Einschlafrituale (Kindermund)

„Gute Nacht, schlaf schön!“
„Gute Nacht, Oma!“
Lukas zieht die Decke bis an die Ohren und legt sich auf die Seite. Gerade will ich die Tür schließen, da ruft er:
„Oma, du hast mich noch nicht zweimal geküsst!“
Klar, ich habe ihn erst einige Male geknuddelt, jetzt kommt noch das Zweimalküssen.
Lukas ist zufrieden und grinst mich an.
„Gute Nacht, Lukas!“
„Gute Nacht, Oma!“
Die Tür ist schon geschlossen, als Lukas wieder ruft:
„Oma, du hast meinen Kosie noch nicht geküsst!“
Kosie ist sein Teddybär, natürlich muss er auch noch geküsst werden.
„Gute Nacht, Kosie, gute Nacht, Lukas!“
Eine Weile ist Ruhe, dann ruft Lukas:
„Oma, du hast die Lampe noch nicht geküsst!“

Ich küsse die Lampe, dann Kosie und dann noch einmal Lukas und dann ist er wirklich zufrieden und schläft. Herrlich!

Sommersprossen

Aus den Enkeltagebüchern

„Lukas, was hast du für niedliche Sommersprossen auf der Nase!“

„Hab ich gar nicht!“

„Doch, kleine süße Pünktchen!“

„Zeig!“

Wir gehen ins Bad und Lukas schaut sich seine Sommersprossen an. Sie sind kaum zu sehen und wegputzen kann man sie nicht, stellt er fest.

„Oma?“

„Ja?“

„Und was ist mit den Wintersprossen?“

Kinobesuch

Gestern, am Sonntag, war ich im Kino. Oh, so lange war ich nicht mehr in einem Kino, sicher ist es zehn Jahre her seit meinem letzten Besuch.

Meine Freundin wusste, dass ich das Buch „Der Gesang der Flusskrebse“ gelesen hatte und davon sehr begeistert war. Jetzt waren wir zusammen in dem Film, der mir zwar sehr gut gefallen hat, aber natürlich kommt er nicht an mein Kopfkino ran, dass ich während des Lesens hatte. Kann er ja auch nicht, und das war mir eigentlich auch klar.

Trotzdem fand ich den Film super gemacht und habe es nicht bereut, hingegangen zu sein. Wäre auch schade gewesen, denn außer uns beiden waren genau noch fünf weitere Leute im Kino. (Sonntagsnachmmittagsviorstellung um 16.45 Uhr) Ich fand es zwar angenehm, aber kostendeckend ist es sicher nicht für den Kinobetreiber. Und wir haben nichtmal Popcorn gekauft – sowas aber auch!

Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Omas Zaubermusik

Omas Zaubermusik

„Eines Tages werde ich nicht mehr da sein und was soll dann aus meinen unzählig vielen Büchern und Notenbüchern werden? Ich sollte so langsam aber sicher versuchen, einiges davon zu verschenken und zu entsorgen, was niemand mehr haben möchte!“ Das waren Großmutters Worte und die hatten mich heftig getroffen. Natürlich hatte sie recht, aber so richtig annehmen konnte ich das noch nicht. Überhaupt verstand ich es nicht, wie man an den eigenen Tod und an all das, was die Erwachsenen „letzter Wille“ nannten, denken konnte. Großmutter durfte nicht sterben. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Das ging nicht.
Ihre Entschlossenheit aufzuräumen, würde ich aber nicht ändern und deshalb half ich eben ein wenig mit. Das war interessant, denn Oma kam ins Erzählen, wenn ich eine Frage zu einem Buch oder einer Notensammlung stellte. Ab und zu setzte sie sich sogar ans Klavier und spielte mir etwas vor. Und wenn sie ihr Spiel besonders stark berührte, schloss sie die Augen, und dann, ja, dann weilte sie in anderen Welten. Schönen Welten. Die schönsten, die Musik zu erschaffen fähig ist.
Ich schloss dann die Augen und träumte tolle bunte Bilder. Omas Musik war eine Zaubermusik und ich konnte mir nicht vorstellen, sie einmal nicht mehr hören zu können.
„Oma, du weißt ja, dass ich nächste Woche Geburtstag habe, oder?“ fragte ich, als wir wieder einmal so eine zauberhafte Zeit miteinander verbracht hatten. “Darf ich mir etwas wünschen?“
„Natürlich weiß ich das. Aber eigentlich habe ich schon ein Geschenk für dich!“, antwortete Oma. „Doch, lass hören, was du dir noch wünschst!“
„Ich wünsche mir, dass wir deine Musik aufnehmen, damit ich sie immer und immer wieder anhören kann!“
„Meine Musik? Aufnehmen?“ Oma sah mich erschrocken an. Fast wirkte sie verstört und das kannte ich bei ihr, dieser selbstsicheren Frau, gar nicht. „Es … es ist doch nur ein bisschen Geklimper. Nichts weiter“, wiegelte sie rasch ab. „Das kann auch weg.“
Nun war ich es, die erschrak. Oma hatte es doch sonst so gar nicht mit dem Wegwerfen und nun tat sie genau das mit ihrem ganzen Lebensinhalt. Fühlte sie sich vielleicht krank?
Mir war klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste und ich hatte auch schon eine Idee. Wenn sie das nächste Mal spielen würde, würde ich heimlich mit Mamas Handy eine Aufnahme machen. Das würde Mama mir sicherlich erlauben.
Wie gedacht, so getan. Es war nicht schwer, Oma erneut zum Spielen zu überreden. Sie begann mit Beethovens Für Elise, dann spielte sie einen Walzer von Chopin. Der war wunderbar und schien gar kein Ende zu haben. Oma spielte und spielte und die Melodien wurden immer schöner und verträumter. Es war, als zauberten sie Licht ins Zimmer, das in kleinen Perlchen über unseren Köpfen tanzte. Oma hatte längst die Augen geschlossen und da merkte ich, dass es nicht mehr Chopins Musik war, die wir hörten, sondern Omas.
Es war wunderbar und keine Aufnahme der Welt konnte das wiedergeben. Trotzdem war ich unheimlich froh, dass ich die Musik aufgenommen hatte, denn ich würde mich auf diese Art und Weise immer an dieses wunderbare Konzert, nur für mich allein, erinnern!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte, in der es um eine alte Dame und die Musik geht, findet ihr hier: Mondscheinsonate

Bohnen, mal wieder

Es bleibt unser Thema, fast finde ich es schon lustig!
Mama: „Weißte, ich kenne solche Bohnen gar nicht. Früher gab es die so nicht. Woher hast du die?“
Sie spricht über meinen Bohnensalat, den sie heute Mittag zu Bratenfleisch und Kartoffelpüree bekommt.
„Sie sind aus dem Glas. Bei uns gab es doch früher auch Bohnensalat, von Bohnen, die du eingemacht hattest!“, sage ich.
Sie wehrt ab: „Ich habe nie Bohnen eingemacht! Wir stampften die immer ein, als Fitzebohnen!“
„Das war ganz früher, Mama. Als ich Kind war, da gab es auch Brechbohnen aus dem Glas, genau wie heute. Du hast doch auch oft Bohnensalat gemacht!“
Sie schüttelt den Kopf. „Habe ich nicht, ich habe nur Schnippelbohnen gekocht, du mochtest du doch so gerne!“

Da hatten wir es wieder, das Thema „Die mochtest du doch so gerne!“

Gab es HIER Die Flucht vor den Speckbbohnen
und hier auch: Alles klar, Mama

Urlaubserinnerungen

Urlaubserinnerungen

„Hier ist alles anders als zuhause, aber es gefällt mir!“, sagte Bine beim Frühstück und schob sich ein Stück Wassermelone in den Mund. „Köstlich schmeckt die hier, viel besser als daheim.“
Mama lachte. „Es sind die gleichen Melonen, die wir auch bei uns kaufen können.“
„Falsch“, sagte Bine. „Es sind Urlaubsmelonen und die schmecken viel viel viel süßer. Und saftiger. Besser eben. Genauso wie Urlaubseis, Urlaubssalat, Urlaubsschnitzel und Urlaubsbrot.“
„Und was schmeckt bei all diesen „Urlaubs“-Leckereien anders?“, erkundigte sich Mama.
„Keine Ahnung. Sie riechen auch besser. Nach Ferien, Spaß und … nach Urlaub eben!“, antwortete Bine. Sie schmatzte.
„Das liegt an der Luftveränderung!“, behauptete Papa, der immer alles erklären wollte. „Denk doch mal an den Wein auf Sardinien, Annette! Den genossen wir dort auf der Insel mit Freuden und zu Hause konnte man ihn nicht genießen. Dies liegt an der Luft, am Meer, an der Sonne und so.“
„Auch weil im Urlaub alles viel mehr Spaß macht. Und weil wir mehr Zeit zum Essen und Trinken haben als daheim. Das kann man alles schmecken“, krähte Bine.
„Zeit kann man schmecken?“ Verständnislos sah Papa Bine an.
Mama aber nickte. „Wie recht du hast, Binekind“, murmelte sie.
„Wir können doch daheim versuchen, dieses Urlaubsgefühl zu behalten!“, überlegte Bine und ihre Augen strahlten. „Das wäre cool.“
Da seufzte Mama. „Das ist nicht so einfach, mein Schatz! Wenn der Alltag uns in seinen Fängen hat, vergisst man schnell alle guten Vorsätze.“
„Stimmt.“ Papa stellte eine leere Limoflasche auf den Tisch. „Aber das muss nicht so sein. Lasst uns ganz viele schöne kleine und große Momente in diesem Urlaub sammeln. Die packen wir in diese Flasche hinein und stellen sie daheim neben Salz- und Pfefferstreuer auf den Esstisch.“
„Super!“, rief Bine. „So machen wir das, und ich packe gleich den ersten schönen Moment hinein: Urlaub ist toll und mit allen zusammen noch toller!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Urlaub, Bildquelle © Pexels/pixabay

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Reizwortgeschichte – Die Flucht vor den Speckbohnen

Die folgenden Wörter galt es dieses Mal in der Geschichte unterzubringen: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend.

Bitte schaut auch, was meinen Kolleginnen dazu eingefallen ist: MARTINA und LORE

Die Flucht vor den Speckbohnen

Meine Mutter konnte gut kochen, ganz ehrlich. Aber ein Gericht mochte ich gar nicht gern und jedes Mal gab es Streit, wenn sie es zubereitet hatte. Grüne Bohnen mit Speck.
„Schön aufessen!“, sagte sie immer, „Bohnen sind gesund! Du stehst mir nicht vom Tisch auf, ehe du alles aufgegessen hast.“
Wie sollte ich das essen? Mir war schon schlecht, wenn ich es nur sah oder roch.
Aber sie kannte kein Pardon, es war wirklich schrecklich. Ich hatte auch keine Idee, was ich da unternehmen konnte und bat meine Oma um Hilfe.
„Ach Kind, so schlimm schmeckt das doch gar nicht!“, sagte sie, versprach mir aber, sich etwas einfallen zu lassen.
Ich seufzte. Oma hatte sich schon öfter etwas einfallen lassen, doch Mama war uns immer auf die Schliche gekommen und am Ende saßen wir beide am Tisch und mühten uns ab, dieses Ekelzeugs zu essen. Ehrlich, da musste uns nun etwas ganz besonders Schlaues einfallen, um dem beim nächsten Mal zu entgehen. Nur was?
Als Mama am folgenden Tag ankündigte, dass sie Bohnen pflücken wollte, weil es mittags Bohnen und Speck geben sollte, sagte Oma:
„Liebe Mechthild, koch aber nicht so viel davon, denn Mia und ich haben morgen schon etwas vor und sind über Mittag außer Haus. Und wir haben es jetzt schon sehr eilig!“ Oma stand auf und zwinkerte mir zu.
Erstaunt schaute ich sie an und nicht nur ich, sondern auch meine Mutter hatte Fragezeichen in den Augen.
„Wo wollt ihr denn hin und werde ich eigentlich gar nicht mehr gefragt?“, sagte sie empört.
„Nö“, sagte Oma und grinste.
„Nö“, sagte auch ich und tat ganz unschuldig, so als hätte ich mit all dem gar nichts zu tun. Und das war ein Fehler. Ich Esel hätte es wissen müssen, Mama roch den Braten sofort.
„Nun gut“, sagte sie. „Das ist mir ganz recht, denn dann muss ich nicht zu Mittag gar nicht kochen und kann mir einen netten Nachmittag machen. Papa hat nämlich auch einen Termin und kommt nicht zum Mittagessen.“
Sollte Papa etwa auch allergisch gegen Speckbohnen sein?
Nun war guter Rat teuer, denn, und das konnten wir uns sicher ausrechnen, es würde halt einen Tag später die verhassten Bohnen geben. Oma räusperte sich, dann sagte sie mit fester Stimme:
„Meine Liebe, du hast es sicher längst bemerkt, wir reißen vor deinen Speckbohnen aus, die mögen wir nämlich beide nicht!“
Oh ha, die traute sich was, die Oma!
Mama seufzte und sah mich mit einem ihrer besonders genervten und viel mehr noch traurigen Mama-Blicke an.
„Stimmt das?“, fragte sie. „Bin ich denn so eine schlechte Mutter, die ihr Kind mit Speckbohnen quält?“ Das klang, als wollte sie jeden Moment anfangen zu heulen.
Oma schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich erschrak, Mama auch!
„Schluss jetzt!“, sagte sie. „Wir werden uns doch wegen dieser dusseligen Bohnen nicht streiten! Ich schlage vor, dass du es akzeptierst, dass wir beide die nicht mögen und ab sofort dürfen wir das auch sagen. Du, meine Liebe, nimmst dir ja auch das Recht raus, zu sagen, was du denkst. Verflixt und zugenäht!“, schimpfte Oma. So hatte ich sie noch nie gesehen und von da an herrschte wieder Friede bei uns. Wir mussten nicht ausreißen, wenn Mama ihre geliebten Bohnen kochte, denn dann bekamen Oma und ich Milchreis – lecker. Wenn wir Glück hatten, durften wir danach ein erfrischendes Eis zum Dessert genießen. Und Papa? Der aß tapfer die Bohnen, aber so richtig glücklich sah er dabei nicht aus.

© Regina Meier zu Verl

Muskelkraft statt Steckdose

Muskelkraft statt Steckdose

»Früher hatten wir eine Kaffeemühle aus Holz, die klemmte sich meine Mutter zwischen die Knie und dann wurde mit der Kurbel gedreht, was das Zeug hielt. Dadurch wurde das Mahlwerk betätigt, das die Kaffeebohnen in feines Kaffeemehl mahlte«, erklärte Oma, als sie gerade eine Kaffeetüte aufschnitt, um sich einen Kaffee zu kochen.
Das klang spannend. Es war doch cool, wie man damals den Kaffee gemahlen hatte. Und da war noch eines.
»Mega!«, rief ich. »Dann brauchte man keinen Strom! Ist das nicht toll?«
»Stimmt, und ganz ehrlich: der Kaffee schmeckte sehr viel besser als der, der später mit elektrischen Mühlen gemahlen wurde!«, behauptete Oma.
»Und warum nimmst du dann lieber die elektrische Mühle, Oma?« Ich verstand es nicht ganz.
»Du könntest Strom sparen und dann schmeckt der Kaffee auch viel besser.« So einfach war es doch, oder? Und Strom sparen war wichtig.
»Du hast ja recht, aber ich habe den Kaffee bereits gemahlen gekauft. Ich besitze nämlich keine Kaffeemühle mehr, weder eine elektrische noch so einen alten Kasten, wie meine Mutter einen hatte«, sagte Oma.
»Dann wünsch dir doch eine zum Geburtstag, oder gibt es die gar nicht mehr, die Handkaffeemühlen?«, wollte ich wissen, denn ich hatte große Lust, den Kaffee für meine Oma zu mahlen. Überhaupt hatte ich große Lust, irgendetwas zu zermahlen. Beim Schulausflug hatten wir eine alte Mühle besichtigt und es hat mich schwer beeindruckt, wie die alten Mühlsteine harte Körner in feinen Mehlstaub verwandelt hatten.
»Wir könnten dann auch Mehl in so einer Kaffeemühle mahlen«, erklärte ich Oma. »Das ist sehr praktisch.«
Oma lachte. »Das wäre aber sehr mühsam, dafür brauchten wir dann eine viel größere Mühle.«, meinte sie und das sah ich wohl ein.
»Aber es muss doch noch weitere Dinge geben, die uns dabei helfen Strom zu sparen«, überlegte ich laut.
»Ja, zum Beispiel ein Waschbrett, das könnte uns helfen, die Waschmaschine zu ersetzen. Aber ganz ehrlich, ich sehne mich nicht nach einem Waschbrett zurück!«
Waschbrett? Das klang kompliziert und ich ahnte, was man damit machte.
»Nicht alles, was Strom spart, ist praktisch«, meinte ich schnell. Und dann überlegte ich krampfhaft, welche altmodischen Geräte man doch wirklich auch heute noch prima zum Stromsparen benutzen konnte. Der alte Rasenmäher fiel mir ein, der hinten im Schuppen stand.
Ich schlug vor, dass ich den Rasen demnächst mit dem mechanischen Mäher für meine Oma mähen könnte.
»Großartige Idee! Ich werde Opa sagen, dass er ihn ein wenig auf Vordermann bringen soll – oder sag es ihm gleich selbst, da kommt er ja!«

© Regina Meier zu Verl

Lieblingstage, Reizwortgeschichte

Dummkopf, Donnerstag, denken, dreckig, dösen
Das waren die Reizwörter, die zu verarbeiten waren diesmal. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen, was ihnen dazu eingefallen ist:

Martina und Lore

Lieblingstag


Solange ich denken kann, ist der Donnerstag mein Tag. Als ich Kind war, hatte ich nämlich donnerstags Ballettunterricht. Den habe ich geliebt und somit war der Tag in der Woche, an dem wir uns zum Tanzen trafen mein Lieblingstag. Später, als ich das Ballett aus den Augen verloren hatte, besser gesagt: Ich hatte es mir aus dem Kopf geschlagen, weil es einfach nicht zu mir passte. Ich wollte da nur hin, weil Fräulein Monique so nett und ich verliebt in ihren französischen Akzent war. Ein weiterer Grund: Ich liebte Tutus, in Rosa. Ich war pummelig und rosa Tutus unterstrichen das auf ungünstige Art und Weise.
Später ging ich donnerstags zur Nachhilfe, nicht, weil ich etwa ein Dummkopf war, nein, ich verprasste mein Taschengeld für Manuel, den Studenten, der wiederum sein Taschengeld aufbesserte mit Nachhilfeangeboten in Spanisch. Ich war eine gute Schülerin, vor allem im sprachlichen Bereich hatte ich gar keine Probleme. Aber Manuel hatte es mir angetan und so büffelte ich für ihn spanische Vokabeln und Grammatik. Ich wollte ihn beeindrucken, das kostete eine Menge Kraft, da ich ja auch das Geld für die Nachhilfestunden noch verdienen musste, indem ich für die Nachbarn Rasen mähte oder für Tante Irmi Botengänge erledigte, die sie dann mit Küsschen und Barem honorierte. Ich wischte unser dreckiges Treppenhaus, trug Müllers den Müll runter (hihi, geniales Wortspiel, oder?) und war immer auf der Suche nach Geldquellen.
Als ich herausbekam, dass Manuel schwul war, hatte sich das für mich auch erledigt. „Du bist so gemein!“, hatte ich ihn angeschrien. „Das hättest du mir sagen müssen!“
Dafür schäme ich mich heute noch – damals wusste ich es einfach nicht besser, ich war verletzt und erschöpft.

Während ich hier in meinem Liegestuhl vor mich hindöse und an vergangene Zeiten denke, hat meine Enkelin Sandkuchen gebacken.
„Oma, komm probieren, ich habe einen schönen Kuchen gebacken!“, ruft sie mir zu und ich hieve mich aus dem Sessel und laufe zu ihr.
„Wie schön“, lobe ich den Kuchen und tu so, als probiere ich ein Stück. „Heute ist mein Lieblingstag!“, sage ich.
„Warum, Oma?“, fragt die Kleine.
„Weil du da bist!“, erkläre ich.
„Aber ich bin doch immer da!“ Sie grinst und tätschelt meine Wange mit ihren sandigen Händen.
„Eben! Deshalb ist auch jeder Tag mein Lieblingstag!“, fast versagt es mir die Stimme vor lauter Liebe und mein Herz macht kleine Ballettsprünge im rosa Tutu.

© Regina Meier zu Verl