Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Im Kindergarten wird ein Karnevalsfest geplant. Alle Kinder basteln Fensterbilder und lustige Mobiles, die an der Decke aufgehängt werden. Da gibt es viele Clowns, Zauberer, Elfen, Cowboys und Indianer.
„Ich gehe als Prinzessin“, erzählt Nadja ihrer Freundin Lea, die gerade einen Zwerg aus Tonpapier ausschneidet.
„Ich weiß noch nicht, was ich anziehe“, sagt sie und legt die Schere zur Seite.
„Eigentlich mag ich mich nicht verkleiden, das ist doch blöd!“
Nadja kann das nicht verstehen, sie findet es ganz toll, dass man beim Karneval einmal jemand anders sein darf und Prinzessinnenkleider sind superklasse. Mama hat ihr sogar eine keine goldene Krone gekauft.
Lea würde sich auch gern verkleiden, aber ihre Eltern haben kein Geld. Gerade am Abend vorher hat Mama gesagt, dass kein Cent für unnütze Dinge ausgegeben werden darf. Aber das mag Lea nicht erzählen, die anderen Kinder könnten das sowieso nicht verstehen. Sie wird einfach sagen, dass sie Bauchschmerzen hat und nicht in den Kindergarten gehen kann, nimmt sie sich vor.
„Lea, du schaust ja so traurig. Was ist denn los?“, fragt Frau Werner, die Erzieherin.
„Ich habe Bauchweh“, behauptet Lea und legt die Hände auf den Bauch.
„Soll ich deine Eltern anrufen, damit sie dich abholen?“ Frau Werner macht ein besorgtes Gesicht und legt die Hand auf Leas Stirn. „Fieber hast du aber nicht, das ist schon mal gut!“
„Ich möchte nicht nach Hause, da ist auch niemand. Mama arbeitet doch und holt mich ab, wenn sie Feierabend hat.“
„Dann gehen wir ins Büro und du legst dich einen Moment auf die Liege, was meinst du?“
Lea folgt Frau Werner und legt sich auf die Krankenliege. Sie wird mit einer kuscheligen Decke zugedeckt und dann holt Frau Werner ihr eine Tasse Tee.
„Ich habe gar keine Bauchschmerzen“, sagt Lea, als Frau Werner zurückkommt. „Ich finde es nur so blöd, dass ich mich verkleiden muss!“
„Das musst du nicht, wenn du es nicht möchtest“, beruhigt die Erzieherin Lea.
„Ich möchte ja, aber es geht nicht. Mama kann mir nichts kaufen“, jetzt fängt Lea an zu weinen. Frau Werner reicht ihr ein Taschentuch.
„Das ist doch gar kein Problem, wir haben doch eine große Verkleidungskiste in der Bärengruppe. Da schauen wir zwei jetzt mal nach, ob wir ein passendes Kostüm für dich finden. Der Alex hat sich dort auch etwas ausgesucht.“
Gemeinsam gehen die beiden in die Bärengruppe und wühlen in der Klamottenkiste. Lea findet ein Engelkostüm und Frau Werner holt dazu noch richtige Flügel aus Goldpappe. Die Sachen werden im Büro untergebracht und morgen früh kann sich Lea dort umziehen.
„Danke, Frau Werner, du bist ein Engel“, schwärmt Lea und drückt der Erzieherin einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Ich nicht, das bist du doch, meine Liebe. Du wirst wunderschön aussehen und wir verraten keinem anderen Kind etwas, okay?“
„Klar!“, ruft Lea und dann hüpft sie durch den Gang, um schnell wieder in ihre Gruppe zu kommen.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Couleur/pixabay

Mama kann ins Herz schauen

Mama kann ins Herz schauen

Achim mag es gar nicht, wenn er sich verkleiden muss. Mama besteht aber darauf.
„Alle verkleiden sich, willst du denn als Außenseiter dastehen?“, fragt sie und hält ihm ein kariertes Hemd hin, eine Lederweste und ein Halfter für eine Pistole.
„Nun mach schon! Du wirst toll darin aussehen.“
Am liebsten möchte Achim am Rosenmontag gar nicht zur Schule gehen. Er findet Karnevalsfeiern blöd, superblöd sogar. Warum kann er nicht einfach er selbst sein? Zuhause bleiben darf er aber nicht, weil der Rosenmontag ein ganz normaler Schultag ist. Normal? Was ist daran normal?
Achim wagt noch einen Versuch, obwohl er bereits aus früheren Jahren weiß, dass er scheitern wird.
„Ich habe Halsweh!“, behauptet er und verstellt seine Stimme ein bisschen, damit sie sich krank anhört.
Mama hat ihn natürlich längst durchschaut. Aber sie spielt das Spiel mit.
„Sag mal AAAAA!“ Sie nähert sich ihm mit einem Löffel, den sie auf die Zunge legen will, um seinen Rachen genauer betrachten zu können. Tapfer hält Achim seinen Mund auf und lässt Mama in sein Innerstes schauen. Wenn sie doch nur sehen könnte, wie schlecht es ihm geht. Es ist ja nicht der Hals, der schmerzt. Es ist sein Herz und das kann Mama durch den Mund nicht sehen. Er schluckt und aus seinen Augen kullern Tränen.
„Mmh!“, sagt Mama. „Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut!“ Sie legt den Löffel in die Spüle und zieht Achim auf ihren Schoß. Aus den Kullertränen werden Sturzbäche. Achim schluchzt und schmiegt sich an Mama. Sollte sie etwa doch bis in sein Herz geschaut haben?
„Ich schlage vor, dass wir beide heute zu Hause bleiben. Kuschel du dich nochmal in dein Bett. Ich rufe meinen Chef und deine Lehrerin an und melde uns ab. Ich habe sowieso noch einige Urlaubstage zu bekommen.“
Achim ist erleichtert, ein dicker Stein plumpst ihm vom Herzen.
Als die beiden später bei einer Tasse Kakao in der Küche sitzen, fragt er Mama:
„Hast du in mein Herz geschaut Mama? Hast du gesehen, dass es mir ganz doll weh tut?“
„Ja!“, sagt Mama. „Und dann habe ich mich daran erinnert, wie ungern ich mich verkleidet habe und wie ich gelitten habe, wenn ich als Hexe, Prinzessin oder Rosenresli in die Schule gehen musste. So sind wir eben und so bleiben wir auch. Nicht jeder kann alles gut finden, nicht wahr?“
„Du bist die Beste!“, jubelt Achim und dann will er natürlich wissen, wer denn das Rosenresli ist.

© Regina Meier zu Verl 2016


Und wenn ihr, liebe Leser, das auch wissen möchtet, weil ihr noch nicht ganz so alt wie ich seid, dann schaut hier ROSENRESLI

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Bildquelle pixal2013/pixabay

Prinzessin oder Indianerin?

Prinzessin oder Indianerin?

Muriel möchte in diesem Jahr beim Karnevalsfest eine Prinzessin sein. Sie war schon Cowboy, Indianerin und Drache. Die Kostüme hat Mama alle selbst geschneidert. Nun soll es also ein Prinzessinnenkostüm werden. Gemeinsam mit Mama zieht sie los, um einen Stoff für das wunderbare Kleid zu kaufen, das ihr vor Augen schwebt. Blau soll es sein und im dazu gehörenden Krönchen sollen blaue Steine glitzern. Ganz genau weiß Muriel, wie es aussehen soll und sie freut sich schon sehr.
Mit dem Bus fahren sie in die Stadt. Muriel fährt so gern mit dem Bus und am liebsten sitzt sie ganz vorn hinter dem Fahrer. Dem würde sie gern ein paar Fragen stellen, aber das darf sie nicht. Mama hat ihr erklärt, dass man den netten Herrn nicht ablenken darf. Er muss ja auf den Verkehr achten, denn er trägt eine große Verantwortung für seine Passagiere.
Das versteht Muriel gut und deshalb hält sie sich daran. Sie fragt eben Mama, die fast alles weiß und meist geduldig auf die Fragen ihrer Tochter antwortet. Heute ist Mama aber etwas schweigsam. Muriel hat es schon beim Mittagessen bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie nicht alles täuscht, dann hat Mama sogar geweint. Ihre Augen sind gerötet und immer wieder holt sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischt über die Augen.

„Mama, warum weinst du denn?“
„Ach, ich weine gar nicht. Ich glaube ich bekomme eine Erkältung.“, weicht Mama aus und lächelt gequält. Muriel kennt ihre Mama gut, deshalb ist sie davon überzeugt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
„Weinst du wieder wegen Papa?“, fragt sie ganz leise, damit kein anderer es hören kann.
Mama schüttelt den Kopf. „Nein, nein, es ist nichts, mach dir keine Sorgen!“
Muriels Eltern haben in der letzten Zeit oft Streit. Sie denken, dass ihr Kind nichts davon mitbekommt, aber Muriel hat schon oft gehört, dass sie sich anschreien. Meist geht es dabei um Geld. Dann wirft Papa Mama vor, dass sie zu viel ausgegeben hat. Dabei ist Mama sparsam, denn immer wenn Muriel um irgendetwas bittet, dann sagt Mama:
„Kind, wir müssen sparen!“
Muriel ist zwar klein, aber sie ist nicht dumm. Sie spürt genau, dass Mama traurig ist und sicher geht es wieder um Geld und Vorwürfe, die Papa ihr gemacht. In Muriels Bauch bildet sich ein dicker Kloß. Jetzt kriecht auch in ihr die Traurigkeit hoch und sie verliert die Lust auf ein Prinzessinnenkleid. Das würde ja wieder neuen Ärger geben, denn die Zutaten kosten ja Geld. Muriel denkt nach.
„Mama“, flüstert sie. „Ich könnte doch auch das Indianerkleid vom letzten Jahr anziehen. Das ist wunderschön und alle haben mich bewundert!“
„Wie kommst du denn nur darauf?“, fragt die Mutter verwundert. „Es wird dir auch zu klein sein, du bist mächtig gewachsen im letzten Jahr!“
„Dann nähst du einfach noch was unten dran, dann wird es schon passen!“, schlägt Muriel vor. Langsam aber sicher verschwindet der Kloß im Bauch. Die Idee ist doch toll und dann wird Papa auch nicht schimpfen. Nur das zählt im Moment. Muriel möchte, dass Mama wieder lacht. Das ist viel wichtiger als ein blödes Prinzessinnenkleid, viel wichtiger.
„Meinst du?“, fragt Mama jetzt und schnäuzt noch einmal kräftig in ihr Taschentuch. Dann legt sie den Arm um ihr Kind und drückt es an sich. „Du hast dich doch so gefreut auf das Kleid!“
„Ja, das meine ich!“, behauptet Muriel und sie fühlt sich ganz großartig dabei, kein bisschen traurig. Sie sind doch eine Familie und sie müssen zusammenhalten. Außerdem ist Papa doch eigentlich total lieb. Er muss Kummer haben, sonst wäre er nicht so nervös. Muriel möchte nun aber wissen, was denn eigentlich los ist und warum Papa sich so verändert hat.
„Ich bin schon groß, du kannst mir ruhig sagen was los ist“, sagt sie deshalb zu Mama.
Mama zögert noch, doch dann erzählt sie von der kleinen Tischlerei, in der Papa arbeitet.
„Sie haben keine Aufträge und wenn das so ist, dann kommt kein Geld rein. Wenn kein Geld da ist, kann Papas Chef seine Mitarbeiter nicht bezahlen. Erinnerst du dich an die Zeit, als Papa so oft zu Hause war? Da hat er Kurzarbeit gemacht und viel weniger Lohn bekommen!“
Klar, daran erinnert sich Muriel. Das war im Sommer gewesen und sie konnten nicht verreisen in den Ferien. Schlimm fand sie das nicht, denn stattdessen hatte Papa ja viel Zeit für sie gehabt und gemeinsam hatten sie einiges unternommen. Sogar einen Kaninchenstall hatte Papa gebaut. Den hatte sich Muriel lange gewünscht.
„Wenn Papa nun arbeitslos werden sollte, dann müssen wir noch mehr sparen!“, sagt Mama jetzt betrübt.
„Verstehe ich!“, behauptet Muriel und findet ihre Entscheidung, auf das Prinzessinnenkleid zu verzichten, umso richtiger. „Wir sind doch eine Familie, wir müssen zusammenhalten. Wir bummeln jetzt durch die Stadt und fahren dann wieder nach Hause, okay?“
„So machen wir das!“ Mama ist einverstanden und sie ist sehr stolz auf ihre Tochter. Im Supermarkt kaufen sie noch ein paar Zutaten für das Abendessen ein und als sie wieder zu Hause sind, kochen sie gemeinsam und warten auf Papa, den sie mit seinem Lieblingsessen überraschen:
Bratkartoffeln mit Spiegelei.
„Ich liebe Bratkartoffeln!“, sagt Papa. „Aber euch, meine beiden Frauen, liebe ich noch viiiiel mehr!“

© Regina Meier zu Verl 2016

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Bildquelle Bru-nO/pixabay