Nachtgedanken

Nachtgedanken

Nachtgedanken aus meinem Tagebuch

Viele Jahre schreibe ich, eigentlich schon immer. Bereits als Schülerin war das Schreiben mein Lieblingsfach, Längen vor dem Rechnen und noch einmal Längen vor dem Sport.

Geärgert hat mich immer, dass ich das nicht uneingeschränkt tun durfte. Es gab so vieles, was man von mir erwartete. Ich war ein braves Kind und versuchte, die Aufgaben zu lösen, die das Leben für mich bereithielt. Nach einer glücklichen Grundschulzeit mit lieben und verständnisvollen Lehrern, die einen wichtigen Grundstein in meinem Leben ermöglichten, indem sie mich sein ließen wie ich war, änderte sich alles mit dem Wechsel zum Gymnasium.

Noch heute kneift der Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Schon die Bedingungen, die mit dem Besuch der Schule in der nächstgrößeren Stadt zusammenhingen, waren der pure Stress für mich. Aufstehen mitten in der Nacht, Bus fahren mit schwer bepackter Schultasche, die überall anstieß und mir so manchen missmutigen Blick der Erwachsenen einbrachte. Viele Fremde, im Bus und in der Schule. Lehrer, die mich mit meinem Nachnamen ansprachen und ungeduldig reagierten, wenn das Landträumerchen nicht gleich antworten konnte. Mitschülerinnen, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, während ich mich in meinen karierten Trägerkleidern, die von der Hausschneiderin für uns angefertigt wurden, wie ein graues Mäuschen fühlte.

Ich zog mich mehr und mehr in meine Gedankenwelt zurück. Dort war es schön warm und friedlich. Ich konnte Welten schaffen, in denen ich mich wohlfühlte. Ich unterhielt mich mit meinen Figuren, stellte ihnen Fragen und bekam Antworten. Schon früh begann ich, meinen jüngeren Geschwistern Geschichten zu erzählen.

Die Hauptperson damals war „Furzi“, ein kleiner Wicht, winzig wie ein Sandkorn, der allerlei Blödsinn anstellte und immer zugegen war. Er versteckte sich in der Schultasche, in der Butterbrotdose und an den unmöglichsten Orten. Manchmal setzte er sich in die Ohrmuschel bei einem von uns Dreien und redete uns Streiche ein, die wir gehorsam ausführten. Meine Geschwister reden noch heute darüber und manchmal fällt mir binnen Sekunden dann wieder eine Episode aus der Kindheit ein, die ich dann auch gern erzähle. „Er wacht über uns, wenn wir schlafen und er begleitet uns bei allem, was wir tun!“, behauptete ich damals. Ich sollte diese Geschichten aufschreiben, bisher konnte ich mich dazu aber nicht aufraffen – oder doch? Sind nicht alle meine Geschichten irgendwie so, als wären sie schon damals erfunden worden? Etwas altmodisch, so wie meine Trägerkleider? Aber wo ist dann der Furzi? Sitzt er etwa in meinem Ohr und sagt mir vor, was ich schreiben soll? Fragen über Fragen!

Manchmal, in schlaflosen Nächten, denke ich darüber nach. Immer fällt mir dann auch der Willi ein, der eigentlich Fred heißt und ein Erdbeerwicht ist. Kennt ihr nicht? Es gibt ein Bild, das knipse ich gleich und stelle es zu meiner Gedankengeschichte heute dazu. 

Willi war ein trauriger Typ, er fühlte sich als Außenseiter und klagte darüber, dass er keine Freunde hatte. Eines Tages machte er sich auf den Weg, um Freunde zu suchen. Dabei lernte er verschiedene Wesen kennen, doch erst als er wieder zu Hause war, erkannte er, dass dort seine Freunde immer gewesen waren und er sie vor lauter Traurigkeit nicht wahrgenommen hatte.

Ich kann mich nicht beklagen, ich muss nicht verreisen, wenn ich in meine Welt eintauchen möchte. Ich mache die Augen zu und schon bin ich da wo ich glücklich bin. Eine Erkenntnis und ein guter Zeitpunkt, all denen mal zu danken, die mir folgen in meine Welt. Danke, dass ihr mich begleitet und bestärkt. Zuhause ist man dort, wo die Freunde sind. Sagt der Willi und Furzi kichert in meinem Ohr herum und freut sich, dass er endlich einmal in einer „geschriebenen“ Geschichte erwähnt wird.


© Regina Meier zu Verl (die Zeichnungen sind Teil einer Bildergeschichte, die ich vor vielen Jahren während eines längeren Krankenhausaufenthaltes gezeichnet habe)

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Hier lese ich dir die Geschichte vor. KLICK

Juli 1962 – Die Kinder strömten aus dem Haupteingang des Schulhauses. Endlich Sommerferien! Einige von ihnen blieben noch auf dem Schulhof. Sie tauschten Sammelbilder oder spielten Gummitwist. Lotte und Moni wurden von den Eltern abgeholt, die mit vollgepacktem Auto vor der Schule auf sie warteten.
Fröhlich winkten die Mädchen den anderen Kindern zu. „Schöne Ferien!“, riefen sie.
Maria nahm Annas Hand. Die beiden Mädchen waren allerbeste Freundinnen. Alles machten sie zusammen. Jetzt aber waren sie traurig. Lange würden sie sich nicht sehen.
„Sei nicht traurig, liebe Anna. Es sind doch nur ein paar Wochen. Schon bald bin ich wieder hier bei dir und wir haben alle Zeit der Welt für uns!“, versuchte Maria die Freundin zu trösten. Sie selbst fuhr, wie in jedem Jahr, zu ihrer Oma nach Bayern. Dort würde sie die gesamte Ferienzeit verbringen. Marias Eltern waren berufstätig und konnten sich während der Ferien nicht um sie kümmern.
Anna lebte mit ihrer Familie auf einem Bauernhof außerhalb des Dorfes. Im Sommer gab es dort eine Menge zu tun und jede helfende Hand wurde gebraucht. Das machte Spaß, aber ohne Maria war es nur halb so schön. Schon im letzten Jahr war ihr die Zeit viel zu lang geworden und sie hatte sehnsüchtig auf Marias Rückkehr gewartet.
„Du hättest bei uns bleiben können. Schade, dass es deine Eltern nicht erlaubt haben“, jammerte Anna.
„Wie gern wäre ich bei dir geblieben, aber schau, meine Oma sieht mich ja auch nur einmal im Jahr und sie freut sich so sehr, dass ich komme. In der kleinen Stadt ist es sehr nett und wenn ich da bin, dann ist auch wieder der Jahrmarkt und von dort werde ich dir etwas Schönes mitbringen.“, versprach sie.
Die Freundinnen umarmten sich und verabschiedeten sich schnell, weil jede von ihnen befürchtete, dass es Tränen geben würde. Sie wollten einander nicht weh tun.
„Mach’s gut, liebe Anna, ich werde dir schreiben, versprochen!“ Maria drehte sich schnell um und ging nach Hause.
Wenn Anna gewusst hätte, dass sie ihre Freundin nicht wiedersehen würde, dann hätte sie sie niemals losgelassen. Aber das Leben hatte einen anderen Weg für sie bestimmt.

Während der Sommerferien trennten sich Marias Eltern und sie entschieden, dass Maria bei der Oma in Bayern bleiben sollte. Annas Mutter hatte versucht, ihrer Tochter das schonend beizubringen, doch Anna war untröstlich. Sie schrieb der Freundin einen langen Brief, aber eine Antwort bekam sie nie.
Als sie Marias Mutter einmal besuchen wollte, war auch diese weggezogen. Der Vater hatte eine Stellung in der Stadt gefunden und niemand wusste, wo er jetzt wohnte. Es war wie verhext.

Juli 1972
Zehn Jahre waren vergangen. Anna hatte die Schule längst beendet und machte eine Ausbildung zur Schneiderin. Noch immer dachte sie oft an die Freundin aus Kindertagen und immer wieder zog es sie zum alten Schulhaus, das nun zu einem Heimatmuseum geworden war. Dort setzte sie sich auf die Treppe und träumte von Maria und der glücklichen Zeit, die sie als Kinder miteinander verbracht hatten.
Beim Tanzkurz lernte Anna dann Hans kennen, mit dem sie ihre Zeit verbrachte. Sie tanzten miteinander, sie lachten und hatten viel Spaß und irgendwann hatte Amor seine Pfeile platziert und es war um sie geschehen. Sie verliebten sich und nach ein paar Jahren heirateten sie und bekamen eine Tochter, der sie den Namen Maria gaben. Anna war glücklich.

Juli 1982

Anna war gerade in der Küche beschäftigt, als es an der Haustür schellte. Maria öffnete und rief nach ihrer Mutter, die sich die Hände an der Schürze abwischte und gleich in den Flur lief. Ein junges Mädchen stand vor der Tür. Anna wich jede Farbe aus dem Gesicht, sie hielt sich am Garderobenständer fest und rang nach Atem.
„Mama, was hast du? Ist dir nicht gut?“, fragte die Tochter.
„Nein, nein, es geht schon!“, flüsterte Anna.
Das konnte nicht sein. Dort stand leibhaftig ihre Freundin Maria vor ihr, die sie vor vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte und sie war noch immer ein Kind.
Das Mädchen holte ein Lebkuchenherz aus ihrer Tasche und hielt es Maria hin:
„Ich möchte Ihnen das von meiner Mutter geben, sie hat es Ihnen versprochen!“, sagte sie.
„Wenn du dich verirrst, zeige ich dir den Weg!“, stand in Zuckerschrift auf dem Herzen.
„Deine Mutter?“, fragte Anna, die noch immer nicht begriff.
In diesem Moment kam eine Frau über den Gartenweg zum Haus.
„Da kommt sie ja!“, rief das Mädchen und wies auf die Frau.
„Und ich bin die Tochter Anna und habe schon so viel von Ihnen gehört!“, sagte sie.

Die beiden Frauen standen sich nun gegenüber. Anna konnte es nicht fassen. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, auch Maria weinte und dann fielen sie sich in die Arme.
„Es gibt so viel zu erzählen!“, sagte Maria, doch Anna wehrte ab.
„Später, kommt doch erstmal herein!“
Dann saßen die beiden Annas und die beiden Marias zusammen am Küchentisch und lachten und weinten und waren froh, dass sie sich wiedergefunden hatten. Auch die beiden Kinder verstanden sich auf Anhieb.
„So lange habe ich auf diesem Tag gewartet“, sagte Maria und drückte der Freundin die Hand.
„Ich ja auch, liebe Maria, endlich bist du da!“

Was genau damals geschehen war, das erzählten sich die Frauen in den nächsten Tagen, denn es waren wieder einmal Sommerferien und Maria und ihre Tochter blieben für ein paar Wochen. Danach verloren sie sich nie wieder aus den Augen und das Lebkuchenherz hat einen besonderen Platz in Annas Haus bekommen.

© Regina Meier zu Verl

Oma Bettys Listen und die gemixten Socken

Oma Bettys Listen und die gemixten Socken

Oma Bettys Liste und die gemixten Socken

 

Meine Oma Betty schreibt Listen. Immer wieder neue Listen! Darauf hält sie fest, was zu tun ist, deshalb nennt man diese Listen auch „To-Do-Listen“. Das ist Englisch und da ich schon ein wenig Englisch kann, verstehe ich das sogar.
„Oma, was ist das für eine Liste?“, frage ich, als Oma gerade wieder einen Eintrag macht.
„Das ist mein Einkaufszettel!“, sagt sie und grinst. Ich weiß warum. Sie schreibt nämlich immer Einkaufszettel und die vergisst sie dann zu Hause. Sie behauptet, dass sie, wenn sie es einmal aufgeschrieben hat, nichts vergisst, weil das geschriebene Wort Macht hat.
„Schreib noch Gummibärchen dazu!“, fordere ich sie auf und hoffe auf diese Macht, die ihr befiehlt, die Süßigkeit für mich einzukaufen. Oma grinst schon wieder.
„Das weiß ich so, ich kauf immer Gummibärchen, das weißt du doch!“
„Stimmt!“, sage ich und mache noch einen Versuch. „Dann schreib doch bitte zwei Paar Socken mit auf, ein Paar in Neongrün, das andere in Zitronengelb!“
„Du bist unverschämt, warum gleich zwei Paar? Reicht nicht erstmal eines?“, will sie wissen und ich erkläre ihr, dass ich die Paare mixe.
„Mixen? Wie jetzt?“ Oma hat deutliche Fragezeichen in den Augen.
„Na, mixen eben. Das ist megacool, ich trage rechts eine grüne Socke und links eine gelbe, das ist heutzutage angesagt!“ Ich ziehe beide Hosenbeine meiner Jeans ein wenig hoch, damit Oma meine Socken betrachten kann. Heute trage ich links eine blaugeringelte und rechts eine rote Socke mit quietschgelben Tupfen.
„Ich werde verrückt!“, sagt Oma, aber das sagt sie oft und bis jetzt ist noch nichts passiert, sie ist ganz normal, glaube ich jedenfalls.
„Warum denn, Oma? Das ist voll der Trend, haste das noch nicht gehört?“, will ich wissen, denn in meiner Klasse tragen alle Kinder gemixte Socken. „Die rotgetupfte habe ich übrigens von Linda bekommen, im Tausch gegen die blaugeringelte!“ Ich zeige auf meinen linken Fuß.
Oma verzieht angewidert das Gesicht.
„Igittigitt, Socken tauschen und dann noch mit fremden Leuten?“
„Linda ist meine Freundin und sie ist gar nicht fremd!“, antworte ich ihr verärgert. Manchmal ist Oma komisch, vielleicht doch ein bisschen verrückt. Aber das denke ich nur und ich schäme mich auch gleich für meinen Gedanken.

Als Oma später vom Einkaufen zurückkommt, hat sie mir tatsächlich zwei Paar Socken mitgebracht.
„Eines für dich und eines für Linda, kannst ja vorher mixen!“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber nur unter einer Bedingung!“
„Welche?“
„Du tauschst nie wieder getragene Socken ein, ich meine so von Fuß zu Fuß!“
„Okay!“, verspreche ich und halte die Hand hoch. „High five!“, sage ich und Oma klatscht ab.
Und was für Listen Oma sonst noch schreibt, das erzähle ich beim nächsten Mal.

© Regina Meier zu Verl

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Teddys Klagelied

Teddys Klagelied

Teddys Klagelied

Ich liege unterm Kinderbett,
und fühle mich alleine.
Hier unten ist es gar nicht nett
und auch, so wie ich meine,
ist es hier dunkel und verschmutzt.
Wann kommt denn endlich einer?
Wann wird denn endlich hier geputzt?
Warum sucht mich denn keiner?

Ich bin ja nicht der Jüngste mehr,
mir fehlt bereits ein Auge,
doch liebte man mich einst so sehr.
Ob ich nun nichts mehr tauge?
Wie gern wär ich bei meinem Kind,
das mich dann herzt und küsste.
Ob’s nur noch schöne Träume sind?
Ach, wenn ich das nur wüsste!

Es war so eine schöne Zeit,
die viele Jahre währte
und jetzt plagt mich die Einsamkeit,
sie trifft mich voller Härte.
Könnte ich weinen, das wär gut
doch leider kann ich’s nicht.
Bin nur ein Kuscheltier mit Hut
und Brummelbärgesicht.

© Regina Meier zu Verl

 

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Milchbart, Schmand und Muckefuck

Milchbart, Schmand und Muckefuck

Milchbart, Schmand und Muckefuck

An diesem Tag im April war es lausig kalt.
Oma und ich hatten uns schon auf den Frühling eingestellt. Eigentlich, doch wenn wir uns etwas vornahmen, dann zogen wir das auch durch. Heute war, trotz der Kälte, die Aussaat der Sommerblumen dran gewesen. Nach einer Stunde waren wir so durchgefroren, dass nur noch ein heißer Kakao uns retten konnte. Also zogen wir die Gummistiefel aus, wuschen unsere Hände gründlich und machten es uns auf in Omas Küche.

Vorsichtig pustete ich in den Kakaobecher. Ich beobachtete die winzigen Wellen auf der Milch und wartete darauf, dass sich der ungeliebte Schmand bildete. „Vorsichtig, Kind!“, sagte Oma und nestelte in ihrer Schürzentasche herum. Gleich würde sie ein zerdrücktes Stofftaschentuch hervor zaubern. „Es passiert schon nichts, Oma. Du kennst mich doch!“ Oma grinste. „Eben!“, sagte sie und zog endlich das Taschentuch hervor.
Ich nahm einen winzigen Schluck und da der Kakao nicht allzu heiß war, gleich noch einen kräftigen zweiten Schluck hinterher. Genüsslich leckte ich über meine Lippen und dann passierte das, was unvermeidlich war. Oma spuckte auf ihr Taschentuch und wischte meinen Milchbart ab.

„Igitt!“, rief ich, gespielt empört und Oma lachte hell auf.
So richtig geekelt habe ich mich aber nicht, denn ich liebe meine Oma sehr.
Sie ist immer für mich da und das bisschen Spucke macht mir nichts aus, ist ja Omaspucke!
„Sag mal ein Wort mit drei „CK“!“, bat ich Oma, denn wir beide lieben Rätselaufgaben und vertreiben uns so gern die Zeit.
Oma überlegte, murmelte ein paar Wörter vor sich hin, aber immer waren es nur zwei „CK“. Ich freute mich, denn jede gewonnene Aufgabe brachte einen Punkt und diese Punkte sammelte ich. Wenn genügend zusammenkamen, dann konnte ich sie einlösen und ich sparte gerade Punkte für einen Besuch im Kino. Dafür brauchte ich genau fünfzig Stück. Peinlich genau trug ich die dann in ein extra dafür vorgesehenes Vokabelheftchen ein.
„Scheck, Speck, Schreck“, sagte Oma und „Heckmeck – das sind schonmal zwei!“, rief sie.
„Das zählt nicht, ist kein Wort!“, meinte ich. Es war aber auch egal, denn es waren ja sowieso nur zwei „CK“. Oma schloss die Augen und dachte nach. „Drecksack!“, rief sie, als sie die Augen wieder öffnete. „Aber Oma!“, rief ich empört. „Das ist ein Schimpfwort!“
Oma grinste. „Stimmt! Und es hat auch nur zwei „CK“!“, stellte sie fest. „Verflixt, mir fällt ein solches Wort nicht ein!“, schimpfte sie. „Gib mir einen Tipp, bitte!“

Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Das ja gar nicht infrage, ich wollte Punkte sammeln und damit basta.
Nachdem sie hin und her überlegt hatte, gab sie auf.
„Nun sag schon, der Punkt gehört dir!“
„Prima, für noch einen Punkt gebe ich dir eine Hilfe!“, schlug ich vor und wartete ab.
Sie rang sich zu einem Okay durch.
„Also gut: das Wort hat nicht nur drei „CK“, sondern auch drei „U“.“
„Muckefuck!“, rief Oma begeistert, ließ aber gleich darauf die Mundwinkel wieder hängen.
„Sind nur zwei!“, stellte ich fest und freute mich auf den nächsten Punkt. „Außerdem: Was ist Muckefuck?“, wollte ich noch wissen, das Wort hatte ich noch nie gehört.“
„Das ist so eine Art Ersatzkaffee. Damals, nach dem Krieg hatten die Leute keinen, oder nur wenig Kaffee. Deshalb stellten sie Kaffee aus geröstetem Getreide her, ähnlich wie Malzkaffee.“
„Aha!“, sagte ich und fragte mich, warum man sowas machte. Kaffee war so oder so eklig, ekliger als Omaspucke, fand ich.
„Ich gebe dir noch eine Hilfe“, bot ich an. „Es kommt ein Tier drin vor!“
Omas Augen leuchteten auf. „Kuckuck!“, rief sie begeistert. „Es ist ein Kuckuck!“
„Richtig! Aber da fehlt noch was!“ Ich war sicher, dass sie nicht drauf kam und handelte um einen weiteren Punkt, doch Oma wollte etwas Bedenkzeit.
„Okay, zwei Minuten!“, gewährte ich ihr und das hätte ich nicht tun sollen denn plötzlich rief sie:
„Kuckucksspucke! Ich hab’s, Kuckucksspucke!“
Das war es, gerade gestern in der Schule hatten wir drüber gesprochen, denn sonst hätte ich es ja auch nicht gekannt. Aber Oma wusste Bescheid.
„Früher war in den Wiesen noch viel mehr Wiesenschaumkraut zu sehen und daran hing dann die Kuckucksspucke, dass ich mir das nicht gleich eingefallen ist!“
Ich kicherte. „Wenn du mir jetzt noch erklären kannst, wie die Spucke da hingekommen ist, dann werde ich dich bewundern!“
„Kann ich nicht!“, sagte Oma. Das nahm ich ihr aber nicht ab, eigentlich weiß Oma nämlich alles.
„Soll ich es dir sagen?“, fragte ich.
„Ich bitte darum, es wäre mir noch einen weiteren Punkt wert!“, meinte Oma.
„Die Schaumzikaden, das sind winzige Insekten, hinterlassen dort den Schaum, der wie Speichel aussieht. In dem Schaum legen sie ihre Eier ab. Wie in einem Nest, praktisch, oder? Und da das in der Jahreszeit geschieht, wenn auch der Kuckuck wieder ruft, hat man dem Schaum den Namen Kuckucksspucke oder Hexenspeichel gegeben, so, jetzt weißt du es!“
„Kluges Kind!“, lobte Oma anerkennend. Weitere Rätsel gab es an diesem Tag nicht, denn gerade strahlte die Sonne herrlich durchs Fenster und wir nahmen unsere Gartenarbeit wieder auf. Schließlich wollten wir einen bunt blühenden Garten haben, in dem sich die Bienen und andere Insekten wohlfühlen konnten. So hatten wir es beschlossen, und … wenn wir uns was vornehmen, dann ziehen wir das auch durch.
„Ich weiß noch ein Wort mit drei „CK“ und drei „U“!“, rief Oma mir zu. „Muckefuckschluck!“
„Stimmt, geht auch!“

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte

Ich denke noch oft an Maria (6)

Ich denke noch oft an Maria (6)

Teil 6
„Seit du zu mir kommst, tun es meine Blumen viel besser. Haste das schon gemerkt?“ Maria deutete auf die breite Fensterbank, die allerlei Zimmerpflanzen beherbergte. Ein seliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
„Aber ich mach doch gar nichts weiter, ich gieße sie nur und ab und zu bekommen sie ein Schlückchen Dünger!“, wehrte ich ab. Das war ja nun wirklich kein Ding.
„So einfach ist das nicht!“, behauptete Maria. „Das machen andere auch und trotzdem gehen die Blumen jämmerlich ein. Ich habe gar keinen grünen Daumen!“
Ich betrachtete meine Daumen und hielt sie Maria hin. „Ich auch nicht, guck!“
Maria lachte. Oh ich liebte es, wenn sie lachte. So richtig mit Ton, meine ich. Sie gluckste so niedlich und meist dauerte es nicht lange und sie musste ihre Tränen wegwischen. Tränen lachen, sagt man wohl.
„Jetzt aber mal Spaß beiseite und Ernst inne Mitte“, sagte Maria und das reizte mich schon wieder zum Lachen. „Okay“, keuchte ich. „Ernst inne Mitte!“
„Also pass auf, das ist nämlich so: wenn einer kein guter Mensch ist, dann verrecken die Blumen, ja, so ist das!“ Sie nickte bekräftigend mit dem Kopf und wurde ganz ernst.
„Das kann ja nicht sein, du bist ein guter Mensch, Maria. Das weiß ich zufällig ganz genau!“
„Meinste?“
„Ja, meine ich!“
Schweigen. „Danke“, flüsterte sie dann. Und plötzlich war der kleine Schalk wieder da, der ihr so oft im Nacken saß. Sie grinste, hob verschmitzt die Schultern an, setzte ihren Rehaugendackelblick auf und sagte: „Und weil wir beide so gute Menschen sind, machen wir es uns jetzt gemütlich und du liest mir etwas vor!“ Punkt. Wer könnte da widersprechen?
„Was möchtest du hören?“, fragte ich und trat ans Bücherregal.
„Lies mir das Märchen von dem gerechten Vadder vor, du weißt schon, der mit der Öllampe und dem Tod!“

Mittlerweile kannte ich das Märchen gut und konnte es sogar in Plattdeutsch erzählen, so oft hatte ich es Maria schon vorgelesen. Kurz in eigenen Worten: Es geht um einen, der sich einen Vater suchen will und der soll gerecht sein. Als er unterwegs ist, begegnet dem Herrgott. Den will er aber nicht als Vater. Er sei nicht gerecht, dem einen gibt er viel und andere müssen darben. Er wandert weiter und trifft den Tod. Der soll sein Vater sein, weil er gerecht ist und zu jedem kommt, ob arm oder reich, jung oder alt. Der Tod erklärt ihm, dass das mit dem Leben so sei wie mit einer Öllampe, der eine hätte noch viel Öl zur Verfügung, der andere nur wenig, bei einem sei sie schnell verloschen, ein anderer müsse sich noch ein wenig quälen, bis das Licht erlischt. Nun möchte er wissen, wieviel Öl noch auf seiner Lampe war. Ach, sagte der Tod, da ist noch allerhand drauf. „Kannst du nicht noch ein Schlückchen nachgießen?“ wurde er gefragt. „Das würde ich gern tun, aber das ist nicht gerecht!“, antwortete der Tod.

„Is ja so!“, sagte Maria dann jedes Mal, wenn das Märchen zu Ende war.
„Ja, is so!“, sagte ich und dann legte ich das Buch zur Seite. „Nächstes Mal lese ich aber ein anderes Märchen!“, schlug ich stets vor. Aber dazu ist es nur selten gekommen. In unserer Märchenhitparade stand „Der gerechte Vadder“ einfach auf Platz Eins.

© Regina Meier zu Verl

Ich denke noch oft an Maria (5)

Ich denke noch oft an Maria (5)

Teil 5
Nachhilfe in Kirchensachen (5)

„Ich war das jüngste von sechs Kindern, das einzige Mädchen. Min Vadder hatt sick nen Ast avfröiet, wann hi datt jewahr woard!“, erzählte Maria.
„Meine Brüder waren viel älter als ich. Zwei von ihnen sind im Krieg gefallen und die anderen gingen in die Fabrik zur Arbeit. Was die da gemacht haben, da wurde bei uns nicht drüber gesprochen und wenn ich nachfragte, dann bekam ich immer die Antwort: Dat is nix for Froonslöid und schon gar nich for Kinners!“
Maria war also einerseits das jüngste Kind gewesen, andererseits musste sie aber bereits im Alter von zehn Jahren den Haushalt übernehmen, weil die Mutter starb.
„Ich weiß auch nicht, was usse leiwe Herrgott sich dabei denket hat. Das war doch nicht gerecht!“, sagte sie und ihre Augen wanderten ins Weite.
„Dann hattest du es sicher nicht leicht!“, sagte ich nach einer Weile. Maria wischte über ihre Augen und schon lächelte sie wieder.
„Ich bin ja noch hier, wie du siehst. Es ging schon! Übrigens habe ich einen Wunsch: Würdest du mal mit mir in die Kirche gehen? Ich möchte so gern eine Kerze anzünden!“
Den Wunsch konnte ich ihr nicht abschlagen.
„Klar, wann immer du möchtest!“
„Jetzt!“, sagte sie. „Sag mal, bist du eigentlich katholisch?“, wollte sie wissen. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin evangelisch!“
„Da hab ich nix um bei. Wat usse Herrgott sähet hett, dat blöihet auk, egal, was da för en Noame dransteht!“
„Meinst du, dass mich der Herrgott gesät hat?“, fragte ich lachend.
„Sicher, wer denn sonst!“, behauptete Maria.
Wir machten uns fertig und fuhren dann zur Kirche, nicht ohne einen kleinen Abstecher auf den Friedhof zu machen. Maria zeigte mir die Gräber ihrer Familienangehörigen und an jedem betete sie ein kurzes Gebet.
„Mitmachen!“, forderte sie mich auf, als sie sich bekreuzigte und dann zeigte sie mir, wie man das macht. Wieder was gelernt.

© Regina Meier zu Verl

Ich denke noch oft an Maria (4)

Ich denke noch oft an Maria (4)

Teil 4

Morgens studierte ich immer zuerst die Zeitung, bevor ich zu Maria fuhr. Sie wollte nämlich immer wissen, was es so an Neuigkeiten aus der Region gab. Natürlich hatte sie auch eine eigene Zeitung, aber Maria gefiel es viel besser, wenn ich ihr erzählte, was so los war.
„Ich kann das dann besser behalten!“, klärte sie mich auf. „Weißte, ich bin so ein Ohrenmensch!“
„Ja, es gibt unterschiedliche Menschen, ich bin beispielsweise ein Augenmensch. Wenn ich mir etwas merken will, dann muss ich es aufschreiben, sonst vergesse ich es leicht.“, antwortete ich ihr.
„Habe ich längst gemerkt!“, behauptete Maria und lachte. „Du guckst immer so!“
„Wie gucke ich?“
„Na, wie so‘n Augenmensch eben, neugierig nennt man das wohl!“
„Und Ohrenmenschen sind nicht neugierig?“, fragte ich und fühlte mich doch tatsächlich ertappt. War ich wirklich neugierig? Bisher hatte ich mich selbst nicht so eingeschätzt.
„Doooch, Ohrenmenschen sind auch neugierig, aber am Allerschlimmsten sind die Nasenmenschen!“
Maria zog ihre Nase in Falten und schniefte laut. „Die kann ich gar nicht leiden, überall schnüffeln sie herum und machen Fisimatenten!“
„Kennst du viele Nasenmenschen? Gib mir mal ein Beispiel, bitte! Und was sind Fisimatenten?“, fragte ich sie und wartete gespannt ab.
Maria überlegte eine Weile, zog an ihren Ohrläppchen, wischte sich die Augen, rümpfte die Nase und legte die Stirn in Falten. Das dauerte ein paar Minuten, ich ließ sie in Ruhe nachdenken. Plötzlich strahlte sie.
„Nu hä ick dat vergeten, wo ick über nachdenken wullt!“
„Fisimatenten! Du wolltest mir sagen, was Fisimatenten sind!“
Maria strahlte noch immer.
„Dat sachte unser Vadder immer, wenn wir Blödsinn gemacht haben: Lasst doch diese Fisimatenten!“
Ich nahm mein Notizbuch und schrieb mir das Wort schnell auf.
„Du bist ein Augenmensch, ne!“, lachte Maria und ich stimmte fröhlich mit ein.
„Stimmt, und du bist ein Ohrenmensch, und Nasenmenschen mögen wir beide nicht!“

© Regina Meier zu Verl

Ich denke noch oft an Maria (3)

Ich denke noch oft an Maria (3)

Maria hatte immer Hunger. Sie war eine zierliche Person und ich wunderte mich oft, wo diese Mengen an Essen blieben. Man sah es ihr nicht an, dass sie ein so guter Futterverwerter war. Sie bevorzugte alles, was sie mit einem großen Löffel vom Teller schaufeln konnte. Also kochte ich abwechslungsreiche Eintopfgerichte, mundgerecht.

Bei der Zubereitung half sie gern. Am liebsten schälte sie die Kartoffeln in kleine Würfel. Ich musste aufpassen, dass sie in ihrem Eifer nicht zu viele Kartoffeln verarbeitete, denn sie hatte ja immer für eine große Familie gekocht und hatte nun das Maß verloren.

An dem Tag, von dem ich heute erzähle, gab es Bohneneintopf mit frischem Suppengemüse aus dem Garten und herrlich duftendem Bohnenkraut. Um Maria eine Freude zu machen, hatte ich Hähnchenfleisch mitgebracht, das ich in Pfanne in kleinen Stückchen angebraten hatte. Kurz bevor der Eintopf fertig war, legte ich das Fleisch mit in den Topf und schloss den Deckel, damit es noch eine Weile durchziehen konnte. Dann schlug ich Maria vor, noch einen kleinen Rundgang durch den Garten zu machen.
„Nee, das mach du mal allein, ich bin heute schon so viel herummarschiert, ich will mich ausruhen!“, sagte sie und ließ sich auch nicht umstimmen.
„Na gut, dann mache ich noch schnell die Betten, danach können wir dann essen!“ Ich ging ins Schlafzimmer und brauchte ungefähr zehn Minuten.

Als ich in die Küche zurückkam, stand Maria vorm Herd, den großen Löffel, den sie in der Hand hatte, warf sie mit einem Schwung in die Spüle, die drei Schränke weiter stand. Dann drehte sie auf dem Absatz um und rannte zu ihrem Platz auf der Eckbank.
„Ich war das nicht!“, behauptete sie, dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. War ja auch nicht schlimm, sie durfte probieren, so viel sie wollte.

Angestrengt schaute sie anschließend auf ihre Hände, so als gäbe es da etwas Wichtiges zu sehen. Sie fühlte sich ertappt und ich musste innerlich grinsen. Wie ein kleines Kind, das etwas Schlimmes gemacht hat benahm sie sich.
„Können wir jetzt endlich essen?“, fragte sie nach einer kurzen Schweigeminute.
„Klar!“ Ich holte die Suppenkelle, stellte einen Untersetzer auf den Tisch und wollte ihr den Teller füllen. Ich staunte nicht schlecht, als ich im Topf nicht ein einziges Stückchen Fleisch mehr vorfand. Es waren drei Hähnchenschnitzel drin gewesen, vor zehn Minuten noch. Maria hatte sie verputzt ohne mit der Wimper zu zucken.
Als sie das Gebet gesprochen hatte und wir uns einen guten Appetit wünschten, schaute sie irritiert auf den Teller und sagte: „Kind, in einen Eintopf gehört ein gutes Stück Fleisch, denk nächstes Mal dran. Ich esse am liebsten Geflügel!“

Ich konnte mich nun nicht mehr zusammenreißen und lachte lauthals los. Maria lachte mit.

„Ist doch nicht so schlimm!“, tröstete sie mich. „Das lernste auch noch!“

© Regina Meier zu Verl

Ich denke noch oft an Maria (2)

Ich denke noch oft an Maria (2)

Ich denke noch oft an Maria

Teil 2
Maria sitzt in ihrem Fernsehsessel, sie hat die Füße hochgelegt und schaut verträumt aus dem Fenster. Nach dem Frühstück ruht sie sich ein wenig aus, während ich ihr Bett mache, das Bad putze und die Küche auf Vordermann bringe. Manchmal liest sie in alten Liebesromanheften. Heute nicht, sie träumt.
„Regina! Kannst du mal schnell kommen?“, ruft sie und ich eile zu ihr. „Sett di man hin“, ordnet sie an. „Ick will ye wat vertellen!“ (Setz dich hin, ich will dir was erzählen.)
Dann folgt die Geschichte von der falschen Braut, die ich nur ein einziges Mal zu Gehör bekommen habe und die ich nun nacherzähle. Dabei habe ich versucht, den Originalton von Maria beizubehalten.

Die falsche Braut2016-02-22 16.36.47

Bei Schusters auf dem Hof lebte die Hanna, ein hübsches Mädchen. Sie sollte den Josef heiraten, das war schon klar. Aber die beiden sollten sich Zeit lassen, denn die Hanna war man erst siebzehn Jahre alt. Ihre Mutter zeigte ihr alles, was ein Mädchen, das bald heiraten will, so wissen muss. Durcheinander kochen, das war das Wichtigste, denn wenn die Mannsluie vom Acker kommen, dann haben sie Schmacht bis unter die Arme. Durcheinander sagt man hier übrigens für ein Eintopfgericht, also Gemüse, Kartoffeln, Brühe, Fleisch, Mettwürstchen – alles durcheinander.
Die Hanna und der Josef hatten sich bereits so lieb, dass es eines Tages ans Licht kam, dass sie nun gar nicht mehr voneinander gelassen hatten und selbst das Bett geteilt hatten, was nicht ohne Folgen blieb. Junge, Junge, war das eine Aufregung und natürlich durfte keiner was davon wissen, nicht einmal der Pastor, der ganz besonders nicht, wegen der Sünde, weißte?
Jetzt war das aber so, dass das mit der Organisation von Festen gar nicht so einfach war, alles musste gut vorbereitet werden und es vergingen Wochen und Monate. Dann stand der Hochzeitstermin fest. Das Brautkleid wurde so genäht, dass der bereits ansehnliche Bauch der Braut kaschiert wurde und es sollte ein extra großer Brautstrauß gebunden werden, den könne sich die Hanna dann vor den Bauch halten, damit keiner was merkt. Als wenn wir alle blöde gewesen wären, kannst dir sowas heute noch vorstellen?

Dann kam aber alles ganz anders. Pass auf!

Am Morgen der Hochzeit, früher musste man ja um sechs Uhr in die Kirche und der ganze Tag war dann Hochzeitstag, von morgens bis abends, also an diesem Morgen fühlte sich Hanna plötzlich ganz usselig. Sie sah auch völlig klaterich aus. Und, was soll ich dir sagen, es ging los, die Geburt meine ich. Junge, Junge, Junge, das war der Hammer. Alles war bestellt, das Essen, die Kapelle, die Kutsche und die Gäste kamen von überall her. Das konnte man nicht so einfach absagen, das ging nicht.
Und weißte, was sie gemacht haben, das hat die Welt noch nicht gesehen. Sie haben einfach die Schwester von dat Hannken ins Hochzeitskleid gesteckt. Der Geistliche hat das gar nicht gemerkt und man hat einfach die Hochzeit ohne Hanna gefeiert. Die lag nämlich derweil in den Wehen und als am Morgen alle völlig angeschickert waren, da hatte sie einen Sohn geboren. Junge, Junge, Junge, war das eine Freude.

Die Hebamme hat damals gesagt, dass sie so eine schöne Geburt noch nie erlebt habe. Das Essen sei sowas von prima gewesen und dann die Hochzeitstorte und die wunderbare Musik von Försters Heini seinen Vadder und seine Jungs.

Der Sohn von Hanna und Josef wurde nach dem Pastor benannt, damit wollte man das schlechte Gewissen ein wenig beruhigen.

Maria lächelt, sie ist ganz erschöpft vom Erzählen. Sie legt den Kopf zur Seite und hält ein Nickerchen – und ich setze mich an den Küchentisch und mache mir ein paar Notizen. damit ich diese herrliche Geschichte nicht vergesse.

Ja, ich denke noch oft an Maria.

 

© Regina Meier zu Verl