Die Bühne im Kurpark

Die Bühne im Kurpark

Als ich Kind war, wollte ich gern Schauspielerin werden. Ich stellte mir das so toll vor, berühmt zu sein und überall erkannt zu werden. Die Leute würden mir zujubeln und rufen: Schaut mal, da ist sie, die großartige Annelies Wuttke. Natürlich hätte ich meinen Namen geändert, vielleicht in Germaine Toulouse oder so. Aber es hat gar nicht geklappt. Mittlerweile bin ich in Rente und werde einiges nachholen. Leider muss ich auf mein Geld aufpassen, denn alles ist so teuer geworden. Mein Plan war, Theaterabonnements hier im Provinztheater des Städtchens und in der etwas entfernteren Großstadt zu Studienzwecken zu buchen, aber daraus wird nichts werden. Doch es gibt nichts, was eine Annelies Wuttke von einem Plan abhalten könnte. Ich werde mir meine eigene Bühne suchen.

Ich habe da auch schon so eine Idee, die umsetzbar ist und nichts, oder fast nichts kosten wird. Zuerst einmal fange ich allein an, später suche ich mir vielleicht ein paar Verbündete. Nun aber mal Klartext: ich werde eine Einfraushow einüben und damit in Seniorenheime oder Residenzen gehen. Das ist das eine und ein zweites Programm werde ich für Kindergärten einstudieren – ich habe eine Menge erlebt und einiges zu erzählen, warum sollte ich mir das nicht zunutze machen? Das Reden vor Publikum ist meine leichteste Übung. Schon meine Mutter sagte immer, dich wird man nach deinem Tod mal eigens noch erschlagen müssen, damit auch dein Plappermäulchen seine Ruhe findet. Damals habe ich das als Kompliment aufgefasst und ich bin so mit einer tüchtigen Portion Selbstvertrauen durchs Leben marschiert. Und nun freuen wir uns auf unsere neue Zukunft, mein Plappermäulchen und ich.
Zuerst werde ich mal ein paar Termine ausmachen. Das brauche ich, denn wenn ich kein klares Ziel habe und mich nicht ein wenig unter Druck setze, dann versanden meine guten Ideen wieder. Das kenne ich schon von mir.
Also rufe ich im Luisenstift hier in unserer Stadt an und trage mein Anliegen vor.
„Ich denke so an ein zweistündiges Programm, Sie werden begeistert sein!“, sage ich der Dame, mit der man mich verbunden hat, nachdem ich ihr mein Anliegen vorgetragen habe.
„Das hört sich gut an“, sagt diese. „Aber zwei Stunden sind viel zu lang. So lange können unsere Bewohner nicht aufmerksam bleiben und es würde auch unsere Abläufe hier total durcheinander bringen!“
„Gut, ich kann das Programm ja auch kürzen und nur eine Stunde zu Ihnen kommen!“, schlage ich vor.
„Hm. Ich weiß nicht so recht“, sie klingt zögerlich nun. „Also 20 Minuten am Anfang, das könnte vielleicht machbar sein. Lassen Sie mich einmal im Terminkalender nachsehen. Warten Sie … ja … einen Augenblick, ich muss gerade …“
Ich warte und warte und spüre, wie mein Herz nun doch anfängt, schneller zu schlagen und wie Aufregung aufkommt.
„Hallo?“, wage ich es schließlich, in den Telefonhörer zu hauchen. „Sind sie noch da?“
Keine Reaktion, seltsam. Sollte die etwa einfach aufgelegt haben? Erschien dann nicht so ein Zeichen, so ein langes Tuuuuut? Ich weiß es nicht und warte noch etwas. Nach einer Viertelstunde gebe ich auf.
Beinahe traue ich mich nun nicht mehr, die nächste Nummer auf meiner Liste anzurufen. Es kostet mich Überwindung und ich erschrecke ein bisschen. Habe ich mir die Sache zu einfach vorgestellt?
Um nicht länger nachdenken zu müssen, wähle ich schnell die nächste Nummer. Ein Anrufbeantworter schaltet sich ein und ich lege auf, dankbar fast, denn mein Herz will schon wieder stolpern. Was ist los mit mir?
Ich muss an die frische Luft.
Auf der Terasse atme ich tief durch und suche nach meinen Zigaretten, die ich für Notfälle immer in einem abgedeckten Blumentopf versteckt habe. Eigentlich rauche ich nicht mehr, nur im Notfall und ein solcher ist gerade eingetreten, meine Träume drohen zu zerplatzen – aber noch ist nicht aller Tage Abend, denke ich!
Es ist ein schöner Nachmittag. Die Wolken haben sich verzogen und es ist noch einmal warm geworden. Ganz in Gedanken gehe ich zum Gartentor und trete auf die Straße. Hier kann ich wieder besser atmen und ich beschließe, ein paar Schritte zu gehen. Die Bewegung wird mir guttun. Ich schreite mit großen Schritten aus und erreiche schon bald den kleinen Kurpark mit der alten Wandelhalle und dem Pavillon, in dem früher Musikkapellen aufgetreten waren. Noch gut erinnere ich mich an die Kurkonzerte, die es früher hier gegeben hat. Schade, dass sie den Kurbetrieb eingestellt haben. Wie magisch angezogen gehe ich auf den Pavillon zu. Die perfekte Bühne, denke ich.
Ich positioniere mich mitten auf der Bühne, schließe die Augen, breite die Arme aus und beginne zu erzählen. Wie automatisch habe ich eine Geschichte ausgewählt, die mir seit Tagen im Kopf herumgeistert. Sie handelt von dem alten Mann, der allein in einem kleinen Haus am Stadtrand wohnt und mit dem niemand etwas zu tun haben möchte, weil man ihm die seltsamsten Dinge unterstellt.
Meine Stimme wird zunehmend sicherer, während ich erzähle. Es ist auch keiner da, der mir zuhört. Ich werde übermütig und erfinde immer kuriosere und witzigere Begebenheiten rund um meinen einsamen Helden und muss selbst innerlich immer wieder lachen. Es macht mir so eine große Freude und ich spüre, wie ich mich innerlich immer freier fühle, wie die Energie durch meinen Körper strömt. Herrlich ist das! Und ich weiß nun wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und warum soll ich nicht hier mit meiner Passion beginnen? Eine Speaker’s Corner im alten Kurpark?
„Bravo!“, ruft da plötzlich eine Stimme und ich höre ein Klatschen.
Beinahe ist mir das ein wenig peinlich, aber als ich die Augen öffne und sehe, dass da ein paar Leute sitzen, die mich freundlich anlächeln, freue ich mich doch sehr.
Ich werde wiederkommen, verspreche ich mir selbst! Dann sage ich:
„Nächsten Sonntag um die gleiche Zeit geht es weiter, danke für den Applaus!“
Nach einer leichten Verbeugung gehe ich nach Hause, ich fühle mich leicht und glücklich, endlich mal wieder.

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte einer einsamen Dame findet ihr hier: Sonntags im Café

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Es war ein schöner Tag gewesen gestern. So hatte Tessa sich ihren Geburtstag gewünscht. Schließlich wird man nur einmal achtzig Jahre alt. Tessa kicherte, sie konnte es kaum selbst glauben, dass sie nun schon so alt war. Sie fühlte sich nicht so, eher wie fünfzig. Hm! Achtzig hörte sich trotzdem erschreckend an.
„Nein!“, wehrte sie sich gegen diese Gedanken. „So schnell kriegt ihr mich nicht klein. Wer gesund lebt, kann, so sagen sie, hundert werden und mehr. Gute Hundert ohne ein Siechtum im Rollstuhl.“
Sie öffnete die Schublade zu ihrer Kommode, die, die keiner öffnen durfte außer ihr, und nahm ihr gesundes Geheimnis, wie sie es nannte, heraus. Magnesium, Kalium, Vitamin C, Zink und einige andere mehr. Sorgsam verteilte sie die Kapseln in einer Schale und schluckte eine nach der anderen, langsam, bedächtig.
„So! Ihr werdet euch wundern!“
Tessa wusste, dass ihre Tochter sie auslachen würde. Deshalb behielt sie es für sich. Es würde sich schon zeigen, wer recht behalten würde. Tessa lächelte, packte die Wundermedizin wieder zurück in die Schublade, trank noch ein großes Glas Wasser und ging dann in den Garten, in dem der Herbst schon eingezogen war, ihre Lieblingsjahreszeit. Noch viel war zu tun hier, aber auch das trauten sie ihr ja nicht mehr zu.
„Ach was!“, wehrte sie sich laut gegen ihre Gedanken, die immer wieder zum selben Punkt zurückkehrten, und stapfte wie bekräftigend mit dem Fuß auf. „Ich werde sie nicht mehr beachten, sie mit ihren Unkenrufen und Mahnungen und falschen Sorgen. Davon habe ich mir gestern genug anhören müssen. Es reicht. Und nun werde ich das kleine Kartoffelbeet umgraben und letzte Schätze ernten.“
Tessa ging mit forschen Schritten hinüber zum Geräteschuppen, schnappte sich den kleinen handlichen Spaten, zog ihre dicken Gummiklotschen an und machte sich daran, das Beet umzugraben. Die Kartoffeln hatte sie schon in der letzten Woche geerntet und allen hatten die frischen Kartoffeln gestern im Geburtstagskartoffelsalat gut geschmeckt. Das selbst angebaute Gemüse war doch immer noch das Beste auf der Welt.
„Man weiß, was man isst!“, murmelte sie und hieb den Spaten mit all ihrer Kraft tief in die Erde. Es klirrte, laut und scheppernd. Tessa erschrak.
Sie ließ den Spaten fallen und trat einen Schritt zurück. Als sich weiter nichts tat, nahm sie den Spaten wieder auf und traute sich wieder näher an das Erdloch heran.
Da sie nichts darin sehen konnte, setzte sie den Spaten vorsichtig noch einmal an und … es schepperte wieder.
„Hilfe!“, rief Tessa laut. Irgendwie erschien ihr die Angelegenheit unheimlich. Es tat sich nichts. „Hilfe!“, rief sie noch einmal, diesmal laut und gellend.
Dann besann sie sich.
„Eine Bombe wird es wohl nicht sein“, schimpfte sie mit sich selbst. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe!“
„Hast du einen Schatz gefunden, Tante Tessa?“, hörte sie da Timo, den Nachbarjungen, rufen. „Das ist ja krass!“
„Das weiß ich noch nicht, mein Junge. Hilfst du mir beim Bergen, bitte?“ Tessa war hocherfreut, dass sie in der Situation nicht mehr allein war. Timo war ein taffer Junge, er würde wissen, was zu tun war.
„Darf ich?“, sagte er und nahm Tessa den Spaten ab. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du da gefunden hast!“
Er stieß ein paar Mal in die Erde, es knirschte und schepperte, dann hatte er den „Schatz“ freigelegt.
„Wow!“, stieß er hervor und zog das Fundstück, eine weiße Emaille Schüssel mit einem Griff, aus der Erde. „Was ist das denn? Ein Salattopf mit Griff?“
„Was? Zeig her!“ Tessa starrte auf den Fund. „Ein Nachttopf!“, stieß sie hervor und musste lachen. „Wie kommt ein Nachttopf in mein Kartoffelbeet?“
„Aber was ist denn ein Nachttopf, Tante Tessa? Gibt es Tagtöpfe und Abendtöpfe und Nachttöpfe etwa?“, fragte Timo.
Tessa fing erneut an zu lachen, das gab es doch nicht, ein Junge, der nicht wusste, was ein Nachttopf war, komisch. „Weißt du, lieber Timo, früher hatte man nicht in jedem Haus eine Toilette, oft gab es außerhalb des Wohnhauses ein Klo, ein Plumpsklo. Da musste man, wenn man mal musste, bei jedem Wetter nach draußen. Das war besonders im Winter sehr unangenehm. Genau dafür war so ein Nachttopf da, der stand für das kleine Geschäft zwischendurch unter dem Bett und wurde am Morgen dann ausgeleert.“
„Igittegit!“ Tims Augen wurden groß vor Staunen. „Das ist ja eklig! Wie konnten die Menschen so leben?“
Tessa musste noch mehr lachen. „Wie du siehst, haben wir es alle überlebt. Sonst gäbe es dich und deine Eltern und deine Freunde nicht, oder?“
„Stimmt.“ Tim lachte nun auch.
„Das ist spannend mit dir“, sagte er. „Darf ich dir weiter beim Graben helfen? Vielleicht finden wir noch andere Schätze aus dieser gruseligen Zeit?“
„Gerne.“ Tessa freute sich. Es war so wichtig, dass die Jungen vom Leben ihrer Vorfahren erfuhren und lernten. Man konnte schließlich nie wissen, ob und wann sie dieses alte Wissen, das gerade im Begriff war, verloren zu gehen, auch für ihr Leben anwenden konnten. „Ich wusste doch, dass auch dies ein guter Tag werden würde.“
Tessa drückte Timo den Spaten in die Hand: „Bitte sehr, du bist dran!“, sagte sie und der Junge hatte im Nu das Kartoffelbeet umgegraben. An diesem Tag fanden die beiden keinen weiteren „Schatz“, aber sie suchten weiter, Tag für Tag.

© Regina Meier zu Verl

Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Omas Zaubermusik

Omas Zaubermusik

„Eines Tages werde ich nicht mehr da sein und was soll dann aus meinen unzählig vielen Büchern und Notenbüchern werden? Ich sollte so langsam aber sicher versuchen, einiges davon zu verschenken und zu entsorgen, was niemand mehr haben möchte!“ Das waren Großmutters Worte und die hatten mich heftig getroffen. Natürlich hatte sie recht, aber so richtig annehmen konnte ich das noch nicht. Überhaupt verstand ich es nicht, wie man an den eigenen Tod und an all das, was die Erwachsenen „letzter Wille“ nannten, denken konnte. Großmutter durfte nicht sterben. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Das ging nicht.
Ihre Entschlossenheit aufzuräumen, würde ich aber nicht ändern und deshalb half ich eben ein wenig mit. Das war interessant, denn Oma kam ins Erzählen, wenn ich eine Frage zu einem Buch oder einer Notensammlung stellte. Ab und zu setzte sie sich sogar ans Klavier und spielte mir etwas vor. Und wenn sie ihr Spiel besonders stark berührte, schloss sie die Augen, und dann, ja, dann weilte sie in anderen Welten. Schönen Welten. Die schönsten, die Musik zu erschaffen fähig ist.
Ich schloss dann die Augen und träumte tolle bunte Bilder. Omas Musik war eine Zaubermusik und ich konnte mir nicht vorstellen, sie einmal nicht mehr hören zu können.
„Oma, du weißt ja, dass ich nächste Woche Geburtstag habe, oder?“ fragte ich, als wir wieder einmal so eine zauberhafte Zeit miteinander verbracht hatten. “Darf ich mir etwas wünschen?“
„Natürlich weiß ich das. Aber eigentlich habe ich schon ein Geschenk für dich!“, antwortete Oma. „Doch, lass hören, was du dir noch wünschst!“
„Ich wünsche mir, dass wir deine Musik aufnehmen, damit ich sie immer und immer wieder anhören kann!“
„Meine Musik? Aufnehmen?“ Oma sah mich erschrocken an. Fast wirkte sie verstört und das kannte ich bei ihr, dieser selbstsicheren Frau, gar nicht. „Es … es ist doch nur ein bisschen Geklimper. Nichts weiter“, wiegelte sie rasch ab. „Das kann auch weg.“
Nun war ich es, die erschrak. Oma hatte es doch sonst so gar nicht mit dem Wegwerfen und nun tat sie genau das mit ihrem ganzen Lebensinhalt. Fühlte sie sich vielleicht krank?
Mir war klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste und ich hatte auch schon eine Idee. Wenn sie das nächste Mal spielen würde, würde ich heimlich mit Mamas Handy eine Aufnahme machen. Das würde Mama mir sicherlich erlauben.
Wie gedacht, so getan. Es war nicht schwer, Oma erneut zum Spielen zu überreden. Sie begann mit Beethovens Für Elise, dann spielte sie einen Walzer von Chopin. Der war wunderbar und schien gar kein Ende zu haben. Oma spielte und spielte und die Melodien wurden immer schöner und verträumter. Es war, als zauberten sie Licht ins Zimmer, das in kleinen Perlchen über unseren Köpfen tanzte. Oma hatte längst die Augen geschlossen und da merkte ich, dass es nicht mehr Chopins Musik war, die wir hörten, sondern Omas.
Es war wunderbar und keine Aufnahme der Welt konnte das wiedergeben. Trotzdem war ich unheimlich froh, dass ich die Musik aufgenommen hatte, denn ich würde mich auf diese Art und Weise immer an dieses wunderbare Konzert, nur für mich allein, erinnern!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte, in der es um eine alte Dame und die Musik geht, findet ihr hier: Mondscheinsonate

Was ein Lächeln bewirken kann

Was ein Lächeln bewirken kann

Gela stand vor dem Spiegel und betrachtete kritisch die kleinen Fältchen rund um ihren Mund. Sie gefielen ihr nicht. Trotzdem lächelte sie ihr Spiegelbild an und sofort waren auch die Fältchen weg. „Ich sollte nur noch lächeln!“, beschloss Gela. Sie verzog das Gesicht, zwinkerte mit den Augen, pustete die Wangen auf, dann lächelte sie. Ein Lächeln, das die Augen nicht erreichte.
„Es gibt ja auch nichts zu lachen“, knurrte sie und lächelte trotzdem.
Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass sie, seit sie die Menschen anlächelte, die ihr begegneten, viel bessere Laune hatte und die Tage erträglicher wurden. Also machte sie es sich zu einer festen Gewohnheit. Und manchmal hatte sie das Glück, dass Leute, die vorher eher grimmig vor sich hin stierten, ihre Mundwinkel auch etwas nach oben bewegten. Manche lächelten sogar zurück. Und das war doch mal ein guter Anfang. Wenn das alle täten!
„Man müsste alle Zeitungsredaktionen kapern und an einem Montagmorgen in allen Blättern im Land auf der Titelseite LÄCHELN SIE UND ALLES WIRD GUT veröffentlichen!“, überlegte sie nun und musste kichern.
Gela fiel ein Buch ein, das sie vor langer Zeit mal gelesen hatte, seine Aussage war genau das: Es allen sagen und auf den Erfolg warten. An den Titel konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber der Autor hatte immer vom sogenannten “Tipping Point“ geschrieben, also etwas anstoßen und ins Rollen bringen! Nur wie?
Ihr Blick fiel auf die Nähmaschine, die seit einigen Wochen unangerührt auf dem Tisch in der Ecke stand und langsam einstaubte. Und dann hatte sie eine Idee.
„Wir müssen das Lächeln überallhin tragen: Auf Bildern, auf Schals, auf T-Shirts und Blusen, überall, damit es jeder immer und immer wieder sehen kann! Ja, das wäre ein Anfang.“ Ein Lächeln als Botschaft für den Alltag, aufgemalt und aufgestickt und immer dabei.
Gela legte alles bereit, um mit ihrem Vorhaben zu starten. Sie entstaubte die Nähmaschine und machte sie sich daran, eine Skizze zu zeichnen. Schnell merkte sie, dass sie dabei Hilfe brauchte, deshalb schickte sie ihrer Freundin eine SMS
„Hilfe erwünscht, wir bringen die Welt zum Lächeln! Machst du mit?“
Sie schickte die Nachricht ab und lächelte. Prompt kam die Antwort:
„Ich bin dabei, sag mir wo und wie!“
Und das teilte Gela der Freundin dann auch sofort mit: „Umgehend. Bring Farben und Stoffe mit, gute Laune und ein Lächeln.“
Noch während sie die SMS absandte, trat sie vor den Spiegel und staunte. Es war ein anderes Gesicht, das ihr entgegen strahlte, als heute Morgen, ein leuchtendes Gesicht mit einem Lächeln, das die Wangen und die Augen endlich wieder erreichte.

© Regina Meier zu Verl

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Seit meine Oma den Bücherschrank in der Stadt betreute, für den eine alte Telefonzelle eingerichtet wurde, hatte sie jede Menge zu tun. Aber sie tat es gerne, denn sie war eine Leseratte und freute sich über jedes neue Buch, das sich im öffentlichen Bücherschrank einfand. Das war dann auch das Verrückte an der Sache, denn Oma konnte an keinem, wirklich an gar keinem Buch vorbeigehen, ohne es sich genauer anzusehen, darin zu blättern und die ersten paar Seiten zu lesen. Und dann fand sie es so interessant, dass sie es erstmal mit nach Hause brachte.
Seitdem stapelten sich hier die Bücher, die zuerst gelüftet, dann gelesen und anschließend wieder in den Bücherschrank gebracht wurden. Lüften? Ja, wirklich. Oma war allergisch gegen Zigarettenrauch. Manchmal griff sie sogar zum Föhn und föhnte die einzelnen Buchseiten durch. »Damit wird das Klima für die Buchstaben und Worte besser«, hatte sie mir mal erklärt.
Ehrlich, das habe ich bis heute nicht verstanden, aber es konnte mir egal sein. Die Bücher allerdings waren auch mir nicht gleichgültig. Sorgsam blätterte ich sie erstmal Seite für Seite durch. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gefunden habe.
Von den Eselsohren mal abgesehen, fanden sich die ungewöhnlichsten Lesezeichen. Da war vom Bonbonpapier bis zum Brausepulvertütchen aus den 60iger Jahren bis über Haarnadeln und Visitenkarten alles dabei. Das schönste Fundstück war allerdings ein Brief, den ich behalten habe, weil er mir so gut gefällt. Er war in einer feinen Handschrift von einer Eva geschrieben an ihren Hans. Junge, Junge, muss die den geliebt haben. Manchmal legte ich all meine Fundstücke vor mir auf den Tisch und überlegte, was sie wohl so alles erlebt haben mussten, wo sie gewesen sein könnten und ob die Leute, die sie in den Büchern vergessen hatten, jung gewesen waren oder alt, glücklich oder traurig, aufgeregt und gelangweilt, und in meinem Kopf entspannen viele neue Geschichten. Die könnte alle jemand in ein neues Buch, nein, in viele neue Bücher packen. Aufregend war das, echt wahr.
Das war doch eine großartige Idee – ich sollte Geschichten schreiben, Büchergeschichten.
»Oma!«, rief ich laut und warte auf eine Antwort.
»Oma, ich habe eine Idee!«, versuchte ich es noch einmal. Keine Reaktion!
»Oma, ich werde ein Buch schreiben!«, kreischte ich, so laut ich konnte.
»Das sagen sie alle!«, rief Oma und die Stimme kam ganz aus der Nähe. Komisch!
»Und rate, wie viele von ihnen dann tatsächlich ein Buch schreiben!«
»Nicht viele?«, fragte ich, doch das interessierte mich gerade weniger. Nein, was für mich gerade viel spannender war, war die Frage: Wo steckte Oma? Ihre Stimme klang, als hockte sie in dem Buch, das vor mir lag, irgendwo zwischen den Seiten. So nah klang sie. Nah und unsichtbar. Träumte ich das gerade?
Ich blätterte das Buch durch, fand aber gar nichts darin, auch Oma nicht, obwohl mich das gar nicht gewundert hätte.
Jetzt stand sie plötzlich neben mir und schaute mir über die Schulter.
»Wo warst du denn?«, fragte ich.
»Hier, wo sonst?« Oma sah mich verwundert an.
»Die ganze Zeit?«, wollte ich wissen.
»Klar!«, sagte Oma und nahm mir das Buch aus der Hand.
»Aha!«, sagte sie und lächelte vielsagend.
»Vielleicht war ich auch kurz in Narnia, schau, die Schranktür ist noch offen!«
Das konnte sie erzählen, wem sie wollte, aber ich würde ihr das nicht glauben! Ihr vielleicht?

© Regina Meier zu Verl

Kleine Künstlerinnen

Kleine Künstlerinnen

Kira und Anni haben sich zu einem Malkurs angemeldet. Sie freuten sich schon sehr darauf, auch wenn das Wetter in den Sommerferien super war und das Freibad der angesagteste Ort der Welt momentan.
„Vielleicht malen wir ja draußen. Das hätte den Vorteil, dass die Farben schneller trocknen“, meinte Kira und kicherte.
Anni kicherte erst mal auch. Das tat sie stets, wenn andere lachten oder kicherten. Damit lag sie immer richtig. Dann aber wurde sie ernst.
„Man kann beides machen und viel mehr“, sagte sie. „Schwimmbad geht immer, vor dem Malkurs und danach auch. Und Eis essen geht auch immer. Wir können das alles dann auch gleich malen.“
„Anni, du bist genial, du hast immer für alles eine Lösung!“ Kira bewunderte ihre Freundin sehr, mit ihr schien das Leben ein wenig leichter zu sein. Sie selbst machte sich einfach zu viele Gedanken! So auch jetzt gleich wieder. Gleich nämlich kamen ihr Zweifel. Wir können das alles dann auch gleich malen, hatte Anni gesagt. Als ob das so einfach wäre. Sie konnte doch gar nicht malen. Noch nicht. Wie also sollte sie Leute im Schwimmbad oder in der Eisdiele zeichnen? Strichmännchen etwa?
„Leute malen wir erstmal nicht“, sagte Anni auch schon. „Wir fangen mal mit Eis an, dafür brauchen wir Anschauungsmaterial, komm, wir fahren zur Eisdiele, nimm einen Block und Buntstifte mit und Wasserfarben!“, ordnete sie an.
„Okay! Bei Eis bin ich immer dabei.“ Kira strahlte und schon wenig später saßen die Freundinnen im Eiscafé Verona ganz nahe bei der Eis Theke, damit sie das Eis, das sie malen wollen, besser sehen konnten. Am besten aber sah man es, wenn es auf dem Tisch stand, und so bestellten sie ihren ersten Eisbecher, Erdbeere, Kiwi und Zitrone für Anni, Schokolade, Vanille und Engelblau für Kira. Lecker sahen die aus und hübsch mit den Waffeln, die Engelsflügeln ähnelten, und den Schokodrops als Topping. Tolle Motive zum Zeichnen.
Sie machten zuerst eine kleine Skizze, stimmten die Farben mit ihren Buntstiften ab, die Wasserfarben ließen sie erstmal außen vor, dann ließen sie sich dann das Eis schmecken.
„Oh, bene, die Damen sind Künstlerinnen!“, sagte der nette Inhaber, als er an ihren Tisch kam und ihnen über die Schulter schaute.
„Das bringt mich auf eine Idee, bitte nicht weglaufen, Senoritas!“
„Was für eine Idee?“ Anni starrte Kira verwundert an und ließ den Löffel, den sie gerade zum Mund geführt hatte, sinken.
Die Freundin starrte zurück. Knallrot war sie im Gesicht geworden und auf ihrer Stirn stand FLUCHT ganz groß geschrieben.
„W-wir sind doch keine Künstlerinnen“, stammelte sie.
„Doch, das seid ihr!“ Da war er wieder, der nette Besitzer. „Und ihr habt mich auf eine tolle Idee gebracht.“ Er zog sich einen Stuhl vom Nebentisch heran und setzte sich. „Wir machen einen Malwettbewerb!“, sagte er und grinste, wobei eine Reihe strahlend weißer Zähne zu sehen war.
„Wir nehmen eure schönen Bilder als Beispiel, wie großartig so ein gemalter Eisbecher aussehen kann!“
„Aber wir sind doch gar keine …“, stieß Kira hervor und ihr Kopf war nun so rot wie eine Tomate. Halt, nein, wie ein tiefrotes Himbeereis. Sie kam auch nicht dazu, ihren Satz zu beenden, denn Anni fiel ihr ins Wort.
„Super!“, rief sie. „Das machen wir!“
„Klar!“, stammelte Kira, „das machen wir!“
„Wir werden eure Bilder rahmen und einen schönen Text dazu schreiben. Das mit dem Rahmen und dem Text kann ich übernehmen. Selbstverständlich seid ihr beiden meine Gäste! Bestellt euch ruhig noch etwas, euer Eis ist ja ganz geschmolzen mittlerweile!“, sagte Arthuro, der eigentlich Arthur hieß und gar nicht aus Italien kam. Aber das machte ja nichts.
Schnell machten sie sich über ihre Eisbecher her und löffelten sie voller Genuss leer. Erst die mit dem geschmolzenen Eis, das nun wie eine Eissoße schmeckte, und dann die neuen zwei, drei, vier Eisbecher, die ihnen Arthuro mit immer neuen Kostproben brachte. Dann war ihnen erst einmal ein bisschen schlecht, aber es war egal. Sie waren stolz wie Oskar, was machte da schon ein wenig Bauchkneifen?
„Es ist cool, eine Künstlerin zu sein“, sagte Anni später auf dem Nachhauseweg.
Kira nickte. „Obercool.“ Und insgeheim überlegte sie, wen im Städtchen sie am nächsten Tag zum Malen besuchen würden.

© Regina Meier zu Verl

Sonne im Glas

Sonne im Glas

„Das ist Sonne im Glas!“, sagte Oma und hielt das Einweckglas mit Kirschen in die Höhe.
„Quatsch, das sind eingemachte Kirschen!“ Opa tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Genau! Sie sind die Kinder der Sonne. Das weiß doch jeder.“
Opa schüttelte verwundert den Kopf.
„Was du immer für Ideen hast! Aber wenn ich es so recht überdenke …“
Oma lächelte und wartete auf Opas nächsten Satz. Der kam aber nicht, also half sie nach: „Wenn du es so recht überdenkst, dann…“
„Dann bist du eine Künstlerin, meine Gute! Meine geliebte kleine Künstlerin, die es vermag, die Sonne in kleinen Früchten einzufangen und sie für uns aufzubewahren für dunkle Zeiten, die bald wieder kommen werden.“
Er leckte sich über die Lippen.
„Und nun freue ich mich noch mehr auf den Kirschkuchen, den du uns dann als kleinen Sonnengruß backen wirst.“
„Das werde ich sicher tun, aber später. Vorerst gibt es noch so viele frische Früchte im Garten, die wir direkt schnabulieren können, mein Lieber!“, sagte Oma und machte sich schon wieder auf den Weg in ihren geliebten Garten. Opa folgte ihr, doch auf halbem Weg machte er Halt.
„Ich glaube, ich habe da gerade eine Idee“, brummte er, und wie immer, wenn er eine Idee hatte, wurde sein Gesicht hochrot vor Aufregung.
Oma stöhnte. Sie kannte die Ideen ihres Mannes und fürchtete sie ein bisschen.
Sie hörte ihn im Schuppen herumwerkeln und dann pfiff er vergnügt seinen Heimwerkersong. Oma sang mit „Wer will fleißige Opas sehn, der muss in den Schuppen gehn!“
Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ihr Mann mit der Schubkarre angefahren, auf die er viele Bretter und seinen Werkzeugkoffer gestapelt hatte.
Oma erschrak. „Was hast du vor? Ich dachte, du würdest mir bei der Aprikosenernte helfen. Sieh nur, der Baum ist in diesem Jahr voller reifer Früchte und die müssen geerntet werden.“
Sie lächelte und fuhr mit verlockend klingender Stimme fort: „Du liebst doch Aprikosenmarmelade und Linzer Torte so sehr, Liebling, oder? Die Aprikosen warten. Viele kleine Sonnenküsschen.“
„Selbstverständlich, meine Liebste, helfe ich dir bei der Ernte der leckeren Aprikosen! Anschließend musst du mir dann auch helfen, ich möchte Schilder an die Bäume machen: Sonnenkirschen, Sonnenaprikosen, von der Sonne geküsste Zwetschgen und was wir noch alles so in unserem Garten haben und dann laden wir die Nachbarn ein und machen ein Früchtefest und von allem, was wir im Überfluss haben, dürfen die Nachbarn miternten. Was hältst du davon? Aber warte. Ich bin gleich wieder hier. Ich … ich habe noch ein Geschenk für dich.“
„Ein Geschenk?“ Oma stemmte die Arme in die Seite. „Ich habe doch noch gar nicht Geburtstag. Seltsam.“
Aber da war Opa schon im Schuppen verschwunden. Es rumpelte ein wenig und Oma konnte ein paar unfeine Flüche hören, dann kehrte Opa zurück. In den Händen hielt er feierlich zwei Gläser.
„Sonnengläser“, rief er ihr entgegen. „Wir hängen sie in die Bäume. Sie fangen das Sonnenlicht auf und leuchten in der Nacht. Ich wollte sie dir eigentlich zum Geburtstag schenken, aber sag, ist nicht jetzt die passende Gelegenheit dazu?“
Oma lächelte. „Du bist der beste Ehemann von allen!“, sagte sie und drückte Opa einen dicken Schmatzer mitten auf die Schnute.
Was passiert nun mit dem Holz, möchtet ihr wissen? Daraus werden Schilder gemacht, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte!

© Regina Meier zu Verl

Diese herrlichen Aprikosen bringen sicherlich viel Sonne ins Glas – Photo by Tetyana Kovyrina on Pexels.com

Äpfel pflücken ist gefährlich

Äpfel pflücken ist gefährlich

Der Apfelbaum ist voller wundervoller Blüten.
„Wenn die Bienchen fleißig sind und aus jeder Blüte ein Apfel wird, dann haben wir im Herbst und Winter jede Menge Äpfel. Das wäre prima!“, sagt Mama und schaut den Apfelbaum ganz verliebt an.
Ich glaube, sie denkt schon an den leckeren Apfelkuchen, den sie für uns backen wird, und all die anderen Leckereien, die sie aus Äpfeln zaubern kann. Ich denke an etwas anderes, nämlich ob ich dieses Jahr endlich zum Ernten in den Baum klettern darf. Vermutlich wird daraus nichts, aber man darf ja hoffen. Ich höre schon Mamas Stimme:
„Mika, das geht doch nicht, du könntest runterfallen. Nein, das erlaube ich nicht, auf gar keinen Fall!“
„Was guckst du so betrübt?“, fragt Mama. „Du magst doch auch gern Apfelmus und Apfelsaft und ach, es gibt so vieles, was wir mit den Äpfeln machen können.“
„Aber zuerst muss man sie ernten“, wage ich einen ersten Vorstoß. „Das ist mächtig viel Arbeit.“
Mama lacht.
„Nein, mein Schatz! Erst muss man warten, bis die Blüten befruchtet und sich daraus kleine Äpfelchen bilden werden. Und dazu braucht unser Baum …“
Sie hält inne. „Was? Weißt du es?“
Ich rolle die Augen. Peinlich, diese Frage.
„Komm mir jetzt bloß nicht mit den Bienchen und den Blüten! Das ist Schnee von gestern!“
Erstaunt sieht Mama mich an. Ob sie wohl gar nicht weiß, wie groß ich schon bin und was ich alles so weiß?
„Was meinst du?“, fragt sie und ich weiß, dass sie genau weiß, um was es geht.
„Das weißt du ganz genau“, schnaube ich. „Aber bitte schön, ich sag’s halt nochmal: Die Bienen befruchten die Blüten. Nur dann funktioniert das mit Äpfeln, klaro?“
„Nice!“, sagt Mama und ich wundere mich doch sehr. Wo hat sie denn das schon wieder her?
„Ich wollte nur mal hören, ob du das mit der Befruchtung verstanden hast!“, fügt sie hinzu und schmunzelt.
„Du bist eben doch schon ein großer Junge.“
„Stimmt und deshalb werde ich die Äpfel in diesem Jahr direkt vom Baum holen, mit meinen eigenen Händen. Dann kannst du mir nicht mehr sagen ich sei zu klein!“
„Du?“ Mama stemmt die Hände in die Hüften und sieht mich an mit diesem energischen Mamablick, der nichts Gutes verspricht und der auch nicht mehr nach ’nice‘ aussieht. „Du meinst, weil du dich mit Apfelblüten auskennst, hast du die Fähigkeiten, zur Ernte auf einen Baum zu klettern? Also ich …“
„Also du solltest deinem Sohn auch mal etwas zutrauen. Schließlich sind wir dann alle dabei und wenn er verspricht, nicht allein in den Bäumen herumzuklettern, dann sollten wir ihm das gestatten!“ Papa hat der Unterhaltung schon eine Weile zugehört und mischt sich nun ein. „Außerdem hat er noch viel Zeit zum Üben, bisher sehe ich nur Blüten.“
„Eben!“ Ich schnaube innerlich. Ein Glück, dass Papa mir zum rechten Moment zu Hilfe kommt, auch wenn Mama nun die Nase rümpft. Pah! Was beide nicht wissen: Das mit dem Klettern übe ich schon seit einem Jahr und was sie auch nicht wissen, ist, dass ich im letzten Herbst in Frau Krauses Garten die Äpfel schon geerntet habe. Ganz allein und gleich auf drei Bäumen. Und ehrlich, das müssen sie auch nicht unbedingt wissen.

© Regina Meier zu Verl

Krümel träumt – Reizwortgeschichte

Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig
Das waren die Wörter, die heute mit eingebaut werden mussten. Wir sind heute nur zu zweit, da Lore sich von einem heftigen Sturz erholen muss. Wir wünschen ihr gute Besserung und freuen uns, wenn sie bald wieder dabei sein kann!
Lest bitte auch bei MARTINA KLICK

Hier kannst du dir die Geschichte anhören:

Krümel träumt

Krümel hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf. Da war doch ein Geräusch gewesen, mitten in der Nacht. Da! Schon wieder. Krümel bellte zweimal kurz „Wuff, Wuff!“ Dann lauschte er aufmerksam. Er hörte nichts mehr und legte sich wieder bequem hin. Ach, er war so müde und hatte auch überhaupt keine Lust, Einbrecher zu verjagen. Sicher hatte er geträumt.
Er versuchte, sich zu erinnern, wovon er geträumt hatte. Es war doch gerade so schön gewesen. War da nicht ein Hundemädchen vorgekommen? Verflixt, Krümel wusste es nicht mehr und jetzt konnte er auch nicht wieder einschlafen vor lauter Denkerei. Wie blöd war das denn!
Vielleicht könnte er mal kurz in die Küche gehen und einen Schluck trinken, sicher schaffte er es anschließend, wieder in seinem geräumigen Kuschelkorb einzuschlafen. Einen Versuch war es wert. Also, ab in die Küche. Dort schlabberte er den gesamten Wassernapf leer und bedauerte, dass da nicht ein einziges Leckerchen im Fressnapf lag. Dabei mochte er doch diese gelben Hunde-Biskuits so gern, bei denen vorn auf der Tüte diese süße Hundedame abgebildet war. Die war es auch, die ständig in seinen Träumen vorkam, jetzt fiel es ihm wieder ein. Was gäbe er dafür, die Süße jetzt betrachten zu dürfen, die Tüte dürfte auch ruhig leer sein. Irgendwo hatte er doch neulich eine dieser Verpackungen aus dem Müll gerettet und versteckt, wo war das nur gewesen?
Krümel machte sich auf die Suche. Er fing in der Küche an. Unter dem Tisch war nichts, unter der Eckbank auch nicht. Die Schränke konnte er nicht öffnen und die Arbeitsplatte war unerreichbar für ihn. Weiter ging es im Wohnzimmer. Er krabbelte unters Sofa, schaute hinter den Sofakissen, wobei er sie im hohen Bogen ins Zimmer warf. Selbst in den großen Topfblumen fand er nichts auf Anhieb. Vielleicht hatte er die Tüte dort verbuddelt? Mit den Vorderpfoten schob er zunächst vorsichtig die Erde ein wenig zur Seite. Als er nichts fand, wurde er ärgerlich und schließlich vergaß er, dass er im Wohnzimmer war und nicht draußen im Garten, er buddelte also heftig, so dass die Blumenerde nur so flog. Die Tüte fand er nicht und nach der Niedergeschlagenheit meldet sich dann das schlechte Gewissen. Krümel zog den Schwanz ein und wimmerte. Was hatte er nur wieder angestellt. Da würde Mama sicher heftig schimpfen. Vor lauter Not musste er nun auch noch pinkeln, ganz dringend musste er. Er erleichterte sich auf der Blumenerde, die auf dem Teppich lag, oh, das tat gut!
Als Mama am nächsten Morgen das Malheur entdeckte, kreischte sie so laut, dass Krümel vor lauter Schreck in den Flur flitzte und in seine Transportbox kletterte, die unter der Garderobe stand. Eigentlich mochte er diese blöde Box gar nicht leiden, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass es dann zum Tierarzt ging, und der piekte ihn dann mit dieser furchtbaren Spritze. Aber heute fühlte er sich in der Box in Sicherheit. Mit der Schnauze zog er sogar das Gitter von innen zu und sagte keinen Mucks mehr. Den ganzen Vormittag blieb er darin und als er sich sein Kissen zurechtschieben wollte, knisterte es ein wenig. Da war sie ja, die Tüte mit dem Portrait der Angebeteten. So wurde doch alles wieder gut und Mama, die beruhigte sich auch bald wieder, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl