Sternengesang

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

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Nachtgedanken

Nachtgedanken

Nachtgedanken aus meinem Tagebuch

Viele Jahre schreibe ich, eigentlich schon immer. Bereits als Schülerin war das Schreiben mein Lieblingsfach, Längen vor dem Rechnen und noch einmal Längen vor dem Sport.

Geärgert hat mich immer, dass ich das nicht uneingeschränkt tun durfte. Es gab so vieles, was man von mir erwartete. Ich war ein braves Kind und versuchte, die Aufgaben zu lösen, die das Leben für mich bereithielt. Nach einer glücklichen Grundschulzeit mit lieben und verständnisvollen Lehrern, die einen wichtigen Grundstein in meinem Leben ermöglichten, indem sie mich sein ließen wie ich war, änderte sich alles mit dem Wechsel zum Gymnasium.

Noch heute kneift der Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Schon die Bedingungen, die mit dem Besuch der Schule in der nächstgrößeren Stadt zusammenhingen, waren der pure Stress für mich. Aufstehen mitten in der Nacht, Bus fahren mit schwer bepackter Schultasche, die überall anstieß und mir so manchen missmutigen Blick der Erwachsenen einbrachte. Viele Fremde, im Bus und in der Schule. Lehrer, die mich mit meinem Nachnamen ansprachen und ungeduldig reagierten, wenn das Landträumerchen nicht gleich antworten konnte. Mitschülerinnen, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, während ich mich in meinen karierten Trägerkleidern, die von der Hausschneiderin für uns angefertigt wurden, wie ein graues Mäuschen fühlte.

Ich zog mich mehr und mehr in meine Gedankenwelt zurück. Dort war es schön warm und friedlich. Ich konnte Welten schaffen, in denen ich mich wohlfühlte. Ich unterhielt mich mit meinen Figuren, stellte ihnen Fragen und bekam Antworten. Schon früh begann ich, meinen jüngeren Geschwistern Geschichten zu erzählen.

Die Hauptperson damals war „Furzi“, ein kleiner Wicht, winzig wie ein Sandkorn, der allerlei Blödsinn anstellte und immer zugegen war. Er versteckte sich in der Schultasche, in der Butterbrotdose und an den unmöglichsten Orten. Manchmal setzte er sich in die Ohrmuschel bei einem von uns Dreien und redete uns Streiche ein, die wir gehorsam ausführten. Meine Geschwister reden noch heute darüber und manchmal fällt mir binnen Sekunden dann wieder eine Episode aus der Kindheit ein, die ich dann auch gern erzähle. „Er wacht über uns, wenn wir schlafen und er begleitet uns bei allem, was wir tun!“, behauptete ich damals. Ich sollte diese Geschichten aufschreiben, bisher konnte ich mich dazu aber nicht aufraffen – oder doch? Sind nicht alle meine Geschichten irgendwie so, als wären sie schon damals erfunden worden? Etwas altmodisch, so wie meine Trägerkleider? Aber wo ist dann der Furzi? Sitzt er etwa in meinem Ohr und sagt mir vor, was ich schreiben soll? Fragen über Fragen!

Manchmal, in schlaflosen Nächten, denke ich darüber nach. Immer fällt mir dann auch der Willi ein, der eigentlich Fred heißt und ein Erdbeerwicht ist. Kennt ihr nicht? Es gibt ein Bild, das knipse ich gleich und stelle es zu meiner Gedankengeschichte heute dazu. 

Willi war ein trauriger Typ, er fühlte sich als Außenseiter und klagte darüber, dass er keine Freunde hatte. Eines Tages machte er sich auf den Weg, um Freunde zu suchen. Dabei lernte er verschiedene Wesen kennen, doch erst als er wieder zu Hause war, erkannte er, dass dort seine Freunde immer gewesen waren und er sie vor lauter Traurigkeit nicht wahrgenommen hatte.

Ich kann mich nicht beklagen, ich muss nicht verreisen, wenn ich in meine Welt eintauchen möchte. Ich mache die Augen zu und schon bin ich da wo ich glücklich bin. Eine Erkenntnis und ein guter Zeitpunkt, all denen mal zu danken, die mir folgen in meine Welt. Danke, dass ihr mich begleitet und bestärkt. Zuhause ist man dort, wo die Freunde sind. Sagt der Willi und Furzi kichert in meinem Ohr herum und freut sich, dass er endlich einmal in einer „geschriebenen“ Geschichte erwähnt wird.


© Regina Meier zu Verl (die Zeichnungen sind Teil einer Bildergeschichte, die ich vor vielen Jahren während eines längeren Krankenhausaufenthaltes gezeichnet habe)

Eingefrorene Gefühle

„Ich muss hier mal raus“, dachte Julia, nahm ihre Jacke vom Haken und rief: „Ich bin mal eine halbe Stunde weg!“

Bevor jemand eine Frage nach dem Wohin stellen konnte, schlug sie die Haustür hinter sich zu. Mit schnellen Schritten ging sie durch den Vorgarten, öffnete die Pforte und überquerte die Straße.

Sie atmete tief durch. Kalter Wind wehte ihr ins Gesicht und kühlte die Wangen, die zuvor tränennass und heiß waren. Augenblicklich begann sie zu frieren und bedauerte, dass sie weder Mütze noch Schal mitgenommen hatte. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie umkehren sollte, entschied sich aber dann dagegen.

Sie begegnete niemandem und war darüber sehr froh, denn in der kleinen Stadt kannte jeder jeden und es hätte wieder nur blöde Fragen gegeben. Julia kannte das zu genüge.

„Na, Julia, hast du etwa geweint? Geht es deiner Mutter wieder schlecht? Hast du etwas ausgefressen? Ist dein Vater wieder mal betrunken?“, würden sie fragen. Julia hasste diese Fragen. Sie wusste auch keine Antwort darauf, denn sie hatten ja Recht, aber sollte sie zugeben, dass die Mutter sich schon wieder seit Stunden in ihrem Schlafzimmer zurückgezogen hatte und Papa im Wohnzimmer eine Flasche Bier nach der anderen leerte?

Ausgefressen hatte sie nichts, außer vielleicht, dass ihr beim Spülen eine Tasse aus der Hand gerutscht war und der Henkel nun abgebrochen war. Sie hatte die Tasse ganz hinten im Schrank versteckt, weil sie sich schämte. Sie war ihrer Mutter keine große Hilfe, immer wieder machte sie etwas falsch. Ob Mama deshalb so oft weinte?

Als Oma noch da war, da hatte sie wenigstens jemanden gehabt, bei dem sie sich ausweinen konnte. Doch Oma war im Himmel, schon lange. Julia vermisste sie so sehr. Sie hatte auch geweint, immer und immer wieder, wenn sie an Oma gedacht hatte. Doch irgendwann hatte sie verstanden, dass es Oma nun viel besser ging. Sie war so lange krank gewesen und hatte gelitten und Schmerzen gehabt.

Ob Mama auch Schmerzen hatte? Auf Julias Fragen gab Mama keine Antwort, sie sah sie immer nur mit traurigen Augen an und schüttelte den Kopf.

Julia war am Fluss angekommen, sie stand auf der Brücke und schaute ins Wasser, das leise plätscherte. An den Rändern des Flüsschens hatte sie Eis gebildet, da es seit einigen Tagen sehr kalt war. Doch das Wasser blieb in Bewegung, es konnte nicht einfrieren.

„Lieber Gott, meine Mama ist so still und so traurig. Manchmal rührt sie sich stundenlang nicht. Was soll ich nur tun?“, flüsterte Julia. Wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Und Papa, der rührt sich auch nicht, außer wenn er sich eine neue Flasche Bier aus dem Kühlschrank holt.“

Julia wischte ihre Tränen ab und drehte sich entschlossen um. Ihr war ein Gedanke gekommen, den sie sofort umsetzen wollte. Der Fluss hatte ihr dabei geholfen. Sie ging nach Hause.

„Mama, Papa, ich bin wieder da!“, rief sie. Dann lief sie in die Küche, holte ihre Stift aus dem Tornister und einen Zeichenblock. Sie malte den Fluss, dessen Wasser lustig über die Steine hüpfte, dazu die Bäume an seinem Ufer. Auf den Ästen der Bäume saßen bunte Vögel und durch das Geäst schauten die Sonnenstrahlen. Auf der Brücke standen drei Menschen, zwei große und ein kleiner. Sie hielten sich an den Händen und  ihre Gesichter lachten fröhlich.

Julia betrachtete ihr Bild und lächelte. Dann schrieb sie:

GUTSCHEIN für einen Spaziergang mit Julia!

„Wenn sie sich nicht bewegen, dann werden sie einfrieren, wie das Wasser und dann ist alles zu spät. Ich werde ihnen helfen!“, flüsterte sie und dann ging sie zu ihrem Vater ins Wohnzimmer.

„Ich habe ein Geschenk für euch, kommst du mit zu Mama?“, bat sie ihn.

„Klar!“, sagte Papa und gemeinsam betraten sie das Schlafzimmer. Die Mutter saß auf dem Bett und schaute aus dem Fenster.

Julia überreichte ihr das Bild und setzte sich neben sie. Auch der Vater setzte sich auf das Bett, die Eltern betrachteten die Zeichnung und lasen die Worte. In Papas Augen schimmerten Tränen, Mama lächelte – endlich lächelte sie mal wieder.

„Wann?“, fragte sie. „Jetzt!“ antwortete Papa und dann zogen sie alle ihre Winterjacken an und die warmen Stiefel, sie setzten Mützen auf und verließen das Haus. Julia führte sie zu der Brücke und dann hielten sie sich an den Händen und alle drei lächelten.

„Das sollten wir nun jeden Tag machen!“, schlug Papa vor. „Ja, das sollten wir“, sagte Mama und dann küssten sie Julia, der eine links, der andere rechts und Julia war glücklich.

„Jetzt wird alles wieder gut werden!“, dachte sie und in Gedanken schickte sie ein Dankeschön in den Himmel, an Gott und an die Oma, die sicher ihre Finger im Spiel gehabt hatte.

© Regina Meier zu Verl

 

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Vom Vergessen

Vom Vergessen

Vom Vergessen

„Nun sag doch mal, mir fällt gerade der Name nicht ein!“
Die alte Dame schaut ihre Tochter hilflos an. Immer wieder vergisst sie die Namen ihrer Nachbarn und sogar die der Verwandten und engsten Freunde.
„Wen meinst du denn, Mutter?“
„Ich meine das Mädchen mit den Zöpfen, das in der ersten Klasse neben mir gesessen hat.“
Die Tochter überlegt. Sie weiß beim besten Willen nicht, wen die Mutter meinen könnte. Also zählt sie alle Namen auf, die ihr in den Sinn kommen und von denen sie schon einmal etwas gehört hat.
„Ist es die Ursula, oder die Elisabeth. Oder vielleicht die Margret?“
Die Mutter schüttelt nur verzweifelt den Kopf.
„Nein, die meine ich alle nicht!“, ruft sie und Tränen schimmern in ihren Augen.
„Ich hole mal das Fotoalbum“, schlägt die Tochter vor. Sie setzt sich neben die Mutter und gemeinsam blättern sie in den Erinnerungsbildern.
„Schau, Mama, da ist ein Foto mit all deinen Klassenkameraden. Meinst du dieses Mädchen mit den Zöpfen?“
„Ja, das ist sie. Wenn mir doch nur der Name einfiele.“
„Erzähl mir ein wenig von ihr, vielleicht kommt der Name dann zurück.“
Doch die Mutter mag nicht erzählen, es quält sie, dass sie sich manche Dinge nicht mehr merken kann. Es ist ja so, dass sie selbst merkt, wie vergesslich sie geworden ist. Jeden Abend vor dem Einschlafen bittet sie Gott darum, ihr zu helfen, denn sie möchte nicht so hilflos sein wie ihr Mann, der zuletzt nicht einmal mehr sie, seine eigene Frau erkannte. Dabei hatte er sie trotzdem geliebt, denn niemand anders durfte an seiner Seite sein, wenn es ihm so richtig schlecht ging, nur sie, seine Frau.
Damals hatte sie sich vorgenommen, alles aufzuschreiben, damit sie es nachlesen konnte, wenn sie selbst einmal vergesslich werden sollte. Aber sie hatte es nicht gemacht. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen.
„Ab heute werde ich es tun“, dachte sie und nahm ein Heft, das lange dafür vorgesehen war. Sie schrieb:
„Es ist Sonntag. Heute habe ich lange über einen Namen nachdenken müssen. Er fiel mir einfach nicht ein. Mit meiner lieben Sarah zusammen habe ich die alten Fotos angeschaut und hatte keine Idee, wie meine Freundin …“, sie stutzte, plötzlich, war er da, der Name, Angelika!
„…wie meine beste Freundin Angelika geheißen hat. Ich bin so froh, dass ich nun endlich wieder weiß, an wen ich seit Tagen denken muss. Von nun an werde ich jeden Tag schreiben. Schreiben hilft!“

© Regina Meier zu Verl

 

Klassenspiel im Januar

Klassenspiel im Januar

„Ich kann mit meinen zwei Gesichtern in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen!“, prahlte der Gott Janus*, der von dem eher schüchternen Robbi Maler aus der achten Klasse gespielt wurde.
„Ich bin der Gott des Anfangs und der des Endes!“, rief er und schlug sich drei Mal kräftig mit der rechten Faust, in der er einen riesigen Schlüssel hielt, auf den Brustkorb. Sein Gesicht nahm dabei einen gequälten Ausdruck an. Ihm war anzusehen, dass er sich nicht wohlfühlte.
„Dann sag uns, Janus, wie wird die Zukunft aussehen?“, bat der Priester, dargestellt von Dennis Watermann. Keiner passte so gut in die Rolle des Priesters wie Dennis, der auch im richtigen Leben sicherlich einmal Pastor werden würde. Predigen konnte er auf jeden Fall gut und was er sagte, das hatte Hand und Fuß.
Robbi als Janus erhob seine Hände über den Kopf, so als balancierte er einen dicken Medizinball über sich.
Im Zuschauerraum saßen Ira und Sophie. Gespannt verfolgten sie die Szene und als Robbi nach gefühlten zwei Minuten noch immer nichts gesagt hatte, kicherten sie.
„Wetten, dass er wieder seinen Text vergessen hat?“, wisperte Ira.
„Ruhe da hinten!“, rief Direktor Menzel verärgert. Ira schlug erschreckt die Hand vor den Mund.
„Bitte Robbi, machen wir weiter!“, ordnete er an.
Robbi hatte sich wieder gefangen. Er erhob erneut die Hände und schaute dann verzweifelt Toni Gerdecke an, der als Souffleur eingeteilt war. Dessen Aufmerksamkeit aber galt Carina, die sich neben der Bühne die Strumpfhose auszog, weil Göttinnen doch nicht mit rutschenden Strumpfhosen auftreten konnten.
„Gerdecke!“, kreischte Direktor Menzel. „Hilf Robbi weiter mit dem Text, oder schläfst du auch?“
„Ich, der Hüter der Tore und Brücken …“, stammelte Toni.
Robbi wiederholte erleichtert: „Ich, der Hüter der Tore und Brücken, muss nach vorn schauen, denn Neues kommt auf uns zu!“ Er drehte sich langsam um und zeigte sein zweites Gesicht, das im Gegensatz zum ersten jung aussah, frisch und unverbraucht.
„Ja, das wissen wir, großer Janus. Doch, was wird es uns bringen?“, fragte der Priester erneut.
Robbi schluckte. Dann sagte er ruhig und völlig unaufgeregt:
„Toni Gerdecke wird sich einen steifen Nacken einhandeln, weil er von Carina gar nicht genug sehen kann und die wiederum wird sich eine Blasenentzündung einfangen, weil sie in dieser Eiseskälte hier die Strumpfhosen ausgezogen hat. Ira und Sophie werden einen heftigen Schluckauf vom unterdrückten Lachen bekommen und Sie, Direktor Menzel sind stark gefährdet, einen Infarkt zu erleiden, ihr Gesicht ist hochrot. Und ich …“, er machte eine bedeutungsvolle Pause, „werde mich aus dieser Rolle verabschieden. Sie liegt mir nicht und Spaß macht mir dieses Theater auch nicht!“
Nach diesen Worten verließ er die Aula, in der es totenstill geworden war.
Direktor Menzel nahm sein Textbuch, zog sein Jackett an und verließ ebenfalls den Raum, die restlichen Anwesenden zogen ihre Privatkleidung an und gingen in die Pause.
Ich blieb zurück, mich hatte niemand gesehen. „Respekt“, dachte ich und meinte Robbi, der sich praktisch freigesprochen hatte von etwas, das er nicht wollte. „Respekt!“, sagte ich und ging ebenfalls nach Hause.

© Regina Meier zu Verl

*Janus, der Gott mit den zwei Gesichtern, hat dem Monat Januar seinen Namen gegeben

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Lena hat Kummer

Lena hat Kummer

„Es gibt immer einen Weg, mein Kind. Manchmal ist er steinig, aber wenn man ihn überwunden hat, dann geht es wieder leichter voran.“
Die Großmutter nahm die Hände des Mädchens und barg sie in ihren.
„Ich weiß, Oma. Du hast es mir schon öfter gesagt und es stimmt ja auch. Im Moment fühlt es sich aber gerade so an, als ginge die Welt unter.“ Dicke Tränen liefen über das Gesicht des Kindes. Unaufhörlich tropfen sie auf den Schoß der Großmutter.
„Es hilft dir nicht, wenn ich dir sage, wie schwer ich es hatte, als ich in deinem Alter war, Vielleicht möchtest du es trotzdem hören?“
Lena nickte. Ihr war jede Ablenkung vom eigenen Kummer recht und wenn ihre Großmutter erzählte, dann konnte sie für eine Weile die Welt um sich herum vergessen.
„Ich war ungefähr in deinem Alter als meine Mutter krank wurde. Mit zehn Jahren einen Haushalt zu führen, das war nicht einfach. Schließlich hatte ich fünf ältere Brüder und die waren, wenn sie nicht in der Schule oder bei der Arbeit waren, auf dem Hof beschäftigt.“
„Ich könnte das nicht, Mama helfen kann ich, aber alles allein machen, das schaffe ich sicher nicht“, Lena hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn die Mutter nicht da wäre.
„Wir hatten keinen Geschirrspüler, keine Waschmaschine oder Trockner, auch keinen elektrischen Backofen, von einer Heizung ganz zu schweigen. Meine Mutter war zu Hause, aber sie wurde immer schwächer. Als sie starb, war es für sie eine Erlösung. Wir waren alle sehr traurig und haben kaum gesprochen in dieser Zeit. Jeder hatte seine Aufgabe und als ich vierzehn war, da konnte ich schon für alle kochen und sogar die Früchte aus dem Garten einmachen.“
„Einmachen?“, fragte Lena nach, sie hatte dieses Wort noch nicht gehört.
„Ja, die Kirschen, die Erdbeeren und Pflaumen wurden geputzt, entsteint und dann in Zuckerwasser im großen Einmachtopf in Gläser eingekocht. Während des Kochens saugten sie die Deckel durch die Gummiringe am Glas fest und alles blieb lange haltbar. Wir verstauten die Gläser mit den Früchten, aber auch mit Bohnen und Erbsen in den Kellerregalen. So hatten wir auch für den Winter etwas zu essen. Weißt du, wir haben Glück gehabt. Wir haben zwar unsere Mutter verloren, doch unser Hof wurde von den Bomben verschont. Anderen ging es schlechter als uns. Bis …“ Die Augen der Großmutter richteten sich ins Weite. Sie schwieg still und Lena blieb ebenfalls ganz still. Sie streichelte die Hände der Oma und legte den Kopf auf ihre Schulter.
„Du musst nicht weitererzählen, wenn es schwerfällt“, sagte sie.
„Das möchte ich aber, es ist alles so lange her. Trotzdem schmerzt es noch immer. Meine Brüder, Karl und Friedrich kamen nicht aus dem Krieg nach Hause. Lange wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Aber mein Vater hatte es wohl geahnt. Eines Tages bekamen wir Nachricht, dass beide im Dienste für ihr Vaterland gefallen waren.“
„Gefallen?“, fragte Lena.
„Ja, so heißt es, wenn jemand im Krieg stirbt. Meine beiden ältesten Brüder waren nun auch tot. Die anderen drei, Werner, Wilhelm und Heinz waren noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Gott sei Dank!“
Lena schämte sich ein bisschen, dass sie die Oma mit ihrem „kleinen“ Kummer belastet hatte. Was war schon ein dicker Streit mit Kathi gegen das, was ihre Oma erlebt hatte. Aber es tat eben auch weh, wenn die beste Freundin einen verraten hatte. Sollte sie doch mit ihrer neuen Freundin glücklich werden, die ja so viel lustiger war als sie, Lena. Das hatte Kathi jedenfalls behauptet.
„Wir haben es trotzdem manchmal schön gehabt zu Hause. Mein Vater hat getan was er konnte. Meine Brüder haben alle eine Ausbildung bekommen. Werner hat später den Hof übernommen und ich habe den Fritz geheiratet. Ich war sehr glücklich mit ihm. Wir bekamen deinen Vater, der uns viel Freude gemacht hat. Heute denke ich manchmal, wie schön es gewesen wäre, wenn ich auch etwas gelernt hätte.“
„Aber Oma, du kannst doch alles. Du bist eine faszinierende Frau, das hat meine Lehrerin gesagt, als du neulich den Kuchen für das Klassenfest gebacken hattest. Sie war so begeistert von dir, dass ich fast ein wenig eifersüchtig war.“
Oma lachte. Sie drückte Lena noch einen Kuss auf die Stirn und erhob sich aus dem Sessel.
„Meine müden Knochen brauchen noch etwas Bewegung. Machst du noch einen kleinen Spaziergang mit mir?“, bat sie und diesen Wunsch schlug Lena ihr nicht ab.
„Weißt du was, Oma?“, fragte sie, als sie durch den Gemüsegarten gingen und die Fortschritte der Pflanzen begutachteten.
„Du bist die beste Freundin, die sich ein Mensch wünschen kann!“
Oma wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und beugte sich übers Beet. Sie pflückte eine dicke Erdbeere und wischte sie mit ihrem blütenweißen Taschentuch sauber.
„Die ist für dich, beste Freundin von allen!“, lachte sie.

© Regina Meier zu Verl

 

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Der alte Johann und die Weihnachtsbäume

Der alte Johann und die Weihnachtsbäume

Seinen Nachnamen kenne ich gar nicht. Wir nannten ihn alle nur „den alten Johann“. Als ich noch klein war, hatte ich ein bisschen Angst vor ihm. Sein Gesicht war verbittert und sah aus wie zerknautschte Pappe. Er trug stets Gummistiefel und einen grünen Arbeitskittel, in dessen Taschen er seine riesigen Hände steckte, wenn er mit jemandem sprach.
Ich konnte ihn nicht verstehen, denn er sprach Plattdeutsch und das sehr undeutlich. Meine Mutter bekam aber meist raus, was er wollte, wenn er sie mal ansprach.
Im Advent ging der alte Johann von Haus zu Haus und erbettelte ein paar gute Sachen, die er den Tieren im Wald bringen wollte. Er bat nicht für sich selbst, immer nur für die Tiere und die Bewohner im Dorf wussten das und gaben ihm Äpfel, Heu, Hafer und andere Leckereien, die der Johann dann in den Wald brachte.
Einmal haben Vater und ich ihn begleitet, am Tag vor Heiligabend war das. Ich werde niemals vergessen, wie das damals war. Es hatte geschneit und dick eingemummelt folgten wir dem alten Johann in den Wald. Vater trug ein Bündel Heu auf dem Rücken und einen Korb in der Hand, den Mutter mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte. Der alte Johann trug einen großen Sack, den er sich über die Schulter geworfen hatte und ich hatte meinen Ranzen auf dem Rücken, in den meine Mutter und ich Päckchen mit Sonnenblumenkernen, Hirsekörnern und allerlei Samen gepackt hatten, für die Vögel.
Lange marschierten wir schweigend durch den Schnee, bis Johann stehenblieb und den Sack auf der Erde absetzte. Er packte ein paar schrumplige Äpfel aus, bohrte mit einem Schraubenzieher ein Loch hinein und zog einen Bindfaden durch das Loch. Dann verknotete er die Enden und hängte die so entstandene Weihnachtskugel an einen Tannenzweig. Ein Apfel nach dem anderen schmückte bald den Baum und viele weitere Bäume. Wie schön das aussah!
Das Heu verteilten wir an trockenen Stellen unter den Bäumen und die Samen und Nüsse streuten wir auf den Schnee. Dann breitete mein Vater eine Decke auf einem Baumstamm aus und wir tranken einen Becher heißen Tee.
„Hach, dat is wat Feines!“, schwärmte Johann und grinste von einem Ohr zum anderen. Dabei entblößte er sein Gebiss, das aus drei Zähnen bestand, die ein einsames Dasein in seinem Mund fristeten. Mutter hatte uns ein paar Butterbrote eingepackt, die wir mit gutem Appetit verspeisten. Mit jedem Bissen wurde Johann gesprächiger und von da an hatte ich auch gar keine Angst mehr vor ihm. In allem, was er uns erzählte, zeigte sich seine Liebe zu den Tieren und wer Tiere so sehr liebt, der muss ein gutes Herz haben.
Johann ist nun schon viele Jahre tot. Ich denke noch oft an ihn, besonders in der Adventszeit, denn dann gehe ich mit meinen Kindern in den Wald und wir schmücken die Bäume mit Äpfeln und Nüssen. Die Kinder lieben diese Tradition genau wie ich. Natürlich nehmen wir auch Tee mit und Plätzchen.
„Hach, dat is wat Feines!“, rufen die Kinder dann und bevor wir nach Hause gehen, stimmen wir gemeinsam ein Weihnachtslied an.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich euch die Geschichte vor:

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna schleicht seit Minuten um mich herum. Stören will sie nicht, aber einfach nur dasitzen und warten, das will sie auch nicht. Amüsiert betrachte ich das Treiben aus dem Augenwinkel, auf meinen Text kann ich mich sowieso nicht mehr konzentrieren. Aber das ärgert mich nicht, das Leben ist hier und jetzt, schreiben kann ich später noch.

„Na, Hanna, ist dein Bild schon fertig gemalt?“, frage ich deshalb, um das Kind zu erlösen. Ihre Augen beginnen zu leuchten, „Endlich“ kann ich darin lesen und freue mich gleich mit.
„Ja, schau mal, ich habe eine Geschichte gemalt und bin sehr gespannt, ob du erkennst, welche es ist!“

Ich betrachte das Bild, das wundervoll bunt ist und viele Details zeigt, die in Ruhe betrachtet werden wollen. Hanna platzt vor Ungeduld, als ich schaue und schaue.
„Na, hast du’s?“
Ich schüttle den Kopf. ‚Manchmal darf auch eine Oma schummeln‘, denke ich und kann das Lachen kaum noch unterdrücken.

„Dieser Frosch hier kommt mir bekannt vor“, sage ich und mache eine Pause, bevor ich mich über das fantasievolle Kleid des weiblichen Wesens auslasse, das dort auf einem Brunnenrand sitzt und weint.
„Jetzt müsstest du aber wissen, welche Geschichte das ist!“, schimpft Hanna empört.
„Weiß ich auch, es ist das Märchen vom Froschkönig!“
Hanna strahlt.
„Du bist die weltbeste Erkennerin!“, lobt sie mich und zieht das nächste Bild hinter ihrem Rücken hervor.

Jetzt wird es schwieriger. Eine alte Frau sitzt in einem Sessel, neben ihr hockt eine Katze auf der Sessellehne. Die Frau hat ein Buch auf dem Schoß, sie liest aber nicht, denn ihre Augen sind geschlossen. An der Wand hängt ein Bild, auf dem ein Hund zu erkennen ist, ein Dackel.
„Hilf mir, Hanna, gib mir einen Tipp“, bitte ich.
„Schau hin“, sagt Hanna und kichert, „du wirst erkennen, welche Geschichte auf dem Bild ist.“
Neben dem Sessel steht ein Korb mit Wolle, aus dem ein halbfertiger Socken heraushängt. Der kommt mir bekannt vor.
„Das ist ja mein Wollkorb!“, rufe ich und freue mich, dass ich der Sache nun auf die Spur komme.
Hanna grinst.
„Dann bin ich wohl die Frau im Sessel, oder?“
Hanna schüttelt energisch den Kopf.
„Nein, das kannst du doch nicht sein, du bist doch allergisch gegen Katzen.“
Das stimmt, ich bin also auf der falschen Fährte. Seltsam ist ja auch, dass die Frau rote Turnschuhe mit neongrünen Bändern trägt.

„Hey, solche Schuhe hast du doch, Hanna, oder?“
„Ja, hier schau, ich habe sie ja an!“
„Die sind aber der Frau auf dem Bild zu klein“, behaupte ich. Hanna überlegt bevor sie antwortet:
„Sie hat sich neue gekauft, in größer.“
„Ach so, dann könnte es ja sein, dass du diese Frau bist, nicht wahr?“
„Stimmt“ Hanna lacht und klatscht übermütig in die Hände.
„Jetzt rate weiter, was ist da los auf dem Bild? Guck doch mal das Buch an, das ich da auf dem Schoß habe“, rät sie.

Auf einmal weiß ich es, das ist das Buch, das ich für Hanna geschrieben habe. Alle Geschichten sind drin, die ich für sie erdacht habe und sie hat es von mir zur Einschulung bekommen. Aber warum ist Hanna so alt auf dem Gemälde und wo bin ich?
Hanna errät wohl meine Gedanken, denn sie fängt an zu erzählen:
„Pass auf! Wir haben heute in der Schule für Lisas Mama gebetet. Du weißt doch, dass sie sehr krank ist und Lisa war heute nicht da und Frau Kruse hat uns gesagt, dass ihre Mama gestorben ist. Alle waren ganz traurig und es tut mir so leid für Lisa, denn nun ist sie allein mit ihrem Papa und eine Oma hat sie auch nicht. Und da musste ich daran denken, dass dir oder Mama auch mal was passieren könnte und dann habe ich auch geweint. Da hat Frau Kruse gesagt, dass von jedem Menschen etwas bleibt, etwas, das uns an ihn erinnert und so bleibt dann dieser Mensch immer im Herzen, auch wenn er mal nicht mehr auf der Welt ist.“

Hanna hat ganz leise erzählt und mir fehlen gerade die Worte, so ergriffen bin ich von ihren Gedanken, denn ich erkenne plötzlich, was sie mir mit dem Bild sagen will.

„Du wirst immer bei mir sein, Oma. Wenn ich mal alt bin, dann setze ich mich in einen Sessel und nehme dein Buch und dann denke ich an dich, oder ich denke mir auch Geschichten aus und schreibe sie in ein Buch und die Katze wird mir dabei zuschauen, denn dann darf ich ja eine Katze haben, weil, wenn du ein Engel bist, dann bist du sicher nicht mehr allergisch, oder?“
„Nein, Hanna, Engel haben sicher keine Allergien!“

Ich setze mich in meinen Sessel und Hanna krabbelt auf meinen Schoß. Ich genieße diesen innigen Moment mit ihr und ihr Bild werde ich in einem schönen Rahmen über mein Bett hängen.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörbuch im Magazin CARL

Rosen alt

An mein Kind

An mein Kind

Wie gern
wäre ich jetzt bei dir,
bewachte deinen Schlaf
und hielte alle bösen Träume von dir fern.
Wie gern
legte ich jetzt die Hand auf deine Stirn,
nur ganz leicht,
damit du spüren könntest, dass ich für dich da bin.
Wie gern
fühlte ich jetzt deine Hand auf meiner Stirn,
sie würde mir den Schmerz nehmen,
der mich krank macht,
weil ich nicht bei dir sein kann.

© Regina Meier zu Verl

Dieses Gedicht ist vor vielen Jahren entstanden, es verliert seine Bedeutung aber niemals, denn selbst dann, wenn Kinder erwachsen sind, hat man noch immer das Gefühl, dass man sie beschützen möchte vor allem, was das Leben ihnen an Leid antun könnte. Die Sorgen verändern sich, aber sie sind da – immer.

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Verler See im Winter Bild von Regina Meier zu Verl