Henny und Opa suchen Sauerampfer

Henny und Opa suchen Sauerampfer

„Im Frühling finden sich Freunde viel leichter als im Winter!“, sagte Henny und nickte bestätigend mit dem Kopf, so dass ihre blonden Locken lustig hüpften.
„Soso?“ Opa schmunzelte. „Woran das wohl liegen mag?“
„Am Frühlingswetter, ist doch klar! Da kann man so viele schöne Sachen machen und alle haben bessere Laune!“
„Erzähl, was für Sachen kann man machen? Und vor allem: darf ich mitmachen, auch wenn ich nicht dein Freund bin, sondern dein alter Großvater?“ Opa Hans stand auf und tat dabei, als schmerze sein Kreuz ganz furchtbar.
„Laufen, rennen, hüpfen, schaukeln, spielen. All das kann man im Frühling viel besser machen als im Winter. Ja, und Ausflüge und Picknicks und ach, es gibt so vieles.“ Henny umschrieb mit den Armen einen großen Kreis in der Luft.
„Ach, alles können wir machen. Am besten jetzt gleich.“
Opa Hans lachte.
„Na, dann schlage ich vor, wir fangen mit einem Picknick an, ich habe großen Hunger!“
Henny jubelte.
„Opa, du bist der Beste. Was nehmen wir mit?“
„Alles, was Omas Vorratsschrank so hergibt, denke ich und ich könnte schnell ein paar Waffeln backen“, schlug Opa vor, aber das dauerte Henny viel zu lange. Sie wollte los, am besten auf der Stelle. Also packten sie eine Tafel Schokolade, Butterkekse, zwei Bananen und Apfelsaft in Hennys Rucksack.
„Mehr brauchen wir wirklich nicht, Opa. Wir sammeln unterwegs Beeren und Kräuter, die machen auch satt?“
„Beeren? Im Frühling?“ Zweifelnd sah Opa Henny an. „Ich glaube, da werden wir wenig Glück haben.“
Doch Henny war schon viel weiter in ihren Gedanken.
„Weißt du, dass man Löwenzahn essen kann? Ganz. Von der Blüte bis zum Blatt und sogar den Stängel. Und aus der Wurzel kann man Kaffee machen. Ist das nicht wunderbar?“
„Das ist prima, aber seit wann trinkst du Kaffee?“, fragte Opa mit einem Augenzwinkern. „Aber ich verstehe schon, Löwenzahn ist ein Allround-Talent, so meinst du es, nicht wahr?“
„Genau, den Kaffee kannst du ja probieren und ich esse leckeren Löwenzahnhonig, oder Salat, der bestimmt auch gut schmeckt!“
„Na prima! So müssten wir unterwegs nicht verhungern und unser Picknick ist gerettet“, sagte Opa und er schritt schneller voran. „Wollen wir zum kleinen Waldteich gehen? Dort gibt es schöne Picknickplätze. Und bestimmt auch viele Löwenzahnblüten.“
„Man kann auch andere Wiesenblumen essen“, gab Henny zur Antwort, denn die Idee, sich das Essen selbst zu sammeln, gefiel ihr immer mehr.
„Dann schieß mal los, ich will alle wissen!“, meinte Opa. „Aber eine Blume weiß ich selbst, sie ist winzig und wunderhübsch. Weißt du, welche ich meine?“
Henny überlegte.
„Meinst du ein Veilchen?“, fragte sie.
„Gut geraten!“ Opa applaudierte. „Eine Veilchenblüte schmeckt, wie sie duftet. Zuckersüß!“
„Toll! Ich mag Veilchen.“ Auch Henny klatschte in die Hände, dann aber wurde sie still.
„Ich mag die Veilchen so sehr, dass ich sie eigentlich nicht essen möchte, und auch Gänseblümchen nicht, die dürfte man nämlich auch essen.“
„Dann“, sagte Opa, „empfehle ich dir den Sauerampfer.
„Hey, Opa, du weißt ja doch Bescheid, klasse. Ja, der Sauerampfer gehört auch dazu und der soll sehr lecker sein. Hast du ihn schon probiert?“
„Ja, das habe ich. Wir haben ihn in den Wiesen gesucht, als wir Kinder waren. Ich hatte das vollkommen vergessen. Schön, dass du mich erinnerst!“
„Dann lass ihn uns suchen, Opa! Sauerampfer möchte ich unbedingt versuchen. Der Name gefällt mir so gut.“
„Jaja. Sauer macht lustig.“ Opa nahm Henny an der Hand. Zielstrebig verließen sie den Weg und stapften quer über die Wiese Richtung Wald. Ein hübsches Bild, die kleine Henny und der große Opa mit den Nasen zum Boden gerichtet auf der Suche nach Sauerampfer, Veilchen, Löwenzahn und noch mehr Wiesenkräutern, die nicht nur Kühen lecker schmeckten.

© Regina Meier zu Verl

Jonas, Zwiebelchen und der Muttertag*

Jonas, Zwiebelchen und der Muttertag

Der kleine Apfelschimmel Zwiebelchen steht auf der Wiese. Er lässt sich das frische Gras schmecken. Es ist eine Freude, ihm dabei zuzuschauen. Ab und zu schüttelt er seine zottelige Mähne, dann sucht er weiter mit seinem weichen Maul nach dem leckeren Grün.
Na, Zwiebelchen, ist es dir nicht zu langweilig, so allein hier?“, fragt Jonas, der vor dem Mittagessen schnell noch einen Besuch bei seinem Freund macht.
„Schau her, ich habe dir etwas mitgebracht!“ Jonas holt eine trockene Brotscheibe aus seiner Hosentasche. Die hat er in der Küche stibitzt.
„Mama mag dich auch sehr gut leiden, deshalb ist es sicher nicht so schlimm, dass ich das Brot genommen habe. Weißt du, meine Mama ist die beste Mama von allen!“, erzählt er dem Pferd, das genüsslich kauend zuhört.
„Wo ist eigentlich deine Mutter? Schade, dass du mir nicht antworten kannst. Vielleicht sollte ich den Bauern mal fragen.“ Jonas setzt sich ins Gras. Die Sonne meint es schon gut an diesem Tag in Mai. Endlich kann man wieder ohne Jacke nach draußen gehen. Wunderbar. Alles fühlt sich so leicht an. Jonas lässt sich zurückfallen ins weiche Gras, und es dauert gar nicht lange, da ist er eingeschlafen.
Er träumt von Zwiebelchen, der mit seiner Mutter, einer hübschen Schimmelstute auf der Wiese steht. Es sieht so aus, als ob die Pferde miteinander reden. Jonas lauscht. So gern möchte er wissen, worüber sie sprechen. Aber er kann nichts verstehen. Als sich eine Fliege auf Jonas’ Nase setzt, muss er niesen. Die Pferde erschrecken und galoppieren davon. ‚Bleibt doch!’, ruft Jonas. Doch mit schwebender Leichtigkeit sind sie über das Gatter gesprungen und verschwinden im Wald. Jonas läuft ihnen nach, immer weiter und weiter. Er verliert sie aus den Augen, denn sie sind viel schneller als er. Erschöpft lässt er sich auf den Waldboden fallen. „Mama!“, ruft er, denn es ist dunkel im Wald und er hat sich verlaufen. „Mama!“
„Hier bin ich!“, sagt eine helle Stimme. Jonas öffnet die Augen und schaut in das Gesicht seiner Mutter. Erleichtert springt er auf.
„Oh Mama, ich habe wohl geträumt; im Traum habe ich mit verlaufen …“
Die Mutter nimmt Jonas in den Arm.
„Glücklicherweise bist du nur eingeschlafen. Ich habe dich gesucht und plötzlich hörte ich dich rufen. Da bin ich wohl zur rechten Zeit gekommen.“
„Ja, das bist du. Ich hatte solche Angst! Das arme Zwiebelchen hat keine Mutter, die immer da ist. Mama, ich habe dich so doll lieb!“
Mama lächelt. Ihr Jonas ist ein wunderbarer Junge.
„Zwiebelchen kann schon ganz gut allein auf sich aufpassen und ein bisschen kann ich ja auch seine Mutter sein, wie findest du das?“
„Gute Idee! Und weil doch am Sonntag Muttertag ist, machen wir dann alle zusammen ein Picknick hier, Zwiebelchen, du und ich, okay?“

Hier auch zum Anhören

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Muttertagsgeschichte findet ihr hier: Mamas Herzenswunsch

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Bildquelle ArmbrustAnna/pixabay

Oma Betty und die Saatbomben

Von Oma Betty gibt es mittlerweile schon  einige Geschichten, in dieser Episode bastelt Oma Betty Saatbomben mit ihrem Enkelkind. Es lohnt sich, das einmal nachzumachen, mir hat es jedenfalls viel Freude bereitet, mit Saatbomben zu schießen und dann später viele bunten Blumen vorzufinden. Die Bienen hat’s auch gefreut!

Oma Betty und die Saatbomben
Manchmal hat Oma so richtige coole Ideen. Gerade letzte Woche haben wir beide etwas Spannendes gemacht, Bomben gebaut, Saatbomben. Kennt ihr das?
Oma hatte im Gartenmarkt Sämereien für Wildblumen gekauft und Lehmpulver. Wir haben dann zu Hause Gartenerde mit dem Lehmpulver und den Blumensamen vermischt und ordentlich nass gemacht. Das war beinahe so, wie beim Plätzchen backen vor Weihnachten. Viele kleine Kugeln haben wir aus dem Erde-Ton-Samenteig geformt Das war eine ganz schöne Mantscherei, aber es hat Spaß gemacht.
Die Samenbomben haben wir dann auf der Fensterbank zwei Tage trocknen lassen, durch das Lehmpulver wurden sie ganz hart. Dann kam der spannendste Teil der Aktion, das Verteilen der Bomben im Garten. Überall hin haben wir sie geworfen, waren ja schließlich Bomben. Nun sind wir gespannt, wann wir die ersten Blumen entdecken werden. Oma hat gesagt, dass das etwas dauern wird. Geduld ist nicht so meine Stärke, aber was soll’s, warten wir halt ab.
Einige Kugeln habe ich mir gesichert und mit in die Schule genommen. Dort habe ich sie ebenfalls in die Beete geworfen. Heimlich, damit mich keiner dabei erwischt. Ich weiß nämlich gar nicht, ob man das darf. Egal, alle werden sich wundern, wenn dort demnächst überall Wildblumen blühen und die Bienen, die werden sich freuen. Das ist nämlich der Sinn der Sache. Manchmal kann Nützliches so viel Spaß machen, probiert es doch auch einmal aus.
Ich werde berichten, wann ich die erste Kornblume, Margerite, Kleeblüte oder Ringelblume im Garten entdeckt habe, versprochen!

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Capri23auto/pixabay

Regina belauscht den Osterhasen

Eine Geschichte aus dem letzten Jahr, die ich auf Wunsch einer einzelnen Person noch einmal nach oben geholt habe.

Regina belauscht den Osterhasen

Zufällig wurde ich Zeugin eines Gesprächs, dass heute, am Samstag vor Ostern in unserem Garten stattfand. Entgegen meiner Gewohnheiten war ich schon sehr früh wach geworden. Es mag daran gelegen haben, dass ich früh im Bett war und sofort eingeschlafen bin. Egal, jedenfalls stand ich am Wohnzimmerfenster und beobachtete den Sonnenaufgang. Im Haus war es noch ganz still und auch auf der Straße war noch niemand unterwegs.
Da, was war das? Hatte ich nicht gerade eine leise Stimme gehört? Ich lauschte und hörte tatsächlich eine Stimme. Einbrecher? Das war mein erster Gedanke, den ich aber gleich wieder verwarf. Die Stimme klang eher kindlich. Ich lauschte also weiter, musste mich aber mächtig anstrengen, um überhaupt ein Wort verstehen zu können.
„Das wäre wirklich nicht gerecht!“, sagte die Stimme. „Wir müssen doch zusammenhalten, wir Frauen!“
Aha, es war also eine Sie. Aber was bedeutete das? Ich hatte mich doch gar nicht beklagt, oder meinte sie mich gar nicht? Schließlich leben hier noch zwei weitere Frauen im Haus, eine Große und eine Kleine.
„Die Kleine bekommt ein Ei, die Großen nicht, Punkt!“, sagte eine andere, etwas lautere Stimme.
„Aber die eine von den Großen, die Mutter, ist Tag und Nacht für die Kleine da und nebenbei arbeitet sie noch im Homeoffice und nie trifft sie sich mit anderen Leuten, das ist auf Dauer auch anstrengend und ein wenig Abwechslung täte ihr mal gut, oder?“, sagte nun die erste Stimme wieder.
„Ja, gut! Und die Alte?“, fragte nun wieder die andere Stimme.
„Alte?“, kreischte nun die Erste. „Du bist wohl nicht ganz gescheit, die ist doch nicht alt und außerdem schreibt sie Kindergeschichten und wir Hasen kommen dabei ganz gut weg, das kannst du mir glauben!“

Ich musste lachen, riss mich aber zusammen, weil ich die Beiden nicht erschrecken wollte.
Dass ich das in meinem Alter noch erleben durfte, das machte mich dankbar. Ich hatte es hier wohl mit zwei Osterhasengehilfen zu tun, oder gar dem Osterhasen selbst?
Im Garten war ich noch nicht, es ist ja erst morgen Ostern. Aber dann werde ich berichten, was wir gefunden haben, die Kleine, die Mutter und die Alte, also ich.

© Regina Meier zu Verl

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Der besondere Hase (Reizwortgeschichte)

Wärme, Duft, aufatmen, glücklich, leuchten
Das waren die Wörter, die in der Geschichte verarbeitet werden mussten.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Martina
Lore


Der besondere Hase


Eine Woche lang hatte es mildes und frühlingshaftes Wetter gegeben und nun dieser jähe Rückfall. Beinahe fühlte es sich wieder wie Winter an, fehlte noch, dass es schneite. Wo war nur die Wärme geblieben? Traurig hoppelte ein Häschen durch die nasse Wiese.
„Arme Narzissen!“, bedauerte er die hübschen gelben Blumen, die dort standen.
„Euch ist ja sicher noch viel kälter als mir. Ich habe wenigstens ein dickes Fell, aber ihr müsst zittern.“
„Ach was!“ Eine der Narzissen lachte hell auf und antwortete: „Wir sind doch sonnengelb und tragen die Wärme praktisch in uns. Schau nur, wie wir leuchten!“
Der Hase schaute und schnupperte und dann nickte er. „Stimmt, ihr leuchtet wunderbar und euer Duft ist einmalig. Nach Frühling riecht ihr und nach … Sonnenschein, ja, genau, nach Sonnenschein!“
„Oh, vielen Dank. Solche Komplimente machen uns glücklich!“, sagte die Narzisse, die scheinbar das Sprechen für alle übernommen hatte.
„Oh, sehr gern“, antwortete das Häschen. „Ich mache gern hübsche Blumen glücklich!“
„Und Eier, nicht wahr?“ fragte die Blume.
„Eier? Wieso das denn?“ Der kleine Hase war ratlos. Was hatte er denn mit Eiern zu tun?
„Na, du ziehst ihnen doch hübsche Kleider an, ist es nicht so?“ Plötzlich kicherten alle Narzissen, silberhell klang das. Der Hase fand das wunderschön.
„Ich bin doch kein Schneider, ihr Hübschen!“, lachte der Hase.
„Dann bist du vielleicht ein Maler?“, meinten die Narzissen und jetzt sprachen sie alle durcheinander.
„Oder ein Frisör?“ – „Oder gar ein Künstler?“
Der Hase lachte und lachte, er konnte sich gar nicht beruhigen. Er war doch nur ein einfacher Hase, was sonst? Oder?
„Ich bin nur ein einfacher Hase!“, sagte er deshalb ein wenig zögerlich, weil es ihm eigentlich gerade so gut gefiel, etwas Besonderes zu sein oder zu können.
„Im letzten Jahr war hier einer von deiner Sorte, der viele bunte, wunderhübsche Eier zwischen uns versteckt hat. Das war lustig und auch das hat uns glücklich gemacht. Man kann sagen: Hasen machen uns glücklich. Die einen verstecken bunte Eier und du machst uns liebevolle Komplimente!“, sagte die Narzisse, die schon ganz zu Anfang das Wort übernommen hatte.
Mit einem Mal mischte sich eine fremde Stimme ein. Es war die alte Eiche, die ganz in der Nähe stand.
„Ihr kleinen Dummies!“, sagte sie freundlich. „Habt ihr denn noch nie etwas vom Osterhasen gehört?“
Der kleine Hase schüttelte heftig den Kopf, so dass seine Ohren hin und her flogen und auch die Narzissen schüttelten ihre Glockenblüten. Ein silberhelles Klingeln ertönte, das war so wunderschön, dass alle, die auf dem Weg vorbeigingen stehen blieben.
„Guck mal!“, rief ein Kind. „Der Osterhase in der Narzissenwiese!“
Der kleine Hase atmete auf. „Ach, dann bin ich wohl ein Osterhase, gut, dass ich das endlich weiß!“, rief er den Narzissen zu, drehte ihnen sein Stummelschwänzchen zu und sauste davon wie der Blitz. Schließlich hatte er nun jede Menge zu tun, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Tulpengespräch am frühen Morgen

Tulpengespäch am frühen Morgen

Durch einen glücklichen Zufall kam es dazu, dass ich das Gespräch von zwei Tulpen in meinem Garten belauschen konnte. Ich saß am frühen Morgen auf der Terrasse. Es war noch sehr früh, also eine Zeit, in der mich keiner im Garten vermutet hätte. Da ich von Natur aus ein stiller Mensch bin, bemerkte mich niemand, nicht Tier, nicht Pflanze und Mensch schon gar nicht, denn, wie gesagt: Es war noch früh!
Gerade versuchte ich, mich an den Traum zu erinnern, der mich aus dem Bett geschubst hatte, als ich ein feines Stimmchen vernahm.
„Guten Morgen! Heute ist mein Geburtstag!“
Verdutzt schaute ich mich um, konnte aber nicht ausmachen, zu wem die Stimme gehörte.
„Meiner auch!“, rief eine zweite Stimme, lauter als die erste.
„Ist das so? Hat man Geburtstag, wenn sich die Blütenblätter zum ersten Mal öffnen?“, fragte die erste Stimme. Sprachen da etwa zwei Blumen? Ich rieb mir den Schlafsand aus den Augen und spitzte meine Ohren, um nichts zu verpassen.
„Ja, ist so! Eigentlich sind wir ja schon vorher da, aber die Blüte ist doch das wichtigste an uns, nicht wahr? Wenn sie aufgeht, dann haben wir unseren Ehrentag!“ Das war wieder die lautere Stimme gewesen. Vorsichtig drehte ich mich auf meinem Gartenstuhl dem Blumenbeet zu und erblickte sofort zwei hübsche Tulpen, die gestern noch nicht geblüht hatten. Die beiden mussten es sein, die da miteinander plapperten.
Eine Weile war Stille. Hatten sie mich etwa bemerkt? Bewegungslos verharrte ich in der Position, die ich eingenommen hatte, als ich wieder die leise Stimme vernahm:
„Ein schönes Blütenkleid hast du. Es gefällt mir!“
„Danke schön, du siehst aber auch toll aus, ich mag dieses leuchtende Rot!“
Nun wusste ich also, wer zu welcher Stimme gehörte, die leise war Rot und die lautere Gelb. In Gedanken wollte ich ihnen gerade Namen geben, als sich eine weitere Stimme dazu gesellte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sich eine dritte Tulpenblüte geöffnet hatte.
„Guck mal, da kommt noch eine!“, rief die Gelbe, die Rote neigte leicht ihren Kopf, um besser sehen zu können. Dann begrüßte sie die Neue mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“
„Igitt!“, flüsterte die Gelbe. „Die hat ja Streifen!“
Jetzt sah ich es auch, der Neuankömmling war rot mit gelben Streifen, außergewöhnlich schön, fand ich.
„Streifen im Blütenkleid machen schlank!“, rief die Neue selbstbewusst und lachte ein tulpenhelles Lachen. Die Rote stimmte sofort mit ein, aber die Gelbe ärgerte sich ein wenig, das war vielleicht der Neid, den man der gelben Farbe zusprach.
Ich hätte gern noch gelauscht, aber ein persönliches Bedürfnis trieb mich ins Haus. Ich rief den Tulpen schnell noch einen Gruß zu: „Herzlichen Glückwunsch, ihr Drei. Ihr seid die schönsten Tulpen, die ich je gesehen habe!“
Genauso hatte ich es auch gemeint. Den ganzen Tag bin ich mit einem seligen Lächeln im Gesicht durch die Welt gelaufen und morgen früh werde ich mich wieder auf die Terrasse setzen, das habe ich mir jedenfalls vorgenommen.

© Regina Meier zu Verl
Hier zum Anhören :

Lies hier von einer Tulpe, die unbedingt auf den Magnolienbaum möchte:

Wie die schöne Lali auf den Baum kam

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Bildquelle NickyPe/pixabay

Die dicke Wolke

Die dicke Wolke

„Hast du Hausaufgaben auf, Emmy?“, fragt Mama, als ich aus der Schule komme.
„Klar, heute sollen wir einen Aufsatz schreiben: Wie schön die Welt im Frühling ist. Das kann ich nicht!“ Erstaunt sieht Mama mich an.
„Du kannst doch tolle Geschichten erfinden, da dürfte es dir doch nicht schwerfallen, einen Aufsatz zu schreiben.“
„Ich mag aber nicht schreiben, ich male lieber Bilder oder höre Musik. Aufsätze sind blöd, megablöd!“, knurre ich und weiß doch, dass ich mich nicht drücken kann. Dabei würde ich so gern malen, mit den neuen Farben, die ich zu Ostern bekommen habe.
„Schreiben, das ist wie das Malen mit Worten!“, behauptet Mama.
„Kann ich zuerst etwas in den Garten gehen? Die Sonne ist so toll!“
Dagegen hat Mama nichts, frische Luft tut gut, sagt sie immer.
Die Krokusse blühen und auch die Narzissen leuchten schon. Es ist noch recht kühl, aber wunderbar. Der blaue Himmel verspricht gutes Wetter auch für die nächsten Tage. Nur eine einzige Wolke zieht dort oben, sie kommt immer näher. Wie ein riesiger Elefant sieht sie aus, ich rufe ihr zu:
„Komm runter, lass mich auf deinen Rücken klettern, damit ich die Welt von oben sehen kann!“
Sie kommt näher, immer näher und dann spricht sie mit mir:
„Ich darf die Erde nicht berühren, dann werde ich zu Wasser. Aber du, schließ die Augen und stelle dir ganz fest vor, dass du auf meinen Rücken kletterst, dann wird es gelingen!“
Ich schließe fest die Augen und ich blinzle auch kein kleines Bisschen. Ich sehe, wie ich auf den Rücken des Wolkenelefanten klettere und schon steigt er mit mir auf. Es wird kälter, immer kälter und ich trau mich nicht, die Augen zu öffnen.
„Du kannst jetzt gucken!“, sagt die Wolke. Vorsichtig gehorche ich. Das gibt es doch nicht, ich sitze auf einem flauschig weichen Elefanten und sehe unseren Garten, der kleiner und kleiner wird. Dann erblicke ich die Schule und den Supermarkt. Winzig kleine, bunte Autos fahren dort unten und in der Stadt laufen die Menschen wie geschäftige kleine Ameisen umher. Wie lustig das aussieht.
Bald verändert die Wolke ihre Form und wird zu einem rassigen Rennpferd, schnell galoppieren wir am Himmel entlang, immer weiter. Unter uns sind Wälder und Seen, die in der Sonne glitzern.
„Da, schau, blühende Kirschbäume, ein ganzer Wald davon!“, rufe ich und komme aus dem Staunen nicht heraus. Das müssen die Obstplantagen sein, von denen Oma immer erzählt hat. Rauchende Schornsteine sehen aus wie Drachennasenlöcher.
„So, kleine Emmy, jetzt muss ich dich wieder nach Hause bringen, sonst vermissen dich deine Leute!“, sagt die Wolke und traurig stimme ich zu.
„Schade, es war ein toller Ausflug mit dir, vielen Dank!“ Gern würde ich noch weiterfliegen, aber ich möchte auch nicht, dass Mama traurig ist. Außerdem muss ich auch noch meinen Aufsatz schreiben, ich habe auch schon eine Idee.
Völlig außer Atem renne ich ins Haus, als die liebe Wolke mich sanft auf den Rasen purzeln lassen hat.
„Hast du es aber eilig, Emmy!“, ruft Mama noch, ich sitze aber schon am Schreibtisch und schreibe:

Wie schön die Welt im Frühling ist

Heute war ein besonders schöner Frühlingstag. Ich bewunderte die Blumen im Garten, als plötzlich eine dicke Wolke direkt über mir anhielt und mich einlud, eine Reise mit ihr zu machen. Das war eine Freude, die Welt mal von oben zu sehen. Leider hatte ich keinen Fotoapparat bei mir, aber ich schreibe es für euch auf, denn Schreiben ist wie Malen mit Worten.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle w3work/pixabay

 

Ein Krokus auf Reisen, Reizwortgeschichte

Luftballon, Zwiebel, rosa, allein, kichern
Das waren die Wörter, die diesmal unterzubringen waren. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore
Martina
Ein Krokus auf Reisen


An einem sonnigen Tag im Frühling landete ein rosaroter Luftballon mitten auf einer Krokuswiese. Eigentlich wollte er sich nur eine Weile ausruhen, weil er schon weit geflogen war und die Erschöpfung sich bemerkbar machte.
Doch es kam alles ganz anders. Also, das war so:
Die Franzi, also die Trauzeugin von Anna, hatte Karten drucken lassen, viele Karten. Diese Karten hatte sie an rosa Luftballons gebunden, weil doch rosa die Lieblingsfarbe der Anna war und weil Anna und Bastian geheiratet hatten. Das war am letzten Samstag gewesen. Nach der Trauung in der St. Anna Kirche hatte die Franzi jedem Anwesenden einen Luftballon mit Kärtchen in die Hand gedrückt und auf das Kommando „Eins, zwei, drei – wir lassen euch jetzt frei!“ ließen alle los und die Ballons schwebten gemeinsam gen Himmel. Das sah toll aus.
Auf den Karten stand die Adresse von Anna und Bastian und der Finder wurde gebeten, kurz einzutragen, wo und wann er den Ballon gefunden hatte und die Karte dann in den nächsten Postkasten zu stecken.
Zuerst war unser Ballon mit den anderen in den Himmel geschwebt, weiter und immer weiter waren sie geflogen und schon bald hatte man sie von der Kirche aus nicht mehr sehen können. Anna und Bastian hatten ihnen nachgewinkt und freuten sich auf recht viele Karten.
Doch zurück zu unserem Ballon, der nun ganz allein, also ohne die anderen Ballons, auf der Krokuswiese gelandet war.
„Was bist du denn für eine seltsame Blume?“, fragten die Krokusse und kicherten. Zuerst hatten sie sich gefürchtet, als der Ballon sich niedergelassen hatte, doch dann bemerkten sie, dass er federleicht war. Er war also nicht gefährlich für sie.
„Eine Blume? Ich bin doch keine Blume, ich bin ein Ballon, ich reise durch den Himmel!“, antwortete der Ballon. „Aber ich muss ein wenig verschnaufen, ich bin nämlich schon ein paar Tage unterwegs.“
„Wie schön“, seufzte der zarte, gelbe Krokus. „Wir stehen hier auf unserer Wiese und Jahr für Jahr kommen wir an der gleichen Stelle wieder zum Vorschein. Das ist langweilig, ich würde auch so gern mal verreisen! Nimmst du mich mit, wenn du weiterfliegst?“
„Das wird nicht möglich sein, du würdest verwelken, kleines Blümchen“, meinte der Ballon.
„Ach nein, das würde ich nicht, ich habe doch eine Zwiebel, daraus bekomme ich meine Nahrung und die hält mich frisch. Bitte, bitte, nimm mich mit!“, sagte der Krokus und klammerte sich am Ballonkärtchen fest.
„Pst, still, da kommt jemand!“, rief der große lila Krokus. Sofort waren alle ruhig, nur der Ballon zitterte ein wenig vor lauter Anspannung und der kleine gelbe Krokus zitterte mit ihm.
„Ich halte mich ganz doll fest, heb ab, Ballon, heb ab“, flüsterte er. Doch der Ballon schaffte es nicht, sich in die Luft zu heben, er war einfach noch zu schwach.
„Guck mal hier!“, rief da ein Mädchen. „Ein schöner Ballon mitten zwischen den Blumen. Komm doch mal her!“
„Ja, immer langsam, meine Liebe, ich möchte die Krokusse nicht zertreten, sie sind wunderschön!“ Das war die Stimme eines jungen Mannes.
Das Mädchen hatte mittlerweile die Karte entdeckt, die am Ende der Ballonschnur hing, aber sie konnte sie nicht lesen, denn der kleine gelbe Krokus klammerte sich mit aller Kraft daran fest und gab sie nicht frei. Als das Mädchen vorsichtig daran zog, hatte es mit einem Mal die Karte und das Blümchen mitsamt seiner Zwiebel in der Hand.
„Oh, Verzeihung!“, rief das Mädchen und der junge Mann schimpfte.
„Du solltest achtsamer mit den Blumen umgehen und sie nicht aus dem Boden reißen!“
„Das wollte ich ja nicht, es tut mir leid.“ Sie las die Karte und wusste endlich, was es damit auf sich hatte.
„Schau mal, da haben Anna und Bastian geheiratet und sie wünschen sich, dass man die Karte zurückschickt. Mach doch mal schnell ein Foto mit dem Handy und dann schicken wir die Karte mit dem Blümchen an das Paar, die können es dann in ihrem Garten einpflanzen“, rief das Mädchen begeistert.
„Wenn der Krokus das aushält“, gab der Mann zu bedenken. „Ich habe eine bessere Idee, wir bringen das schnell zu der Adresse, es ist ja nicht weit.“
„Stimmt, es ist der Nachbarort. Dass ich nicht selbst drauf gekommen bin!“ Das Mädchen lachte und drückte dem jungen Mann einen Kuss auf die Wange.

Zeichnung Regina Meier zu Verl

Anna und Bastian haben sich sehr gefreut und den gelben Krokus haben sie in ihren Vorgarten gesetzt, ja, so war das.

© Regina Meier zu Verl

Opa, Timo und die Frühlingskinder

Opa, Timo und die Frühlingskinder

„Gestern habe ich den Frühling gesehen. Er huschte übermütig durch den Garten und zupfte mal hier, mal da. Ich habe ihn gefragt, was er da macht, aber ich bekam keine Antwort. Als ich ihn nämlich ansprach, verschwand er, schnell wie der Wind!“, erzählte Opa seinem Enkel Timo.
„Den Frühling hast du gesehen? Den kann man doch gar nicht sehen!“, behauptete Timo. Er war ein bisschen verärgert, weil Opa ihn schon wieder mal auf den Arm nehmen wollte. Aber dieses Mal würde es ihm nicht gelingen. Das wäre ja noch schöner!
„Wie sah er denn aus, dein Frühling?“, fragte er und in seiner Stimme schwang ein lauernder Ton mit.
„Es ist nicht mein Frühling, es ist auch deiner!“, meinte Opa. „Es war ja nur ein kurzer Augenblick, aber ich erinnere mich, dass er eine gelbe Latzhose trug und grüne Gummistiefel und ja, er hatte blonde Locken.“
„War es denn etwa ein Mädchen? Wegen der blonden Locken, meine ich.“, fragte Timo.
„Gibt es nicht auch Jungen mit blonden Locken? Ich vermute, dass es ein Junge war, aber sicher bin ich nicht!“, stellte Opa fest. „Geh doch selbst mal nachschauen, vielleicht triffst du ihn ja auch, den Frühling!“
„Ich wollte sowieso gerade nach draußen, frische Luft tanken, dann kann ich ja mal gucken!“ Er glaubte Opa nicht, wusste doch jeder, dass der Frühling wie eine Fee aussah mit einem weiten, bunten Umhang, goldenen Haaren, einer Krone und einem warmen Lächeln und so; jedenfalls bestimmt nicht wie ein Junge oder Mädchen. Timo zog Jacke, Mütze und Stiefel an und stapfte in den Garten hinaus. Man konnte nie wissen, ob Opa vielleicht doch recht haben könnte. Aufmerksam schlenderte er durch den Garten, blickte hinter jeden Strauch und sogar in den verwaisten Hühnerstall. Dann suchte er in den Blumenbeeten und plötzlich stutzte er. Gelb blinkte es ihm zwischen den verdorrten Herbstblättern aus zu. Gelb und grün. Ein kleines Gelb und ein kleines Grün. Die Farben des Frühlings, aber doch viel zu klein für ihn. Der Frühling, überlegte sich Timo, der musste doch viel größer sein. Groß und schlank und zauberhaft. Nicht winzig klein unter alten Blättern verborgen. Er musste sich auch nicht verstecken, gerade, wo doch alle schon auf ihn warteten!
Timo schnupperte, irgendwie roch es plötzlich so anders. War das etwa der Frühling, der so duftete? Er beugte sich zum kleinen Gelb und Grün hinunter schnupperte wieder; und als er sein Gesicht so nah am Boden hatte, sah er viele Gelbs und Grüns und sogar ein Lila und es duftete so schön wie Mamas Blütenparfüm, nur noch besser.
„Wer seid ihr?“, flüsterte er voller Andacht.
„Frühlingskinder“, wisperten viele Stimmchen. „Sieht man doch! Wir sind die Boten des Frühlings. Aber noch kann nicht jeder uns sehen.“
„Ich sehe euch. Ein bisschen. Eure Farben sehe ich. Und euren Duft rieche ich.“ Timo war ganz aufgeregt.
Er erhob sich, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht am Ende noch eines der zarten Frühlingskinder zu zertreten. Als er auf dem gepflasterten Weg zum Haus ankam, rannte er glücklich, so schnell er konnte, ins Haus.
„Opa, du hattest recht!“, rief er freudig. „Der Frühling war da und er hat ganz viele Frühlingskinder in unserem Garten untergebracht!“
Opa schmunzelte. Wusste er doch, dass sein Junge einen Blick für das Schöne hatte. Vielleicht hatte er ihm das vererbt, wer weiß?

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty und das Karnevalskostüm

Oma Betty und das Karnevalskostüm

„Ach!“, stöhnt Oma Betty. „Ich mag mich eigentlich gar nicht verkleiden!“
Das kommt mir bekannt vor, denn es ist jedes Jahr das gleiche. Sie zetert und schimpft und dann macht es ihr doch Freude.
„Dann lass es doch einfach sein, geh als Oma Betty zum Karnevalsfest und gut isses!“, schlage ich vor.
„Das geht nicht, es herrscht Kostümzwang“, sagt sie und wirft ein knallbuntes Kleid zurück aufs Bett, nachdem sie es eingehend betrachtet hat.
„Es passt aber nicht zu dir, dass du dich zu etwas zwingen lässt!“, meine ich und grinse vor mich hin. Meine Oma weiß genau, was sie will und was sie nicht will. Auf jeden Fall will sie zum Fest gehen und deshalb wird sie sich verkleiden, wie immer.
„Na ja, das Wort Kostümzwang klingt vielleicht hart, ist aber nicht böse gemeint. Es geht ja darum, dass keiner aus der Rolle fällt und sich über die Verkleideten lustig macht!“, versucht sie mir zu erklären. Das will mir aber nicht einleuchten.
„Also amüsieren sich die, die nicht verkleidet sind über die Verkleideten und deshalb dürfen sie nicht rein? Ich dachte immer, dass es um Spaß geht! Und außerdem ist das unlogisch: die nicht Verkleideten fallen aus der Rolle? Aus welcher Rolle denn, ich dachte, dass man eine Rolle spielt, wenn man sich verkleidet, oder?“
Oma winkt ab. „Das verstehst du noch nicht!“, sagt sie.
Typisch, wenn sie nicht weiterweiß, dann kommt immer dieser Spruch. Ich finde den voll blöd, echt! Also sage ich nichts mehr dazu.
Oma setzt einen riesigen Hut auf, der mit bunten Federn geschmückt ist.
„Wie findest du den?“, fragt sie.
Ich bin verstimmt und habe keine Lust, ihr Modeberater zu sein, deshalb schweige ich lieber.
„Sprichst du nicht mehr mit mir?“, will sie wissen und ihre Stimme nimmt so einen Jammerton an.
„Doch, aber von Karneval und Kostümzwang verstehe ich nichts. Ich gehe in diesem Jahr als Oma Betty, das ist einfach!“
Oma lässt den Hut fallen und setzt sich aufs Bett.
„Erzähl, wie geht das?“, sagt sie. Der Jammerton ist weg, aber ihre Stimme ist gefährlich leise geworden, gleich wird sie mit den Lippen zittern.
„Ganz einfach: ich ziehe eine Jeans an, so wie du. Dann leihe ich mir einen Pulli von dir, vielleicht in Pink. Ich ziehe meine Augenbrauen nach, schminke meine Lippen und mache ein freundliches Gesicht – kurz: ich bin die schönste Oma der Welt!“
Oma Bettys Lippen zittern, aber nicht vor Ärger. In ihren Augen ist Hochwasser, gleich werden die Tränen kullern, so gerührt ist sie.
Vorsichtshalber drückt sie mich, damit ich ihre Tränen nicht sehen kann, dabei flüstert sie mir ins Ohr:
„Leihst du mir deine Baseball-Kappe? Ich werde eine Jeans tragen, ein Sweatshirt und deine Kappe und dann gehe ich als bester Enkel der Welt!“
„Check!“, sage ich und halte meine Hand hoch.
„Check!“, sagt sie und somit ist das Problem mit dem Kostüm erledigt.

© Regina Meier zu Verl

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