die Oma!
Mama seufzte und sah mich mit einem ihrer besonders genervten und viel mehr noch traurigen Mama-Blicke an.
„Stimmt das?“, fragte sie. „Bin ich denn so eine schlechte Mutter, die ihr Kind mit Speckbohnen quält?“ Das klang, als wollte sie jeden Moment anfangen zu heulen.
Oma schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich erschrak, Mama auch!
„Schluss jetzt!“, sagte sie. „Wir werden uns doch wegen dieser dusseligen Bohnen nicht streiten! Ich schlage vor, dass du es akzeptierst, dass wir beide die nicht mögen und ab sofort dürfen wir das auch sagen. Du, meine Liebe, nimmst dir ja auch das Recht raus, zu sagen, was du denkst. Verflixt und zugenäht!“, schimpfte Oma. So hatte ich sie noch nie gesehen und von da an herrschte wieder Friede bei uns. Wir mussten nicht ausreißen, wenn Mama ihre geliebten Bohnen kochte, denn dann bekamen Oma und ich Milchreis – lecker. Wenn wir Glück hatten, durften wir danach ein erfrischendes Eis zum Dessert genießen. Und Papa? Der aß tapfer die Bohnen, aber so richtig glücklich sah er dabei nicht aus.

© Regina Meier zu Verl

Frieder und der Erdbeerkönig

Frieder und der Erdbeerkönig

Frieder und seine Mama waren zum Erdbeeren pflücken auf dem großen Feld von Onkel Albert gewesen. Mama hatte einen Eimer mitgenommen. Sie brauchte viele Erdbeeren, denn sie wollte später leckere Marmelade kochen.
Frieder hatte auch einen Eimer dabei, den kleinen gelben mit den roten Punkten. Doch den brauchte er eigentlich nicht. Er hatte einen Mund und einen Bauch, nein, einen großen Mund und einen großen Bauch und das genügte ihm.
Als Mama und er dann wieder zu Hause ankamen, war Frieder satt und zufrieden und er hatte eine leuchtend rote Schnute.
„Hoffentlich bekommst du keine Bauchschmerzen“, meinte Mama, die immer sehr um Frieder besorgt war.
„Ach was, bekomme ich schon nicht“ sagte Frieder. Aber Erdbeeren mochte er nun auch nicht mehr essen und Mama helfen, dazu hatte er so gar keine Lust.
„Ich bin erschöpft vom Pflücken!“, verkündete er. Und insgeheim drückte es ihm ja doch auch ein bisschen im Bauch. Frieder fühlte sich voll bis obenhin angefüllt mit Erdbeeren, Erdbeeren, Erdbeeren. Und ein bisschen Schokolade, die hatte er von Tante Helene geschenkt bekommen und mit aufs Erdbeerfeld genommen. Die drückte auch im Bauch.
Er setzte sich auf den Boden und blätterte lustlos in einem Bilderbuch, das eigentlich für Babys geschrieben war, so für 4 oder 5 Jahre, und Frieder war schon fünfeinhalb. Da, im Buch saß der Erdbeerkönig auf einer Baumwurzel.
„Hey, Frieder!“, sagte er mit einer tiefen, aber sehr angenehmen Stimme. Frieder erschrak trotzdem. ‚Woher kennt der mich?‘, dachte er und wollte das Buch schnell wieder zuklappen. Das gelang aber nicht, denn nun stemmte der Erdbeerkönig sich gegen die Seite.
„Halt!“, rief er, „Nicht zuklappen, ich will dir etwas sagen.“
Frieder zuckte zusammen. Das konnte doch nicht der Erdbeerkönig aus dem Buch sein, der da zu ihm sprach. Das kam wohl davon, wenn man zu viel in sich hineinfutterte. Er hielt sich die Hand vor den Bauch und überlegte, ob er zu Mama hinüber flüchten sollte.
„Nur Mut, junger Mann!“, meldete sich da die Stimme wieder zu Wort. „Sei neugierig?“
„Aber, aber mir ist doch ein bisschen übel!“, stammelte Frieder.
„Das wird gleich wieder besser werden, hör zu, ich erzähle dir etwas, das wird dir helfen!“, sagte der Erdbeerkönig. Frieder war gespannt, so gern hörte er Geschichten, da würde er doch nicht auf diese hier verzichten. Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Und da begann die Geschichte auch schon: „Es war einmal ein Land mit dem Namen ‚Erdbeerland‘ und da …“
Mehr hörte Frieder nicht mehr. Die vielen Erdbeeren in seinem Bauch hatten ihn müde gemacht, so müde, dass er einmal laut gähnte und dann auch schwupps – einschlief. Der Erdbeerkönig aber erzählte und erzählte und wer weiß, vielleicht redet er immer noch.

© Regina Meier zu Verl

Lieblingstage, Reizwortgeschichte

Dummkopf, Donnerstag, denken, dreckig, dösen
Das waren die Reizwörter, die zu verarbeiten waren diesmal. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen, was ihnen dazu eingefallen ist:

Martina und Lore

Lieblingstag


Solange ich denken kann, ist der Donnerstag mein Tag. Als ich Kind war, hatte ich nämlich donnerstags Ballettunterricht. Den habe ich geliebt und somit war der Tag in der Woche, an dem wir uns zum Tanzen trafen mein Lieblingstag. Später, als ich das Ballett aus den Augen verloren hatte, besser gesagt: Ich hatte es mir aus dem Kopf geschlagen, weil es einfach nicht zu mir passte. Ich wollte da nur hin, weil Fräulein Monique so nett und ich verliebt in ihren französischen Akzent war. Ein weiterer Grund: Ich liebte Tutus, in Rosa. Ich war pummelig und rosa Tutus unterstrichen das auf ungünstige Art und Weise.
Später ging ich donnerstags zur Nachhilfe, nicht, weil ich etwa ein Dummkopf war, nein, ich verprasste mein Taschengeld für Manuel, den Studenten, der wiederum sein Taschengeld aufbesserte mit Nachhilfeangeboten in Spanisch. Ich war eine gute Schülerin, vor allem im sprachlichen Bereich hatte ich gar keine Probleme. Aber Manuel hatte es mir angetan und so büffelte ich für ihn spanische Vokabeln und Grammatik. Ich wollte ihn beeindrucken, das kostete eine Menge Kraft, da ich ja auch das Geld für die Nachhilfestunden noch verdienen musste, indem ich für die Nachbarn Rasen mähte oder für Tante Irmi Botengänge erledigte, die sie dann mit Küsschen und Barem honorierte. Ich wischte unser dreckiges Treppenhaus, trug Müllers den Müll runter (hihi, geniales Wortspiel, oder?) und war immer auf der Suche nach Geldquellen.
Als ich herausbekam, dass Manuel schwul war, hatte sich das für mich auch erledigt. „Du bist so gemein!“, hatte ich ihn angeschrien. „Das hättest du mir sagen müssen!“
Dafür schäme ich mich heute noch – damals wusste ich es einfach nicht besser, ich war verletzt und erschöpft.

Während ich hier in meinem Liegestuhl vor mich hindöse und an vergangene Zeiten denke, hat meine Enkelin Sandkuchen gebacken.
„Oma, komm probieren, ich habe einen schönen Kuchen gebacken!“, ruft sie mir zu und ich hieve mich aus dem Sessel und laufe zu ihr.
„Wie schön“, lobe ich den Kuchen und tu so, als probiere ich ein Stück. „Heute ist mein Lieblingstag!“, sage ich.
„Warum, Oma?“, fragt die Kleine.
„Weil du da bist!“, erkläre ich.
„Aber ich bin doch immer da!“ Sie grinst und tätschelt meine Wange mit ihren sandigen Händen.
„Eben! Deshalb ist auch jeder Tag mein Lieblingstag!“, fast versagt es mir die Stimme vor lauter Liebe und mein Herz macht kleine Ballettsprünge im rosa Tutu.

© Regina Meier zu Verl

Prösterchen, auf den Muttertag

Prösterchen, auf den Muttertag

„Muttertags-Geschichten sind immer so süß, so niedlich, so heile Welt. Aber das Leben ist nicht so, auch nicht am Muttertag. Jedenfalls nicht bei mir!“
„Wie bitte?“ Katrin, die Bistrobesitzerin, sah Ihren Gast erstaunt an. Es war eine alte Dame, die vor einer Tasse Kaffee saß und unruhig mit der Gabel das Stück Apfelkuchen zerkrümelte.
„Haben Sie mit mir gesprochen? Ich konnte Sie nicht genau verstehen.“
„Nein, nein! Ich habe mit mir selbst gesprochen. Wissen Sie, ich bin viel allein und dann gewöhnt man sich solche Dinge an!“, sie lächelte gewinnend und Katrin hatte das Bedürfnis, sich ein wenig zu der Dame zu setzen.
Mit zwei Gläschen Eierlikör kehrte sie zum Tisch der Fremden zurück.
„Darf ich Sie zu einem kleinen Gaumenkuss einladen? Eierlikör. Hausgemacht. Für kleine Gelegenheiten, zum Freuen, zum Traurig sein, ach, zu allem. Probieren Sie!“
Die Augen der alten Dame leuchteten.
„Ich liebe Eierlikör, und dass er ein Gaumenkuss ist, das kann ich wohl bestätigen. Vielen Dank!“
Katrin setzte sich und hob ihr Glas.
„Auf die Gesundheit!“, sagte sie.
„Auf die Gesundheit!“ Ihr Gast hob das Glas an die Lippen, kostete und seufzte genussvoll.
„Das ist ein besonders feiner Schatz! Ich weiß ihn sehr zu genießen, denn eigentlich …“, sie grinste verschmitzt. „Eigentlich dürfte ich so etwas Feines gar nicht mehr trinken. Gar nichts mehr darf man, wenn man alt ist. Alt und nutzlos!“
„Das dürfen Sie niemals sagen und auch nicht denken. Wir werden alle einmal alt sein, aber sind wir deswegen nutzlos? Nein!“, sagte Katrin. „Aber darf ich fragen, warum Sie keinen köstlichen Eierlikör trinken dürfen? Ist es etwa der Zucker, der es ihnen verbietet?“
„Zucker!“ Die alte Dame lachte hellauf.
„Der kann mir gar nichts verbieten. Und auch nicht all die anderen, die meinen, mir etwas vorschreiben zu können. Ha! Stellen Sie sich vor: Sie sagen mir, wie ich zu leben habe. Trinke keinen Kaffee, höchstens ein Tässchen am Morgen. Iss nicht dies und nicht das und … ach, am besten gar nichts. Gehe nicht allein in die Stadt. Und so weiter und so fort. All das schreiben sie mir vor. Aus der Ferne. Pah!“
„Wer denn, wer schreibt Ihnen das alles vor?“, fragte Katrin und man sah ihr an, dass sie entsetzt war über das, was die alte Dame ihr erzählte. Sie hob ihr Glas noch einmal an.
„Prösterchen!“, sagte sie.
„Das sind die, die mich am meisten lieben. So sagen sie. Meine Kinder und Enkel.“
Vor Aufregung schummelte sich ein kleiner Schluchzer in ihre Worte.
„Die, die nie da sind und doch alles besser wissen.“ Sie hob ihr leeres Glas. „Darauf trinken wir.“
„Warten Sie, ich schenke nach! Wir lassen uns doch nichts verbieten, oder?“, fragte Katrin.
„Auch nicht von den Kindern und Enkeln, von denen schon gar nicht!“
„Das kommt nicht in die Tüte! Und darauf stoßen wir an! Prosit!“ Die alte Dame lachte. „Prosit mit Eierlikör! Das hatte ich auch noch nie in meinem langen Leben. Sie etwa, junge Frau? Haha! Komisch ist das! Urkomisch!“
„Ich habe lange nicht so viel Freude mit einem Gast gehabt!“, sagte Katrin, die sich aber dann doch um andere Bistrotbesucher kümmern musste.
„Machen Sie nur, ich bleibe einfach noch ein bisschen sitzen und genieße das süße Gefühl!“, verkündete die Dame und als sie später ging, lag ein seliges Lächeln in ihrem Gesicht!

© Regina Meier zu Verl

Weihnachten im Sommer

Weihnachten im Sommer

Das Problem bei Auftragsarbeiten ist, dass sie extrem zeitversetzte Themen haben. Ist ja klar, denn ein gewisser Vorlauf ist nötig. Also schreibe ich zurzeit an einem Adventskalender. Verrückt, oder?
Letzte Woche rief mich eine Dame vom Altenheim in der Nachbarstadt an. Sie bat mich um Hilfe. Ihre Idee war, den Bewohnern ihres Hauses in der Adventszeit jeden Tag eine Geschichte zu erzählen, also 24 Geschichten, die mit Weihnachten zu tun haben.
„Sie schreiben doch immer so schöne Geschichten“, lobte sie mich. „Unsere Bewohner lieben Ihre Erzählungen, weil sie von früher handeln.“
Das hörte ich natürlich gern. Selten bekommt man Rückmeldungen und der Applaus ist ja das Brot des Künstlers. Meine Gedanken rotierten bereits. Weihnachtsgeschichten hatte ich schon recht viele in meinem Repertoire, auch einige, die von alten Zeiten erzählten. Ich könnte also einfach ein paar davon zur Verfügung stellen, damit die nette Betreuerin sie vorlesen konnte.
„Das Besondere sollte sein, dass unsere lieben Hausbewohner mit einbezogen werden. Verstehen Sie, wie ich es meine?“, fragte sie.
Ich stutzte, hatte keine Ahnung, was sie vorhatte. Ich hustete erstmal und wartete, dass sie weiter sprach.
„Es wäre doch schön, wenn Sie zu uns kämen und mit unseren Gästen sprechen, sich ihre Erinnerungen an Weihnachten erzählen lassen und dann entsprechend die Geschichten dazu schreiben.“
‚Na toll’, dachte ich und fragte mich, ob die Dame eine Vorstellung davon hatte, was das für ein Zeitaufwand wäre für mich. Andererseits könnte es auch eine Chance sein. Oft hatten mich ältere Menschen inspiriert zu der ein oder anderen Geschichte. In meinem Kopf summte es verdächtig ‚Alle Jahre wieder’ und vor meinem inneren Auge zogen Engel mit lockigen Haaren vorbei, die mit Sternenstaub Spielzeuge verzauberten, die daraufhin zum Leben erwachten.
„Ich verstehe, dass Sie zögern“, sagte die nette Dame und unterbrach meine Gedanken. „Ich kann Ihnen auch kein Honorar anbieten, das Geld ist knapp. Aber ich verspreche Ihnen jede Menge Freude und leuchtende Augen!“
„Ich mach’s!“, sagte ich und grinste, weil ich mir das Gesicht meines Therapeuten vorstellte, der mir in vielen Sitzungen gesagt hatte, dass ich lernen müsste NEIN zu sagen. Womit er natürlich recht hatte, aber in diesem Fall … mal ehrlich, konnte ich hier wirklich nein sagen?
Wir verabredeten uns für die nächste Woche, um die Einzelheiten zu besprechen. Ich freute mich auf das erste Treffen.
Das Thermometer war an diesem Tag bereits auf 25 Grad geklettert, ich genehmigte mir ein dickes Eis, setzte mich an meinen Schreibtisch und öffnete eine neue Datei. ‚Von Menschen für Menschen’ nannte ich sie und schrieb meine ersten Gedanken auf. Als mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, lief in meinem Zimmer eine Weihnachts-CD und ich mümmelte Weihnachtsplätzchen, die ich noch in einer Keksdose gefunden hatte.

© Regina Meier zu Verl

Die Strafarbeit

Die Strafarbeit

„Na, wie war es heute in der Schule?“, begrüßte Frau Wagner ihren Sohn.
Tom antwortete nicht. Er stürmte die Treppe hoch und ließ mit einem lauten Knall die Tür seines Zimmers ins Schloss fallen.
„Da hat aber einer schlechte Laune“, murmelte Frau Wagner und fragte sich, ob sie ihm folgen sollte, oder ob er zuerst seine Ruhe brauchte. Sie entschied sich für den Mittelweg, indem sie nach oben ging, vor der Tür dreimal tief durchatmete und dann leise anklopfte.
„Lass mich in Ruhe!“, erklang es von drinnen.
„Okay! Wenn du mich brauchst, dann weißt du ja, wo du mich findest!“
Sie ging wieder in die Küche und deckte den Tisch. Spinat und Spiegelei stand auf dem Essensplan, wie fast jeden Donnerstag. Das war Toms Lieblingsessen und sicher würde ihm das gleich einfallen und dann würde er schon kommen.
Am Vorabend hatte sie einen Plätzchenteig angesetzt, der nun im Kühlschrank ruhte. Sie beschloss, mit dem Backen anzufangen. Der Duft der Plätzchen würde Tom aus dem Zimmer locken. Er naschte doch so gern vom Teig und vielleicht würde er dann erzählen, was vorgefallen war.
Schon bald zog der Geruch von Weihnachtsplätzchen durch das Haus und erreichte auch Tom in seinem Zimmer. Er schnupperte, versuchte aber der Versuchung zu widerstehen. Zwecklos! Außerdem konnte seine Mutter ja nichts dafür, wenn die in der Schule so blöd waren!
Tom ging ins Bad, erfrischte sein Gesicht mit kaltem Wasser, damit Mama die verheulten Augen nicht sehen konnte und schlich dann die Treppe hinunter.
„Hallo, da bist du ja. Sicher hast du Hunger, oder?“, fragte Mama und Tom nickte. Er setzte sich an den Tisch und aß schweigend aber mit sichtlich gutem Appetit. Nachdem er die dritte Portion Kartoffelpüree verdrückt hatte, fand er auch seine Stimme wieder.
„Mama, fandest du die Schule auch so schrecklich?“, fragte er mit vollem Mund.
Frau Wagner legte das Besteck zur Seite.
„Manchmal!“, antwortete sie und sah ihren Sohn kritisch an. Natürlich bemerkte sie, dass er geweint hatte. „Eigentlich bin ich gern hingegangen, aber es gab da so ein Mädchen, die mich nicht leiden konnte. Vor der habe ich Angst gehabt, denn sie ließ sich so einiges einfallen, mit dem sie mich schikanieren wollte.“
„Echt?“ Tom war überrascht, dass seine Mutter Angst gehabt hatte. Sie war doch immer mutig und meisterte die schwierigsten Situationen.
„Ja, echt! Ab und zu hatte ich deswegen morgens Bauchschmerzen und mochte gar nicht mehr in die Schule gehen.“
„Und was hast du gemacht? Wurde es irgendwann besser?“
„Ich habe meinem Vater alles erzählt und der hat mir dann geholfen zu verstehen, warum mich dieses Mädchen immer geärgert hat. Sie war nämlich eifersüchtig auf mich, weil ich bei der Lehrerin einen Stein im Brett hatte!“
„Einen Stein im Brett?“
„Das ist ein altes Sprichwort aus dem Mittelalter und bedeutet, dass die Lehrerin mich gern leiden mochte, weil ich wissbegierig war und das hat ihr gefallen.“
„Ach so!“
“Und du? Hast du auch einen Stein im Brett bei deinem Lehrer?“
Tom grinste und schnappte sich ein Plätzchen.
„Wohl eher nicht!“, gestand er. „Ich habe heute eine Sonderaufgabe bekommen, weil ich den Unterricht gestört habe. Dabei wollte ich nur schnell aus dem Fenster gucken, weil die Feuerwehr mit lautem Tatütata vorbeifuhr und dabei habe ich die Blumenvase auf der Fensterbank umgeworfen und die ist mit lautem Knall auf den Boden gefallen und dann ist das Wasser auf den Fußboden geflossen und als ich dann schnell zurück zu meinem Platz wollte, bin ich ausgerutscht und hingefallen und alle haben gelacht. Ich fand das aber gar nicht lustig und Herr Kroll auch nicht. Der war wütend! Er hat mich angebrüllt: Du sollst dich mit deinen Aufgaben beschäftigen, Tom, wie oft habe ich dir das schon gesagt?“
Endlich war es raus. Frau Wagner schmunzelte. So schlimm war das nun auch nicht, fand sie. Das sagte sie ihrem Sohn allerdings nicht.
„Und nun musste du eine Strafarbeit machen?“
„Ja, drei blöde Wörter hat er mir aufgeschrieben, die ich noch nie gehört habe. Ich soll einen Aufsatz darüber schreiben, mindestens eine Heftseite lang.“
„Wie lauten die drei Wörter denn?“
„Feuerprobe, Neigung und zürnen!“
„Ach herrje, das sind schwierige Wörter und auf Anhieb fällt mir auch gar kein Zusammenhang ein …“, Frau Wagner biss sich auf die Lippen. Sie würde ihrem Sohn helfen, aber zunächst musste sie selbst mal überlegen, wie sie ihm die Wörter näher bringen konnte.
„Weißt du was? Wir backen nun erstmal den restlichen Plätzchenteig und dann wird uns schon was einfallen!“, schlug sie vor.
Tom war einverstanden und plötzlich hatte er eine Idee. Er holte schnell sein Heft aus dem Tornister und schrieb:

Wenn meine Mutter und ich Plätzchen backen, dann macht das immer viel Spaß. Mama macht den Teig und rollt ihn aus und ich steche dann die verschiedenen Formen aus. Damit die Plätzchen nicht verbrennen, machen wir zuerst immer eine Feuerprobe und testen, ob der Backofen die richtige Temperatur hat. Dann stoppen wir die Zeit und wissen somit, wie lange die Plätzchen im Ofen bleiben müssen. Das erste Blech ist also das Probeblech. In diesem Jahr haben wir einmal etwas Neues ausprobiert. Nachdem ich die Tannenbäumchen ausgestochen hatte, habe ich sie ein wenig umgeformt, einige bekamen eine Neigung nach rechts, andere eine Neigung nach links. Im Wald sind sie ja auch nicht immer ganz gerade und gleichen einander, wie ein Ei dem anderen.

„Puh, fast alle Wörter untergebracht, nur noch eins!“, rief Tom begeistert aus und las seiner Mutter den Text vor.
„Klasse, Tom! Dann sage ich dir mal den Schlusssatz!“

Wenn ich allerdings zu viel vom Teig nasche, dann zürnt mir meine Mutter und warnt mich, dass ich Bauchschmerzen bekommen werde!

„Mama, du bist die Beste“, lobt Tom und drückt seiner Mama einen Kuss mitten auf die Schnüss. „Du hast bei mir einen Stein im Brett!“

© Regina Meier zu Verl

Die Stoffwechseldiät

Die Stoffwechseldiät

„Haben wir denn gar nichts Süßes mehr im Haus?“, Horst wühlt vergeblich in der Schublade, in der sich sonst immer die leckeren Dinge befinden. Heute gibt es nur geschwefelte Aprikosen, Trockenpflaumen und Müsliriegel, die von der schrecklich gesunden Sorte, ganz ohne Zucker.
„Du weißt doch, dass ich eine Schlankheitskur mache!“, erklärt Heike ihrem Mann und tänzelt in ihren engen Leggings vor ihm her. „Sieht man doch, oder etwa nicht?“
Nachdenklich schaut Horst seine Heike an. Schlankheitskuren findet er blöd. Heike sieht toll aus, ob sie nun ein paar Kilo mehr oder weniger wiegt, das ist ihm egal. Er vermisst seine Schokolade, schmerzlich.
„Dir täte es auch gut, wenn du ein paar Pfund abnehmen würdest!“, mault Heike, die auf ein Kompliment gehofft hatte. Schließlich isst sie seit Tagen nur grüne Äpfel und Schlangengurken. Es ist eine Quälerei und das tut sie doch nur für Horst. Der soll sich doch nicht schämen müssen, weil sie zu dick ist.
„Wenn dich der Schönheitswahn gepackt hat, dann lass mich damit bitte in Ruhe. Ich möchte nicht abnehmen, ich finde mich völlig okay so wie ich bin, basta!“ Für Horst ist die Unterhaltung damit beendet.
Heike verzieht sich beleidigt im Badezimmer. Sie lässt Wasser in die Wanne laufen und gibt eine Packung Molkepulver dazu, das sie extra dafür im Reformhaus gekauft hat. Es soll eine schöne Haut machen und beim Baden verbrennt sie noch Extrakalorien. Während sie sich im weichen Milchbad entspannt, träumt sie von Schwarzwälderkirschtorte und Zimtsternen. Dieses Badewasser riecht aber auch lecker, fast wie Sahnepudding. Heike wird immer hungriger, der Magen knurrt schon laut und will auch ein Wörtchen mitreden. Wie gut, dass sie alle Süßigkeiten aufgegessen hat, bevor sie mit der Diät angefangen hat. Die Versuchung wäre nun einfach zu groß.
Nach einer guten Stunde lässt sie das Wasser ab, braust ihren Körper ab und steigt aus der Wanne. Sie hüllt sich in das vorgewärmte Handtuch. Heike verzichtet auf ihr heiß geliebtes Körperöl, das ihr einfach zu fettig erscheint und möglicherweise in die Fettpolster eindringen könnte und auf ihren Hüften Hügel anlegen würde, ‚Heike, du bist eine dumme Nuss’, sagt sie sich dann und schleicht barfuß, mit Handtuchturban und Badetuch in die Küche. ‚So ein klitzekleines Löffelchen Honig wird mir nicht schaden’, denkt sie noch, da entdeckt sie auf der Arbeitsplatte vier Schälchen mit Schokopudding. Horst! Er hat Pudding gekocht, ganz warm ist er noch. Aber er wird doch nicht etwa vier Schälchen allein aufessen wollen!
Plötzlich steht Horst hinter ihr. Er legt die Hände auf ihre Schultern und schnuppert an ihrem Nacken. „Hmm, riechst du gut!“, stellt er fest. „Wie ein Milchbrötchen, nur besser!“ Heike dreht sich um und lächelt ihren Mann an. Schokopudding und Komplimente, das trifft ihren Geschmack, die Diät rückt in die Ferne und der Genuss immer näher.
„Soll ich deinen Stoffwechsel ein wenig anregen?“, fragt Horst und zuppelt am Badetuch.
„Untersteh dich!“, schimpft Heike lachend. „Das mach ich schon selbst.“ Sie rubbelt ihre Haare trocken und steht völlig zerzaust vor ihrem Mann, im nächsten Moment löst sich das Badetuch und fällt zu Boden.
„Du bist so schön!“, schwärmt Horst. Er schaut seine Frau bewundernd an. „Ich finde, dass du keine Diät brauchst!“
Heike errötet vor Freude. Er findet immer die richtigen Worte, ihr Horst.
„Ich zieh mir schnell was an und dann kuscheln wir uns aufs Sofa, ja?“, fragt sie.
Als sie nach ein paar Minuten ins Wohnzimmer kommt, hat Horst den Pudding schon bereitgestellt. Auf zwei Schälchen hat er ein Herz mit Sprühsahne gemacht.
„Das sind deine!“, sagt er und dann machen sich die beiden über den Pudding her. Lauwarm schmeckt er am besten, finden sie und beschließen, dass sie am nächsten Tag einen langen Spaziergang machen werden, um den Stoffwechsel so richtig anzukurbeln. Heute wird gekuschelt und genossen. Jawohl!

© Regina Meier zu Verl

Ordnung im Tulpenbeet

Ordnung im Tulpenbeet


„Schöner wäre es noch, wenn die Tulpen nicht wie die Soldaten nebeneinander ständen“, sagte Marlene Huber zu ihrem Mann. Eigentlich hatte sie sich über die prächtigen Tulpen gefreut, die da in einer Reihe standen, weil ihr Mann sie so gesetzt hatte.
„Alles muss seine Ordnung haben!“, sagte Robert voller Überzeugung. Dabei setzte er seine Oberlehrerstimme ein.
Marlene seufzte. Ordnung war ihr nicht wichtig. Sie mochte es nicht, wenn sich alles im Leben der Ordnung unterordnete. Schon gar nicht in der Natur und schon dreimal nicht in ihrem Garten.
„Findest du nicht, dass sie etwas langweilig aussehen?“, fragte sie vorsichtig.
„Nein, das finde ich nicht, absolut nicht!“ Robert ging ein paar Schritte weiter und nahm das nächste Beet in Augenschein.
„Das hier“, sagte er, „scheint eines von deinen Werken zu sein!“
„Ja, hübsch, nicht?“ Ein Lächeln überzog Marlenes Gesicht, als sie vor dem bunten Frühlingsblumenbeet in die Knie ging und verzückt an den Blütenkelchen schnupperte.
„Für jede Nase, jede Biene, jeden Schmetterling ist hier etwas dabei. Blümchen und Kräuter, rote, gelbe, lilafarbene, blaue. Einfach schön.“
„Ja, schön, aber unzweckmäßig. Ich möchte dich aber nicht kritisieren. Wir haben genügend Platz im Garten und jeder darf sein Beet nach seiner Façon gestalten, nicht wahr?“ Robert seufzte. Marlene grinste. ‚Wie ein kleiner Junge‘, dachte sie.
„Zweckmäßig! Was ist schon zweckmäßig, vor allem in der Natur“, meinte sie leichthin. „Oder hast du schon einmal eine Ordnung im Wald gesehen, auf Wiesen, Feldern?“
„Ja. Auf Feldern unbedingt. Da muss Ordnung herrschen. Schließlich geht es dort um etwas Wichtiges: Unsere Nahrung!“
„Ich gebe dir recht, aber ein bisschen muss ich doch widersprechen“, setzte Marlene an, wurde aber sofort unterbrochen.
„Das ist nicht logisch, meine Liebe. Gibst du mir recht oder nicht? Ein bisschen geht nicht, entweder oder!“, schimpfte Robert.
Marlene spürte, wie so etwas wie Wut in ihrem Magen zu kribbeln beginnt. Robert konnte ganz schön pedantisch sein und das passte so gar nicht zu ihr. War er schon immer so gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern … ein bisschen machte ihr diese Entdeckung auch Angst.
„Ich wollte gerade sagen, dass unsere Nahrung wichtig ist, so wie du sagst, aber Blumen sind Seelennahrung und eben auch wichtig. Aber es macht mir gerade keinen Spaß, mit dir zu streiten!“ Marlene wendete sich ab und ging zum Haus zurück. Sie ärgerte sich. Aber traurig war sie auch. Sie wollten doch den Tag genießen. In letzter Zeit hatten sie dafür so wenig Muße gefunden, und nun das. Sollten sie die kostbare freie Zeit mit schlechter Laune und Unstimmigkeiten verbringen?
„Nun warte doch, Marlene. Ich habe es doch gar nicht so gemeint“, rief Robert ihr nach. Marlene tat, als habe sie seine Worte nicht gehört. Ein Blick auf die Küchenuhr sagte ihr, dass nun Zeit für den Fünfuhrtee war. Darauf konnte und mochte sie niemals verzichten, er gehörte einfach zu ihrem Tag, immer! Marlene schluckte und versuchte das Kribbeln in ihrem Hals zu unterdrücken, aber es ging nicht. Sie lachte laut los, laut und immer lauter. So lange, bis Robert in der Küche angelangt war und sie fragend anschaute.
„Was ist?“, fragte er.
„Ach Schatz, wir haben beide so unsere Macken, stimmts?“, sagte Marlene und sah ihren Robert nun wieder liebevoller an.
„Ein bisschen muss ich dir da widersprechen“, sagte Robert und dann lachte er auch los.

© Regina Meier zu Verl

„Fünf Uhr Tee bei Marlene und Robert“ Photo by Mareefe on Pexels.com