Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Urlaubserinnerungen

Urlaubserinnerungen

„Hier ist alles anders als zuhause, aber es gefällt mir!“, sagte Bine beim Frühstück und schob sich ein Stück Wassermelone in den Mund. „Köstlich schmeckt die hier, viel besser als daheim.“
Mama lachte. „Es sind die gleichen Melonen, die wir auch bei uns kaufen können.“
„Falsch“, sagte Bine. „Es sind Urlaubsmelonen und die schmecken viel viel viel süßer. Und saftiger. Besser eben. Genauso wie Urlaubseis, Urlaubssalat, Urlaubsschnitzel und Urlaubsbrot.“
„Und was schmeckt bei all diesen „Urlaubs“-Leckereien anders?“, erkundigte sich Mama.
„Keine Ahnung. Sie riechen auch besser. Nach Ferien, Spaß und … nach Urlaub eben!“, antwortete Bine. Sie schmatzte.
„Das liegt an der Luftveränderung!“, behauptete Papa, der immer alles erklären wollte. „Denk doch mal an den Wein auf Sardinien, Annette! Den genossen wir dort auf der Insel mit Freuden und zu Hause konnte man ihn nicht genießen. Dies liegt an der Luft, am Meer, an der Sonne und so.“
„Auch weil im Urlaub alles viel mehr Spaß macht. Und weil wir mehr Zeit zum Essen und Trinken haben als daheim. Das kann man alles schmecken“, krähte Bine.
„Zeit kann man schmecken?“ Verständnislos sah Papa Bine an.
Mama aber nickte. „Wie recht du hast, Binekind“, murmelte sie.
„Wir können doch daheim versuchen, dieses Urlaubsgefühl zu behalten!“, überlegte Bine und ihre Augen strahlten. „Das wäre cool.“
Da seufzte Mama. „Das ist nicht so einfach, mein Schatz! Wenn der Alltag uns in seinen Fängen hat, vergisst man schnell alle guten Vorsätze.“
„Stimmt.“ Papa stellte eine leere Limoflasche auf den Tisch. „Aber das muss nicht so sein. Lasst uns ganz viele schöne kleine und große Momente in diesem Urlaub sammeln. Die packen wir in diese Flasche hinein und stellen sie daheim neben Salz- und Pfefferstreuer auf den Esstisch.“
„Super!“, rief Bine. „So machen wir das, und ich packe gleich den ersten schönen Moment hinein: Urlaub ist toll und mit allen zusammen noch toller!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Urlaub, Bildquelle © Pexels/pixabay

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Familie Feldhamster muss umziehen

Familie Feldhamster muss umziehen

Das Stroh ist eingefahren, riesige Rundballen lagern in der Scheune. Die Felder sind leer, kein Hälmchen mehr, keine Kornblume, kein Klatschmohn. Schon bald wird der Trecker seines Amtes walten und das abgeerntete Feld grubbern oder pflügen. Ein ewiger Kreislauf!
Während sich alle freuen, steht Marius mitten im Stoppelfeld und kämpft mit den Tränen. So schön war der Acker gewesen mit den geschmeidigen Kornhalmen und den Blüten, die so schöne Farbtupfer abgegeben haben. Oft hat er sich hier versteckt und die kleine Welt mit all den Tieren beobachtet. Und nun sind sie alle verschwunden.
„Schade“ murmelt er.
„Das finde ich auch!“, sagt eine feine Stimme. Marius kann niemanden sehen. Komisch!
„Hier unten bin ich, sei vorsichtig mit deinen großen Füßen“, sagt die Stimme wieder. Marius beugt sich hinunter und sieht einen sehr kleinen Feldhamster, der noch ganz jung sein muss.
„Oh!“ Marius ist verdutzt. „Ein Feldhamster, der sprechen kann?“
„Weiß der Himmel, warum ich eure Sprache verstehe.“
Der kleine Hamster seufzt.
„Ehrlich gesagt weiß ich es auch erst seit eben. Vielleicht sind es nur deine Worte, die mich erreichen und ich muss sagen, es gefällt mir.“
Er seufzt noch ein bisschen mehr.
„Es ist doch gut, dass man immer eine Sache hat, die sich gut anfühlt, denn ehrlich, dass ihr meine Heimat mit eurer großen Maschine zerstört habt, das, ja, das gefällt mir überhaupt nicht.“
„Ich verstehe dich so gut, lieber Hamster. Mir geht es nicht anders. Aber weißt du, wir brauchen doch das Korn, um es zu mahlen und aus dem Mehl dann Brot und Kuchen zu backen!“, versucht Marius dem Hamster zu erklären. So hat er es gelernt und es leuchtet ihm auch ein. Allerdings haben die Menschen früher nicht so riesige laute Maschinen dafür benutzt und die sind trotzdem satt geworden, oder? Aber das sagt er dem Hamster besser nicht, er würde es nicht verstehen.
„Mehl? Brot? Kuchen? Braucht ihr Menschen das?“ Fragend sieht der kleine Kerl Marius an.
„Ich kann zwar deine Worte verstehen, aber was sie mir sagen möchten, verstehe ich nicht immer.“
„Ob wir das unbedingt brauchen? Das weiß ich nicht, aber es ist lecker. Warte, ich glaube, ich einen Keks bei mir, dann kannst du mal probieren!“ Marius wühlt in seinen Hosentaschen und findet tatsächlich ein kleines Paket Butterkekse für den Notfall.
Vorsichtig nimmt der kleine Hamster das seltsame Ding, das sich Keks nannte, in seine Pfötchen und schnuppert, dann probiert er, vorsichtig, ein bisschen misstrauisch auch, kaut, schluckt, beißt noch einmal ab und ein Strahlen überzieht sein Gesichtchen. „Hmmmm!“, macht er und noch einmal: „Hmmmm!“
Marius grinst. Es schmeckt dem Hamster, es ist nicht zu übersehen und zu überhören.
„Siehst du, ich habe es doch gesagt, Kekse sind lecker!“, sagt er und beißt selbst noch einmal genüsslich ab.
„Und dafür muss man das Korn mahlen?“, fragt der kleine Hamster.
„Ja, genau. Man mahlt es zu Mehl und dann kommen ein paar weitere Zutaten dazu und es wird im Ofen gebacken. Brot ist auch sehr lecker und Kuchen auch. Wenn du willst, bringe ich dir beim nächsten Mal kleine Kostproben mit“, schlägt Marius vor.
„Oh ja, oh ja, das wäre mir eine Freude, aber…“ Der kleine Feldhamster macht eine Pause und ringt nach Worten.
„Ein nächstes Mal, das wird nicht möglich sein. Noch heute Abend werde ich mit meiner Familie umziehen, irgendwohin, wo die Menschen uns unsere Nahrung nicht wegnehmen. Schade, oder nicht?“ Er deutete eine kleine Verbeugung an.
„Aaaber … du musst mir nur sagen, wohin ihr zieht, dann werde ich dich besuchen und bringe Kuchen mit, halt, ich habe eine noch bessere Idee …“ Marius will den kleinen Freund nicht so schnell wieder verlieren, deshalb will er ihn überreden, zu ihm in den Garten zu ziehen. Da gibt es einige schöne Stellen, wo er sich mit seiner Familie einrichten könnte, und niemand würde sie stören.
Während er noch überlegt, wie er dem kleinen Hamsterfreund seinen Vorschlag schmackhaft machen könnte, hallt plötzlich Mamas Stimme über das Feld.
„Marius! Hörst du mich? Marius! Kommst du? Wir wollen nach Hause fahren.“
Nach Hause? Jetzt schon?
„Komme gleich!“, ruft er schnell und überlegt fieberhaft, was nun zu tun ist.
„Lieber Hamster, können wir uns hier morgen früh noch einmal treffen? Ich würde dich und deine Familie gern in unseren Garten einladen. Aber ich muss das erst vorbereiten und dann brauche ich ja auch einen Korb oder sowas, in dem ihr mit mir auf dem Fahrrad mitfahren könnt!“
„Mit dem Fahrrad?“, fragt der Hamster ängstlich. „Ist das denn nicht gefährlich? Und wie sollen wir dann wieder nach Hause kommen? Und überhaupt. Ich würde sagen …“
Mehr sagt der Hamster nicht mehr, das heißt, mehr kann Marius nicht mehr hören, auch wenn er noch so sehr die Augen aufreißt und nach ihm Ausschau hält: Der Hamster ist verschwunden.
„Seltsam!“, murmelt er und reibt sich die Augen.
„Was hat ihn so erschreckt und wie konnte er verschwinden? Ich habe gar nichts gesehen. hm?“
„Komm jetzt, Marius“, ruft die Mutter schon wieder. „Und träume nicht andauernd.“

Natürlich setzt sich Marius am nächsten Morgen auf sein Rad und fährt zu dem abgeernteten Feld. Ob er da den Feldhamster antrifft? Oder hat er das nette Gespräch mit ihm nur geträumt.
Als er aber an der Stelle vom Vortag einen halben Butterkeks entdeckt, musste ja wohl etwas dran gewesen sein an der Geschichte, oder?

© Regina Meier zu Verl

Dies ist Hubert, so ähnlich könnte der kleine Feldhamster ausgesehen haben, Habt ihr ihn gesehen? (Bild Regina Meier zu Verl)

Was wächst denn da?

Als ich diese Geschichte geschrieben habe, hatte ich meinen Sohn vor Augen, der als kleiner Junge genau diese Mundbewegung gemacht hat und ständig einen Sandbart hatte, so wie der Steffen …

Was wächst denn da?

Steffen kann schon ganz allein Traktor fahren. Sein Vater ist darüber sehr froh, denn auf dem Bauernhof fällt gerade im Sommer sehr viel Arbeit an. Da wird jede helfende Hand gebraucht.
Während Steffen mit dem Traktor und Pflug dahinter das riesige Feld pflügt, kann der Vater sich schon mal um die Saat kümmern.
„Steffen, ich fahre mal schnell zur bäuerlichen Genossenschaft und hole das Saatgut. Kommst du allein zurecht?“
„Klar, Papa, ich bin doch schon groß“, antwortet Steffen und macht ein wichtiges Gesicht. Einen Bart hat er auch schon, der ist aber nicht echt, sondern vom Sand, der beim Pflügen durch die Luft wirbelt. Steffen hat die Angewohnheit, dass er sich mit der Zungenspitze um die Lippen leckt, wenn er sich konzentrieren muss und das muss man beim Trecker fahren. Der schwarze Sand haftet besonders gut auf der feuchten Oberlippe und es sieht aus, als habe er schon einen richtigen Männerbart.
Papa grinst und schon ist er weg.
Nach ein paar Minuten kommt Onkel Josef mit seinem Fahrrad angefahren. Er stellt sich an den Ackerrand und schaut dem Steffen bei der Arbeit zu.
Steffen beschließt, mal eine kurze Trinkpause einzulegen und stoppt den Traktor auf Onkel Josefs Höhe.
„Hallo Steffen, du bist ja ein fleißiger Bauer“, ruft der ihm zu.
Steffen steigt vom Traktor ab, steckt die Hände in die Hosentaschen, wie die großen Männer das auch tun und geht auf den Onkel zu.
„Ja, ja“, sagt er. „Der Papa ist ganz schön froh, dass er mich hat.“
Der Stolz blitzt ihm aus den Augen und Onkel Josef klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
„Ja, das kann ich verstehen. Du bist ja auch schon eine große Hilfe, das ist gar nicht so selbstverständlich. Was sät ihr denn in diesem Jahr hier aus?“
Der Steffen kratzt sich kurz am Kopf und denkt nach.
„Ich weiß nicht genau, aber ich glaube Stroh.“

© Regina Meier zu Verl


Das Feld mit der geheimnisvollen Aussaat, Foto © Regina Meier zu Verl

Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

In dieser Geschichte geht es auch um die Heimat: Eine Reise in die Kindheit (auch zum Anhören)

Grinsende Schnecken

Grinsende Schnecken

Ein wenig mehr Regen könnten wir gebrauchen, aber wir wollen nicht unzufrieden sein, denn gerade vorhin hat ein Schauer den Staub von den Blättern gespült und der Garten sieht wie frisch geputzt aus.
Ich ziehe meine Gummistiefel an und freue mich darauf, eine wenig in meiner Kräuterspirale zu schnuppern und zu zupfen, falls nötig. Ich freue mich immer, wenn ich über den Rasen zu ihr hinüber gehe und dort verweilen darf. Ein bisschen bin ich auch stolz auf sie, denn die Kräuter gedeihen prächtig.
Jetzt aber erschrecke ich. Ein bisschen verwüstet sehen sie aus und zwei fette rote Nacktschnecken aalen sich auf Petersilie und Rauke.
»Das ist ja wohl eine Unverschämtheit!«, rufe ich laut aus. Die beiden Schnecken stört das gar nicht, sie mümmeln ruhig weiter an den Kräutern. Fast sehen sie ein wenig so aus, als grinsen sie mich frech an.
Oh nein, zum Lachen ist mir gar nicht zumute.
»Verschwindet!«, herrsche ich die beiden kleinen Monster an. »Ihr habt hier nichts zu suchen. Das ist mein Kräuterbeet und meine Petersilie und mein Rucola. Ab mit euch auf die Wiese – oder noch besser rüber zum Nachbarn!«
»Aber, aber, meine Liebe! Das ist nicht die feine Art!«
Die Stimme vom Nachbarn Fritz ertönt laut, nicht unfreundlich, aber auf der Stelle habe ich ein schlechtes Gewissen. Wie viel mochte er gehört haben, auch das mit dem Nachbarn? Wahrscheinlich! Ich laufe puterrot an und schäme mich. Ob ich mich entschuldigen soll? Aber was soll ich sagen? Und grinsen die beide Schnecken nun nicht noch unverschämter? Überhaupt: Noch nie habe ich eine grinsende Schnecke gesehen und zwei schon gar nicht.
»Ei-ein Missverständnis«, grummle ich Richtung Gartenzaun.
»Ach so!«, sagt Fritz und wendet sich wieder seinen Rosen zu. Er ist kein Mann der großen Worte. Eigentlich bin ich erleichtert, aber dann möchte ich doch gern wissen, was er gehört hat.
»Gibt es bei dir auch Schnecken, Fritz?«, frage ich und hebe eine von den meinen mit spitzen Fingern an, um sie Fritz zu zeigen, dabei gehe ich ein paar Schritte auf ihn zu.
Er guckt erst verdutzt auf die Schnecke, dann auf mich, grinst und sagt:
»Die grinst ja! Siehst du das auch?«
Hat er es also auch gesehen! Und ich habe schon befürchtet, ich sei ein wenig neben der Spur heute. Naja, plemplem eben.
»Klar, das sehe ich auch. Da ist noch eine, die grinst genauso unverschämt. Warte, ich hole sie!«, sage ich und drehe mich schon um, als Fritz sagt: »Und dann setzt du sie in meinem Garten aus, oder?«, er lacht laut. ‚Also doch‘, denke ich und spüre, wie mir die Röte abermals ins Gesicht schießt.
»Das würde ich doch nie tun!«, sage ich schnell und bemühe mich, seinem Blick standzuhalten. »Kein Mensch mit Anstand würde seinen Nachbarn so misslich behandeln und …«
Ich stutze und starre auf Fritzens Gesicht. Es ist rot geworden. Puterrot.
Mich kitzelts in der Kehle, ich kann gar nicht mehr denken, konzentriere mich auf das Kitzeln und dann lache ich los, laut und befreit. So lange lache ich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und Fritz? Der lacht erleichtert mit und die beiden Schnecken? Sind verschwunden, komisch!

© Regina Meier zu Verl

Frieder und der Erdbeerkönig

Frieder und der Erdbeerkönig

Frieder und seine Mama waren zum Erdbeeren pflücken auf dem großen Feld von Onkel Albert gewesen. Mama hatte einen Eimer mitgenommen. Sie brauchte viele Erdbeeren, denn sie wollte später leckere Marmelade kochen.
Frieder hatte auch einen Eimer dabei, den kleinen gelben mit den roten Punkten. Doch den brauchte er eigentlich nicht. Er hatte einen Mund und einen Bauch, nein, einen großen Mund und einen großen Bauch und das genügte ihm.
Als Mama und er dann wieder zu Hause ankamen, war Frieder satt und zufrieden und er hatte eine leuchtend rote Schnute.
„Hoffentlich bekommst du keine Bauchschmerzen“, meinte Mama, die immer sehr um Frieder besorgt war.
„Ach was, bekomme ich schon nicht“ sagte Frieder. Aber Erdbeeren mochte er nun auch nicht mehr essen und Mama helfen, dazu hatte er so gar keine Lust.
„Ich bin erschöpft vom Pflücken!“, verkündete er. Und insgeheim drückte es ihm ja doch auch ein bisschen im Bauch. Frieder fühlte sich voll bis obenhin angefüllt mit Erdbeeren, Erdbeeren, Erdbeeren. Und ein bisschen Schokolade, die hatte er von Tante Helene geschenkt bekommen und mit aufs Erdbeerfeld genommen. Die drückte auch im Bauch.
Er setzte sich auf den Boden und blätterte lustlos in einem Bilderbuch, das eigentlich für Babys geschrieben war, so für 4 oder 5 Jahre, und Frieder war schon fünfeinhalb. Da, im Buch saß der Erdbeerkönig auf einer Baumwurzel.
„Hey, Frieder!“, sagte er mit einer tiefen, aber sehr angenehmen Stimme. Frieder erschrak trotzdem. ‚Woher kennt der mich?‘, dachte er und wollte das Buch schnell wieder zuklappen. Das gelang aber nicht, denn nun stemmte der Erdbeerkönig sich gegen die Seite.
„Halt!“, rief er, „Nicht zuklappen, ich will dir etwas sagen.“
Frieder zuckte zusammen. Das konnte doch nicht der Erdbeerkönig aus dem Buch sein, der da zu ihm sprach. Das kam wohl davon, wenn man zu viel in sich hineinfutterte. Er hielt sich die Hand vor den Bauch und überlegte, ob er zu Mama hinüber flüchten sollte.
„Nur Mut, junger Mann!“, meldete sich da die Stimme wieder zu Wort. „Sei neugierig?“
„Aber, aber mir ist doch ein bisschen übel!“, stammelte Frieder.
„Das wird gleich wieder besser werden, hör zu, ich erzähle dir etwas, das wird dir helfen!“, sagte der Erdbeerkönig. Frieder war gespannt, so gern hörte er Geschichten, da würde er doch nicht auf diese hier verzichten. Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Und da begann die Geschichte auch schon: „Es war einmal ein Land mit dem Namen ‚Erdbeerland‘ und da …“
Mehr hörte Frieder nicht mehr. Die vielen Erdbeeren in seinem Bauch hatten ihn müde gemacht, so müde, dass er einmal laut gähnte und dann auch schwupps – einschlief. Der Erdbeerkönig aber erzählte und erzählte und wer weiß, vielleicht redet er immer noch.

© Regina Meier zu Verl

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle congerdesign/pixabay

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne (13)

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne

Der Igel Konrad, der mit seiner Frau auf der Suche nach einem geeigneten Platz für den Winterschlaf war, hatte Hunger und Durst und wollte unbedingt eine Pause einlegen.
„Lass uns ein wenig hier rasten“, schlug er deshalb vor, erntete aber nur einen bösen Blick von Kornelia.
„Wir können doch nicht ständig Pausen machen“, zeterte sie und lief noch ein bisschen schneller, so dass Konrad kaum folgen konnte. Er schnaufte und stöhnte, doch Kornelia ließ sich nicht beirren.
„Schau“, sagte sie, „die Bäume sind schon fast kahl, es wird Zeit, dass wir einen Unterschlupf finden, in dem wir sicher sind. Schlafen und dich ausruhen, das kannst du dann den ganzen Winter lang.“
„Ich will aber auch was vom Leben haben und nicht immer nur vorsorgen. Guck doch mal, die Sonne, sie lacht uns an und ruft: Ruht euch aus, ich wärme euch mit meinen Strahlen!“
Kornelia schüttelte unwillig den Kopf.
„Du bist ein Spinner, mein Lieber. Die Sonne kann gar nicht rufen, sie kann strahlen oder nicht strahlen, das ist auch schon alles.“
Konrad wurde immer trauriger. Er liebte seine Kornelia, aber sie war überhaupt nicht romantisch, kein kleines Bisschen. Das fand er nicht schön.
„Die Sonne kann strahlen, lachen, wärmen, trocknen, erhitzen, verbrennen, Regenbogen machen und rufen. Lausch doch mal, dann wirst du es hören!“

Die Elfe Sumsinella hatte das Gespräch des Igelpaares belauscht. Insgeheim war sie auf der Seite von Konrad, aber ein klein wenig konnte sie auch Kornelia verstehen. Da ihr aber der Schalk im Nacken saß, sang sie mit feiner Stimme:
„Ich bin die Mutter Sonne und trage die Erde bei Tag und Nacht …“ Das Lied kannte sie von der kleinen Anna, die es jeden Morgen in der Schule sang.
„Pst …“, machte Kornelia. „Hast du das auch gehört?“ Konrad verzog sein Igelschnütchen zu einem breiten Grinsen.
„Klar, ich hab’s dir die ganze Zeit schon gesagt, sie spricht und singen kann sie auch noch!“
„Sing weiter, Sonne, dein Lied ist so schön!“, bat Kornelia und lauschte.
„Ich trage die Erde bei Tag, die Erde bei Nacht“, sang Sumsinella weiter.
„Siehst du, sie kann noch mehr, die Sonne, sie kann tragen“, rief Konrad begeistert und bekam einen dicken Buff in die Seite.
„Sei still!“
Sumsinella hatte ihre Freude daran, die beiden Igel an der Nase herumzuführen, wusste aber, dass sie sich doch zu erkennen geben musste. Oder doch nicht?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn über ihr, in der alten Buche saß Krächz, der Rabe.
Mit krächzender Stimme und ziemlich laut sang er drauflos: „Und ich bin der Mond, der schööööne Mond, den man gern mit einem Stück Käääääse belohnt!“
„Du bist unmöglich, Krächz, ganz und gar unmöglich!“, schimpfte Sumsinella und kam dann schnell aus ihrem Versteck, um sich den Igeln zu zeigen.
„Entschuldigung“, flüsterte sie und wurde ein wenig rot dabei. „Aber ich habe nicht gelogen, all das kann die Sonne, nur nicht rufen, das habe ich für sie übernommen.“
Das Igelpaar hatte Humor, alle lachten herzlich und hielten dann noch ein ausgiebiges Pläuschchen. Sumsinella hatte sogar einen wunderbaren Laubhaufen gesehen, zum dem sie Konrad und Kornelia brachte. Dort verbrachten die beiden den Winter und sie träumten von einer singenden Sonne und von Sumsinella, der kleinen Elfe.

© Regina Meier zu Verl

Sumsinella

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Sumsinella und Muck, der Mückenmann

Auf dem Teich hat die Seerose ihre großen Blätter und eine wunderschöne Blüte ausgebreitet. Eine Libelle schwebt mit hauchfeinen Flügeln über dem Wasser. Sie schimmert im Sonnenlicht. Doch halt, das ist gar keine Libelle. Schau genau hin. Es ist Sumsinella, die Elfe, die einen Landeplatz sucht. Leichtfüßig schwebt sie auf ein großes Blatt und schaut sich suchend um.
„Vater Quak!“, ruft sie. „Bist du nicht zu Hause?“
Wenn eine Elfe ruft, dann ist das etwa so, als flüstere der leichte Sommerwind mit dir. So zart ist ihre Stimme und Vater Quak, der mal wieder völlig müde ist und seinen Mittagsschlaf hält, hört nichts, gar nichts. Er hat sich im Schilf verkrochen, damit ihn niemand stören kann.
„Schade“, denkt Sumsinella und schaut sich weiter um. Irgendwer wird doch zu Hause sein. Sie setzt sich und singt ein Lied. Das Singen ist ihre Lieblingsbeschäftigung und sie kann es auch wirklich wunderbar. Es dauert gar nicht lange, da gesellt sich der erste Gartenbewohner zu ihr, ganz leise setzt er sich neben Sumsinella und lauscht dem Gesang.
Es ist Muck, der Mückenmann. Er ist so verzaubert von der Melodie, dass er leise mitbrummt. Sumsinella lässt ihn gewähren und lächelt ihn an. Als das Lied zu Ende ist begrüßt sie ihn:
„Hallo Muck, aber nicht, dass du mich gleich stichst!“
„Mach ich nicht, kleine Elfe. Du weißt doch, dass nur unsere Weibchen stechen, oder weißt du das etwas nicht?“
Sumsinella schüttelt den Kopf. Das hat sie noch nicht gehört.
„Gut zu wissen“, freut sie sich und erkundigt sich dann nach der Familie.
„Alles gut soweit, wir wollen heute Abend noch tanzen. Es ist gerade das richtige Wetter dafür. Könntest du vielleicht dazu singen? Dann macht es noch mehr Freude.“
Sumsinella ist einverstanden.
„Aber nur, wenn du ein Rätsel lösen kannst, pass auf: Sag mir ein Wort in dem drei U vorkommen.“
Muck schaut die Elfe entsetzt an.
„Wie soll ich das denn wissen? Ich kann ja nicht einmal schreiben!“
Sumsinella lacht.
„Dann solltest du es lernen, es ist immer gut, wenn man schreiben und lesen kann.“
„Als Mücke braucht man das nicht, sag mir womit ich einen Stift halten sollte!“
„Entschuldige, Muck, daran hatte ich gar nicht gedacht. Dann verrate ich dir das Wort und du sagst mir dann, was das ist, in Ordnung?“
„Leg schon los!“
Sumsinella will gerade das gesuchte Wort sagen, da unterbricht Muck sie.
„Warte noch, mir ist was eingefallen: Uhukuchen … sind da drei U drin?“ Sumsinella kichert.
„Schon, aber das gibt es doch nicht, Uhukuchen. Was dir nur immer einfällt. Hast du noch eine Idee?“ Man muss also gar nicht lesen und schreiben können, nur hören und hinhören. Auf diese Weise kann man auch entdecken, wie viele Laute in einem Wort vorkommen, denkt Sumsinella und freut sich, dass der Mückenmann mitdenkt.
„Ja, ich habe noch eine Idee: Wunderwurzelmus!“
„Was soll das sein? Drei U sind aber drin, da hast du Recht!“ Der Mückenmann freut sich.
„Na, ist doch klar, Mus von der Wunderwurzel, sage ich doch! Gilt das?“
Sumsinella ist einverstanden. „Gut, wir lassen es gelten, obwohl ich ein anderes Wort gemeint habe. Soll ich es sagen?“
„Bitte!“
„Kuckucksspucke – da kommen drei U drin vor und drei C und vier K, ist das nicht ein tolles Wort?“
„Ja, ein Superwort, aber – was ist Kuckucksspucke? Ich habe das noch nie gehört!“
„Eigentlich“, antwortet Sunsinella, „eigentlich gibt es keine Kuckucksspucke, aber im Mai, wenn auch der Kuckuck anfängt zu rufen, dann bilden die Schaumzikaden ihre Nester an den Wiesenblumen und das sieht so aus, als sei es Spucke. Deshalb sagt man Kuckucksspucke dazu.“
„Das sind doch Insekten, wie ich, oder? Ich sollte mich mehr um meine Verwandten kümmern“, sagt Muck und dann lacht er so laut, wie eben eine Mücke laut lachen kann.
„Ich hab noch was! Muck, Muck, Muck …“
„Und was soll das sein?“, fragt Sumsinella erstaunt.
„Das sagt meine Frau immer, wenn ich zu spät nach Hause komme und deshalb sause ich jetzt mal los. Machs gut, Sumsinella, bis heute Abend!“
© Regina Meier zu Verl