Hannes, Piet und der Schmetterling

Hannes, Piet und der Schmetterling

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“
Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.
Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:
„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“
„Geh‘ nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.
Hannes betrat die Ferienwohnung.
„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.
„Hast du Hunger?“
„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“
„Dann lass mal hören.“
„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“
Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.
„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“
Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.
„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“
„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“
„Aha?“
„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“
„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.
„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …
Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.
Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.
Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.
„Spiel noch einmal!“, bat er.
Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.
Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!
© Regina Meier zu Verl

John, Peter and the butterfly

„The wind is carrying the melody across the water. Listen, then you can hear it too and you’ll be enchanted.”
The old lighthouse keeper quietly closed the book. Then he closed his eyes and listened. The children were totally still, hardly daring to breathe. They were sitting at the old man’s feet. The old man was sitting on a bench in front of the lighthouse. They came here whenever they could because old Peter always had a story for them. Sometimes he made the stories up and sometimes he read out loud from his big story book. John had listened, totally fascinated. He could have sung the melody himself; he had heard it so clearly and felt it so deeply.
He didn’t know how much time had passed. He took a quick glance at his watch and was horrified. He cleared his throat and whispered:
“I’m sorry but I’ve got to go now. My parents will be worried.”
“Run along now! And if you’d like to, come over again sometime, I‘ve got many more stories.” Peter smiled. He loved children. They were such good listeners and they still believed in the small and big miracles in his stories.

John went into the holiday cottage.
“I’m back!” he shouted. His parents had settled down for the evening in the sitting room.
“That’s nice, John. Your cheeks are really red. The fresh air here is doing you good, isn’t it?” She touched John’s cheeks and kissed him on his forehead.
“Are you hungry?”
“No thanks Mum, I’m not hungry, but may I ask you for something?”
“Go ahead, ask me!”
“I’d like to learn the violin.”
John’s Dad put the newspaper he had been reading to one side. He looked at his son in astonishment.
“Where did you get that idea from?” You’ve already got a piano at home which you hardly ever play. Isn’t that enough?”

John thought for a moment before he tried explaining to his parents why he really wanted to play the violin.
“Peter told us story today about the melody which hovers over the water. It sounded so amazing. I heard it and I’m never going to forget how wonderful it was.

“Oh son! You’re dreaming. Melodies don’t hover over water. Peter probably has a CD player or something,” Mum said and Dad nodded in agreement.
“No, we were all sitting outside under the lighthouse. Of course I know it was only a story, but then… I heard it, I heard the melody! Peter had told us beforehand that you can only play as wonderfully as that if you use the violin bow so gently that a butterfly can stay sitting on it without being disturbed.”
“Oh really?”
“Yes, and after hearing the music, a butterfly flew directly in front of my nose up to the top of the lighthouse and at that moment I knew I’d like to play the violin!”
“We’ll see!” Dad said and reached for the newspaper again.
“I’ll play every day and I’ll prove to you that I can do it!” John pleaded and he did the same the following day and the day after that…

He got a violin for his birthday and a few days later he was allowed to go to a violin teacher. John was happy.

When the family spent their holidays on the island again the following year, John took his violin with him. He went to the lighthouse and visited old Peter.
He played the melody which he had heard the previous year and Peter’s eyes filled up with tears.
“Play it again!” he asked.

John placed the bow back on the violin and closed his eyes. He played so wonderfully and it was a pity that he couldn’t see how a butterfly landed on the bow.

But Peter saw it – honestly!
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Eine weitere Geschichte in zwei sprachen „Krümelkinder – The children and their crumbs“
 

Biertrinkergedicht

Biertrinkergedicht

Biertrinkergedicht

Ein Pilz stand einsam und allein
am Waldesrand im Sonnenschein.
Da kam ein Wanderer daher,
den freute dessen Anblick sehr.
„Mein Lieber“, sprach er zu dem Kleinen,
„es dauert mich, ich möchte weinen,
weil du allein bist, so wie ich,
ich weiß, das schmerzt ganz fürchterlich.“
Behutsam grub er den Pilz aus
und trug ihn dann zu sich nach Haus.
Dort pflanzt er ihn ins Erdreich ein
und war fortan nicht mehr allein.
Moral:
Ein Pilzchen nur zur rechten Zeit,
vertreibt auch deine Traurigkeit.

(Oder habe ich da was verwechselt?)

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay

Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

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Freude, ein Besucher auf meiner Terrasse

Kohlmeisen, Blaumeisen und Tannenmeisen, Spatzen, Amseln und Buchfinken tummeln sich auf meiner Terrasse. Auch einen Buntspecht und einen Grünspecht haben wir ihm Garten. Zwei Elstern „wohnen“ auf der Wiese hinter dem Haus und ein Fasanenmännchen wagt sich auch ganz nah heran.

Heute war erstmalig ein Dompfaff zu Besuch. Das Foto ist leider nicht scharf geworden, da mit dem Handy und mächtig gezoomt aufgenommen, aber man kann ihn erkennen und ich freu mich so, dass ich ihn unbedingt zeigen wollte!

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Zufrieden streckte der Löwenzahn auf der Wiese seine Blüte in die Sonne. „Wunderbar, dass ich hier meine Wurzeln gefunden habe. Dies ist ein herrliches Fleckchen Erde, nicht wahr, meine Liebe?“
„Ja, lieber Löwenzahn,“ antwortete das Wiesenschaumkraut, „das kann man wohl sagen, aber mit den Wurzeln ist das so eine Sache.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ohne Wurzeln können wir Pflanzen doch nicht leben.“
„Das ist ja das Problem. Wir sind fest angewachsen und haben keine Chance, uns vom Fleck zu bewegen. Eine Freundin von mir könnte noch unter uns weilen, hätte sie statt der Wurzeln Beine gehabt.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut erschraken. Was war passiert? Gerade noch hatte ihnen die Sonne ihre herrlich warmen Strahlen geschenkt. Sollte wieder ein Wolkentag sein? Die beiden hoben ihre Blütenköpfe gen Himmel. Doch der war nicht zu sehen. Es war Alma, die schwarzbunte Kuh des Bauern, die über ihnen stand und den Sonnenstrahlen den Weg versperrte.
„Hey du!“, rief der Löwenzahn, „geh mal einen Schritt zu Seite, du nimmst uns das Licht weg.“
Alma bewegte sich nicht von der Stelle. Sie neigte ihren Kopf und naschte laut schmatzend von dem frischen Gras.
„Hey du, hast du nicht gehört? Du sollst sofort zur Seite gehen“, protestierte der Löwenzahn, nun noch etwas lauter.“
Das Wiesenschaumkraut aber hatte jegliche Farbe verloren. „Psst, Löwenzahn! Sind Sie verrückt? Gleich tritt sie zur Seite und stampft uns in den Boden. Oder noch schlimmer: Sie frisst uns auf. Machen Sie doch nicht so einen Lärm!“
Im gleichen Moment setzte sich die Kuh Alma in Bewegung. Ihr linker Hinterfuß trat gefährlich nah neben dem Wiesenschaumkraut auf dem Boden auf. Das fühlte sich an wie ein Erdbeben, und das Wiesenschaumkraut heulte vor Angst laut auf.
Doch die beiden Pflanzen hatten Glück. Alma zog in die andere Richtung weiter. Als sie aber ein paar Meter entfernt wieder anhielt, schrie der Löwenzahn: „Eine Unverschämtheit ist´s, arglose Wiesenblumen so zu erschrecken.“
Alma blickte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Seltsam. Sie stand kuhseelenallein auf der Weide. Hmm. Gelangweilt kaute sie weiter.
„Das ist aber gerade noch einmal gut gegangen,“ wisperte das Wiesenschaumkraut.
„Du bist aber ängstlich.“ Der Löwenzahn plusterte sich auf und sah das Wiesenschaumkraut verächtlich an. „Feigling!“, fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam Peter, der Sohn des Bauern, um Alma zum Melken nach Hause zu holen. Er erblickte das Wiesenschaumkraut und bückte sich, um es abzupflücken. „Dich werde ich mitnehmen. Meine Mama mag deine schönen weißen Blüten sehr.“
„Und ich? Hey, was ist mit mir?“, kreischte der Löwenzahn empört.
Aber Peter war schon weitergegangen. „Alma komm, es ist Zeit …“

© Regina Meier zu Verl

Die armen Maikäfer *

Die armen Maikäfer *

Die armen Maikäfer

In der Birke grünem Kleide
sitzt Herr Maikäfer mit Frau.
An was denken alle beide?
Nur ans Fressen, ganz genau.

Knabbern’s feine Birkengrün,
bis die junge Birke spricht:
Ihr solltet endlich weiterziehn,
ihr Käfer, denn ich will euch nicht.

Auch die Buche nebenan
Ist nicht grade sehr erfreut:
Schaut euch meine Blätter an,
lauter Löcher sind im Kleid.

Und so ziehen unsre beiden
Käferlein von Ort zu Ort,
kaum sind sie wo angekommen,
jagt man sie schon wieder fort.

© Regina Meier zu Verl

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Wilde Rosen

Wilde Rosen

Hier in unserer Nähe, in Schloss Holte-Stukenbrock, gibt es ein Seniorenheim mit dem Namen Wiepeldorn. Ich bin oft dort vorbei gefahren, ohne zu wissen, was der Name bedeutet, denn vom Klang lässt sich das kaum ableiten, vielleicht könnte der zweite Teil des Wortes einen Hinweis geben? Nun ja, ich habe es heraus bekommen und dann fiel mir dazu eine kleine Geschichte ein, die euch nun aufklären wird, lest selbst:

Wilde Rosen

„Na, kleine Wiepeldorn, willst du mir helfen?“
Wibke sieht ihren Opa verärgert an.
„Du weißt genau, dass ich Wibke heiße und nicht Wiepeldorn!“, schimpft sie.
Opa legt den Malpinsel beiseite und streckt die Arme aus.
„Komm her und lass dich mal knuddeln!“, bittet er und Wibke kann nicht widerstehen.
Opa ist der Beste, auch wenn er immer so komische Namen für sie erfindet. Das Wort Wiepeldorn hat sie heute zum ersten Mal gehört. Während sie sich an Opa kuschelt, erklärt er:
„Das ist der plattdeutsche Name für wilde Rosen und die sind besonders hübsch, so wie du. Sie sind traumhaft schön, duften köstlich und ab und zu pieksen sie ein wenig.“
Die Kleine lächelt. Mit einer Rose mag sie gern verglichen werden.
„Sind sie so schön, wie auf deinem Bild dort?“, fragt sie und Opa nickt bestätigend.
„Ja, genau so schön. Sicher noch schöner, weißt du, die Natur bringt Blumen hervor, die man so schön niemals malen kann.“
Er nimmt seinen Malpinsel und setzt seine Arbeit fort. Wibke sieht ihm dabei zu und nimmt sich vor, eines Tages mal ein genauso guter Maler zu werden wie Opa. Dann wird sie auch Wiepeldorns malen, ganz viele.

Regina Meier zu Verl

Zum Malen schön – ein Rosenbusch, Foto © Andrea Oberdorfer

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Gänse, Brot, süß, meckern, stehlen

Das sind die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten. Lest, was dabei herausgekommen ist unten und auch bei meinen beiden Mitstreiterinnen:

Lore

Martina

Aufregung auf der Gänsewiese 

Aufgeregt liefen die Gänse auf der Gänsewiese hin und her. Sie schnatterten dabei laut. Man hätte denken können, es sei der Teufel oder der Fuchs hinter ihnen her. Sie schlugen so kräftig mit den Flügeln, dass Gänsefedern durch die Luft stoben. Das Pony Rodrian wieherte: „Guck, es schneit wieder!“
Was war denn da nur los? Tante Anna, die Bäuerin, stand am Küchenfenster und wunderte sich.
„Ich glaube“, sagte sie zu ihrem Mann Antonius, „du musst mal gucken gehen, die Gänse sind außer Rand und Band!“
Antonius schob sich schnell noch ein Stück Brot mit Schinkenspeck in den Mund, murmelte „Jau!“, erhob sich schwerfällig, schnappte seine Mütze und ging nach draußen.
Als er an der Gänsewiese angekommen war, beruhigten sich die Tiere ein wenig. Es war immer gut, wenn sich der Boss einmischte, das kannten sie schon.
„Nun macht doch mal halblang, ihr alten Schnattertanten!“, sagte er und schon der Klang seiner Stimme half, um noch ein wenig mehr Ruhe einkehren zu lassen.
„Schade!“, wieherte Rodrian und drehte den Gänsen sein Hinterteil zu. Er hatte sich so über den Schnee gefreut und nun machte der Bauer alles kaputt.
„Nun sagt mir doch mal, was hier los ist!“, befahl der Bauer. Sofort schnatterten alle wild durcheinander.
„Halt!“, brüllte Antonius. „So nicht! Eine redet, die anderen schweigen!“
Stille kehrte ein, dann schnatterte Gisela, die Älteste: „Die böse Katze hat unser Schnubbelchen gestohlen!“
„Wer um alles in der Welt ist denn Schnubbelchen?“, fragte der Bauer verwundert.
„Na, unser Jüngstes!“, erklärte Gisela weinerlich. „Die Katze hat das Kleine so lange gelockt, bis es durch ein Loch im Zaun hinter ihr her ist. Wir konnten gar nichts machen!“
„Und wo ist die Katze jetzt? Und wie sieht sie aus? Und von woher kommt sie überhaupt?“, wollte der Bauer nun wissen.
Gisela zuckte mit den Flügeln. „Woher soll ich das wissen?“
Der Bauer Antonius schlurfte nun über seinen gesamten Hof, schaute in jede Ecke, hinter jeden Busch und Strauch und rief: „Schnubbelchen! Schnubbelchen!“
Gerade als er vor dem Küchenfenster hinter dem Rhododendron nachgeschaut hatte und immer weiter rief: „Schnubbelchen, wo bist du denn?“, antwortete sein Frau: „Hier bin ich doch!“
Der Bauer Antonius lachte auf, er konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. „D…dich meinte ich nicht!“, stammelte er atemlos. „Ich suche ein Gänseküken, Schnubbelchen! Eine fremde Katze soll es gestohlen haben!“
Anna überlegte nicht lange. „Dann kann ich dir helfen. Es wird die Nachbarkatze sein, die Schnurrsula! Die kuschelt so gern, schau mal in der Scheune nach!“ Die Bäuerin kam aus der Küchentür und begleitete den Antonius zur Scheune. Leise öffneten sie die Tür und schauten vorsichtig hinein.
„Da, schau!“ Anna deutete auf einen Haufen Heu, in dem hatte sich die Katze eingerollt und an ihren Hals gekuschelt schlief ein Gänseküken, Schnubbelchen.
„Das ist süß, oder?“, flüsterte Anna.
„Jau!“, sagte Antonius und sah seine Anna liebevoll an. „Aber jetzt verrate mir doch bitte, woher du den Namen der Katze kennst!“
„Es ist die Katze der Nachbarin und weil die Ursula heißt, und die Katze so ein liebevolles Kätzchen ist, habe ich sie Schnurrsula genannt!“
Dass die Katze eigentlich ein Kater war und Felix hieß, war ja nicht so schlimm, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Lachflash

Lachflash

Lachflash

„Nun schalte doch endlich den Fernseher aus, du hast ja schon ganz viereckige Augen!“, schimpfte Luise, die schon vor Stunden ins Bett gegangen war und dann aufwachte, weil sie Fred vermisste, der noch immer auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Eigentlich musste sie zur Toilette, aber das mit dem Vermissen ist ja viel romantischer, nicht wahr?
Fred machte kurz das linke Auge auf, dann gähnte er und hätte damit dem müden Löwen im Zoo gut Konkurrenz machen können. Unglaublich!
„Ich schaue ja gar nicht, ich schlafe. Die Stimmen im Fernseher beruhigen mich so schön!“, sagte Fred und drehte sich auf die andere Seite.
Luise schüttelte unwillig den Kopf, ließ noch ein: „Mach doch, was du willst!“ da und verzog sich wieder in ihr Bett. An Einschlafen war aber nicht zu denken. Luise stand wieder auf, schüttelte das Kissen auf, trank einen Schluck Wasser und machte einen neuen Versuch.
Sie ging die Einkaufsliste für das Wochenende noch einmal durch. Immer wieder horchte sie, ob der Fernsehapparat noch lief.
‚Ich mache jetzt einfach das Licht aus und stelle mir vor, dass Fred neben mir liegt. Dann werde ich schon schlafen können‘, dachte sich Luise. Also löschte sie das Licht und versuchte einzuschlafen. Tatsächlich konnte sie sich vorstellen, dass Fred neben ihr lag. Lediglich das Schnarchen fehlte ihr ein wenig, aber nicht allzu sehr.
Es dauerte nur ein paar Minuten, als Luise in das Reich der Träume wechselte. Gerade hatte sie noch ‚Gute Nacht, Fred‘ geflüstert, als sie sich zurückversetzt fühlte zu dem Frühlingstag vor 40 Jahren, als sie und Fred sich kennengelernt hatten. Das Thermometer war bereits am Morgen auf 20 Grad geklettert. Luise trug ein buntes Sommerkleid. Sie hatte ein Buch eingepackt, eine Flasche Wasser und ein paar Kekse, falls sie der Hunger überkommen sollte. Ihr Ziel war der Stadtpark. Dort suchte sie ihre Lieblingsbank auf, hielt ihr Gesicht für einen Moment in die Sonne, wobei sie die Augen schloss und einfach nur das warme Gefühl genoss.
„Guten Morgen!“ Luise schreckte auf und sah einen jungen Mann vor sich stehen. Er trug Jeans, ein rotes T-Shirt und Turnschuhe. „Darf ich mit für einen Moment zu dir setzen?“, fragte er. Die Antwort wartete er nicht ab, er setzte sich sofort und packte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Dann nahm er einen kräftigen Schluck.
‚Fehlt noch, dass er nun rülpst‘, dachte Luise und musste über ihren absurden Gedanken lachen. Und wenn Luise einmal anfing zu lachen, dann war sie so schnell nicht zu bremsen.
Da ihr Lachen ansteckend war, stimmte der junge Mann gleich mit ein. Sie lachten sicherlich ein paar Minuten, andere Parkbesucher wurden aufmerksam und freuten sich über das fröhliche junge Paar auf der Parkbank, dass bisher nichts voneinander wusste.

„Was ist los?“, fragte Fred, der plötzlich neben Luise im Bett lag. Sofort war Luise wieder hellwach.
„Was soll denn los sein?“, fragte sie verschlafen.
„Du hast so laut gelacht. Hast du dir einen Witz erzählt? So wie damals? Du weißt schon!“, Freds Stimme klang zärtlich. Genau diese Frage hatte er ihr damals auch gestellt und Luise hatte ihm nie verraten, was der Auslöser für ihren Lachanfall gewesen war. Eigentlich war es auch egal, es hatte einfach so sein müssen damals, vor 40 Jahren. Ein großes Glück war es gewesen, ein anhaltendes Glück. Luise tastete nach Freds Hand. „Schlaf schön!“, flüsterte sie. „Du auch!“, flüsterte Fred.

© Regina Meier zu Verl

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