Nalani und die Ruhe des Himmels*

Nalani und die Ruhe des Himmels

„Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszelt. Weißt du wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählt, dass ihm auch nicht eines fehlet“, sang Oma leise, während sie ihr Enkelmädchen sanft auf dem Schoß wiegte. Die kleine Nalani* sah die Großmutter aufmerksam an, so, als verstünde sie jedes Wort, das diese sang. Vielleicht war es auch so? Wer wusste schon, was kleine Kinder alles verstanden? Weniger mit den Ohren als umso mehr mit der Weisheit ihrer kleinen Seelen. Oma glaubte fest daran, dass Kinder mit einem Wissen auf die Erde kommen, von dem wir nichts ahnen.
Schon die eigenen Kinder hatte sie so gewiegt und diese Zeit sehr genossen. Sie betrachtete es als das größte Geschenk, auch ihr Enkelkind im Arm halten zu dürfen.
Nalani hatte nun die Augen geschlossen. Ihr kleines Mündchen zuckte im Schlaf und bildete ab und zu ein seliges Lächeln. Wie niedlich das aussah, daran konnte man sich nicht sattsehen. Man muss es einfach lieben dieses entzückende Menschlein.
„So hat Lena auch ausgesehen, wenn sie entspannt geschlafen hatte. Die gleichen Gesichtszüge!“, murmelte die Großmutter. „Und das gleiche, unmerkliche Seufzen beim Einatmen. Wo oft habe ich es gehört … und wie lange nun nicht mehr.“ Nun seufzte Oma auch im Rhythmus von Nalanis Atemzügen. Ganz still war es im Zimmer, nur das Seufzen der beiden Menschen war zu hören und das Ticken der alten Wanduhr, die schon ihren Dienst geleistet hatte, als Lena noch ein Baby gewesen war.
Sie schloss die Augen und fiel in einen leichten Schlaf. Sie sah ein Kind, das dort auf einer Bühne inmitten eines Chores stand. War es Lena, oder doch Nalani? Die Oma konnte es nicht erkennen. Warum sangen die Kinder nicht? Sie mussten singen! Es war doch ein Chor.
„Oma, sing doch weiter“, rief das Kind und nun wusste die Großmutter, dass es Nalani sein musste. Beunruhigt schreckte sie auf und sah direkt in die Augen des Kindes.
„Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszelt?“, sang sie leise. Nalani lächelte.

© Regina Meier zu Verl

*Der Name Nalani bedeutet Himmelszelt oder die Ruhe des Himmels. Er kommt aus Hawaii.

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Ankündigung

Mein neues E-Book ist in der letzten Woche erschienen. Ab dem 16.1. gibt es eine Preisaktion und es ist für nur 99 Cent erhältlich. Später kostet es 2.49 €.

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Tierische Geschichten KLICK
Hier der Klappentext:
In der Luft, auf den Feldern, in den Wäldern und in unserem Zuhause leben sie, unsere tierischen Freunde. Wenn man ihnen zuhört, dann erfährt man so manches, was man niemals geahnt hätte. Du denkst, das geht nicht? Und ob das möglich ist, lies oder höre selbst, was uns die Tiere erzählen möchten und dann erzähle es weiter. Nicht alle können die Sprache der Tiere verstehen, dabei musst du nur gut hinhören. Lass dich überraschen! Von Mäusen, Hunden und Schmetterlingen wirst du lesen, von den kleinen Meisen und anderen gefiederten Freunden und viele andere Tiere werden dir in diesem kleinen Geschichtenbuch begegnen.

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Klebrige Küsse

Als Monika von ihren Kindern ein Handy geschenkt bekam, war sie zunächst wenig begeistert. Irgendwie hatte sie immer Angst etwas falsch zu machen. Manchmal war sie regelrecht erschöpft vom Ausprobieren der vielen Funktionen dieses Wundergerätes. Doch recht bald freundete sie sich mit ihm an. Schließlich war sie lernfähig.
Dabei ging es ihr gar nicht um die ständige Erreichbarkeit. Ab und zu braucht jeder seine Ruhe, vor allem abends. Monika stellte das Handy dann auf „lautlos“, erwischte sich aber dabei, dass sie ständig auf das Display schaute, ob jemand geschrieben oder angerufen hatte.
Praktisch fand sie auch, dass sie ihre Termine im Kalender nun verwalten konnte und jeweils eine Nachricht am Morgen und eine weitere genau eine Viertelstunde vor dem jeweiligen Termin bekam. Auf diese Weise konnte sie gar nichts mehr verpassen. Das gefiel ihr!
Adressen, Telefonnummern, Geburtstage und vieles mehr speicherte Monika sorgfältig im Handy ab und es erfüllte sie mit diebischer Freude, dass sie nun nichts, aber rein gar nichts mehr vergaß. Selbst dem Schulfreund aus lange vergangener Zeit schrieb sie eine SMS zu dessen Geburtstag – aufs Festnetz, denn das konnte man ja auch machen. Herrlich!
Nicht mit einer Silbe hatte sie daran gedacht, dass genau das zu Verwicklungen führen könnte.
Der Wortlaut der SMS war folgender: Rate, wer an dich denkt. Denk an klebrigen Kuss bei Abschiedsparty. Dornröschen
Lange hatte sie daran herumgefeilt, denn sie durfte nur 80 Zeichen verwenden. Sich kurz zu fassen, das war eigentlich nicht ihr Ding. Aber letztendlich war sie zufrieden. Die Nachricht beinhaltete alles, was wichtig war.
Achim würde sie schon verstehen. Monika kicherte, als sie sich an das Spiel erinnerte, das sie auf der Fete gespielt hatten. Damals verließen sie die Grundschule und gingen danach auf verschiedene Schulen, Achim aufs Gymnasium und sie selbst zur Realschule. Für das Spiel bekam ein Kind die Augen verbunden und wurde dann im Kreis gedreht, bis es die Orientierung verlor. Dann musste es einen Klassenkameraden ertasten und diesen dann küssen. Was man nicht wusste war, dass dieser zu Küssende einen Schaumkuss vor sein Gesicht hielt und dann ordentlich zudrückte, wenn sich der Mund des jeweiligen Kuss-Suchenden näherte. Das war eine Schweinerei, aber eine leckere und lustige. Monika hatte damals Achim ertastet und den Rest kann man sich denken.
Obwohl sie in der gleichen Stadt wohnten, hatten sie sich irgendwann aus den Augen verloren. Monika hatte seine Telefonnummer aber gefunden und an seinen Ehrentag erinnerte sie sich noch gut, weil es der gleiche Tag war, an dem auch ihre Mutter Geburtstag hatte.
Nachdem sie die SMS verschickt hatte, überkamen Monika Zweifel. Was wäre, wenn Achim den Anruf gar nicht entgegennehmen würde? Vielleicht war er ja verheiratet und seine Frau ging ans Telefon. Sicher war er verheiratet, er war schon damals ein Mädchenschwarm gewesen.
„Ich bin so blöd!“, schalt sie sich und starrte ihr Handy an. Sollte sie anrufen und das klarstellen? Sie traute sich nicht. Wie ein Tiger lief sie von einer Ecke des Zimmers in die andere. Sie nahm ein Buch und versuchte zu lesen, schaltete den Fernseher ein und wollte sich ablenken, es gelang nicht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang dann die Melodie der „Kleinen Nachtmusik“, ihr Handyklingelton. „Ja bitte!“, meldete sie sich mit zittriger Stimme.
„Halle Dornröschen!“ War das Achims Stimme? Klang er so als Erwachsener?
„Achim?“
„Nee, hier ist Volker. Ich bin Achims Mann!“
Schweigen.
„Aber … entschuldigen Sie. Ich wollte Achim zum Geburtstag gratulieren, wir sind zusammen zur Schule gegangen!“
„Und Sie haben klebrige Küsse getauscht!“, die Stimme des Mannes klang belustigt.
„Ja, wissen Sie, das war ganz harmlos damals und es ist ja auch schon sehr lange her“, stotterte Monika.
„Warum haben Sie ihn nicht einfach angerufen? Er steht hier neben mir und amüsiert sich prächtig, Moment …“
Oh weh, war das peinlich, Monika setzte sich. Sie hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment ohnmächtig werden würde.
„Hallo Dornröschen!“ Das war Achim, unverkennbar. „Überraschung gelungen!“
Die Beiden plauderten noch eine Weile und Monika lud Achim und seinen Mann für das nächste Wochenende zum Essen ein.

Nach diesem Schlüsselerlebnis schrieb Monika keine SMS-Nachrichten mehr und schon gar nicht ins Festnetz und ganz sicher nicht, wenn sie nicht ganz genau wusste, dass sie damit keine Verwirrungen oder gar Unfrieden stiften konnte.

© Regina Meier zu Verl

Die Webers ziehen um

Die Webers ziehen um

Leise unterhalten sich die Eltern. Die Kinder sollen nicht mitbekommen, worum es geht.
„Sie werden enttäuscht sein. Das lässt sich wohl nicht vermeiden!“, sagt die Mutter.
„Es gibt keine andere Chance, ich muss diese Stelle annehmen. Eine solche Gelegenheit wird sich nicht wieder bieten und ich bin es wirklich leid zu kämpfen und jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen!“
Der Vater hat ein Stellenangebot bekommen. Dafür muss die Familie aber umziehen.
„Ohne euch macht es keinen Sinn für mich und es ist einfach zu weit, um jedes Wochenende hierher zu fahren. Dreihundert Kilometer! Das will ich nicht!“
Die Mutter möchte das auch nicht, die Kinder sind einfach noch zu klein. Sie brauchen Mutter und Vater. Es ist ihr klar, dass sich vieles nun verändern wird. Aber so, wie es in den letzten sechs Monaten war, kann es ja auch nicht weitergehen. Mit der Situation sind alle unzufrieden.
„Wann fährst du, um den Vertrag zu unterschreiben?“, fragt sie und schlägt vor, dass sie und die Kinder doch mitfahren könnten, um sich das Städtchen einmal anzuschauen.
„Vielleicht ist es ja so nett dort, dass wir uns auf Anhieb wohlfühlen!“ Sie versucht immer, alles von der positiven Seite her zu betrachten. Vieles gelingt dann einfach besser.
„Es ist sehr ländlich dort, aber schön“, Vater ist am Anfang der Woche zum Vorstellungsgespräch schon dagewesen. Gerade eben hat der Personalchef angerufen und ihm mitgeteilt, dass man sich unter vielen Bewerbern für ihn entschieden habe. Natürlich freut er sich, das ist klar. Wäre da nicht dieses große Aber.
„Okay, wir fahren alle hin am Freitag. Dann können wir es auch den Kindern erzählen. Sie lieben Ausflüge und werden guter Stimmung sein, die beste Voraussetzung für Neuigkeiten. Um die Zwillinge mache ich mir weniger Sorgen. Schwieriger wird es für Simon werden, wo er doch gerade erst eingeschult wurde.“
„Daran habe ich auch schon gedacht. Aber auch die Mädchen haben bereits ihre Freundinnen im Kindergarten. Das wird sicher Tränen geben.“
Am Freitag ist es dann so weit. Die Familie Weber, ausgerüstet mit einem Picknickkorb und in allerbester Laune, fährt in die Stadt, die ihre neue Heimat werden wird. Die Kinder thronen in ihren Sitzen auf der Rückbank. Simon hat seine lilafarbenen Kopfhörer im Ohr und für die Mädchen läuft eine Märchen-CD im Autoradio. Simon meint, dass er schon viel zu groß für Märchen ist. Dass er plötzlich seinen Walkman leiser dreht, und einen Kopfhörer heimlich aus dem Ohr nimmt, merkt niemand. Das wäre ihm doch zu peinlich gewesen. So aber lauscht er dem schönen Märchen von dem Jungen Pedro, der nur mit einer Dose Schuhcreme, einer Bürste und einem weichen Lappen sein Glück in der großen weiten Welt gefunden hat. Er summt sogar leise mit, wenn die Melodie wieder erklingt, die der kleine Schuhputzer immer singt, wenn er einem Fremden die Schuhe auf Hochglanz poliert. Auch die Zwillinge klatschen begeistert in die Hände und immer wenn die Stelle kommt, wo es heißt „Eins, zwei, drei, blitzblank im Nu ist der feine Lederschuh“, dann singen alle laut mit, Mama auch und Papa lacht aus vollem Herzen. So fröhlich waren sie alle schon lange nicht mehr unterwegs.
„Was haltet ihr davon, wenn wir unser Glück auch in der weiten Welt suchen, so wie der kleine Pedro?“, fragt Mama und dreht sich gespannt zu den Kindern um.
„Sollen wir etwa auch Schuhe putzen?“, fragt Simon.
Nun ist es an der Zeit, den Kindern den Sinn der Reise zu erklären. Papa steuert den nächsten Parkplatz an und bevor all die leckeren Sachen aus dem Picknickkorb verspeist werden, erzählt Papa von seiner neuen Arbeit.
„Wir suchen uns eine schöne Wohnung oder vielleicht ein kleines Haus mit Garten, in dem wir dann wohnen werden. Wie findet ihr das?“
Simon überlegt. Die Zwillinge haben nur die Pfannkuchen im Sinn, so richtig haben sie noch nicht verstanden, um was es eigentlich geht. Für sie ist erstmal wichtig, dass Mama dick Schokocreme auf die Pfannkuchen streicht, sie dann aufrollt und den Mädchen je einen in die Hand drückt. Mmh, sind die lecker!
„Und was ist mit Oma?“, fragt Simon plötzlich. Wenn er drüber nachdenkt, dass Oma dann ganz allein ist und er sie gar nicht besuchen kann, dann drückt das im Bauch und wenn es im Bauch drückt, dann dauert es auch gar nicht lang, bis die Tränen rollen.
Mama Weber schaut ihren Sohn bestürzt an. Dass sie daran noch gar nicht gedacht hat! Sie schämt sich. Aber als Papa sagt:
„Die nehmen wir einfach mit!“, wird ihr ganz warm vor Freude. Das Leben ist gar nicht so kompliziert, wie es sich manchmal anfühlt, denkt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.
„Klar, so machen wir das!“, sagt sie.
„Eins, zwei, drei, das ist der Hit, kommt die Oma einfach mit!“, singt Simon und alle stimmen ein.
Nun müssen sie nur noch die Oma fragen, ein schönes Häuschen finden und dann kann es losgehen.
Wie es mit den Webers weitergeht, das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Wunderkerzensilvester

Die nachfolgende Geschichte stammt aus dem letzten Jahr, leider ist sie noch genauso aktuell wie zum Jahresübergang 2020/2021.Hoffen wir auf ein Wunder!

Wunderkerzensilvester

„Heute Nacht“, sagte der kleine Playmobilmann, „setze ich mich auf eine dieser Silvesterraketen und fliege einfach mit ins Universum!“
„Du bist ja verrückt!“, meinte die Barbiepuppe Cindy, die gerade ihre Fingernägel lackierte. Sie konnte sich nicht vorstellen, einfach in den Himmel zu fliegen. Dort gab es wahrscheinlich weder Nagellack, Lippenstifte und hübsche Kleidung, noch Kinder, die mit ihr spielen würden. Nein, sie wollte auf der Welt bleiben, ganz sicher.
„Wieso sollte ich verrückt sein? Schau doch mal, ich habe sogar einen Raumfahreranzug an!“, meinte der Playmobilmann und zeigte stolz auf seinen Anzug.
„Du bist nur verkleidet, du bist gar kein richtiger Astronaut, so wie ich keine richtige Kuh bin“, rief die winzige rot bunte Kuh, die in der Alpenlandschaft der Eisenbahnanlage stand.
„Wieso bis du keine richtige Kuh?“, fragte Barbie und pustete ihre Fingernägel trocken. „Du siehst jedenfalls aus wie eine und du riechst auch so!“, sie rümpfte die Nase.
Die Spielzeuge hätten weiter gestritten, wenn nicht in diesem Moment Tine das Zimmer betreten hätte. Sofort war alles mucksmäuschenstill. Tine hatte schlechte Laune, zuerst hatte sie die Tür mit einem Knall hinter sich ins Schloss geschmissen und dann war sie aufs Bett zugestürzt und hatte sich mit lautem Geheule ins Kopfkissen vergraben.
Nach einer Weile setzte das Mädchen sich auf und schimpfte: „Erwachsene sind gemein, so gemein!“
Insgeheim nickten die Spielzeuge. Stimmte nämlich, denn wenn es nach den Erwachsenen ging, dann hatten sie jeden Abend in der Schublade zu verschwinden und man gönnte ihnen nicht einmal die Geisterstunde um Zwölf. Die Schublade bekamen sie nämlich allein nicht auf und nur, wenn einer von ihnen draußen geblieben war, konnte er helfen, dass sie sich um Mitternacht frei bewegen konnten. Aus diesem Grund versteckte sich der Teddy Paul gern unter dem Bett, damit er nicht ins Schubfach musste, denn ins Bett nahm Tine ihn nicht mehr mit. Es hatte andere Zeiten gegeben, aber die waren wohl vorbei.
Nun hätten die Spielzeuge nur allzu gern gewusst, warum Tine so traurig war. Barbie versuchte, das Mädchen zu hypnotisieren, indem sie durchdringlich in ihre Augen schaute und es wirkte.
„Letztes Jahr haben sie gesagt, dass ich noch zu klein sei, um an Silvester aufzubleiben und die Schießerei anzuschauen und sie haben mich vertröstet, dass ich es in diesem Jahr darf und nun das! Es gibt keine Party und Knaller gibt es auch nicht, das ist so gemein!“, schluchzte Tine.
Die Spielzeuge konnten ja nicht nachfragen, aber sie ahnten schon, dass das wieder so eine Corona-Sache war. Erst neulich hatte Mama das ganze Kinderzimmer ausgeräumt, geputzt und sämtliche Stofftiere in die Waschmaschine gesteckt. Nachmittags war nämlich eine Freundin, Merle, zu Besuch gewesen und die Familie dieser Freundin hatte einen Test machen müssen, der war positiv, was auch immer das heißen sollte.
„Ich hasse dieses blöde Corona!“, schimpfte Tine. „Zuerst darf Merle nicht mehr kommen und an Weihnachten durften wir nicht zu Oma und Opa und jetzt wird nicht mal geböllert zu Silvester. Ausgerechnet dieses Jahr, wo ich endlich auch mal aufbleiben dürfte!“
Papa kam in diesem Moment ins Zimmer. „Komm mal her, mein Mädchen!“, sagte er und setzte sich zu Tine aufs Bett. Tine kletterte auf seinen Schoß und weinte dicke Tränen auf seine Schulter. Das tat gut, auch wenn es nichts änderte.
Papa streichelte ihren Kopf und redete beruhigend auf Tine ein und dann zog er ein Päckchen Wunderkerzen aus der Hosentasche. „Kommst du mit mir in den Garten? Wir zünden die Kerzen an und warten auf ein Wunder“, schlug er vor.
„Wunder?“, fragte Tine.
„Klar, deshalb heißen sie doch Wunderkerzen. Wer weiß, was passieren wird?“, antwortete Papa und reichte Tine die dicke Jacke. „Komm meine Große!“, sagte er.
Auf der Terrasse wartete Mama, auf dem Tisch standen Becher und eine Thermoskanne und am Zaun zur Straße stand ein kleines Tischchen mit einer Kerze drauf. Mama füllte zwei Becher mit heißem Punsch, die sie auf das Zauntischchen stellte. Die erste Wunderkerze war gerade erloschen, da kamen zwei Leute zum Zaun, warm eingepackt. Tine erkannte sie erst auf den zweiten Blick. „Oma und Opa!“, rief sie glücklich und wollte gleich losspringen, als ihr einfiel, dass sie das nicht durfte!
„Wie schön, dass ihr da seid!“, rief sie und machte ein kleines Freudentänzchen.
„An der Haustür hängt eine Tüte mit allerlei kleinen Silvesterüberraschungen!“, sagte Opa und Oma erzählte, dass sie auch noch eine ordentliche Portion Weihnachtsplätzchen dazu gepackt habe.
„Und um zwölf rufen wir an!“, versprachen die beiden, nachdem sie ihren Punsch ausgetrunken hatten. Tine war versöhnt und konnte sich nun wieder auf den Abend freuen.
So hatten die Wunderkerzen für ein kleines Wunder gesorgt und vielleicht war im nächsten Jahr alles wieder gut und sie konnten gemeinsam mit den Großeltern Weihnachten und Silvester feiern. Das wünschte Tine sich von Herzen und zündete gleich noch eine Wunderkerze an.

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24. Dezember 2021 Heiligabend

24. Dezember

Moni freute sich so sehr, dass sie Tina spontan umarmte.
„Mir hat noch nie jemand ein so schönes Geschenk gemacht“, sagte sie. „Danke Tina!“
„Magst du meine Freundin sein? Ich werde dich oft besuchen und sicher darfst du mich auch einmal zu Hause besuchen“, versprach Tina.
„Klar, wenn Frau Sommer es erlaubt, darf ich dich auch besuchen!“
Tina nahm Moni an die Hand und zog sie zu ihrer Mutter.
„Hallo Moni“, sagte die Mutter. „Freust du dich auch schon so auf Weihnachten?“
„Wie schön, dass Träume manchmal wahr werden können!“, sagte Tina und dann seufzte sie zufrieden.

An dieser Stelle könnte die Geschichte enden, liebe Leser. Aber was ist dann mit den Fragen, die noch unbeantwortet blieben? Und ist eine Freundin ein guter Ersatz für eine Schwester oder einen Bruder?
Für wen sind die beiden Porzellanschilder? Und woher weiß der Adventskalender, dass Tina zwei Freundschaftsbändchen brauchte?
Warum war Tinas Mama öfter krank in den letzten Wochen? Und zuletzt: wo waren Papa und Mama als sie geschwindelt hatten wegen der Weihnachtsfeier der Arbeitskollegen?
Also, der Reihe nach:
Eine gute Freundin oder einen Freund zu haben, das ist sehr wichtig und kann tatsächlich ausgleichen, wenn man keine Geschwister hat – ich bin gesegnet mit einer Schwester und einem Bruder und die beiden möchte ich nicht missen. Aber ich habe auch zwei sehr gute Freundinnen, die mich tragen und auffangen, wenn es mir mal nicht so gut geht und mit denen ich meine Freuden teilen kann.
Kommen wir zu den Porzellanschildern. Habe ich ein wenig damit in die Irre geführt? Wollte ich auch, aber es ist wahr, sie werden beide gebraucht, auch wenn Moni nicht bei Tinas Familie einziehen wird.
Der Adventskalender ist magisch, schließlich hat er sprechende Figuren in sich gehabt und er wusste genau, dass sowohl zwei Freundschaftsbänder, als auch zwei Türschilder gebraucht wurden. Das Bändchen für Moni und das Türschild … na, warum war Mama immer so übel? Richtig, sie ist schwanger und in Papas ehemaliges Büro wird ein Baby einziehen. Ist das nicht wunderbar?
Was mit der Weihnachtsfeier war, möchtet ihr noch wissen?
Die Eltern haben Kinderzimmermöbel gekauft und sie waren im Kinderheim und haben mit Frau Sommer gesprochen, weil sie so gern Moni zu Weihnachten zu sich einladen wollten.
Warum gerade Moni?
Na, von der hatte Tina doch geträumt – es war eben magisch, nicht wahr?

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, macht es euch gemütlich mit euren Lieben und bleibt gesund,

Eure Regina

23. Dezember 2021

23. Dezember

So schnell wie an diesem Morgen war Tina noch nie aus ihrem Bett gesprungen. Auch im Bad trödelte sie nicht lang herum.
Nach dem Frühstück fuhr sie dann mit Mama zusammen zur Schule.
Vorher zeigte sie ihr aber noch die beiden Porzellanschilder, die in ihrem Adventspäckchen gewesen waren.
„Weißt du, wofür die Schilder sein sollen?“, fragte sie.
Mama zuckte mit den Achseln.
„Nein, aber hübsch sind sie. Sicher findet sich ein geeigneter Platz dafür“, meinte Mama.
„Oder zwei“, ergänzte Tina. Mama lächelte.
Heute durften auch alle Freunde mit in die Schule, das hatte Tina ihnen versprochen und was man verspricht, das muss man auch halten. Auch an die beiden Freundschaftbändchen dachte Tina. Vielleicht begegnete ihr das Mädchen aus dem Traum. Dem würde sie dann eines davon schenken.
Es war ja nur ein Traum gewesen, doch nach allem, was Tina in diesem Advent schon erlebt hatte, hielt sie selbst das für möglich.

Das Sophienheim lag am Rande der Stadt. Es war ein altes Gebäude, das aussah wie ein richtiges Schloss. Die Kinder staunten, als sie dort vorfuhren. Mit dem Bus waren sie gekommen, denn Timos Vater hatte ein Busunternehmen und hatte den Bus zur Verfügung gestellt. Natürlich fuhr er ihn zur Feier des Tages selbst.
Timo war mächtig stolz auf seinen Papa.
„Habt ihr den großen Garten gesehen?“, rief Sascha. „Da könnte man herrlich Fußball spielen!“, fügte er hinzu.
Als sie die Eingangshalle des Heims betraten, wurden sie von einer jungen Dame erwartet, die jedes Kind mit Handschlag begrüßte.
„Wie schön, dass ihr gekommen seid!“, sagte sie. „Die Kinder freuen sich auf eine Überraschung, aber ich habe noch nichts verraten. Sie sind alle im Speisesaal, kommt mit!“
Die Dame reichte auch Tinas Mutter die Hand. „Könnte ich sie später noch kurz sprechen?“, flüsterte sie ihr zu. „Sicher!“, flüsterte Tinas Mama zurück.
Tina wunderte sich ein bisschen, doch zum Nachdenken blieb nun keine Zeit mehr. Sie betraten den Saal, der wunderschön geschmückt war. Auf den Tischen leuchteten Kerzen und auf jedem Tisch stand ein großer Teller mit Kuchen. Von der Decke des Raumes baumelten goldene Sterne und es roch köstlich nach Zimt und Orangen.
Tinas Mutter packte die Gitarre aus und dann stimmten die Kinder das erste Lied an. Zuerst zaghaft, dann aber immer mutiger stimmten die Kinder des Sophienheimes mit ein. Tina sagte ein Gedicht auf, dann sagte die Lehrerin ein paar Worte und danach wurden die kleinen Geschenke verteilt. Dazu kam jedes Kind nach vorn. Plötzlich stockte Tina der Atem. Da war sie, das Mädchen aus dem Traum. Es kam direkt auf Tina zu und lächelte sie an.
„Hallo, ich bin Moni!“, sagte sie und reichte Tina die Hand.
„Ti-Ti-Tina!“, stammelte Tina und Moni lachte fröhlich.
„Das ist aber ein lustiger Name.“
Da musste auch Tina herzlich lachen.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, Moni!“ Tina reichte Moni das Freundschaftsbändchen. „Das ist für dich!“, sagte sie. „Schau, ich habe auch eins!“

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22. Dezember 2021

22. Dezember

Am Morgen hüpfte Tina bereits um sieben Uhr aus dem Bett. Heute war der große Tag, an dem sie im Kinderheim auftreten würden. Tina hatte schon in der Nacht davon geträumt. Ganz deutlich hatte sie die Gesichter der Kinder vor sich gesehen.
Ein Mädchen war dabei, das sich hinter den anderen Kindern versteckte. Tina konnte sich genau an sie erinnern. Große, dunkle Augen hatte sie, die fragend in die Welt blickten. Das Kind war ihr sofort aufgefallen. Warum das so war, das wusste Tina nicht.
Die Freunde schliefen noch. Sicher hatten sie wieder die ganze Nacht geplaudert. Tina war leise, holte ihr Geschenk vom Adventskalender und krabbelte wieder ins warme Bett. Vorsichtig, um nicht zu rascheln, öffnete sie das Päckchen. Es waren zwei ovale Porzellanbilder darin, beide sorgfältig in Seidenpapier gewickelt. Auf der Rückseite befanden sich jeweils zwei Schrauben, die wohl durch die Löcher geschraubt werden sollten, die sich rechts und links vom Rand befanden. Beide Bilder waren genau gleich.
„Es sind Türschilder“, dachte Tina. Aber wo sollten die angebracht werden, vielleicht an ihrer Zimmertür eines, aber was war mit dem zweiten? Komisch!
Mit nackten Füßen schlich Tina über den Flur zu Papas Büro. Sie wollte schnell einen Blick hineinwerfen. Vielleicht kam sie dem Geheimnis so auf die Spur, denn seit ein paar Tagen war das Zimmer immer abgeschlossen gewesen und ein Schild „Betreten verboten“ klebte an der Tür. Das war Papas Schrift, eindeutig.
Tina war ein folgsames Kind, aber nun hielt sie es nicht mehr aus. Behutsam drückte sie die Klinke hinunter. „Einen Blick nur“, flüsterte sie. Doch die Tür war abgeschlossen.
In diesem Moment kam Mama die Treppe hinauf, Tina flitzte in ihr Zimmer und sprang ins Bett.
„Was ist los?“, fragte die Schneefrau.
„Still! Mama kommt!“, raunte Tina ihr zu.
Mama betrat das Zimmer. Sie wunderte sich, dass die Tür nicht geschlossen war. Aber sie sagte nichts dazu.
„Guten Morgen, Tina! Aufstehen, heute ist der Tag, auf den du so lange gewartet hast!“

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21. Dezember 2021

21. Dezember

Tina hatte unruhig geschlafen. Immer wieder war sie wach geworden, weil die Spielzeuge lautstark miteinander diskutierten. War Tina dann aber wach, schwiegen sie. Um sie zu belauschen, hatte Tina sich dann schlafend gestellt. Trotzdem hatte sie kein Wort verstanden von dem, was da geredet wurde.
Es ging um Papas Büro und um einen Möbelwagen. Die Schneefrau hatte immer wieder von einer großen Freude gesprochen. Immer wieder sagte sie, dass SIE recht habe mit dem was sie vermute.
Tina konnte sich keinen Reim darauf machen. Unruhig wälzte sie sich im Bett herum und als sie am Morgen aufstand, war sie erschöpft, kein Wunder, oder?
Als erstes packte sie ihr Adventspäckchen aus und schon wieder musste sie rätseln, was das zu bedeuten hatte. Es war ein großes Fragezeichen aus Lebkuchen, lecker verziert mit Zuckerguss und Liebesperlen.
Die Sache wurde immer spannender.
„Was hat das nun wieder zu bedeuten?“, fragte Tina den kleinen Nikolaus.
„Wie soll ich das wissen?“, antwortete der. Doch Tina hatte das sichere Gefühl, dass er mehr wusste, als er zugab. Er wollte nur nichts verraten.
„Ihr seid mir schöne Freunde“, schimpfte sie, „mich hier im Dunklen lassen, das ist nicht nett!“
Wenn sie aber richtig darüber nachdachte, dann kam sie zu dem Schluss, dass sie wohl auch nichts verraten hätte, wenn es um eine Überraschung für einen ihrer Freunde gegangen wäre.
Also versuchte sie, sich abzulenken und schrieb in ihr Geschichtenbuch:
Nun ist es bald so weit, ich kann es kaum noch erwarten, bis Weihnachten da ist. Alle Zeichen deuten auf eine große Überraschung hin. Was kann es nur sein. Ich habe keine Ahnung und ich werde es auch nicht herausbekommen, denn hier rundum mich herum, halten alle dicht, leider. Ich verstehe es zwar, aber ich bin auch ein wenig verärgert.
Morgen singen wir im Kinderheim. Ich bin ganz schön aufgeregt, ich hoffe sehr, dass alles gut klappt!

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20. Dezember 2021

20. Dezember

Wie abgesprochen hatte Papa mittags seine Tochter wieder abgeholt. Der seltsame Schlüssel war in den Puppenkoffer zu den anderen Geschenken gewandert.
Selbstverständlich waren auch die Freunde gespannt, wofür dieser Schlüssel denn sein sollte. Sie diskutierten und stellte schonmal einige Möglichkeiten zusammen.
„Pst, seid doch still“, flüsterte Tina, die Angst hatte, dass ihr Vater was merken könnte. Sie schloss den Koffer und auf die Frage, mit wem sie denn da spreche, sagte sie: „Manchmal rede ich mit mir selbst, Papa, ich glaube, ich werde alt!“
Papa lachte laut auf. „Von wem hast du denn diesen Spruch?“, fragte er.
„Das sagst du doch selbst immer, Papa!“
Darauf hatte Papa nichts zu sagen, er grinste vor sich hin.
„Hattet ihr denn eine schöne Weihnachtsfeier?“, wollte Tina wissen.
Papa stotterte ein wenig, als er antwortete:
„Ja, ja, es war ganz nett. Nichts Besonderes, einfach eine Weihnachtsfeier!“
Tina verkniff sich die nächste Frage. Er schwindelte, das war sicher und schon bald sollte sich herausstellen, dass sie damit auch recht hatte.
Ein paar Tage müsst ihr aber noch warten, es dauert ja noch ein wenig bis Heiligabend.
Wer wird denn so neugierig sein?

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