Oma Betty und das Karnevalskostüm

Oma Betty und das Karnevalskostüm

„Ach!“, stöhnt Oma Betty. „Ich mag mich eigentlich gar nicht verkleiden!“
Das kommt mir bekannt vor, denn es ist jedes Jahr das gleiche. Sie zetert und schimpft und dann macht es ihr doch Freude.
„Dann lass es doch einfach sein, geh als Oma Betty zum Karnevalsfest und gut isses!“, schlage ich vor.
„Das geht nicht, es herrscht Kostümzwang“, sagt sie und wirft ein knallbuntes Kleid zurück aufs Bett, nachdem sie es eingehend betrachtet hat.
„Es passt aber nicht zu dir, dass du dich zu etwas zwingen lässt!“, meine ich und grinse vor mich hin. Meine Oma weiß genau, was sie will und was sie nicht will. Auf jeden Fall will sie zum Fest gehen und deshalb wird sie sich verkleiden, wie immer.
„Na ja, das Wort Kostümzwang klingt vielleicht hart, ist aber nicht böse gemeint. Es geht ja darum, dass keiner aus der Rolle fällt und sich über die Verkleideten lustig macht!“, versucht sie mir zu erklären. Das will mir aber nicht einleuchten.
„Also amüsieren sich die, die nicht verkleidet sind über die Verkleideten und deshalb dürfen sie nicht rein? Ich dachte immer, dass es um Spaß geht! Und außerdem ist das unlogisch: die nicht Verkleideten fallen aus der Rolle? Aus welcher Rolle denn, ich dachte, dass man eine Rolle spielt, wenn man sich verkleidet, oder?“
Oma winkt ab. „Das verstehst du noch nicht!“, sagt sie.
Typisch, wenn sie nicht weiterweiß, dann kommt immer dieser Spruch. Ich finde den voll blöd, echt! Also sage ich nichts mehr dazu.
Oma setzt einen riesigen Hut auf, der mit bunten Federn geschmückt ist.
„Wie findest du den?“, fragt sie.
Ich bin verstimmt und habe keine Lust, ihr Modeberater zu sein, deshalb schweige ich lieber.
„Sprichst du nicht mehr mit mir?“, will sie wissen und ihre Stimme nimmt so einen Jammerton an.
„Doch, aber von Karneval und Kostümzwang verstehe ich nichts. Ich gehe in diesem Jahr als Oma Betty, das ist einfach!“
Oma lässt den Hut fallen und setzt sich aufs Bett.
„Erzähl, wie geht das?“, sagt sie. Der Jammerton ist weg, aber ihre Stimme ist gefährlich leise geworden, gleich wird sie mit den Lippen zittern.
„Ganz einfach: ich ziehe eine Jeans an, so wie du. Dann leihe ich mir einen Pulli von dir, vielleicht in Pink. Ich ziehe meine Augenbrauen nach, schminke meine Lippen und mache ein freundliches Gesicht – kurz: ich bin die schönste Oma der Welt!“
Oma Bettys Lippen zittern, aber nicht vor Ärger. In ihren Augen ist Hochwasser, gleich werden die Tränen kullern, so gerührt ist sie.
Vorsichtshalber drückt sie mich, damit ich ihre Tränen nicht sehen kann, dabei flüstert sie mir ins Ohr:
„Leihst du mir deine Baseball-Kappe? Ich werde eine Jeans tragen, ein Sweatshirt und deine Kappe und dann gehe ich als bester Enkel der Welt!“
„Check!“, sage ich und halte meine Hand hoch.
„Check!“, sagt sie und somit ist das Problem mit dem Kostüm erledigt.

© Regina Meier zu Verl

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Ich bin nicht allein

Ich bin nicht allein

Dienstag ist Omatag. Einmal in der Woche holt sie mich vom Kindergarten ab und wir unternehmen etwas zusammen. Das finde ich toll. Oma ist auch toll, nur manchmal ist sie etwas streng. Immer dann, wenn ich mal schlechte Laune habe und unbedingt fernsehen will. Das mag Oma nicht. Sie erlaubt es auch nicht. Zuerst bin ich dann beleidigt und heule und quengele herum. Meist, nach ein paar Minuten, geht es dann wieder und ich schleiche mich langsam an Oma heran.

„Sollen wir was spielen?“, frage ich sie. Sofort hat sie Zeit für mich. Manchmal liegen wir einfach auf dem Bauch im Wohnzimmer und spielen mit den Autos. Oma kann tolle Geräusche machen, fast so gut wie ich selbst. Aufheulende Motoren gelingen ihr besonders gut.

Ein anderes Mal geht sie mit mir in die Bibliothek. Ich fühle mich da richtig wohl. So viele tolle Bücher gibt es und ein Kasperltheater. Ich suche die Bücher aus und Oma liest vor. Das macht uns beiden viel Spaß. Ich sehe es an Omas Augen, sie strahlen, wenn sie liest, vor allem seit sie die neue Brille hat und wieder richtig gut gucken kann.

Oma ist schon alt, ungefähr hundert Jahre. Opa auch, aber beide sind noch ganz fit. Sogar Fangen können sie noch mit mir spielen. Meist gewinne ich.  Ist ja auch kein Wunder. Ich habe junge Beine, die laufen schneller, sagt Oma.

Am Sonntag ist Muttertag, da schenke ich Mama ein schönes Bild und Blumen, die Oma für mich pflückt. Das hat sie mir versprochen. Aber Oma ist ja auch eine Mutter, also bekommt sie auch ein Bild und einen dicken fetten Schmatzer. Oma liebt meine Schmatzer, selbst dann, wenn ich Schokolade gegessen habe.  Das sieht dann lustig aus und ich schmatze ihr noch einmal auf die Wange.

Oma hat auch zwei Kinder, meinen Papa und meine Tante Düwi. Die heißt gar nicht Düwi, ich habe sie immer so genannt, als ich noch nicht richtig sprechen konnte. Düwi ist toll und sie bleibt meine Düwi. Aber eine Mutter ist sie noch nicht, sie hat keine Zeit für Kinder, weil sie noch studiert.

Meinen Papa sehe ich nicht so oft, dabei habe ich ihn doch ganz doll lieb. Mama und Papa mögen sich nicht mehr so gern leiden. Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich ja noch klein war, als Papa ausgezogen ist. Ich habe ja noch Oma und Opa – und das gleich zwei Mal. Aber das erzähle ich später, jetzt muss ich schlafen.

„Gute Nacht Mama, gute Nacht Omas und Opas, gute Nacht Papa und Tante Düwi!“

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Der musikalische Spatz

Der musikalische Spatz

„Nur eine kleine Geschichte noch, Oma. Dann schlafe ich, versprochen!“
Ich kann dieser Bitte nicht widerstehen und überlege fieberhaft, welche Geschichte ich noch erzählen könnte. Jule kennt sie schon fast alle.
„Erzähl die mit dem Vogel, der sich in deinem Wohnzimmer verirrt hatte!“, bittet Jule und ihre blauen Kulleraugen leuchten.
„Okay, aber nächstes Mal erzählst du sie mir“, schlage ich vor und Jule nickt eifrig.
„Mache ich, einmal musst du sie aber noch erzählen!“
„Eines Abends im Frühling, ich hatte die Balkontür weit geöffnet, besuchte mich ein kleiner Spatz in meinem Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Sofalehne und als ich in seine Nähe kam, schlug er vor Angst mit den Flügeln und floh.“
„Warum ist er denn nicht nach draußen geflogen, wenn er doch solche Angst vor dir hatte?“
„Vielleicht wusste er nicht mehr, in welche Richtung er sollte. Deshalb flog er mitten ins Zimmer und setzte sich auf’s Klavier.“
Jule grinst. Sie weiß genau, wie es weitergeht. Sie setzt die Geschichte fort:
„Und weil da gerade die Noten lagen, die du für die Schulaufführung geschrieben hattest, passierte es, dass der kleine Vogel, der ja große Angst hatte, auf das Notenpapier kleckerte!“
Jule lacht. Immer wieder kann sie darüber lachen. Natürlich habe ich ihr das Notenblatt gezeigt, das ich aufbewahrt hatte. Der ängstliche Spatz hatte dort nicht nur einen Klecks hinterlassen, nein, einen ganzen Takt hatte er zugekleckert.
„Du weißt ja, was dann passiert ist, Jule!“
„Ja, Oma, du hast so gelacht, dass der Spatz vor Schreck wieder losflog und den Weg ins Freie gefunden hat und dann hast du das Lied nach ihm benannt, stimmt’s?“
„Stimmt! Wollen wir es singen?“
Jule strahlt und fängt an:
„Ein Spatz, der gerne Lieder mocht‘,
von Menschhand geschrieben,
der kam mal in mein Wohnzimmer,
doch ist er nicht geblieben.
Er kleckerte das Sofa voll,
fast hätt ich ihn gepackt,
da hat er dann vor lauter Angst
aufs Notenblatt ge-kleckert.“

Jule lacht bis ihr die Tränen kommen.
„Das reimt sich nicht, Oma. Es muss doch …“
Ich unterbreche sie, bevor sie es ausgesprochen hat. Wir sind vor Lachen beide völlig außer Atem und plötzlich ist Jule gar nicht mehr müde.
„Mutter, du sollst doch nicht so wilde Geschichten vorm Einschlafen erzählen“, schimpft meine Tochter mit mir und droht mit dem Zeigefinger. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass sie herein gekommen ist.
„Mach ich ja gar nicht“, versuche ich mich zu verteidigen. Jule kommt mir zur Hilfe.
„Mama, lass Oma in Ruhe, die ist cool. Keiner hat eine so coole Oma wie ich – und jetzt raus hier, ich will schlafen!“

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Ein Geschenk für die Eiche

Ein Geschenk für die Eiche

„Hallo Baum, da bin ich wieder!“
Lea strich sanft über den Stamm der alten Eiche. Um sie zu umarmen war sie viel zu dick, aber ein Küsschen, das konnte Lea ihr geben. Und das tat sie auch.
„Hast mich sicher vermisst, oder?“, fragte das Kind und es gab sich gleich selbst die Antwort.
„Natürlich hast du das, aber weißt du, im Winter darf ich nicht in den Wald, da gehe ich nur am Rand ein wenig spazieren und es ist ja auch so früh dunkel draußen. Dann fürchte ich mich.“
An diesem ersten Sonnentag im März war Lea gleich nach Schulschluss zu ihrer Eiche gelaufen. Noch war ihr Geäst kahl, aber schon bald würden die ersten Triebe grün werden. Lea liebte das so sehr.
„Heute habe ich dir etwas mitgebracht, schau mal!“
Lea holte eine Rolle aus ihrer Schultasche, auf die ein rotes Band gewickelt war.
„Hoffentlich ist es lang genug“, sagte sie und versuchte, das Band um die Eiche zu legen. Das war gar nicht so einfach ohne Hilfe. Aber Lea hatte eine Idee. Sie klemmte es an einem Borkenstück fest und holte dann zuerst die eine Seite, dann die andere nach vorn. Eine dicke Schleife band sie dann und freute sich wie eine Schneekönigin, dass das Band ausreichte.
„Jetzt bist du richtig chic!“, rief sie und tanzte um den Baum herum.
Die rote Schleife leuchtete in der Sonne und Leas Augen leuchteten auch.
„Ich werde dich jetzt wieder ganz oft besuchen, liebe Eiche!“
In der Nacht träumte Lea von ihrer Eiche. Sie stand stolz im Wald und ließ sich von den anderen Bäumen bewundern. Die waren gar nicht neidisch, denn sie gönnten ihrer Freundin die Aufmerksamkeit sehr. Sie flüsterten miteinander und Lea hörte, dass ihre Eiche sagte: „Ich habe die kleine Lea so lieb, wenn ich es ihr doch nur einmal sagen könnte.“
„Das weiß ich doch, liebe Eiche“, murmelte Lea und drehte sich auf die andere Seite.
Als die Mutter später noch einmal in Leas Zimmer kam, lag diese mit einem seligen Lachen in ihren Kissen.
„Sicher träumt sie etwas ganz Wunderbares“, dachte die Mutter und hauchte Lea einen zarten Kuss auf die Stirn.

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Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof   (unter der Geschichte auch zum Anhören)

„Ihr könnt mir glauben, ich habe es genau gesehen!“, behauptete Ida, eine der ältesten Hennen auf dem Hof des Bauern Josef. „Mitten in der Nacht, noch bevor er einen Schrei loslassen konnte, haben sie ihn geholt und in eine dunkle Kiste gesteckt. Und nun ist er weg, einfach weg!“
„Reg dich nicht auf, Ida, das ist nicht gut für dein Hühnerherz!“, meinte Frieda, ihre Freundin, gelassen. „Es ist ja nicht der erste Kerl, der bei Nacht und Nebel verschwunden ist!“ Sie pickte weiter auf dem Boden herum, stets auf der Suche nach dem dicksten Korn.
Ida hatte keinen Appetit. Der Hahn Hermann war ihr ans Herz gewachsen, auch wenn er ein rechter Krachmacher war. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie ihn eingefangen und weggebracht hatten. Unglaublich! Menschen machten doch auch Lärm. Wenn Ida nur an die dicken Trecker dachte, oder an den Balkenmäher, mit dem der Sohn des Bauern häufig wie ein wildgewordener Handfeger durchs Gehege jagte.
„Vielleicht kommt er ja wieder zurück!“, piepste Kicki, das Junghuhn. „Kann ja sein!“
Frieda lachte laut auf. „Du Jungspund! Hast du jemals erlebt, dass einer von uns zurückgekommen ist?“
„Nee, aber ich bin ja auch noch jung, wie du richtig gesagt hast. Was sagt ihr Alten denn dazu? Ist mal einer zurückgekommen?“, wollte Kicki wissen.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein.
„Ich!“, rief Agnes aufgeregt, „Ich habe das mal erlebt, am eigenen Leibe sogar!“
„Erzähl!“, riefen die Hennen neugierig.
„Es war kurz vor Ostern. Die Bäuerin hatte mich gepackt und in den Stall getragen. Ich wusste ja nicht, was sie vorhatte und deshalb habe ich mich auch gar nicht gewehrt.“
„Und dann?“ Kicki fand das sehr spannend und sie wünschte, sie wäre an Agnes‘ Stelle gewesen.
„Dann hat sie gesagt, dass ich eine schöne Suppe ergeben würde. Stellt euch das vor, sie wollte mich kochen, Hühnersuppe sollte ich werden!“, Agnes versagte es beinahe die Stimme, als sie daran dachte, welche Angst sie damals gehabt hatte.
„Ich war so in Panik, dass ich vor lauter Schreck ein Ei gelegt habe, mitten in die Hand der Bäuerin!“
Die Hühner gackerten los, einerseits vor Lachen, aber auch vor Schreck, denn noch kannten sie ja den Ausgang der Geschichte nicht.
„Und dann?“, kreischte Kicki.
„Dann hat sie mich losgelassen, sie wollte wohl das Ei nicht fallenlassen! Ihr könnt euch vorstellen, wie schnell ich gerannt bin, um ihr zu entkommen. Sollte sie doch mein Ei behalten, das hätte sie mir ja sowieso weggenommen. Aber …“ Agnes grinste.
„Aber?“ Kicki konnte es vor Aufregung kaum noch aushalten.
„Sie brachte es mir in den Hühnerstall und ließ es mich ausbrüten. Es war eben ein besonderes Ei!“, behauptete Agnes.
„Und? Was war es, ein Hähnchen, oder ein Hühnchen?“, wollte nun Ida wissen, die sich gar nicht erinnern konnte an dieses Geschehnis.
„Weder noch!“ Agnes grinst immer breiter.
„Häh? Sag schon, verflixt!“, riefen die Hennen.
„Da war der Bär drin, den ich euch gerade aufgebunden habe“, rief Agnes und machte, dass sie davonkam. Hühner haben nämlich spitze Schnäbel und die hätte sie sicher zu spüren bekommen.
Wo Hermann abgeblieben ist, das weiß ich leider auch nicht. Möglicherweise ist er einfach nur umgezogen.
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Aufregung im Hühnerhof

Turteltauben

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay

Turteltauben

„Guten Morgen, du schönste aller Tauben“, schmeichelte der dicke Täuberich und ließ sich neben die Angesprochene auf den Ast plumpsen.
„Huch“, piepste die, „hast du mich erschreckt und sicher sagst du das jeder Frau, sei doch ruhig!“
Sie rückte ein wenig von ihm ab und würdigte ihn keines Blickes.
„Mitnichten“, gurrte der Täuberich, „ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Keine Schönere als dich habe ich gesehen, ganz ehrlich!“
Dem Taubenmädchen gefielen diese Worte sehr. Es wünschte sich schon lange die Wärme eines hübschen Nestes mit einem Gefährten an der Seite, der sich um sie kümmern würde.
„Keine Taube sollte allein sein, findest du nicht auch?“ Der Täuberich rückte näher und berührte das Ringeltaubenmädchen zaghaft. „Lass uns heiraten!“
Das junge Täubchen wurde ein wenig verlegen, aber der Gedanke an eine Hochzeit war so wunderschön, dass es nicht lange auf die Antwort warten ließ.
„Ja, das wollen wir tun, komm, wir wollen uns beeilen. Kennst du eine Brieftaube, die unsere Familien benachrichtigt?“
Der Täuberich lachte vor Freude. „Du machst mich damit zur Lachtaube, meine Liebe, so froh bin ich!“
Das Vogelmädchen schlug verlegen die Augen nieder.
„Und du machst mich zur Hochzeitstaube. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“, ihr helles Lachen begleitete diese Worte am frühen Morgen – irgendwo, auf einem Lindenast in einem Dorf direkt vor der Kirche.

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Von einer Taubendame, die verlassen wurde, handelt das Gedicht: Die Taube

Birkengrün und Hexenbesen

Birkengrün und Hexenbesen

„Sie sehen heute so verändert aus, meine Liebe! Es ist Ihr Haarkleid, das in der Sonne wie der junge Frühling strahlt!“ Die Eiche schaut ihre Nachbarin, die Birke, bewundernd an.
„Wie reizend von Ihnen, Sie bringen mich in Verlegenheit, liebe Nachbarin!“ Die Birke reckt sich und wenn sie könnte, dann würde sie sich eine wenig nach rechts und dann wieder ein wenig nach links drehen, damit ihre feinen Zweige von allen Seiten zu sehen wären.
„Ich muss ja leider noch warten, meine Krone ist noch kahl. Aber es kribbelt in den Knospen, lange wird es nicht mehr dauern“, stellt die Eiche fest, dann schmeichelt sie weiter:
„Und Ihre Haut, die ist silberhell und glatt. Ich kann mich gar nicht satt sehen an Ihrer Schönheit. Darf ich sie etwas fragen?“
„Aber sicher, fragen Sie nur!“
„Wussten Sie, dass früher die Hexen ihre Besen aus ihren Zweigen hergestellt haben? Mir hat es neulich ein Rabe erzählt, der lange bei einer Hexe gelebt hat.“
Die Birke hüstelt, sie ärgert sich.
„Was ist das für ein Unfug? Ein alter Aberglaube! Gehört habe ich davon auch schon, aber es ist nichts Wahres dran. Sie sollten es doch besser wissen, sie haben doch die Weisheit des Alters, oder etwa nicht?“, tadelt sie die Eiche.
„Sie sind wirklich unmöglich! Bei jeder Gelegenheit weisen Sie auf mein Alter hin. Das tut man nicht, schon gar nicht unter Freunden!“ Nun ist die Eiche ebenfalls verstimmt.
Eine Weile schweigen beide, dann räuspert sich die Eiche und nimmt die Unterhaltung wieder auf.
„Ich wollte Ihnen nur ein Kompliment machen und sie gehen mich so an. Das ist nicht fair.“
„Schönes Kompliment, wenn sie sagen, dass meine Zweige nur für Hexenbesen taugen!“, mäkelt die Birke.
„Habe ich ja gar nicht gesagt. Ich habe das neue Grün bewundert, mehr nicht!“
Die Birke überlegt einen Moment und besinnt sich dann. Die Eiche hat ja wirklich nur ganz nette Sachen zu ihr gesagt, und dass ihr der Rabe so einen Blödsinn erzählt hat, dafür kann sie nichts.
„Sollen wir uns wieder vertragen?“, fragt sie deshalb, denn plötzlich wird ihr klar, dass sie es nebeneinander noch lange miteinander aushalten müssen. Sie sind sich nicht ähnlich, aber sie sind beide Bäume und die müssen doch zusammenhalten, oder?

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Die „tonnenschweren“ Mückendamen

Die tonnenschweren Mückendamen

Zwei Mückendamen saßen auf einem Zitronengrashalm im Garten. Sie genossen die Ruhe und die Sonne, denn beide hatten eine anstrengende Nacht hinter sich.
Gemeinsam hatten sie das Zimmer der kleinen Leni belagert und sich reichlich an deren Blut gelabt. Immer und immer wieder hatten sie in die zarte Kinderhaut gepiekt. Das ging so lange, bis Leni wach wurde und sofort jämmerlich anfing zu weinen.
Sofort waren die Eltern ins Zimmer gestürmt. Während die Mutter das Kind tröstete und eine kühlende Salbe auf die Stiche auftrug, jagte der Vater die Mücken. Doch er war erfolglos, welch ein Glück für die Mückenweibchen. Sie flüchteten durch eine undichte Stelle im Fliegennetz vor dem Fenster.
Nun hatten sie Bauchschmerzen, vor lauter Aufregung und weil ihr Bauch voll war. Das drückte mächtig und sie hofften auf Linderung durch das Zitronengras, dessen Geruch sie eigentlich verabscheuten.
„Das Leben ist zu kurz, um sich ständig solchen Gefahren auszusetzen“, jammerte Micky. Ihre Freundin Lexi fand das auch, aber sie wusste, dass es notwendig war, wenn sie sich vermehren wollten. Und das wollten sie, unbedingt. Die Nährstoffe aus dem Blut brauchen sie für ihre Eier, damit diese sich entwickeln können.
„Ich fühle mich schwer wie eine Tonne!“, beklagte sich Micky und rülpste.
„Mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten, du Ferkel!“, schimpfte Lexi und tat es ihr nach. „Oh, das tat gut!“, meinte sie und dann kicherten die beiden, so laut, wie Mücken halt kichern können. Eine Mücke ist übrigens nur zwei Milligramm schwer, von Tonne kann also gar keine Rede sein.
„Es muss doch noch etwas anderes geben, als nur zu fressen oder Eier zu legen, findest du nicht auch?“, fragte Lexi nachdenklich.
„Ja, aber was soll das sein?“ Verlegen putzte Micky ihre Flügel. Sie wusste so wenig vom Leben, das bei Mücken recht kurz ist. Wenn eine Mücke nicht von einer Fliegenklatsche oder einem Pantoffel aus dem Leben scheidet, dann bleiben ihr gerade mal sechs Wochen. Das ist nicht viel.
„Ich hab’s!“, rief Lexi auf einmal. „Wir machen einen Fallschirmsprung! Jeder sollte einmal im Leben einen Fallschirmsprung machen, findest du nicht?“
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte Micky aufgeregt. Ein Abenteuer, das wäre was Großartiges.
„Zuerst muss unser Bauch wieder leer sein, sonst sind wir zu schwer!“ Lexi hatte scheinbar einen Plan. Es ist gut, einen Plan zu haben!
„Und dann?“
„Dann nehmen wir uns einen Fallschirm, der Löwenzahn ist bald soweit, er hat schon Samen gebildet, die schickt er in die weite Welt. Wir halten uns einfach an einem seiner Schirmchen fest und dann „Huiiiii“, geht’s los!“
„Aber …“, stammelte Micky, doch die Freundin ließ sie nicht ausreden.
„Komm, wir fliegen eine Runde, legen unsere Eier ab und bis unsere Kinder da sind, sind wir längst zurück! Also los!“
Genauso machten sie das, nachdem sie die Eier abgelegt hatten, flogen sie zur Löwenzahnwiese, suchten sich zwei kräftige Fallschirme aus und klammerten sie daran fest. Dann warteten sie auf einen kräftigen Windstoß und flogen davon.
Wo sie gelandet sind? Das weiß ich auch nicht, ehrlich!

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Neulich auf der Frühlingswiese …

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Neulich auf der Frühlingswiese …

Zufrieden streckte der Löwenzahn auf der Wiese seine Blüte in die Sonne. „Wunderbar, dass ich hier meine Wurzeln gefunden habe. Dies ist ein herrliches Fleckchen Erde, nicht wahr, meine Liebe?“
„Ja, lieber Löwenzahn,“ antwortete das Wiesenschaumkraut, „das kann man wohl sagen, aber mit den Wurzeln ist das so eine Sache.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ohne Wurzeln können wir Pflanzen doch nicht leben.“
„Das ist ja das Problem. Wir sind fest angewachsen und haben keine Chance, uns vom Fleck zu bewegen. Eine Freundin von mir könnte noch unter uns weilen, hätte sie statt der Wurzeln Beine gehabt.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut erschraken. Was war passiert? Gerade noch hatte ihnen die Sonne ihre herrlich warmen Strahlen geschenkt. Sollte wieder ein Wolkentag sein? Die beiden hoben ihre Blütenköpfe gen Himmel. Doch der war nicht zu sehen. Es war Alma, die schwarzbunte Kuh des Bauern, die über ihnen stand und den Sonnenstrahlen den Weg versperrte.
„Hey du!“, rief der Löwenzahn, „geh mal einen Schritt zu Seite, du nimmst uns das Licht weg.“
Alma bewegte sich nicht von der Stelle. Sie neigte ihren Kopf und naschte laut schmatzend von dem frischen Gras.
„Hey du, hast du nicht gehört? Du sollst sofort zur Seite gehen“, protestierte der Löwenzahn, nun noch etwas lauter.“
Das Wiesenschaumkraut aber hatte jegliche Farbe verloren. „Psst, Löwenzahn! Sind Sie verrückt? Gleich tritt sie zur Seite und stampft uns in den Boden. Oder noch schlimmer: Sie frisst uns auf. Machen Sie doch nicht so einen Lärm!“
Im gleichen Moment setzte sich die Kuh Alma in Bewegung. Ihr linker Hinterfuß trat gefährlich nah neben dem Wiesenschaumkraut auf dem Boden auf. Das fühlte sich an wie ein Erdbeben, und das Wiesenschaumkraut heulte vor Angst laut auf.
Doch die beiden Pflanzen hatten Glück. Alma zog in die andere Richtung weiter. Als sie aber ein paar Meter entfernt wieder anhielt, schrie der Löwenzahn: „Eine Unverschämtheit ist´s, arglose Wiesenblumen so zu erschrecken.“
Alma blickte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Seltsam. Sie stand kuhseelenallein auf der Weide. Hmm. Gelangweilt kaute sie weiter.
„Das ist aber gerade noch einmal gut gegangen,“ wisperte das Wiesenschaumkraut.
„Du bist aber ängstlich.“ Der Löwenzahn plusterte sich auf und sah das Wiesenschaumkraut verächtlich an. „Feigling!“, fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam Peter, der Sohn des Bauern, um Alma zum Melken nach Hause zu holen. Er erblickte das Wiesenschaumkraut und bückte sich, um es abzupflücken. „Dich werde ich mitnehmen. Meine Mama mag deine schönen weißen Blüten sehr.“
„Und ich? Hey, was ist mit mir?“, kreischte der Löwenzahn empört.
Aber Peter war schon weitergegangen. „Alma komm, es ist Zeit …“

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Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

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Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling