Mama kann ins Herz schauen

Mama kann ins Herz schauen

Achim mag es gar nicht, wenn er sich verkleiden muss. Mama besteht aber darauf.
„Alle verkleiden sich, willst du denn als Außenseiter dastehen?“, fragt sie und hält ihm ein kariertes Hemd hin, eine Lederweste und ein Halfter für eine Pistole.
„Nun mach schon! Du wirst toll darin aussehen.“
Am liebsten möchte Achim am Rosenmontag gar nicht zur Schule gehen. Er findet Karnevalsfeiern blöd, superblöd sogar. Warum kann er nicht einfach er selbst sein? Zuhause bleiben darf er aber nicht, weil der Rosenmontag ein ganz normaler Schultag ist. Normal? Was ist daran normal?
Achim wagt noch einen Versuch, obwohl er bereits aus früheren Jahren weiß, dass er scheitern wird.
„Ich habe Halsweh!“, behauptet er und verstellt seine Stimme ein bisschen, damit sie sich krank anhört.
Mama hat ihn natürlich längst durchschaut. Aber sie spielt das Spiel mit.
„Sag mal AAAAA!“ Sie nähert sich ihm mit einem Löffel, den sie auf die Zunge legen will, um seinen Rachen genauer betrachten zu können. Tapfer hält Achim seinen Mund auf und lässt Mama in sein Innerstes schauen. Wenn sie doch nur sehen könnte, wie schlecht es ihm geht. Es ist ja nicht der Hals, der schmerzt. Es ist sein Herz und das kann Mama durch den Mund nicht sehen. Er schluckt und aus seinen Augen kullern Tränen.
„Mmh!“, sagt Mama. „Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut!“ Sie legt den Löffel in die Spüle und zieht Achim auf ihren Schoß. Aus den Kullertränen werden Sturzbäche. Achim schluchzt und schmiegt sich an Mama. Sollte sie etwa doch bis in sein Herz geschaut haben?
„Ich schlage vor, dass wir beide heute zu Hause bleiben. Kuschel du dich nochmal in dein Bett. Ich rufe meinen Chef und deine Lehrerin an und melde uns ab. Ich habe sowieso noch einige Urlaubstage zu bekommen.“
Achim ist erleichtert, ein dicker Stein plumpst ihm vom Herzen.
Als die beiden später bei einer Tasse Kakao in der Küche sitzen, fragt er Mama:
„Hast du in mein Herz geschaut Mama? Hast du gesehen, dass es mir ganz doll weh tut?“
„Ja!“, sagt Mama. „Und dann habe ich mich daran erinnert, wie ungern ich mich verkleidet habe und wie ich gelitten habe, wenn ich als Hexe, Prinzessin oder Rosenresli in die Schule gehen musste. So sind wir eben und so bleiben wir auch. Nicht jeder kann alles gut finden, nicht wahr?“
„Du bist die Beste!“, jubelt Achim und dann will er natürlich wissen, wer denn das Rosenresli ist.

© Regina Meier zu Verl 2016


Und wenn ihr, liebe Leser, das auch wissen möchtet, weil ihr noch nicht ganz so alt wie ich seid, dann schaut hier ROSENRESLI

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Bildquelle pixal2013/pixabay

Wenn ich mir selbst Geschichten erzähle

„Oma, warum machst du das?“, fragt mich mein Enkel, als er in mein Zimmer kommt und mich dabei erwischt, wie ich mir selbst eine Geschichte vorlese.
„Was meinst du?“
„Na, du kennst doch deine Geschichten schon alle. Warum liest du sie dir dann vor?“, will er wissen.
„Ich übe!“, erkläre ich.
„Aber warum? Du bist doch längst aus der Schule, musst du immer noch üben?“
Er staunt, für ihn sind Hausaufgaben ein Gräuel.
„Es macht mir Spaß und außerdem macht es mich sicherer, wenn ich anderen vorlese!“, mache ich noch einmal einen Erklärungsversuch.
„Ach so!“ Er überlegt. „Für mich liest du perfekt, ich finde nicht, dass du noch üben musst!“, behauptet er und das tut meiner Seele richtig gut. Trotzdem erwidere ich: „Perfekt bin ich ganz sicher nicht!“
„Do-hoch!“, sagt er ernst. „Du bist die perfekteste Regina, die ich kenne.“

Er kennt nur eine, aber das spielt keine Rolle. Ich lege mein Manuskript zur Seite und knuddel ihn, das kann ich ohne zu üben!

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Das kannst du nicht

Das kannst du nicht

Mucksmäuschenstill wurde es, als sich Esther erhob und in die Mitte des Raumes stellte. Sie blickte kurz in die Runde, lächelte und schlug ihr Buch auf und begann zu lesen:
„Ich lese ein Kapitel aus meinen Kindheitserinnerungen.
Es war ein paar Tage nach meinem sechsten Geburtstag. Ich hatte von meinen Eltern ein Fahrrad bekommen, konnte aber noch nicht fahren. Wie auch? Ohne Fahrrad war das eben unmöglich gewesen. Heute fangen die Kinder mit Laufrädern an, oder mit dem Dreirad. Meist können sie dann schon fahren und benötigen auch keine Stützräder mehr, wenn sie ein „richtiges“ Fahrrad bekommen.
Für mich war es schwer, das Fahren zu erlernen, denn ich war von jeher ein ängstliches Kind gewesen. Geschürt durch die Ängste meiner Mutter traute ich mir nichts zu. Aber ich war ehrgeizig, und das in jeder Beziehung, sogar beim Fahrradfahren.“
Esther hielt kurz inne und schaute in die Runde. Sie entdeckte kein bekanntes Gesicht, was nicht ungewöhnlich war, denn sie war heute in einer für sie völlig fremden Stadt. Wenn sie daheim Lesungen hielt, dann kamen oft die gleichen Zuhörer, was angenehm war und doch wieder nicht. Stets zweifelte Esther nämlich, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlte, wenn sie wahre Geschichten erzählte und so vermied sie, zu Hause aus ihren Kindheitserinnerungen vorzulesen. Bei diesem ersten Absatz hätte sich ihre Mutter sicherlich geärgert. Sie hörte ihre Stimme: „Geschürt durch die Ängste meiner Mutter? Was soll das denn heißen? Habe ich nicht alles für dich getan?“
Esther räusperte sich und fuhr fort:
„Mutig stieg ich immer wieder auf, immer und immer wieder, und schaffte es nach einiger Zeit ein paar Meter zu fahren, sprang dann aber wieder vom Rad und blieb mit klopfendem Herzen daneben stehen. Mama gab Anweisungen vom Straßenrand aus. „Kind, fahr vorsichtig! Pass auf, da kommt ein Schlagloch, du musst es umfahren. Sitz doch nicht so verkrampft! Du musst nach vorn schauen!“
Ich weiß, dass Mama es gut meinte. Aber manchmal ist eben weniger mehr. Sie traute es mir nicht zu, dass ich es schaffen würde. Erst viel später habe ich verstanden, warum das so war. Sie selbst hatte als Kind kein Fahrrad gehabt, es waren Kriegszeiten und auch ihre Mutter, meine Großmutter, war eine eher ängstliche Person. Ihre eigenen Wünsche stellte sie stets hintenan und versuchte meinem Großvater alles recht zu machen. Der nutzte das aus, was ich allerdings als Kind nicht so gesehen habe. Ich liebte meinen Opa sehr und er hat ein sehr wichtiges Stück meiner Kindheit wunderschön bereichert und in mir die Liebe zur Literatur, der Musik und zur Natur erweckt. Jedenfalls glaube ich, dass er es war, denn in vielen Dingen finde ich mich wieder und noch heute denke ich sehr viel an ihn. Er traute mir alles zu und sagte niemals den Satz: Das kannst du nicht!“
Im Publikum bekam jemand einen Hustenanfall. Esther unterbrach ihren Vortrag für einen Moment, nahm einen Schluck Wasser und setzte erst wieder an zu erzählen, als sich die Dame wieder gefangen hatte. „Entschuldigen Sie!“, rief die Frau. Doch Esther wehrte ab. „Alles ist gut!“, sagte sie.
„Nein, ist es nicht!“, schluchzte die Frau und alle sahen sich erstaunt nach ihr um. Was war denn nur in sie gefahren? Jemand reichte ihr ein Taschentuch und ein Glas Wasser. Die Anwesenden murmelten leise. Esther war verunsichert. Sollte sie ihren Vortrag fortsetzen, so, als sei nichts gewesen? Innerlich entschied sie sich dagegen, aber sie war nicht sicher, was man nun von ihr erwartete. Eine derartige Situation hatte sie noch nicht erlebt. Allerdings blitzte ein kleiner Hoffnungsschimmer, die Lesung zu retten, in ihr auf, als sie spontan ihre Gitarre zur Hand nahm, sich auf den Barhocker setzte, den man für sie bereitgestellt hatte und ein paar leise Akkorde anschlug. Sofort wurde es wieder still. Esther spielte eine Weise, die sie auch zu Hause spielte, wenn sie sich beruhigen wollte. Das funktionierte eigentlich immer und auch die Zuhörer genossen die butterweiche Melodie und die perlenden Tonfolgen. Während sie spielte, beschloss sie, die Erinnerungsgeschichte vorsichtig wieder aufzunehmen, ließ aber die Stellen aus, die eine erneute Traurigkeit verursachen könnte.
„Ich komme nun zum Ende dieses Kapitels meiner Kindheitserinnerungen, damit wir uns einer anderen Geschichte widmen können. „Das kannst du nicht!“, war ein Satz in meiner Kindheit, den ich oft zu hören bekommen habe. Vielleicht war es gerade dieser Satz, der mich gestärkt hat, denn ich wollte allen beweisen, dass ich eben doch kann, was ich können möchte! Ich fiel hin und stand wieder auf, richtete meine Krone, wie man heute so treffend sagt und wurde zu der Frau, die ich heute bin. Und ja, ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit mir kleinen Hindernissen hatte. Doch es waren nur kleine Steine, die da im Weg lagen. Ich habe sie zur Seite gekickt und weitergemacht!“
Esther schlug ihr Buch zu und ihr erster Blick ging in Richtung der Frau, die noch vor ein paar Minuten vom Weinen geschüttelt wurde. Sie saß entspannt auf ihrem Stuhl und lächelte Esther an. Nach der Lesung kam sie zu ihr und bedankte sich für den Abend. „Ich kann das auch! Sie haben mir Mut gemacht!“, sagte sie und drückte Esther die Hand.

© Regina Meier zu Verl

Jeder Tag ist wunderbar

Jeder Tag ist wunderbar

Anne hielt beim Schreiben inne und schaute versonnen aus dem Fenster. Was sollte sie einer Frau wünschen, die in den achtzig Jahren ihres Lebens schon so viel erlebt hatte und jetzt schwer erkrankt war? Gesundheit? Glück?
Ach, das war schwer, aber auch sie hatte von Katharina immer Briefe oder Karten bekommen, wenn es ihr einmal nicht so gut gegangen war.
Ein kleiner Spatz landete ungestüm auf dem Fensterbrett. Er stutzte, dann drehte er sein Köpfchen hin und her. Niedlich sah er aus.
Anne lächelte und in ihrem Bauch hüpfte jenes leise, glückliche Gefühl, das ihr immer so viel Kraft gab.
Mit einem Mal wusste sie, was sie schreiben könnte. Es ging doch gar nicht um irgendwelche Floskeln wie „Wie geht es dir, mir geht es gut“ Zuwendung brauchte man, egal in welcher Lebenssituation er sich befand. Sie würde sich Katharina zuwenden, ihr erzählen aus ihrem Leben, sie mitnehmen in ihre Gedanken. Vielleicht war dies das schönste Geschenk, das sie ihr machen konnte.
Ja, das war ein guter Ansatz. Aber halt: Sie musste doch etwas aufpassen, was sie erzählte. Und sie stellte sich vor, sie läge krank und freudlos im Bett. Was würde sie gerne von Freunden hören wollen? Dass es ihnen gut geht? Ja. Dass sie glücklich sind. Auch. Dass sie etwas Schönes erlebt hatten?
„Genau das“, sagte Anne wie bekräftigend. „Ich möchte all das Gute aus ihrem Leben hören. Aber … ein bisschen würde es mich schmerzen, dies alles selbst nicht erleben zu dürfen. Vielleicht nie mehr.“ Sie nahm entschlossen ihren Füller wieder zur Hand, legte den Briefbogen leicht schräg auf den Schreibtisch und begann zu schreiben:
Liebe Katharina, die ersten Frühlingssonnenstrahlen kitzeln meine Nase, während ich hier sitze und an dich denke. Kannst du die Sonne von deinem Bett aus sehen und kitzelt sie dich auch? Gerade hat ein kleiner Spatz mich besucht. Na ja, ich sollte besser schreiben, er hat sich verirrt. Auf mein Fensterbrett hat er sich gesetzt. Richtig empört war er, weil das Fenster ihm den Weiterflug versperrte. Er sah aus wie Fritzi. Erinnerst du dich noch an Fritzi, den kleinen Piepmatz, den wir mit Mehlwürmern großgezogen haben? In Birkenwalde war das. Ach, die friedliche Zeit der Kindheit.“
Anne stand auf und öffnete das Fenster. Tief atmete sie die noch frische Frühlingsluft ein. Duftete sie nicht ein bisschen nach Meer? Und nach frisch gepflügter Erde, ein bisschen auch nach Knoblauch. Sie schnupperte. Ob im Wäldchen schon der Bärlauch wuchs? Wie in Birkenwalde? Wieder schweiften ihre Gedanken in die Kindheit zurück. Es war eine glückliche, erfüllende Zeit gewesen, trotz des Krieges, aber das war ein anderes Kapitel. Sie seufzte und beschloss, die Erinnerungen in ihrem Brief an die Freundin weiter aufzufrischen. Gab es Schöneres als die Gedanken an das Kindsein?
Weißt du noch, wie wir dem Peterle immer wieder Streiche gespielt haben, obwohl es doch so ein herziger Junge war, der uns vergöttert hat? Ob er noch lebt? Hast du später noch einmal etwas von ihm gehört, Katharina? Wie schön wäre es, wenn wir drei uns in diesem Leben noch einmal treffen könnten. Vielleicht hat er den Weg in die Heimat noch einmal geschafft und unseren Schatz ausgegraben. Wie oft denke ich an diese alte Kiste, die wir am Waldrand unter der großen Kiefer vergraben hatten. Für später, wenn wir mal alt sind. Oh ja, was für Ideen wir hatten!
Gerade fällt mir auch Fräulein Sanftenberg wieder ein, die uns mit ihrer Engelsgeduld das Nähen beibringen wollte, weil sich das für ein gut erzogenes Mädchen so gehörte. Hast du es jemals gelernt? Ich nicht, ich kann gerade mal einen Knopf annähen, oder besser gesagt: ich konnte, denn heute sind meine Augen so schlecht, dass es mir schon schwerfällt, einen Faden in die Nadel zu bekommen. Aber die wichtigen Dinge, auf die es ankommt, die kann ich noch sehr gut sehen. Meine Augen haben irgendwann begonnen, nur noch das scharf zu sehen, was sie sehen wollen. Eine richtige Einstellung. Sie blicken zurück und nach vorne und sie verweilen auch gerne in der Gegenwart und bestaunen den Tag. Weißt du, jeder Tag ist kostbar, egal, wie man sich fühlt. Er ist ein Geschenk und ich hoffe so sehr, dass du ihn auch als solches wahrnimmst, meine Liebe.
Anne las das Geschriebene noch einmal durch und beschloss, den Brief mit liebevollen Grüßen zu beenden und noch am gleichen Tag zum Postkasten zu bringen. ‚Wir haben nicht mehr so viel Zeit‘, dachte sie und tröstete sich mit dem Gedanken, dass man jeden Tag wieder neu beginnen konnte, einen wunderbaren Tag zu erleben. Man musste nur genau hinschauen!

© Regina Meier zu Verl

Die Geschichtenschreiberin und ihr Liegestuhl

Die Geschichtenschreiberin und ihr Liegestuhl

Ich liebe meinen alten Liegestuhl. Es ist ein wackliger Holzstuhl, an dem man sich beim Aufstellen regelmäßig die Finger klemmt und das tut richtig weh. So oft habe ich ihn schon verflucht und ihn unsanft in die Ecke geschubst. Trotzdem hole ich ihn in jedem Jahr wieder aus seinem Verschlag, denn wenn man erstmal drin liegt, dann kann es keinen besseren geben. Meine Freundinnen beneiden mich heiß und innig um diesen Oldie unter den Stühlen. Und damit komme ich auch schon zu seiner Farbe. Der Stoff ist schlüpferrosa, vor Hässlichkeit schon wieder schön. Ehemals war er pinkfarben, durch die Kraft der Sonne ist er aber mittlerweile so ausgeblichen, dass das Schlüpferrosa es wirklich viel besser trifft.
Sommertags nehme ich schon mein Frühstück im Liegestuhl ein. Ich mag feste Rituale, wozu auch das obligatorische Marmeladenbrot gehört und natürlich Kaffee, aus meinem Lieblingsbecher, dem mit den Glückspilzen.
Auf dem Hocker neben mir muss mein Diktiergerät liegen, weil ich nämlich in meinem Liegestuhl die allerbesten Ideen habe. Wenn ich erstmal darin sitze, dann muss ich sitzenbleiben, denn das Aufstehen fällt mir zusehends schwerer, weil ich ja mit dem Hintern fast auf dem Boden hänge und richtig festhalten kann ich mich am Stuhl nicht. Ich will ihn ja nicht kaputtmachen. Nicht auszudenken, was ich ohne ihn machen sollte, wenn ich eine Sommergeschichte schreiben will. Also: das Diktiergerät liegt bereit und mein Handy natürlich, weil es doch immer mal wieder was zu recherchieren gibt, was nicht auf die lange Bank geschoben werden kann.
Erst neulich hatte ich diese Situation. Ich hatte den Liegestuhl im Wohnzimmer aufgebaut, wollte mir einfach das Sommerfeeling geben, weil eine Sommergeschichte angesagt war. Für den Garten war es aber noch viel zu kalt und die Nachbarn reden schon genug über mich. Die Idee für eine Geschichte war längst geboren, allein das Gefühl dafür fehlte mir noch. Ich liebe es, wenn meine Geschichten möglichst authentisch rüberkommen und dazu gehört, dass ich sie im passenden Möbelstück ersinne. Schreib ich zum Beispiel über eine Krankheit, dann liege ich im Bett, habe Tee auf dem Nachtschränkchen und ein Fieberthermometer im Mund. Aber ich will nicht abschweifen. Also: ich lag im Liegestuhl im Wohnzimmer und wollte etwas über eine dreifarbige Glückskatze schreiben. Die haben einen besonderen Namen und der wollte mir partout nicht einfallen. Recherche war angesagt und dann kam es, das Handy lag nicht bereit, um mal eben ins Internet zu schauen. Ich fluchte laut, entschuldigte mich beim Wellensittich, der dummerweise jedes Wort versteht und quälte mich aus dem Stuhl, der, als ich so richtig zupackte, zusammenklappte und ich mit ihm. Das wäre nicht so tragisch gewesen, wenn nicht der Spielzeugtrecker meines Enkels direkt unter dem Liegestuhl gestanden hätte. Fragen Sie mich nicht, wie er dahin gekommen ist, auf jeden Fall war er da und ich landete mit dem Po direkt auf diesem Eisenteil, das ja unter dem rosa Stoff nicht zu sehen gewesen war, was auch eigentlich egal war, denn gestürzt wäre ich ja auch, wenn ich es gesehen hätte.
Zwei weitere Flüche später hatte ich mich auf die Knie gerollt und zog mich an der antiken Kommode hoch, die glücklicherweise sehr stabil ist und ganz nahe bei mir stand. Du meine Güte, wie schmerzte mein Hinterteil, unglaublich. Da ich noch im Schlafanzug war, zog ich die Hose runter, um den Schaden zu begutachten, konnte mich aber nicht soweit drehen, dass ich einen Blick auf meine hintere Hälfte tun konnte, also stolzierte ich vorsichtig in Richtung Bad, stellt mich vor den Spiegel, rückwärts, und schaute mir über die Schulter. Das hätte ich besser nicht gemacht, denn was ich da sah, das verdarb mir den Tag und den nächsten und die ganze Woche, wenn nicht sogar zwei. Der „Schlagschaden“ war noch gar nicht zu sehen, er schmerzte nur, aber der Hintern, meine Güte, wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich längst eine Diät eingelegt. Verzweifelte Tränen! Sturzbachartig! Dann die Erkenntnis: Der Spiegel geht nicht richtig, genau wie die Waage, wir sollten beides bei Gelegenheit ersetzen. Am Tag später kaufte ich mir eine Zehnerkarte fürs Schwimmbad, schwimmen ist immer gut. Bereits morgens um sechs ziehe ich seitdem meine einsamen Bahnen, ich möchte nicht, dass jemand den blauen Fleck entdeckt.
Mittlerweile habe ich den Schock fast überwunden, den Liegestuhl kann ich nun sogar schon wieder draußen aufstellen, weil der Frühling in diesem Jahr recht zeitig gekommen ist. Unterm Hintern liegt aber jetzt immer ein dickes Kissen, vorsichtshalber, denn man weiß ja nie, wann mein Lieblingsmöbelstück mal wieder verrückt spielt und mich abwirft, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Einschlafrituale (Kindermund)

„Gute Nacht, schlaf schön!“
„Gute Nacht, Oma!“
Lukas zieht die Decke bis an die Ohren und legt sich auf die Seite. Gerade will ich die Tür schließen, da ruft er:
„Oma, du hast mich noch nicht zweimal geküsst!“
Klar, ich habe ihn erst einige Male geknuddelt, jetzt kommt noch das Zweimalküssen.
Lukas ist zufrieden und grinst mich an.
„Gute Nacht, Lukas!“
„Gute Nacht, Oma!“
Die Tür ist schon geschlossen, als Lukas wieder ruft:
„Oma, du hast meinen Kosie noch nicht geküsst!“
Kosie ist sein Teddybär, natürlich muss er auch noch geküsst werden.
„Gute Nacht, Kosie, gute Nacht, Lukas!“
Eine Weile ist Ruhe, dann ruft Lukas:
„Oma, du hast die Lampe noch nicht geküsst!“

Ich küsse die Lampe, dann Kosie und dann noch einmal Lukas und dann ist er wirklich zufrieden und schläft. Herrlich!

Sommersprossen

Aus den Enkeltagebüchern

„Lukas, was hast du für niedliche Sommersprossen auf der Nase!“

„Hab ich gar nicht!“

„Doch, kleine süße Pünktchen!“

„Zeig!“

Wir gehen ins Bad und Lukas schaut sich seine Sommersprossen an. Sie sind kaum zu sehen und wegputzen kann man sie nicht, stellt er fest.

„Oma?“

„Ja?“

„Und was ist mit den Wintersprossen?“

Kinobesuch

Gestern, am Sonntag, war ich im Kino. Oh, so lange war ich nicht mehr in einem Kino, sicher ist es zehn Jahre her seit meinem letzten Besuch.

Meine Freundin wusste, dass ich das Buch „Der Gesang der Flusskrebse“ gelesen hatte und davon sehr begeistert war. Jetzt waren wir zusammen in dem Film, der mir zwar sehr gut gefallen hat, aber natürlich kommt er nicht an mein Kopfkino ran, dass ich während des Lesens hatte. Kann er ja auch nicht, und das war mir eigentlich auch klar.

Trotzdem fand ich den Film super gemacht und habe es nicht bereut, hingegangen zu sein. Wäre auch schade gewesen, denn außer uns beiden waren genau noch fünf weitere Leute im Kino. (Sonntagsnachmmittagsviorstellung um 16.45 Uhr) Ich fand es zwar angenehm, aber kostendeckend ist es sicher nicht für den Kinobetreiber. Und wir haben nichtmal Popcorn gekauft – sowas aber auch!

Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Omas Zaubermusik

Omas Zaubermusik

„Eines Tages werde ich nicht mehr da sein und was soll dann aus meinen unzählig vielen Büchern und Notenbüchern werden? Ich sollte so langsam aber sicher versuchen, einiges davon zu verschenken und zu entsorgen, was niemand mehr haben möchte!“ Das waren Großmutters Worte und die hatten mich heftig getroffen. Natürlich hatte sie recht, aber so richtig annehmen konnte ich das noch nicht. Überhaupt verstand ich es nicht, wie man an den eigenen Tod und an all das, was die Erwachsenen „letzter Wille“ nannten, denken konnte. Großmutter durfte nicht sterben. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Das ging nicht.
Ihre Entschlossenheit aufzuräumen, würde ich aber nicht ändern und deshalb half ich eben ein wenig mit. Das war interessant, denn Oma kam ins Erzählen, wenn ich eine Frage zu einem Buch oder einer Notensammlung stellte. Ab und zu setzte sie sich sogar ans Klavier und spielte mir etwas vor. Und wenn sie ihr Spiel besonders stark berührte, schloss sie die Augen, und dann, ja, dann weilte sie in anderen Welten. Schönen Welten. Die schönsten, die Musik zu erschaffen fähig ist.
Ich schloss dann die Augen und träumte tolle bunte Bilder. Omas Musik war eine Zaubermusik und ich konnte mir nicht vorstellen, sie einmal nicht mehr hören zu können.
„Oma, du weißt ja, dass ich nächste Woche Geburtstag habe, oder?“ fragte ich, als wir wieder einmal so eine zauberhafte Zeit miteinander verbracht hatten. “Darf ich mir etwas wünschen?“
„Natürlich weiß ich das. Aber eigentlich habe ich schon ein Geschenk für dich!“, antwortete Oma. „Doch, lass hören, was du dir noch wünschst!“
„Ich wünsche mir, dass wir deine Musik aufnehmen, damit ich sie immer und immer wieder anhören kann!“
„Meine Musik? Aufnehmen?“ Oma sah mich erschrocken an. Fast wirkte sie verstört und das kannte ich bei ihr, dieser selbstsicheren Frau, gar nicht. „Es … es ist doch nur ein bisschen Geklimper. Nichts weiter“, wiegelte sie rasch ab. „Das kann auch weg.“
Nun war ich es, die erschrak. Oma hatte es doch sonst so gar nicht mit dem Wegwerfen und nun tat sie genau das mit ihrem ganzen Lebensinhalt. Fühlte sie sich vielleicht krank?
Mir war klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste und ich hatte auch schon eine Idee. Wenn sie das nächste Mal spielen würde, würde ich heimlich mit Mamas Handy eine Aufnahme machen. Das würde Mama mir sicherlich erlauben.
Wie gedacht, so getan. Es war nicht schwer, Oma erneut zum Spielen zu überreden. Sie begann mit Beethovens Für Elise, dann spielte sie einen Walzer von Chopin. Der war wunderbar und schien gar kein Ende zu haben. Oma spielte und spielte und die Melodien wurden immer schöner und verträumter. Es war, als zauberten sie Licht ins Zimmer, das in kleinen Perlchen über unseren Köpfen tanzte. Oma hatte längst die Augen geschlossen und da merkte ich, dass es nicht mehr Chopins Musik war, die wir hörten, sondern Omas.
Es war wunderbar und keine Aufnahme der Welt konnte das wiedergeben. Trotzdem war ich unheimlich froh, dass ich die Musik aufgenommen hatte, denn ich würde mich auf diese Art und Weise immer an dieses wunderbare Konzert, nur für mich allein, erinnern!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte, in der es um eine alte Dame und die Musik geht, findet ihr hier: Mondscheinsonate