Der Rockabilly-Traum

Der Rockabilly-Traum


Rockabilly war der Begriff für eine Spielart des Rock ’n‘ Roll. Blues mit Countrymusic vermischt, so könnte man die Musik beschreiben. Später wurde der entsprechende Kleidungsstil als Rockabilly-Style bezeichnet. Dieser war, wie die Musik auch, auffällig, rebellisch, immer ein wenig überdreht und angesagt.
Meine Musik war das nie, aber die Mode hat mir immer gefallen. Hier bei uns in Gütersloh gab es ein Geschäft, das sich auf genau diesen Style eingeschossen hatte. Ein toller Laden mit toller Mode und tollen Inhaberinnen, die lebten, was sie verkauften. Meine Tochter hat sich dort einmal ein Kleid gekauft, für eine Hochzeit. Sie sah großartig darin aus und irgendwie hatte ich immer den Wunsch, auch einmal so ein Kleid zu tragen. Es sprach aber immer etwas dagegen, z.B. gab es für mich keine Gelegenheit, so ein Kleid mit bauschigem Petticoat zu tragen, oder ich hatte nicht die richtige Figur dafür, oder oder…
Das nur als Vorgeschichte zu meinem Traum von heute Nacht und nun geht es los:
Jemand, ich weiß nicht genau, wer es war (mein Mann war es nicht), hatte mich ins Kino eingeladen. Es gab einen alten Film mit Elvis Presley. Ich freute mich auf den Kinobesuch und sah endlich einmal die Gelegenheit, mein tolles Rockabilly-Kleid zu tragen. Selbstverständlich ging ich an dem Tag auch zum Frisör und ließ meine Haare entsprechend stylen – hochtoupiert, eine Art Dutt auf dem Kopf und eine Schleife um das ganze Kunstwerk. Lidstrich und knallrote Lippen waren genauso selbstverständlich wie ein aufgemalter Leberfleck rechts über der Oberlippe.
Der Petticoat stand so weit vom Körper ab, dass ich im Auto hinten sitzen musste, weil der Fahrer, wer auch immer das war, sonst nichts hätte sehen können. Ich fands lustig und kicherte die ganze Zeit vor mich hin.
Im Kino gingen dann die Schwierigkeiten aber erst richtig los. Die Stühle hatten Armlehnen und ich passte mit all dem Bausch nur schwer dazwischen. Man muss dazu sagen, dass ich auch in meinem Traum keine Modellfigur hatte. Schließlich hatten wir, mein Begleiter und ich, die Röcke aber so eng an den Körper gehalten, dass ich mich niederlassen konnte. Jetzt konnte ich allerdings die Leinwand gar nicht sehen, weil der Rock vor meinen Augen war. Es ging aber, wenn ich ihn mit den Händen nach unten drückte. Leider hatte ich so keine Hand für Cola und Popcorn frei, aber: wer schön sein will muss leiden, nicht wahr?
Schlimmer war, dass der Kinobesucher hinter mir keine Chance hatte, etwas zu sehen. Weder nach vorn blickend, noch rechts oder links an mir vorbei. Der ärgerte sich lautstark und forderte, dass ich mich in die letzte Reihe begeben sollte. Ich glaube, er war aber nicht so freundlich, wie sich das hier anhören mag. Ich konnte nichts erwidern, da ich in diesem Moment aufwachte …

© Regina Meier zu Verl

Ein seltsamer Traum

So intensiv wie in der letzten Nacht habe ich lange nicht geträumt. Eigentlich träume ich immer, kann mich aber meist nicht daran erinnern, oder es tauchen nur Bruchstücke auf in meiner Erinnerung. Diesmal ist es anders, vermutlich wird es der Inhalt einer Geschichte werden, die ich nun umgehend aufschreiben werde. Warum ich das jetzt schon erzähle, ohne über den Traum zu reden?
Kann ich erklären: ich setze mich damit ein wenig unter Druck, denn so kann ich am besten arbeiten und wenn ich es versprochen habe, dann halte ich das auch ein. Also, bleibt gespannt, es wird lustig!

Seelengedanken – Reizwortgeschichte

Angeber, Buch, radieren, wundern, braun

Das waren die Wörter, die unterzubringen waren. Dieses ist vorläufig die letzte Reizwortgeschichte, erst im neuen Jahr geht es weiter hier. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

(und nun gestehe ich, dass ich, als ich diese Gedanken aufschrieb, es einfach habe laufen lassen und es war mir nicht möglich, das Wort Angeber unterzubringen … die anderen Vorgabewörter sind aber drin – sorry. Aber das Wort passte so gar nicht in meine Seelengedanken)


Seelengedanken


In einem Buch hatte sie einmal gelesen, dass es wichtig ist, möglichst vor Mitternacht einzuschlafen, da sich um Punkt Zwölf die Seelen unserer Verstorbenen, mit denen der Lebenden verbinden.
Ob das stimmte, wusste sie natürlich nicht, aber der Gedanke gefiel ihr. Also versuchte sie es, damals, als ihr Vater gestorben war. Sie hätte ihm noch so viel zu sagen gehabt und dann war er einfach gegangen. Das war lange her, aber es verging noch immer kein Tag, an dem sie nicht an ihn dachte.
Ob sich ihre Seelen um Mitternacht verbunden haben, vermochte sie nicht zu sagen. Es hatte jedenfalls nicht auf Anhieb funktioniert, aber der Gedanke ließ sie einfach nicht los.
Heute weiß sie, dass es für eine solche Verbindung keine bestimmte Zeit gibt. Das mag bei jedem Menschen anders sein. Bei ihr ist es die Stunde zwischen dem Aufwachen am Morgen und dem „Sich-nochmal-einkuscheln“, um die Wärme des Bettes und Ruhe des frühen Morgens zu genießen. In dieser Stunde, glaubt sie, ist ihr Vater bei ihr. Manchmal auch der Großvater oder der Freund aus der Schule, der schon so lange tot ist. Aber meist ist es der Vater. Sie reden miteinander, ohne Worte natürlich, die Gedanken fliegen hin und her und es geht dabei nicht um Übersinnliches, meist nicht, es geht um Alltägliches, um miteinander Erlebtes.
An manchen Tagen wacht sie weinend auf, an anderen Tagen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Immer dann, wenn der Vater einen seiner uralten Witze zum Besten gegeben hat. Ja, sie wundert sich, dass er das noch immer tut. Der alte Witz, dass jemand eine Briefmarke kaufen will und den Mann am Postschalter bittet, den Preis auszuradieren, weil es doch ein Geschenk sein soll, taucht immer mal wieder auf. Sie kann keine Briefmarke am Schalter kaufen, ohne genau daran zu denken. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen.
Eigentlich ist ihr Vater der, der er immer für sie war und vieles von dem, was sie vergessen glaubte, fiel ihr in der Stunde am Morgen wieder ein, wenn sie ohne Worte mit ihrem Vater plauderte, ganz locker, ganz ungezwungen, ganz so wie früher.
Ganz deutlich sieht sie den Vater dann vor sich. Er trägt seinen braunen Lieblingspullover, hat die Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Gesicht ruht in seinen Händen. Das ist seine Lieblingsposition. Sie hat das übernommen von ihm. Auch sie sitzt so da, wenn sie nachdenkt. Vor vielen Jahren, als sie auch einmal wieder so dasaß, kam ihr der Gedanke, der sie nie wieder losgelassen hat: „Ich bin er, als seine Tochter lebe ich für ihn weiter, wir sind eins!“ Das war und ist für sie tröstlich und es macht sie dankbar, sehr dankbar!

© Regina Meier zu Verl

Kindermund „Sommersprossen“

„Lukas, was hast du für niedliche Sommersprossen auf der Nase!“

„Hab ich gar nicht!“

„Doch, kleine süße Pünktchen!“

„Zeig!“

Wir gehen ins Bad und Lukas schaut sich seine Sommersprossen an. Sie sind kaum zu sehen und wegputzen kann man sie nicht, stellst er fest.

„Oma?“

„Ja?“

„Und was ist mit den Wintersprossen?“
(aus meinem alten Blog aus 2013)

Meine Oma und ich

Meine Oma und ich

Früher, wenn ich meiner Oma etwas schenken wollte, habe ich Bilder für sie gemalt. Sie hat sich über jedes einzelne gefreut und sie alle aufbewahrt. Eines wurde gerahmt und hat viele Jahre in ihrem „guten“ Wohnzimmer an der Wand gehangen. Es zeigte einen Garten mit vielen bunten Blumen, mit Käfern und Schmetterlingen und sogar ein Häschen schaute vorwitzig hinter einem Fliederstrauch hervor.
Oma sagte, dass dieses Bild nicht nur für die Augen schön sei. Sie meinte, dass man die Düfte dieses Gemäldes wahrnehmen könne, wenn man die Augen schloss. Ich habe es ausprobiert und es klappte tatsächlich.
Als ich älter wurde habe ich meiner Oma Blumen geschenkt, duftende Blumen wie Gartenrosen, Maiglöckchen oder Flieder. Immer hat sie die Nase hineingesteckt und geseufzt:
„Was gibt es Schöneres auf der Welt, als die Düfte der Blumen!“
Als ich erwachsen geworden war, sah ich meine Oma nicht mehr so oft. Es gab so viel zu tun, der Schulabschluss, die Ausbildung, Freunde und Partys, da rückte Oma ein wenig in den Hintergrund. Sie hat mir nie einen Vorwurf gemacht. Wenn ich sie besuchte, dann freute sie sich und nach jedem Besuch nahm ich mir vor öfter hinzugehen, weil sie sich doch so glücklich war und ich jede Minute mit ihr genossen hatte.

Wenn ich meiner Oma heute etwas schenke, dann ist es Zeit. Damit mache ich mir selbst das größte Geschenk, denn wenn ich bei ihr bin, dann darf ich wieder Kind sein. Wir lachen und träumen. Wir erinnern uns an die Farben, Düfte und die Freuden von früher.
„Weißt du noch, Oma, wie es war, als ich dir einmal die Badeperlen geschenkt hatte?“
Oma sieht mich fragend an, sie erinnert sich nicht, deshalb erzähle ich ihr die Geschichte.
„Du hast doch immer schon die Maiglöckchen so geliebt, nicht wahr?“
Omas Augen leuchten, sie nickt und lächelt.
„Stimmt, ich hatte Maiglöckchen in meinem Brautstrauß“, erinnert sie sich.
„Ja, ich weiß, Opa hat dir zu jedem Hochzeitstag Maiglöckchen geschenkt. Das war praktisch, denn er musste nur in den Garten gehen und die ein Sträußchen schneiden.“
Oma lacht und dann rinnt aus ihrem Augenwinkel eine einsame Träne. Sie denkt an Opa, der nun schon so lange nicht mehr bei ihr ist.
Ich wollte sie nicht zum Weinen bringen, obwohl ich weiß, dass ihr auch das gut tut. Also erzähle ich weiter:
„Einmal hatte ich dir Badeperlen mit Maiglöckchenduft mitgebracht. Weißt du noch, diese kleinen Perlen, die man ins Badwasser gibt und die einen herrlichen Duft bescheren, wenn sie sich aufgelöst haben?“
Oma nickt wieder und dann blitzt es in ihren Augen, das Erkennen. Sie lacht und kann kaum sprechen, als sie sagt:
„Er hat reingebissen, der Opa!“
Ich kann mich nun auch vor Lachen kaum halten.
„Ja, und dann hat er gesagt, dass die Pralinen auch nicht mehr das sind, was sie mal waren!“
„Dein Opa war ein Clown, er war immer zu Späßen aufgelegt, weißt du noch?“, fragt mich Oma und ich kann ihr das bestätigen.
„Ja, das war er!“
Oma ist ganz still geworden. Wir schweigen noch eine Weile zusammen, bevor ich mich verabschieden muss. Auch das Schweigen mit Oma ist wunderbar, zwischen uns besteht ein ganz besonderes Band, das keiner Worte bedarf.

© Regina Meier zu Verl

Unbenannt
Bildquelle Imilo/pixabay

Zeit für Nora _ Reizwortgeschichte

Sommer, Meer, blutrot, wunderschön, nachdenken
Das sind die Wörter, die heute in der Geschichte auftauchen sollten.
Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:
Lore und
Martina
was ihnen eingefallen ist. Meine Geschichte heute ist ein Tagebucheintrag, also nicht erfunden, sondern ganz wahr!

Zeit für Nora

„Lagerfeuer!“, ruft Nora und wirft das erste Sofakissen mitten ins Zimmer. Es folgen die acht weiteren, alle blutrot. Das bunte Kissen bleibt liegen, es passt nicht aufs Lagerfeuer. Auf diese Weise hat sich ein roter Berg gebildet, auf dem Nora sich nun niederlässt.
„Schön!“, ruft sie begeistert und klopft neben sich. Ich soll auch kommen. Das ist eines unserer vielen Rituale. Immer, wenn sie zu mir kommt, machen wir das, mal kürzer mal länger. Es gibt so viel zu entdecken und zu spielen für uns, da haben wir oft keine Zeit für lange Sitzungen auf dem Lagerfeuer. Heute aber schon!
Nora möchte ein Buch vorgelesen bekommen, dafür machen wir es uns in den Kissen gemütlich. Sie weiß natürlich, dass man nicht auf einem Feuer sitzen kann. Unser Kissenfeuer ist eine Ausnahme, eine Erzählinsel und rundherum ist das Meer. Manchmal steigen wir in die Fluten und schwimmen eine Runde, dann lassen wir uns anschließend auf dem Kissenberg trocknen. Oder wir grillen ein Würstchen, dafür nutzen wir den Klöppel vom Xylophon, um eine imaginäre Wurst ins Feuer zu halten und verbrennen uns anschließend die Schnuten an der unsichtbaren Delikatesse.
Ich erzähle Geschichten, heute vom Sommer, denn es ist tolles Wetter draußen und wir werden sicher noch rausgehen und Sandkuchen backen, aber zuerst lesen wir noch das Buch vom Drachen Zwiebelzack, der so gern Zwiebeln isst und im Schloss von Libellas Eltern die Köchin unterstützen soll. Nora liebt dieses kleine Büchlein, es ist aber auch wunderschön geschrieben und die Bilder sind einfach klasse.
Wenn ich darüber nachdenke, wie die Zeit mit meinen eigenen beiden Kindern war, dann denke ich, dass ich mit ihnen niemals so viel Zeit hatte, wie heute mit meinem Enkelkind. Natürlich habe ich auch mit ihnen gespielt, aber dabei war ich lange nicht so entspannt, wie heute. Es ist einfach wunderbar und ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf.
Nächste Woche kommen die Zwillinge schon in die Schule, Lio und Maila. Djamila kommt in die vierte Klasse und Lukas in die siebente. Nora ist kürzlich zwei Jahre alt geworden – die Zeit rast. Ich kann sie nicht festhalten, aber genießen, ja, das kann ich!

© Regina Meier zu Verl

Sommerleicht

Sommerleicht

„Lebe deinen Traum“, hatte ich das nicht hunderte von Malen auf Postkarten, in Internetforen als Signatur oder in Selbsthilfebüchern für Depressive gelesen? Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, das auch wirklich umzusetzen.
Dann aber sah ich diesen Film vor ein paar Wochen. Den Titel habe ich vergessen und auch die Handlung ist mir nicht mehr bewusst, vielleicht habe ich auch nur einen Ausschnitt gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle, denn was auch immer ich da gesehen habe, es hat den Hebel in meinem Kopf umgelegt, der verhinderte, mich so zu geben, wie ich eigentlich bin: Selbstbewusst, gut aussehend, attraktiv vielleicht sogar auf eine gewisse Weise schön. Zugegeben, das ein oder andere Kilo auf meinen Hüften gehört eigentlich unter meine Füße, damit Körpergröße und Bodymaßindex harmonieren, es handelt sich also nur um eine Verlagerung von Werten.

Ich fasste den Entschluss, dass ich nicht mehr träumen wollte, sondern leben, mich mutig präsentieren und mich vielleicht sogar neu verlieben. Ich hatte es satt, ständig vorm Internet oder Flimmerkasten zu sitzen. Ich füllte die Anmeldung für den Single-Urlaub an der Ostsee aus und brachte den Brief noch am gleichen Tag zur Post.
In ein paar Wochen begannen die Ferien und danach würde ich ein neuer Mensch sein, jawohl!

Die kommenden Wochen verbrachte ich damit, meine Urlaubsgarderobe zusammen zu stellen, es fehlt nur noch ein neuer Badeanzug, ach was, ein Bikini sollte es sein.
„Haben Sie diesen Bikini auch in Größe 48?“, fragte ich die sympathische Verkäuferin mit Konfektionsgröße zweiunddreißigeinhalb. Sie schaute mich verdutzt an, blieb aber höflich.
„Moment, ich schaue gleich mal nach“, sie verschwand im Lager und kam nach ein paar Minuten mit zwei Bikinis in meiner Größe zurück. Vergnügt wedelte sie mit den Kleiderbügeln.
„Hier, bitte schön. Dort ist die Kabine, wenn sie mal probieren wollen!“ Sie zeigte auf einen kleinen Bretterverschlag, in dem man mit zweiunddreißigeinhalb genügend Platz hat, sich aus den Klamotten zu schälen, ohne sich blaue Flecken zu holen. Ich schluckte.
„Ich befürchte, dass es mir dort zu eng sein wird, ich habe nämlich Platzangst!“, behauptete ich. Die Kleine nickte verständnisvoll.
„Wissen Sie was, wir nehmen die Personaltoilette, dort ist es geräumiger und sie können ungestört anprobieren, okay?“

Fünf Minuten später stand ich in einem blauen Bikini in der Personaltoilette des Kaufhauses und versucht, mich im Spiegel zu betrachten, der über dem Wachbecken hing. Das gelang nur als Brustbild und das fand ich soweit okay. Als ich aber an mir herunterschaute, sah ich, dass der Bikini meine Figur ungemein betonte, das heißt, dass jeder Rettungsring gut zu sehen war und dort, wo die Hose endete, quoll eine unansehnlich Masse überflüssiger Körperfülle hinaus. Schrecklich, fand ich und wollte mich gerade wieder ausziehen, als die innere Stimme wieder mit mir sprach und sagte: Du bist schön! Nimm den Bikini!
„Kommen Sie mit der Größe zurecht?“, rief die junge Verkäuferin, die vor der Tür auf mich wartete. „Soll ich mal gucken?“
Ich schloss die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schaute mich an, bat mich, mich kurz umzudrehen und dann nickte sie anerkennend.
„Sie sehen toll aus, allerdings würde ich die Hose ein wenig größer nehmen, sie kneift und das ist zu gewagt und unvorteilhaft. Moment, bin gleich zurück!“
Sie brachte mir eine andere Bikinihose, die ich gleich anprobierte und sie hatte Recht, ich fühlte mich gleich besser. Als sie mir dann ein blaubuntes Tuch um die Hüften schlang, wagte ich es sogar, die Toilette zu verlassen, um mich im Laden in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Und was ich sah, gefiel mir.
„Alles klar, den Bikini nehme ich und das Tuch auch!“
„Eine gute Wahl!“
„Und eine wunderbare Beratung!“, sagte ich und zwinkerte der Kleinen zu. „Ich werde Ihnen was Schönes aus dem Urlaub mitbringen!“, versprach ich und hielt mein Versprechen.
Ich fand im Urlaub keine neue Liebe, aber es waren viele Menschen dort, mit denen ich plauderte und feierte und ich fühlte mich wie neu geboren, als ich wieder zu Hause war.

© Regina Meier zu Verl

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Ich heiße Hendrik und bin zehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und Oma in einem Haus, das vor meiner Geburt gebaut wurde. Als ich auf die Welt kam, ist Oma zu uns gezogen. Sie hat auf mich aufgepasst, wenn Mama und Papa arbeiten mussten. Wir sind ein gutes Team, Oma und ich.
Papa sagt immer, dass seine Mutter nicht mehr die ist, die sie mal gewesen ist. Ich verstehe das nicht, sie ist doch immer Oma gewesen und immer habe ich sie lieb gehabt genau wie heute, weil sie doch meine allerbeste Oma ist.
Ich schaue mir alte Fotos an. Fotos, auf denen auch Oma zu sehen ist. Sie sah genau aus wie heute, etwas jünger eben, aber einwandfrei zu erkennen. Bis auf die Haare, die sind jetzt weiß, ist alles wie immer. Sie hat ein herrliches Lächeln auf den Bildern, genau das, was ich an ihr so mag.
Papa sagt auch, dass Oma ihn nicht mehr versteht. Stimmt gar nicht, sie versteht alles. Vielleicht sind ihre Ohren nicht mehr so gut wie früher, aber wenn man laut genug spricht, dann versteht sie alles. Manchmal hilft es, wenn man ihre Hand dabei hält, dann ist sie ganz aufmerksam und hört zu.
Sie ist ein bisschen durcheinander, sagt Papa. Das stimmt. Ich finde das aber nicht so schlimm, eher lustig. Neulich hat sie mit mir ein verrücktes Spiel gespielt. Wir haben so gelacht, Oma hat Humor. Das Spiel ging so: Oma rief: „Oliver, bring mir mal die Wasserflasche!“
„Oma, ich heiße doch nicht Oliver!“
„Nein, wie heißt du denn?“
„Rate!“
„Heißt du vielleicht Egon?“
„Nein, ganz kalt, Egon ist dein Bruder!“
„Oder Manfred?“
„Nein, so heißt doch Papa, dein Sohn!“
„Oder heißt du vielleicht Alfred?“
Ich kann euch sagen, meine Oma hat viele, viele Namen aufgezählt und meiner war nicht dabei. Also habe ich mich im Kreis gedreht und gesungen:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
„Rumpelstilzchen heiß!“ Oma klatschte in die Hände vor Freude. „Siehste, ich weiß es!“
„Aber Oma, ich heiße doch Hendrik!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Oma und verlangte, dass ich ihr sofort das Märchen vom Rumpelstilzchen vorlesen soll. Das machte ich und sie hörte ganz aufmerksam zu und freute sich so, als am Schluss alles gut ausging.
Oma liebt Märchen. Früher hat sie mir vorgelesen, heute lese ich ihr vor. Das ist doch richtig schön, so kann ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie für mich getan hat, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle pasja1000/pixabay

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

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