Der Weg zu ihr

Der Weg zu ihr

Er stellt sein Fahrrad, an dessen Lenker ein kleiner Fisch aus Plastik baumelt, am Fuß der Treppe ab, steigt die Stufen zum Deich empor und wandert jeden Abend in die gleiche Richtung. Er ist ein wohl beleibter älterer Herr, der mich an einen Schauspieler erinnert, dessen Name mir nicht einfällt. Elegant sieht er aus, trotz seiner Leibesfülle oder gerade deswegen. Er trägt einen Trenchcoat und um seinen Hals hat er locker einen Schal geschlungen. Seine langen,  fast weißen Haare wehen im Wind.
Nach einer Weile kommt er zurück. Mit festen Schritten schreitet er den Deich entlang. Er bleibt oben noch kurz stehen und schaut auf das Meer. Dann steigt er wieder auf sein Rad und fährt davon.
Ich frage mich, wie jeden Abend, was er macht. Ob es nur ein Abendspaziergang ist? Danach sieht es gar nicht aus. Zielstrebig, so als habe er etwas Wichtiges zu erledigen, wandert er Tag für Tag die gleiche Strecke, immer zur gleichen Zeit.
Es geht mich nichts an, trotzdem beschließe ich an einem Abend, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Kurz vor seiner Zeit gehe ich zum Deich und als ich ihn von Weitem kommen sehe, steige ich hoch und wandere langsam in die Richtung, die er auch nehmen wird. Als er mich überholt grüßt er mich mit einem freundlichen „Guten Abend“. Frech beschleunige ich ebenfalls meine Schritte und bleibe hinter ihm. Ich will wissen wohin er geht und was er macht. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Es grummelt in meinem Bauch, also laufe ich etwas langsamer, jedoch ohne ihn aus den Augen zu verlieren.
Nach ein paar Minuten verlässt er den Deich und geht zum Strand hinunter. Er sieht sich nicht um, sondern wendet sich dem Meer zu, breitet seine Arme aus und fängt an zu singen. Nur leise Töne dringen an mein Ohr, die Melodie kann ich nicht erkennen. An seiner Körperhaltung sehe ich aber, dass er inbrünstig singen muss.
Ich schäme mich ein bisschen, bin aber doch verzaubert von dem, was ich sehe, so dass ich mich nicht lösen kann.
Nach einer Weile lässt er die Arme sinken, tritt etwas näher ans Wasser und greift in seine Manteltasche. Mit einer ausladenden Bewegung wirft er Blüten aufs Meer, die auf dem Wasser schaukeln. Dann verharrt er still einige Minuten, wendet sich dem Deich zu und tritt den Rückweg an.
Am nächsten Abend gehe ich früher zum Deich und setze mich auf eine Bank. Ich sehe ihn kommen, kurz bevor er mich erreicht winkt er kurz und läuft dann zum Wasser hinunter.
An diesem Tag habe ich mehr Glück, der Wind kommt vom Meer her und trägt die Melodie zu mir. Gebannt lausche ich. Es ist ein Lied, das meine Mutter mir schon vorgesungen hat.
Traurig klingt es, aber doch schön und feierlich. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wo du bleibst, da bleibe auch ich.“ (Ruth 1 – 16-17)
Auf einmal weiß ich, was dort unten passiert. Er trauert um seine Liebe, die ihm vorausgegangen sein muss.
Wieder wirft er Blütenblätter aufs Meer, verharrt eine Weile und bevor er sich umdreht, stehe ich still auf und gehe weiter. Ich möchte ihn in seinen Gedanken nicht stören.
Ich gehe nicht mehr zum Deich, aber jeden Abend schaue ich aus dem Fenster und warte auf ihn.
Das geht ein paar Wochen so, dann warte ich vergeblich. Er kommt nicht mehr. ‚Vielleicht ist er krank“, denke ich und mache mir Sorgen. Hätte ich ihn doch angesprochen, dann könnte ich ihn besuchen. Vielleicht braucht er meine Hilfe. Jeden Abend wandere ich zum Deich, ich nehme Blütenblätter der letzten Dahlien aus meinem Garten mit und streue sie aufs Wasser. Lange schaue ich ihnen nach, beobachte, wie die Wellen sie auf’s Meer hinaustragen.
Singen kann ich nicht, aber die Worte aus der Bibel haben sich fest eingeprägt und wenn ich sie sage, dann höre ich die Melodie, die der alte Mann gesungen hat.

Wo du hingehst, da will auch ich, auch ich hingehen, und wo du bleibst, da bleibe auch ich …

© Regina Meier zu Verl

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Zeit für Nora _ Reizwortgeschichte

Sommer, Meer, blutrot, wunderschön, nachdenken
Das sind die Wörter, die heute in der Geschichte auftauchen sollten.
Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:
Lore und
Martina
was ihnen eingefallen ist. Meine Geschichte heute ist ein Tagebucheintrag, also nicht erfunden, sondern ganz wahr!

Zeit für Nora

„Lagerfeuer!“, ruft Nora und wirft das erste Sofakissen mitten ins Zimmer. Es folgen die acht weiteren, alle blutrot. Das bunte Kissen bleibt liegen, es passt nicht aufs Lagerfeuer. Auf diese Weise hat sich ein roter Berg gebildet, auf dem Nora sich nun niederlässt.
„Schön!“, ruft sie begeistert und klopft neben sich. Ich soll auch kommen. Das ist eines unserer vielen Rituale. Immer, wenn sie zu mir kommt, machen wir das, mal kürzer mal länger. Es gibt so viel zu entdecken und zu spielen für uns, da haben wir oft keine Zeit für lange Sitzungen auf dem Lagerfeuer. Heute aber schon!
Nora möchte ein Buch vorgelesen bekommen, dafür machen wir es uns in den Kissen gemütlich. Sie weiß natürlich, dass man nicht auf einem Feuer sitzen kann. Unser Kissenfeuer ist eine Ausnahme, eine Erzählinsel und rundherum ist das Meer. Manchmal steigen wir in die Fluten und schwimmen eine Runde, dann lassen wir uns anschließend auf dem Kissenberg trocknen. Oder wir grillen ein Würstchen, dafür nutzen wir den Klöppel vom Xylophon, um eine imaginäre Wurst ins Feuer zu halten und verbrennen uns anschließend die Schnuten an der unsichtbaren Delikatesse.
Ich erzähle Geschichten, heute vom Sommer, denn es ist tolles Wetter draußen und wir werden sicher noch rausgehen und Sandkuchen backen, aber zuerst lesen wir noch das Buch vom Drachen Zwiebelzack, der so gern Zwiebeln isst und im Schloss von Libellas Eltern die Köchin unterstützen soll. Nora liebt dieses kleine Büchlein, es ist aber auch wunderschön geschrieben und die Bilder sind einfach klasse.
Wenn ich darüber nachdenke, wie die Zeit mit meinen eigenen beiden Kindern war, dann denke ich, dass ich mit ihnen niemals so viel Zeit hatte, wie heute mit meinem Enkelkind. Natürlich habe ich auch mit ihnen gespielt, aber dabei war ich lange nicht so entspannt, wie heute. Es ist einfach wunderbar und ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf.
Nächste Woche kommen die Zwillinge schon in die Schule, Lio und Maila. Djamila kommt in die vierte Klasse und Lukas in die siebente. Nora ist kürzlich zwei Jahre alt geworden – die Zeit rast. Ich kann sie nicht festhalten, aber genießen, ja, das kann ich!

© Regina Meier zu Verl

Ein märchenhafter Geburtstag

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
„Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
„Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
„Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
„Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
„Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
„Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
„Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
„Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Efraimstochter/pixabay

 

Aus den Augen verloren

Freundinnen
Bildquelle Pezibear/pixabay

Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

Wolkenbahnhof Apfelbaum

Wolkenbahnhof Apfelbaum

Zwei dicke weiße Wattewolken segeln am Himmel. Ab und zu werden sie vom Wind ein wenig angeschoben. Wenn ich hier unten auf der Erde einsam bin, dann kann ich auch allein mit den Wolken segeln, denke ich. Keiner wird mich vermissen, oder doch?
Ich frage mich nur, wie ich da hochkommen soll und ob mich die Wolken auch tragen können. Mein Blick fällt auf die Leiter, die an den Apfelbaum gelehnt ist. Vielleicht könnte ich dort hinaufklettern und vom Baum aus versuchen eine Wolke zu erreichen.
Vorsichtig steige ich von Sprosse zu Sprosse. Als ich an einem dicken Ast angekommen bin, beschließe ich, mich dort erstmal niederzulassen. Ich halte mich gut fest und sitze recht bequem. Von hier oben habe ich einen guten Überblick. Mir fällt ein, dass ich ein Päckchen Kaugummi in der Hosentasche habe. Mein Lehrer sagt immer, dass Kaugummi beim Denken hilft. Also ziehe ich die Süßigkeit aus der Tasche und genehmige mir einen Streifen. Mmh, Kirschgeschmack, lecker.
Ich beobachte meine Gedanken. Wie ich das mache? Ich schließe die Augen und warte darauf, was mir als nächstes einfallen wird. Nichts passiert! Vielleicht hilft das Kauen ja doch nicht. Ich habe es immer gesagt: Manchmal erzählen Lehrer auch Blödsinn. Herr Müller hat uns mal prophezeit, dass es innerhalb der nächsten Stunde regnen würde. Er spüre das in seinem Bein, das vor langer Zeit mal gebrochen war. Ihr ahnt es schon: es regnete nicht. In der nächsten Stunde nicht und in den folgenden auch nicht, eigentlich den ganzen Tag nicht. Es war also Blödsinn.

Ob Herr Müller mich vermissen würde, wenn ich mit den Wolken auf und davon flöge? Bestimmt, denn dann hätte er niemanden mehr, dem er die Schuld für all die Streiche geben könnte, mit denen ich absolut nichts zu tun hatte. Oder vielleicht nur ein ganz kleines Bisschen. Ist ja auch egal. Wenn ich weg bin, dann wird er sich vielleicht Gedanken machen.
Oder Mama? Zu gern wüsste ich, ob sie weinen würde. Mama weint nämlich nie, außer wenn sie Zwiebeln schneidet, dann aber heftig. Klar, sie wäre traurig. Aber da ist ja noch Jonas, mein kleiner Bruder. Der ist sowieso ihr Liebling. Der ist noch klein und macht keinen Quatsch. Jedenfalls noch nicht. „Jakob, du bist doch schon groß!“, sagt sie immer, die Mama. Stimmt, das bin ich. Aber so groß nun auch wieder nicht. Wie gern würde ich wieder einmal in Mamas Bett schlafen. Leider ist der Platz besetzt – dort liegt Jonas.

Kommen wir zu Papa. Dem würde ich fehlen, denn er hätte keine Hilfe mehr beim Rasen schneiden. Vielleicht bin ich ungerecht, denn den neuen Rasenmähertraktor hat er sicher nicht nur eigennützig angeschafft. Er wusste, wie sehr ich das Fahren mit dem Traktor mag. Natürlich habe ich mich gefreut wie Bolle, als er damit angefahren kam. Ansonsten hat Papa nur selten Zeit für mich. Immer gibt es Dinge, die wichtiger sind als ich.

Die Wolken fallen mir wieder ein. Ich sehe sie nicht durch das Blätterdach des Baumes. War wohl doch keine gute Idee, den Apfelbaum als Bahnhof zu benutzen. Sicher waren die Wolken längst weitergezogen – ohne mich.
Ich bin traurig, aber irgendwie auch erleichtert. Es ist nicht fair, sich einfach so aus dem Staub zu machen. Ich habe sie doch alle lieb, Mama, Papa, Jakob und Herrn Müller, aber den nur ein kleines Bisschen.

© Regina Meier zu Verl 2015

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Bildquelle Hans/pixabay

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte 5

Mein Bauer, der Josef, hat mir versprochen, mich am Sonntag mit zum Bauernmarkt zu nehmen. Da sind wir früher auch immer gewesen. In den letzten zwei Jahren allerdings hat er mich nicht mitgenommen, sondern den dicken Grünen.

Ich verstehe das nicht, habe ich denn als Ältester keine Vorrechte, so wie der Großvater auf dem Bauernhof? Der darf doch auch alles machen, was ihm Spaß macht. Na ja, fast alles!

Geduld ist nicht meine Stärke, ich kann es nicht erwarten, bis endlich Sonntag sein wird. Dabei sollte ich in meinem Alter doch gelernt haben, dass nicht alles von jetzt auf gleich geht. Gelassenheit, die würde ich mir wünschen. Aber im Motorherzen bin ich immer noch Kind geblieben und das will ich auch gar nicht anders haben.

„Na, mein Kleiner, freust du dich?“, fragt der Josef und tritt mit Schwung an einen der dicken Hinterreifen.

„Aua, das tut doch weh!“, rufe ich.

„Wollen wir doch mal testen, ob du genug Luft hast für eine Spazierfahrt!“, sagt er noch und schon ist er auf die andere Seite gelaufen und tritt nochmal zu.

„Aua!“, kreische ich, aber das stört den Josef nicht die Bohne. Nie hören sie einem zu, meinen immer, dass sie alles besser wissen. Er hätte mich ja nur fragen müssen, ich weiß genau, wie es um meine Luft bestellt ist.

„Alles in Ordnung!“, bemerkt Josef. Habe ich ja gesagt, alles ist okay mit mir. Bis auf den Staub, den müsste mal einer abputzen, am liebsten wäre es mir, wenn der kleine Lukas das machte, denn der ist immer so vorsichtig, weil er mich doch liebt. Das hat er mir jedenfalls gesagt und darauf bin ich besonders stolz. Wenn seine kleinen Hände mich putzen, dann ist das ein so angenehmes Gefühl, dass ich am liebsten wie eine Katze schnurren würde. Aber ich will Lukas nicht erschrecken.

Und tatsächlich, am Samstag kommt mein kleiner Freund. Er hat eine Arbeitshose an und die Gummistiefel und schon geht die Schönheitspflege los. Jetzt verstehe ich auch, warum Josefs Frau immer so gern zum Friseur geht. Ich werde abgespült und eingeschäumt und dann wieder abgespült und dann trocken gerieben. Heiliger Auspuff, ist das gut! Jeden Tag könnte ich das genießen. Aber morgen geht es ja nun erst einmal auf den Bauernmarkt, mit Josef und Lukas. Die Frauen und Großvater kommen mit dem Auto nach.

Am nächsten Tag versammeln sich alle in der Scheune. Ich bekomme noch ein schönes Schild, auf dem steht wie ich heiße, wann ich geboren bin und wie lange ich schon bei Josef lebe. Dann steigt Josef auf, Lukas lässt sich auf den Kindersitz plumpsen und schon geht es los. Mit lautem Getöse und voller Übermut hupend erreichen wir das Gelände, auf dem der Markt stattfindet.

Wohlwollend betrachten mich die Menschen. Ich werde gestreichelt und gelobt. Ist das schön! Das ist wie pflügen, säen und ernten am gleichen Tag, einfach nur traktorisch genial.

Eine anmutige junge Dame interessiert sich besonders für mich. Sie ist Lukas‘ Freundin aus dem Kindergarten und möchte gern mal eine Runde mitfahren.

Dagegen habe ich nichts einzuwenden, schließlich fährt man nicht jeden Tag eine solche Schönheit durch die Gegend. Sie hat ein bisschen Angst, aber Lukas nimmt ihre Hand und hilft ihr beim Hochklettern.

„Ich pass schon auf sie auf“, flüstert er mir zu und dann fährt der Josef mit seiner kostbaren Fracht los, eine ganze Rund ums Gelände.

Ein schöner Tag war das, denke ich, als ich am Abend wieder in meiner Scheune stehe.

„Lasst mich nicht so lange warten, bis ich wieder gebraucht werde!“, bitte ich leise und dann schlafe ich ein, so erschöpft bin ich.

© Regina Meier zu Verl

Sieben Blüten (Mittsommergeschichte)

Sieben Blüten
Wie in jedem Jahr trafen wir drei Freundinnen uns am Tag vor Mittsommer*, um eine alte Tradition aufrecht zu erhalten. Heidi, Anke und ich pflückten bereits seit unserer gemeinsamen Schulzeit Blumen für den Mittsommerkranz, den wir anschließend gemeinsam banden.
Mit viel Freude gestalteten wir die bunten Kränze mit Sommerblumen, die wir in sieben verschiedenen Wiesen gesammelt hatten. So wie es sieben Wiesen sein mussten, war es auch Pflicht, dass es sieben unterschiedliche Blumen sein sollten. Das war gar nicht so einfach. Wie gut, dass wir auf dem Lande lebten, doch selbst hier waren die Wiesen entweder schon abgemäht, oder es fanden sich lediglich ein paar Butterblumen oder Margeriten. Manchmal drückten wir ein Auge zu und ernannten einen Straßenrand, der uns feine Kornblumen anbot, kurzerhand zur Wiese.
Unter viel Gelächter und Gekicher beim Schwelgen in Erinnerungen fuhren wir mit dem Fahrrad durch die Landschaft, rasteten mal hier, mal da. Wir sammelten Kornblumen, Butterblumen, Löwenzahn, Mohn, roten Klee und Wiesenschaumkraut. Dann machten wir uns mir unseren prächtigen Sträußen auf den Weg nach Hause. Jede von uns nahm ein Sträußchen mit jeweils einer der sieben Blütensorten mit nach Hause. Die anderen Blüten wurden als Haarkranz gebunden. Ein Kranz für jede von uns, das versteht sich von selbst.
Die fertigen Kränze wanderten dann in den Kühlschrank, bis sie am nächsten Abend zum Einsatz kamen. Zum Mittsommerfest trugen wir sie auf unseren Köpfen und wir waren stolz und glücklich. Mit dem Einzelsträußchen hatte es folgendes auf sich: Ein Mädchen legte die sieben Blüten in der Nacht vor Mittsommer unter ihr Kopfkissen und der, von dem sie in dieser Nacht träumte, würde ihr Liebster oder sogar ihr Ehemann werden.
Bei mir hat das nicht funktioniert. Einen Liebsten habe ich zwar gefunden, doch geträumt habe ich vorher nicht von ihm. Trotzdem lege ich brav mein Sträußchen unters Kopfkissen und ernte jedes Jahr den gleichen Spruch dafür: „Du mit deinem Unkraut!“, sagt mein Mann dann und ich nehme es ihm gar nicht übel, denn ich weiß ja, dass er es nicht böse meint.
Meine Freundinnen behaupten allerdings, dass es bei ihnen hundertprozentig geklappt hat. Wie auch immer, ich finde es schön, diese Traditionen, die wir den Schweden abgeschaut haben, beizubehalten und es ist ja auch wirklich sehr romantisch, dass in der Nacht des Mittsommers die Morgen- und die Abendröte einander lieben gelernt haben. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl
*Mittsommer (Midsommar) wird in Schweden immer an einem Samstag zwischen dem 20. – 26.6. gefeiert. In diesem Jahr ist das der 24. Juni 2021

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Zeichnung Regina Meier zu Verl

Erinnerungen an Fräulein Tät

Meine Freundin Uli strickte unter der Schulbank Socken, während ich Zigaretten für die Pause drehte. Trotz unserer Nebentätigkeiten lauschten wir aufmerksam den Ausführungen von Fräulein Tät. Eigentlich hieß sie Zimmermeister und unterrichtete Geschichte und Religion in unserer Mädchenschule. Fräulein Tät liebte Wörter, die auf „tät“ endeten, deshalb hatte sie ihren Spitznamen bekommen, den schon Generationen vor uns kreiert hatten. Keine Stunde verging, in der nicht mindestens drei dieser geliebten Wörter vorkamen. Oft schlossen wir Wetten ab, wie viele es am jeweiligen Tag sein würden.
Gerade gestern kam mit Fräulein Tät mal wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten anschaute und mich über die vielen Fremdwörter ärgerte, die größtenteils überflüssig waren.
Über jedes neue Wort mit der Endung „tät“ freue ich mich aber noch heute diebisch, doch dazu später.
„Meine Damen“, pflegte Fräulein Tät zu sagen, wenn sie uns eine Aufgabe stellte. „Meine Damen, verfassen Sie eine Abhandlung über das soeben gehörte. Es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität Ihres Textes, denken Sie daran!“
Streng war sie, dennoch genoss sie eine gewisse Beliebtheit bei fast allen Schülerinnen, denn bei ihr wusste man genau, woran man war. Ja, und sie mochte uns auch. Das Zigaretten drehen übersah sie meist, ab und an gab es einen Rüffel und auch Ulis Strickerei war einmal Anlass zu einer Rüge: „Ich bewundere Ihre Kreativität, Uli, aber Sie bewegen sich am Rande der Legalität. Ihre Aktivität in allen Ehren, aber das hier ist der Geschichtsunterricht und keine Handarbeitsstunde.
„Beim Stricken kann ich mich besser konzentrieren!“, behauptete Uli und stillschweigend akzeptierte Fräulein Tät die Strickerei, wenn nicht allzu sehr mit den Nadeln geklappert wurde. Zu Weihnachten bekam sie zum Dank daher ein Paar selbst gestrickter Socken.
„Das ist eine wahre Rarität!“, rief sie begeistert aus und befühlte beinahe zärtlich die grüngelb geringelten Strümpfe. „An einem kalten und regnerischen Tag gibt es nichts Besseres als warme Stricksocken! Diese Qualität kann man in keinem Geschäft kaufen.“
Danach ging sie zur Tagesordnung über, hatte aber die ganze Stunde ein warmes Lächeln auf den Lippen, was sie um Jahre jünger aussehen ließ.
Mich interessierte besonders der Religionsunterricht. Die Vertreibung aus dem Paradies hatten wir bereits in der Unterstufe ausreichend behandelt. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als es um die Weltreligionen ging. Das war mein Thema.
„Es geht um Spiritualität, und das nicht nur in der uns bekannten Form, sondern um weitere Glaubensrichtungen anderer Nationalitäten. Ich bitte bei den Ausführungen der Referate um Sensibilität und Konstruktivität“, verkündete Fräulein Tät, nachdem wir einige Schulstunden mit dem Studium der uns fremden Religionen verbracht hatten. „Humanität ist das Zauberwort!“, fügte sie noch hinzu.
Manchmal vermisse ich sie, unser Fräulein Tät. Ich bin traurig, dass ich nicht Abschied nehmen konnte von ihr, aber so ist das, Leben und Tod gehören zusammen. Letztens lief mir ein Wort unter, das ich gern mit ihr diskutiert hätte „Dualität“. Ich beschäftige mich mit dem Wort und dem, was dahintersteckt, mit der Zweiheit, dem Leben und dem Tod, der Erde und dem Himmel, mit Gott und den Menschen. An dieser Stelle möchte ich es jedoch einfach so im Raum stehen lassen, vielleicht erscheint mir ja Fräulein Tät in meinen Träumen und ich kann da mit ihr darüber philosophieren.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle MabelAmber/pixabay

Nachtgedanken

Nachtgedanken aus meinem Tagebuch

Viele Jahre schreibe ich, eigentlich schon immer. Bereits als Schülerin war das Schreiben mein Lieblingsfach, Längen vor dem Rechnen und noch einmal Längen vor dem Sport.

Geärgert hat mich immer, dass ich das nicht uneingeschränkt tun durfte. Es gab so vieles, was man von mir erwartete. Ich war ein braves Kind und versuchte, die Aufgaben zu lösen, die das Leben für mich bereithielt. Nach einer glücklichen Grundschulzeit mit lieben und verständnisvollen Lehrern, die einen wichtigen Grundstein in meinem Leben ermöglichten, indem sie mich sein ließen wie ich war, änderte sich alles mit dem Wechsel zum Gymnasium.

Noch heute kneift der Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Schon die Bedingungen, die mit dem Besuch der Schule in der nächstgrößeren Stadt zusammenhingen, waren der pure Stress für mich. Aufstehen mitten in der Nacht, Bus fahren mit schwer bepackter Schultasche, die überall anstieß und mir so manchen missmutigen Blick der Erwachsenen einbrachte. Viele Fremde, im Bus und in der Schule. Lehrer, die mich mit meinem Nachnamen ansprachen und ungeduldig reagierten, wenn das Landträumerchen nicht gleich antworten konnte. Mitschülerinnen, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, während ich mich in meinen karierten Trägerkleidern, die von der Hausschneiderin für uns angefertigt wurden, wie ein graues Mäuschen fühlte.

Ich zog mich mehr und mehr in meine Gedankenwelt zurück. Dort war es schön warm und friedlich. Ich konnte Welten schaffen, in denen ich mich wohlfühlte. Ich unterhielt mich mit meinen Figuren, stellte ihnen Fragen und bekam Antworten. Schon früh begann ich, meinen jüngeren Geschwistern Geschichten zu erzählen.

Die Hauptperson damals war „Furzi“, ein kleiner Wicht, winzig wie ein Sandkorn, der allerlei Blödsinn anstellte und immer zugegen war. Er versteckte sich in der Schultasche, in der Butterbrotdose und an den unmöglichsten Orten. Manchmal setzte er sich in die Ohrmuschel bei einem von uns Dreien und redete uns Streiche ein, die wir gehorsam ausführten. Meine Geschwister reden noch heute darüber und manchmal fällt mir binnen Sekunden dann wieder eine Episode aus der Kindheit ein, die ich dann auch gern erzähle. „Er wacht über uns, wenn wir schlafen und er begleitet uns bei allem, was wir tun!“, behauptete ich damals. Ich sollte diese Geschichten aufschreiben, bisher konnte ich mich dazu aber nicht aufraffen – oder doch? Sind nicht alle meine Geschichten irgendwie so, als wären sie schon damals erfunden worden? Etwas altmodisch, so wie meine Trägerkleider? Aber wo ist dann der Furzi? Sitzt er etwa in meinem Ohr und sagt mir vor, was ich schreiben soll? Fragen über Fragen!

Manchmal, in schlaflosen Nächten, denke ich darüber nach. Immer fällt mir dann auch der Willi ein, der eigentlich Fred heißt und ein Erdbeerwicht ist. Kennt ihr nicht? Es gibt ein Bild, das knipse ich gleich und stelle es zu meiner Gedankengeschichte heute dazu. 

Willi war ein trauriger Typ, er fühlte sich als Außenseiter und klagte darüber, dass er keine Freunde hatte. Eines Tages machte er sich auf den Weg, um Freunde zu suchen. Dabei lernte er verschiedene Wesen kennen, doch erst als er wieder zu Hause war, erkannte er, dass dort seine Freunde immer gewesen waren und er sie vor lauter Traurigkeit nicht wahrgenommen hatte.

Ich kann mich nicht beklagen, ich muss nicht verreisen, wenn ich in meine Welt eintauchen möchte. Ich mache die Augen zu und schon bin ich da wo ich glücklich bin. Eine Erkenntnis und ein guter Zeitpunkt, all denen mal zu danken, die mir folgen in meine Welt. Danke, dass ihr mich begleitet und bestärkt. Zuhause ist man dort, wo die Freunde sind. Sagt der Willi und Furzi kichert in meinem Ohr herum und freut sich, dass er endlich einmal in einer „geschriebenen“ Geschichte erwähnt wird.


© Regina Meier zu Verl (die Zeichnungen sind Teil einer Bildergeschichte, die ich vor vielen Jahren während eines längeren Krankenhausaufenthaltes gezeichnet habe)

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Anna, Maria und das Lebkuchenherz

Hier lese ich dir die Geschichte vor. KLICK

Juli 1962 – Die Kinder strömten aus dem Haupteingang des Schulhauses. Endlich Sommerferien! Einige von ihnen blieben noch auf dem Schulhof. Sie tauschten Sammelbilder oder spielten Gummitwist. Lotte und Moni wurden von den Eltern abgeholt, die mit vollgepacktem Auto vor der Schule auf sie warteten.
Fröhlich winkten die Mädchen den anderen Kindern zu. „Schöne Ferien!“, riefen sie.
Maria nahm Annas Hand. Die beiden Mädchen waren allerbeste Freundinnen. Alles machten sie zusammen. Jetzt aber waren sie traurig. Lange würden sie sich nicht sehen.
„Sei nicht traurig, liebe Anna. Es sind doch nur ein paar Wochen. Schon bald bin ich wieder hier bei dir und wir haben alle Zeit der Welt für uns!“, versuchte Maria die Freundin zu trösten. Sie selbst fuhr, wie in jedem Jahr, zu ihrer Oma nach Bayern. Dort würde sie die gesamte Ferienzeit verbringen. Marias Eltern waren berufstätig und konnten sich während der Ferien nicht um sie kümmern.
Anna lebte mit ihrer Familie auf einem Bauernhof außerhalb des Dorfes. Im Sommer gab es dort eine Menge zu tun und jede helfende Hand wurde gebraucht. Das machte Spaß, aber ohne Maria war es nur halb so schön. Schon im letzten Jahr war ihr die Zeit viel zu lang geworden und sie hatte sehnsüchtig auf Marias Rückkehr gewartet.
„Du hättest bei uns bleiben können. Schade, dass es deine Eltern nicht erlaubt haben“, jammerte Anna.
„Wie gern wäre ich bei dir geblieben, aber schau, meine Oma sieht mich ja auch nur einmal im Jahr und sie freut sich so sehr, dass ich komme. In der kleinen Stadt ist es sehr nett und wenn ich da bin, dann ist auch wieder der Jahrmarkt und von dort werde ich dir etwas Schönes mitbringen.“, versprach sie.
Die Freundinnen umarmten sich und verabschiedeten sich schnell, weil jede von ihnen befürchtete, dass es Tränen geben würde. Sie wollten einander nicht weh tun.
„Mach’s gut, liebe Anna, ich werde dir schreiben, versprochen!“ Maria drehte sich schnell um und ging nach Hause.
Wenn Anna gewusst hätte, dass sie ihre Freundin nicht wiedersehen würde, dann hätte sie sie niemals losgelassen. Aber das Leben hatte einen anderen Weg für sie bestimmt.

Während der Sommerferien trennten sich Marias Eltern und sie entschieden, dass Maria bei der Oma in Bayern bleiben sollte. Annas Mutter hatte versucht, ihrer Tochter das schonend beizubringen, doch Anna war untröstlich. Sie schrieb der Freundin einen langen Brief, aber eine Antwort bekam sie nie.
Als sie Marias Mutter einmal besuchen wollte, war auch diese weggezogen. Der Vater hatte eine Stellung in der Stadt gefunden und niemand wusste, wo er jetzt wohnte. Es war wie verhext.

Juli 1972
Zehn Jahre waren vergangen. Anna hatte die Schule längst beendet und machte eine Ausbildung zur Schneiderin. Noch immer dachte sie oft an die Freundin aus Kindertagen und immer wieder zog es sie zum alten Schulhaus, das nun zu einem Heimatmuseum geworden war. Dort setzte sie sich auf die Treppe und träumte von Maria und der glücklichen Zeit, die sie als Kinder miteinander verbracht hatten.
Beim Tanzkurz lernte Anna dann Hans kennen, mit dem sie ihre Zeit verbrachte. Sie tanzten miteinander, sie lachten und hatten viel Spaß und irgendwann hatte Amor seine Pfeile platziert und es war um sie geschehen. Sie verliebten sich und nach ein paar Jahren heirateten sie und bekamen eine Tochter, der sie den Namen Maria gaben. Anna war glücklich.

Juli 1982

Anna war gerade in der Küche beschäftigt, als es an der Haustür schellte. Maria öffnete und rief nach ihrer Mutter, die sich die Hände an der Schürze abwischte und gleich in den Flur lief. Ein junges Mädchen stand vor der Tür. Anna wich jede Farbe aus dem Gesicht, sie hielt sich am Garderobenständer fest und rang nach Atem.
„Mama, was hast du? Ist dir nicht gut?“, fragte die Tochter.
„Nein, nein, es geht schon!“, flüsterte Anna.
Das konnte nicht sein. Dort stand leibhaftig ihre Freundin Maria vor ihr, die sie vor vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte und sie war noch immer ein Kind.
Das Mädchen holte ein Lebkuchenherz aus ihrer Tasche und hielt es Maria hin:
„Ich möchte Ihnen das von meiner Mutter geben, sie hat es Ihnen versprochen!“, sagte sie.
„Wenn du dich verirrst, zeige ich dir den Weg!“, stand in Zuckerschrift auf dem Herzen.
„Deine Mutter?“, fragte Anna, die noch immer nicht begriff.
In diesem Moment kam eine Frau über den Gartenweg zum Haus.
„Da kommt sie ja!“, rief das Mädchen und wies auf die Frau.
„Und ich bin die Tochter Anna und habe schon so viel von Ihnen gehört!“, sagte sie.

Die beiden Frauen standen sich nun gegenüber. Anna konnte es nicht fassen. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, auch Maria weinte und dann fielen sie sich in die Arme.
„Es gibt so viel zu erzählen!“, sagte Maria, doch Anna wehrte ab.
„Später, kommt doch erstmal herein!“
Dann saßen die beiden Annas und die beiden Marias zusammen am Küchentisch und lachten und weinten und waren froh, dass sie sich wiedergefunden hatten. Auch die beiden Kinder verstanden sich auf Anhieb.
„So lange habe ich auf diesem Tag gewartet“, sagte Maria und drückte der Freundin die Hand.
„Ich ja auch, liebe Maria, endlich bist du da!“

Was genau damals geschehen war, das erzählten sich die Frauen in den nächsten Tagen, denn es waren wieder einmal Sommerferien und Maria und ihre Tochter blieben für ein paar Wochen. Danach verloren sie sich nie wieder aus den Augen und das Lebkuchenherz hat einen besonderen Platz in Annas Haus bekommen.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Gellinger/pixabay