Reizwortgeschichte: Irgendwann, wenn ich groß bin

Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

Das waren die Wörter, die eingebaut werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen: Lore und Martina

Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

© Regina Meier zu Verl

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Engelsmusik

Engelsmusik

Es war an einem Sonntag. Die Sonne, die den ganzen Tag herrlich warm vom Himmel gelacht hatte, war schon untergegangen. Der Junge hatte von dem wunderbaren Sommertag nicht viel gesehen, denn er saß am Bett seines kranken Vaters, kühlte ihm die Stirn und erzählte ihm Geschichten.

„Mein lieber Sohn“ sprach der Vater und es kostete ihn einige Mühe „wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich dir.“
Dem Jungen traten Tränen in die Augen, denn er wusste, dass er soeben die letzten Worte seines Vaters vernommen hatte.
„Vater, lieber Vater, ich wollte dir doch noch so viel erzählen. Bitte bleibe bei mir.“
Doch der Vater hörte ihn nicht mehr. Der Tod hatte ihn zu sich in sein Reich geholt. Der Sohn legte seinen Kopf auf den noch warmen Leib des Verstorbenen und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Nachdem eine Stunde vergangen war, erhob er sich, holte eine Schale mit warmem Wasser und weiße Leinentücher. Er wusch den toten Vater und trocknete sorgfältig sein Gesicht. Er kämmte ihm das volle Haar und richtete sein Lager. Dann holte er sieben Kerzen aus der Kommode und stellte sie in den goldenen Leuchter, der sieben Kerzenhalter hatte.
Er zündete ein Streichholz und sprach, während er eine Kerze nach der anderen entflammte:
„Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, die Liebe, die Hoffnung, der Glaube und die Auferstehung.“
So hatte der Vater ihm aufgetragen zu sprechen und er war ein gehorsamer Sohn. Kaum hatte er die siebente Kerze entzündet, wurde das Zimmer in ein helles Licht getaucht. Der Junge bedeckte das Gesicht mit den Händen, wie sein Vater ihn geheißen hatte. Sein Herz schlug wild vor Angst, er glaubte, das Klopfen zu hören, doch es waren Schritte, die über den Holzfußboden polterten.
Bum-bum-bum-bum… der Junge wagte kaum zu atmen.
„Das ist der Tod“, dachte er, „er bringt ihn mir zurück.“
Nach einer Weile hörte er keine Geräusche mehr und nahm die Hände herunter.
Er öffnete die Augen und blickte auf seinen Vater, dessen Gesicht einen anderen Ausdruck angenommen hatte. Ein seliges Lächeln lag auf seinen Lippen und seine Augen waren geschlossen. Er sah aus, als schlafe er. Über seinem Kopf lag ein weißer Nebel, der sich wie kleine Wellen bewegte.
„Das ist das Zeichen, das mir mein Vater vorausgesagt hat. Lieber Gott, ich danke dir.“

Einige Tage, nachdem man den Mann zu Grabe getragen hatte, machte der Junge seinen täglichen Besuch auf dem Friedhof, der direkt hinter der kleinen Kapelle lag. Es war ein wunderbarer Ort der Ruhe, viele alte Bäume spendeten ihren Schatten. Es sah so aus, als wachten sie mit ihren ausgebreiteten Ästen über die Gräber. Viele Stunden hatte der Junge hier verbracht, seitdem der Körper seines Vaters beigesetzt worden war. Er war nur noch ein wenig traurig, denn er wusste ja, dass es ein Leben nach dem Tode gab. Er hatte den weißen Nebel gesehen, der, wie der Vater ihm erklärt hatte, die Seele des Verstorbenen war.
An diesem Tage hörte der Junge eine sonderbare Musik. Sie kam nicht aus der Kapelle und auch nicht vom Dorfe her. Nein, eine solche Musik hatte er noch nie gehört. Ganz leise, liebliche Töne streiften sein Ohr. Es waren keine Instrumente, sondern Stimmen, die da sangen, doch so sehr sich der Junge auch bemühte, nur ein einziges Wort zu verstehen, es gelang ihm nicht.
Der Junge kniete am Grab seiner Eltern nieder und fragte leise: „Hörst du das, Vater?“
Zunächst geschah nichts, doch plötzlich fühlte der Junge die Anwesenheit eines anderen Menschen. Erschreckt blickte er sich um, sah aber nichts.
„Du kannst mich nicht sehen, Junge. Ich bin hier neben dir, doch ich besitze keinen Körper mehr. Hab keine Angst, ich werde immer an deiner Seite sein.“
„Vater, ich kann dich hören. O Vater, es stimmt, was du mir gesagt hast. Ich bin so glücklich, aber ich bin auch so allein. Niemand bereitet mir ein Mahl zu, niemand weckt mich am Morgen auf, niemand gibt mir einen Kuss zur Nacht.“
Der Junge weinte bitterlich, doch dann horchte er erneut. Die liebliche Stimme sang eine bezaubernde Melodie.
„Ach, könnte ich immer so schöne Musik hören.“ Sehnsüchtig streckte der Junge die Arme in die Richtung, aus der er glaubte, die Stimme zu hören.
„Vater, ist das ein Engel, der da singt? Bitte, Vater, ich muss es wissen.“ Doch er erhielt keine Antwort und auch die Musik entfernte sich immer mehr.
Der Junge sah, dass der Pfarrer aus der Kirche gekommen war und jetzt direkt auf ihn zukam. Sicher waren die Stimmen deshalb verschwunden, dachte er.
„Grüß Gott, mein Sohn“, sagte der Geistliche. „So ist es recht, du besuchst das Grab deiner Eltern.“
„Ja, Hochwürden“, antwortete der Junge. „Hier bin ich ihnen am nächsten.“
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging der Gottesmann weiter des Weges. Der Junge wartete darauf, dass die wunderschöne Musik wieder zu hören war, doch es tat sich nichts.
„Ich will nach Hause gehen und morgen wieder hierher kommen.“, dachte er und ging heim.
In der Nacht träumte er wieder von seinem Vater. Er stand an einem geheimnisvollen Platz auf einer Waldlichtung, die in Sonnenlicht getaucht war. Um ihn herum waren viele Gestalten, deren Körper transparent waren und die sich leise miteinander unterhielten. Der Vater sprach mit einer jungen Frau und hielt deren Hand. Der Junge sah das alles wie auf einer Leinwand, doch als die beiden sich ihm zuwandten bemerkte er, dass auch sie ihn sahen. Die wunderschöne Frau lächelte ihn an und begann dann zu singen. Ihr Gesang war es, den er heute auf dem Friedhof gehört hatte und plötzlich wusste der Junge, wer diese Frau war. Es war seine Mutter, die schon bei seiner Geburt gestorben war.
„Mein liebes Kind, endlich kannst du mich sehen. Ich war die ganzen Jahre bei dir und habe dich aufwachsen sehen. Dein Vater ist jetzt hier bei mir. Wir wären gern bei dir, aber wir sind auch sehr glücklich, dass wir wieder vereint sind.“
Der Junge streckte seine Arme nach seinen Eltern aus, doch er konnte sie nicht berühren.
„Mama, Papa, ich möchte zu euch kommen!“, rief er verzweifelt und
„Lieber Gott, lass mich sterben, damit ich bei ihnen sein kann.“
Die Mutter schüttelte sanft den Kopf und lächelte.
„Nein, mein Sohn. Du musst leben, für deinen Vater und für mich, denn durch dich leben wir weiter. Wir sind immer bei dir, darauf kannst du dich verlassen. Es kann sein, dass du uns mal nicht wahrnehmen kannst, später, wenn du erwachsen sein wirst. Dann denk an diesen Traum zurück und sei gewiss, dass alles wahr ist, was ich dir sage. Erwachsene verlieren manchmal den Sinn für das Wesentliche. Bewahr dir dein Kindsein, solange du kannst. Wir werden dir dabei zur Seite stehen.“

Als der Junge erwachte, war er sehr traurig. Er hatte seine Mutter gesehen und er wusste, dass es nicht nur ein Traum war. So gern wäre er bei ihr und seinem Vater gewesen, aber die Mutter hatte ihm erklärt, welches seine Bestimmung auf Erden war.
Er wuchs heran, wurde erwachsen und dachte jeden Tag an seine Eltern. Liebevoll pflegte er deren Grab und oft waren sie ihm ganz nah. Schon früh entdeckte er, dass er eine besondere Gabe besaß. Er konnte Lieder aufschreiben, die ihm seine Mutter im Traum sang. Vielen Menschen konnte er damit Freude geben und Trost spenden.

Heute ist er ein alter Mann mit weißem Haar und obwohl ihm das Gehen Mühe bereitet, schleppt er sich noch jeden Tag zu der kleinen Kapelle am Friedhof. Dort spielt er die Orgel und es klingt wie wahre Engelsmusik.

© Regina Meier zu Verl

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Die doppelte Mona – Reizwortgeschichte

Tanne, Herbstlaub, bunt, traurig, schnaufen

Das sind die Wörter, die in die Geschichte eingebaut werden mussten. Ich habe mich diesmal etwas schwer getan, aber letztendlich …. lest selbst.

Bitte schaut auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

Die doppelte Mona
Der Mann schob einen Briefumschlag über den Tresen.
„Appartement 12, die Schlüssel sind im Umschlag!“, sagte er und wandte sich sofort wieder seinem Computer zu.
„Das Gepäck?“, stammelte die junge Frau und wurde dabei hochrot im Gesicht.
„Sie können direkt vor die Tür fahren. Das Appartement liegt im Erdgeschoss, also ist keine große Schlepperei erforderlich!“
Es war offensichtlich, dass er ihr nicht helfen würde und sicherlich gab es auch kein weiteres Personal. Bei den hohen Preisen hätte Mona ein wenig Service erwartet. Die Unsicherheit wich der Verärgerung und mit einem lauten Knall warf sie die Tür hinter sich zu.
„Danke für nichts!“, sagte sie noch im Gehen, aber das hatte der unfreundliche Vermieter wohl nicht mehr gehört.
Mona fuhr mit ihrem Kleinwagen in die Einfahrt und trug schnaufender Weise den großen Koffer bis zur Haustür. Dabei wäre sie fast ausgerutscht, denn der Gehweg war dicht mit nassem Herbstlaub bedeckt und dadurch rutschig.
„Verflixt nochmal!“, fluchte sie. Sie schloss die Haustür auf und schob den riesigen Koffer in den kleinen Flur. Dann schaute sie sich das große Zimmer an, in dem sie in den nächsten Wochen wohnen würde. Es gab außerdem eine kleine Kochnische und ein Bad, sogar mit Badewanne, was Monas Laune umgehend hob. Laut Wetterapp sollte es in den nächsten Tagen sonniges Herbstwetter geben, sie konnte sich also freuen und musste gar nicht traurig darüber sein, dass sie allein hergekommen war. Schließlich hatte sie einen Auftrag bekommen.
„Schreib deinen Roman fertig!“, hatte Vincent ihr mit auf den Weg gegeben. Er war es auch gewesen, der die Sache mit dem Appartement in die Hand genommen hatte und sie dann vor vollendete Tatsachen stellte. Mona lächelte beim Gedanken an ihren Freund. Er war einfach ein Schatz, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Halt! Das war Nonsens, es handelte sich hier wohl eher um einen Satz aus ihrem Roman, der vor Romantik triefte. Mona lachte nun laut auf, es war sicher nicht falsch, wenn man noch über sich selbst lachen konnte, oder?
In der nächsten Stunde war Mona damit beschäftigt, ihren Koffer auszupacken und sich eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Zufrieden ließ sie sich auf die bunte Couch sinken und war zufrieden mit sich und der Welt.
Vincent hatte ihr einige Flaschen ihres Lieblingsweines eingepackt, die standen aber noch im Auto. Also zog Mona ihre Schuhe noch einmal an, nahm ihren Autoschlüssel und machte sich auf den Weg, ihre Vorräte aus dem Wagen zu holen.
„Guten Tag!“, rief ihr eine fröhliche Stimme zu, als sie gerade im Kofferraum abgetaucht war. Mona schreckte hoch und stieß sich prompt den Kopf.
„Aua!“, rief sie und fasste an ihren Schädel, das würde eine dicke Beule geben.
„Sorry! Ich wollte Sie nicht erschrecken!“
Vor Mona stand ein junger Mann, etwa in ihrem Alter. Er hatte einen jungen Hund an der Leine, der Mona sofort beschnupperte.
„Lass das, Mona!“, rief der junge Mann.
„Ich mach doch gar nichts!“ Mona war verblüfft, woher kannte er ihren Namen und was fiel ihm ein, ihr Befehle zu erteilen?
„Ich meinte den Hund!“ Der junge Mann nahm den kleinen Hund auf den Arm. „Darf ich vorstellen? Das ist Mona!“ Er lachte.
Mona stimmte in sein Lachen ein.
„Und darf ich vorstellen?“ Sie zeigte auf sich selbst. „Mona Tanne!“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“
„Doch, absolut. Ich kann auch nichts dafür!“ Mona kicherte.

Anmerkung der Autorin:
Hier endet das erste Kapitel. Die junge Dame heißt Tanne, weil unsere Reizwörter das so wollten. Sie kann also wirklich nichts dafür.
Möglicherweise werde ich sie aber umtaufen, wenn die Geschichte jemals längere Ausmaße annehmen sollte. Das nächste Kapitel folgt in zwei Wochen, wenn es wieder heißt: Reizwortgeschichtenzeit!

Käthe wartet

Käthe wartet

Käthe steht an der Gartenpforte und schaut. Jeden Tag sieht man sie dort, immer zwischen Zwölf und Eins mittags. Sie schaut nach rechts, dann nach links, dann wieder eine Weile geradeaus. Sie wartet.
„Schau, Mama, die Käthe, da steht sie wieder!“ Florian sitzt am Küchentisch und beobachtet die Nachbarin aus dem Haus gegenüber. Er kennt sie gut, aber in den letzten Monaten ist sie so komisch geworden, so dass Florian manchmal sogar etwas Angst vor ihr hat.
„Sie wartet!“, sagt Mama und Florian nickt. „Weiß ich ja. Aber merkt sie denn nicht, dass sie ganz umsonst dort wartet?“
„Nein, Florian, Käthe vergisst es immer wieder. Sie denkt, dass ihre Kinder jeden Moment aus der Schule kommen müssten. Das hat sie mir erzählt und als ich sagte, dass die Kinder doch längst erwachsen sind, da hat sie geweint und ist ins Haus gelaufen.“
„Sie tut mir so leid!“ Florian hat Tränen in den Augen, denn er mag die alte Dame so gern leiden. Früher hat sie ihm Geschichten erzählt. Aber heute ist Florian ja schon ein großes Schulkind und er kann seine Geschichten selbst lesen.
„Meinst du, ich sollte sie mal fragen, ob sie mir eine Geschichte vorliest?“, fragt Florian die Mutter.
„Versuch es, aber jetzt essen wir erst einmal, später kannst du zu ihr gehen.“
„Und wenn sie mich wieder nicht erkennt?“
„Dann stellst du dich vor und sagst ihr wer du bist, wo du wohnst und dass du immer so gern ihre Geschichten hörst. Dann wird sie sich bestimmt erinnern, noch kann sie das!“
Am Nachmittag geht Florian zu Käthe. Mama hat ihm einen schönen Strauß Löwenmäulchen aus dem Garten mitgegeben.
„Ach du lieber Junge“, begrüßt ihn Käthe. „So schöne Blumen“, sie nimmt die Blumen und holt gleich eine Vase aus der Küche.
„Setz dich doch, Kleiner!“
Großzügig überhört Florian das „Kleiner“. Eigentlich mag er das nicht hören, aber Käthe darf das und heute ist sie auch wunderbar gelaunt und nicht so zickig wie beim letzten Mal, als sie sich so darüber geärgert hat, dass sie sich nicht an Florians Namen erinnern konnte und ihm einreden wollte, dass er gefälligst Josef zu heißen hat.
„Ich bin übrigens der Florian!“, sagt er schnell.
„Aber das weiß ich doch, Kleiner. Magst du einen Kakao?“
„Nein, ich habe gerade zu Mittag gegessen, aber eine Geschichte würde ich gern hören.“
Käthes Augen strahlen, sie setzt sich in den großen Sessel, legt die Beine auf die Fußbank und beginnt:
„Heute erzähle ich dir eine Geschichte, die der Josef auch immer so gern gehört hat, weißt du, der Josef, das ist mein Jüngster!“
Florian lauscht der Geschichte, er kennt sie schon, aber das macht gar nichts. Käthe ist glücklich und es tut ihr gut zu erzählen, das merkt Florian und er nimmt sich vor, sie nun wieder öfter zu besuchen.

© Regina Meier zu Verl

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Meine Freundin Edeltraud

Meine Freundin Edeltraud

Sascha ist das Nesthäkchen der Familie. Er ist fünf Jahre alt. Dann sind da noch Tine und Bella, die Zwillinge. Die beiden sind schon acht und gehen in die dritte Klasse.Sascha findet es blöd, dass er noch nicht in die Schule gehen darf. Er möchte nicht mehr in den Kindergarten. Lesen will er und schreiben, denn dann würde er Geschichten schreiben, so wie seine Mama. Ja, und Bauer will er werden, so wie Nachbar Heinrich.
„Wenn du willst, dann schreibe ich deine Geschichten auf“, hatte seine Mutter ihm oft angeboten.
Heute ist es soweit, Sascha fragt:
„Mama, hast du Zeit?“
„Sicher, was möchtest du denn?“
„Ich will dir eine Geschichte erzählen. Schreibst du sie für mich auf?“
„Klar, mache ich.“
Mama nimmt sich einen Block und einen Bleistift und dann kann es losgehen.
Sascha diktiert:
„Sascha ist bei Heinrich. Was macht er da?“
Mama schreibt eifrig und Sascha überlegt. „Er füttert die Kühe. Heinrich hat viele Kühe.“
Sascha überlegt.
„…Und die haben dollen Hunger und Durst und die heißen Liese und Lotte und Herta und Franzi und…“
„Moment!“, ruft Mama. „Nicht so schnell!“
„Okay, also langsamer: Liese, Lotte, Herta, Franzi, Heidi, Paula, Trude…“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du alle Namen kennst, Sascha.“
„Das ist ganz leicht, ich stelle mir vor, dass sie alle hier vor dem Fenster vorbeilaufen, dann fallen mit die Namen ein.“
Mama staunt nicht schlecht, denn es kommen noch mindestens zehn weitere Kuhdamennamen. Sie könnte sich das bestimmt nicht so merken.
„Kennt der Heinrich seine Kühe auch so gut?“
„Klar Mama, sie sind seine allerbesten Freundinnen, die kennt man doch. Er sagt immer, dass er sie am Euter erkennen kann.“
Mama prustet los, sie schüttelt sich vor Lachen.
„Und woran erkennst du die Kühe?“
„Na, am Gesicht und wenn nicht, dann auch am Euter!“
Als Mama sich wieder ein bisschen beruhigt hat, geht es weiter mit der Geschichte.
Zwischendurch muss Mama noch einmal vorlesen. Sie hat alles richtig gesagt und Sascha ist zufrieden.
„Ist schon eine ganz schön lange Geschichte, stimmt’s, Mama?“
„Ja, stimmt! Wie geht es denn weiter?“
„Gut, also weiter: Als alle Kühe gefüttert sind, schickt der Heinrich sie wieder auf die Weide, die Lise, die Lotte, die Herta, die Franzi…“
Mama schreibt brav mit, ihre Gedanken wandern aber schon in die Küche, bald ist Zeit für das Abendessen.
„Lies mal vor, Mama! Die Kühe schlafen jetzt und die erste Geschichte ist zu Ende.“
Mama liest vor. Als sie den letzten Satz gelesen hat, fängt Sascha an zu weinen.
„Was ist denn jetzt los?“
„Mama, du hast die Edeltraud vergessen, die hat jetzt nichts zu fressen bekommen und auf die Weide durfte sie auch nicht mit. Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Edeltraud aufschreiben.“ Verzweifelte Tränen laufen und die Nase läuft gleich mit.
„Weißt du was, lieber Sascha. Du hast Recht, ich erinnere mich genau, dass du mir die Edeltraud genannt hast. Da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst. Entschuldige bitte.“
„Ja gut, Mama. Aber was machen wir denn jetzt?“
„Wir schreiben die Edeltraud jetzt einfach dazu, dann hat alles wieder seine Ordnung!“
Sascha ist zufrieden und Mama denkt, dass sie beim nächsten Diktat einfach besser zuhören muss, denn Sascha ist pingelig und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl


Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!

Sommerkirmes 1970

Jedes Jahr, am ersten Wochenende im September ist in meiner Heimatstadt eine Kirmes, das „Verler Leben“. Und jedes Jahr denke ich an die Zeit zurück, von der ich in meiner kleinen Erzählung berichte. Schön war’s, richtig schön.
Wegen Corona fällt das Fest in diesem Jahr wieder aus, das ist schade. Hoffen wir auf das nächste Jahr!
(Verl ist mittlerweile eine Stadt – eine schöne Stadt!)

Sommerkirmes 1970
Im Dorf ist Jahrmarkt,
wieder einmal. Bunte Stände und Fahrgeschäfte reihen sich aneinander. Herrlich, das Herz klopft schneller beim Anblick. Ich denke an dich, meine nach Zimtnudeln duftende Freundin aus Kindertagen. Weißt du noch, wie vergnügt wir waren? Kinder noch und doch schon auf dem Weg erwachsen zu werden. Weißt du noch, wie wir stundenlang vorm Spiegel standen, um uns aufzuhübschen? Weil uns ja der Mann unseres Lebens hätte begegnen können – auf dem Jahrmarkt. Die Vorbereitung auf den Bummel durch die Straßen unserer Heimat war beinahe noch schöner, als der Kirmesbesuch selbst. Wir machten Pläne, kicherten um die Wette, flochten unsere Haare zu Zöpfen, krempelten unsere Miniröcke in der Taille um, damit sich noch ein wenig kürzer waren. Natürlich krempelten wir erst dann, wenn wir aus der Sichtweite unserer Mütter waren. Sie hätten uns so nicht ziehen lassen.
Der Mann unseres Lebens ist uns dort nicht begegnet, wie sollte er auch? Wir saßen zu zweit im Twister-Karussell und juchzten vor Freude, so lange, bis wir unser Taschengeld ausgegeben hatten. In der Gondel war nur Platz für zwei, für dich und für mich, liebe Freundin. Wie geht es dir heute, was machst du? Sind deine Gedanken an die Kindheit auch so bunt wie meine?
Ich hebe mein Glas, in dem ein dunkler Roter funkelt. Ich hebe es und trinke auf dich und ich schaue aus dem Fenster auf die Buden der Schausteller – im Dorf ist Jahrmarkt, wieder einmal.
© Regina Meier zu Verl



Gedankenblitze und Bölkewater

Schatz, Kutsche, kratzen, maulen, steinreich

Das sind die Reizwörter, die diesmal mit eingebaut werden mussten. Bitte lest auch, was meine beiden Kolleginnen dazu geschrieben haben:

Lores Märchenzauber

Martinas Von-Herz-zu-Herz-Geschichten

Gedankenblitze und „Bölkewater“*

Der Sommer ist Hannas liebste Jahreszeit. Sie liebt es barfuß durch den Garten zu laufen, am besten gleich am Morgen nach dem Aufstehen, gern auch im Schlafanzug. Das hat sie von Mama abgeguckt, die macht das auch. Dazu gehört bei Mama aber noch eine Tasse Kaffee, unbedingt.
Kaffee trinkt Hanna nicht, der ist ihr zu bitter. Aber neuerdings nimmt sie ihre Lieblingstasse, gefüllt mit Mineralwasser und wandert durch den Garten. Während des Wanderns denkt sie, so wie Mama. Die denkt nämlich über ihre nächste Geschichte nach und ab und zu kommt es vor, dass sie schnell die Kaffeetasse irgendwo abstellt und ins Haus saust, weil sie eine zündende Idee hatte, einen Gedankenblitz. Hanna findet das toll. Sie möchte auch Geschichten schreiben, vielleicht über einen verborgenen Schatz, mit dessen Hilfe sie dann steinreich werden kann. Deshalb wartet sie auf so eine Blitzidee.
Seit sie mit Mineralwasser wandert, kommt ab und zu ein kleiner Rülpser, aber ein Blitz war noch nicht dabei. Schade! So richtig kann sie sich das aber sowieso nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Es blitzt im Kopf und dann? Eigentlich müsste es dann donnern, aber es handelt sich wohl nicht um ein richtiges Gewitter. Na ja, Hanna muss Mama einmal genauer befragen, vielleicht funktioniert es dann auch bei ihr mit den Gedankenblitzen.
Noch bevor Hanna ihre Mutter interviewen kann, passiert es heute Morgen. Es blitzt ein Gedanke in Hannas Kopf. Schnell stellt sie die Tasse ab und saust in ihr Zimmer. Ein Block und ein Stift liegen dort bereit, für den Fall, dass sie schnell etwas aufschreiben muss.
Hanna nimmt den Bleistift und schreibt: «Das Geheimnis der Kaffeetassen». Das war der Blitzgedanke, aber wie soll es weitergehen? Hanna ist unsicher. Dabei gibt es viele Möglichkeiten. Die Tassen könnten verschwinden, oder sie fangen an, miteinander zu reden. Vielleicht sind im Garten Kobolde, die Geschirr sammeln und die Tassen in ihre Behausungen schleppen. Es hilft nichts, Hanna muss wieder in den Garten, vorsichtshalber nimmt sie noch eine Tasse mit Mineralwasser mit, das hat ja scheinbar geholfen. Über dem Garten hängt zwar eine dicke Wolke, aber noch regnet es nicht und Mama ist auch gerade unterwegs und denkt. Sie lächelt Hanna kurz zu und legt dann den Zeigefinger auf die Lippen. Das heißt: Bitte jetzt nicht stören! «Natürlich nicht!», mault Hanna leise.
Hanna wandert und wandert, die zweite Tasse ist schon wieder leer und der Bauch wölbt sich von der vielen Kohlensäure. Wieder lässt das Mädchen ein paar kleine Rülpser ab, nicht zu laut, um Mama nicht zu stören. Hanna grinst. Bereits beim nächsten Rülpser kommt eine neue Idee. Wieder stellt sie die Tasse ab und flitzt ins Haus, sie überholt Mama, die ebenfalls gerade auf dem Weg an ihren Schreibtisch ist. Beide lächeln und schweigen, damit sie ihre Gedanken nicht verlieren.
In der Überschrift hat sie von geheimnisvollen Kaffeetassen geschrieben, aber jetzt erst weiß sie, wie es weitergehen soll. Also schreibt Hanna:
Es war ein schöner Tag Ende August. Die großen Ferien waren zu Ende und endlich durfte man die Freundinnen und Freunde wiedersehen, die man so sehr vermisst hatte. Lea hatte in den Ferien einen Kaffeebecher mit Porzellanfarben angemalt. Den schenkte sie ihrer besten Freundin Lotta, die sich darüber sehr freute. Für sich selbst hatte Lea genau den gleichen Becher bemalt, nur dass ihr Name draufstand und auf Lottas Becher eben Lottas Name, logisch, oder? Die Namen hatte sie auf eine Kutsche geschrieben, nämlich auf die Kürbiskutsche, die sie in ihrem Märchenbuch gefunden hatte und mit der Cinderella zum Ball gefahren war.
Hanna ist stolz, als sie den Text noch einmal durchliest. Das war doch schon ein kräftiger Gedankenblitz, darauf kann man aufbauen, denkt sie und wandert wieder in den Garten. Diesmal ohne Tasse, denn der Schrank ist leer, es ist keine Tasse mehr drin. Hanna nimmt sich einen kleinen Korb und macht sich auf in den Garten, nach den Tassen schauen. Auf der Terrasse findet sie einen von Mamas Bechern. Er ist noch halb voll, aber der Kaffee ist kalt. Mit einem Schwung gießt Hanna den Inhalt an die Geranien im Blumenkübel. Dann wandert sie weiter, findet den nächsten Becher unter dem großen Rhododendronbusch, auch einer von Mamas. Eine Schnecke sitzt drin und schaut sich verwundert um, als sie mitsamt dem Becher hochgehoben wird.
«Igitt!», ruft Hanna, schickt aber gleich ein «Entschuldigung, ist mir nur so rausgerutscht!» hinterher. Eigentlich mag Hanna Schnecken, aber nicht in Kaffeetassen. Behutsam legt sie die Tasse ins Gras und sagt: «Ich gebe dir fünf Minuten, um in die Freiheit zu kriechen, dann komme ich wieder!»
«Herzlichen Dank!», flüstert die Schnecke.
«Gerne!», sagt Hanna und geht weiter auf Tassenjagd. Dann stutzt sie, kratzt sich am Kopf, denkt nach – ja, noch intensiver als sowieso schon und kommt zu dem Schluss, dass sie sich verhört haben muss und das nun ein echter Gedankenblitz war. Sie rennt ins Haus, so schnell man das mit einem Korb mit einer Tasse drin kann und schreibt auf ihren Block: Wenn Schnecken in Kaffeetassen wohnen, können sie sprechen!
Wie die Geschichte weitergeht, möchtet ihr nun wissen? Das wüsste ich auch gern, ich nehme mir nun meinen Lieblingsbecher mit Kaffee und wandere in den Garten. Dort warte ich, na, ihr wisst es schon! Nein, nicht auf den Gedankenblitz, sondern auf sprechende Schnecken, ich bin nämlich davon überzeugt, dass es die gibt. Ihr auch?

*Bölkewater ist übrigens Mineralwasser mit Kohlensäure
© Regina Meier zu Verl

Was man früher so sagte

Was man früher so sagte

„Jeder hat doch eine Leiche im Keller!“, behauptet Onkel Hermann. Gerade hat er mit Papa über die Nachbarn gesprochen, die ihn mal wieder geärgert haben.
„So langsam aber sicher wird es mir zu bunt. Ich werde es denen schon zeigen!“, fügt er noch hinzu und stürmt dann wütend ins Haus. Ich nutze die Gelegenheit, um Genaueres von Papa über die Leiche zu erfahren. Immerhin klingt das unheimlich und spannend. Für ein Abenteuer bin ich zu haben, jederzeit.
„Was für eine Leiche denn?“, frage ich deshalb. Papa lacht und erklärt mir dann:
„Das sagt man nur so, damit ist gemeint, dass jeder irgendwie Dreck am Stecken hat.“
Damit kann ich auch nichts anfangen, ich frage also weiter.
„Was bedeutet das?“
„Früher hatten die Straßen noch keine Asphaltdecke. Wer von Haus zu Haus oder von Ort zu Ort marschierte, ging über nicht befestigte Wege und hatte dann Dreck an den Schuhen. Das müsstest du doch eigentlich recht gut kennen, wenn ich mir deine Turnschuhe so anschaue! Aber weiter: Man hat dann versucht, mit einem Wanderstock, die schmutzigen Schuhe zu reinigen. Einen Wanderstock nannte man damals auch Stecken. Aber dann hing natürlich Dreck am Stecken. Sinnbildlich wurde das dann auf denjenigen übertragen, der sich eine Schuld aufgeladen hat. Schuld und Sünden stehen für das Schmutzige. Wer also Dreck am Stecken hat, will eine Untat verbergen.“
Ich setze mich zu Papa auf die Treppe. Diese Erklärung reicht mir noch nicht.
„Und was hat das nun mit der Leiche zu tun?“
„Na, es ist genauso wie beim Dreck. Jemand hat etwas zu verbergen, das im Dunklen bleibt. Dann sagt man er habe eine Leiche im Keller!“
„Also hat er gar keine richtige Leiche im Keller, der Nachbar!“, stelle ich fest.
Papa nickt zustimmend, dann sammelt er seine Werkzeuge ein.
„Feierabend für heute. Kommst du mir rein?“, fragt er mich und zwinkert mir zu.
„Ich werde mir jetzt nämlich ein erlesenes Weinchen aus dem Keller holen, der ruht direkt neben unserer Leiche!“
„Mensch Papa, du bist so blöd, ich fasse es nicht!“
„Sei nicht so frech, mein Lieber. Außerdem hast du Dreck am Stecken äh, Turnschuh meine ich. Mach den mal lieber ab, sonst gibt’s Meckerei von Mama!“

© Regina Meier zu Verl 2016

Bockermänner

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Bockermänner

Kennst du das? Du hast ein Paar Lieblingssocken und glaubst, dass du ohne diese Socken nicht leben kannst. Deine Oma hat sie gestrickt, mit viel Liebe und Mühe. Dann passiert folgendes: du hast Kartoffeln reingepflanzt! Kennst du nicht? So sagen wir bei uns, wenn sich die große Zehe, oder gleich beide, durch die Spitze den Weg nach draußen verschaffen und vorwitzig ins Freie schauen. Natürlich ziehst du diese Socken an, solange das Loch noch klein genug ist. Du denkst drüber nach, ob es im Laufe des Tages passieren könnte, dass du die Schuhe ausziehen musst. Zum Beispiel beim Arzt. Dann geht das natürlich nicht. Nichts ist peinlicher, als Löcher in den Socken zu haben. Gut, es gibt noch Peinlicheres, aber die Lochsocken sind schon in Kategorie Eins der Dinge, die man vermeiden sollte.

Irgendwann stellst du entsetzt fest, dass der große Bockermann sich völlig durchgekämpft hat.  Dann ist die Zeit gekommen, etwas zu unternehmen. Wenn man nicht stopfen kann, hilft es eine Weile, eine dünne Socke drunter zu ziehen. Aber das ist keine Dauerlösung.

Du bewaffnest dich also mit Stopfnadel und Garn und wagst den ersten Stopfversuch. Wie hat Oma das gemacht? Ach, wenn man sie doch fragen könnte.

So schwer kann es aber nicht sein. Einmal den Vorgang in Gedanken durchgespielt, dann geht es los. Zuerst schaffst du ein Gitter, dafür wird Faden neben Faden über das Loch gespannt. Der zweite Schritt folgt sogleich, in der anderen Richtung wird dann die Wolle durch das Gitter gewebt, oben – unten – oben – unten und so weiter. Wie ein feiner Stoff spannt sich das Gewebte über das gerade noch klaffende Loch und schon ist der Schaden behoben. War doch ganz leicht und der Bockermann hat nun keine Chance mehr. Lieblingssocke gerettet!

Oma wäre stolz, sehr stolz. In Gedanken höre ich ihre Stimme:

„Und als nächstes lernen wir das Sockenstricken, nicht wahr?“

Ich nicke zur Bestätigung und schreibe in mein Tagebuch: Socken gestopft, hat Spaß gemacht. Morgen kaufe ich Wolle und ein Nadelspiel.

 

© Regina Meier zu Verl