Käthe wartet

Käthe wartet

Käthe steht an der Gartenpforte und schaut. Jeden Tag sieht man sie dort, immer zwischen Zwölf und Eins mittags. Sie schaut nach rechts, dann nach links, dann wieder eine Weile geradeaus. Sie wartet.
„Schau, Mama, die Käthe, da steht sie wieder!“ Florian sitzt am Küchentisch und beobachtet die Nachbarin aus dem Haus gegenüber. Er kennt sie gut, aber in den letzten Monaten ist sie so komisch geworden, so dass Florian manchmal sogar etwas Angst vor ihr hat.
„Sie wartet!“, sagt Mama und Florian nickt. „Weiß ich ja. Aber merkt sie denn nicht, dass sie ganz umsonst dort wartet?“
„Nein, Florian, Käthe vergisst es immer wieder. Sie denkt, dass ihre Kinder jeden Moment aus der Schule kommen müssten. Das hat sie mir erzählt und als ich sagte, dass die Kinder doch längst erwachsen sind, da hat sie geweint und ist ins Haus gelaufen.“
„Sie tut mir so leid!“ Florian hat Tränen in den Augen, denn er mag die alte Dame so gern leiden. Früher hat sie ihm Geschichten erzählt. Aber heute ist Florian ja schon ein großes Schulkind und er kann seine Geschichten selbst lesen.
„Meinst du, ich sollte sie mal fragen, ob sie mir eine Geschichte vorliest?“, fragt Florian die Mutter.
„Versuch es, aber jetzt essen wir erst einmal, später kannst du zu ihr gehen.“
„Und wenn sie mich wieder nicht erkennt?“
„Dann stellst du dich vor und sagst ihr wer du bist, wo du wohnst und dass du immer so gern ihre Geschichten hörst. Dann wird sie sich bestimmt erinnern, noch kann sie das!“
Am Nachmittag geht Florian zu Käthe. Mama hat ihm einen schönen Strauß Löwenmäulchen aus dem Garten mitgegeben.
„Ach du lieber Junge“, begrüßt ihn Käthe. „So schöne Blumen“, sie nimmt die Blumen und holt gleich eine Vase aus der Küche.
„Setz dich doch, Kleiner!“
Großzügig überhört Florian das „Kleiner“. Eigentlich mag er das nicht hören, aber Käthe darf das und heute ist sie auch wunderbar gelaunt und nicht so zickig wie beim letzten Mal, als sie sich so darüber geärgert hat, dass sie sich nicht an Florians Namen erinnern konnte und ihm einreden wollte, dass er gefälligst Josef zu heißen hat.
„Ich bin übrigens der Florian!“, sagt er schnell.
„Aber das weiß ich doch, Kleiner. Magst du einen Kakao?“
„Nein, ich habe gerade zu Mittag gegessen, aber eine Geschichte würde ich gern hören.“
Käthes Augen strahlen, sie setzt sich in den großen Sessel, legt die Beine auf die Fußbank und beginnt:
„Heute erzähle ich dir eine Geschichte, die der Josef auch immer so gern gehört hat, weißt du, der Josef, das ist mein Jüngster!“
Florian lauscht der Geschichte, er kennt sie schon, aber das macht gar nichts. Käthe ist glücklich und es tut ihr gut zu erzählen, das merkt Florian und er nimmt sich vor, sie nun wieder öfter zu besuchen.

© Regina Meier zu Verl

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Ein märchenhafter Geburtstag

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
„Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
„Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
„Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
„Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
„Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
„Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
„Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
„Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

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Ich denke noch oft an Maria (6)

Teil 6
„Seit du zu mir kommst, tun es meine Blumen viel besser. Haste das schon gemerkt?“ Maria deutete auf die breite Fensterbank, die allerlei Zimmerpflanzen beherbergte. Ein seliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
„Aber ich mach doch gar nichts weiter, ich gieße sie nur und ab und zu bekommen sie ein Schlückchen Dünger!“, wehrte ich ab. Das war ja nun wirklich kein Ding.
„So einfach ist das nicht!“, behauptete Maria. „Das machen andere auch und trotzdem gehen die Blumen jämmerlich ein. Ich habe gar keinen grünen Daumen!“
Ich betrachtete meine Daumen und hielt sie Maria hin. „Ich auch nicht, guck!“
Maria lachte. Oh ich liebte es, wenn sie lachte. So richtig mit Ton, meine ich. Sie gluckste so niedlich und meist dauerte es nicht lange und sie musste ihre Tränen wegwischen. Tränen lachen, sagt man wohl.
„Jetzt aber mal Spaß beiseite und Ernst inne Mitte“, sagte Maria und das reizte mich schon wieder zum Lachen. „Okay“, keuchte ich. „Ernst inne Mitte!“
„Also pass auf, das ist nämlich so: wenn einer kein guter Mensch ist, dann verrecken die Blumen, ja, so ist das!“ Sie nickte bekräftigend mit dem Kopf und wurde ganz ernst.
„Das kann ja nicht sein, du bist ein guter Mensch, Maria. Das weiß ich zufällig ganz genau!“
„Meinste?“
„Ja, meine ich!“
Schweigen. „Danke“, flüsterte sie dann. Und plötzlich war der kleine Schalk wieder da, der ihr so oft im Nacken saß. Sie grinste, hob verschmitzt die Schultern an, setzte ihren Rehaugendackelblick auf und sagte: „Und weil wir beide so gute Menschen sind, machen wir es uns jetzt gemütlich und du liest mir etwas vor!“ Punkt. Wer könnte da widersprechen?
„Was möchtest du hören?“, fragte ich und trat ans Bücherregal.
„Lies mir das Märchen von dem gerechten Vadder vor, du weißt schon, der mit der Öllampe und dem Tod!“

Mittlerweile kannte ich das Märchen gut und konnte es sogar in Plattdeutsch erzählen, so oft hatte ich es Maria schon vorgelesen. Kurz in eigenen Worten: Es geht um einen, der sich einen Vater suchen will und der soll gerecht sein. Als er unterwegs ist, begegnet dem Herrgott. Den will er aber nicht als Vater. Er sei nicht gerecht, dem einen gibt er viel und andere müssen darben. Er wandert weiter und trifft den Tod. Der soll sein Vater sein, weil er gerecht ist und zu jedem kommt, ob arm oder reich, jung oder alt. Der Tod erklärt ihm, dass das mit dem Leben so sei wie mit einer Öllampe, der eine hätte noch viel Öl zur Verfügung, der andere nur wenig, bei einem sei sie schnell verloschen, ein anderer müsse sich noch ein wenig quälen, bis das Licht erlischt. Nun möchte er wissen, wieviel Öl noch auf seiner Lampe war. Ach, sagte der Tod, da ist noch allerhand drauf. „Kannst du nicht noch ein Schlückchen nachgießen?“ wurde er gefragt. „Das würde ich gern tun, aber das ist nicht gerecht!“, antwortete der Tod.

„Is ja so!“, sagte Maria dann jedes Mal, wenn das Märchen zu Ende war.
„Ja, is so!“, sagte ich und dann legte ich das Buch zur Seite. „Nächstes Mal lese ich aber ein anderes Märchen!“, schlug ich stets vor. Aber dazu ist es nur selten gekommen. In unserer Märchenhitparade stand „Der gerechte Vadder“ einfach auf Platz Eins.

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Ich denke noch oft an Maria (5)

Teil 5
Nachhilfe in Kirchensachen (5)

„Ich war das jüngste von sechs Kindern, das einzige Mädchen. Min Vadder hatt sick nen Ast avfröiet, wann hi datt jewahr woard!“, erzählte Maria.
„Meine Brüder waren viel älter als ich. Zwei von ihnen sind im Krieg gefallen und die anderen gingen in die Fabrik zur Arbeit. Was die da gemacht haben, da wurde bei uns nicht drüber gesprochen und wenn ich nachfragte, dann bekam ich immer die Antwort: Dat is nix for Froonslöid und schon gar nich for Kinners!“
Maria war also einerseits das jüngste Kind gewesen, andererseits musste sie aber bereits im Alter von zehn Jahren den Haushalt übernehmen, weil die Mutter starb.
„Ich weiß auch nicht, was usse leiwe Herrgott sich dabei denket hat. Das war doch nicht gerecht!“, sagte sie und ihre Augen wanderten ins Weite.
„Dann hattest du es sicher nicht leicht!“, sagte ich nach einer Weile. Maria wischte über ihre Augen und schon lächelte sie wieder.
„Ich bin ja noch hier, wie du siehst. Es ging schon! Übrigens habe ich einen Wunsch: Würdest du mal mit mir in die Kirche gehen? Ich möchte so gern eine Kerze anzünden!“
Den Wunsch konnte ich ihr nicht abschlagen.
„Klar, wann immer du möchtest!“
„Jetzt!“, sagte sie. „Sag mal, bist du eigentlich katholisch?“, wollte sie wissen. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin evangelisch!“
„Da hab ich nix um bei. Wat usse Herrgott sähet hett, dat blöihet auk, egal, was da för en Noame dransteht!“
„Meinst du, dass mich der Herrgott gesät hat?“, fragte ich lachend.
„Sicher, wer denn sonst!“, behauptete Maria.
Wir machten uns fertig und fuhren dann zur Kirche, nicht ohne einen kleinen Abstecher auf den Friedhof zu machen. Maria zeigte mir die Gräber ihrer Familienangehörigen und an jedem betete sie ein kurzes Gebet.
„Mitmachen!“, forderte sie mich auf, als sie sich bekreuzigte und dann zeigte sie mir, wie man das macht. Wieder was gelernt.

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Ich denke noch oft an Maria (4)

Teil 4

Morgens studierte ich immer zuerst die Zeitung, bevor ich zu Maria fuhr. Sie wollte nämlich immer wissen, was es so an Neuigkeiten aus der Region gab. Natürlich hatte sie auch eine eigene Zeitung, aber Maria gefiel es viel besser, wenn ich ihr erzählte, was so los war.
„Ich kann das dann besser behalten!“, klärte sie mich auf. „Weißte, ich bin so ein Ohrenmensch!“
„Ja, es gibt unterschiedliche Menschen, ich bin beispielsweise ein Augenmensch. Wenn ich mir etwas merken will, dann muss ich es aufschreiben, sonst vergesse ich es leicht.“, antwortete ich ihr.
„Habe ich längst gemerkt!“, behauptete Maria und lachte. „Du guckst immer so!“
„Wie gucke ich?“
„Na, wie so‘n Augenmensch eben, neugierig nennt man das wohl!“
„Und Ohrenmenschen sind nicht neugierig?“, fragte ich und fühlte mich doch tatsächlich ertappt. War ich wirklich neugierig? Bisher hatte ich mich selbst nicht so eingeschätzt.
„Doooch, Ohrenmenschen sind auch neugierig, aber am Allerschlimmsten sind die Nasenmenschen!“
Maria zog ihre Nase in Falten und schniefte laut. „Die kann ich gar nicht leiden, überall schnüffeln sie herum und machen Fisimatenten!“
„Kennst du viele Nasenmenschen? Gib mir mal ein Beispiel, bitte! Und was sind Fisimatenten?“, fragte ich sie und wartete gespannt ab.
Maria überlegte eine Weile, zog an ihren Ohrläppchen, wischte sich die Augen, rümpfte die Nase und legte die Stirn in Falten. Das dauerte ein paar Minuten, ich ließ sie in Ruhe nachdenken. Plötzlich strahlte sie.
„Nu hä ick dat vergeten, wo ick über nachdenken wullt!“
„Fisimatenten! Du wolltest mir sagen, was Fisimatenten sind!“
Maria strahlte noch immer.
„Dat sachte unser Vadder immer, wenn wir Blödsinn gemacht haben: Lasst doch diese Fisimatenten!“
Ich nahm mein Notizbuch und schrieb mir das Wort schnell auf.
„Du bist ein Augenmensch, ne!“, lachte Maria und ich stimmte fröhlich mit ein.
„Stimmt, und du bist ein Ohrenmensch, und Nasenmenschen mögen wir beide nicht!“

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Ich denke noch oft an Maria (3)

Maria hatte immer Hunger. Sie war eine zierliche Person und ich wunderte mich oft, wo diese Mengen an Essen blieben. Man sah es ihr nicht an, dass sie ein so guter Futterverwerter war. Sie bevorzugte alles, was sie mit einem großen Löffel vom Teller schaufeln konnte. Also kochte ich abwechslungsreiche Eintopfgerichte, mundgerecht.

Bei der Zubereitung half sie gern. Am liebsten schälte sie die Kartoffeln in kleine Würfel. Ich musste aufpassen, dass sie in ihrem Eifer nicht zu viele Kartoffeln verarbeitete, denn sie hatte ja immer für eine große Familie gekocht und hatte nun das Maß verloren.

An dem Tag, von dem ich heute erzähle, gab es Bohneneintopf mit frischem Suppengemüse aus dem Garten und herrlich duftendem Bohnenkraut. Um Maria eine Freude zu machen, hatte ich Hähnchenfleisch mitgebracht, das ich in Pfanne in kleinen Stückchen angebraten hatte. Kurz bevor der Eintopf fertig war, legte ich das Fleisch mit in den Topf und schloss den Deckel, damit es noch eine Weile durchziehen konnte. Dann schlug ich Maria vor, noch einen kleinen Rundgang durch den Garten zu machen.
„Nee, das mach du mal allein, ich bin heute schon so viel herummarschiert, ich will mich ausruhen!“, sagte sie und ließ sich auch nicht umstimmen.
„Na gut, dann mache ich noch schnell die Betten, danach können wir dann essen!“ Ich ging ins Schlafzimmer und brauchte ungefähr zehn Minuten.

Als ich in die Küche zurückkam, stand Maria vorm Herd, den großen Löffel, den sie in der Hand hatte, warf sie mit einem Schwung in die Spüle, die drei Schränke weiter stand. Dann drehte sie auf dem Absatz um und rannte zu ihrem Platz auf der Eckbank.
„Ich war das nicht!“, behauptete sie, dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. War ja auch nicht schlimm, sie durfte probieren, so viel sie wollte.

Angestrengt schaute sie anschließend auf ihre Hände, so als gäbe es da etwas Wichtiges zu sehen. Sie fühlte sich ertappt und ich musste innerlich grinsen. Wie ein kleines Kind, das etwas Schlimmes gemacht hat benahm sie sich.
„Können wir jetzt endlich essen?“, fragte sie nach einer kurzen Schweigeminute.
„Klar!“ Ich holte die Suppenkelle, stellte einen Untersetzer auf den Tisch und wollte ihr den Teller füllen. Ich staunte nicht schlecht, als ich im Topf nicht ein einziges Stückchen Fleisch mehr vorfand. Es waren drei Hähnchenschnitzel drin gewesen, vor zehn Minuten noch. Maria hatte sie verputzt ohne mit der Wimper zu zucken.
Als sie das Gebet gesprochen hatte und wir uns einen guten Appetit wünschten, schaute sie irritiert auf den Teller und sagte: „Kind, in einen Eintopf gehört ein gutes Stück Fleisch, denk nächstes Mal dran. Ich esse am liebsten Geflügel!“

Ich konnte mich nun nicht mehr zusammenreißen und lachte lauthals los. Maria lachte mit.

„Ist doch nicht so schlimm!“, tröstete sie mich. „Das lernste auch noch!“

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Ich denke noch oft an Maria (1)

Bei der nachfolgenden Erzählung handelt es sich um den ersten von 4 Teilen über eine Dame, die mir sehr ans Herz gewachsen war. Leider ist sie bereits vor einigen Jahren verstorben, aber in meinen Gedanken ist sie noch da, beinahe täglich. Heute Nacht habe ich von ihr geträumt, aus diesem Grund stelle ich nun in den nächsten 4 Tagen ihre Geschichte hier vor, die ich schon vor längerer Zeit aufgeschrieben habe.

Ich denke noch oft an Maria

„Guten Morgen, Maria!“
„Mein Gott nich will, is dat denn schon wieder so late?“
„Nein, es ist erst Sieben, also lass dir Zeit mit dem Wachwerden. Ich setze schon den Kaffee auf.“
Maria ist 86 Jahre alt. Sie hat Arthrose in allen Gelenken, kann sich schlecht bewegen und braucht meine Hilfe beim Waschen und Anziehen. Nur selten habe ich eine ältere Person kennen gelernt, die so zufrieden und dankbar ist. Sie ist eine Frohnatur und ich gehe richtig gern zu ihr. Während ich das Geschirr vom Vorabend spüle und den Kaffeetisch decke, steht Maria auf. Dann geht es ins Bad. Ich wasche sie von Kopf bis Fuß, während sie mir Geschichten von früher erzählt. All das, was sie als junges Mädchen und später als junge Frau erlebt hat, fällt ihr wieder ein und ich bedaure einmal mehr, dass ich mir nicht alles merken kann. Jede lustige Formulierung möchte ich am liebsten aufschreiben und festhalten. Manchmal müssen wir beide laut lachen, es ist eine fröhliche Stimmung zwischen uns beiden, herrlich.

„Habe ich dir schon erzählt, wie das mit der Kuh beim Nachbarn war? Ich meine die, die sich einfach nicht melken lassen wollte?“
Ich kenne die Geschichte, aber ich will sie noch einmal hören. Deshalb stelle ich mich unwissend.
„Ich glaube nicht, erzähl doch mal!“IMG_20160430_143640191
„Also, das war so: Ich sollte die Kuh vom Nachbarn melken. Mein Vater und der Nachbar warnten mich. ‚Dat Mistvieh schloaget ut, pass man chaut uppe!’ Ich habe mir eins ins Fäustchen gelacht und dachte, dass die mich veräppeln wollten. Also habe ich die Kuh angesprochen und ihr erst was erzählt. Liesken, habe ich zu ihr gesagt, Liesken, wolln wa de Mannsloije dat ma teigen?
Ich habe den Melkschemel dann rechts neben die Kuh gesetzt, rechts …“
Maria sieht mich erwartungsvoll an. Ich schalte nicht sofort, frage dann aber interessiert:
„Rechts?“
Maria strahlt.
„Ja genau, das ist ja das Geheimnis. Dat Liesken ließ sich einfach nur von rechts melken. Ich sachs dir, die hat nich geschlagen, kein bisschen. Ich konnte sie in Ruhe melken, so richtig schön mit Schaum oben auffe Milch!“
„Klasse!“ sage ich. „Und die Männer?“
„Die haben nur Bauklötze gestaunt, als ich ihnen den Milcheimer zeigte. Aber ich habe ihnen nichts verraten. Von da an musste ich dat Liesken immer melken und wenn ich mal keine Zeit hatte und der Bauer das selbst tun musste, dann hat sie getreten und geschlagen. Die wollte einfach den Kerl nicht von links an ihr Euter lassen!“
„Kann ich verstehen“ sage ich und lache mich kaputt. Maria lacht lauthals mit.
„Es ist schön mit dir!“ sagt sie, als sie sich wieder beruhigt hat.
„Ja“, sage ich. „Ich finde es auch schön mit dir!“

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Teil 2 hier

Annelie und ich

Annelie und ich
Ich setzte das letzte Wort unter meine Geschichte. Ende! Zufrieden blickte ich auf die Seitenzahl. Zweihundertzwanzig Seiten, ein umfangreiches Manuskript war es geworden. Klar, nach der Überarbeitung würde es etwas schlanker werden. Doch im Moment war ich erstmal glücklich, dass ich durchgehalten hatte.
Lange hatte ich davon geträumt, diese Geschichte endlich aufschreiben zu können. Stets hatte mich etwas davon abgehalten oder der richtige Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen. Ich hatte mir dieses Gefühl ersehnt und genauso vorgestellt. Es war einfach wunderbar.
Nachdenklich drehte ich das Glas in den Händen, das ich mir zur Feier des Abends eingeschenkt hatte. Ich dachte an den Moment in der Buchhandlung, der dazu geführt hatte, dass ich mich endlich an die Geschichte gemacht hatte. Ich war zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einem ganz besonders schönen Buch, das ich meinem Patenkind schenken wollte. In der gemütlichen Leseinsel hatte ich es mir bequem gemacht, als ein kleines Mädchen mich am Arm zupfte.
„Kannst du mir vorlesen?“, fragte das Kind und schaute mich erwartungsvoll an.
„Sicher, das kann ich, aber bist du denn ganz allein hier? Wo ist deine Mutter?“, fragte ich. Das Kind deutete nach oben.
„Mama ist da oben. Mir ist aber so langweilig und lesen kann ich noch nicht!“
In der oberen Abteilung der Buchhandlung befanden sich die wissenschaftlichen Bücher, sicher suchte die Mutter dort nach einem Werk und hatte das Mädchen in die Kinderbuchabteilung geschickt.
„Also gut, dann lese ich dir vor!“, willigte ich ein. „Was möchtest du hören?“
„Etwas, das ich noch nicht kenne!“
Das war aber nicht so einfach, wie sich schnell herausstellte. Das Kind kannte alle Bücher, die ich vorschlug.
„Dann such du doch etwas aus und bring es mir, dann lese ich für dich!“ Die Kleine zögerte, bevor sie fragte:
„Kannst du auch einfach so erzählen? Etwas ganz Neues, das ich noch nie gehört habe?“
Ich lachte. Das Kind war eine Herausforderung, oder sah man mir etwa an, dass sie selbst Geschichten schrieb?
„Kann ich auch, aber zuerst möchte ich wissen wie du heißt!“
„Ich heiße Annelie“, die Kleine stand auf und machte einen Knicks, ganz so, wie die Kinder das früher gelernt hatten, wenn sie Erwachsene begrüßten.
„Also gut, Annelie, dann erzähle ich dir jetzt von einer Geschichte, die noch gar nicht geschrieben ist und schon ganz lange in meinem Kopf wohnt.“
Die Augen des Kindes strahlten. Vertrauensvoll kuschelte sich Annelie an mich. Ich erzählte ihr vom Gasthaus Zum Paradeiser, in dem die kleine Annelie ihren Teddy Franz vergessen hatte und wie sie sich ganz allein auf den Weg machte, um ihn zurückzuholen. Es war eine lange Geschichte mit vielen spannenden Abenteuern.
Irgendwann waren alle Besucher der Buchhandlung gegangen und der Besitzer kam in die Leseinsel.
„Na, Annelie, hast du wieder jemanden gefunden, der dir vorliest?“, fragte er.
Das Kind drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Ja, Papa. So eine schöne Geschichte habe ich lange nicht gehört!“
„Leider müssen wir jetzt nach Hause, Oma wartet mit dem Abendessen. Ihnen danke ich sehr, dass Sie für meine Tochter da waren. Nachmittags nehme ich sie immer mit hierher, da ist sie gut aufgehoben und manchmal begegnet sie lieben Menschen wie Ihnen, die ihr vorlesen.“
Ich ahnte in diesem Moment, dass Annelie, als sie nach oben deutete und sagte, dass ihre Mutter da oben sei, den Himmel meinte. Das stimmte auch. Das habe ich aber viel später erfahren, denn von da an ging ich jede Woche in die Buchhandlung und erzählte meine Geschichte weiter.
Jetzt habe ich sie auch zu Papier gebracht und sobald sie überarbeitet und gedruckt ist, werde ich sie Annelie schenken.

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Lena hat Kummer

Lena hat Kummer

„Es gibt immer einen Weg, mein Kind. Manchmal ist er steinig, aber wenn man ihn überwunden hat, dann geht es wieder leichter voran.“
Die Großmutter nahm die Hände des Mädchens und barg sie in ihren.
„Ich weiß, Oma. Du hast es mir schon öfter gesagt und es stimmt ja auch. Im Moment fühlt es sich aber gerade so an, als ginge die Welt unter.“ Dicke Tränen liefen über das Gesicht des Kindes. Unaufhörlich tropfen sie auf den Schoß der Großmutter.
„Es hilft dir nicht, wenn ich dir sage, wie schwer ich es hatte, als ich in deinem Alter war, Vielleicht möchtest du es trotzdem hören?“
Lena nickte. Ihr war jede Ablenkung vom eigenen Kummer recht und wenn ihre Großmutter erzählte, dann konnte sie für eine Weile die Welt um sich herum vergessen.
„Ich war ungefähr in deinem Alter als meine Mutter krank wurde. Mit zehn Jahren einen Haushalt zu führen, das war nicht einfach. Schließlich hatte ich fünf ältere Brüder und die waren, wenn sie nicht in der Schule oder bei der Arbeit waren, auf dem Hof beschäftigt.“
„Ich könnte das nicht, Mama helfen kann ich, aber alles allein machen, das schaffe ich sicher nicht“, Lena hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn die Mutter nicht da wäre.
„Wir hatten keinen Geschirrspüler, keine Waschmaschine oder Trockner, auch keinen elektrischen Backofen, von einer Heizung ganz zu schweigen. Meine Mutter war zu Hause, aber sie wurde immer schwächer. Als sie starb, war es für sie eine Erlösung. Wir waren alle sehr traurig und haben kaum gesprochen in dieser Zeit. Jeder hatte seine Aufgabe und als ich vierzehn war, da konnte ich schon für alle kochen und sogar die Früchte aus dem Garten einmachen.“
„Einmachen?“, fragte Lena nach, sie hatte dieses Wort noch nicht gehört.
„Ja, die Kirschen, die Erdbeeren und Pflaumen wurden geputzt, entsteint und dann in Zuckerwasser im großen Einmachtopf in Gläser eingekocht. Während des Kochens saugten sie die Deckel durch die Gummiringe am Glas fest und alles blieb lange haltbar. Wir verstauten die Gläser mit den Früchten, aber auch mit Bohnen und Erbsen in den Kellerregalen. So hatten wir auch für den Winter etwas zu essen. Weißt du, wir haben Glück gehabt. Wir haben zwar unsere Mutter verloren, doch unser Hof wurde von den Bomben verschont. Anderen ging es schlechter als uns. Bis …“ Die Augen der Großmutter richteten sich ins Weite. Sie schwieg still und Lena blieb ebenfalls ganz still. Sie streichelte die Hände der Oma und legte den Kopf auf ihre Schulter.
„Du musst nicht weitererzählen, wenn es schwerfällt“, sagte sie.
„Das möchte ich aber, es ist alles so lange her. Trotzdem schmerzt es noch immer. Meine Brüder, Karl und Friedrich kamen nicht aus dem Krieg nach Hause. Lange wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Aber mein Vater hatte es wohl geahnt. Eines Tages bekamen wir Nachricht, dass beide im Dienste für ihr Vaterland gefallen waren.“
„Gefallen?“, fragte Lena.
„Ja, so heißt es, wenn jemand im Krieg stirbt. Meine beiden ältesten Brüder waren nun auch tot. Die anderen drei, Werner, Wilhelm und Heinz waren noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Gott sei Dank!“
Lena schämte sich ein bisschen, dass sie die Oma mit ihrem „kleinen“ Kummer belastet hatte. Was war schon ein dicker Streit mit Kathi gegen das, was ihre Oma erlebt hatte. Aber es tat eben auch weh, wenn die beste Freundin einen verraten hatte. Sollte sie doch mit ihrer neuen Freundin glücklich werden, die ja so viel lustiger war als sie, Lena. Das hatte Kathi jedenfalls behauptet.
„Wir haben es trotzdem manchmal schön gehabt zu Hause. Mein Vater hat getan was er konnte. Meine Brüder haben alle eine Ausbildung bekommen. Werner hat später den Hof übernommen und ich habe den Fritz geheiratet. Ich war sehr glücklich mit ihm. Wir bekamen deinen Vater, der uns viel Freude gemacht hat. Heute denke ich manchmal, wie schön es gewesen wäre, wenn ich auch etwas gelernt hätte.“
„Aber Oma, du kannst doch alles. Du bist eine faszinierende Frau, das hat meine Lehrerin gesagt, als du neulich den Kuchen für das Klassenfest gebacken hattest. Sie war so begeistert von dir, dass ich fast ein wenig eifersüchtig war.“
Oma lachte. Sie drückte Lena noch einen Kuss auf die Stirn und erhob sich aus dem Sessel.
„Meine müden Knochen brauchen noch etwas Bewegung. Machst du noch einen kleinen Spaziergang mit mir?“, bat sie und diesen Wunsch schlug Lena ihr nicht ab.
„Weißt du was, Oma?“, fragte sie, als sie durch den Gemüsegarten gingen und die Fortschritte der Pflanzen begutachteten.
„Du bist die beste Freundin, die sich ein Mensch wünschen kann!“
Oma wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und beugte sich übers Beet. Sie pflückte eine dicke Erdbeere und wischte sie mit ihrem blütenweißen Taschentuch sauber.
„Die ist für dich, beste Freundin von allen!“, lachte sie.

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Das Weihnachtstheater

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

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