Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

Grinsende Schnecken

Grinsende Schnecken

Ein wenig mehr Regen könnten wir gebrauchen, aber wir wollen nicht unzufrieden sein, denn gerade vorhin hat ein Schauer den Staub von den Blättern gespült und der Garten sieht wie frisch geputzt aus.
Ich ziehe meine Gummistiefel an und freue mich darauf, eine wenig in meiner Kräuterspirale zu schnuppern und zu zupfen, falls nötig. Ich freue mich immer, wenn ich über den Rasen zu ihr hinüber gehe und dort verweilen darf. Ein bisschen bin ich auch stolz auf sie, denn die Kräuter gedeihen prächtig.
Jetzt aber erschrecke ich. Ein bisschen verwüstet sehen sie aus und zwei fette rote Nacktschnecken aalen sich auf Petersilie und Rauke.
»Das ist ja wohl eine Unverschämtheit!«, rufe ich laut aus. Die beiden Schnecken stört das gar nicht, sie mümmeln ruhig weiter an den Kräutern. Fast sehen sie ein wenig so aus, als grinsen sie mich frech an.
Oh nein, zum Lachen ist mir gar nicht zumute.
»Verschwindet!«, herrsche ich die beiden kleinen Monster an. »Ihr habt hier nichts zu suchen. Das ist mein Kräuterbeet und meine Petersilie und mein Rucola. Ab mit euch auf die Wiese – oder noch besser rüber zum Nachbarn!«
»Aber, aber, meine Liebe! Das ist nicht die feine Art!«
Die Stimme vom Nachbarn Fritz ertönt laut, nicht unfreundlich, aber auf der Stelle habe ich ein schlechtes Gewissen. Wie viel mochte er gehört haben, auch das mit dem Nachbarn? Wahrscheinlich! Ich laufe puterrot an und schäme mich. Ob ich mich entschuldigen soll? Aber was soll ich sagen? Und grinsen die beide Schnecken nun nicht noch unverschämter? Überhaupt: Noch nie habe ich eine grinsende Schnecke gesehen und zwei schon gar nicht.
»Ei-ein Missverständnis«, grummle ich Richtung Gartenzaun.
»Ach so!«, sagt Fritz und wendet sich wieder seinen Rosen zu. Er ist kein Mann der großen Worte. Eigentlich bin ich erleichtert, aber dann möchte ich doch gern wissen, was er gehört hat.
»Gibt es bei dir auch Schnecken, Fritz?«, frage ich und hebe eine von den meinen mit spitzen Fingern an, um sie Fritz zu zeigen, dabei gehe ich ein paar Schritte auf ihn zu.
Er guckt erst verdutzt auf die Schnecke, dann auf mich, grinst und sagt:
»Die grinst ja! Siehst du das auch?«
Hat er es also auch gesehen! Und ich habe schon befürchtet, ich sei ein wenig neben der Spur heute. Naja, plemplem eben.
»Klar, das sehe ich auch. Da ist noch eine, die grinst genauso unverschämt. Warte, ich hole sie!«, sage ich und drehe mich schon um, als Fritz sagt: »Und dann setzt du sie in meinem Garten aus, oder?«, er lacht laut. ‚Also doch‘, denke ich und spüre, wie mir die Röte abermals ins Gesicht schießt.
»Das würde ich doch nie tun!«, sage ich schnell und bemühe mich, seinem Blick standzuhalten. »Kein Mensch mit Anstand würde seinen Nachbarn so misslich behandeln und …«
Ich stutze und starre auf Fritzens Gesicht. Es ist rot geworden. Puterrot.
Mich kitzelts in der Kehle, ich kann gar nicht mehr denken, konzentriere mich auf das Kitzeln und dann lache ich los, laut und befreit. So lange lache ich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und Fritz? Der lacht erleichtert mit und die beiden Schnecken? Sind verschwunden, komisch!

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte – Die Flucht vor den Speckbohnen

Die folgenden Wörter galt es dieses Mal in der Geschichte unterzubringen: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend.

Bitte schaut auch, was meinen Kolleginnen dazu eingefallen ist: MARTINA und LORE

Die Flucht vor den Speckbohnen

Meine Mutter konnte gut kochen, ganz ehrlich. Aber ein Gericht mochte ich gar nicht gern und jedes Mal gab es Streit, wenn sie es zubereitet hatte. Grüne Bohnen mit Speck.
„Schön aufessen!“, sagte sie immer, „Bohnen sind gesund! Du stehst mir nicht vom Tisch auf, ehe du alles aufgegessen hast.“
Wie sollte ich das essen? Mir war schon schlecht, wenn ich es nur sah oder roch.
Aber sie kannte kein Pardon, es war wirklich schrecklich. Ich hatte auch keine Idee, was ich da unternehmen konnte und bat meine Oma um Hilfe.
„Ach Kind, so schlimm schmeckt das doch gar nicht!“, sagte sie, versprach mir aber, sich etwas einfallen zu lassen.
Ich seufzte. Oma hatte sich schon öfter etwas einfallen lassen, doch Mama war uns immer auf die Schliche gekommen und am Ende saßen wir beide am Tisch und mühten uns ab, dieses Ekelzeugs zu essen. Ehrlich, da musste uns nun etwas ganz besonders Schlaues einfallen, um dem beim nächsten Mal zu entgehen. Nur was?
Als Mama am folgenden Tag ankündigte, dass sie Bohnen pflücken wollte, weil es mittags Bohnen und Speck geben sollte, sagte Oma:
„Liebe Mechthild, koch aber nicht so viel davon, denn Mia und ich haben morgen schon etwas vor und sind über Mittag außer Haus. Und wir haben es jetzt schon sehr eilig!“ Oma stand auf und zwinkerte mir zu.
Erstaunt schaute ich sie an und nicht nur ich, sondern auch meine Mutter hatte Fragezeichen in den Augen.
„Wo wollt ihr denn hin und werde ich eigentlich gar nicht mehr gefragt?“, sagte sie empört.
„Nö“, sagte Oma und grinste.
„Nö“, sagte auch ich und tat ganz unschuldig, so als hätte ich mit all dem gar nichts zu tun. Und das war ein Fehler. Ich Esel hätte es wissen müssen, Mama roch den Braten sofort.
„Nun gut“, sagte sie. „Das ist mir ganz recht, denn dann muss ich nicht zu Mittag gar nicht kochen und kann mir einen netten Nachmittag machen. Papa hat nämlich auch einen Termin und kommt nicht zum Mittagessen.“
Sollte Papa etwa auch allergisch gegen Speckbohnen sein?
Nun war guter Rat teuer, denn, und das konnten wir uns sicher ausrechnen, es würde halt einen Tag später die verhassten Bohnen geben. Oma räusperte sich, dann sagte sie mit fester Stimme:
„Meine Liebe, du hast es sicher längst bemerkt, wir reißen vor deinen Speckbohnen aus, die mögen wir nämlich beide nicht!“
Oh ha, die traute sich was, die Oma!
Mama seufzte und sah mich mit einem ihrer besonders genervten und viel mehr noch traurigen Mama-Blicke an.
„Stimmt das?“, fragte sie. „Bin ich denn so eine schlechte Mutter, die ihr Kind mit Speckbohnen quält?“ Das klang, als wollte sie jeden Moment anfangen zu heulen.
Oma schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich erschrak, Mama auch!
„Schluss jetzt!“, sagte sie. „Wir werden uns doch wegen dieser dusseligen Bohnen nicht streiten! Ich schlage vor, dass du es akzeptierst, dass wir beide die nicht mögen und ab sofort dürfen wir das auch sagen. Du, meine Liebe, nimmst dir ja auch das Recht raus, zu sagen, was du denkst. Verflixt und zugenäht!“, schimpfte Oma. So hatte ich sie noch nie gesehen und von da an herrschte wieder Friede bei uns. Wir mussten nicht ausreißen, wenn Mama ihre geliebten Bohnen kochte, denn dann bekamen Oma und ich Milchreis – lecker. Wenn wir Glück hatten, durften wir danach ein erfrischendes Eis zum Dessert genießen. Und Papa? Der aß tapfer die Bohnen, aber so richtig glücklich sah er dabei nicht aus.

© Regina Meier zu Verl

Muskelkraft statt Steckdose

Muskelkraft statt Steckdose

»Früher hatten wir eine Kaffeemühle aus Holz, die klemmte sich meine Mutter zwischen die Knie und dann wurde mit der Kurbel gedreht, was das Zeug hielt. Dadurch wurde das Mahlwerk betätigt, das die Kaffeebohnen in feines Kaffeemehl mahlte«, erklärte Oma, als sie gerade eine Kaffeetüte aufschnitt, um sich einen Kaffee zu kochen.
Das klang spannend. Es war doch cool, wie man damals den Kaffee gemahlen hatte. Und da war noch eines.
»Mega!«, rief ich. »Dann brauchte man keinen Strom! Ist das nicht toll?«
»Stimmt, und ganz ehrlich: der Kaffee schmeckte sehr viel besser als der, der später mit elektrischen Mühlen gemahlen wurde!«, behauptete Oma.
»Und warum nimmst du dann lieber die elektrische Mühle, Oma?« Ich verstand es nicht ganz.
»Du könntest Strom sparen und dann schmeckt der Kaffee auch viel besser.« So einfach war es doch, oder? Und Strom sparen war wichtig.
»Du hast ja recht, aber ich habe den Kaffee bereits gemahlen gekauft. Ich besitze nämlich keine Kaffeemühle mehr, weder eine elektrische noch so einen alten Kasten, wie meine Mutter einen hatte«, sagte Oma.
»Dann wünsch dir doch eine zum Geburtstag, oder gibt es die gar nicht mehr, die Handkaffeemühlen?«, wollte ich wissen, denn ich hatte große Lust, den Kaffee für meine Oma zu mahlen. Überhaupt hatte ich große Lust, irgendetwas zu zermahlen. Beim Schulausflug hatten wir eine alte Mühle besichtigt und es hat mich schwer beeindruckt, wie die alten Mühlsteine harte Körner in feinen Mehlstaub verwandelt hatten.
»Wir könnten dann auch Mehl in so einer Kaffeemühle mahlen«, erklärte ich Oma. »Das ist sehr praktisch.«
Oma lachte. »Das wäre aber sehr mühsam, dafür brauchten wir dann eine viel größere Mühle.«, meinte sie und das sah ich wohl ein.
»Aber es muss doch noch weitere Dinge geben, die uns dabei helfen Strom zu sparen«, überlegte ich laut.
»Ja, zum Beispiel ein Waschbrett, das könnte uns helfen, die Waschmaschine zu ersetzen. Aber ganz ehrlich, ich sehne mich nicht nach einem Waschbrett zurück!«
Waschbrett? Das klang kompliziert und ich ahnte, was man damit machte.
»Nicht alles, was Strom spart, ist praktisch«, meinte ich schnell. Und dann überlegte ich krampfhaft, welche altmodischen Geräte man doch wirklich auch heute noch prima zum Stromsparen benutzen konnte. Der alte Rasenmäher fiel mir ein, der hinten im Schuppen stand.
Ich schlug vor, dass ich den Rasen demnächst mit dem mechanischen Mäher für meine Oma mähen könnte.
»Großartige Idee! Ich werde Opa sagen, dass er ihn ein wenig auf Vordermann bringen soll – oder sag es ihm gleich selbst, da kommt er ja!«

© Regina Meier zu Verl

Lieblingstage, Reizwortgeschichte

Dummkopf, Donnerstag, denken, dreckig, dösen
Das waren die Reizwörter, die zu verarbeiten waren diesmal. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen, was ihnen dazu eingefallen ist:

Martina und Lore

Lieblingstag


Solange ich denken kann, ist der Donnerstag mein Tag. Als ich Kind war, hatte ich nämlich donnerstags Ballettunterricht. Den habe ich geliebt und somit war der Tag in der Woche, an dem wir uns zum Tanzen trafen mein Lieblingstag. Später, als ich das Ballett aus den Augen verloren hatte, besser gesagt: Ich hatte es mir aus dem Kopf geschlagen, weil es einfach nicht zu mir passte. Ich wollte da nur hin, weil Fräulein Monique so nett und ich verliebt in ihren französischen Akzent war. Ein weiterer Grund: Ich liebte Tutus, in Rosa. Ich war pummelig und rosa Tutus unterstrichen das auf ungünstige Art und Weise.
Später ging ich donnerstags zur Nachhilfe, nicht, weil ich etwa ein Dummkopf war, nein, ich verprasste mein Taschengeld für Manuel, den Studenten, der wiederum sein Taschengeld aufbesserte mit Nachhilfeangeboten in Spanisch. Ich war eine gute Schülerin, vor allem im sprachlichen Bereich hatte ich gar keine Probleme. Aber Manuel hatte es mir angetan und so büffelte ich für ihn spanische Vokabeln und Grammatik. Ich wollte ihn beeindrucken, das kostete eine Menge Kraft, da ich ja auch das Geld für die Nachhilfestunden noch verdienen musste, indem ich für die Nachbarn Rasen mähte oder für Tante Irmi Botengänge erledigte, die sie dann mit Küsschen und Barem honorierte. Ich wischte unser dreckiges Treppenhaus, trug Müllers den Müll runter (hihi, geniales Wortspiel, oder?) und war immer auf der Suche nach Geldquellen.
Als ich herausbekam, dass Manuel schwul war, hatte sich das für mich auch erledigt. „Du bist so gemein!“, hatte ich ihn angeschrien. „Das hättest du mir sagen müssen!“
Dafür schäme ich mich heute noch – damals wusste ich es einfach nicht besser, ich war verletzt und erschöpft.

Während ich hier in meinem Liegestuhl vor mich hindöse und an vergangene Zeiten denke, hat meine Enkelin Sandkuchen gebacken.
„Oma, komm probieren, ich habe einen schönen Kuchen gebacken!“, ruft sie mir zu und ich hieve mich aus dem Sessel und laufe zu ihr.
„Wie schön“, lobe ich den Kuchen und tu so, als probiere ich ein Stück. „Heute ist mein Lieblingstag!“, sage ich.
„Warum, Oma?“, fragt die Kleine.
„Weil du da bist!“, erkläre ich.
„Aber ich bin doch immer da!“ Sie grinst und tätschelt meine Wange mit ihren sandigen Händen.
„Eben! Deshalb ist auch jeder Tag mein Lieblingstag!“, fast versagt es mir die Stimme vor lauter Liebe und mein Herz macht kleine Ballettsprünge im rosa Tutu.

© Regina Meier zu Verl

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

„Schau nur Anni, die Pfingstrose wird bald aufblühen. Ich liebe die Zeit der Pfingstrosen!“, sagt Oma Anna zu ihrer Enkelin.
„Haben sie auch Dornen, die Pfingstrosen?“, will Anni wissen und greift vorsichtig ins Blattgrün.
„Nein, wo denkst du hin? Aber aufpassen musst du trotzdem. Pfingstrosen sind nämlich leicht giftig und man kann sich mächtig den Magen verderben, wenn man ein Blattstück oder ein Blütenblatt nascht.“ Ernst sieht Oma Anna Anni an.
„Also immer schön Hände waschen, wenn du eine Pfingstrose angefasst hast.“
„Versprochen!“, sagt Anni und gleich fällt ihr schon wieder eine Frage ein. „Warum haben sie denn keine Dornen, Oma?“
„So genau weiß ich das auch nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Pfingstrose, die auch Marienblume genannt wird, weil man ihr nachsagt, dass sie Heil, Geborgenheit und mütterliche Liebe spendet, aus genau diesem Grund keine Dornen hat. Um niemanden zu verletzen. Die alten Griechen berichten sogar, dass ein römischer Gott durch das Pferd seines Vaters zu Tode gekommen war und dann durch eine Pfingstrose wieder zum Leben erweckt wurde.“
Anni staunt. „Was du alles weißt, Oma!“, sagt sie bewundernd.
„Ach, das habe ich mal irgendwo gelesen“, sagt Oma Anna und schnuppert an der Knospe. „Bald wird sie wunderbar duften“, sagt sie.
„Dann ist die Pfingstrose also gar keine echte Rose“, meint Anni. „Sie heißt nur so?“
Oma Anna nickt. „Muss wohl so sein“, murmelt sie, denn diese Frage kann sie ihrer kleinen Enkelin ausnahmsweise einmal nicht beantworten und das bekümmert sie.
„Oma, das geht doch eigentlich gar nicht, dass, wenn einer tot ist, er durch eine Blume wieder zum Leben erweckt werden kann, oder?“, will Anni nun wissen.
„Nein, eigentlich nicht, vielleicht ist es ja ein Märchen, die Geschichte mit dem Pferd und dem Vater!“, sagt Oma Anna.
„Mitnichten“, ertönte da eine Stimme von irgendwo. „Und wer sagt, dass das, was euch Märchen erzählen, nicht wahr ist? Ich sage euch, die Märchen erzählen mehr wahre Dinge, als man glauben mag.“
Anni lauscht. „Hast du das auch gehört, Oma?“, fragt sie leise.
„Was denn Anni? Ich habe nichts gehört.“ Auch sie lauscht und mit einem Mal kribbelt es in ihrer Nase und sie niest heftig. „Hatschi!“
„Gesundheit!“, ruft die Stimme. Jetzt hat Oma sie auch gehört.
Sie lächelt. „Danke, kleine Blumenfee!“, sagt sie. „Das ist sehr freundlich von dir. Verrätst du uns nun auch noch, wo du dich verborgen hältst?“
„Gerade eben hier, später dort, immerfort zum andern Ort werd ich gehn und kein Mensch kann mich sehn“, tönt es von irgendwo weiter weg nun.
Oma Anna und Anni schauen sich an und lächeln.
„So ein schönes Erlebnis, hoffentlich kommt sie immer wieder in unseren Garten. Vielleicht haben wir Glück und können doch mal einen Blick auf sie erhaschen“, flüstert Anni ganz ergriffen.
Doch Oma schüttelt den Kopf.
„Es ist nicht so wichtig, sie zu sehen. Wichtig ist zu wissen, dass es Blumenelfen gibt, nicht wahr?“
Anni nickt. Mehr weiß sie in diesem Augenblick nicht zu sagen, aber sie würde von nun an sehr wachsam sein. Vielleicht würde sie die kleinen Feen doch mal sehen. Irgendwann …

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Henny und Opa suchen Sauerampfer

Henny und Opa suchen Sauerampfer

„Im Frühling finden sich Freunde viel leichter als im Winter!“, sagte Henny und nickte bestätigend mit dem Kopf, so dass ihre blonden Locken lustig hüpften.
„Soso?“ Opa schmunzelte. „Woran das wohl liegen mag?“
„Am Frühlingswetter, ist doch klar! Da kann man so viele schöne Sachen machen und alle haben bessere Laune!“
„Erzähl, was für Sachen kann man machen? Und vor allem: darf ich mitmachen, auch wenn ich nicht dein Freund bin, sondern dein alter Großvater?“ Opa Hans stand auf und tat dabei, als schmerze sein Kreuz ganz furchtbar.
„Laufen, rennen, hüpfen, schaukeln, spielen. All das kann man im Frühling viel besser machen als im Winter. Ja, und Ausflüge und Picknicks und ach, es gibt so vieles.“ Henny umschrieb mit den Armen einen großen Kreis in der Luft.
„Ach, alles können wir machen. Am besten jetzt gleich.“
Opa Hans lachte.
„Na, dann schlage ich vor, wir fangen mit einem Picknick an, ich habe großen Hunger!“
Henny jubelte.
„Opa, du bist der Beste. Was nehmen wir mit?“
„Alles, was Omas Vorratsschrank so hergibt, denke ich und ich könnte schnell ein paar Waffeln backen“, schlug Opa vor, aber das dauerte Henny viel zu lange. Sie wollte los, am besten auf der Stelle. Also packten sie eine Tafel Schokolade, Butterkekse, zwei Bananen und Apfelsaft in Hennys Rucksack.
„Mehr brauchen wir wirklich nicht, Opa. Wir sammeln unterwegs Beeren und Kräuter, die machen auch satt?“
„Beeren? Im Frühling?“ Zweifelnd sah Opa Henny an. „Ich glaube, da werden wir wenig Glück haben.“
Doch Henny war schon viel weiter in ihren Gedanken.
„Weißt du, dass man Löwenzahn essen kann? Ganz. Von der Blüte bis zum Blatt und sogar den Stängel. Und aus der Wurzel kann man Kaffee machen. Ist das nicht wunderbar?“
„Das ist prima, aber seit wann trinkst du Kaffee?“, fragte Opa mit einem Augenzwinkern. „Aber ich verstehe schon, Löwenzahn ist ein Allround-Talent, so meinst du es, nicht wahr?“
„Genau, den Kaffee kannst du ja probieren und ich esse leckeren Löwenzahnhonig, oder Salat, der bestimmt auch gut schmeckt!“
„Na prima! So müssten wir unterwegs nicht verhungern und unser Picknick ist gerettet“, sagte Opa und er schritt schneller voran. „Wollen wir zum kleinen Waldteich gehen? Dort gibt es schöne Picknickplätze. Und bestimmt auch viele Löwenzahnblüten.“
„Man kann auch andere Wiesenblumen essen“, gab Henny zur Antwort, denn die Idee, sich das Essen selbst zu sammeln, gefiel ihr immer mehr.
„Dann schieß mal los, ich will alle wissen!“, meinte Opa. „Aber eine Blume weiß ich selbst, sie ist winzig und wunderhübsch. Weißt du, welche ich meine?“
Henny überlegte.
„Meinst du ein Veilchen?“, fragte sie.
„Gut geraten!“ Opa applaudierte. „Eine Veilchenblüte schmeckt, wie sie duftet. Zuckersüß!“
„Toll! Ich mag Veilchen.“ Auch Henny klatschte in die Hände, dann aber wurde sie still.
„Ich mag die Veilchen so sehr, dass ich sie eigentlich nicht essen möchte, und auch Gänseblümchen nicht, die dürfte man nämlich auch essen.“
„Dann“, sagte Opa, „empfehle ich dir den Sauerampfer.
„Hey, Opa, du weißt ja doch Bescheid, klasse. Ja, der Sauerampfer gehört auch dazu und der soll sehr lecker sein. Hast du ihn schon probiert?“
„Ja, das habe ich. Wir haben ihn in den Wiesen gesucht, als wir Kinder waren. Ich hatte das vollkommen vergessen. Schön, dass du mich erinnerst!“
„Dann lass ihn uns suchen, Opa! Sauerampfer möchte ich unbedingt versuchen. Der Name gefällt mir so gut.“
„Jaja. Sauer macht lustig.“ Opa nahm Henny an der Hand. Zielstrebig verließen sie den Weg und stapften quer über die Wiese Richtung Wald. Ein hübsches Bild, die kleine Henny und der große Opa mit den Nasen zum Boden gerichtet auf der Suche nach Sauerampfer, Veilchen, Löwenzahn und noch mehr Wiesenkräutern, die nicht nur Kühen lecker schmeckten.

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Ein leeres Paket zum Muttertag*

Hier ein Tipp für ein wunderbares Geschenk zum Muttertag, das keinen Cent kostet und trotzdem gut ankommen wird bei den Müttern, wetten?

Ein leeres Paket zum Muttertag

„Hast du eine Idee, was wir Mama zum Muttertag schenken könnten?“, fragt Anne ihren Bruder Tim.
Der nimmt seine Kopfhörer aus dem Ohr und sagt: „Was?“
„Das heißt: wie bitte!“, verbessert ihn Anne und fragt dann nochmal.
„Keine Ahnung!“, ist die Antwort und sofort wandern die Kopfhörer wieder ins Ohr.
Anne verdreht die Augen und tippt ihrem Bruder auf die Schulter.
„Du könntest mal mit mir gemeinsam überlegen!“, bittet sie.
„Wie bitte?“, fragt Tim und grinst, nimmt aber die Kopfhörer wieder raus und wendet sich seiner Schwester zu.
„Ist gar nicht einfach!“, meint er und kratzt sich am Ohr. „Blumen?“
Anne schüttelt den Kopf. „Nein du weißt doch, dass Mama es nicht mag, dass am Muttertag alle Blumen schenken. Sie sagt immer, dass es dafür Gelegenheiten genug gibt und die zum Muttertag einfach überteuert sind.“
„Ist das denn wirklich so?“, fragt Tim und schielt auf sein Handy, das gerade eine Nachricht angekündigt hat. Gern würde er nachsehen, wer geschrieben hat, wartet aber ab. In Gedanken ist er bereits nicht mehr beim Muttertag, sondern bei der Handynachricht.
„Fürs Bildermalen sind wir wohl zu groß mittlerweile“, meint Anne. Tim nickt zustimmend.
„Stimmt, außerdem kann ich nicht malen, das wäre dann nur was für dich!“, sagt er und nimmt das Handy, um nun doch mal kurz drauf zu schauen. Er liest, grinst, tippt und schon hat er seine Schwester wieder vergessen.
„Du bist wirklich unmöglich!“, schimpft Anne. „Kannst du nicht mal ein paar Minuten ohne dein Handy sein?“
„Schlecht!“, gibt Tim zu.
Annes Augen blitzen mit einem Mal auf. „Ich habe eine Idee für den Muttertag!“, ruft sie. „Vertraust du mir?“, will sie von ihrem Bruder wissen.
„Mmh, eigentlich schon, aber jetzt lass mich erstmal in Ruhe!“
„Pass auf, du musst gar nichts machen, ich kümmere mich um das Geschenk, aber du musst versprechen, dass du nicht meckerst!“, sagt Anne.
„Versprochen!“, Tim steckt seine Kopfhörer wieder ins Ohr, für ihn ist die Diskussion damit beendet.

Am Muttertagmorgen decken die Geschwister liebevoll den Kaffeetisch.
„Und was ist nun mit dem Geschenk?“, fragt Tim.
„Warte, bis Mama da ist, dann wirst du es sehen!“ Anne macht ein so verschmitztes Gesicht, dass Tim doch neugierig geworden ist. Aber sie verrät nichts.
„Alles Gute zum Muttertag!“, sagt Anne feierlich und drückt ihrer Mama einen dicken Kuss auf die Wange. Tim schließt sich an. Mama freut sich über das Frühstück. „Ihr seid die Besten!“, sagt sie glücklich.
„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, Anne holt ein buntes Päckchen aus dem Küchenschrank, wo sie es vorher versteckt hatte.
Mama packt das Geschenk erwartungsvoll aus, Tim schaut ihr neugierig über die Schulter. Das Paket ist leer, nur ein Brief ist drin. Mama öffnet den Brief und liest laut:
Liebe Mama, wir schenken dir zum Muttertag Zeit, Zeit ohne Unterbrechungen und blödes Handygepiepe, deshalb legen wir nun unsere Handys in diesen Karton und du darfst bestimmen, wann wir sie wieder herausholen dürfen. Deine Kinder Anne und Tim!
„Das ist eine großartige Idee!“ Mama freut sich. Anne legt ihr Handy in den Karton und auch Tim tut das, ohne zu murren. Er hat’s versprochen und was man versprochen hat … ihr wisst schon.
Papa, der in der Küchentür steht und die Sache beobachtet, legt sein Handy auch dazu, weil er die Idee richtig schön findet.
„Fehlt nur noch Mamas Handy!“, sagt er fröhlich. Natürlich wandert das auch in den Karton und ich bin davon überzeugt, dass die Vier einen wunderbaren Tag haben werden, ganz ohne Störungen.

© Regina Meier zu Verl

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Mit einem Augenzwinkern zu lesen

Mit einem Augenzwinkern zu lesen

Es gibt ja so Dinge, denen einfach zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Eigentlich wollte ich gar nicht drüber schreiben. Ich tu es nun doch, weil ich mich tagelang damit beschäftigt habe und gerade heute wieder daran erinnert wurde, denn genau einen Monat ist es her, dass ich etwas für mich entdeckt habe, das mir den Alltag und mein Wohlbefinden enorm erleichtert.

Man könnte jetzt denken, dass ich ein wenig spinne, wenn ich gleich erzähle, worum es denn eigentlich geht. Vielleicht ist da draußen aber auch jemand, der denkt: Hätte sie doch eher davon geschrieben, ich habe das gleiche Problem oder wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich ihr helfen können.
Da hier ja der ein- oder andere Mann mitliest, erkläre ich gleich vorab, dass es sich um ein Luxusproblem handelt, mit dem Mann eher nicht in Berührung kommt. Es sei denn, dass die Freundin, Ehefrau oder Geliebte sich mit einem ähnlichen Ärgernis herumschlagen muss. In diesem Fall sollte Mann weiterlesen, denn es ist ja bald Valentinstag, da wäre das, was ich entdeckt habe eine schöne Zugabe zum Lieblingsduft oder Blumenbouquet. Es ist auch gar nicht teuer!

Also: es geht um Folgendes: Im Laufe der Jahre hat sich meine Figur ein wenig verändert. Grundsätzlich bin ich zufrieden. Ich finde auch immer ein nettes Outfit, das mir gut steht und in dem ich mich wohlfühle. Wäre da nicht dieses Unterwäscheproblem, das mich seit Jahren nervt. Es geht um den BH. Ich habe das Gefühl, dass sich meine Rippen etwas mehr Platz verschafft haben, als es ursprünglich der Fall war, sprich, die Unterbrustweite – ja, so heißt das – hat sich vergrößert. Nicht aber die Körbchengröße, auch Männer wissen mit diesem Begriff etwas anzufangen, nicht wahr?

Jetzt ist es aber so, dass, wenn das Körbchen passt, die Unterbrustweite aber nicht zum Körbchen passt, also zu eng ist. Kennt ihr das, wenn Frau sich nicht traut einzuatmen, weil es schmerzt wie Hulle? Ständig zuppelt man an sich herum und, so ging es mir, kaum ist Frau zu Hause angekommen, fliegt als erstes der BH in die Ecke, damit mal wieder so richtig durchgeatmet werden kann.
Es ist ja nicht damit getan, einen größeren BH zu kaufen, also einen, der eine größere Unterbrustweite hat, denn der hat dann auch entsprechend größere Körbchen und dann schlabbert es da und sitzt nicht und sieht auch gar nicht schön aus, das ginge höchstens unter einem Schlabberpulli oder Kartoffelsack.
Doch, es gibt eine Lösung: „BH-Verlängerungen“. Gegoogelt, gefunden, für nützlich befunden. Doch wie komm ich an diese Dinger?

Vor genau einem Monat war ich also in der nächst größeren Stadt, musste sowieso da hin, und nahm mir vor, BH-Verlängerungen zu kaufen. Google sagte mir, dass es die sowohl im D*M Drogeriemarkt, als auch beim Klamottenladen mit den zwei großen Buchstaben, der eigentlich nur Mode für Zwerge und Elfen führt gibt. Ich also zum Drogeriemarkt, zunächst versuchte ich es ohne Hilfe, fand aber nichts. Also fragte ich eine freundliche Verkäuferin, die wusste nicht, was das ist. Ich erklärte ihr: Das ist ein Stückchen Stoff mit zwei oder drei Haken an der einen Seite und zwei oder drei Ösen an der anderen Seite, das Ding hakt man an den BH-Verschluss und bekommt dadurch eine größere Unterbrustweite. Die Verkäuferin fand das spannend. Helfen konnte sie mir aber nicht. Ich bedankte mich, hatte ja noch die Möglichkeit, den Klamottenladen für Elfen aufzusuchen. In der Wäscheabteilung fand ich tolle BHs, alle zu eng natürlich. Ich fragte also die junge Verkäuferin nach den Verlängerungen.
„Wie meinen?“, fragte sie und schaute mich an wie ein Ufo. „Bei uns gibt solchen … wie heißen die Dings?“
Zwecklos, dachte ich mir und legte die hübschen BHs wieder zurück. Die würde ich sowieso nicht tragen können, jedenfalls nicht ohne die Verlängerung. Ich verabschiedete mich und fuhr wieder ins Erdgeschoss, dort fragte ich an der Information nach und sagte gleich dazu, dass im Internet stehe, dass sie das haben sollten.
„Wie meinen?“, fragte die junge Dame ebenfalls. Nun gut, sie verstand mich nicht oder sie wollte mich nicht verstehen. Mitleidig schaute sie mich an, so, als wollte sie sagen: Arme Frau, braucht Dinge, die es nicht gibt
.
Ich wurde so langsam etwas wütend, besser gesagt: ich wurde sehr wütend. Grußlos verließ ich den Elfenladen und dann hatte ich einen Gedankenblitz „K*rstadt – Haushaltswarenabteilung“
Treffer auf der ganzen Linie. BH-Verlängerungen in schwarz, weiß und hautfarben, mit zwei Haken, drei Haken oder vier Haken. Ich war im Paradies, auch die Verkäuferin hatte mich auf Anhieb verstanden. Ich kaufte alle zwei-hakigen in allen vorhandenen Farben und zahlte 3,75 Euro.
Seitdem geht es mir gut, ich habe jetzt Unterwäsche, die passt und in der ich auch atmen kann. Das ist so toll. Das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir machen konnte und so preisgünstig – andererseits kann ich nun viel mehr schicke BHs kaufen, denn dank der Verlängerungen passen die ja nun alle, tja!
Tipp für alle, die nun auch so ein Ding haben wollen: es gibt sie sogar bei R*ssmann und das wäre direkt hier vor Ort gewesen, na ja, wenn meine mal kaputt sind, weiß ich ja jetzt Bescheid.

© Regina Meier zu Verl

Das Radiointerview

Das Radiointerview

Ich gebe zu, dass ich ein wenig aufgeregt war. Der Herr von Radio Regio Kultur war schließlich kein Unbekannter. Ich verfolgte seine Sendungen beinahe täglich.
Als er mich vorgestern anrief und um ein Gespräch bat, war ich überrascht und auch ein wenig stolz. Vielleicht würde sich in der Menge der Zuhörer jemand finden, der ein Bild von mir kaufen würde. Das wäre der Hammer, gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten.
Per Mail hatte man mir einen Fragenkatalog zugesandt, damit ich mich vorbereiten konnte. Ich arbeitete ihn gewissenhaft durch und machte mir Notizen. Das war nicht einfach, denn ich wollte selbstverständlich möglichst gut rüberkommen. Fünf Minuten schenkte man mir dafür. Ganze fünf Minuten.
Ich musste mir genau überlegen, was ich von mir preisgeben wollte. Über meine beiden gescheiterten Ehen wollte ich auf keinen Fall reden. Dabei hatte ich zwei wirklich liebe Ehemänner gehabt, die letztlich auch ihren Anteil an meinem Künstlerleben hatten. Nummer Eins zum Beispiel, er war so viel unterwegs, dass mir praktisch gar nichts anderes übrig blieb, als mir ein Hobby zu suchen, um nicht vor Einsamkeit depressiv zu werden. Ich malte damals ein Bild nach dem anderen und alle glichen sich. Dunkle Farben dominierten in dieser Zeit. Zufrieden war ich damit nicht, doch ich malte immer weiter. Heimlich belegte ich einen Malkurs in der Volkshochschule. Dort lernte ich, dass es außer Schwarz noch andere Farben gab und ließ mich leiten.
Ich veränderte mich, wurde selbstbewusster und irgendwann habe ich Nummer Eins dann mitgeteilt, dass ich mir mein Leben mit ihm anders vorgestellt hatte. Er hat es locker hingenommen und packte seine Sachen. Ich sah ihn dann nur noch beim Scheidungstermin, wir tranken noch einen Kaffee zusammen und das war’s dann gewesen.
Der Kursleiter der Volkshochschule hatte gute Aussichten, die Nummer Zwei in meinem Leben zu werden. Wir hatten eine Basis, konnten uns stundenlang über Farben und Materialien unterhalten und harmonierten gut miteinander. Bis zu dem Tag, als Rosi auftauchte und ich abgeschrieben war. Rosi malte tolle Bilder, abstrakt und in prächtigen leuchtenden Tönen. Der Kursleiter war hin und weg und ich wandte mich wieder dem Schwarz zu.
Meine Freundin drängte mich damals, den Kurs aufzugeben und mir ein anderes Hobby zu suchen. Doch ich konnte mich nicht lösen von der Malerei. Ich suchte mir eine andere Gruppe und siehe da, es klappte wieder. Diesen neuen Lebensabschnitt bezeichnete ich als meine goldene Zeit. Oliver wurde dann Nummer Zwei. Er war ein völlig abgedrehter Typ, unzuverlässig, aber lieb. Er kochte die beste Bolognese, die man sich vorstellen konnte und seine Kekse ließen jeden Ärger vergessen. Nach dem Genuss schwebte ich auf rosa Wolken und erst als ich bemerkte, dass er seine Freunde mit eben diesen Keksen beglückte, die er mit meinem Geld finanzierte, bemerkte ich blöde Gans, dass seine Backwerke zwar high machten, aber auch arm. Als ich den Geldhahn dann abdrehte, drehte er durch und verließ mich.
Vielleicht waren das genau die Geschichten, die den Radiomenschen interessieren würden, aber so viel wollte ich nicht von mir preisgeben. Ich überlegte also, was genau ich denn erzählen wollte. Sollte ich ihm sagen, dass meine neuesten Werke grün waren und dass es sich dabei um ganz gewöhnliche Tannenbäume handelte, die ich für meine Nichten und Neffen auf Weihnachtskarten malte?
Ich verwarf alle Gedanken, löschte den Fragenkatalog und beschloss, das Gespräch völlig unvorbereitet hinter mich zu bringen. Als am nächsten Morgen pünktlich um neun Uhr das Telefon schellte, nahm ich ab und atmete tief durch.
„Guten Morgen! Hier ist Ihr Radio Regio Kultur. Sind Sie bereit für ein kurzes Gespräch?“
„Bin ich!“
„Dann stelle ich Sie jetzt zu unserem Moderator durch, toi toi toi!“
„In der Leitung ist nun die Kiki. Guten Morgen, liebe Kiki!“
„Guten Morgen!“
„Kiki, ist das Ihr richtiger Name, oder handelt es sich um eine Abkürzung? Haha!“
„Ich heiße eigentlich Kirsten!“
„Haha, das ist ja mal eine geniale Abkürzung, haha …“
„…“
„Kiki, sind Sie noch da?“
„Ja!“
„Gut, dann erzählen Sie doch mal ein wenig von sich, haha!“
„Was möchten Sie wissen?“
„Na, zum Beispiel, was Sie so den lieben langen Tag machen? Haben Sie denn schon Ihre Weihnachtsgeschenke eingekauft und wenn ja, welche? Haha!“
„Ich habe …“
„Moment, Kiki, wir unterbrechen kurz für einen Verkehrshinweis, bin gleich wieder bei Ihnen.“
Es erklang ein Jingle, dann der Verkehrshinweis. Ich malte in Gedanken schwarze Tannenbäume und dann beschloss ich, dass ich dieses Gespräch beenden wollte. Entschlossen drückte ich auf „Auflegen“, ging in die Küche und kochte mir einen Kaffee. Irgendwo musste noch eine Dose mit den Keksen von Nummer Zwei sein …

© Regina Meier zu Verl