Etwas verrückt

Heute morgen bin ich mit einem Limerick wach geworden. Gestern hatte ich mich mit meinen Osterlimericks beschäftigt und noch zwei hinzugefügt, prompt habe ich dann noch einen dazu geträumt – einen was? Na, einen Osterhasen!

Schaut hier, wenn ihr mögt.

Verrückt ist aber gar nicht, dass ich eine Strophe geträumt habe, das passiert mir öfter und deshalb finde ich das gar nicht mehr ungewöhnlich. Heute habe ich noch eine passende Rahmenhandlung dazu geträumt. Das war so:

Man hat mich gebeten, an einem Poetry Slam teilzunehmen mit den Limericks. Ich bin ja nicht schüchtern und habe gleich zugesagt. Natürlich musste ich mich darauf vorbereiten und das habe ich auch ausgiebig getan. Ich möchte euch das an einem Beispiel verdeutlichen. Hier also eine Strophe, die ich mit den entsprechenden Anmerkungen versehen habe.

Der Osterhase auf Sylt,  (begeistertes Gesicht machen, weil Sylt so schön ist)
der hatte sich mächtig verkühlt. (Mundwinkel vor Mitleid hängen lassen)
Ihm lief die Nase, (Taschentuch umständlich herauskramen)
der arme Hase, (weinerliche Stimme nutzen)
wie schlecht hat er sich wohl gefühlt? (Das Publikum anschauen und Mitleid erwarten)

Wisst Ihr, wie ich’s meine? Ein bisschen verrückt bin ich eben doch!

Osterhäsin

Die Stoffwechseldiät

Die Stoffwechseldiät

„Haben wir denn gar nichts Süßes mehr im Haus?“, Horst wühlt vergeblich in der Schublade, in der sich sonst immer die leckeren Dinge befinden. Heute gibt es nur geschwefelte Aprikosen, Trockenpflaumen und Müsliriegel, die von der schrecklich gesunden Sorte, ganz ohne Zucker.
„Du weißt doch, dass ich eine Schlankheitskur mache!“, erklärt Heike ihrem Mann und tänzelt in ihren engen Leggings vor ihm her. „Sieht man doch, oder etwa nicht?“
Nachdenklich schaut Horst seine Heike an. Schlankheitskuren findet er blöd. Heike sieht toll aus, ob sie nun ein paar Kilo mehr oder weniger wiegt, das ist ihm egal. Er vermisst seine Schokolade, schmerzlich.
„Dir täte es auch gut, wenn du ein paar Pfund abnehmen würdest!“, mault Heike, die auf ein Kompliment gehofft hatte. Schließlich isst sie seit Tagen nur grüne Äpfel und Schlangengurken. Es ist eine Quälerei und das tut sie doch nur für Horst. Der soll sich doch nicht schämen müssen, weil sie zu dick ist.
„Wenn dich der Schönheitswahn gepackt hat, dann lass mich damit bitte in Ruhe. Ich möchte nicht abnehmen, ich finde mich völlig okay so wie ich bin, basta!“ Für Horst ist die Unterhaltung damit beendet.
Heike verzieht sich beleidigt im Badezimmer. Sie lässt Wasser in die Wanne laufen und gibt eine Packung Molkepulver dazu, das sie extra dafür im Reformhaus gekauft hat. Es soll eine schöne Haut machen und beim Baden verbrennt sie noch Extrakalorien. Während sie sich im weichen Milchbad entspannt, träumt sie von Schwarzwälderkirschtorte und Zimtsternen. Dieses Badewasser riecht aber auch lecker, fast wie Sahnepudding. Heike wird immer hungriger, der Magen knurrt schon laut und will auch ein Wörtchen mitreden. Wie gut, dass sie alle Süßigkeiten aufgegessen hat, bevor sie mit der Diät angefangen hat. Die Versuchung wäre nun einfach zu groß.
Nach einer guten Stunde lässt sie das Wasser ab, braust ihren Körper ab und steigt aus der Wanne. Sie hüllt sich in das vorgewärmte Handtuch. Heike verzichtet auf ihr heiß geliebtes Körperöl, das ihr einfach zu fettig erscheint und möglicherweise in die Fettpolster eindringen könnte und auf ihren Hüften Hügel anlegen würde, ‚Heike, du bist eine dumme Nuss’, sagt sie sich dann und schleicht barfuß, mit Handtuchturban und Badetuch in die Küche. ‚So ein klitzekleines Löffelchen Honig wird mir nicht schaden’, denkt sie noch, da entdeckt sie auf der Arbeitsplatte vier Schälchen mit Schokopudding. Horst! Er hat Pudding gekocht, ganz warm ist er noch. Aber er wird doch nicht etwa vier Schälchen allein aufessen wollen!
Plötzlich steht Horst hinter ihr. Er legt die Hände auf ihre Schultern und schnuppert an ihrem Nacken. „Hmm, riechst du gut!“, stellt er fest. „Wie ein Milchbrötchen, nur besser!“ Heike dreht sich um und lächelt ihren Mann an. Schokopudding und Komplimente, das trifft ihren Geschmack, die Diät rückt in die Ferne und der Genuss immer näher.
„Soll ich deinen Stoffwechsel ein wenig anregen?“, fragt Horst und zuppelt am Badetuch.
„Untersteh dich!“, schimpft Heike lachend. „Das mach ich schon selbst.“ Sie rubbelt ihre Haare trocken und steht völlig zerzaust vor ihrem Mann, im nächsten Moment löst sich das Badetuch und fällt zu Boden.
„Du bist so schön!“, schwärmt Horst. Er schaut seine Frau bewundernd an. „Ich finde, dass du keine Diät brauchst!“
Heike errötet vor Freude. Er findet immer die richtigen Worte, ihr Horst.
„Ich zieh mir schnell was an und dann kuscheln wir uns aufs Sofa, ja?“, fragt sie.
Als sie nach ein paar Minuten ins Wohnzimmer kommt, hat Horst den Pudding schon bereitgestellt. Auf zwei Schälchen hat er ein Herz mit Sprühsahne gemacht.
„Das sind deine!“, sagt er und dann machen sich die beiden über den Pudding her. Lauwarm schmeckt er am besten, finden sie und beschließen, dass sie am nächsten Tag einen langen Spaziergang machen werden, um den Stoffwechsel so richtig anzukurbeln. Heute wird gekuschelt und genossen. Jawohl!

© Regina Meier zu Verl

Traumhaft

Traumhaft

Eigentlich wollte ich ihm nach dem Konzert einen Brief schreiben. Ich verwarf den Gedanken dann aber, weil ich nicht sicher sein konnte, dass er ihn auch lesen würde. Vielleicht ginge dieser Brief dann durch viele Hände und wenn er überhaupt bei ihm ankommen sollte, dann wäre es sicherlich einer von vielen. Sinnlos!

Die Brillanz seines Vortrages hatte mich begeistert. Er erreichte mich und mein Herz. Was für ein Geschenk war dieser Mann. Ganz allein stand er dort auf der Bühne, verbeugte sich und nahm dann seine Gitarre, um uns mit dem Reigen seiner Lieder zu erfreuen. So konnte nur ein Mensch singen, der völlig hinter dem stand, was er mitzuteilen hatte. Er sang vom Leben, von der Liebe und der Natur, teils melancholisch, dann wieder fröhlich. Manche Lieder klagten an, immer leise aber bestimmt. Vom Krieg sang er und denen, die nicht zurückgekommen waren.

Ich befand mich in einem Wechselbad der Gefühle, teils freudig erregt, dann wieder traurig. Ich war mir plötzlich meiner eigenen Mittelmäßigkeit bewusst, doch ohne Neid. Ich genoss diese zwei Stunden so sehr. Es war herrlich, dabei zu sein. Ich war Teil des Ganzen und dieser besonderen Stimmung, die sich unter den Zuschauern entwickelte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er nur für mich sang.

Dann hörte ich die ersten Töne meines Lieblingsliedes. Ich schloss die Augen und genoss es einfach. Eine Gänsehaut kroch über meinen Körper und ließ mich erschauern, so viel Gefühl für ein Lied, das ich, wenn ich zu Hause allein war sang. Jeden Ton kannte ich, jeden Akkord, jede Variation – seit vielen Jahren. Plötzlich war ich nicht mehr in dem Saal mit den vielen Menschen. Ich saß auf der Bühne neben ihm und lauschte.

„Schatz, es ist schon spät“, wie durch eine Wolke vernahm ich die Stimme meines Mannes. Ich kniff fest die Augen zu, wollte noch nicht erwachen aus diesem Traum, der immer an dieser Stelle endete. Ich wollte weiterträumen, erfahren, was geschehen würde.
„Ich komme!“, sagte ich und streckte mich. „Ich habe so schön geträumt!“
„Ich habe es gehört!“ Mein Mann lachte und summte eine meiner Traummelodien.

Beim Frühstück legte ich eine CD ein, um den Traum noch ein wenig nachwirken zu lassen. Wir kauten und schwiegen – ja, und wir lächelten, denn seit vielen Jahren war dieser Sänger Gast an unserem Frühstückstisch.
„Der einzige Mann, auf den ich nicht eifersüchtig bin!“, behauptet mein Mann. So richtig glaube ich ihm das nicht.

© Regina Meier zu Verl

Das Mädchen und das Buch

Das Mädchen und das Buch

In meiner Familie wurde viel gelesen. Meine Eltern hatten einen großen Bücherschrank, der stets verschlossen war. Wir Kinder hatten eigene Regale in unseren Zimmern und zu jeder Gelegenheit kamen neue Bücher dazu. Bei meinem Lesehunger reichte das aber nicht aus. Was waren schon vier Folgen von Hanni und Nanni zu Weihnachten? Bereits am zweiten Festtag hatte ich sie ausgelesen und gierte nach neuem Lesestoff. In der Schule gab es damals noch keine Bücherei, in der ich mich versorgen konnte. Ich tauschte mit Freundinnen, aber oft hatten sie die gleichen Bücher wie ich. Also bettelte ich meine Eltern an, mir doch von ihren Büchern etwas herauszugeben.
„Na, dann schauen wir doch mal, ob etwas für dich dabei ist“, sagte meine Mutter, die meine Not verstehen konnte. Sie nahm den Schlüssel, der unter der Tonschale lag, die auf dem Bücherschrank stand und öffnete die Glastüren.
Die bunten Buchrücken begeisterten mich und der Geruch der Bücher war einfach nur wunderbar. Vorsichtig berührte ich die teils ledernen Einbände. Ich durfte mir aber kein Buch selbst aussuchen. „Dafür bist du noch zu jung“, sagte meine Mutter, oder „Das kannst du noch nicht verstehen!“
Sie reichte mir aber ein dickes Buch mit kleiner Schrift, an dem ich eine Weile zu knacken haben würde. Geschrieben war es von Ferdinand Sauerbruch und hieß: Das war mein Leben. (Gerade liegt es hier neben mir, denn es ist ein Andenken an die Zeit, in der ich die Bücher der Erwachsenen für mich entdeckte. Dass Sauerbruch es gar nicht selbst geschrieben hatte, erfuhr ich erst viel später. Der Journalist Hans Rudolf Berndorff soll es verfasst haben.)
„Nimm das Lexikon dazu und schlage nach, wenn du etwas nicht verstehst. Du kannst mich aber auch jederzeit fragen“, schlug meine Mutter vor und davon machte ich reichlich Gebrauch.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie fasziniert ich vom Leben und Wirken des berühmten Arztes war. Immer wieder habe ich einzelne Kapitel noch einmal gelesen und jedes Mal verstand ich ein wenig mehr von dem, was da erzählt wurde. Alles war aber weit weg, spielte in Berlin und München. Ich war noch nirgends in der Welt gewesen, alles, was ich von z.B. von Berlin gesehen hatte, war eine Ansichtskarte, die wir von einer Tante erhalten hatten, die nach Berlin gereist war. Dann kam ich an die Stelle, in der auf einmal die Rede von Bielefeld war, meiner Geburtsstadt. Das versetzte mich in Begeisterung, die ich sofort mit meinen Eltern teilte.
Viel später, während meiner Lehrzeit in Bielefeld, lernte ich dann einen Menschen kennen, der nach einer Kriegsverletzung in der Charité in Berlin operiert wurde. Damals war Prof. Sauerbruch leitender Chirurg. Herr G., mein Kollege, erzählte mir viel von der Zeit dort. Als er merkte, dass ich so viel über den Professor wusste, nahm er seine Brille ab und zeigte mir, wie Sauerbruch sein „verlorenes“ Auge versorgt hatte. „Damals war es nur ein tiefer Krater in meinem Gesicht, heute ist die Stelle so klein, dass ich sie hinter meinem Brillenglas verstecken kann. Ich bin sehr dankbar!“, sagte Herr G. mir und ich nahm mir vor, das Buch gleich noch einmal zu lesen.
Jetzt, fast fünfzig Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Buch, liegt es wieder neben mir. Zart zeichne ich die goldgeprägten Buchstaben seines Einbandes nach. Ich werde es wohl noch einmal lesen, bald!
Es gibt noch viele weitere Bücher, die ich aus dem Bücherschrank meiner Eltern „entführte“, denn ich wusste ja, wo der Schlüssel lag. Einige habe ich heimlich gelesen, die, für die ich eigentlich noch zu jung war. Vergessen habe ich keines von ihnen.

© Regina Meier zu Verl 2015

Der Rockabilly-Traum

Der Rockabilly-Traum


Rockabilly war der Begriff für eine Spielart des Rock ’n‘ Roll. Blues mit Countrymusic vermischt, so könnte man die Musik beschreiben. Später wurde der entsprechende Kleidungsstil als Rockabilly-Style bezeichnet. Dieser war, wie die Musik auch, auffällig, rebellisch, immer ein wenig überdreht und angesagt.
Meine Musik war das nie, aber die Mode hat mir immer gefallen. Hier bei uns in Gütersloh gab es ein Geschäft, das sich auf genau diesen Style eingeschossen hatte. Ein toller Laden mit toller Mode und tollen Inhaberinnen, die lebten, was sie verkauften. Meine Tochter hat sich dort einmal ein Kleid gekauft, für eine Hochzeit. Sie sah großartig darin aus und irgendwie hatte ich immer den Wunsch, auch einmal so ein Kleid zu tragen. Es sprach aber immer etwas dagegen, z.B. gab es für mich keine Gelegenheit, so ein Kleid mit bauschigem Petticoat zu tragen, oder ich hatte nicht die richtige Figur dafür, oder oder…
Das nur als Vorgeschichte zu meinem Traum von heute Nacht und nun geht es los:
Jemand, ich weiß nicht genau, wer es war (mein Mann war es nicht), hatte mich ins Kino eingeladen. Es gab einen alten Film mit Elvis Presley. Ich freute mich auf den Kinobesuch und sah endlich einmal die Gelegenheit, mein tolles Rockabilly-Kleid zu tragen. Selbstverständlich ging ich an dem Tag auch zum Frisör und ließ meine Haare entsprechend stylen – hochtoupiert, eine Art Dutt auf dem Kopf und eine Schleife um das ganze Kunstwerk. Lidstrich und knallrote Lippen waren genauso selbstverständlich wie ein aufgemalter Leberfleck rechts über der Oberlippe.
Der Petticoat stand so weit vom Körper ab, dass ich im Auto hinten sitzen musste, weil der Fahrer, wer auch immer das war, sonst nichts hätte sehen können. Ich fands lustig und kicherte die ganze Zeit vor mich hin.
Im Kino gingen dann die Schwierigkeiten aber erst richtig los. Die Stühle hatten Armlehnen und ich passte mit all dem Bausch nur schwer dazwischen. Man muss dazu sagen, dass ich auch in meinem Traum keine Modellfigur hatte. Schließlich hatten wir, mein Begleiter und ich, die Röcke aber so eng an den Körper gehalten, dass ich mich niederlassen konnte. Jetzt konnte ich allerdings die Leinwand gar nicht sehen, weil der Rock vor meinen Augen war. Es ging aber, wenn ich ihn mit den Händen nach unten drückte. Leider hatte ich so keine Hand für Cola und Popcorn frei, aber: wer schön sein will muss leiden, nicht wahr?
Schlimmer war, dass der Kinobesucher hinter mir keine Chance hatte, etwas zu sehen. Weder nach vorn blickend, noch rechts oder links an mir vorbei. Der ärgerte sich lautstark und forderte, dass ich mich in die letzte Reihe begeben sollte. Ich glaube, er war aber nicht so freundlich, wie sich das hier anhören mag. Ich konnte nichts erwidern, da ich in diesem Moment aufwachte …

© Regina Meier zu Verl

Ein seltsamer Traum

So intensiv wie in der letzten Nacht habe ich lange nicht geträumt. Eigentlich träume ich immer, kann mich aber meist nicht daran erinnern, oder es tauchen nur Bruchstücke auf in meiner Erinnerung. Diesmal ist es anders, vermutlich wird es der Inhalt einer Geschichte werden, die ich nun umgehend aufschreiben werde. Warum ich das jetzt schon erzähle, ohne über den Traum zu reden?
Kann ich erklären: ich setze mich damit ein wenig unter Druck, denn so kann ich am besten arbeiten und wenn ich es versprochen habe, dann halte ich das auch ein. Also, bleibt gespannt, es wird lustig!

Seelengedanken – Reizwortgeschichte

Angeber, Buch, radieren, wundern, braun

Das waren die Wörter, die unterzubringen waren. Dieses ist vorläufig die letzte Reizwortgeschichte, erst im neuen Jahr geht es weiter hier. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

(und nun gestehe ich, dass ich, als ich diese Gedanken aufschrieb, es einfach habe laufen lassen und es war mir nicht möglich, das Wort Angeber unterzubringen … die anderen Vorgabewörter sind aber drin – sorry. Aber das Wort passte so gar nicht in meine Seelengedanken)


Seelengedanken


In einem Buch hatte sie einmal gelesen, dass es wichtig ist, möglichst vor Mitternacht einzuschlafen, da sich um Punkt Zwölf die Seelen unserer Verstorbenen, mit denen der Lebenden verbinden.
Ob das stimmte, wusste sie natürlich nicht, aber der Gedanke gefiel ihr. Also versuchte sie es, damals, als ihr Vater gestorben war. Sie hätte ihm noch so viel zu sagen gehabt und dann war er einfach gegangen. Das war lange her, aber es verging noch immer kein Tag, an dem sie nicht an ihn dachte.
Ob sich ihre Seelen um Mitternacht verbunden haben, vermochte sie nicht zu sagen. Es hatte jedenfalls nicht auf Anhieb funktioniert, aber der Gedanke ließ sie einfach nicht los.
Heute weiß sie, dass es für eine solche Verbindung keine bestimmte Zeit gibt. Das mag bei jedem Menschen anders sein. Bei ihr ist es die Stunde zwischen dem Aufwachen am Morgen und dem „Sich-nochmal-einkuscheln“, um die Wärme des Bettes und Ruhe des frühen Morgens zu genießen. In dieser Stunde, glaubt sie, ist ihr Vater bei ihr. Manchmal auch der Großvater oder der Freund aus der Schule, der schon so lange tot ist. Aber meist ist es der Vater. Sie reden miteinander, ohne Worte natürlich, die Gedanken fliegen hin und her und es geht dabei nicht um Übersinnliches, meist nicht, es geht um Alltägliches, um miteinander Erlebtes.
An manchen Tagen wacht sie weinend auf, an anderen Tagen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Immer dann, wenn der Vater einen seiner uralten Witze zum Besten gegeben hat. Ja, sie wundert sich, dass er das noch immer tut. Der alte Witz, dass jemand eine Briefmarke kaufen will und den Mann am Postschalter bittet, den Preis auszuradieren, weil es doch ein Geschenk sein soll, taucht immer mal wieder auf. Sie kann keine Briefmarke am Schalter kaufen, ohne genau daran zu denken. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen.
Eigentlich ist ihr Vater der, der er immer für sie war und vieles von dem, was sie vergessen glaubte, fiel ihr in der Stunde am Morgen wieder ein, wenn sie ohne Worte mit ihrem Vater plauderte, ganz locker, ganz ungezwungen, ganz so wie früher.
Ganz deutlich sieht sie den Vater dann vor sich. Er trägt seinen braunen Lieblingspullover, hat die Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Gesicht ruht in seinen Händen. Das ist seine Lieblingsposition. Sie hat das übernommen von ihm. Auch sie sitzt so da, wenn sie nachdenkt. Vor vielen Jahren, als sie auch einmal wieder so dasaß, kam ihr der Gedanke, der sie nie wieder losgelassen hat: „Ich bin er, als seine Tochter lebe ich für ihn weiter, wir sind eins!“ Das war und ist für sie tröstlich und es macht sie dankbar, sehr dankbar!

© Regina Meier zu Verl

Kindermund „Sommersprossen“

„Lukas, was hast du für niedliche Sommersprossen auf der Nase!“

„Hab ich gar nicht!“

„Doch, kleine süße Pünktchen!“

„Zeig!“

Wir gehen ins Bad und Lukas schaut sich seine Sommersprossen an. Sie sind kaum zu sehen und wegputzen kann man sie nicht, stellst er fest.

„Oma?“

„Ja?“

„Und was ist mit den Wintersprossen?“
(aus meinem alten Blog aus 2013)

Meine Oma und ich

Meine Oma und ich

Früher, wenn ich meiner Oma etwas schenken wollte, habe ich Bilder für sie gemalt. Sie hat sich über jedes einzelne gefreut und sie alle aufbewahrt. Eines wurde gerahmt und hat viele Jahre in ihrem „guten“ Wohnzimmer an der Wand gehangen. Es zeigte einen Garten mit vielen bunten Blumen, mit Käfern und Schmetterlingen und sogar ein Häschen schaute vorwitzig hinter einem Fliederstrauch hervor.
Oma sagte, dass dieses Bild nicht nur für die Augen schön sei. Sie meinte, dass man die Düfte dieses Gemäldes wahrnehmen könne, wenn man die Augen schloss. Ich habe es ausprobiert und es klappte tatsächlich.
Als ich älter wurde habe ich meiner Oma Blumen geschenkt, duftende Blumen wie Gartenrosen, Maiglöckchen oder Flieder. Immer hat sie die Nase hineingesteckt und geseufzt:
„Was gibt es Schöneres auf der Welt, als die Düfte der Blumen!“
Als ich erwachsen geworden war, sah ich meine Oma nicht mehr so oft. Es gab so viel zu tun, der Schulabschluss, die Ausbildung, Freunde und Partys, da rückte Oma ein wenig in den Hintergrund. Sie hat mir nie einen Vorwurf gemacht. Wenn ich sie besuchte, dann freute sie sich und nach jedem Besuch nahm ich mir vor öfter hinzugehen, weil sie sich doch so glücklich war und ich jede Minute mit ihr genossen hatte.

Wenn ich meiner Oma heute etwas schenke, dann ist es Zeit. Damit mache ich mir selbst das größte Geschenk, denn wenn ich bei ihr bin, dann darf ich wieder Kind sein. Wir lachen und träumen. Wir erinnern uns an die Farben, Düfte und die Freuden von früher.
„Weißt du noch, Oma, wie es war, als ich dir einmal die Badeperlen geschenkt hatte?“
Oma sieht mich fragend an, sie erinnert sich nicht, deshalb erzähle ich ihr die Geschichte.
„Du hast doch immer schon die Maiglöckchen so geliebt, nicht wahr?“
Omas Augen leuchten, sie nickt und lächelt.
„Stimmt, ich hatte Maiglöckchen in meinem Brautstrauß“, erinnert sie sich.
„Ja, ich weiß, Opa hat dir zu jedem Hochzeitstag Maiglöckchen geschenkt. Das war praktisch, denn er musste nur in den Garten gehen und die ein Sträußchen schneiden.“
Oma lacht und dann rinnt aus ihrem Augenwinkel eine einsame Träne. Sie denkt an Opa, der nun schon so lange nicht mehr bei ihr ist.
Ich wollte sie nicht zum Weinen bringen, obwohl ich weiß, dass ihr auch das gut tut. Also erzähle ich weiter:
„Einmal hatte ich dir Badeperlen mit Maiglöckchenduft mitgebracht. Weißt du noch, diese kleinen Perlen, die man ins Badwasser gibt und die einen herrlichen Duft bescheren, wenn sie sich aufgelöst haben?“
Oma nickt wieder und dann blitzt es in ihren Augen, das Erkennen. Sie lacht und kann kaum sprechen, als sie sagt:
„Er hat reingebissen, der Opa!“
Ich kann mich nun auch vor Lachen kaum halten.
„Ja, und dann hat er gesagt, dass die Pralinen auch nicht mehr das sind, was sie mal waren!“
„Dein Opa war ein Clown, er war immer zu Späßen aufgelegt, weißt du noch?“, fragt mich Oma und ich kann ihr das bestätigen.
„Ja, das war er!“
Oma ist ganz still geworden. Wir schweigen noch eine Weile zusammen, bevor ich mich verabschieden muss. Auch das Schweigen mit Oma ist wunderbar, zwischen uns besteht ein ganz besonderes Band, das keiner Worte bedarf.

© Regina Meier zu Verl

Unbenannt
Bildquelle Imilo/pixabay

Zeit für Nora _ Reizwortgeschichte

Sommer, Meer, blutrot, wunderschön, nachdenken
Das sind die Wörter, die heute in der Geschichte auftauchen sollten.
Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:
Lore und
Martina
was ihnen eingefallen ist. Meine Geschichte heute ist ein Tagebucheintrag, also nicht erfunden, sondern ganz wahr!

Zeit für Nora

„Lagerfeuer!“, ruft Nora und wirft das erste Sofakissen mitten ins Zimmer. Es folgen die acht weiteren, alle blutrot. Das bunte Kissen bleibt liegen, es passt nicht aufs Lagerfeuer. Auf diese Weise hat sich ein roter Berg gebildet, auf dem Nora sich nun niederlässt.
„Schön!“, ruft sie begeistert und klopft neben sich. Ich soll auch kommen. Das ist eines unserer vielen Rituale. Immer, wenn sie zu mir kommt, machen wir das, mal kürzer mal länger. Es gibt so viel zu entdecken und zu spielen für uns, da haben wir oft keine Zeit für lange Sitzungen auf dem Lagerfeuer. Heute aber schon!
Nora möchte ein Buch vorgelesen bekommen, dafür machen wir es uns in den Kissen gemütlich. Sie weiß natürlich, dass man nicht auf einem Feuer sitzen kann. Unser Kissenfeuer ist eine Ausnahme, eine Erzählinsel und rundherum ist das Meer. Manchmal steigen wir in die Fluten und schwimmen eine Runde, dann lassen wir uns anschließend auf dem Kissenberg trocknen. Oder wir grillen ein Würstchen, dafür nutzen wir den Klöppel vom Xylophon, um eine imaginäre Wurst ins Feuer zu halten und verbrennen uns anschließend die Schnuten an der unsichtbaren Delikatesse.
Ich erzähle Geschichten, heute vom Sommer, denn es ist tolles Wetter draußen und wir werden sicher noch rausgehen und Sandkuchen backen, aber zuerst lesen wir noch das Buch vom Drachen Zwiebelzack, der so gern Zwiebeln isst und im Schloss von Libellas Eltern die Köchin unterstützen soll. Nora liebt dieses kleine Büchlein, es ist aber auch wunderschön geschrieben und die Bilder sind einfach klasse.
Wenn ich darüber nachdenke, wie die Zeit mit meinen eigenen beiden Kindern war, dann denke ich, dass ich mit ihnen niemals so viel Zeit hatte, wie heute mit meinem Enkelkind. Natürlich habe ich auch mit ihnen gespielt, aber dabei war ich lange nicht so entspannt, wie heute. Es ist einfach wunderbar und ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf.
Nächste Woche kommen die Zwillinge schon in die Schule, Lio und Maila. Djamila kommt in die vierte Klasse und Lukas in die siebente. Nora ist kürzlich zwei Jahre alt geworden – die Zeit rast. Ich kann sie nicht festhalten, aber genießen, ja, das kann ich!

© Regina Meier zu Verl