Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Praline – Glas – zittern – kunterbunt – beliebt

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Schaut auch bitte bei

Martina, was ihr zu den Wörtern eingefallen ist. Soweit ich weiß, setzt Lore noch einmal aus, wird aber beim nächsten Mal, am 15.8. wieder dabei sein!

Mäusefreundinnen

Die kleine Maus Krümel hatte ihr behagliches Nest unter der dichten Lorbeerhecke verlassen. Weit draußen, auf der Obstwiese schnupperte sie an einem Apfelkitsch, den wohl jemand achtlos weggeworfen hatte. Welch ein Glück für die Maus. Krümels winzige Nase bebte und die feinen Barthaare zitterten vor Aufregung. Mit den Pfoten ergriff sie geschickt einen Apfelkern und knabberte genüsslich daran. Einen weiteren Kern verputzte sie und einen dritten wollte sie ihrer Freundin Minny mitbringen. Die würde sich freuen. So flitzte Krümel mit dem Kern zwischen den Zähnen nach Hause, legte ihren Schatz in das winzige Glas im Nest, das sie einmal gefunden hatte und mühsam ins Heim geschleppt hatte. Dann machte sich gleich noch einmal auf den Weg, um einen weiteren Apfelkern einzusammeln.
Als sie aber zurück zur Wiese kam und durch das lange Gras trippelte, um den Apfelrest wiederzufinden, sah sie gerade noch, wie eine dicke Katze gebeugt durch die Wiese schlich. Im nächsten Moment sprang sie auf etwas zu und dann gab es ein Gequieke und Geschrei und – glücklicherweise – konnte ein anderes Mäuschen entwischen.
Unserer Maus Krümel allerdings war der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren, dass sie keine Lust mehr auf Apfelkerne hatte und sich schleunigst auf den Weg ins Nest machte. Dort saß sie nun mit ihrem Apfelkern, der ihr so begehrenswert wie eine feine Praline erschien. Das Wasser lief ihr im Mäulchen zusammen, aber sie beherrschte sich. Schließlich hatte sie den Kern für ihre Freundin Minny mitgebracht. Vielleicht könnte sie aber auch den Kern verzehren und dafür einen kunterbunten Blumenstrauß für ihre Freundin pflücken, dachte sie. Aber das war wohl nicht ganz das gleiche, einen Kern konnte man essen und sie selbst hatte sogar zwei Kerne genießen können. Es war nicht gerecht, dass sie Minnys Kern auch noch vertilgte. Sie wäre eine schlechte Freundin gewesen.
Nach dem Mittagsschlaf machte sich Krümel auf den Weg, ihre Freundin zu besuchen. Sie huschte in deren Nest und ließ den Apfelkern vor Minny fallen.
„Bitte schön, der ist für dich!“, sagte sie und Minny machte sich sogleich über ihr Geschenk her.
„Danke schön, das tat gut!“, sagte sie noch schmatzend. „Apfelkerne geben Kraft, das habe ich heute am eigenen Leib erfahren!“
„Ja? Was ist denn passiert?“, wollte Krümel wissen.
„Ich wäre fast von der dicken Katze erwischt worden, ich konnte im letzten Moment entwischen, ich habe mich mit Händen, Füßen und Gequieke gewehrt und es hat funktioniert, ich konnte entwischen.“
„Das ist wunderbar! Aber, was haben denn die Apfelkerne damit zu tun?“, fragte Krümel.
„Ich hatte gerade genüsslich meinen fünften Apfelkern verzehrt, als die böse Katze auf mich zukam. Ich hatte nämlich einen Apfel im Gras gefunden und kam gut an alle fünf Kerne heran, mmmh, die waren lecker!“, erklärte Minny.
„Wolltest du gar keinen Kern für mich mitbringen? Nicht einen einzigen?“, fragte Krümel enttäuscht.
„Oh“, rief Minny, und dann noch einmal: „Oh, das tut mir leid und du hast recht, ich hätte dir einen Kern mitbringen sollen. Ich bin eine schlechte Freundin!“, jammerte sie.
Krümel wehrte ab. „Ist schon gut, wichtig ist, dass dich die Katze nicht erwischt hat!“, sagte sie, aber so ein ganz kleines Bisschen tat es doch weh im Bauch, dass Minny gar nicht an sie gedacht hatte.
Ein paar Tage später, Krümel kam gerade von einem Besuch bei ihrer Cousine Amie zurück, fand sie in ihrem Glas fünf herrlich schwarze, glänzende Apfelkerne. Sofort dachte Krümel an Minny und sie glaubte, dass nur sie die beliebten Kerne dort hineingelegt haben konnte. Bevor sie also nur ein einziges Kernchen verzehrte, lief sie zu Minny hinüber, um sich zu bedanken. Die kam ihr aber schon auf dem halben Wege entgegen und hatte das gleiche Anliegen, denn auch sie hatte fünf Apfelkerne vorgefunden.
„Wie, du warst das nicht?“, fragte Krümel ungläubig.
„Nein wirklich nicht und du? Warst du das auch nicht?“, wollte Minny wissen.
„Hey Mädels!“ Das war die Stimme von Feli. „Habt ihr mein Geschenk gefunden?“
Minny und Krümel sahen sich an. „Wir sind schlechte Freundinnen!“, flüsterte Minny und Krümel nickte zustimmend. Keine von beiden hatte an Feli gedacht. Sie schämten sich und nahmen sich vor, demnächst besser auf die Freundinnen zu achten und an sie zu denken, wenn es etwas zum Teilen gab. Ganz fest nahmen sie es sich vor und wie ich gehört habe, klappte das auch.

© Regina Meier zu Verl

Aus den Augen verloren

Aus den Augen verloren

Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

Sommerleicht

Sommerleicht

Sommerleicht

„Lebe deinen Traum“, hatte ich das nicht hunderte von Malen auf Postkarten, in Internetforen als Signatur oder in Selbsthilfebüchern für Depressive gelesen? Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, das auch wirklich umzusetzen.
Dann aber sah ich diesen Film vor ein paar Wochen. Den Titel habe ich vergessen und auch die Handlung ist mir nicht mehr bewusst, vielleicht habe ich auch nur einen Ausschnitt gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle, denn was auch immer ich da gesehen habe, es hat den Hebel in meinem Kopf umgelegt, der verhinderte, mich so zu geben, wie ich eigentlich bin: Selbstbewusst, gut aussehend, attraktiv vielleicht sogar auf eine gewisse Weise schön. Zugegeben, das ein oder andere Kilo auf meinen Hüften gehört eigentlich unter meine Füße, damit Körpergröße und Bodymaßindex harmonieren, es handelt sich also nur um eine Verlagerung von Werten.

Ich fasste den Entschluss, dass ich nicht mehr träumen wollte, sondern leben, mich mutig präsentieren und mich vielleicht sogar neu verlieben. Ich hatte es satt, ständig vorm Internet oder Flimmerkasten zu sitzen. Ich füllte die Anmeldung für den Single-Urlaub an der Ostsee aus und brachte den Brief noch am gleichen Tag zur Post.
In ein paar Wochen begannen die Ferien und danach würde ich ein neuer Mensch sein, jawohl!

Die kommenden Wochen verbrachte ich damit, meine Urlaubsgarderobe zusammen zu stellen, es fehlt nur noch ein neuer Badeanzug, ach was, ein Bikini sollte es sein.
„Haben Sie diesen Bikini auch in Größe 48?“, fragte ich die sympathische Verkäuferin mit Konfektionsgröße zweiunddreißigeinhalb. Sie schaute mich verdutzt an, blieb aber höflich.
„Moment, ich schaue gleich mal nach“, sie verschwand im Lager und kam nach ein paar Minuten mit zwei Bikinis in meiner Größe zurück. Vergnügt wedelte sie mit den Kleiderbügeln.
„Hier, bitte schön. Dort ist die Kabine, wenn sie mal probieren wollen!“ Sie zeigte auf einen kleinen Bretterverschlag, in dem man mit zweiunddreißigeinhalb genügend Platz hat, sich aus den Klamotten zu schälen, ohne sich blaue Flecken zu holen. Ich schluckte.
„Ich befürchte, dass es mir dort zu eng sein wird, ich habe nämlich Platzangst!“, behauptete ich. Die Kleine nickte verständnisvoll.
„Wissen Sie was, wir nehmen die Personaltoilette, dort ist es geräumiger und sie können ungestört anprobieren, okay?“

Fünf Minuten später stand ich in einem blauen Bikini in der Personaltoilette des Kaufhauses und versucht, mich im Spiegel zu betrachten, der über dem Wachbecken hing. Das gelang nur als Brustbild und das fand ich soweit okay. Als ich aber an mir herunterschaute, sah ich, dass der Bikini meine Figur ungemein betonte, das heißt, dass jeder Rettungsring gut zu sehen war und dort, wo die Hose endete, quoll eine unansehnlich Masse überflüssiger Körperfülle hinaus. Schrecklich, fand ich und wollte mich gerade wieder ausziehen, als die innere Stimme wieder mit mir sprach und sagte: Du bist schön! Nimm den Bikini!
„Kommen Sie mit der Größe zurecht?“, rief die junge Verkäuferin, die vor der Tür auf mich wartete. „Soll ich mal gucken?“
Ich schloss die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schaute mich an, bat mich, mich kurz umzudrehen und dann nickte sie anerkennend.
„Sie sehen toll aus, allerdings würde ich die Hose ein wenig größer nehmen, sie kneift und das ist zu gewagt und unvorteilhaft. Moment, bin gleich zurück!“
Sie brachte mir eine andere Bikinihose, die ich gleich anprobierte und sie hatte Recht, ich fühlte mich gleich besser. Als sie mir dann ein blaubuntes Tuch um die Hüften schlang, wagte ich es sogar, die Toilette zu verlassen, um mich im Laden in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Und was ich sah, gefiel mir.
„Alles klar, den Bikini nehme ich und das Tuch auch!“
„Eine gute Wahl!“
„Und eine wunderbare Beratung!“, sagte ich und zwinkerte der Kleinen zu. „Ich werde Ihnen was Schönes aus dem Urlaub mitbringen!“, versprach ich und hielt mein Versprechen.
Ich fand im Urlaub keine neue Liebe, aber es waren viele Menschen dort, mit denen ich plauderte und feierte und ich fühlte mich wie neu geboren, als ich wieder zu Hause war.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig
das sind die Wörter, die dieses Mal mit verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch, was meine Kolleginnen dazu geschrieben haben!
Martina
Lore

Niklas, der große Freund
Irgendwie war es praktisch, einen Freund wie Niklas zu haben. Ich mochte Niklas aber nicht nur wegen des Vorteils, einen Überblick zu haben, wenn man mit ihm unterwegs war. Niklas war vermutlich fast zwei Meter groß und das, wo wir doch noch im Wachstum waren. Wenn ich da so an mich denke, ich war mit meinen dreizehn Jahren so klein, dass ich Niklas gerade mal bis zur Schulter reichte. Er hätte mir also bequem auf den Kopf spucken können. Das tat er natürlich nicht, er war ja mein Freund.
Manche aus unserer Schule ärgerten Niklas gern. Das waren die, die ihn nicht näher kannten. Er war nämlich ein richtig guter Kumpel und hatte es nicht verdient, geärgert zu werden. Niklas überhörte die meisten Neckereien und grinste. Allerdings wenn jemand „langer Lulatsch“ zu ihm sagte, dann wurde er zornig, aber so richtig! Seine Augen funkelten dann gefährlich. Das reichte meist schon, um denjenigen in die Flucht zu schlagen, der sich die Neckerei erlaubt hatte.
Papa sagte mal, dass der lange Lulatsch der volkstümliche Name des Funkturms in Berlin sei und das sei doch nichts Schlechtes. Ich sollte doch Niklas mal davon erzählen. Aber zuerst wollte ich etwas mehr darüber wissen und schaute im Internet nach, was man über den Funkturm erfahren konnte. Richtig gut fand ich, dass dieser Turm eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin ist. Ein Wahrzeichen ist doch etwas Gutes, nicht wahr? Es ist etwas, an das man sich erinnert, wenn man es einmal gesehen hat.
146,7 Meter ist er hoch, also ungefähr 144,7 Meter höher als Niklas und er hat auf der Höhe von 50 Metern ein Turmrestaurant und eine Aussichtsplattform ganz oben. Er ist also nicht nur ein Funkturm, sondern auch ein Aussichtsturm. Ein wenig ähnelt er dem Pariser Eiffelturm, den habe ich schon gesehen, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Frankreich gemacht habe. Der ist aber höher, viel höher, nämlich 324 Meter.
Zur feierlichen Öffnung des Berliner Funkturms „Langer Lulatsch“, wurde sogar ein Gedicht gesprochen und als ich das gelesen hatte, kam mir eine gute Idee. Ich wollte Niklas auch ein Gedicht schreiben, eines, das ihn so richtig freuen sollte. Ich machte mich ans Werk und als ich am Abend mit hochrotem Kopf zum Essen in die Küche kam, fasste mir meine Mutter an die Stirn, weil sie vermutete, dass ich Fieber haben könnte.
„Ach, Mama, lass doch! Ich habe ein Gedicht geschrieben, das war schwere Arbeit!“, erklärte ich ihr. Mama konnte das gut verstehen, denn sie schrieb auch Gedichte. Sie bat mich, mein Gedicht doch einmal vorzulesen. Das wollte ich aber nicht so gern.
„Ich möchte noch eine Nacht drüber schlafen!“, sagte ich und auch das verstand Mama.
„Okay, mein Junge, dann morgen, versprochen?“
Ich versprach es ihr, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mein Gedicht immer noch ganz gelungen. Es geht so:

Es ist von Vorteil, wenn man groß ist,
weil man dann immer sieht, was los ist.
Ich weiß, dass ich in deiner Nähe
viel mehr als alle andren sehe.
Du wirst schon alles überschauen
und ich kann dir beruhigt vertrauen.
Drum sag ich heute danke schön,
fürs „Immerfürmichmitsehn“!

Dein Freund
Lukas
Eigentlich wollte ich drunter setzen: Ich bin ein kurzer Lukas und du ein langer Lulatsch – aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Über das, was ich ihm zum Funkturm erzählt habe, hat er sich gefreut und das Gedicht hängt eingerahmt über seinem Bett, klasse, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

Immer rundum die Apfelbäume (7)

Die Zeit der Feldernte ist so gut wie vorbei. Die meisten Äcker sind frisch gepflügt und teilweise auch schon eingesät. Ab und zu fährt der dicke Grüne noch mit seinem Spritzwerk über die Felder und düngt die Saat. Ganz ehrlich: ich bin nicht so richtig traurig darüber, dass er das machen musst. Ich bin eben schon alt und muss mich auch mal ausruhen. Das darf man, wenn man älter ist. Es heißt ja gar nicht, dass man nicht mehr gebraucht wird, keinesfalls. Die Aufgaben verändern sich. Ihr habt das schon in meiner letzten Geschichte erfahren, als die Katze Violetta acht kleinen Herbstkätzchen das Leben geschenkt hat. Das war aufregend und schön, ja, ja.

Mittlerweile sind Mutter und Kinder ausgezogen. Sie besuchen mich aber täglich und darüber freue ich mich sehr. Auch Lukas schaut regelmäßig nach mir. Er ist nun schon ein großer Junge und hat sicherlich sehr viele andere Dinge im Kopf als mich, seinen alten Freund. Umso mehr freue ich mich eben, wenn er mal wieder reinschaut.

„Na, kleiner Trecker, alles im Lot bei dir?“, fragt er mich und insgeheim muss ich doch grinsen. Diese jungen Leute! Ob die wohl wissen, was genau das bedeutet? Natürlich weiß ich, was er meint, er will nämlich wissen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Könnte man auch gleich sagen, oder?

Bei mir ist alles bestens! Ein Lot ist übrigens ein Gewicht, das an einer Schnur befestigt ist. Auf dem Bau hat man so ein Lot benötigt, um festzustellen, ob alles in einer schönen senkrechten Linie ausgerichtet ist. Dafür klettert man nach oben, hält die Schnur gut fest und lässt das Gewicht nach unten fallen. Beim Einbau von Fenstern und Türen ist das wichtig. Aber das interessiert euch vielleicht gar nicht. Ich wollte von Lukas erzählen. Der ist diesmal nämlich nicht allein da. Er bringt seinen kleinen Freund Henning mit.

Lukas fährt mittlerweile schon selbst Trecker. Das darf er auch, aber nicht auf der Straße, dafür benötigt man einen Trecker-Führerschein. Aber auf der Wiese kann er allein herumdüsen und das macht er auch ganz gut und vor allem nicht zu übermütig. Henning ist noch klein, aber groß genug, um auf dem Kindersitz Platz zu nehmen. Ich glaube, dass er ein bisschen aufgeregt ist und deshalb zeige ich mich von meiner besten Seite. Ich springe sofort an und mucke auch gar nicht herum, als Lukas ein wenig zu viel Gas gibt. Ich will unseren Gast nicht erschrecken, deshalb spare ich mir auch das Hupen. Ihr wisst ja, dass ich das vor lauter Freude ab und zu einfach mal so mache, ohne, dass jemand die Hupe gedrückt hat.

Wir drei, also Lukas, Henning und ich fahren vom Hof aus auf die Apfelwiese. Gut, dass der Bauer Josef die Äpfel am Morgen schon aus dem Gras gesammelt hat, denn sonst wären sie unter meinen dicken Reifen gleich zu Apfelmus geworden. Nicht auszudenken, wie viele Wespen dann gekommen wären, vom süßen Duft angelockt. Mir macht das nichts aus, aber wenn sie die Menschenkinder stechen, dann ist das Geschrei groß, es muss wohl heftig weh tun. Margret hat die Falläpfel schon zu Apfelmus verarbeitet, deshalb gibt es wohl heute Abend Kartoffelpuffer mit Apfelbrei. Lukas mag das und sicher mag das sein Freund auch.

Wir haben Glück, die Wespen sind anderweitig beschäftigt und wir können in aller Ruhe Slalom um die Apfelbäume fahren und das macht so großen Spaß, dass die Kinder vor Freude juchzen. Ja, ja, sogar der große Lukas, der mittlerweile zwölf Jahr alt ist, hat Spaß wie früher, als er selbst noch bei Opa Josef mitfuhr.

Später fährt mich Lukas in die Scheune zurück, dort werden Violettas Kinder herzlich begrüßt und geknuddelt. „Ach, sind die süß!“, findet auch Henning und Violetta ist mächtig stolz auf ihre Kinder und ich auch, denn schließlich bin ich bei ihrer Geburt dabei gewesen, also fast so vertraut wie ein Vater, wo auch immer der sein wird. Gesehen habe ich ihn jedenfalls bei uns noch nicht. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Ich heiße Hendrik und bin zehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und Oma in einem Haus, das vor meiner Geburt gebaut wurde. Als ich auf die Welt kam, ist Oma zu uns gezogen. Sie hat auf mich aufgepasst, wenn Mama und Papa arbeiten mussten. Wir sind ein gutes Team, Oma und ich.
Papa sagt immer, dass seine Mutter nicht mehr die ist, die sie mal gewesen ist. Ich verstehe das nicht, sie ist doch immer Oma gewesen und immer habe ich sie lieb gehabt genau wie heute, weil sie doch meine allerbeste Oma ist.
Ich schaue mir alte Fotos an. Fotos, auf denen auch Oma zu sehen ist. Sie sah genau aus wie heute, etwas jünger eben, aber einwandfrei zu erkennen. Bis auf die Haare, die sind jetzt weiß, ist alles wie immer. Sie hat ein herrliches Lächeln auf den Bildern, genau das, was ich an ihr so mag.
Papa sagt auch, dass Oma ihn nicht mehr versteht. Stimmt gar nicht, sie versteht alles. Vielleicht sind ihre Ohren nicht mehr so gut wie früher, aber wenn man laut genug spricht, dann versteht sie alles. Manchmal hilft es, wenn man ihre Hand dabei hält, dann ist sie ganz aufmerksam und hört zu.
Sie ist ein bisschen durcheinander, sagt Papa. Das stimmt. Ich finde das aber nicht so schlimm, eher lustig. Neulich hat sie mit mir ein verrücktes Spiel gespielt. Wir haben so gelacht, Oma hat Humor. Das Spiel ging so: Oma rief: „Oliver, bring mir mal die Wasserflasche!“
„Oma, ich heiße doch nicht Oliver!“
„Nein, wie heißt du denn?“
„Rate!“
„Heißt du vielleicht Egon?“
„Nein, ganz kalt, Egon ist dein Bruder!“
„Oder Manfred?“
„Nein, so heißt doch Papa, dein Sohn!“
„Oder heißt du vielleicht Alfred?“
Ich kann euch sagen, meine Oma hat viele, viele Namen aufgezählt und meiner war nicht dabei. Also habe ich mich im Kreis gedreht und gesungen:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
„Rumpelstilzchen heiß!“ Oma klatschte in die Hände vor Freude. „Siehste, ich weiß es!“
„Aber Oma, ich heiße doch Hendrik!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Oma und verlangte, dass ich ihr sofort das Märchen vom Rumpelstilzchen vorlesen soll. Das machte ich und sie hörte ganz aufmerksam zu und freute sich so, als am Schluss alles gut ausging.
Oma liebt Märchen. Früher hat sie mir vorgelesen, heute lese ich ihr vor. Das ist doch richtig schön, so kann ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie für mich getan hat, oder?

© Regina Meier zu Verl

Die Eichen und das Maisfeld

Die Eichen und das Maisfeld

Die Eichen und das Maisfeld

Drei alte Eichen standen auf einem Feld. Sie waren weit genug voneinander entfernt, dass die mächtigen Kronen ungestört in den Himmel ragen konnten, aber doch nah genug, um sich miteinander zu unterhalten.
Weit und breit waren sie von Maispflanzen umgeben. Kein Mensch war zu sehen, kein Haus, kein Auto. Wie auf einer Insel lebten sie, auf einer Insel im Maismeer, das sich leicht im Winde wiegte.
„Ich wünschte, dass wir einmal wieder etwas anderes als diesen langweiligen Mais zu sehen bekommen. Seit Jahren habe ich nichts anderen gesehen. Wir sind ja regelrecht abgeschnitten von der Welt!“, beschwerte sich die Eiche in der Mitte. „Käme nicht ab und zu die Katze vorbei, erführen wir doch gar nichts Neues mehr.“
„Dir kann man es ja niemals recht machen, meine Liebe. Ich erinnere mich an die Zeit, als hier noch eine Weide war. Da hast du ständig gemeckert, dass sich die Kühe ihre Hinterteile an uns gescheuert haben“, merkte ihre linke Nachbarin an.
„Genau!“, stimmte die dritte Eiche zu. „Du meckerst und schimpfst, aber ändern wird das nichts. Wir müssen uns mit dem zufrieden geben, was man uns beschert, nicht wahr?“
„Das will ich aber nicht!“, rief die Mittlere. „Ich mag nicht einfach alles so hinnehmen. Man sollte protestieren! Wir müssen einfach nur zusammenhalten, dann sind wir stark. Früher gab es Roggen, Weizen und Gerste, manchmal Kleewiesen, oder Lupinen. Heute baut man nur noch Mais an. Das Schlimmste aber ist, dass der gar nicht gegessen wird, er kommt in Biogasanlagen, ja, so ist das. Die Eule hat es mir erzählt.“
Die Eichen schwiegen. Die Mittlere war sauer, ihre Freundinnen nahmen sie einfach nicht ernst. Doch was sollte sie machen, sie hatte keine anderen Vertrauten.
Es fing an zu regnen, zuerst ganz wenig, dann aber schüttete eine dicke Wolke direkt über den drei Eichen alles Wasser aus, das sie mit sich herumgetragen hatte.
„Igittigitt!“, schimpfte die Mittlere. „Früher, da war das Wetter besser. Es ist September und es schüttet in einer Tour, das ist furchtbar, ganz furchtbar!“
Die beiden anderen schwiegen. Regnete es, war es nicht richtig, schien die Sonne, war es zu heiß, wurde es neblig bekam sie Schnupfen, wenn die Blätter fielen wurde sie depressiv, schneite es, war es ihr zu kalt, kamen die neuen frischen Triebe, dann kitzelte es sie. Sie war einfach der unzufriedenste Baum, der jemals auf diesem Feld gestanden hat. Dabei war sie doch schon so alt und sollte gelernt haben, wie wichtig die Jahreszeiten sind und dass alles seinen Sinn hat.
„Dass hier aber immer nur noch Mais gepflanzt wird, das macht keinen Sinn!“, behauptete die unzufriedene Eiche, so als habe sie die Gedanken der anderen gehört.
„Ein bisschen stimme ich ihr zu“, sagte die Linke vorsichtig, weil sie weder mit der einen, noch mit der anderen in Streit geraten möchte. „Eine schöne Blumenwiese wäre herrlich, dann kämen auch unsere Freundinnen, die Bienen wieder in Scharen zu uns. Wisst ihr noch, wie schön das war? Damals gab es auch noch diesen herrlichen Apfelbaum hier in unserer Wiese.“
Gerade, als sie das sagte, schickte die Sonne ein paar Strahlen durch den Regenvorhang und wenige Momente später erstrahlte am Himmel ein göttlicher Regenbogen.
„Schaut nur, wie schön!“, riefen alle drei und lachten glücklich. „Die Sonne ist auf unserer Seite. Wie reich wir doch sind!“
Der Friede unter den Freundinnen war vorerst wieder hergestellt und als später am Abend die Eule geflogen kam und sich auf einer von ihnen niederließ, da mussten sie zugeben, dass sie ein gutes Leben hatten, Mais hin oder her.
„Im nächsten Jahr wird es hier eine Blumenwiese geben“, verkündete die Eule.
„Lügst du uns auch nicht an?“, frage die Mittlere, obwohl sie wusste, dass die weise Eule immer die Wahrheit sprach.
„Halt sofort den Mund und verärgere unsere liebe Eule nicht!“, riefen die beiden anderen.
Doch die Eule ließ sich gar nicht aus der Ruhe bringen. Sie hatte erfahren, dass die Menschen nach anderen Möglichkeiten suchten, als immer nur Mais anzubauen. Der Bauer hatte sich mit seiner Frau darüber unterhalten und es hatte sie so sehr gefreut, dass sie das unbedingt mit jemandem teilen musste.
„Dann müssen wir ja nicht mehr protestieren, ihr Lieben!“, rief die mittlere Eiche glücklich. „Es ist aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben, nicht wahr?“
Die Eule kicherte leise. Sie kannte die Drei schon lange und wusste, dass sie, obwohl sie einander äußerlich so ähnlich waren, ganz verschiedene Bäume waren. Das war nicht anders als bei den Menschen. Leider war es mit dem Vertragen aber bei den Bäumen wesentlich leichter als in der Menschenwelt. Da konnte einem das Kichern vergehen, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Heute freute sie sich an der guten Nachricht, die sie ihren Freundinnen überbringen konnte und was morgen sein würde, wer weiß das schon?
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Erinnerungen an Fräulein Tät

Erinnerungen an Fräulein Tät

Meine Freundin Uli strickte unter der Schulbank Socken, während ich Zigaretten für die Pause drehte. Trotz unserer Nebentätigkeiten lauschten wir aufmerksam den Ausführungen von Fräulein Tät. Eigentlich hieß sie Zimmermeister und unterrichtete Geschichte und Religion in unserer Mädchenschule. Fräulein Tät liebte Wörter, die auf „tät“ endeten, deshalb hatte sie ihren Spitznamen bekommen, den schon Generationen vor uns kreiert hatten. Keine Stunde verging, in der nicht mindestens drei dieser geliebten Wörter vorkamen. Oft schlossen wir Wetten ab, wie viele es am jeweiligen Tag sein würden.
Gerade gestern kam mit Fräulein Tät mal wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten anschaute und mich über die vielen Fremdwörter ärgerte, die größtenteils überflüssig waren.
Über jedes neue Wort mit der Endung „tät“ freue ich mich aber noch heute diebisch, doch dazu später.
„Meine Damen“, pflegte Fräulein Tät zu sagen, wenn sie uns eine Aufgabe stellte. „Meine Damen, verfassen Sie eine Abhandlung über das soeben gehörte. Es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität Ihres Textes, denken Sie daran!“
Streng war sie, dennoch genoss sie eine gewisse Beliebtheit bei fast allen Schülerinnen, denn bei ihr wusste man genau, woran man war. Ja, und sie mochte uns auch. Das Zigaretten drehen übersah sie meist, ab und an gab es einen Rüffel und auch Ulis Strickerei war einmal Anlass zu einer Rüge: „Ich bewundere Ihre Kreativität, Uli, aber Sie bewegen sich am Rande der Legalität. Ihre Aktivität in allen Ehren, aber das hier ist der Geschichtsunterricht und keine Handarbeitsstunde.
„Beim Stricken kann ich mich besser konzentrieren!“, behauptete Uli und stillschweigend akzeptierte Fräulein Tät die Strickerei, wenn nicht allzu sehr mit den Nadeln geklappert wurde. Zu Weihnachten bekam sie zum Dank daher ein Paar selbst gestrickter Socken.
„Das ist eine wahre Rarität!“, rief sie begeistert aus und befühlte beinahe zärtlich die grüngelb geringelten Strümpfe. „An einem kalten und regnerischen Tag gibt es nichts Besseres als warme Stricksocken! Diese Qualität kann man in keinem Geschäft kaufen.“
Danach ging sie zur Tagesordnung über, hatte aber die ganze Stunde ein warmes Lächeln auf den Lippen, was sie um Jahre jünger aussehen ließ.
Mich interessierte besonders der Religionsunterricht. Die Vertreibung aus dem Paradies hatten wir bereits in der Unterstufe ausreichend behandelt. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als es um die Weltreligionen ging. Das war mein Thema.
„Es geht um Spiritualität, und das nicht nur in der uns bekannten Form, sondern um weitere Glaubensrichtungen anderer Nationalitäten. Ich bitte bei den Ausführungen der Referate um Sensibilität und Konstruktivität“, verkündete Fräulein Tät, nachdem wir einige Schulstunden mit dem Studium der uns fremden Religionen verbracht hatten. „Humanität ist das Zauberwort!“, fügte sie noch hinzu.
Manchmal vermisse ich sie, unser Fräulein Tät. Ich bin traurig, dass ich nicht Abschied nehmen konnte von ihr, aber so ist das, Leben und Tod gehören zusammen. Letztens lief mir ein Wort unter, das ich gern mit ihr diskutiert hätte „Dualität“. Ich beschäftige mich mit dem Wort und dem, was dahintersteckt, mit der Zweiheit, dem Leben und dem Tod, der Erde und dem Himmel, mit Gott und den Menschen. An dieser Stelle möchte ich es jedoch einfach so im Raum stehen lassen, vielleicht erscheint mir ja Fräulein Tät in meinen Träumen und ich kann da mit ihr darüber philosophieren.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald 2“

Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald 2“

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten.

Fingerhut, Libelle, plumpsen, durchnässt, wuschelig

Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Fortsetzung der letzten Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald“

„Wenn man zwei Mal Zwillinge zu versorgen hat …“, seufzte Mama Bär, während sie sich in ihren Lieblingssessel plumpsen ließ.
„Dann sind das vier Kinder!“, vervollständigte Papa Bär den Satz und lachte.
„Witzbold!“, schimpfte Mama Bär. „Schließlich sollte ich es genau wissen. Jeden Tag vier Hosen, vier Pullover, vier Paar Socken und vier Schlafanzüge, die im Wäschekorb landen, dazu vier bis acht Lätzchen und unzählige Unterhosen, wenn mal wieder etwas danebengegangen ist und alles völlig durchnässt ist. Waschlappen und Handtücher nicht zu vergessen. Ach, jede Menge Wäsche!“
„Stimmt!“, sagte Papa und machte ein bekümmertes Gesicht.
„Vielleicht sollten wir mal die Rollen tauschen!“, meinte Mama Bär, setzte ihren Fingerhut auf und nahm sich die Socke wieder vor, die sie angefangen hatte zu stopfen.
„ich bringe nun erst einmal die Kinder ins Bett, dann sehen wir weiter!“, sagte Papa Bär und ging ins Kinderzimmer, wo alle vier Bärenkinder schon auf ihn warteten.

Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild lagen in ihren Betten und schauten ihrem Papa erwartungsvoll entgegen.
„Welche Geschichte erzählst du uns heute?“, fragte Bärta neugierig. Sie war die Älteste, aber nur fünf Minuten älter als Bärt, ihr Zwillingsbruder.
Lasst euch überraschen, ich erzähle heute von Waldemar Waschbär, also passt auf:

Es war einmal eine Bärenfamilie, die hatte vier Kinder. Sie lebten in dem großen Wald, gleich hinter dem See, in dem man im Sommer so herrlich baden konnte.
„Papa Bär, das sind wir, oder?“, fragte Bärta neugierig.
„Das könnte sein, wir sind ja auch eine große Familie!“, sagte Papa und lächelte. „Aber hört erstmal weiter zu!“
Die Kinder kuschelten sich aneinander.
„Die Eltern liebten ihre Kinder sehr, deshalb machte es ihnen auch gar nicht viel aus, dass sie so viel Arbeit hatten. Eines Tages aber wurde die Mama Bär krank. Sie sollte ein paar Tage das Bett hüten und Papa war mit dem Haushalt und den Kindern auf sich allein gestellt. Er stöhnte und klagte, es half aber nichts, das Essen musste zubereitet werden, die Zimmer mussten in Ordnung gehalten werden und dann die viele Wäsche! Wäscheberge häuften sich, Papa Bär wuchs die Arbeit über den Kopf. Jeden Abend sank er erschöpft ins Bett, konnte aber nicht einschlafen. Er grübelte darüber nach, was er verändern könnte, damit für ihn, aber auch später für Mama Bär, die Arbeit erleichtert werden konnte.

„Konnten die Kinder denn nicht helfen?“, fragte Bärthild, die jüngere von den Zwillingen, die zwei Jahre jünger waren als Bärta und Bärt.
„Ja, ja!“, riefen auch die anderen Bärenkinder. „Es hätten doch alle mithelfen können!“
Papa Bär lächelte. Wie klug doch seine Kinder waren und wie empfindsam. Nun wäre es zu schön, wenn sie ab morgen auch selbst ein wenig mithelfen würden. Aber erst einmal erzählte er weiter:

Ja, die Kinder halfen, wo sie konnten. Aber viele Dinge waren einfach zu schwer für sie. Da war die Sache mit der vielen Wäsche, die wurde zum Fluss geschleppt und dort gewaschen und gespült und gewrungen. Wie hätten die Kinder das schaffen sollen?
Doch mit einem Mal hatte Papa Bär eine Idee. Die Nachbarin hatte ihm erzählt, dass in dem verlassenen Schuppen am Flüsschen ein Waschbär eingezogen war. Der konnte doch helfen, oder täuschte sich Papa Bär etwa? Machte ein Waschbär gar keine Wäsche?
Ein Versuch macht klug, dachte Papa und gleich am Abend wollte er den Waschbären besuchen und ihn bitten, die Wäsche der Familie zu übernehmen. Er, Papa Bär, würde dafür sorgen, dass der Waschbär täglich eine gute Mahlzeit dafür bekam.
„Guten Abend, Herr Waschbär!“, sagte Papa Bär, nachdem er laut an der Schuppentür angeklopft hatte.
„Wer stört?“, fragte der Waschbär unfreundlich. Er hatte offensichtlich geschlafen.
„Ich bin es, Papa Bär und ich habe eine kranke Frau und vier Kinder, zwei Mal Zwillinge, wenn Sie wissen, was ich meine!“, sagte Papa Bär aufgeregt.
Der Waschbär trat ein wenig weiter ins Licht. Er sah wuschelig aus, er hatte wirklich geschlafen. Waschbären werden eben erst am Abend aktiv. Er grinste!
„Meinen Sie, ich weiß nicht, wie viel 2 x 2 ist? Halten Sie mich etwa für dumm?“, fragte er.
„Aber nein, im Gegenteil. Ich bin gekommen, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen!“, sagte Papa Bär.
„Ich höre!“, antwortete der Waschbär.
„Ich brauche jemanden, der mir die Wäsche macht, solange meine Frau krank ist und vielleicht darüber hinaus. Könnten Sie das für uns übernehmen? Ich biete Ihnen eine warme Mahlzeit am Tag dafür!“, schlug Papa Bär vor.
Der Waschbär schwieg zunächst, dann gluckste er und dann brach er in ein furchtbares Gelächter aus.
„Hör sich das einer an!“, sagte er und es fiel ihm schwer, die Worte vor Lachen herauszubekommen. „Meint der Herr Bär, ich könnte sein Sklave sein und seine Schmutzwäsche waschen, dass ich nicht lache. Soll ich dabei etwa noch eine Fliege oder Libelle, oder wie das Ding heißt, das ein Butler um den Hals trägt, umbinden?“
Papa Bär ließ den Kopf hängen. Das hatte er sich anders vorgestellt. Nun wurde er ausgelacht, das kratzte an seiner Ehre.

„Das war aber auch gemein von dem Waschbären!“, meinte Bärt.
„Ja, das war es!“, bestätigte Papa Bär. „Aber wenigstens hat der Vater es versucht. Vielleicht hat er später eine bessere Lösung gefunden, warten wir es doch ab. In der nächsten Geschichte erfahren wir sicher mehr und jetzt wird geschlafen, okay?“
Es dauerte auch gar nicht lange, da waren alle vier eingeschlafen. Papa Bär ging ins Wohnzimmer zu seiner Frau und versprach ihr, dass er von nun an immer bei der Wäsche helfen wollte.
„Eigentlich wollte ich einen Waschbären einstellen, nun mache ich es eben selbst!“, sagte er und dafür bekam er einen dicken Kuss, das gefiel ihm sehr!

© Regina Meier zu Verl

Fliegenpilze im Mondlicht

Fliegenpilze im Mondlicht

Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

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