Wenn ich mir selbst Geschichten erzähle

„Oma, warum machst du das?“, fragt mich mein Enkel, als er in mein Zimmer kommt und mich dabei erwischt, wie ich mir selbst eine Geschichte vorlese.
„Was meinst du?“
„Na, du kennst doch deine Geschichten schon alle. Warum liest du sie dir dann vor?“, will er wissen.
„Ich übe!“, erkläre ich.
„Aber warum? Du bist doch längst aus der Schule, musst du immer noch üben?“
Er staunt, für ihn sind Hausaufgaben ein Gräuel.
„Es macht mir Spaß und außerdem macht es mich sicherer, wenn ich anderen vorlese!“, mache ich noch einmal einen Erklärungsversuch.
„Ach so!“ Er überlegt. „Für mich liest du perfekt, ich finde nicht, dass du noch üben musst!“, behauptet er und das tut meiner Seele richtig gut. Trotzdem erwidere ich: „Perfekt bin ich ganz sicher nicht!“
„Do-hoch!“, sagt er ernst. „Du bist die perfekteste Regina, die ich kenne.“

Er kennt nur eine, aber das spielt keine Rolle. Ich lege mein Manuskript zur Seite und knuddel ihn, das kann ich ohne zu üben!

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Bildquelle congerdesign/pixabay

 

Von Meisen und Mäusen

Von Meisen und Mäusen

„Blaumeisen und Kohlmeisen sind auf jeden Fall täglich da, auch mehrere Rotkehlchen kommen immer wieder und die frechen Spatzen sowieso!“, erzählt Oma, die nichts mehr liebt, als vom Esszimmerfenster aus die Besucher auf ihrer Terrasse zu beobachten.
„Und die großen dicken da vorn, was sind das für Vögel?“, will Lio wissen und klopft an die Scheibe. Im Nu sind alle gefiederten Freunde verschwunden.
„Hey, du darfst sie nicht stören beim Fressen, sie haben doch Angst vor uns!“, schimpft Oma.
„Oh, das wollte ich nicht!“, sagt Lio schuldbewusst.
„Die Großen, das sind Drosseln“, erklärt Oma. „Die schaffen es nicht, an die Meisenknödel zu kommen und auch das kleine Futterhäuschen ist für sie schlecht zu erreichen, deshalb streue ich für sie immer ein wenig Futter auf den Schnee. Das darf aber der Opa nicht sehen, dann schimpft er mit mir!“, erzählt Oma und lacht.
„Warum das denn?“, will Lio wissen.
„Weil er sagt, dass ich die Mäuse damit anlocke und wenn sich dann mal eine im Haus verirrt, dann ist das meine Schuld, behauptet Opa.“
Nun muss auch Lio lachen. „Das ist doch Quatsch. Hast du schonmal in Opas Pferdestall geguckt? Da wohnen unzählig viele Mäuse, die fressen alles, was sie kriegen können, die kleinen Schelme!“
„Und die verirren sich natürlich nicht im Haus, die hat Opa erzogen, nicht wahr?“ Oma lacht zwar noch, aber ein bisschen ärgerlich wird sie nun doch.
„Na warte, mein Lieber!“, sagt sie drohend und meint damit nicht den Lio.
„Aber verrate nicht, dass ich dir das erzählt habe!“, bitte Lio.
„Ach was, das wusste ich doch längst“, sagt Oma. „Hast du Lust, eine Runde mit mir spazieren zu gehen?“, fragt sie und da ist Lio sofort dabei. Schnell ziehen die beiden ihre Winterstiefel, die dicken Jacken und Handschuhe an und Omas selbstgestrickte Mützen wärmen die Ohren.
„Was hast du im Sinn, Oma?“, fragt Lio, der seine Oma ganz schön gut kennt. Wenn sie freiwillig rausgeht, ohne im Garten zu arbeiten, was ja jetzt im Winter nicht möglich ist, dann braucht sie die frische Luft als Treibstoff für ihren Kopf. So hat sie ihm das einmal erklärt und oft entstehen dann nach den Spaziergängen Geschichten.
„Na, was werde ich wohl im Sinn haben?“ Oma lacht. „Eine Geschichte!“
Lio strahlt. Er mag Omas Geschichten sehr und meist ist er der Erste, der sie hören oder lesen darf.
„Worum geht’s diesmal?“, fragt er neugierig.
„Rate!“ Oma grinst, kein Anflug mehr von schlechter Laune.
„Geht’s um die Vögel auf der Terrasse?“
„Nein, die habe ich schon so oft für meine Geschichten verwendet!“
„Geht’s um Opa?“
„Nur ein bisschen, auf jeden Fall wird es eine Geschichte werden, die Opa zu denken geben wird – oder die ihn ärgert, je nachdem!“
„Du machst es aber spannend!“ Jetzt möchte Lio doch gern wissen, was Opa ärgern könnte, ob Oma ihn doch verraten würde. Nein, das sah ihr gar nicht ähnlich, vor allen Dingen dann nicht, wenn sie etwas versprochen hatte. Auf Oma war Verlass, immer.
Eine Weile schweigen beide. Dann sagt Oma: „Die Geschichte der Terrassen- und Stallmäuse! Das ist der Titel, damit du weißt, um was es geht und nun hilf mir beim Denken!“, fordert sie Lio auf und der schnattert auch sofort los.
„Es waren einmal ein paar Terrassenmäuse und viele, viele Stallmäuse…“

© Regina Meier zu Verl

Geschichte in der Hörbar

Die großartige Tanja Esche hat wieder einmal eine meiner Geschichten mit ihrer wunderbare Stimme aufgenommen. Hört doch mal rein, ich selbst bin begeistert!
„Vom kleinen Glück“
Einen schönen Sonntag euch allen und immer mal wieder ein kleines Glück in eurer Manteltasche!

Das kannst du nicht

Das kannst du nicht

Mucksmäuschenstill wurde es, als sich Esther erhob und in die Mitte des Raumes stellte. Sie blickte kurz in die Runde, lächelte und schlug ihr Buch auf und begann zu lesen:
„Ich lese ein Kapitel aus meinen Kindheitserinnerungen.
Es war ein paar Tage nach meinem sechsten Geburtstag. Ich hatte von meinen Eltern ein Fahrrad bekommen, konnte aber noch nicht fahren. Wie auch? Ohne Fahrrad war das eben unmöglich gewesen. Heute fangen die Kinder mit Laufrädern an, oder mit dem Dreirad. Meist können sie dann schon fahren und benötigen auch keine Stützräder mehr, wenn sie ein „richtiges“ Fahrrad bekommen.
Für mich war es schwer, das Fahren zu erlernen, denn ich war von jeher ein ängstliches Kind gewesen. Geschürt durch die Ängste meiner Mutter traute ich mir nichts zu. Aber ich war ehrgeizig, und das in jeder Beziehung, sogar beim Fahrradfahren.“
Esther hielt kurz inne und schaute in die Runde. Sie entdeckte kein bekanntes Gesicht, was nicht ungewöhnlich war, denn sie war heute in einer für sie völlig fremden Stadt. Wenn sie daheim Lesungen hielt, dann kamen oft die gleichen Zuhörer, was angenehm war und doch wieder nicht. Stets zweifelte Esther nämlich, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlte, wenn sie wahre Geschichten erzählte und so vermied sie, zu Hause aus ihren Kindheitserinnerungen vorzulesen. Bei diesem ersten Absatz hätte sich ihre Mutter sicherlich geärgert. Sie hörte ihre Stimme: „Geschürt durch die Ängste meiner Mutter? Was soll das denn heißen? Habe ich nicht alles für dich getan?“
Esther räusperte sich und fuhr fort:
„Mutig stieg ich immer wieder auf, immer und immer wieder, und schaffte es nach einiger Zeit ein paar Meter zu fahren, sprang dann aber wieder vom Rad und blieb mit klopfendem Herzen daneben stehen. Mama gab Anweisungen vom Straßenrand aus. „Kind, fahr vorsichtig! Pass auf, da kommt ein Schlagloch, du musst es umfahren. Sitz doch nicht so verkrampft! Du musst nach vorn schauen!“
Ich weiß, dass Mama es gut meinte. Aber manchmal ist eben weniger mehr. Sie traute es mir nicht zu, dass ich es schaffen würde. Erst viel später habe ich verstanden, warum das so war. Sie selbst hatte als Kind kein Fahrrad gehabt, es waren Kriegszeiten und auch ihre Mutter, meine Großmutter, war eine eher ängstliche Person. Ihre eigenen Wünsche stellte sie stets hintenan und versuchte meinem Großvater alles recht zu machen. Der nutzte das aus, was ich allerdings als Kind nicht so gesehen habe. Ich liebte meinen Opa sehr und er hat ein sehr wichtiges Stück meiner Kindheit wunderschön bereichert und in mir die Liebe zur Literatur, der Musik und zur Natur erweckt. Jedenfalls glaube ich, dass er es war, denn in vielen Dingen finde ich mich wieder und noch heute denke ich sehr viel an ihn. Er traute mir alles zu und sagte niemals den Satz: Das kannst du nicht!“
Im Publikum bekam jemand einen Hustenanfall. Esther unterbrach ihren Vortrag für einen Moment, nahm einen Schluck Wasser und setzte erst wieder an zu erzählen, als sich die Dame wieder gefangen hatte. „Entschuldigen Sie!“, rief die Frau. Doch Esther wehrte ab. „Alles ist gut!“, sagte sie.
„Nein, ist es nicht!“, schluchzte die Frau und alle sahen sich erstaunt nach ihr um. Was war denn nur in sie gefahren? Jemand reichte ihr ein Taschentuch und ein Glas Wasser. Die Anwesenden murmelten leise. Esther war verunsichert. Sollte sie ihren Vortrag fortsetzen, so, als sei nichts gewesen? Innerlich entschied sie sich dagegen, aber sie war nicht sicher, was man nun von ihr erwartete. Eine derartige Situation hatte sie noch nicht erlebt. Allerdings blitzte ein kleiner Hoffnungsschimmer, die Lesung zu retten, in ihr auf, als sie spontan ihre Gitarre zur Hand nahm, sich auf den Barhocker setzte, den man für sie bereitgestellt hatte und ein paar leise Akkorde anschlug. Sofort wurde es wieder still. Esther spielte eine Weise, die sie auch zu Hause spielte, wenn sie sich beruhigen wollte. Das funktionierte eigentlich immer und auch die Zuhörer genossen die butterweiche Melodie und die perlenden Tonfolgen. Während sie spielte, beschloss sie, die Erinnerungsgeschichte vorsichtig wieder aufzunehmen, ließ aber die Stellen aus, die eine erneute Traurigkeit verursachen könnte.
„Ich komme nun zum Ende dieses Kapitels meiner Kindheitserinnerungen, damit wir uns einer anderen Geschichte widmen können. „Das kannst du nicht!“, war ein Satz in meiner Kindheit, den ich oft zu hören bekommen habe. Vielleicht war es gerade dieser Satz, der mich gestärkt hat, denn ich wollte allen beweisen, dass ich eben doch kann, was ich können möchte! Ich fiel hin und stand wieder auf, richtete meine Krone, wie man heute so treffend sagt und wurde zu der Frau, die ich heute bin. Und ja, ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit mir kleinen Hindernissen hatte. Doch es waren nur kleine Steine, die da im Weg lagen. Ich habe sie zur Seite gekickt und weitergemacht!“
Esther schlug ihr Buch zu und ihr erster Blick ging in Richtung der Frau, die noch vor ein paar Minuten vom Weinen geschüttelt wurde. Sie saß entspannt auf ihrem Stuhl und lächelte Esther an. Nach der Lesung kam sie zu ihr und bedankte sich für den Abend. „Ich kann das auch! Sie haben mir Mut gemacht!“, sagte sie und drückte Esther die Hand.

© Regina Meier zu Verl

Mira und das Weiß

Mira und das Weiß

„Ich spüre es im rechten dicken Zeh!“, sagt Oma, als Mira bei ihr zu Besuch ist. „Morgen wird es schneien!“
Mira hüpft vom Sofa und tanzt durch das Wohnzimmer. „Juchhu!“, ruft sie und springt wieder aufs Sofa, um Oma einen dicken Kuss zu geben.
„Ach ja!“ Oma seufzt und fasst sich ins Kreuz. „Eigentlich kann ich mich dieses Mal gar nicht auf Schnee freuen. Mein Ischias hat so gar keine Lust auf Spaziergänge im Schnee. Und wie ich mit diesen Schmerzen den Bürgersteig fegen soll, ist mir jetzt schon ein Rätsel.“
Mira lässt sich die Freude aber nicht verderben.
„Ach Oma, das mache ich dann einfach für dich, ist doch kein Problem. Und wenn ich es allein nicht schaffe, dann muss Opa mir eben helfen!“, schlägt sie vor.
„Soso!“, macht Oma nur und blickt zu Opa hinüber. Der sitzt wie fast immer im Winter vor seiner kleinen Staffelei und malt. Er malt den Winter. Und meist tut er dann so, als würde er nicht zuhören, wenn Oma oder MIra etwas sagen.
„Opa, sag du doch auch einmal etwas dazu!“, bittet Mira. Sie weiß aber schon jetzt, was Opa sagen wird, nämlich: Der Schnee bleibt liegen, bis ich ihn gemalt habe!
Und da spricht er es auch schon aus. „Was stört euch an dem wundervollen Weiß, das noch gar nicht da ist? Der Schnee bleibt liegen, bis ich ihn gemalt habe, Punkt!“, sagt er. „Also ich freue mich darauf und wie ihr wisst, ist Vorfreude die allerschönste Freude.“
„Aber Opa, Weiß ist doch eigentlich langweilig, findest du nicht? Ich mag Weiß nur, wenn es Schnee ist!“, meint Mira.
Hm! Darauf wissen die Großeltern nicht gleich etwas zu sagen.
„Du quengelst“, sagt Oma.
„Es gibt nicht nur ein Weiß“, brummt Opa. „Weiß hat viele Farben. Schneeweiß ist eine davon.“
„Hellweiß und Dunkelweiß?“, fragt Mira und kichert. “So wie Hellschwarz und Dunkelschwarz?“
„Das kommt der Sache schon näher.“ Opa brummt noch immer, freundlicher jetzt.
„Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffst, mir zehn Beispiele mit verschiedenen Weißtönen zu zeigen. Schau dich um und suche das Weiß und das vergleichen wir dann mit dem Weiß der Schneeflocken. Morgen, wenn wir Glück haben und es schneien wird.“
Das gefällt Mira, sie sucht im Zimmer nach weißen Dingen und entdeckt zuerst Omas Strickzeug. „Da!“, ruft sie. „Das ist weiß, aber nicht schneeweiß! Es erinnert mich an Vanilleeis und das würde ich jetzt gerne essen. Oder Käsekuchen, der ist auch weiß. Gelbweiß. Und Sahnetorte. Und weiße Schokolade, Schaumküsse, Vanillesoße, Kokosriegel, Puderzucker, oh, hm, Weiß schmeckt lecker und jedes von ihnen sieht anders aus. Toll!“
„Jetzt habe ich Hunger bekommen!“, sagt Opa und wäscht seinen Pinsel aus. „Sollen wir mal eine kleine Kekspause machen?“, fragt er.
„Einverstanden!“, sagt Oma und legt ihr Strickzeug zur Seite. Mira holt die Keksdose aus der Küche und Oma setzt einen Kaffee auf. Als die drei dann gemütlich im Wohnzimmer sitzen, entdeckt Mira die erste Schneeflocke und es werden immer mehr.
„Da haben wir wohl den Schnee herbeigeredet!“, meint Opa und lacht.
Mia lacht auch. „Dann sind wir Schneezauberer! Ist das nicht toll?“

© Regina Meier zu Verl

Henny auf Reisen

Henny auf Reisen

So richtig schönen Schnee hatte es in diesem Jahr noch nicht gegeben. Nur ein paar Flocken, die, kaum auf dem Boden angekommen, schon wieder tauten, gab es. Aber das war’s auch schon.
Henny wünscht sich nichts mehr, als endlich den Schlitten aus dem Schuppen zu holen und die kleinen Hügel im Stadtpark hinunterzusausen. Doch bestimmt würde es auch dieses Jahr mit Schnee nichts werden. Henny kannte das schon. Eigentlich gab es nur in den Bergen so richtig schönen Schnee zum Schlittenfahren. In den Bergen und bei Oma in der Eifel. Da gab es Berge, aber um Schnee musste man auch dort bangen.
Mama hielt so gar nichts von Schnee.
„Ich mag dieses weiße Zeug nicht, es sei denn, es ist Sahne auf dem Kuchen!“, witzelte sie, aber das konnte Henny auch nicht aufheitern.
„Könnten wir nicht ein einziges Mal Winterurlaub machen? So wie meine Freundin Lisa? Die fährt jedes Jahr mit ihren Eltern zum Ski fahren in die Berge!“
Mama seufzte.
„Dafür waren wir in den Herbstferien an der Nordsee“, sagte sie und ein bisschen klang ihre Stimme genervt.
„Och! Das ist schon so lange her!“ Henny versuchte es mit einem gedehnten Schmollen, das, so wusste sie, Mama leicht auf die Palme brachte. Meist aber gab sie dann doch nach, um ihre Ruhe zu haben. „Können wir nicht doch?“
Mama regte sich aber dieses Mal nicht auf.
„Doch. Ich glaube, ein Winterurlaub in der Eifel wäre für dich gar nicht so schlecht, oder?“, fragte sie und betonte dieses „für dich“ ganz besonders.
Sollte das etwa heißen, dass Henny ganz allein zu Oma in die Eifel fahren durfte? Vor Aufregung bekam sie einen Schluckauf. „Ich? Hicks, allein?“, fragte sie. Mama lachte. „Immer langsam, junge Dame, Zuerst muss ich mit Oma reden und mit Papa!“, sagte Mama.
„Jajaja! Gleich bitte!“ Vor Aufregung trippelte Henny vor Mama auf und ab.
„Ruf sie bitte gleich an. Hurra! Und dann fahre ich ganz allein mit dem Zug und nehme den Schlitten mit, die Skier und natürlich Ingeborg und Evelyn und Orinocco, ja, der muss auch mit. Und …“
„Halt, halt!“ Mama musste lachen. „Wie willst du das alles tragen und wozu um Himmels willen brauchst du deine Puppen und den Zottelbären beim Schlittenfahren?“
„Das ist doch klar, Mama! Es macht allein nicht so viel Spaß wie mit Freunden. Das sagst du doch auch immer!“ Für Henny war es selbstverständlich, dass die Freunde sie begleiten würden!
Mama seufzte.
„Dein Schneeanzug muss auch noch in den Koffer, die Stiefel und die Skischuhe, ach, und deine Jeans, Pullis, Shirts und die Wäsche. Wie soll das gehen?“
„Und meine Bücher, meine neue Kamera, das Handy und mein Tagebuch“, ergänzte Henny.
„Wir sollten einen Bus mieten!“, lachte Papa, der gerade hereingekommen war.
„Wieso Bus? Fahre ich denn nicht mit dem Zug zu Oma?“, fragte Henny, die für ihr Leben gern Zug fuhr.
„Allein?“ Mama verdrehte die Augen und Henny ergänzte verärgert: „…dafür bist du noch viel zu klein!“
Und beinahe hätte es nun sogar Streit gegeben.
„Okay!“, sagte Papa gerade noch im rechten Moment. „Du packst deine Sachen, Henny, und dann schauen wir, wie du mit all den Gepäckstücken zurechtkommst. Und dann reden wir weiter.“
„Und ich“, ergänzte Mama, „werde bei Oma anrufen. Wer weiß, ob sie überhaupt Zeit für dich hat.“
Oma hatte Zeit. Sie freute sich auf Hennys Besuch und einige Dinge erledigten sich gleich von selbst, denn einen Schlitten und Ski brauchte sie nicht mitbringen, das war alles bei Oma vorhanden. So fanden alle Freunde und genügend Wäsche Platz im Koffer. Die Bücher blieben allerdings zu Hause, denn davon hatte Oma genügend zur Auswahl.
Mama suchte einen Zug aus, der direkt zum Bahnhof fuhr, an dem Oma Henny in Empfang nehmen konnte und außerdem: So klein war sie ja auch nicht mehr, die Henny, immerhin schon zehn Jahre alt! Den Koffer schickten sie voraus, so dass Henny nur ein kleines Handgepäck mitnehmen musste. Darin war jede Menge Proviant und der Bär Orinocco, aber der blieb drin, bis sie bei Oma ankam. Hätte ja sein können, dass sonst einer gedacht hätte, Henny sei noch ein kleines Kind, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Wer sucht, der findet

Wer sucht, der findet

Rechtzeitig, bevor der Frost kam, wurde im Stadtpark die kleine Wiese geflutet, auf der, wie in jedem Jahr, eine Eislauffläche für die Kinder entstehen sollte.
Anton und Nele hatten das beobachtet und in ihnen wuchs schon die Freude aufs Eislaufen. Prompt fror es in der nächsten Nacht und dann auch in den darauffolgenden Tagen und Nächten.
„Ich glaube, wir können schon mal unsere Schlittschuhe bereitstellen“, sagte Nele.
„Au ja. Wo sind sie denn?“ Anton schaute sich suchend um, so, als kämen ihm die Schlittschuhe jeden Moment entgegen.
„Auf dem Dachboden, glaube ich. Oder im Keller? Oder in der Garage oder … bei Opa?“, zählte Nele auf.
„Hm, dann mal los! Suchen wir sie!“, schlug Anton vor. Zuerst stiegen sie gemeinsam auf den Dachboden.
„Ui, ist das hier staubig!“, meinte Nele, als sie ein paar Kisten an die Seite geräumt hatten und der Staub in den Sonnenstrahlen, die in die Dachluke schien, tanzte!
„Staubig und kalt.“ Anton rieb sich die Hände. „Lass uns schnell suchen, ist so schweinekalt hier!“
„Schweinekalt?“, fragte Nele.
„Ja, das sagt man doch so!“, erwiderte Anton.
Sie suchten den ganzen Dachboden ab, lugten in alle Ecken, hoben alle Kisten und Koffer an, schauten in alte Schränke und fanden viele wunderbare Schätze. Nur die Schlittschuhe, die waren nicht da.
Weiter ging es im Keller. Nele musste sich überwinden, denn in den Keller ging sie eigentlich gar nicht gern. Gut war aber, dass Anton bei ihr war, dann fürchtete sie sich nicht so sehr und außerdem wollte sie unbedingt die Schlittschuhe finden. Aber wie es so ist mit Dingen, die man unbedingt sucht. Man ist sich so sicher, sie da oder dorthin gelegt zu haben, aber dann stimmte dieses Bild, das man im Kopf hatte, doch nicht. Und genauso erging es den Geschwistern nun. Im Keller nämlich waren die Schlittschuhe ebenfalls nicht.
Also, auf in die Garage – aber da war es lausig kalt, noch kälter als auf dem Dachboden. Also mummelten sich die beiden erstmal dick ein und dann machten sie sich auf die Suche. Die Hände waren schon ganz steif von der Kälte und die Nase gefror, jedenfalls fühlte es sich so an, als Anton ein Gedankenblitz traf. „Die Schlittschuhe sind doch im Keller!“, rief er freudig aus. „Jetzt weiß ich auch genau wo!“
Schnell rannten die Kinder ins Haus, hüpften die Kellertreppe hinunter. Anton öffnete die alte Gefriertruhe, die die Eltern abgeschaltet hatten, weil sie ein zu großer Stronmfresser war.
„Da hinein packen wir die Schlittschuhe. Das passt!“, hatte Mama gesagt, „Gefrierschrank und Eis und Schlittschuhe!“
Und da lagen sie auch, die Schlittschuhe. Aber nicht nur die. Noch weitere Pakete lagen darin, hübsch verpackt in buntes Weihnachtspapier.
Weihnachtspapier? Weihnachten war doch schon vorbei. Hm!
Sollten die Eltern die etwa vergessen haben? Komisch war das auf jeden Fall, so komisch, dass Mama laut lachte, als Anton und Nele ihr davon erzählten.
„Könnt ihr euch nicht an die Hektik am Tag vor Weihnachten erinnern, als Papa unbedingt noch etwas besorgen musste, weil Pakete verschwunden waren? Aber das könnt ihr ja nicht wissen!“ Mama lachte und lachte und am Abend, als Papa auch da war, machten sie nochmal eine kleine Nachweihnachtsbescherung, schön, dass der Baum noch stand!

© Regina Meier zu Verl

Als die Glocken nicht mehr schweigen konnten

Als die Glocken nicht mehr schweigen konnten

Kindergeschichte für den Frieden für Groß und Klein – Die Glocken rufen zum Beten für den Frieden

Um 16 Uhr mitteleuropäische Zeit treffen sich Menschen für eine Minute zum Gebet für Frieden auf der Welt. Magst du mitbeten?
(Mehr Info dazu findest du hier unter der Geschichte … )

„Nein, ich will heute nicht läuten“, rief die große Glocke im Kirchturm. Sie war die größte im Geläut und irgendwie die Chefin hier. „Überhaupt nicht mehr läuten möchte ich. Jetzt nicht und gar nicht mehr.“
„Warum das denn?“, fragte ihre Nachbarin, die mittlere Glocke, die auch Betglocke genannt wurde. „Liebst du unsere Klänge nicht mehr?“
Die große Glocke seufzte. „Ich schon. Aber sonst kaum jemand, wie es mir scheint. Uns hört doch fast keiner mehr zu!“
„Stimmt!“, klingklingte die kleine Glocke mit hellem Klingbim.
„Aber wenn wir nicht läuten, vergessen die Menschen, zur Kirche zu kommen oder sich im Gebet auf sich selbst zu besinnen. Nie war es wichtiger als jetzt in diesen unfriedlichen Zeiten!“, meinte die Betglocke, und eine tiefe Besorgnis hallte in ihrer Stimme.
„Wichtig! Wichtig! Friede! Friede! Wichtig!“, bimmelte die kleine Glocke und sie klang aufgeregt.
„Pssst! Sei leise! Jetzt ist keine Glockenzeit!“, mahnte die große Glocke. „Und das mit dem Beten, werte Kollegin, haben die Menschen wohl verlernt. Ebenso wie das Zuhören.“
„Ja, verlernen sie denn alles? Ob sie uns auch nicht mehr sehen?“ Die Betglocke war ratlos. Und traurig auch.
„Wir sollten uns in Erinnerung bringen, jeden Tag! Das können wir auch alleine. Wir sind doch nicht auf die Menschen angewiesen. Was meint ihr?“, fragte die Kleine.
„Ja, du kannst das, aber ich bin zu schwer, um mich alleine zu bewegen“, meinte die Große.
„Bei mir wird es auch schwierig sein“, ergänzte die mittlere, die Betglocke. „Ich bin auch zu dick.“
„Zu dick? Hihi! Das sagen doch nur die Menschen, wenn sie über die wahren Probleme im Leben nicht sprechen möchten“, kicherte die kleine Glocke und wenn Glocken lachen könnten, so hätten alle drei nun laut und herzlich gelacht. Dick! So etwas aber auch!
„Pah!“, rief die Betglocke. „Das werden wir ja sehen! Wer nichts probiert, erreicht auch nichts.“
„Ja, versuche es!“, brummte die große Glocke. „Du wirst gebraucht.“
„Ich auch! Ich auch!“, rief die Kleine und fing vor Aufregung schon wieder an zu bimmeln. „Ich werde läuten. Zu Beginn von jeder Stunde. Für die Menschen! Für den Frieden! Und dann ..“
„Dann werden die Menschen schon merken, dass wir ihnen etwas mitteilen möchten. Ich habe die Hoffnung, dass es so ist!“, unterbrach sie die Große und die Betglocke nickte zustimmend. Mit jedem Nicken setzte sich ihr Klöppel etwas mehr in Bewegung. Schließlich kam er so richtig in Schwung und läutete laut und vernehmlich. Schön klang das! So wunderschön und eindringlich, dass die beiden anderen Glocken ergriffen schwiegen.
Da es die Betglocke war, die mit sonorem Klang alleine läutete, merkten viele Menschen auf. War es Zeit für ein Gebet? Sie ließen ihre Arbeit liegen und nahmen sich Zeit und beteten. Ein kleines, stummes Gebet für den Frieden.
Die große Glocke und das kleine Glöckchen hielten sich zurück, sie hatten auch keine Zeit, denn sie beteten mit den Menschen auf der ganzen Welt für den Frieden.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Ich bin dabei, bitte macht mit. 1 Minute. 

Während des Zweiten Weltkriegs organisierte ein Berater des Premierministers Winston Churchill eine Gruppe von Menschen, die jede Nacht zu einer bestimmten Zeit innehielten, was auch immer sie taten, um in der Gemeinschaft für den Frieden, die Sicherheit und die Sicherheit der Menschen in England zu beten.
Das taten sie jeden Tag, und es war, als würde die Stadt stillstehen, so groß war die Macht des Gebets.
Das Ergebnis war so überwältigend, dass die Bombardierungen nach kurzer Zeit eingestellt wurden!
Jetzt organisieren wir uns wieder, eine Gruppe von Menschen verschiedener Nationalitäten, um eine Minute lang für die Sicherheit unserer Länder zu beten, für ein Ende der Probleme, die uns unterdrücken und bedrücken, und dafür, dass Gott die Entscheidungen unserer Regierenden leitet.
Wir werden uns zu folgenden Zeiten treffen:
Österreich 16:00 Uhr
Deutschland 16:00 Uhr
Spanien 16:00 Uhr
England 15:00 Uhr
Portugal 15:00 Uhr
Kanarische Inseln 15:00 Uhr
Costa Rica 20 Uhr
Kolumbien 19:00 Uhr
Frankreich 16:00 Uhr
Nicaragua 20:00 Uhr
Ecuador 19:00 Uhr
Guatemala 20:00 Uhr
Mexiko 20 Uhr
Panama 19 Uhr
Honduras 18 Uhr
El Salvador 20:00 Uhr
Venezuela 18 Uhr
Uruguay 17 Uhr
Paraguay 17 Uhr
Brasilien 18 Uhr
Argentinien 17 Uhr
Chile 17 Uhr
Italien 16 Uhr
Israel 17 Uhr
Griechenland 17 Uhr
Bitte unterstützen Sie uns bei dieser Initiative.
Wir werden jeden Tag zu den festgesetzten Zeiten eine Minute innehalten, um für den Frieden in der Welt zu beten, für ein Ende der Konflikte und für die Wiederherstellung der Ruhe in allen Völkern der Erde, und dafür, dass die Familien auf Gott für ihre Sicherheit und ihr Heil schauen.
Wenn wir die enorme Macht des Gebets verstehen würden, wären wir erstaunt.
Wenn Sie diese Bitte an Ihre Kontakte weiterleiten, können wir mit unserem Gebet ein Wunder bewirken.
Stellen Sie den Wecker auf Ihrem Handy jeden Tag zu der für Ihr Land eingestellten Zeit und beten Sie eine Minute lang für den Frieden 


Noch schweigen sie, Bildquelle © Hreisho/pixabay

Baumgeflüster

Hier kannst du die Geschichte auch anhören: KLICK
Baumgeflüster

„Weißt du eigentlich, dass die dicke Eiche auf unserem Hof reden kann, Opa?“, fragt Jan seinen Opa, der gerade hinter dem Schuppen eine Zaunlatte repariert.
„Klar, weiß ich das. Ist ein richtiges Plappermäulchen, die Dicke!“, sagt Opa und grinst übers ganze Gesicht.
„Du glaubst mir wohl nicht!“ Jan kennt diesen Tonfall und das dazugehörende Grinsen.
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass sie plappert!“
„Ja, aber das sagst du nur so. In Wirklichkeit denkst du, dass ich spinne!“ Jan kickt mit dem Fuß einen dicken Ast zur Seite. „Aua!“ Der Ast war härter als gedacht.
„Hast du dir was getan?“, fragt Opa besorgt. Er lässt den Hammer fallen und geht auf Jan zu. Doch der ist verärgert. Schnell läuft er davon.
„Nun warte doch, Junge! Was hat sie denn nun gesagt, die Eiche?“, ruft Opa.
„Sie sagt, dass Erwachsene blöd sind!“, antwortet Jan ohne sich umzuschauen. Im gleichen Moment tut es ihm schon wieder leid. Er wollte Opa doch erklären, wie Bäume miteinander reden, denn die plappern natürlich nicht so wie die Menschen. Aber soweit ist er ja gar nicht gekommen, gleich hat Opa das ins Lächerliche gezogen und das findet Jan blöd, sehr blöd sogar.
Jan setzt sich auf die Bank vorm Haus, zieht seinen Schuh und den Strumpf aus und reibt seinen schmerzenden Zeh. Als Opa am Haus angekommen ist, setzt er sich zu Jan auf die Bank.
„Tut mir leid!“, sagt Opa.
„Mir tut es auch leid!“, sagt Jan und dann grinsen sie beide.
„Ist dein Zeh verletzt?“, will Opa wissen.
„Nein, ich glaube nicht, sehen kann man nichts. Ist ja meine eigene Schuld!“, sagt Jan und streckt Opa den Fuß hin. „Guck du doch mal!“
Vorsichtig bewegt Opa Jans Zeh hin und her.
„Scheint alles in Ordnung zu sein!“, sagt er dann. „Vielleicht sollten wir trotzdem ein wenig mit Eis kühlen“, schlägt er vor und macht sich auf den Weg ins Haus. „Bin sofort zurück!“
Als er mit einem leckeren Eis zurückkommt, das zwar nicht den Zeh kühlt, aber Jans Zunge, ist die Welt wieder in Ordnung.

„So, und jetzt erzähl mir mal, was die dicke Eiche gesagt hat!“, bittet Opa.
„Na ja, so richtig gesprochen hat sie nicht, also so mit Worten wie wir, meine ich. Aber Bäume reden miteinander“, erklärt Jan seinem Großvater. „Heute war ein Förster in unserer Schule, der hat uns erzählt, dass die Bäume so eine Art Netzwerk haben, in dem sie sich miteinander verständigen können!“
„Wie im Internet?“, fragt Opa.
„Ja, ganz ähnlich, sie brauchen dafür aber keinen Computer, sie machen das mit Gerüchen, Geschmäckern und mit ihren Wurzeln!“, erzählt Jan.
Opa ist beeindruckt und will mehr wissen.
„Hat der Förster euch auch erklärt, wie das geht?“
„Ja, alles habe ich nicht behalten, aber gemerkt habe ich mir, die Sache mit den Raupen!“
„Igitt, ich mag keine Raupen!“, meint Oma, die gerade aus dem Haus kommt.
„Setz dich zu uns, der Jan erklärt mir gerade wie die Bäume miteinander reden!“, sagt Opa und klopft mit der flachen Hand auf die Bank. „Komm!“
Jan erzählt weiter: „Wenn eine Raupe an einem Blatt knabbert, dann ist das für den Baum eine Verletzung. Es tut ihm weh. Also wehrt er sich!“
„Ach ja? Was macht er denn? Schüttelt er sich?“, fragt Oma lachend.
„Du sollst den Jungen ernst nehmen!“, schimpft Opa. „Rede weiter, Jan!“
„Er schüttelt sich nicht, das kann er gar nicht, dazu braucht er Wind. Bäume, die sich von sich selbst aus schütteln können, gibt es nur im Märchen!“ Jan erinnert sich, dass der Förster das auch gesagt hat. „Auch kann ein Baum keine Geräusche machen von sich selbst aus. Er muss zu anderen Mitteln greifen. Passt auf: Die Raupe knabbert und solange es ihr schmeckt, wird sie weiter knabbern. Also verändert der Baum den Geschmack seiner Blätter. Das dauert ein wenig, aber so ungefähr nach einer Stunde schmeckt das Grün so widerlich für die Raupe, dass sie von ihm ablässt. Und um die anderen Bäume zu warnen, verändert sich auch der Duft des Baumes!“

Oma und Opa staunen. Das haben sie nicht gewusst, aber wenn Jan das sagt, dann ist da sicher etwas Wahres dran.
„Das klingt sehr logisch, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann!“, meint Opa.
„Wir haben ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das noch einmal erklärt wird!“ Eifrig springt Jan auf, um seinen Schulrucksack zu holen.
„Guckt hier!“ er zeigt das Arbeitsblatt. Man sieht einige Bäume, die in einer Gruppe beieinanderstehen. Ihre Kronen berühren sich und unter der Erde sind ihre Wurzeln miteinander verbunden. Die gezeichneten Bäume haben fröhliche Gesichter, nur einer von ihnen schaut verärgert, in seiner Krone sitzt nämlich eine fette Raupe, die sich an dem Blattgrün sattfrisst. Im nächsten Bild schauen dann alle Bäume verärgert, sie haben mitbekommen, dass sich da ein Schädling bei ihrer Baumfreundin eingenistet hat. Im dritten Bild purzelt die Raupe auf die Erde und macht sich, so schnell sie kann, davon. Ihr schmeckt es nicht mehr. In einer Sprechblase steht „Igittigitt“.
„Das ist aber schade!“, sagt Opa und legt die Stirn in Falten.
„Was denn?“, fragen Oma und Jan gleichzeitig.
„Na, dass unsere dicke Eiche da ganz alleine steht. Sie hat niemandem, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie vor Raupen warnen könnte. Sicher ist sie einsam!“
Das findet Jan auch, aber er hat keine Idee, wie man das ändern könnte. Schließlich sollte die Eiche auch einen Partner ihrer Art haben, oder doch nicht?
„Meinst du, wir könnten einen kleinen Baum daneben pflanzen, Opa?“, fragt er deshalb.
„Ja, das meine ich. Hat denn der Förster gesagt, ob Eichen sich auch mit anderen Bäumen vertragen?“, will Opa wissen.
Jan schüttelt den Kopf. „Nein, das hat er nicht gesagt. Gleich morgen frage ich mal nach. Wir machen nämlich mit dem Förster einen Ausflug in den Wald.“
„Das finde ich super! Ach, ich würde auch gern noch einmal zur Schule gehen“, meint Opa, doch das findet Jan völlig übertrieben. Sie gehen ja nicht jeden Tag in den Wald.
„Du kannst in die Baumschule gehen und eine Freundin für unsere Eiche aussuchen. Das ist auch schön, oder nicht?“, fragt Jan.
„Das machen wir zusammen, wenn du herausgefunden hast, was für einen Baum wir pflanzen wollen! Ich fände es gut, wenn es keine Eiche wäre.“
„Aber warum denn, Opa?“
„Weil die so langsam wachsen, dass ich gar nicht mehr erleben würde, ob die beiden sich anfreunden. Unsere Dicke ist nämlich schon älter als ich, mein Opa hat sie gepflanzt, vor mehr als siebzig Jahren.“
Jan überlegt einen Moment. Wahrscheinlich hat Opa Recht, sie sollten einen schnellwachsenden Baum aussuchen, damit sie selbst etwas davon hatten – nicht erst die Ur-Ur-Enkel. Ist doch klar!

© Regina Meier zu Verl

Wer macht das Wetter

Wer macht das Wetter?

Der kühle Wind vertrieb den Spätsommer von der Bühne. Er fegte durch den Himmel, trieb die Schönwetterwölkchen und erste gelbe Birkenblätter vor sich her und zerrte an den Baumkronen. Mit lautem „Plopp“ fielen die Kastanien und Eicheln aufs Pflaster. Sollte es das etwa gewesen sein? Gab sich der Sommer so schnell geschlagen?
„Bitte nicht! Wind, du kannst dich zur Ruhe begeben, wir sind noch nicht bereit für deine Kühle! Und du, Sommer, bleib hier!“
Laut hallten die Rufe der Frau durch den Tag und die Häuser gaben ihre Worte im Gesang des Halls zurück. Sie stand mitten auf dem Marktplatz und war mit ihrer Bitte an Wind und Sommer nur schwer zu überhören.
Die Leute blieben stehen und lauschten. Einige nickten zustimmend mit den Köpfen, andere ereiferten sich laut: „Endlich ist es nicht mehr so heiß, die Verrückte soll doch still sein! Wir sind froh, dass der Herbst endlich kommt!“, riefen sie.
Die Frau aber wurde nicht müde, den Sommer zu beschwören zu bleiben.
„Das sind doch alles Worte!“, rief sie den Leuten entgegen. „Heute ist euch die Hitze zu heiß, morgen die Kälte zu kalt. Der Herbst wird euch bald zu ungestüm und unberechenbar und dunkel sein, vom Winter ganz zu schweigen. Da nämlich werdet ihr am Fenster stehen, in den Himmel sehen und euch nach dem Sommer sehnen. Ja, genauso wird das sein, ich sage es euch voraus!“
„Der das Wetter gemacht hat, hat sich etwas dabei gedacht!“, sagte ein Mann. „Wir brauchen nämlich alle Jahreszeiten und wenn wir noch so sehr jammern, so wird sich nichts ändern. Leider, leider haben wir Menschen aber schon eingegriffen in die natürlichen Abläufe und das ist nicht gut!“
„So ein Blödsinn!“, rief ein anderer Mann. „Niemand hat eingegriffen. Wir können gar nicht eingreifen, Sie sagten es doch selbst!“
„Wer hat es denn gemacht, das Wetter?“, fragte eine Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hatte.
„Mama, weißt du das denn nicht?“, fragte die Kleine verwundert.
Die Mutter schüttelte den Kopf und sah ihr Kind mit einem liebevollen Blick an.
„Nicht wirklich, nein, wenn ich ehrlich bin, so weiß ich das nicht so genau. Aber ich rate mal. Es … es ist die gute Wetterfee. Stimmt`s?“
Das Kind lächelte.
„Das könnte sein!“, sagte es. „Aber es könnte auch sein, dass das Wetter von Gott kommt, oder?“
„Ja, das könnte auch sein. Vielleicht waren es beide, Gott und die Wetterfee, denn Gott kann auch nicht alles allein schaffen. Er braucht Hilfe, oder?“
Die Mutter schwieg. Es fiel ihr schwer, diese Frage zu beantworten. Zu viel passierte überall auf der Welt gerade mit der Natur und dem Wetter. Zu viel, was Sorgen bereitete und ängstigte und was weder Gott noch alle Wetterfeen des Universums wieder würden richten können, wenn nicht bald Vernunft und Einsicht in die Köpfe der Menschen zurückkehrten.

© Regina Meier zu Verl