Sterne am Birnbaum

Heute haben Nora und ich besprochen, dass wir gemeinsam eine Geschichte schreiben möchten. Nora hat das Thema vorgegeben und ich habe geschrieben. Nora ist ja erst 3,5 Jahre alt, die Fantasie funktioniert, aber mit dem Schreiben müssen wir noch ein wenig warten (glücklicherweise)

Sterne am Birnbaum
„Ich wünsche mir, dass auf dem Birnbaum Sterne wachsen!“, sagt Nora zu Oma. Die beiden machen während einer Regenpause einen Spaziergang durch den Garten und Oma erklärt, was für Bäume und Sträucher sich da finden. Noch ist alles kahl, aber schön bald werden die Forsythien und Magnolien blühen und auch die Obstbäume werden nach und nach voller Blüten sein.
„Ach, das wird schön!“, seufzt Oma und kann es kaum noch erwarten. Auch Nora freut sich auf den Frühling, wenn sie endlich wieder im Garten herumtollen darf und die Sonne sie wärmt.
„Oma, was wird schön? Wenn Sterne auf dem Birnbaum wachsen? Meinst du, das könnte klappen, wenn ich es mir ganz fest wünsche?“, fragt Nora.
„Wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann kann es sein, dass es in Erfüllung geht“, meint Oma. „Aber manchmal funktioniert es auch nicht! Warum wünschst du dir Sterne am Birnbaum?“, will Oma jetzt wissen.
Als sie keine Antwort bekommt, fragt Oma weiter: „Möchtest du diese Sterne auch essen, oder sollen sie einfach nur leuchten wie die Sterne am Himmel?“
„Sie sollen im Garten Licht machen, ich mag es doch nicht so, wenn es dunkel ist. Und ab und zu könnte man mal einen essen. Die schmecken dann sicher lecker!“, sagt Nora und reibt sich ihren kleinen Bauch.
„Warten wir einfach mal ab. Zuerst muss der Baum blühen und die Bienen müssen kommen und die Blüten bestäuben und dann können die Früchte wachsen. Das alles dauert noch bis zum Spätsommer. Vorher dürfen wir uns aber schon auf Kirschen und Frühäpfel freuen“, schwärmt Oma und sie hat auch schon eine Idee, wie demnächst Sterne auf dem Birnbaum wachsen könnten, aber zuerst … ihr wisst schon: zuerst müssen wir geduldig auf die Blüte warten.
Bis zum Spätsommer möchtet ihr nicht warten? Verstehe ich, deshalb verrate ich Omas Gedanken. Also, zuerst wird Oma mit Nora geduldig auf die Blüte warten und die Bienen beobachten und dann wird sie sehen, wie winzig kleine Birnen heranwachsen und wenn sie dann feststellt, dass keine Sterne dabei sind, obwohl sie es sich doch ganz fest gewünscht hat, dann wird sie nachhelfen – aber nur dann. Wie? Sie wird eine Lichterkette in den Baum hängen, eine mit Sternen natürlich, die kann man zwar nicht essen, aber das Problem mit der Dunkelheit wird sie lösen. Genial, oder?

© Nora & Regina Meier zu Verl

Von Meisen und Mäusen

Von Meisen und Mäusen

„Blaumeisen und Kohlmeisen sind auf jeden Fall täglich da, auch mehrere Rotkehlchen kommen immer wieder und die frechen Spatzen sowieso!“, erzählt Oma, die nichts mehr liebt, als vom Esszimmerfenster aus die Besucher auf ihrer Terrasse zu beobachten.
„Und die großen dicken da vorn, was sind das für Vögel?“, will Lio wissen und klopft an die Scheibe. Im Nu sind alle gefiederten Freunde verschwunden.
„Hey, du darfst sie nicht stören beim Fressen, sie haben doch Angst vor uns!“, schimpft Oma.
„Oh, das wollte ich nicht!“, sagt Lio schuldbewusst.
„Die Großen, das sind Drosseln“, erklärt Oma. „Die schaffen es nicht, an die Meisenknödel zu kommen und auch das kleine Futterhäuschen ist für sie schlecht zu erreichen, deshalb streue ich für sie immer ein wenig Futter auf den Schnee. Das darf aber der Opa nicht sehen, dann schimpft er mit mir!“, erzählt Oma und lacht.
„Warum das denn?“, will Lio wissen.
„Weil er sagt, dass ich die Mäuse damit anlocke und wenn sich dann mal eine im Haus verirrt, dann ist das meine Schuld, behauptet Opa.“
Nun muss auch Lio lachen. „Das ist doch Quatsch. Hast du schonmal in Opas Pferdestall geguckt? Da wohnen unzählig viele Mäuse, die fressen alles, was sie kriegen können, die kleinen Schelme!“
„Und die verirren sich natürlich nicht im Haus, die hat Opa erzogen, nicht wahr?“ Oma lacht zwar noch, aber ein bisschen ärgerlich wird sie nun doch.
„Na warte, mein Lieber!“, sagt sie drohend und meint damit nicht den Lio.
„Aber verrate nicht, dass ich dir das erzählt habe!“, bitte Lio.
„Ach was, das wusste ich doch längst“, sagt Oma. „Hast du Lust, eine Runde mit mir spazieren zu gehen?“, fragt sie und da ist Lio sofort dabei. Schnell ziehen die beiden ihre Winterstiefel, die dicken Jacken und Handschuhe an und Omas selbstgestrickte Mützen wärmen die Ohren.
„Was hast du im Sinn, Oma?“, fragt Lio, der seine Oma ganz schön gut kennt. Wenn sie freiwillig rausgeht, ohne im Garten zu arbeiten, was ja jetzt im Winter nicht möglich ist, dann braucht sie die frische Luft als Treibstoff für ihren Kopf. So hat sie ihm das einmal erklärt und oft entstehen dann nach den Spaziergängen Geschichten.
„Na, was werde ich wohl im Sinn haben?“ Oma lacht. „Eine Geschichte!“
Lio strahlt. Er mag Omas Geschichten sehr und meist ist er der Erste, der sie hören oder lesen darf.
„Worum geht’s diesmal?“, fragt er neugierig.
„Rate!“ Oma grinst, kein Anflug mehr von schlechter Laune.
„Geht’s um die Vögel auf der Terrasse?“
„Nein, die habe ich schon so oft für meine Geschichten verwendet!“
„Geht’s um Opa?“
„Nur ein bisschen, auf jeden Fall wird es eine Geschichte werden, die Opa zu denken geben wird – oder die ihn ärgert, je nachdem!“
„Du machst es aber spannend!“ Jetzt möchte Lio doch gern wissen, was Opa ärgern könnte, ob Oma ihn doch verraten würde. Nein, das sah ihr gar nicht ähnlich, vor allen Dingen dann nicht, wenn sie etwas versprochen hatte. Auf Oma war Verlass, immer.
Eine Weile schweigen beide. Dann sagt Oma: „Die Geschichte der Terrassen- und Stallmäuse! Das ist der Titel, damit du weißt, um was es geht und nun hilf mir beim Denken!“, fordert sie Lio auf und der schnattert auch sofort los.
„Es waren einmal ein paar Terrassenmäuse und viele, viele Stallmäuse…“

© Regina Meier zu Verl

Das kannst du nicht

Das kannst du nicht

Mucksmäuschenstill wurde es, als sich Esther erhob und in die Mitte des Raumes stellte. Sie blickte kurz in die Runde, lächelte und schlug ihr Buch auf und begann zu lesen:
„Ich lese ein Kapitel aus meinen Kindheitserinnerungen.
Es war ein paar Tage nach meinem sechsten Geburtstag. Ich hatte von meinen Eltern ein Fahrrad bekommen, konnte aber noch nicht fahren. Wie auch? Ohne Fahrrad war das eben unmöglich gewesen. Heute fangen die Kinder mit Laufrädern an, oder mit dem Dreirad. Meist können sie dann schon fahren und benötigen auch keine Stützräder mehr, wenn sie ein „richtiges“ Fahrrad bekommen.
Für mich war es schwer, das Fahren zu erlernen, denn ich war von jeher ein ängstliches Kind gewesen. Geschürt durch die Ängste meiner Mutter traute ich mir nichts zu. Aber ich war ehrgeizig, und das in jeder Beziehung, sogar beim Fahrradfahren.“
Esther hielt kurz inne und schaute in die Runde. Sie entdeckte kein bekanntes Gesicht, was nicht ungewöhnlich war, denn sie war heute in einer für sie völlig fremden Stadt. Wenn sie daheim Lesungen hielt, dann kamen oft die gleichen Zuhörer, was angenehm war und doch wieder nicht. Stets zweifelte Esther nämlich, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlte, wenn sie wahre Geschichten erzählte und so vermied sie, zu Hause aus ihren Kindheitserinnerungen vorzulesen. Bei diesem ersten Absatz hätte sich ihre Mutter sicherlich geärgert. Sie hörte ihre Stimme: „Geschürt durch die Ängste meiner Mutter? Was soll das denn heißen? Habe ich nicht alles für dich getan?“
Esther räusperte sich und fuhr fort:
„Mutig stieg ich immer wieder auf, immer und immer wieder, und schaffte es nach einiger Zeit ein paar Meter zu fahren, sprang dann aber wieder vom Rad und blieb mit klopfendem Herzen daneben stehen. Mama gab Anweisungen vom Straßenrand aus. „Kind, fahr vorsichtig! Pass auf, da kommt ein Schlagloch, du musst es umfahren. Sitz doch nicht so verkrampft! Du musst nach vorn schauen!“
Ich weiß, dass Mama es gut meinte. Aber manchmal ist eben weniger mehr. Sie traute es mir nicht zu, dass ich es schaffen würde. Erst viel später habe ich verstanden, warum das so war. Sie selbst hatte als Kind kein Fahrrad gehabt, es waren Kriegszeiten und auch ihre Mutter, meine Großmutter, war eine eher ängstliche Person. Ihre eigenen Wünsche stellte sie stets hintenan und versuchte meinem Großvater alles recht zu machen. Der nutzte das aus, was ich allerdings als Kind nicht so gesehen habe. Ich liebte meinen Opa sehr und er hat ein sehr wichtiges Stück meiner Kindheit wunderschön bereichert und in mir die Liebe zur Literatur, der Musik und zur Natur erweckt. Jedenfalls glaube ich, dass er es war, denn in vielen Dingen finde ich mich wieder und noch heute denke ich sehr viel an ihn. Er traute mir alles zu und sagte niemals den Satz: Das kannst du nicht!“
Im Publikum bekam jemand einen Hustenanfall. Esther unterbrach ihren Vortrag für einen Moment, nahm einen Schluck Wasser und setzte erst wieder an zu erzählen, als sich die Dame wieder gefangen hatte. „Entschuldigen Sie!“, rief die Frau. Doch Esther wehrte ab. „Alles ist gut!“, sagte sie.
„Nein, ist es nicht!“, schluchzte die Frau und alle sahen sich erstaunt nach ihr um. Was war denn nur in sie gefahren? Jemand reichte ihr ein Taschentuch und ein Glas Wasser. Die Anwesenden murmelten leise. Esther war verunsichert. Sollte sie ihren Vortrag fortsetzen, so, als sei nichts gewesen? Innerlich entschied sie sich dagegen, aber sie war nicht sicher, was man nun von ihr erwartete. Eine derartige Situation hatte sie noch nicht erlebt. Allerdings blitzte ein kleiner Hoffnungsschimmer, die Lesung zu retten, in ihr auf, als sie spontan ihre Gitarre zur Hand nahm, sich auf den Barhocker setzte, den man für sie bereitgestellt hatte und ein paar leise Akkorde anschlug. Sofort wurde es wieder still. Esther spielte eine Weise, die sie auch zu Hause spielte, wenn sie sich beruhigen wollte. Das funktionierte eigentlich immer und auch die Zuhörer genossen die butterweiche Melodie und die perlenden Tonfolgen. Während sie spielte, beschloss sie, die Erinnerungsgeschichte vorsichtig wieder aufzunehmen, ließ aber die Stellen aus, die eine erneute Traurigkeit verursachen könnte.
„Ich komme nun zum Ende dieses Kapitels meiner Kindheitserinnerungen, damit wir uns einer anderen Geschichte widmen können. „Das kannst du nicht!“, war ein Satz in meiner Kindheit, den ich oft zu hören bekommen habe. Vielleicht war es gerade dieser Satz, der mich gestärkt hat, denn ich wollte allen beweisen, dass ich eben doch kann, was ich können möchte! Ich fiel hin und stand wieder auf, richtete meine Krone, wie man heute so treffend sagt und wurde zu der Frau, die ich heute bin. Und ja, ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit mir kleinen Hindernissen hatte. Doch es waren nur kleine Steine, die da im Weg lagen. Ich habe sie zur Seite gekickt und weitergemacht!“
Esther schlug ihr Buch zu und ihr erster Blick ging in Richtung der Frau, die noch vor ein paar Minuten vom Weinen geschüttelt wurde. Sie saß entspannt auf ihrem Stuhl und lächelte Esther an. Nach der Lesung kam sie zu ihr und bedankte sich für den Abend. „Ich kann das auch! Sie haben mir Mut gemacht!“, sagte sie und drückte Esther die Hand.

© Regina Meier zu Verl

Mira und das Weiß

Mira und das Weiß

„Ich spüre es im rechten dicken Zeh!“, sagt Oma, als Mira bei ihr zu Besuch ist. „Morgen wird es schneien!“
Mira hüpft vom Sofa und tanzt durch das Wohnzimmer. „Juchhu!“, ruft sie und springt wieder aufs Sofa, um Oma einen dicken Kuss zu geben.
„Ach ja!“ Oma seufzt und fasst sich ins Kreuz. „Eigentlich kann ich mich dieses Mal gar nicht auf Schnee freuen. Mein Ischias hat so gar keine Lust auf Spaziergänge im Schnee. Und wie ich mit diesen Schmerzen den Bürgersteig fegen soll, ist mir jetzt schon ein Rätsel.“
Mira lässt sich die Freude aber nicht verderben.
„Ach Oma, das mache ich dann einfach für dich, ist doch kein Problem. Und wenn ich es allein nicht schaffe, dann muss Opa mir eben helfen!“, schlägt sie vor.
„Soso!“, macht Oma nur und blickt zu Opa hinüber. Der sitzt wie fast immer im Winter vor seiner kleinen Staffelei und malt. Er malt den Winter. Und meist tut er dann so, als würde er nicht zuhören, wenn Oma oder MIra etwas sagen.
„Opa, sag du doch auch einmal etwas dazu!“, bittet Mira. Sie weiß aber schon jetzt, was Opa sagen wird, nämlich: Der Schnee bleibt liegen, bis ich ihn gemalt habe!
Und da spricht er es auch schon aus. „Was stört euch an dem wundervollen Weiß, das noch gar nicht da ist? Der Schnee bleibt liegen, bis ich ihn gemalt habe, Punkt!“, sagt er. „Also ich freue mich darauf und wie ihr wisst, ist Vorfreude die allerschönste Freude.“
„Aber Opa, Weiß ist doch eigentlich langweilig, findest du nicht? Ich mag Weiß nur, wenn es Schnee ist!“, meint Mira.
Hm! Darauf wissen die Großeltern nicht gleich etwas zu sagen.
„Du quengelst“, sagt Oma.
„Es gibt nicht nur ein Weiß“, brummt Opa. „Weiß hat viele Farben. Schneeweiß ist eine davon.“
„Hellweiß und Dunkelweiß?“, fragt Mira und kichert. “So wie Hellschwarz und Dunkelschwarz?“
„Das kommt der Sache schon näher.“ Opa brummt noch immer, freundlicher jetzt.
„Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffst, mir zehn Beispiele mit verschiedenen Weißtönen zu zeigen. Schau dich um und suche das Weiß und das vergleichen wir dann mit dem Weiß der Schneeflocken. Morgen, wenn wir Glück haben und es schneien wird.“
Das gefällt Mira, sie sucht im Zimmer nach weißen Dingen und entdeckt zuerst Omas Strickzeug. „Da!“, ruft sie. „Das ist weiß, aber nicht schneeweiß! Es erinnert mich an Vanilleeis und das würde ich jetzt gerne essen. Oder Käsekuchen, der ist auch weiß. Gelbweiß. Und Sahnetorte. Und weiße Schokolade, Schaumküsse, Vanillesoße, Kokosriegel, Puderzucker, oh, hm, Weiß schmeckt lecker und jedes von ihnen sieht anders aus. Toll!“
„Jetzt habe ich Hunger bekommen!“, sagt Opa und wäscht seinen Pinsel aus. „Sollen wir mal eine kleine Kekspause machen?“, fragt er.
„Einverstanden!“, sagt Oma und legt ihr Strickzeug zur Seite. Mira holt die Keksdose aus der Küche und Oma setzt einen Kaffee auf. Als die drei dann gemütlich im Wohnzimmer sitzen, entdeckt Mira die erste Schneeflocke und es werden immer mehr.
„Da haben wir wohl den Schnee herbeigeredet!“, meint Opa und lacht.
Mia lacht auch. „Dann sind wir Schneezauberer! Ist das nicht toll?“

© Regina Meier zu Verl

Wer sucht, der findet

Wer sucht, der findet

Rechtzeitig, bevor der Frost kam, wurde im Stadtpark die kleine Wiese geflutet, auf der, wie in jedem Jahr, eine Eislauffläche für die Kinder entstehen sollte.
Anton und Nele hatten das beobachtet und in ihnen wuchs schon die Freude aufs Eislaufen. Prompt fror es in der nächsten Nacht und dann auch in den darauffolgenden Tagen und Nächten.
„Ich glaube, wir können schon mal unsere Schlittschuhe bereitstellen“, sagte Nele.
„Au ja. Wo sind sie denn?“ Anton schaute sich suchend um, so, als kämen ihm die Schlittschuhe jeden Moment entgegen.
„Auf dem Dachboden, glaube ich. Oder im Keller? Oder in der Garage oder … bei Opa?“, zählte Nele auf.
„Hm, dann mal los! Suchen wir sie!“, schlug Anton vor. Zuerst stiegen sie gemeinsam auf den Dachboden.
„Ui, ist das hier staubig!“, meinte Nele, als sie ein paar Kisten an die Seite geräumt hatten und der Staub in den Sonnenstrahlen, die in die Dachluke schien, tanzte!
„Staubig und kalt.“ Anton rieb sich die Hände. „Lass uns schnell suchen, ist so schweinekalt hier!“
„Schweinekalt?“, fragte Nele.
„Ja, das sagt man doch so!“, erwiderte Anton.
Sie suchten den ganzen Dachboden ab, lugten in alle Ecken, hoben alle Kisten und Koffer an, schauten in alte Schränke und fanden viele wunderbare Schätze. Nur die Schlittschuhe, die waren nicht da.
Weiter ging es im Keller. Nele musste sich überwinden, denn in den Keller ging sie eigentlich gar nicht gern. Gut war aber, dass Anton bei ihr war, dann fürchtete sie sich nicht so sehr und außerdem wollte sie unbedingt die Schlittschuhe finden. Aber wie es so ist mit Dingen, die man unbedingt sucht. Man ist sich so sicher, sie da oder dorthin gelegt zu haben, aber dann stimmte dieses Bild, das man im Kopf hatte, doch nicht. Und genauso erging es den Geschwistern nun. Im Keller nämlich waren die Schlittschuhe ebenfalls nicht.
Also, auf in die Garage – aber da war es lausig kalt, noch kälter als auf dem Dachboden. Also mummelten sich die beiden erstmal dick ein und dann machten sie sich auf die Suche. Die Hände waren schon ganz steif von der Kälte und die Nase gefror, jedenfalls fühlte es sich so an, als Anton ein Gedankenblitz traf. „Die Schlittschuhe sind doch im Keller!“, rief er freudig aus. „Jetzt weiß ich auch genau wo!“
Schnell rannten die Kinder ins Haus, hüpften die Kellertreppe hinunter. Anton öffnete die alte Gefriertruhe, die die Eltern abgeschaltet hatten, weil sie ein zu großer Stronmfresser war.
„Da hinein packen wir die Schlittschuhe. Das passt!“, hatte Mama gesagt, „Gefrierschrank und Eis und Schlittschuhe!“
Und da lagen sie auch, die Schlittschuhe. Aber nicht nur die. Noch weitere Pakete lagen darin, hübsch verpackt in buntes Weihnachtspapier.
Weihnachtspapier? Weihnachten war doch schon vorbei. Hm!
Sollten die Eltern die etwa vergessen haben? Komisch war das auf jeden Fall, so komisch, dass Mama laut lachte, als Anton und Nele ihr davon erzählten.
„Könnt ihr euch nicht an die Hektik am Tag vor Weihnachten erinnern, als Papa unbedingt noch etwas besorgen musste, weil Pakete verschwunden waren? Aber das könnt ihr ja nicht wissen!“ Mama lachte und lachte und am Abend, als Papa auch da war, machten sie nochmal eine kleine Nachweihnachtsbescherung, schön, dass der Baum noch stand!

© Regina Meier zu Verl

Claras Puppenstube

Claras Puppenstube

Zufrieden trat Steffen einen Schritt zurück, um sein Werk noch einmal mit gebührendem Abstand zu betrachten. Schön war die Puppenstube gelungen, die sich Carla so dringend zu Weihnachten wünschte. Seine Tochter hatte ihm genau beschrieben, wie ihr Wunsch aussah und er, Steffen, hatte sich bemüht, alles genauso umzusetzen. Eine Puppenstube, die anders war als die, die man kaufen konnte, sollte es sein. Und ganz wichtig: Nichts durfte rosa sein. Die Farbe mochte Carla nämlich nicht leiden. Außerdem sollte ein Platz für einen Esel vorhanden sein. Einen Esel? Steffen fand, dass diese Bedingung am schwersten umzusetzen war. Jedenfalls war ihm das so vorgekommen, doch dann hatte er die Idee gehabt, gleich einen ganzen Stall anzubauen, so wie es damals auch in seinem Zuhause war, auf dem Bauernhof vor langer Zeit.
»Eine Stube mit Stall!« Er grinste. »Das muss mir erst einmal jemand nachmachen.«
»Das ist nichts Neues, Junge!«, brummelte Urgroßvater Hinrich, der mit einem Buch neben ihn saß und las. »Auf dem Land hatte man das früher so. Ich habe das noch manchmal gesehen.«
»Was? Wohnen mit Stall?« Steffen staunte. Er stellte sich das nicht so angenehm vor und sicherlich hatte das doch gestunken!
»Klar, die Tiere haben die Deele mit ihren Körpern gewärmt, so dass im Winter die Kälte nicht in die Küchen kriechen konnte, die war nämlich meist direkt neben der Deele. Erinnerst du dich gar nicht mehr an unseren Hof, mein lieber Steffen?«
»Schon. Aber daran nicht.« Steffen zögerte. »Aber die Stube, die sehe ich noch genau vor mir. Gemütlich war sie und den großen Kamin habe ich über alles geliebt. Es war so kuschelig, so heimisch.« Er zögerte wieder und sagte dann leise: »Wenn mich jemand nach meiner Heimat fragt, so muss ich immer an die Geborgenheit auf dem alten Hof denken.“
Der Urgroßvater schmunzelte. »Daher ähnelt deine Puppenstube wohl ein bisschen unserer alten Deele, nicht wahr?«
Steffen nickte. »Weißt du was? Ich werde auch noch versuchen, ein paar Tiere zu finden. Irgendwo auf dem Dachboden ist sicher noch mein altes Holzspielzeug, ich schaue gleich einmal nach!«, verkündete er.
Der Urgroßvater klappte sein Buch zu und schloss die Augen. Es dauerte gar nicht lange, da war er eingeschlafen und jetzt könnt ihr euch sicherlich denken, wovon er träumte, oder? Richtig, er war ein Kind und befand sich auf dem Bauernhof. Gerade war ein Kälbchen geboren worden. Der Urgroßvater rieb es mit Stroh trocken und durfte ihm einen Namen geben. Wilhelm hatte er es taufen wollen. Das war der Name des letzten Kaisers und von dem hatte ihm sein Urgroßvater so oft und so viele Geschichten erzählt, dass der kleine Hinrich so unbedingt auch einen Wilhelm haben wollte. Aber alle Hofbewohner hatten die Nasen verzogen. Einen Kaiser Wilhelm wollten sie nicht auf dem Hof haben, nicht einmal im Kuhstall. Aber gelacht haben sie noch in der lange in der Familie, wenn sie von dem Willhelm-Kalb sprachen.
Mittlerweile war Steffen wieder vom Dachboden hinabgestiegen und wollte seine Ausbeute an Holztieren dem Urgroßvater zeigen. »Großvati, schläfst du?«, flüsterte er und legte seine Hand sanft auf die Schulter des alten Mannes.
»Nein, nein, ich ruhe nur ein wenig!«, sagte dieser.
»Schau, was ich gefunden habe!« Steffen zeigte einen Esel, ein Schaf und eine Kuh mit ihrem Kälbchen. Der Urgroßvater griff nach dem Kälbchen und schaute es mit Tränen in den Augen an. »Wollen wir es Wilhelm nennen?«, fragte er.
»Sicher, wenn du das möchtest, heißt es jetzt Wilhelm!«, sagte Steffen und als er die glücklichen Augen des alten Mannes sah, freute er sich schon darauf, wenn Carla und der Urgroßvati gemeinsam mit der Puppenstube spielen würden.

© Regina Meier zu Verl

Baumgeflüster

Hier kannst du die Geschichte auch anhören: KLICK
Baumgeflüster

„Weißt du eigentlich, dass die dicke Eiche auf unserem Hof reden kann, Opa?“, fragt Jan seinen Opa, der gerade hinter dem Schuppen eine Zaunlatte repariert.
„Klar, weiß ich das. Ist ein richtiges Plappermäulchen, die Dicke!“, sagt Opa und grinst übers ganze Gesicht.
„Du glaubst mir wohl nicht!“ Jan kennt diesen Tonfall und das dazugehörende Grinsen.
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass sie plappert!“
„Ja, aber das sagst du nur so. In Wirklichkeit denkst du, dass ich spinne!“ Jan kickt mit dem Fuß einen dicken Ast zur Seite. „Aua!“ Der Ast war härter als gedacht.
„Hast du dir was getan?“, fragt Opa besorgt. Er lässt den Hammer fallen und geht auf Jan zu. Doch der ist verärgert. Schnell läuft er davon.
„Nun warte doch, Junge! Was hat sie denn nun gesagt, die Eiche?“, ruft Opa.
„Sie sagt, dass Erwachsene blöd sind!“, antwortet Jan ohne sich umzuschauen. Im gleichen Moment tut es ihm schon wieder leid. Er wollte Opa doch erklären, wie Bäume miteinander reden, denn die plappern natürlich nicht so wie die Menschen. Aber soweit ist er ja gar nicht gekommen, gleich hat Opa das ins Lächerliche gezogen und das findet Jan blöd, sehr blöd sogar.
Jan setzt sich auf die Bank vorm Haus, zieht seinen Schuh und den Strumpf aus und reibt seinen schmerzenden Zeh. Als Opa am Haus angekommen ist, setzt er sich zu Jan auf die Bank.
„Tut mir leid!“, sagt Opa.
„Mir tut es auch leid!“, sagt Jan und dann grinsen sie beide.
„Ist dein Zeh verletzt?“, will Opa wissen.
„Nein, ich glaube nicht, sehen kann man nichts. Ist ja meine eigene Schuld!“, sagt Jan und streckt Opa den Fuß hin. „Guck du doch mal!“
Vorsichtig bewegt Opa Jans Zeh hin und her.
„Scheint alles in Ordnung zu sein!“, sagt er dann. „Vielleicht sollten wir trotzdem ein wenig mit Eis kühlen“, schlägt er vor und macht sich auf den Weg ins Haus. „Bin sofort zurück!“
Als er mit einem leckeren Eis zurückkommt, das zwar nicht den Zeh kühlt, aber Jans Zunge, ist die Welt wieder in Ordnung.

„So, und jetzt erzähl mir mal, was die dicke Eiche gesagt hat!“, bittet Opa.
„Na ja, so richtig gesprochen hat sie nicht, also so mit Worten wie wir, meine ich. Aber Bäume reden miteinander“, erklärt Jan seinem Großvater. „Heute war ein Förster in unserer Schule, der hat uns erzählt, dass die Bäume so eine Art Netzwerk haben, in dem sie sich miteinander verständigen können!“
„Wie im Internet?“, fragt Opa.
„Ja, ganz ähnlich, sie brauchen dafür aber keinen Computer, sie machen das mit Gerüchen, Geschmäckern und mit ihren Wurzeln!“, erzählt Jan.
Opa ist beeindruckt und will mehr wissen.
„Hat der Förster euch auch erklärt, wie das geht?“
„Ja, alles habe ich nicht behalten, aber gemerkt habe ich mir, die Sache mit den Raupen!“
„Igitt, ich mag keine Raupen!“, meint Oma, die gerade aus dem Haus kommt.
„Setz dich zu uns, der Jan erklärt mir gerade wie die Bäume miteinander reden!“, sagt Opa und klopft mit der flachen Hand auf die Bank. „Komm!“
Jan erzählt weiter: „Wenn eine Raupe an einem Blatt knabbert, dann ist das für den Baum eine Verletzung. Es tut ihm weh. Also wehrt er sich!“
„Ach ja? Was macht er denn? Schüttelt er sich?“, fragt Oma lachend.
„Du sollst den Jungen ernst nehmen!“, schimpft Opa. „Rede weiter, Jan!“
„Er schüttelt sich nicht, das kann er gar nicht, dazu braucht er Wind. Bäume, die sich von sich selbst aus schütteln können, gibt es nur im Märchen!“ Jan erinnert sich, dass der Förster das auch gesagt hat. „Auch kann ein Baum keine Geräusche machen von sich selbst aus. Er muss zu anderen Mitteln greifen. Passt auf: Die Raupe knabbert und solange es ihr schmeckt, wird sie weiter knabbern. Also verändert der Baum den Geschmack seiner Blätter. Das dauert ein wenig, aber so ungefähr nach einer Stunde schmeckt das Grün so widerlich für die Raupe, dass sie von ihm ablässt. Und um die anderen Bäume zu warnen, verändert sich auch der Duft des Baumes!“

Oma und Opa staunen. Das haben sie nicht gewusst, aber wenn Jan das sagt, dann ist da sicher etwas Wahres dran.
„Das klingt sehr logisch, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann!“, meint Opa.
„Wir haben ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das noch einmal erklärt wird!“ Eifrig springt Jan auf, um seinen Schulrucksack zu holen.
„Guckt hier!“ er zeigt das Arbeitsblatt. Man sieht einige Bäume, die in einer Gruppe beieinanderstehen. Ihre Kronen berühren sich und unter der Erde sind ihre Wurzeln miteinander verbunden. Die gezeichneten Bäume haben fröhliche Gesichter, nur einer von ihnen schaut verärgert, in seiner Krone sitzt nämlich eine fette Raupe, die sich an dem Blattgrün sattfrisst. Im nächsten Bild schauen dann alle Bäume verärgert, sie haben mitbekommen, dass sich da ein Schädling bei ihrer Baumfreundin eingenistet hat. Im dritten Bild purzelt die Raupe auf die Erde und macht sich, so schnell sie kann, davon. Ihr schmeckt es nicht mehr. In einer Sprechblase steht „Igittigitt“.
„Das ist aber schade!“, sagt Opa und legt die Stirn in Falten.
„Was denn?“, fragen Oma und Jan gleichzeitig.
„Na, dass unsere dicke Eiche da ganz alleine steht. Sie hat niemandem, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie vor Raupen warnen könnte. Sicher ist sie einsam!“
Das findet Jan auch, aber er hat keine Idee, wie man das ändern könnte. Schließlich sollte die Eiche auch einen Partner ihrer Art haben, oder doch nicht?
„Meinst du, wir könnten einen kleinen Baum daneben pflanzen, Opa?“, fragt er deshalb.
„Ja, das meine ich. Hat denn der Förster gesagt, ob Eichen sich auch mit anderen Bäumen vertragen?“, will Opa wissen.
Jan schüttelt den Kopf. „Nein, das hat er nicht gesagt. Gleich morgen frage ich mal nach. Wir machen nämlich mit dem Förster einen Ausflug in den Wald.“
„Das finde ich super! Ach, ich würde auch gern noch einmal zur Schule gehen“, meint Opa, doch das findet Jan völlig übertrieben. Sie gehen ja nicht jeden Tag in den Wald.
„Du kannst in die Baumschule gehen und eine Freundin für unsere Eiche aussuchen. Das ist auch schön, oder nicht?“, fragt Jan.
„Das machen wir zusammen, wenn du herausgefunden hast, was für einen Baum wir pflanzen wollen! Ich fände es gut, wenn es keine Eiche wäre.“
„Aber warum denn, Opa?“
„Weil die so langsam wachsen, dass ich gar nicht mehr erleben würde, ob die beiden sich anfreunden. Unsere Dicke ist nämlich schon älter als ich, mein Opa hat sie gepflanzt, vor mehr als siebzig Jahren.“
Jan überlegt einen Moment. Wahrscheinlich hat Opa Recht, sie sollten einen schnellwachsenden Baum aussuchen, damit sie selbst etwas davon hatten – nicht erst die Ur-Ur-Enkel. Ist doch klar!

© Regina Meier zu Verl

Felix und der Schniefgeist

Felix und der Schniefgeist

Oma erzählt: Neuerdings wohnte er im Kinderzimmer von Felix. Durch die Fensterritze war er gekommen und hatte es sich gemütlich gemacht. Draußen war es jetzt schon kühl und vor allem nass. Er mochte das eigentlich, aber noch lieber hatte er Gesellschaft.
Also hatte er sich auf Felix‘ Kopfkissen niedergelassen und abgewartet, bis der Junge ins Bett musste und dann war es passiert. Der Felix hatte sich den Schnupfen eingefangen, der da in seinem Bett auf ihn lauerte.
„Oma, das ist doch Quatsch! Den Schnupfen habe ich mir eingefangen, als mir gestern so kalt war und ich außerdem noch nasse Füße bekommen hatte!“, sagt Felix und schnäuzt sich die Nase.
„Nasse Füße sind wahrlich nicht angenehm.“ Oma nickt.
„Aber hast du dich einmal gefragt, warum deine Füße plötzlich nass waren? Wenn ich mich genau erinnere, bist du nicht in den Bach gefallen und die Pfützen auf dem Weg waren zugefroren!“ Oma wiegt bedenklich ihren Kopf hin und her. „Jede Wette, dass er da schon seine Finger im Spiel hatte, dieser hinterlistige Kerl.“
Felix überlegt. Oma hat recht. Doch woher waren die nassen Füße wirklich gekommen, ob ihm etwa … nein, einen Streich hatte ihm niemand gespielt und Hendrik von nebenan war verreist mit seinen Eltern. Der konnte es also auch nicht gewesen sein.
„Der Schniefgeist ist’s!“, ruft er plötzlich. „Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Er hat mir den Schnupfen geschickt.“
„Der Schniefgeist? Soso!“ Oma muss schmunzeln. „Den Kerl habe ich noch nie gesehen. Wo mag er stecken?“ Suchend blickt sie sich im Zimmer um.
„Da!“, ruft Felix. „Er hockt da drüben auf der Fensterbank.“
Oma lässt ihre Brille auf die Nase rutschen, gewöhnlich trägt sie diese auf dem Kopf, wie einen Haarreifen. „Ich sehe ihn trotz Brille nicht“, verkündet sie, steht auf und geht näher an die Fensterbank.
„Hatschi!“, tönt es plötzlich nur eine Nasenlänge vor ihr. „Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi!“
„Huch!“, entfährt es Oma und sie springt ungelenk einen Schritt zurück. Ulkig sieht das aus. Und dann macht sie: „Hatschi!“
„Jetzt hat er dich auch erwischt!“, sagt Felix und das klingt ziemlich schadenfroh. „Konntest du ihn sehen? Oder hast du ihn an die Seite geniest?“
Oma niest schon wieder, schüttelt aber den Kopf. „Gesehen habe ich ihn nicht! Hatschi!“ Sie macht ein strenges Gesicht. „Und ich finde, wir sollten unseren ungebetenen Gast ganz schnell aus der Wohnung jagen. Wer sich unsichtbar macht und nur Schabernack treiben möchte, der ist hier nicht willkommen. Hatschi!“
„Aber wie willst du den Kerl verjagen, Oma?“
„Krieche du unter die Decke, ich lüfte mal durch, das hilft! Und dann koche ich einen leckeren Tee für uns, mit einem kräftigen Löffel Honig darin und dann kuschle ich mich zu dir, okay? Und damit er nicht zu uns unter die Decke kriecht, dieser Schniefgeist, erschießen wir ihn. Jetzt gleich.“
„Erschießen? Jetzt gleich?“ Entsetzt starrt Felix seine Oma an. Schießen? Das passt so gar nicht zu Oma.
Die geht zum Schrank und zieht eine Pistole heraus. Nein, halt, es ist keine Pistole. Ein Wasserzerstäuber ist es und in den füllt Oma nun mit einem Lächeln Wasser und ein paar Tropfen Pfefferminzöl.
Felix ist begeistert, seine Oma ist einfach genial. Jetzt heißt es nur noch, den ollen Schnupfengeist auch zu treffen – aber das würde schon gelingen!

© Regina Meier zu Verl

Jeder Tag ist wunderbar

Jeder Tag ist wunderbar

Anne hielt beim Schreiben inne und schaute versonnen aus dem Fenster. Was sollte sie einer Frau wünschen, die in den achtzig Jahren ihres Lebens schon so viel erlebt hatte und jetzt schwer erkrankt war? Gesundheit? Glück?
Ach, das war schwer, aber auch sie hatte von Katharina immer Briefe oder Karten bekommen, wenn es ihr einmal nicht so gut gegangen war.
Ein kleiner Spatz landete ungestüm auf dem Fensterbrett. Er stutzte, dann drehte er sein Köpfchen hin und her. Niedlich sah er aus.
Anne lächelte und in ihrem Bauch hüpfte jenes leise, glückliche Gefühl, das ihr immer so viel Kraft gab.
Mit einem Mal wusste sie, was sie schreiben könnte. Es ging doch gar nicht um irgendwelche Floskeln wie „Wie geht es dir, mir geht es gut“ Zuwendung brauchte man, egal in welcher Lebenssituation er sich befand. Sie würde sich Katharina zuwenden, ihr erzählen aus ihrem Leben, sie mitnehmen in ihre Gedanken. Vielleicht war dies das schönste Geschenk, das sie ihr machen konnte.
Ja, das war ein guter Ansatz. Aber halt: Sie musste doch etwas aufpassen, was sie erzählte. Und sie stellte sich vor, sie läge krank und freudlos im Bett. Was würde sie gerne von Freunden hören wollen? Dass es ihnen gut geht? Ja. Dass sie glücklich sind. Auch. Dass sie etwas Schönes erlebt hatten?
„Genau das“, sagte Anne wie bekräftigend. „Ich möchte all das Gute aus ihrem Leben hören. Aber … ein bisschen würde es mich schmerzen, dies alles selbst nicht erleben zu dürfen. Vielleicht nie mehr.“ Sie nahm entschlossen ihren Füller wieder zur Hand, legte den Briefbogen leicht schräg auf den Schreibtisch und begann zu schreiben:
Liebe Katharina, die ersten Frühlingssonnenstrahlen kitzeln meine Nase, während ich hier sitze und an dich denke. Kannst du die Sonne von deinem Bett aus sehen und kitzelt sie dich auch? Gerade hat ein kleiner Spatz mich besucht. Na ja, ich sollte besser schreiben, er hat sich verirrt. Auf mein Fensterbrett hat er sich gesetzt. Richtig empört war er, weil das Fenster ihm den Weiterflug versperrte. Er sah aus wie Fritzi. Erinnerst du dich noch an Fritzi, den kleinen Piepmatz, den wir mit Mehlwürmern großgezogen haben? In Birkenwalde war das. Ach, die friedliche Zeit der Kindheit.“
Anne stand auf und öffnete das Fenster. Tief atmete sie die noch frische Frühlingsluft ein. Duftete sie nicht ein bisschen nach Meer? Und nach frisch gepflügter Erde, ein bisschen auch nach Knoblauch. Sie schnupperte. Ob im Wäldchen schon der Bärlauch wuchs? Wie in Birkenwalde? Wieder schweiften ihre Gedanken in die Kindheit zurück. Es war eine glückliche, erfüllende Zeit gewesen, trotz des Krieges, aber das war ein anderes Kapitel. Sie seufzte und beschloss, die Erinnerungen in ihrem Brief an die Freundin weiter aufzufrischen. Gab es Schöneres als die Gedanken an das Kindsein?
Weißt du noch, wie wir dem Peterle immer wieder Streiche gespielt haben, obwohl es doch so ein herziger Junge war, der uns vergöttert hat? Ob er noch lebt? Hast du später noch einmal etwas von ihm gehört, Katharina? Wie schön wäre es, wenn wir drei uns in diesem Leben noch einmal treffen könnten. Vielleicht hat er den Weg in die Heimat noch einmal geschafft und unseren Schatz ausgegraben. Wie oft denke ich an diese alte Kiste, die wir am Waldrand unter der großen Kiefer vergraben hatten. Für später, wenn wir mal alt sind. Oh ja, was für Ideen wir hatten!
Gerade fällt mir auch Fräulein Sanftenberg wieder ein, die uns mit ihrer Engelsgeduld das Nähen beibringen wollte, weil sich das für ein gut erzogenes Mädchen so gehörte. Hast du es jemals gelernt? Ich nicht, ich kann gerade mal einen Knopf annähen, oder besser gesagt: ich konnte, denn heute sind meine Augen so schlecht, dass es mir schon schwerfällt, einen Faden in die Nadel zu bekommen. Aber die wichtigen Dinge, auf die es ankommt, die kann ich noch sehr gut sehen. Meine Augen haben irgendwann begonnen, nur noch das scharf zu sehen, was sie sehen wollen. Eine richtige Einstellung. Sie blicken zurück und nach vorne und sie verweilen auch gerne in der Gegenwart und bestaunen den Tag. Weißt du, jeder Tag ist kostbar, egal, wie man sich fühlt. Er ist ein Geschenk und ich hoffe so sehr, dass du ihn auch als solches wahrnimmst, meine Liebe.
Anne las das Geschriebene noch einmal durch und beschloss, den Brief mit liebevollen Grüßen zu beenden und noch am gleichen Tag zum Postkasten zu bringen. ‚Wir haben nicht mehr so viel Zeit‘, dachte sie und tröstete sich mit dem Gedanken, dass man jeden Tag wieder neu beginnen konnte, einen wunderbaren Tag zu erleben. Man musste nur genau hinschauen!

© Regina Meier zu Verl

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren

Morgen werde ich meine alte Freundin Silke treffen. Sehr lange habe ich sie nicht mehr gesehen und bin gespannt, ob sie sich verändert hat. Ich betrachte das Foto, das uns beide vor dem Brandenburger Tor zeigt. Damals habe ich sie bewundert, weil sie immer ein wenig anders als alle anderen war, bunt und etwas schrill. Das lag nicht nur an ihren feuerroten Haaren, vielleicht ein wenig. Sie fiel einfach auf, hatte ihren ganz eigenen Kleidungsstil. Kreativ wie sie war, schneiderte sie ihre Klamotten selbst und stricken konnte sie wie keine. Es entstanden unter ihren Stricknadeln die tollsten Kreationen, bewundernswert.

Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Ab und zu kam eine Karte, wenn sie gerade wieder auf einem ihrer Auslandstrips war. Ich habe mich jedes Mal drüber gefreut, aber ich war auch ein wenig neidisch, denn ich hatte mich für das Lebensmodell Familie entschieden. Es ist nicht so, dass ich nicht glücklich wäre. Drei wunderbare Kinder habe ich und einen tollen Mann. Aber mit unserem Familieneinkommen können wir keine weiten Sprünge machen. Meine Arbeit musste ich ja aufgeben damals, als ich mit unserer Jüngsten schwanger war und jetzt ist es gar nicht mehr so einfach, beruflich wieder einzusteigen. Jenseits der Fünfzig waren die Chancen gleich Null. Ich war zu lange zu Hause und müsste mich erstmal ganz schön wieder reinknien, um den Anschluss zu finden.

Silke hatte die Schule mit Leichtigkeit beendet, obwohl sie nicht viel dafür getan hat. Sie hatte gar keine Zeit zum Pauken. Ständig war sie mit ihren Leuten unterwegs und hat Party gemacht. Manchmal war ich auch dabei, aber nicht so oft. Ich hatte in einigen Fächern echte Probleme und musste stundenlang zu Hause lernen, um mein Abi zu schaffen. Na ja, was soll’s? Ich habe es geschafft und mein Numerus Clausus war fast so gut wie der von Silke. Danach fragt heute niemand mehr.

Silke ist nach dem Abi erstmal für ein Jahr nach Amerika gegangen. Ob sie später studiert hat, das weiß ich nicht und wenn ich es mir recht überlege, dann weiß ich nicht einmal, wie ihre Pläne waren und was sie einmal werden wollte. Für mich stand fest, dass ich Betriebswirtschaft studieren würde. Das habe ich auch gemacht, schließlich hatten meine Eltern eine Firma und die wollte ich übernehmen. Das war der Plan. Es ist aber leider nichts draus geworden, denn mein Herr Vater hatte andere Pläne. Er verliebte sich in eine junge Frau und zog von heute auf morgen bei uns aus. In „seinem“ Haus durften wir gnädiger Weise wohnen bleiben. Die Firma fuhr er jedoch vor die Wand. Seine junge Frau hatte wohl zu hohe Ansprüche. Es kam zu Privatentnahmen, dann zur Zahlungsunfähigkeit, schließlich mussten alle Mitarbeiter entlassen werden und meine Mutter konnte sehen, dass wir unseren Lebensunterhalt verdienten. Meinen Vater habe ich seit dem Auszug nie wieder gesehen. Kein Anruf, kein Brief kam von ihm, nichts. Meine Eltern wurden in Abwesenheit meines Vaters geschieden.  Das Haus hat meine Mutter verkauft, vermutlich hat sie die Hälfte vom Gewinn noch an Vater zahlen müssen. Ich habe sie nie gefragt und sie hat mit mir niemals darüber gesprochen.

Meine Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben. Sie fehlt mir sehr, auch den Kindern. Sie war fünfundsiebzig und es wäre so schön gewesen, wenn sie noch bei uns geblieben wäre. Wo mein Vater abgeblieben ist, das weiß ich nicht und vielleicht will ich es auch gar nicht mehr wissen. Er hat uns im Stich gelassen. Das hätte ich ihm nur dann verzeihen können, wenn er sich wenigstens mal gemeldet hätte. Drei Enkelkinder hat er, vielleicht weiß er von ihnen gar nichts, möglicherweise ist es ihm ja egal. Ob er noch lebt? Hätte ich davon erfahren, wenn es nicht so ist?

Ich nehme meine Brille ab und putze verstohlen ein paar Tränen weg. So ganz egal scheint es mir ja doch nicht zu sein. Entschlossen stehe ich auf und räume unter lautem Geklapper den Geschirrspüler aus. Ein Wunder, dass dabei nichts zu Bruch geht.

Morgen werde ich sie also treffen, die Silke. Vielleicht sollte ich zum Frisör gehen. Ich wische den Gedanken fort und schimpfe laut mit mir: Wie armselig ist das denn? Du triffst deine alte Freundin und hast keinen anderen Gedanken, als dass deine Frisur sitzt? Mann, Mann, Gerlinde, du bist ganz schön oberflächlich geworden.

Ich sollte mich einfach freuen und unbefangen an das Treffen herangehen. Was sollte diese Gefühlsduselei eben denn nur? Dabei hat mich der Anruf so sehr gefreut. Sie hat mich also nicht vergessen. Das ist doch ein schönes Gefühl und Freunde können Jahre getrennt sein, das hält eine richtige Freundschaft aus. Man trifft sich und fängt einfach da wieder an, wo man vorher aufgehört hat. Ist doch so, oder?

Wir sind im Stadtcafé verabredet, das habe ich vorgeschlagen, weil bei uns zu Hause doch immer was los ist. Die Kinder sind da und meist auch noch irgendwelche Freunde. Da könnten wir gar nicht in Ruhe reden. Andererseits hätte ich ihr gern meinen Nachwuchs vorgestellt. Es sind ja keine Kinder mehr, die Jüngste ist mittlerweile auch schon achtzehn. Sie lässt sich nicht mehr vorzeigen. Und die Jungs, die interessieren sich momentan eher für ihre Freundinnen. Der Große redet sogar schon vom Heiraten. Das ist wohl der Lauf der Welt, alles wiederholt sich. Es ist ja auch richtig so, es geht immer weiter.

Ich sitze also im Stadtcafé und bin aufgeregt wie ein Schulmädchen. Ich rechne damit, dass Silke zu spät kommt. Dann öffnet sich die Tür, Silke betritt den Raum. Hinter ihr sehe ich einen älteren Herrn und traue meinen Augen nicht. Es ist mein Vater.

„Nun komm schon Schatz!“, sagte Silke zu ihm. Mein Herz schlägt, als wollte es zerspringen. „Nein!“, schreie ich ohne Ton. „Nein!“

Eine gnädige Ohnmacht nimmt mich in diesem Moment in ihren Armen auf.

© Regina Meier zu Verl 1/2016