Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Praline – Glas – zittern – kunterbunt – beliebt

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Schaut auch bitte bei

Martina, was ihr zu den Wörtern eingefallen ist. Soweit ich weiß, setzt Lore noch einmal aus, wird aber beim nächsten Mal, am 15.8. wieder dabei sein!

Mäusefreundinnen

Die kleine Maus Krümel hatte ihr behagliches Nest unter der dichten Lorbeerhecke verlassen. Weit draußen, auf der Obstwiese schnupperte sie an einem Apfelkitsch, den wohl jemand achtlos weggeworfen hatte. Welch ein Glück für die Maus. Krümels winzige Nase bebte und die feinen Barthaare zitterten vor Aufregung. Mit den Pfoten ergriff sie geschickt einen Apfelkern und knabberte genüsslich daran. Einen weiteren Kern verputzte sie und einen dritten wollte sie ihrer Freundin Minny mitbringen. Die würde sich freuen. So flitzte Krümel mit dem Kern zwischen den Zähnen nach Hause, legte ihren Schatz in das winzige Glas im Nest, das sie einmal gefunden hatte und mühsam ins Heim geschleppt hatte. Dann machte sich gleich noch einmal auf den Weg, um einen weiteren Apfelkern einzusammeln.
Als sie aber zurück zur Wiese kam und durch das lange Gras trippelte, um den Apfelrest wiederzufinden, sah sie gerade noch, wie eine dicke Katze gebeugt durch die Wiese schlich. Im nächsten Moment sprang sie auf etwas zu und dann gab es ein Gequieke und Geschrei und – glücklicherweise – konnte ein anderes Mäuschen entwischen.
Unserer Maus Krümel allerdings war der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren, dass sie keine Lust mehr auf Apfelkerne hatte und sich schleunigst auf den Weg ins Nest machte. Dort saß sie nun mit ihrem Apfelkern, der ihr so begehrenswert wie eine feine Praline erschien. Das Wasser lief ihr im Mäulchen zusammen, aber sie beherrschte sich. Schließlich hatte sie den Kern für ihre Freundin Minny mitgebracht. Vielleicht könnte sie aber auch den Kern verzehren und dafür einen kunterbunten Blumenstrauß für ihre Freundin pflücken, dachte sie. Aber das war wohl nicht ganz das gleiche, einen Kern konnte man essen und sie selbst hatte sogar zwei Kerne genießen können. Es war nicht gerecht, dass sie Minnys Kern auch noch vertilgte. Sie wäre eine schlechte Freundin gewesen.
Nach dem Mittagsschlaf machte sich Krümel auf den Weg, ihre Freundin zu besuchen. Sie huschte in deren Nest und ließ den Apfelkern vor Minny fallen.
„Bitte schön, der ist für dich!“, sagte sie und Minny machte sich sogleich über ihr Geschenk her.
„Danke schön, das tat gut!“, sagte sie noch schmatzend. „Apfelkerne geben Kraft, das habe ich heute am eigenen Leib erfahren!“
„Ja? Was ist denn passiert?“, wollte Krümel wissen.
„Ich wäre fast von der dicken Katze erwischt worden, ich konnte im letzten Moment entwischen, ich habe mich mit Händen, Füßen und Gequieke gewehrt und es hat funktioniert, ich konnte entwischen.“
„Das ist wunderbar! Aber, was haben denn die Apfelkerne damit zu tun?“, fragte Krümel.
„Ich hatte gerade genüsslich meinen fünften Apfelkern verzehrt, als die böse Katze auf mich zukam. Ich hatte nämlich einen Apfel im Gras gefunden und kam gut an alle fünf Kerne heran, mmmh, die waren lecker!“, erklärte Minny.
„Wolltest du gar keinen Kern für mich mitbringen? Nicht einen einzigen?“, fragte Krümel enttäuscht.
„Oh“, rief Minny, und dann noch einmal: „Oh, das tut mir leid und du hast recht, ich hätte dir einen Kern mitbringen sollen. Ich bin eine schlechte Freundin!“, jammerte sie.
Krümel wehrte ab. „Ist schon gut, wichtig ist, dass dich die Katze nicht erwischt hat!“, sagte sie, aber so ein ganz kleines Bisschen tat es doch weh im Bauch, dass Minny gar nicht an sie gedacht hatte.
Ein paar Tage später, Krümel kam gerade von einem Besuch bei ihrer Cousine Amie zurück, fand sie in ihrem Glas fünf herrlich schwarze, glänzende Apfelkerne. Sofort dachte Krümel an Minny und sie glaubte, dass nur sie die beliebten Kerne dort hineingelegt haben konnte. Bevor sie also nur ein einziges Kernchen verzehrte, lief sie zu Minny hinüber, um sich zu bedanken. Die kam ihr aber schon auf dem halben Wege entgegen und hatte das gleiche Anliegen, denn auch sie hatte fünf Apfelkerne vorgefunden.
„Wie, du warst das nicht?“, fragte Krümel ungläubig.
„Nein wirklich nicht und du? Warst du das auch nicht?“, wollte Minny wissen.
„Hey Mädels!“ Das war die Stimme von Feli. „Habt ihr mein Geschenk gefunden?“
Minny und Krümel sahen sich an. „Wir sind schlechte Freundinnen!“, flüsterte Minny und Krümel nickte zustimmend. Keine von beiden hatte an Feli gedacht. Sie schämten sich und nahmen sich vor, demnächst besser auf die Freundinnen zu achten und an sie zu denken, wenn es etwas zum Teilen gab. Ganz fest nahmen sie es sich vor und wie ich gehört habe, klappte das auch.

© Regina Meier zu Verl

Aus den Augen verloren

Aus den Augen verloren

Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

Rechnen ist doch ganz einfach

Rechnen ist doch ganz einfach

Rechnen ist doch ganz einfach

„Das geht nicht!“, rief Mike und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Er schickte einen Fluch hinterher. „Verflixt nochmal!“
„Es kann nicht gehen, weil es keine Beine hat!“, sagte Opa Heinz und wandte sich wieder seinem Buch zu.
„Boah, Opa, du drehst mir immer die Worte im Mund um!“
„Ich habe dich nicht angefasst!“, versicherte Opa. Er grinste, wusste er doch genau, dass er seinen Enkel leicht auf die Palme bringen konnte. Wohingegen im Zimmer keine Palme war und im Garten auch nicht. Opa grinste über seine eigenen Gedanken, er fand sich einfach witzig.
„Kannst du mir bitte mal helfen?“, bat Mike nun, der sich vergeblich bemüht hatte, die Rechenaufgabe zu lösen, die zu den Hausaufgaben gehörte. „Es geht einfach nicht, ich bin zu blöd für Mathe!“
„Ach was! Zeig mal her!“ Opa stand auf und blickte Mike über die Schulter. Er schaute sich die Aufgabe an und überlegte einen Moment. „Es geht, du musst einfach nur logisch denken!“, behauptete er dann.
„Wie? Es geht? Hat’s denn Beine?“ Mike kicherte. „Na? Habe ich dich mit deinen eigenen Waffen geschlagen?“, fragte er.
„Ich besitze keine Waffen, aber ich kann logisch denken!“ Opa grinste schon wieder. Er verriet aber die Lösung der Matheaufgabe nicht. Mike sollte selbst darauf kommen, dass sie eigentlich ganz einfach zu lösen war.
„Dann erkläre es mir bitte!“, bat Mike. „Oder noch besser, sag mir das Ergebnis, dann kann ich nämlich rausgehen und spielen!“
„Pass auf, zuerst mal richtig lesen, was dort steht. Also: drei Kinder haben 29 Gummibärchen geschenkt bekommen, die sie teilen sollen. Wie viele Gummibärchen bekommt jedes Kind?“, las Opa langsam vor.
„Das habe ich schon hundert Mal gelesen!“, meckerte Mike. „Das geht aber nicht!“
„Warum nicht? Ist doch ganz einfach, du teilst 29 durch 3 und dann weißt du es!“ Opa rollte mit den Augen. „Geh zu Oma und frag, ob sie eine Tüte Gummibärchen für uns hat!“, ordnete er an und das ließ sich Mike nicht zweimal sagen. Strahlend kam er mit einer nigelnagelneuen Tüte aus der Küche zurück.
„Also dann!“ Opa riss die Tüte auf und zählte 29 Gummibärchen ab. „Verteil die mal auf drei Häufchen!“
Mike verteilte die Bärchen auf drei Haufen und als er schließlich nur noch zwei übrig hatte, stampfte er wieder mit dem Fuß auf. „Siehst du, es geht nicht!“, schimpfte er.
„Wir haben nun also dreimal neun Bärchen, jedes Kind bekommt also neun Gummibärchen! Ist doch ganz einfach!“, sagte Opa stolz.
„Und was ist mit den zwei Bärchen, die übrigbleiben?“
„Die sind für mich!“, sagte Opa und schob sie sich genüsslich in den Mund. „Siehste, geht doch!“
Mike strahlte. War ja doch ganz einfach – eigentlich.
Er schrieb in sein Heft:
Jedes Kind bekommt neun Gummibärchen und den Rest isst Opa.
„Schreib noch dazu, dass es zwei Bärchen sind, die übrigbleiben, dann stimmt es genau und dein Lehrer weiß, dass du die Aufgabe verstanden hast. Jetzt testen wir aber noch, ob du wirklich verstanden hast, wie es funktioniert, okay?“
„Das geht nicht, Opa!“ Mike schnappte sich die drei Bärenhäufchen und wollte sich aus dem Staub machen.
„Warum nicht?“ Opa war verdutzt.
„Weils keine Beine hat, Opa!“

© Regina Meier zu Verl 2017

Sommerleicht

Sommerleicht

Sommerleicht

„Lebe deinen Traum“, hatte ich das nicht hunderte von Malen auf Postkarten, in Internetforen als Signatur oder in Selbsthilfebüchern für Depressive gelesen? Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, das auch wirklich umzusetzen.
Dann aber sah ich diesen Film vor ein paar Wochen. Den Titel habe ich vergessen und auch die Handlung ist mir nicht mehr bewusst, vielleicht habe ich auch nur einen Ausschnitt gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle, denn was auch immer ich da gesehen habe, es hat den Hebel in meinem Kopf umgelegt, der verhinderte, mich so zu geben, wie ich eigentlich bin: Selbstbewusst, gut aussehend, attraktiv vielleicht sogar auf eine gewisse Weise schön. Zugegeben, das ein oder andere Kilo auf meinen Hüften gehört eigentlich unter meine Füße, damit Körpergröße und Bodymaßindex harmonieren, es handelt sich also nur um eine Verlagerung von Werten.

Ich fasste den Entschluss, dass ich nicht mehr träumen wollte, sondern leben, mich mutig präsentieren und mich vielleicht sogar neu verlieben. Ich hatte es satt, ständig vorm Internet oder Flimmerkasten zu sitzen. Ich füllte die Anmeldung für den Single-Urlaub an der Ostsee aus und brachte den Brief noch am gleichen Tag zur Post.
In ein paar Wochen begannen die Ferien und danach würde ich ein neuer Mensch sein, jawohl!

Die kommenden Wochen verbrachte ich damit, meine Urlaubsgarderobe zusammen zu stellen, es fehlt nur noch ein neuer Badeanzug, ach was, ein Bikini sollte es sein.
„Haben Sie diesen Bikini auch in Größe 48?“, fragte ich die sympathische Verkäuferin mit Konfektionsgröße zweiunddreißigeinhalb. Sie schaute mich verdutzt an, blieb aber höflich.
„Moment, ich schaue gleich mal nach“, sie verschwand im Lager und kam nach ein paar Minuten mit zwei Bikinis in meiner Größe zurück. Vergnügt wedelte sie mit den Kleiderbügeln.
„Hier, bitte schön. Dort ist die Kabine, wenn sie mal probieren wollen!“ Sie zeigte auf einen kleinen Bretterverschlag, in dem man mit zweiunddreißigeinhalb genügend Platz hat, sich aus den Klamotten zu schälen, ohne sich blaue Flecken zu holen. Ich schluckte.
„Ich befürchte, dass es mir dort zu eng sein wird, ich habe nämlich Platzangst!“, behauptete ich. Die Kleine nickte verständnisvoll.
„Wissen Sie was, wir nehmen die Personaltoilette, dort ist es geräumiger und sie können ungestört anprobieren, okay?“

Fünf Minuten später stand ich in einem blauen Bikini in der Personaltoilette des Kaufhauses und versucht, mich im Spiegel zu betrachten, der über dem Wachbecken hing. Das gelang nur als Brustbild und das fand ich soweit okay. Als ich aber an mir herunterschaute, sah ich, dass der Bikini meine Figur ungemein betonte, das heißt, dass jeder Rettungsring gut zu sehen war und dort, wo die Hose endete, quoll eine unansehnlich Masse überflüssiger Körperfülle hinaus. Schrecklich, fand ich und wollte mich gerade wieder ausziehen, als die innere Stimme wieder mit mir sprach und sagte: Du bist schön! Nimm den Bikini!
„Kommen Sie mit der Größe zurecht?“, rief die junge Verkäuferin, die vor der Tür auf mich wartete. „Soll ich mal gucken?“
Ich schloss die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schaute mich an, bat mich, mich kurz umzudrehen und dann nickte sie anerkennend.
„Sie sehen toll aus, allerdings würde ich die Hose ein wenig größer nehmen, sie kneift und das ist zu gewagt und unvorteilhaft. Moment, bin gleich zurück!“
Sie brachte mir eine andere Bikinihose, die ich gleich anprobierte und sie hatte Recht, ich fühlte mich gleich besser. Als sie mir dann ein blaubuntes Tuch um die Hüften schlang, wagte ich es sogar, die Toilette zu verlassen, um mich im Laden in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Und was ich sah, gefiel mir.
„Alles klar, den Bikini nehme ich und das Tuch auch!“
„Eine gute Wahl!“
„Und eine wunderbare Beratung!“, sagte ich und zwinkerte der Kleinen zu. „Ich werde Ihnen was Schönes aus dem Urlaub mitbringen!“, versprach ich und hielt mein Versprechen.
Ich fand im Urlaub keine neue Liebe, aber es waren viele Menschen dort, mit denen ich plauderte und feierte und ich fühlte mich wie neu geboren, als ich wieder zu Hause war.

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (9)

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (9)

Von Treckern, Zahnbürsten und Blockflöten

Mein Bauer, der Josef, ist ja ein herzensguter Mann. Wenn einer in Not ist, dann hilft er, keine Frage. Ich habe davon öfter mal berichtet. Wenn es allerdings um mich geht, dann hat Josef seinen eigenen Kopf.
Neulich erst. Da war der Nachbar Willi bei uns. Man könnte sagen, dass der Willi ein guter Freund vom Josef ist. Das merkt man daran, dass die beiden gar nicht viel reden und sich trotzdem gut verstehen. Woher ich das weiß? Also das ist so: die beiden Männer sitzen zum Beispiel am Abend auf der Bank vor dem Haus. Das kommt öfter vor, weil der Willi ja auf dem Nachbarhof wohnt.
Sie sitzen dann da und Josef sagt: „Pülleken?“ Darauf antwortet der Nachbar: „Jau!“ Dann sagen sie lange nichts, bis Josef sagt: „Noch eins?“ Meist antwortet dann Willi: „Lass mal!“ Dann geht er nach Hause.
An diesem Abend, von dem ich heute erzählen will, war das aber anders. Es ging zwar mit der Pülleken Frage los, aber dann kam was Neues: „Kann ich den Kleinen mal ausleihen?“, fragte Willi und meinte damit wohl mich.
„Nee, kannste nicht!“, sagte Josef. „Die Zahnbürste und den Lieblingstrecker verleiht man nicht, das sagt auch mein Vater Fritz immer, den kannste fragen meinetwegen.“
„Und die Blockflöte!“, ruft Margret aus dem Küchenfenster.
Die beiden Männer sehen sich erstaunt an, was hat denn die Blockflöte damit zu tun?
„Hä?“, fragte da Willi auch schon.
„Habe ich so gelernt!“, meinte Margret und Josef grinste. Er fand das wohl so richtig gut, dass Margret auch noch einen Grund besteuerte und glaubte fast, dass sie den erfunden hätte. Hatte sie aber nicht, ihre Mutter hatte das tatsächlich immer gesagt: ‚Die Zahnbürste und die Blockflöte verleiht man nicht, nicht einmal an seine allerbeste Freundin!“
Wäre ja eklig, finde ich. Mit der einen pult man sich in den Zähnen herum und in die Flöte spuckt man rein, passiert ja so, oder? Was das nun aber mit mir zu tun hat, das habe ich noch nicht herausgefunden. Ich weiß nur, dass der Willi mit mir angeben wollte, weil doch sein Enkel den letzten Tag im Kindergarten hatte, und er hatte sich gewünscht, dass Opa Willi ihn mit dem kleinen Trecker von Onkel Josef abholen sollte, weil der, also ich, so schön knattert!
„Hätteste ja gleich sagen können!“, meinte Josef dann, als er das gewahr wurde. „Dafür hätte ich eine Ausnahme gemacht!“
„Du bist der Beste!“, sagte Willi.
„Pülleken?“, fragte Josef und grinste.
„Jau!“, antwortete Willi und damit war dann ja alles gesagt.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig
das sind die Wörter, die dieses Mal mit verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch, was meine Kolleginnen dazu geschrieben haben!
Martina
Lore

Niklas, der große Freund
Irgendwie war es praktisch, einen Freund wie Niklas zu haben. Ich mochte Niklas aber nicht nur wegen des Vorteils, einen Überblick zu haben, wenn man mit ihm unterwegs war. Niklas war vermutlich fast zwei Meter groß und das, wo wir doch noch im Wachstum waren. Wenn ich da so an mich denke, ich war mit meinen dreizehn Jahren so klein, dass ich Niklas gerade mal bis zur Schulter reichte. Er hätte mir also bequem auf den Kopf spucken können. Das tat er natürlich nicht, er war ja mein Freund.
Manche aus unserer Schule ärgerten Niklas gern. Das waren die, die ihn nicht näher kannten. Er war nämlich ein richtig guter Kumpel und hatte es nicht verdient, geärgert zu werden. Niklas überhörte die meisten Neckereien und grinste. Allerdings wenn jemand „langer Lulatsch“ zu ihm sagte, dann wurde er zornig, aber so richtig! Seine Augen funkelten dann gefährlich. Das reichte meist schon, um denjenigen in die Flucht zu schlagen, der sich die Neckerei erlaubt hatte.
Papa sagte mal, dass der lange Lulatsch der volkstümliche Name des Funkturms in Berlin sei und das sei doch nichts Schlechtes. Ich sollte doch Niklas mal davon erzählen. Aber zuerst wollte ich etwas mehr darüber wissen und schaute im Internet nach, was man über den Funkturm erfahren konnte. Richtig gut fand ich, dass dieser Turm eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin ist. Ein Wahrzeichen ist doch etwas Gutes, nicht wahr? Es ist etwas, an das man sich erinnert, wenn man es einmal gesehen hat.
146,7 Meter ist er hoch, also ungefähr 144,7 Meter höher als Niklas und er hat auf der Höhe von 50 Metern ein Turmrestaurant und eine Aussichtsplattform ganz oben. Er ist also nicht nur ein Funkturm, sondern auch ein Aussichtsturm. Ein wenig ähnelt er dem Pariser Eiffelturm, den habe ich schon gesehen, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Frankreich gemacht habe. Der ist aber höher, viel höher, nämlich 324 Meter.
Zur feierlichen Öffnung des Berliner Funkturms „Langer Lulatsch“, wurde sogar ein Gedicht gesprochen und als ich das gelesen hatte, kam mir eine gute Idee. Ich wollte Niklas auch ein Gedicht schreiben, eines, das ihn so richtig freuen sollte. Ich machte mich ans Werk und als ich am Abend mit hochrotem Kopf zum Essen in die Küche kam, fasste mir meine Mutter an die Stirn, weil sie vermutete, dass ich Fieber haben könnte.
„Ach, Mama, lass doch! Ich habe ein Gedicht geschrieben, das war schwere Arbeit!“, erklärte ich ihr. Mama konnte das gut verstehen, denn sie schrieb auch Gedichte. Sie bat mich, mein Gedicht doch einmal vorzulesen. Das wollte ich aber nicht so gern.
„Ich möchte noch eine Nacht drüber schlafen!“, sagte ich und auch das verstand Mama.
„Okay, mein Junge, dann morgen, versprochen?“
Ich versprach es ihr, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mein Gedicht immer noch ganz gelungen. Es geht so:

Es ist von Vorteil, wenn man groß ist,
weil man dann immer sieht, was los ist.
Ich weiß, dass ich in deiner Nähe
viel mehr als alle andren sehe.
Du wirst schon alles überschauen
und ich kann dir beruhigt vertrauen.
Drum sag ich heute danke schön,
fürs „Immerfürmichmitsehn“!

Dein Freund
Lukas
Eigentlich wollte ich drunter setzen: Ich bin ein kurzer Lukas und du ein langer Lulatsch – aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Über das, was ich ihm zum Funkturm erzählt habe, hat er sich gefreut und das Gedicht hängt eingerahmt über seinem Bett, klasse, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser

Heute Morgen hatte der Bauer Josef die Scheunentür weit geöffnet und sich gleich auf meinen Sitz geschwungen.
„Guten Morgen, kleiner Trecker!“ hatte er gesagt und den Motor angelassen. Ich freute mich schon auf eine schöne Spazierfahrt, aber mitten auf dem Hof hielt er schon wieder an und machte den Motor aus.
Josef steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, woraufhin Margret aus dem Haus gelaufen kam. Sie wischte sich die Hände an ihrer bunten Schürze trocken. Vermutlich hatte sie gerade Kartoffeln geschält, die Schürze trug sie nämlich dann immer. Ich weiß das, weil Margret gern vor dem Haus sitzt und Kartoffeln schält.
„Das macht mir an der frischen Luft viel mehr Spaß!“, hat sie mal gesagt und das verstehe ich auch. Ich bin nämlich auch gern an der frischen Luft, zu jeder Tages- und Jahreszeit sogar.
„Stell dich bitte nach vorn, Margret!“, sagte Josef. Margret gehorchte und schaute ihren Mann erwartungsvoll an. Der betätigte den Lichtschalter.
„Und?“, rief er.
„Tut es!“, antwortete Margret.
„Rechter Blinker!“, rief Josef.
Margret grinste. „Tut es – an, aus, an, aus!“, rief sie.
„Witzbold!“, Josef lachte. „Linker Blinker!“
„Tut es!“, Margret grinste schon wieder.
„Okay, geh nach hinten!“, sagte Josef.
Als Margret hinter mir stand rief Josef: „Licht, Bremslichter?“
„Tun es – beide!“, antwortete Margret.
„Prima – jetzt tauschen wir!“ Josef sprang vom Sitz und Margret kletterte hoch, dann folgte die ganze Prozedur ein weiteres Mal.
So richtig verstehe ich das nicht. Schließlich hatte Margret doch gerade alles kontrolliert und es war in Ordnung gewesen. Was also sollte das nun?
Und, als ob die Margret meine Frage gehört hätte, strich sie zärtlich über mein Lenkrad und sagte: „Du weißt ja, kleiner Trecker: Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser!“
Aha, so war das also. Ob die beiden das im Haus auch so machten, dass jeder den anderen überprüfte und der Josef kontrollierte, ob das Klo auch sauber geputzt war? Sicher nicht, hier ging es um mich, dachte ich mir, und das war Grund genug, es ganz genau zu nehmen, oder?
Am nächsten Tag wollte der Josef mich beim TÜV vorstellen, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte, die ich euch auch noch erzählen werde. Versprochen!

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

Immer rundum die Apfelbäume (7)

Die Zeit der Feldernte ist so gut wie vorbei. Die meisten Äcker sind frisch gepflügt und teilweise auch schon eingesät. Ab und zu fährt der dicke Grüne noch mit seinem Spritzwerk über die Felder und düngt die Saat. Ganz ehrlich: ich bin nicht so richtig traurig darüber, dass er das machen musst. Ich bin eben schon alt und muss mich auch mal ausruhen. Das darf man, wenn man älter ist. Es heißt ja gar nicht, dass man nicht mehr gebraucht wird, keinesfalls. Die Aufgaben verändern sich. Ihr habt das schon in meiner letzten Geschichte erfahren, als die Katze Violetta acht kleinen Herbstkätzchen das Leben geschenkt hat. Das war aufregend und schön, ja, ja.

Mittlerweile sind Mutter und Kinder ausgezogen. Sie besuchen mich aber täglich und darüber freue ich mich sehr. Auch Lukas schaut regelmäßig nach mir. Er ist nun schon ein großer Junge und hat sicherlich sehr viele andere Dinge im Kopf als mich, seinen alten Freund. Umso mehr freue ich mich eben, wenn er mal wieder reinschaut.

„Na, kleiner Trecker, alles im Lot bei dir?“, fragt er mich und insgeheim muss ich doch grinsen. Diese jungen Leute! Ob die wohl wissen, was genau das bedeutet? Natürlich weiß ich, was er meint, er will nämlich wissen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Könnte man auch gleich sagen, oder?

Bei mir ist alles bestens! Ein Lot ist übrigens ein Gewicht, das an einer Schnur befestigt ist. Auf dem Bau hat man so ein Lot benötigt, um festzustellen, ob alles in einer schönen senkrechten Linie ausgerichtet ist. Dafür klettert man nach oben, hält die Schnur gut fest und lässt das Gewicht nach unten fallen. Beim Einbau von Fenstern und Türen ist das wichtig. Aber das interessiert euch vielleicht gar nicht. Ich wollte von Lukas erzählen. Der ist diesmal nämlich nicht allein da. Er bringt seinen kleinen Freund Henning mit.

Lukas fährt mittlerweile schon selbst Trecker. Das darf er auch, aber nicht auf der Straße, dafür benötigt man einen Trecker-Führerschein. Aber auf der Wiese kann er allein herumdüsen und das macht er auch ganz gut und vor allem nicht zu übermütig. Henning ist noch klein, aber groß genug, um auf dem Kindersitz Platz zu nehmen. Ich glaube, dass er ein bisschen aufgeregt ist und deshalb zeige ich mich von meiner besten Seite. Ich springe sofort an und mucke auch gar nicht herum, als Lukas ein wenig zu viel Gas gibt. Ich will unseren Gast nicht erschrecken, deshalb spare ich mir auch das Hupen. Ihr wisst ja, dass ich das vor lauter Freude ab und zu einfach mal so mache, ohne, dass jemand die Hupe gedrückt hat.

Wir drei, also Lukas, Henning und ich fahren vom Hof aus auf die Apfelwiese. Gut, dass der Bauer Josef die Äpfel am Morgen schon aus dem Gras gesammelt hat, denn sonst wären sie unter meinen dicken Reifen gleich zu Apfelmus geworden. Nicht auszudenken, wie viele Wespen dann gekommen wären, vom süßen Duft angelockt. Mir macht das nichts aus, aber wenn sie die Menschenkinder stechen, dann ist das Geschrei groß, es muss wohl heftig weh tun. Margret hat die Falläpfel schon zu Apfelmus verarbeitet, deshalb gibt es wohl heute Abend Kartoffelpuffer mit Apfelbrei. Lukas mag das und sicher mag das sein Freund auch.

Wir haben Glück, die Wespen sind anderweitig beschäftigt und wir können in aller Ruhe Slalom um die Apfelbäume fahren und das macht so großen Spaß, dass die Kinder vor Freude juchzen. Ja, ja, sogar der große Lukas, der mittlerweile zwölf Jahr alt ist, hat Spaß wie früher, als er selbst noch bei Opa Josef mitfuhr.

Später fährt mich Lukas in die Scheune zurück, dort werden Violettas Kinder herzlich begrüßt und geknuddelt. „Ach, sind die süß!“, findet auch Henning und Violetta ist mächtig stolz auf ihre Kinder und ich auch, denn schließlich bin ich bei ihrer Geburt dabei gewesen, also fast so vertraut wie ein Vater, wo auch immer der sein wird. Gesehen habe ich ihn jedenfalls bei uns noch nicht. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Nachdem ich nun viel Post zu meinen Treckergeschichten bekommen habe und ich immer wieder gefragt wurde, wann es denn endlich weiter geht mit dem kleinen Trecker, stelle ich heute die 6. Geschichte vor und es werden weitere folgen. Danke für Euer Interesse und die vielen netten Mails dazu!

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Das Wunder in der Scheune

Ich hatte euch doch von dem schönen neuen Sitzkissen erzählt, auf das ich so richtig stolz war. Margret, die Bäuerin, hatte es für mich gestrickt, bevor Josef mit mir zum Trecker Treff gefahren war. Dort hatten wir zwar keinen Preis gewonnen, aber wir sahen beide sehr fesch aus, der Josef mit seiner neuen Weste und frisch gestutztem Bart, und ich auf Hochglanz poliert und mit dem wunderbaren Sitzkissen.
Ja nun, wenn ihr jetzt erfahrt, warum ich dieses Kissen nicht mehr benutzen kann, dann werdet ihr sagen: Ist doch nicht so schlimm! Wetten?
Passt auf, das war so:
Ich stand, wie immer, in der Scheune und erfreute mich am Feierabend. Der dicke grüne Traktor hatte eine große Halle für sich allein. Mir gefiel es in der Scheune, dort hatte ich seit vielen Jahren meinen Platz. Ab und zu bekam ich Besuch, sogar mitten in der Nacht. Ein paar Mäuse trippelten durch die Scheune und suchten nach etwas Essbarem. Aber auch Violetta die schwarz-weiße Katze verirrte sich schonmal bei mir. Manchmal lag sie sogar auf meinem nigelnagelneuen Sitzkissen und schlief dort ein paar Stunden. Ich hatte nichts dagegen, war ich halt nicht so allein.
Ich hatte in den letzten Tagen immer mal gedacht, dass Violetta ganz schön dick geworden war. ‚Vielleicht frisst sie sich Winterspeck an‘, dachte ich noch und als ich sah, dass ihr Bauch beinahe über den Boden schleifte, musste ich kichern und hätte ihr am liebsten gesagt: Jetzt ist es aber genug, Violetta. Habe ich aber nicht, wie auch, sie hätte mich doch nicht verstanden.
Auf jeden Fall kam Violetta eines Nachts in die Scheune. Sie sah komisch aus, gar nicht so wie sonst. Gut, sie war dick geworden, aber daran hatte ich mich längst gewöhnt. In dieser Nacht aber war sie träge wie noch nie und sie schaute sich so ängstlich um, so als befürchte sie Schlimmes. Ganz seltsam eben. Sie atmete auch viel schneller als sonst und machte dabei so pfeifende Geräusche.
Ich bin ein alter Trecker und ich habe eine gewisse Lebenserfahrung. Also dachte ich mir schon, dass Violetta möglicherweise Junge bekommen würde und auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Geburt war. Dass sie schließlich diesen Platz in meinem Führerhaus wählte und sich dafür das Kissen vom Sitz zog, um es im Fußraum zu drapieren, konnte ich ja nicht ahnen.
Genau so passierte es aber. Violetta lag auf dem Kissen im Fußraum des Führerhauses und atmete schnell und schneller. Und ich, ich konnte gar nichts tun. Ich konnte nur ein guter Gastgeber sein und sie gewähren lassen, selbst wenn sie auf meinem schönen Kissen lag und das sicher nicht unbeschadet bleiben würde. Nicht so schlimm, habe ich doch gesagt!
Jedenfalls dauerte es ungefähr zwei Stunden, genau kann ich es nicht sagen, weil ich keine Uhr auf dem Tacho habe. Aber ich habe ein ganz gutes Zeitgefühl. Nach den zwei Stunden waren dann die Kätzchen geboren, was für ein Wunder. Josef hat mir später erzählt, dass es acht junge Kätzchen waren und eines bezaubernder war als das andere. Wir ließen Violetta und ihre Kinder weiter im Führerhaus wohnen. Josef und Margret brachten ihr jeden Tag frisches Futter und Wasser und stellten ihr sogar das Katzenklo ganz in die Nähe.
Josef und Margret haben übrigens direkt am nächsten Morgen von der wundersamen Geburt erfahren, nachdem ich mal eine Ausnahme gemacht habe und einfach von mir selbst aus laut gehupt habe, aber psssst, nicht verraten, dass ich das kann, abgemacht? Josef hat gemeint, dass Margret das nur geträumt haben kann, das mit dem Hupen, dann hat er aber doch nachgesehen und den Rest kennt ihr ja nun.
Margret strickt mir übrigens ein neues Kissen, nett, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Ich heiße Hendrik und bin zehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und Oma in einem Haus, das vor meiner Geburt gebaut wurde. Als ich auf die Welt kam, ist Oma zu uns gezogen. Sie hat auf mich aufgepasst, wenn Mama und Papa arbeiten mussten. Wir sind ein gutes Team, Oma und ich.
Papa sagt immer, dass seine Mutter nicht mehr die ist, die sie mal gewesen ist. Ich verstehe das nicht, sie ist doch immer Oma gewesen und immer habe ich sie lieb gehabt genau wie heute, weil sie doch meine allerbeste Oma ist.
Ich schaue mir alte Fotos an. Fotos, auf denen auch Oma zu sehen ist. Sie sah genau aus wie heute, etwas jünger eben, aber einwandfrei zu erkennen. Bis auf die Haare, die sind jetzt weiß, ist alles wie immer. Sie hat ein herrliches Lächeln auf den Bildern, genau das, was ich an ihr so mag.
Papa sagt auch, dass Oma ihn nicht mehr versteht. Stimmt gar nicht, sie versteht alles. Vielleicht sind ihre Ohren nicht mehr so gut wie früher, aber wenn man laut genug spricht, dann versteht sie alles. Manchmal hilft es, wenn man ihre Hand dabei hält, dann ist sie ganz aufmerksam und hört zu.
Sie ist ein bisschen durcheinander, sagt Papa. Das stimmt. Ich finde das aber nicht so schlimm, eher lustig. Neulich hat sie mit mir ein verrücktes Spiel gespielt. Wir haben so gelacht, Oma hat Humor. Das Spiel ging so: Oma rief: „Oliver, bring mir mal die Wasserflasche!“
„Oma, ich heiße doch nicht Oliver!“
„Nein, wie heißt du denn?“
„Rate!“
„Heißt du vielleicht Egon?“
„Nein, ganz kalt, Egon ist dein Bruder!“
„Oder Manfred?“
„Nein, so heißt doch Papa, dein Sohn!“
„Oder heißt du vielleicht Alfred?“
Ich kann euch sagen, meine Oma hat viele, viele Namen aufgezählt und meiner war nicht dabei. Also habe ich mich im Kreis gedreht und gesungen:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
„Rumpelstilzchen heiß!“ Oma klatschte in die Hände vor Freude. „Siehste, ich weiß es!“
„Aber Oma, ich heiße doch Hendrik!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Oma und verlangte, dass ich ihr sofort das Märchen vom Rumpelstilzchen vorlesen soll. Das machte ich und sie hörte ganz aufmerksam zu und freute sich so, als am Schluss alles gut ausging.
Oma liebt Märchen. Früher hat sie mir vorgelesen, heute lese ich ihr vor. Das ist doch richtig schön, so kann ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie für mich getan hat, oder?

© Regina Meier zu Verl