Die Harmonie der Farben

Die Harmonie der Farben

„Was haltet ihr davon, wenn wir beim Konzert dunkelrote Blusen tragen?“
Ein Murmeln zunächst, dann die erste missmutige Stimme: „Rot steht mir nicht!“ Ein Aufbrausen! „Hier geht es nicht um Einzelne, sondern um das Gesamtbild, oder?“
Sandra Lange, die Dirigentin, schlägt ein paar laute Akkorde am Klavier an, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Meine Damen, ich denke es geht hier momentan noch nicht um die Farben des Outfits, sondern vorläufig um die Qualität unseres Gesangs, meint ihr nicht auch?“
Sofort wird es leise, schweigende Zustimmung! Nur eine kann sich nicht zurückhalten, Isa: „Rot steht mir aber nicht!“
„Boah, Isa, nun sei doch mal entspannt. Wir werden das nach der Probe besprechen und sicher werden wir uns irgendwie einigen!“, schlägt Monika vor, deren Rolle von jeher die der Vermittlerin ist. Seit Jahren führt sie als erste Vorsitzende den Chor und genießt das Vertrauen der Sängerinnen.
Doch Isa kann sich nicht beruhigen. Sie hasst Rot, was kein Wunder ist, denn sie ist mit karottenroten Haaren gesegnet, eine wilde lockige Mähne, außergewöhnlich, aber schön.
„Wenn ihr euch für Rot entscheidet, dann werde ich nicht mitsingen!“, droht sie und erwartet, dass ihr nun alle beistehen werden, denn sie ist davon überzeugt, dass ein Konzert ohne sie nicht stattfinden kann. Schließlich hat sie Gesang studiert und die anderen sind Laien.
Als niemand darauf reagiert und alle zur Tagesordnung übergehen, verlässt sie aufgebracht den Saal. Energisch wirft sie die Tür hinter sich ins Schloss. Peng!
Entschlossen greift Sandra Lange in die Tasten, lässt eine Tonfolge erklingen und die Chordamen steigen in die Gesangsübung ein. Konzentriert arbeiten sie anschließend am ersten Konzertstück und ernten ein zufriedenes Lob.
„Na bitte, es geht doch! Nehmen wir uns nun das nächste Stück vor und danach machen wir eine kleine Pause!“
Auch der nächste Titel, eine Chorbearbeitung des Silbermond Songs ‚Du bist das Beste, was mir je passiert ist’ hört sich schon recht gut an. Sandra Lange ist zufrieden.
In der Pause entbrennen dann heftige Diskussionen. Isa ist nach Hause gegangen. Damit hatte niemand gerechnet. Man wähnte sie schmollend in der angrenzenden Kneipe. Aber sie ist nicht mehr da.
„Die spielt sich immer so auf, ich hasse das!“, ruft Rena empört und erntet Zustimmung von einigen Sängerinnen. „Soll sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst!“
„Ohne Isa geht es aber nicht“, wendet Monika ein. „Niemand bekommt die hohen Töne so sauber hin wie sie, oder ist es etwa nicht so?“
Betretenes Schweigen. Es stimmt ja, Isa reißt die anderen mit. Außerdem hat sie ja recht, Rot ist nicht ihre Farbe und wenn sie ihr Solo singt, dann steht sie vorn, vor dem Chor und dann fällt es mal so richtig auf, dass ihre Haare leuchten wie eine Alarmanlage.
„Wer holt sie zurück?“, fragt Monika in die Runde. Niemand meldet sich.
„Dann mache ich das! Aber eines lasst euch gesagt sein, es liegt ein Geruch von Neid in der Luft. Der ist weg, wenn ich wieder zurück bin!“ Wütend verlässt Monika die Kneipe.
„Jetzt spielt die sich auch noch auf, als hätte sie alles zu bestimmen!“, ruft Rena. Doch niemand stimmt ihr zu.
Nach zwanzig Minuten kommen Monika und Isa zurück. Sie reihen sich in den Chor ein, jede an ihren Platz. Ingrid nimmt Isas Hand und drückt sie kurz. ‚Schön, dass du wieder da bist’, flüstert sie.
Dann singen sie das Stück, in dem Isa ihr Solo hat. Es klingt wunderbar.
Nur Rena hat einen Kloß im Hals. Sie schämt sich. Leise verlässt sie den Raum, behutsam schließt sie die Tür hinter sich. Erst am Ende der Probe kehrt sie zurück, sie trägt eine große Tasche bei sich und packt aus: Blusen in allen Farben, grüne, blaue, gelbe, weiße und am Schluss befördert sie eine alarm-orangefarbene Seidenbluse aus ihrer Wundertasche.
„Ist die nicht perfekt?“, fragt sie und erntet begeisterte Zustimmung.
„Perfekt!“, ruft Isa und nimmt Rena in den Arm.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, singt Isa und die anderen stimmen ein: „Es tut so gut, dass es dich gibt!“

© Regina Meier zu Verl

Traumhaft

Traumhaft

Eigentlich wollte ich ihm nach dem Konzert einen Brief schreiben. Ich verwarf den Gedanken dann aber, weil ich nicht sicher sein konnte, dass er ihn auch lesen würde. Vielleicht ginge dieser Brief dann durch viele Hände und wenn er überhaupt bei ihm ankommen sollte, dann wäre es sicherlich einer von vielen. Sinnlos!

Die Brillanz seines Vortrages hatte mich begeistert. Er erreichte mich und mein Herz. Was für ein Geschenk war dieser Mann. Ganz allein stand er dort auf der Bühne, verbeugte sich und nahm dann seine Gitarre, um uns mit dem Reigen seiner Lieder zu erfreuen. So konnte nur ein Mensch singen, der völlig hinter dem stand, was er mitzuteilen hatte. Er sang vom Leben, von der Liebe und der Natur, teils melancholisch, dann wieder fröhlich. Manche Lieder klagten an, immer leise aber bestimmt. Vom Krieg sang er und denen, die nicht zurückgekommen waren.

Ich befand mich in einem Wechselbad der Gefühle, teils freudig erregt, dann wieder traurig. Ich war mir plötzlich meiner eigenen Mittelmäßigkeit bewusst, doch ohne Neid. Ich genoss diese zwei Stunden so sehr. Es war herrlich, dabei zu sein. Ich war Teil des Ganzen und dieser besonderen Stimmung, die sich unter den Zuschauern entwickelte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er nur für mich sang.

Dann hörte ich die ersten Töne meines Lieblingsliedes. Ich schloss die Augen und genoss es einfach. Eine Gänsehaut kroch über meinen Körper und ließ mich erschauern, so viel Gefühl für ein Lied, das ich, wenn ich zu Hause allein war sang. Jeden Ton kannte ich, jeden Akkord, jede Variation – seit vielen Jahren. Plötzlich war ich nicht mehr in dem Saal mit den vielen Menschen. Ich saß auf der Bühne neben ihm und lauschte.

„Schatz, es ist schon spät“, wie durch eine Wolke vernahm ich die Stimme meines Mannes. Ich kniff fest die Augen zu, wollte noch nicht erwachen aus diesem Traum, der immer an dieser Stelle endete. Ich wollte weiterträumen, erfahren, was geschehen würde.
„Ich komme!“, sagte ich und streckte mich. „Ich habe so schön geträumt!“
„Ich habe es gehört!“ Mein Mann lachte und summte eine meiner Traummelodien.

Beim Frühstück legte ich eine CD ein, um den Traum noch ein wenig nachwirken zu lassen. Wir kauten und schwiegen – ja, und wir lächelten, denn seit vielen Jahren war dieser Sänger Gast an unserem Frühstückstisch.
„Der einzige Mann, auf den ich nicht eifersüchtig bin!“, behauptet mein Mann. So richtig glaube ich ihm das nicht.

© Regina Meier zu Verl

Das Mädchen und das Buch

Das Mädchen und das Buch

In meiner Familie wurde viel gelesen. Meine Eltern hatten einen großen Bücherschrank, der stets verschlossen war. Wir Kinder hatten eigene Regale in unseren Zimmern und zu jeder Gelegenheit kamen neue Bücher dazu. Bei meinem Lesehunger reichte das aber nicht aus. Was waren schon vier Folgen von Hanni und Nanni zu Weihnachten? Bereits am zweiten Festtag hatte ich sie ausgelesen und gierte nach neuem Lesestoff. In der Schule gab es damals noch keine Bücherei, in der ich mich versorgen konnte. Ich tauschte mit Freundinnen, aber oft hatten sie die gleichen Bücher wie ich. Also bettelte ich meine Eltern an, mir doch von ihren Büchern etwas herauszugeben.
„Na, dann schauen wir doch mal, ob etwas für dich dabei ist“, sagte meine Mutter, die meine Not verstehen konnte. Sie nahm den Schlüssel, der unter der Tonschale lag, die auf dem Bücherschrank stand und öffnete die Glastüren.
Die bunten Buchrücken begeisterten mich und der Geruch der Bücher war einfach nur wunderbar. Vorsichtig berührte ich die teils ledernen Einbände. Ich durfte mir aber kein Buch selbst aussuchen. „Dafür bist du noch zu jung“, sagte meine Mutter, oder „Das kannst du noch nicht verstehen!“
Sie reichte mir aber ein dickes Buch mit kleiner Schrift, an dem ich eine Weile zu knacken haben würde. Geschrieben war es von Ferdinand Sauerbruch und hieß: Das war mein Leben. (Gerade liegt es hier neben mir, denn es ist ein Andenken an die Zeit, in der ich die Bücher der Erwachsenen für mich entdeckte. Dass Sauerbruch es gar nicht selbst geschrieben hatte, erfuhr ich erst viel später. Der Journalist Hans Rudolf Berndorff soll es verfasst haben.)
„Nimm das Lexikon dazu und schlage nach, wenn du etwas nicht verstehst. Du kannst mich aber auch jederzeit fragen“, schlug meine Mutter vor und davon machte ich reichlich Gebrauch.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie fasziniert ich vom Leben und Wirken des berühmten Arztes war. Immer wieder habe ich einzelne Kapitel noch einmal gelesen und jedes Mal verstand ich ein wenig mehr von dem, was da erzählt wurde. Alles war aber weit weg, spielte in Berlin und München. Ich war noch nirgends in der Welt gewesen, alles, was ich von z.B. von Berlin gesehen hatte, war eine Ansichtskarte, die wir von einer Tante erhalten hatten, die nach Berlin gereist war. Dann kam ich an die Stelle, in der auf einmal die Rede von Bielefeld war, meiner Geburtsstadt. Das versetzte mich in Begeisterung, die ich sofort mit meinen Eltern teilte.
Viel später, während meiner Lehrzeit in Bielefeld, lernte ich dann einen Menschen kennen, der nach einer Kriegsverletzung in der Charité in Berlin operiert wurde. Damals war Prof. Sauerbruch leitender Chirurg. Herr G., mein Kollege, erzählte mir viel von der Zeit dort. Als er merkte, dass ich so viel über den Professor wusste, nahm er seine Brille ab und zeigte mir, wie Sauerbruch sein „verlorenes“ Auge versorgt hatte. „Damals war es nur ein tiefer Krater in meinem Gesicht, heute ist die Stelle so klein, dass ich sie hinter meinem Brillenglas verstecken kann. Ich bin sehr dankbar!“, sagte Herr G. mir und ich nahm mir vor, das Buch gleich noch einmal zu lesen.
Jetzt, fast fünfzig Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Buch, liegt es wieder neben mir. Zart zeichne ich die goldgeprägten Buchstaben seines Einbandes nach. Ich werde es wohl noch einmal lesen, bald!
Es gibt noch viele weitere Bücher, die ich aus dem Bücherschrank meiner Eltern „entführte“, denn ich wusste ja, wo der Schlüssel lag. Einige habe ich heimlich gelesen, die, für die ich eigentlich noch zu jung war. Vergessen habe ich keines von ihnen.

© Regina Meier zu Verl 2015

Eine Reise in die Kindheit

Hier kannst du dir die Geschichte vorlesen lassen von mir KLICK

Irene fliegt

Wenn man in früheren Zeiten die Welt von oben betrachten wollte, musste man in einen Flieger steigen, eine Ballonfahrt machen oder einen hohen Berg erklimmen. Heute war das viel einfacher, man schaute ins Internet und konnte die Erde aus verschiedenen Perspektiven betrachten, ganz ohne seine Flugangst zu überwinden oder den Geldbeutel zu belasten. Aber so ganz das Gleiche war das wohl auch nicht.

Irene war nie geflogen. Das hatte sich einfach nicht ergeben, obwohl sie immer eine große Sehnsucht hatte, wenigstens einmal in ihrem Leben die Heimat von oben zu betrachten, am liebsten im Herbst, ihrer Lieblingsjahreszeit. Sie wusste nicht einmal, ob sie Flugangst haben würde. Aber es war müßig, darüber nachzudenken. Jetzt war es ohnehin zu spät. Das dachte Irene jedenfalls und sie fand sich damit ab. Es war ja auch schön, einfach zu träumen, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, dass man mit weiten Schwingen übers Land flog. Ruhig, wie ein Adler, beinahe lautlos, ohne störendes Motorengebrumm.

Manchmal, wenn Irene ihren Mittagsschlaf in dem großen alten Ohrensessel ihres Vaters verbrachte, gelang es ihr abzuheben. Zunächst ging es steil in die Höhe. Sie betrachtete das kleine Haus, in dem sie mit ihrer Tochter und deren Familie lebte. Da war das Schaukelgerüst im Garten, das ihr Mann für die Enkelkinder gebaut hatte. Irene lächelte bei dem Gedanken daran, wie oft sie die kleine Merle angeschubst hatte, immer und immer wieder, bis diese vor Vergnügen juchzte und rief: „Höher, Oma, höher!“ Auch Irene wollte nun höher hinaus. Langsam stieg sie weiter auf und flog auf den Wald zu, in dem sie einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Sie erinnerte sich an die Brombeerhecken und beinahe war es ihr, als schmecke sie die Süße der Beeren, die sie in ihrer Blechmilchkanne gesammelt hatte und aus denen die Mutter dann köstliche Marmelade gekocht hatte. Oder Brombeersaft, mmh, wie lecker der gewesen war.

Hinter dem Wald lag der kleine See. Irene ließ sich ein wenig fallen, um alles besser betrachten zu können. Zwei Enten zogen Kreise ins Wasser und Blesshühner kicherten im Gehölz rund um den See. Hier und da stiegen Luftblasen auf von den Fischen, die munter im klaren Wasser umherschwammen.
„Achtung!“, rief Irene, als ein Fischreiher ruhig, mit gesenktem Kopf durch da seichte Wasser am Rand des Sees stakste. Doch es war zu spät, gezielt hatte der Reiher einen kleinen Fisch mit seinem Schnabel gefangen. Er zappelte, aber es gab keine Chance für ihn. „So ist das Leben!“, dachte Irene traurig und stieg wieder auf. Sie ließ den See hinter sich und sah die alte Volksschule, die sie als Kind besucht hatte. Langsam zog sie ihre Kreise über das Gebiet, erkannte den Eingang, den Schulhof und da, stand da nicht ihre alte Lehrerin im Schulgarten? Irene wischten den Gedanken fort. Das konnte nicht sein. Sie selbst war fast achtzig, die Lehrerin müsste weit über hundert Jahre alt sein. Sie war eine derjenigen gewesen, die Irenes Leben sehr geprägt hatte. Von ihr hatte sie wohl die Liebe zum Theater übernommen. Nicht nur um zuzuschauen, sondern um zu spielen. Viele Jahre hatte sie in einer Laienspielgruppe mitgemacht, war immer wieder in andere Rollen geschlüpft und es hatte so viel Spaß gemacht.
Irene drehte eine weitere Runde über das Schulgebäude. Vielleicht könnte sie mal wieder hingehen, dachte sie sich. Aber zuerst wollte sie weiterschauen. Höher ging es hinaus, immer höher. Irene steuerte ihre Geburtsstadt an, schon von weitem sah sie die alte Burg, die sie so oft mit den Eltern besucht hatte, als sie schon längst aufs Land gezogen waren. Stolz erhoben sich auch die beiden Kirchtürme über die Stadt. Irene glaubte den Glockenklang zu hören. Dunkel war es geworden. War sie denn schon so lang unterwegs? Irene begann zu frieren, sie zitterte und wusste nicht, wo sie nun hinfliegen sollte. Sie würde nicht mehr nach Hause finden in der Dunkelheit.
„Mama!“, rief sie, weil sie sich plötzlich verlassen fühlte wie ein Kind. „Mama!“ Sie spürte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
„Oma, du träumst!“ Sie erkannte die Stimme ihrer Urenkelin. Erleichtert nahm sie wahr, dass sie in ihrem Sessel am Fenster saß.
„Ich habe eine Reise gemacht, es war sehr schön, aber dann wurde es dunkel!“, erklärte sie Lina.
„Ich weiß Oma. Warst du wieder am See?“, fragte sie.
„Ja, da war ich, und an meiner alten Schule und an der Burg, wie immer!“ Irene lächelte, als Lina ihr eine Tasse reichte.
„Brombeertee?“, fragte sie und Lina lachte.

„Was sonst!“

© Regina Meier zu Verl 2016

Oma Betty und das Karnevalskostüm

Oma Betty und das Karnevalskostüm

„Ach!“, stöhnt Oma Betty. „Ich mag mich eigentlich gar nicht verkleiden!“
Das kommt mir bekannt vor, denn es ist jedes Jahr das gleiche. Sie zetert und schimpft und dann macht es ihr doch Freude.
„Dann lass es doch einfach sein, geh als Oma Betty zum Karnevalsfest und gut isses!“, schlage ich vor.
„Das geht nicht, es herrscht Kostümzwang“, sagt sie und wirft ein knallbuntes Kleid zurück aufs Bett, nachdem sie es eingehend betrachtet hat.
„Es passt aber nicht zu dir, dass du dich zu etwas zwingen lässt!“, meine ich und grinse vor mich hin. Meine Oma weiß genau, was sie will und was sie nicht will. Auf jeden Fall will sie zum Fest gehen und deshalb wird sie sich verkleiden, wie immer.
„Na ja, das Wort Kostümzwang klingt vielleicht hart, ist aber nicht böse gemeint. Es geht ja darum, dass keiner aus der Rolle fällt und sich über die Verkleideten lustig macht!“, versucht sie mir zu erklären. Das will mir aber nicht einleuchten.
„Also amüsieren sich die, die nicht verkleidet sind über die Verkleideten und deshalb dürfen sie nicht rein? Ich dachte immer, dass es um Spaß geht! Und außerdem ist das unlogisch: die nicht Verkleideten fallen aus der Rolle? Aus welcher Rolle denn, ich dachte, dass man eine Rolle spielt, wenn man sich verkleidet, oder?“
Oma winkt ab. „Das verstehst du noch nicht!“, sagt sie.
Typisch, wenn sie nicht weiterweiß, dann kommt immer dieser Spruch. Ich finde den voll blöd, echt! Also sage ich nichts mehr dazu.
Oma setzt einen riesigen Hut auf, der mit bunten Federn geschmückt ist.
„Wie findest du den?“, fragt sie.
Ich bin verstimmt und habe keine Lust, ihr Modeberater zu sein, deshalb schweige ich lieber.
„Sprichst du nicht mehr mit mir?“, will sie wissen und ihre Stimme nimmt so einen Jammerton an.
„Doch, aber von Karneval und Kostümzwang verstehe ich nichts. Ich gehe in diesem Jahr als Oma Betty, das ist einfach!“
Oma lässt den Hut fallen und setzt sich aufs Bett.
„Erzähl, wie geht das?“, sagt sie. Der Jammerton ist weg, aber ihre Stimme ist gefährlich leise geworden, gleich wird sie mit den Lippen zittern.
„Ganz einfach: ich ziehe eine Jeans an, so wie du. Dann leihe ich mir einen Pulli von dir, vielleicht in Pink. Ich ziehe meine Augenbrauen nach, schminke meine Lippen und mache ein freundliches Gesicht – kurz: ich bin die schönste Oma der Welt!“
Oma Bettys Lippen zittern, aber nicht vor Ärger. In ihren Augen ist Hochwasser, gleich werden die Tränen kullern, so gerührt ist sie.
Vorsichtshalber drückt sie mich, damit ich ihre Tränen nicht sehen kann, dabei flüstert sie mir ins Ohr:
„Leihst du mir deine Baseball-Kappe? Ich werde eine Jeans tragen, ein Sweatshirt und deine Kappe und dann gehe ich als bester Enkel der Welt!“
„Check!“, sage ich und halte meine Hand hoch.
„Check!“, sagt sie und somit ist das Problem mit dem Kostüm erledigt.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle annca/pixabay

 

Opas Chaiselongue

Opas Chaiselongue

„Opa machte seinen Mittagsschlaf stets auf der Chaiselongue. Oma ärgerte sich darüber, denn dann musste sie nach dem Essen leise sein, durfte nicht mit dem Geschirr klappern, geschweige denn es abspülen. Einen Geschirrspüler gab es damals noch nicht und auch keine Küchentür, die sie hinter sich schließen konnte“, erzählte Mama. Jakob hat sie darum gebeten, ein wenig von ganz früher zu erzählen, weil sie in der Schule gerade von der Zeit sprachen, als seine Eltern noch Kinder gewesen waren.
„Was ist denn eine Chaise… was weiß ich, wie das Dings heißt?“, fragte Jakob.
„Das ist so eine Art Sofa, ich zeige dir mal so ein Möbelstück, wenn du willst“, sagte Mama und holte ihren Laptop. Dort gab sie ‚Chaiselongue‘ in die Suchmaschine ein und schon konnte Jakob sehen, wie so ein Sofa aussah. Im Grunde war es ein verlängerter Sessel. Große Menschen konnten sicher nicht so gut darauf schlafen, weil das einzige Kopfende hochgestellt war.
„Interessant!“, sagte Jakob, der seinen Uropa gern kennengelernt hätte. Aber das war ihm nicht vergönnt. Frieder Paulsen aus seiner Klasse hatte sogar noch beide Urgroßeltern. Das kam nicht so oft vor, meinte Mama.
„Hat der Uropa denn gar nicht beim Spülen helfen müssen?“, will Jakob jetzt von seiner Mutter wissen, denn gerade fällt ihm ein, dass sein Papa, als der Geschirrspüler einmal kaputt war, immer helfen sollte. Die Kinder mussten dann alles wegräumen. Das war blöd gewesen, hatte Papa auch gesagt und schnell dafür gesorgt, dass der Elektriker die Maschine wieder reparierte.
„Nein, ich glaube, er glaube, er hat nicht im Haushalt geholfen. Oma sorgte sogar dafür, dass man ihn in Ruhe ließ, wenn er aus dem Stall kam und das Vieh versorgt hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass alle dann mucksmäuschenstill sein mussten.“
Jakob überlegte einen Moment, bevor er die nächste Frage stellte.
„Durfte Uroma dann auch mal auf die Chaiselongue?“, er war ganz stolz, dass ihm das schwere Wort wieder eingefallen war.
„Ich glaube schon“, antwortete die Mutter. „Aber weißt du, was richtig schön war?“
„Nein, erzähl doch schon“, drängelte Jakob.
„Das war, wenn Opa auf seiner Chaiselongue saß wie auf einem Pferd, also mit ausgebreiteten Beinen. Dann klopfte er auf das Polster und das hieß, dass ich dann zu ihm mit auf sein Ross kommen durfte und wir taten so, als ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer. Das war schön!“ Mama hatte rote Wangen von Erzählen bekommen und vom Erinnern. Das tat gut!
„Mama?“
„Ja, Jakob?“
„Ich wünschte, wir hätten auch eine Chaiselongue!“, flüsterte Jakob.
„Wir nehmen einfach die Sofalehnen, komm!“, rief Mama und schon ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer.

© Regina Meier zu Verl

Die Eselsbrücke

Die Eselsbrücke

„Was ist denn das? Das ist doch kein Winter!“, sagt Frau Müller kopfschüttelnd. „Wenn ich da so an meine Kindheit zurückdenke … da gab es Schnee, massenhaft. Man konnte noch Schneemänner bauen und Rodelbahnen. Ach, was hatten wir für einen Spaß!“
Die junge Kassiererin lächelt freundlich und nimmt Frau Müllers EC-Karte, steckt sie in das Gerät und dreht eben dieses der Kundin zu. „Bitte geben Sie die Geheimzahl ein!“. fordert sie die Kundin auf.
Diese überlegt, tippt dann schnell vier Zahlen ein und sieht unmittelbar die Nachricht: Falscher Pin Code. Frau Müller versucht es noch einmal, fest davon überzeugt, dass sie sich einfach nur vertippt hat. Es klappt wieder nicht. Da Frau Müller mal gehört hat, dass nach dreimaliger falscher Eingabe die Karte gesperrt wird, traut sie sich nun nicht mehr. An der Kasse hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet.
Die Kassiererin ruft durch ihr Mikrophon: „Frau Sauerland, bitte an Kasse 2!“ Frau Müller ist blass geworden, sie überlegt fieberhaft und ihr will die Geheimzahl nun einfach nicht mehr einfallen.
Die Warteschlange wandert geschlossen zu Kasse 2, so dass die freundliche Kassiererin sich ganz auf Frau Müller konzentrieren kann. Sie kennt das, die Kundin ist nicht die Erste, der das passiert.
„Immer mit der Ruhe“, sagt sie deshalb. „Denken Sie einen Moment an etwas anderes, dann fällt Ihnen die Nummer sicher wieder ein!“
Frau Müller hört nicht zu. Sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Trotzdem fällt ihr dieser verflixte Pin-Code nicht ein. Nervös blättert sie in ihrem Portemonnaie und zählt den Inhalt. Es reicht nicht, um den Einkauf bar zu bezahlen.
„Was mache ich denn jetzt?“ Frau Müller ist dem Weinen nahe.
„Wir packen Ihre Einkäufe einfach in den Wagen, legen den Kassenzettel dazu und ich bringe den Wagen in unser Lager. Sie gehen eine Tasse Kaffee trinken und versuchen an etwas anderes zu denken, dann wird sicher die Geheimzahl wieder da sein. Ich habe das schon öfter erlebt. Später holen wir dann ihre Einkäufe wieder zurück und sie zahlen. Machen Sie sich keine Sorgen!“
Frau Müller ist dankbar. Das klingt unkompliziert und notfalls muss sie einfach schnell nach Hause fahren, denn sie hat die Zahlen dort notiert – für alle Fälle. Zuerst aber folgt sie dem Rat der netten Angestellten und setzt sich in das kleine Café direkt im Supermarkt. Sie bestellt einen Kaffee und ein dickes Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Den Gedanken an die Geheimzahl kann sie aber noch nicht loslassen. Erst als die sahnige Köstlichkeit auf ihrer Zunge zergeht, wandern die Gedanken zurück in die Kindheit. Sie denkt an ihre Mutter, die immer die herrlichsten Torten gebacken hat. Jedes Rezept hatte sie im Kopf gehabt. Sie war eine Meisterin im Backen gewesen. Ach ja, das war eine schöne Zeit, die Kindheit. Damals hatte es ja auch noch jede Menge Schnee gegeben.
Frau Müller lächelt und genießt. In Gedanken sieht sie die Mutter und baut mit ihr zusammen einen großen Schneemann. Auch der Vater ist da, er rollt die größte Kugel für den Unterbau, die Frauen kümmern sich um den Oberkörper und den Kopf. Als der Schneemann steht, nimmt die kleine Elisabeth ihren Schal und bindet ihn dem Schneemann um. Die Mutter holt eine Möhre aus der Küche und zwei Kohlen für die Augen. Mit Mamas rotem Lippenstift malen sie ihm einen Lachmund. Elisabeth ist so stolz. Dann beginnt der Schneemann zu sprechen: „Juli, August, Januar, Februar!“, sagt er.
Frau Müller lacht begeistert auf. Das ist es. So hat sie sich die Geheimzahl eingeprägt. Dass sie das vergessen konnte! Juli, August, Januar und Februar stehen für die Zahlen. Es ist doch ganz einfach. Schnell isst sie das letzte Stückchen Torte, trinkt noch einen kräftigen Schluck Kaffee und bezahlt. Ein großzügiges Trinkgeld gibt sie, dann eilt sie zur Kasse zurück. Strahlend!
„Sehen Sie, ich wusste es doch!“, empfängt sie die freundliche junge Dame. Sie rechnet noch schnell ab und schließt dann die Kasse. Dann holt sie Frau Müllers Einkaufswagen aus dem Supermarktlager. Mit dem Bezahlen gibt es nun auch keine Schwierigkeiten mehr. Wie gut, dass es diese Eselbrücke gab und dass sie Frau Müller rechtzeitig genug wieder eingefallen ist. Oder hat etwa der Schneemann tatsächlich gesprochen?

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Was man nicht alles im Kopf hat …

Gesangsstunde mit Lukas (Kindermund)

aus dem Archiv vom 10.08.2011, damals war Lukas 4 Jahre alt

Das Abendessen ist fertig. Lukas ist noch mit Opa im Pferdestall. Von dort bekomme ich ihn schlecht weg, es sei denn ich setze mich ans Klavier bei weit geöffneter Balkontür.
Sobald er die ersten Töne vernimmt, kommt er ins Haus und will mitspielen. Heute auch, ich spiele ein Menuett und bin kaum am Schluss, da sitzt er schon neben mir auf der Klavierbank.
„Rück mal, Oma!“
Klar rücke ich, viel zu gern tu ich das.
„Nehmen wir das randere Buch?“ Lukas krabbelt auf die Bank und sucht das Buch mit den Kinderliedern. Niedlich klingt das, wenn er „andere“ sagt, er setzt nämlich immer ein R davor, das randere Buch eben.
Wir spielen: Hänschen klein, Ein Männlein steht im Walde, Wer will fleißige Handwerker sehn?
Lukas singt alles mit, er liebt diese Gesangstunden mit mir und ich erst.
Dann sagt er plötzlich: „So, jetzt machen wir das Klavier zu, die Katastrophe ist zu Ende.“

 

Klebrige Küsse

Als Monika von ihren Kindern ein Handy geschenkt bekam, war sie zunächst wenig begeistert. Irgendwie hatte sie immer Angst etwas falsch zu machen. Manchmal war sie regelrecht erschöpft vom Ausprobieren der vielen Funktionen dieses Wundergerätes. Doch recht bald freundete sie sich mit ihm an. Schließlich war sie lernfähig.
Dabei ging es ihr gar nicht um die ständige Erreichbarkeit. Ab und zu braucht jeder seine Ruhe, vor allem abends. Monika stellte das Handy dann auf „lautlos“, erwischte sich aber dabei, dass sie ständig auf das Display schaute, ob jemand geschrieben oder angerufen hatte.
Praktisch fand sie auch, dass sie ihre Termine im Kalender nun verwalten konnte und jeweils eine Nachricht am Morgen und eine weitere genau eine Viertelstunde vor dem jeweiligen Termin bekam. Auf diese Weise konnte sie gar nichts mehr verpassen. Das gefiel ihr!
Adressen, Telefonnummern, Geburtstage und vieles mehr speicherte Monika sorgfältig im Handy ab und es erfüllte sie mit diebischer Freude, dass sie nun nichts, aber rein gar nichts mehr vergaß. Selbst dem Schulfreund aus lange vergangener Zeit schrieb sie eine SMS zu dessen Geburtstag – aufs Festnetz, denn das konnte man ja auch machen. Herrlich!
Nicht mit einer Silbe hatte sie daran gedacht, dass genau das zu Verwicklungen führen könnte.
Der Wortlaut der SMS war folgender: Rate, wer an dich denkt. Denk an klebrigen Kuss bei Abschiedsparty. Dornröschen
Lange hatte sie daran herumgefeilt, denn sie durfte nur 80 Zeichen verwenden. Sich kurz zu fassen, das war eigentlich nicht ihr Ding. Aber letztendlich war sie zufrieden. Die Nachricht beinhaltete alles, was wichtig war.
Achim würde sie schon verstehen. Monika kicherte, als sie sich an das Spiel erinnerte, das sie auf der Fete gespielt hatten. Damals verließen sie die Grundschule und gingen danach auf verschiedene Schulen, Achim aufs Gymnasium und sie selbst zur Realschule. Für das Spiel bekam ein Kind die Augen verbunden und wurde dann im Kreis gedreht, bis es die Orientierung verlor. Dann musste es einen Klassenkameraden ertasten und diesen dann küssen. Was man nicht wusste war, dass dieser zu Küssende einen Schaumkuss vor sein Gesicht hielt und dann ordentlich zudrückte, wenn sich der Mund des jeweiligen Kuss-Suchenden näherte. Das war eine Schweinerei, aber eine leckere und lustige. Monika hatte damals Achim ertastet und den Rest kann man sich denken.
Obwohl sie in der gleichen Stadt wohnten, hatten sie sich irgendwann aus den Augen verloren. Monika hatte seine Telefonnummer aber gefunden und an seinen Ehrentag erinnerte sie sich noch gut, weil es der gleiche Tag war, an dem auch ihre Mutter Geburtstag hatte.
Nachdem sie die SMS verschickt hatte, überkamen Monika Zweifel. Was wäre, wenn Achim den Anruf gar nicht entgegennehmen würde? Vielleicht war er ja verheiratet und seine Frau ging ans Telefon. Sicher war er verheiratet, er war schon damals ein Mädchenschwarm gewesen.
„Ich bin so blöd!“, schalt sie sich und starrte ihr Handy an. Sollte sie anrufen und das klarstellen? Sie traute sich nicht. Wie ein Tiger lief sie von einer Ecke des Zimmers in die andere. Sie nahm ein Buch und versuchte zu lesen, schaltete den Fernseher ein und wollte sich ablenken, es gelang nicht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang dann die Melodie der „Kleinen Nachtmusik“, ihr Handyklingelton. „Ja bitte!“, meldete sie sich mit zittriger Stimme.
„Halle Dornröschen!“ War das Achims Stimme? Klang er so als Erwachsener?
„Achim?“
„Nee, hier ist Volker. Ich bin Achims Mann!“
Schweigen.
„Aber … entschuldigen Sie. Ich wollte Achim zum Geburtstag gratulieren, wir sind zusammen zur Schule gegangen!“
„Und Sie haben klebrige Küsse getauscht!“, die Stimme des Mannes klang belustigt.
„Ja, wissen Sie, das war ganz harmlos damals und es ist ja auch schon sehr lange her“, stotterte Monika.
„Warum haben Sie ihn nicht einfach angerufen? Er steht hier neben mir und amüsiert sich prächtig, Moment …“
Oh weh, war das peinlich, Monika setzte sich. Sie hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment ohnmächtig werden würde.
„Hallo Dornröschen!“ Das war Achim, unverkennbar. „Überraschung gelungen!“
Die Beiden plauderten noch eine Weile und Monika lud Achim und seinen Mann für das nächste Wochenende zum Essen ein.

Nach diesem Schlüsselerlebnis schrieb Monika keine SMS-Nachrichten mehr und schon gar nicht ins Festnetz und ganz sicher nicht, wenn sie nicht ganz genau wusste, dass sie damit keine Verwirrungen oder gar Unfrieden stiften konnte.

© Regina Meier zu Verl

Ein seltsamer Traum

So intensiv wie in der letzten Nacht habe ich lange nicht geträumt. Eigentlich träume ich immer, kann mich aber meist nicht daran erinnern, oder es tauchen nur Bruchstücke auf in meiner Erinnerung. Diesmal ist es anders, vermutlich wird es der Inhalt einer Geschichte werden, die ich nun umgehend aufschreiben werde. Warum ich das jetzt schon erzähle, ohne über den Traum zu reden?
Kann ich erklären: ich setze mich damit ein wenig unter Druck, denn so kann ich am besten arbeiten und wenn ich es versprochen habe, dann halte ich das auch ein. Also, bleibt gespannt, es wird lustig!