Hannes, Piet und der Schmetterling

Hannes, Piet und der Schmetterling

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“
Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.
Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:
„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“
„Geh‘ nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.
Hannes betrat die Ferienwohnung.
„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.
„Hast du Hunger?“
„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“
„Dann lass mal hören.“
„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“
Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.
„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“
Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.
„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“
„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“
„Aha?“
„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“
„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.
„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …
Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.
Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.
Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.
„Spiel noch einmal!“, bat er.
Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.
Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!
© Regina Meier zu Verl

John, Peter and the butterfly

„The wind is carrying the melody across the water. Listen, then you can hear it too and you’ll be enchanted.”
The old lighthouse keeper quietly closed the book. Then he closed his eyes and listened. The children were totally still, hardly daring to breathe. They were sitting at the old man’s feet. The old man was sitting on a bench in front of the lighthouse. They came here whenever they could because old Peter always had a story for them. Sometimes he made the stories up and sometimes he read out loud from his big story book. John had listened, totally fascinated. He could have sung the melody himself; he had heard it so clearly and felt it so deeply.
He didn’t know how much time had passed. He took a quick glance at his watch and was horrified. He cleared his throat and whispered:
“I’m sorry but I’ve got to go now. My parents will be worried.”
“Run along now! And if you’d like to, come over again sometime, I‘ve got many more stories.” Peter smiled. He loved children. They were such good listeners and they still believed in the small and big miracles in his stories.

John went into the holiday cottage.
“I’m back!” he shouted. His parents had settled down for the evening in the sitting room.
“That’s nice, John. Your cheeks are really red. The fresh air here is doing you good, isn’t it?” She touched John’s cheeks and kissed him on his forehead.
“Are you hungry?”
“No thanks Mum, I’m not hungry, but may I ask you for something?”
“Go ahead, ask me!”
“I’d like to learn the violin.”
John’s Dad put the newspaper he had been reading to one side. He looked at his son in astonishment.
“Where did you get that idea from?” You’ve already got a piano at home which you hardly ever play. Isn’t that enough?”

John thought for a moment before he tried explaining to his parents why he really wanted to play the violin.
“Peter told us story today about the melody which hovers over the water. It sounded so amazing. I heard it and I’m never going to forget how wonderful it was.

“Oh son! You’re dreaming. Melodies don’t hover over water. Peter probably has a CD player or something,” Mum said and Dad nodded in agreement.
“No, we were all sitting outside under the lighthouse. Of course I know it was only a story, but then… I heard it, I heard the melody! Peter had told us beforehand that you can only play as wonderfully as that if you use the violin bow so gently that a butterfly can stay sitting on it without being disturbed.”
“Oh really?”
“Yes, and after hearing the music, a butterfly flew directly in front of my nose up to the top of the lighthouse and at that moment I knew I’d like to play the violin!”
“We’ll see!” Dad said and reached for the newspaper again.
“I’ll play every day and I’ll prove to you that I can do it!” John pleaded and he did the same the following day and the day after that…

He got a violin for his birthday and a few days later he was allowed to go to a violin teacher. John was happy.

When the family spent their holidays on the island again the following year, John took his violin with him. He went to the lighthouse and visited old Peter.
He played the melody which he had heard the previous year and Peter’s eyes filled up with tears.
“Play it again!” he asked.

John placed the bow back on the violin and closed his eyes. He played so wonderfully and it was a pity that he couldn’t see how a butterfly landed on the bow.

But Peter saw it – honestly!
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Eine weitere Geschichte in zwei sprachen „Krümelkinder – The children and their crumbs“
 

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Neulich auf der Frühlingswiese …

Zufrieden streckte der Löwenzahn auf der Wiese seine Blüte in die Sonne. „Wunderbar, dass ich hier meine Wurzeln gefunden habe. Dies ist ein herrliches Fleckchen Erde, nicht wahr, meine Liebe?“
„Ja, lieber Löwenzahn,“ antwortete das Wiesenschaumkraut, „das kann man wohl sagen, aber mit den Wurzeln ist das so eine Sache.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ohne Wurzeln können wir Pflanzen doch nicht leben.“
„Das ist ja das Problem. Wir sind fest angewachsen und haben keine Chance, uns vom Fleck zu bewegen. Eine Freundin von mir könnte noch unter uns weilen, hätte sie statt der Wurzeln Beine gehabt.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut erschraken. Was war passiert? Gerade noch hatte ihnen die Sonne ihre herrlich warmen Strahlen geschenkt. Sollte wieder ein Wolkentag sein? Die beiden hoben ihre Blütenköpfe gen Himmel. Doch der war nicht zu sehen. Es war Alma, die schwarzbunte Kuh des Bauern, die über ihnen stand und den Sonnenstrahlen den Weg versperrte.
„Hey du!“, rief der Löwenzahn, „geh mal einen Schritt zu Seite, du nimmst uns das Licht weg.“
Alma bewegte sich nicht von der Stelle. Sie neigte ihren Kopf und naschte laut schmatzend von dem frischen Gras.
„Hey du, hast du nicht gehört? Du sollst sofort zur Seite gehen“, protestierte der Löwenzahn, nun noch etwas lauter.“
Das Wiesenschaumkraut aber hatte jegliche Farbe verloren. „Psst, Löwenzahn! Sind Sie verrückt? Gleich tritt sie zur Seite und stampft uns in den Boden. Oder noch schlimmer: Sie frisst uns auf. Machen Sie doch nicht so einen Lärm!“
Im gleichen Moment setzte sich die Kuh Alma in Bewegung. Ihr linker Hinterfuß trat gefährlich nah neben dem Wiesenschaumkraut auf dem Boden auf. Das fühlte sich an wie ein Erdbeben, und das Wiesenschaumkraut heulte vor Angst laut auf.
Doch die beiden Pflanzen hatten Glück. Alma zog in die andere Richtung weiter. Als sie aber ein paar Meter entfernt wieder anhielt, schrie der Löwenzahn: „Eine Unverschämtheit ist´s, arglose Wiesenblumen so zu erschrecken.“
Alma blickte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Seltsam. Sie stand kuhseelenallein auf der Weide. Hmm. Gelangweilt kaute sie weiter.
„Das ist aber gerade noch einmal gut gegangen,“ wisperte das Wiesenschaumkraut.
„Du bist aber ängstlich.“ Der Löwenzahn plusterte sich auf und sah das Wiesenschaumkraut verächtlich an. „Feigling!“, fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam Peter, der Sohn des Bauern, um Alma zum Melken nach Hause zu holen. Er erblickte das Wiesenschaumkraut und bückte sich, um es abzupflücken. „Dich werde ich mitnehmen. Meine Mama mag deine schönen weißen Blüten sehr.“
„Und ich? Hey, was ist mit mir?“, kreischte der Löwenzahn empört.
Aber Peter war schon weitergegangen. „Alma komm, es ist Zeit …“

© Regina Meier zu Verl

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Wilde Rosen

Wilde Rosen

Hier in unserer Nähe, in Schloss Holte-Stukenbrock, gibt es ein Seniorenheim mit dem Namen Wiepeldorn. Ich bin oft dort vorbei gefahren, ohne zu wissen, was der Name bedeutet, denn vom Klang lässt sich das kaum ableiten, vielleicht könnte der zweite Teil des Wortes einen Hinweis geben? Nun ja, ich habe es heraus bekommen und dann fiel mir dazu eine kleine Geschichte ein, die euch nun aufklären wird, lest selbst:

Wilde Rosen

„Na, kleine Wiepeldorn, willst du mir helfen?“
Wibke sieht ihren Opa verärgert an.
„Du weißt genau, dass ich Wibke heiße und nicht Wiepeldorn!“, schimpft sie.
Opa legt den Malpinsel beiseite und streckt die Arme aus.
„Komm her und lass dich mal knuddeln!“, bittet er und Wibke kann nicht widerstehen.
Opa ist der Beste, auch wenn er immer so komische Namen für sie erfindet. Das Wort Wiepeldorn hat sie heute zum ersten Mal gehört. Während sie sich an Opa kuschelt, erklärt er:
„Das ist der plattdeutsche Name für wilde Rosen und die sind besonders hübsch, so wie du. Sie sind traumhaft schön, duften köstlich und ab und zu pieksen sie ein wenig.“
Die Kleine lächelt. Mit einer Rose mag sie gern verglichen werden.
„Sind sie so schön, wie auf deinem Bild dort?“, fragt sie und Opa nickt bestätigend.
„Ja, genau so schön. Sicher noch schöner, weißt du, die Natur bringt Blumen hervor, die man so schön niemals malen kann.“
Er nimmt seinen Malpinsel und setzt seine Arbeit fort. Wibke sieht ihm dabei zu und nimmt sich vor, eines Tages mal ein genauso guter Maler zu werden wie Opa. Dann wird sie auch Wiepeldorns malen, ganz viele.

Regina Meier zu Verl

Zum Malen schön – ein Rosenbusch, Foto © Andrea Oberdorfer

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Gänse, Brot, süß, meckern, stehlen

Das sind die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten. Lest, was dabei herausgekommen ist unten und auch bei meinen beiden Mitstreiterinnen:

Lore

Martina

Aufregung auf der Gänsewiese 

Aufgeregt liefen die Gänse auf der Gänsewiese hin und her. Sie schnatterten dabei laut. Man hätte denken können, es sei der Teufel oder der Fuchs hinter ihnen her. Sie schlugen so kräftig mit den Flügeln, dass Gänsefedern durch die Luft stoben. Das Pony Rodrian wieherte: „Guck, es schneit wieder!“
Was war denn da nur los? Tante Anna, die Bäuerin, stand am Küchenfenster und wunderte sich.
„Ich glaube“, sagte sie zu ihrem Mann Antonius, „du musst mal gucken gehen, die Gänse sind außer Rand und Band!“
Antonius schob sich schnell noch ein Stück Brot mit Schinkenspeck in den Mund, murmelte „Jau!“, erhob sich schwerfällig, schnappte seine Mütze und ging nach draußen.
Als er an der Gänsewiese angekommen war, beruhigten sich die Tiere ein wenig. Es war immer gut, wenn sich der Boss einmischte, das kannten sie schon.
„Nun macht doch mal halblang, ihr alten Schnattertanten!“, sagte er und schon der Klang seiner Stimme half, um noch ein wenig mehr Ruhe einkehren zu lassen.
„Schade!“, wieherte Rodrian und drehte den Gänsen sein Hinterteil zu. Er hatte sich so über den Schnee gefreut und nun machte der Bauer alles kaputt.
„Nun sagt mir doch mal, was hier los ist!“, befahl der Bauer. Sofort schnatterten alle wild durcheinander.
„Halt!“, brüllte Antonius. „So nicht! Eine redet, die anderen schweigen!“
Stille kehrte ein, dann schnatterte Gisela, die Älteste: „Die böse Katze hat unser Schnubbelchen gestohlen!“
„Wer um alles in der Welt ist denn Schnubbelchen?“, fragte der Bauer verwundert.
„Na, unser Jüngstes!“, erklärte Gisela weinerlich. „Die Katze hat das Kleine so lange gelockt, bis es durch ein Loch im Zaun hinter ihr her ist. Wir konnten gar nichts machen!“
„Und wo ist die Katze jetzt? Und wie sieht sie aus? Und von woher kommt sie überhaupt?“, wollte der Bauer nun wissen.
Gisela zuckte mit den Flügeln. „Woher soll ich das wissen?“
Der Bauer Antonius schlurfte nun über seinen gesamten Hof, schaute in jede Ecke, hinter jeden Busch und Strauch und rief: „Schnubbelchen! Schnubbelchen!“
Gerade als er vor dem Küchenfenster hinter dem Rhododendron nachgeschaut hatte und immer weiter rief: „Schnubbelchen, wo bist du denn?“, antwortete sein Frau: „Hier bin ich doch!“
Der Bauer Antonius lachte auf, er konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. „D…dich meinte ich nicht!“, stammelte er atemlos. „Ich suche ein Gänseküken, Schnubbelchen! Eine fremde Katze soll es gestohlen haben!“
Anna überlegte nicht lange. „Dann kann ich dir helfen. Es wird die Nachbarkatze sein, die Schnurrsula! Die kuschelt so gern, schau mal in der Scheune nach!“ Die Bäuerin kam aus der Küchentür und begleitete den Antonius zur Scheune. Leise öffneten sie die Tür und schauten vorsichtig hinein.
„Da, schau!“ Anna deutete auf einen Haufen Heu, in dem hatte sich die Katze eingerollt und an ihren Hals gekuschelt schlief ein Gänseküken, Schnubbelchen.
„Das ist süß, oder?“, flüsterte Anna.
„Jau!“, sagte Antonius und sah seine Anna liebevoll an. „Aber jetzt verrate mir doch bitte, woher du den Namen der Katze kennst!“
„Es ist die Katze der Nachbarin und weil die Ursula heißt, und die Katze so ein liebevolles Kätzchen ist, habe ich sie Schnurrsula genannt!“
Dass die Katze eigentlich ein Kater war und Felix hieß, war ja nicht so schlimm, oder?

© Regina Meier zu Verl

Photo by Brandon Montrone on Pexels.com
Lachflash

Lachflash

Lachflash

„Nun schalte doch endlich den Fernseher aus, du hast ja schon ganz viereckige Augen!“, schimpfte Luise, die schon vor Stunden ins Bett gegangen war und dann aufwachte, weil sie Fred vermisste, der noch immer auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Eigentlich musste sie zur Toilette, aber das mit dem Vermissen ist ja viel romantischer, nicht wahr?
Fred machte kurz das linke Auge auf, dann gähnte er und hätte damit dem müden Löwen im Zoo gut Konkurrenz machen können. Unglaublich!
„Ich schaue ja gar nicht, ich schlafe. Die Stimmen im Fernseher beruhigen mich so schön!“, sagte Fred und drehte sich auf die andere Seite.
Luise schüttelte unwillig den Kopf, ließ noch ein: „Mach doch, was du willst!“ da und verzog sich wieder in ihr Bett. An Einschlafen war aber nicht zu denken. Luise stand wieder auf, schüttelte das Kissen auf, trank einen Schluck Wasser und machte einen neuen Versuch.
Sie ging die Einkaufsliste für das Wochenende noch einmal durch. Immer wieder horchte sie, ob der Fernsehapparat noch lief.
‚Ich mache jetzt einfach das Licht aus und stelle mir vor, dass Fred neben mir liegt. Dann werde ich schon schlafen können‘, dachte sich Luise. Also löschte sie das Licht und versuchte einzuschlafen. Tatsächlich konnte sie sich vorstellen, dass Fred neben ihr lag. Lediglich das Schnarchen fehlte ihr ein wenig, aber nicht allzu sehr.
Es dauerte nur ein paar Minuten, als Luise in das Reich der Träume wechselte. Gerade hatte sie noch ‚Gute Nacht, Fred‘ geflüstert, als sie sich zurückversetzt fühlte zu dem Frühlingstag vor 40 Jahren, als sie und Fred sich kennengelernt hatten. Das Thermometer war bereits am Morgen auf 20 Grad geklettert. Luise trug ein buntes Sommerkleid. Sie hatte ein Buch eingepackt, eine Flasche Wasser und ein paar Kekse, falls sie der Hunger überkommen sollte. Ihr Ziel war der Stadtpark. Dort suchte sie ihre Lieblingsbank auf, hielt ihr Gesicht für einen Moment in die Sonne, wobei sie die Augen schloss und einfach nur das warme Gefühl genoss.
„Guten Morgen!“ Luise schreckte auf und sah einen jungen Mann vor sich stehen. Er trug Jeans, ein rotes T-Shirt und Turnschuhe. „Darf ich mit für einen Moment zu dir setzen?“, fragte er. Die Antwort wartete er nicht ab, er setzte sich sofort und packte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Dann nahm er einen kräftigen Schluck.
‚Fehlt noch, dass er nun rülpst‘, dachte Luise und musste über ihren absurden Gedanken lachen. Und wenn Luise einmal anfing zu lachen, dann war sie so schnell nicht zu bremsen.
Da ihr Lachen ansteckend war, stimmte der junge Mann gleich mit ein. Sie lachten sicherlich ein paar Minuten, andere Parkbesucher wurden aufmerksam und freuten sich über das fröhliche junge Paar auf der Parkbank, dass bisher nichts voneinander wusste.

„Was ist los?“, fragte Fred, der plötzlich neben Luise im Bett lag. Sofort war Luise wieder hellwach.
„Was soll denn los sein?“, fragte sie verschlafen.
„Du hast so laut gelacht. Hast du dir einen Witz erzählt? So wie damals? Du weißt schon!“, Freds Stimme klang zärtlich. Genau diese Frage hatte er ihr damals auch gestellt und Luise hatte ihm nie verraten, was der Auslöser für ihren Lachanfall gewesen war. Eigentlich war es auch egal, es hatte einfach so sein müssen damals, vor 40 Jahren. Ein großes Glück war es gewesen, ein anhaltendes Glück. Luise tastete nach Freds Hand. „Schlaf schön!“, flüsterte sie. „Du auch!“, flüsterte Fred.

© Regina Meier zu Verl

Photo by Brett Sayles on Pexels.com
Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

„Wenn ich früh in den Garten geh, mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut!“
Einen grünen Hut habe ich nicht, aber diese Melodie kommt mir stets in den Sinn, wenn ich in den Garten gehe, den ich sehr liebe.
Es gedeiht alles prächtig und mein Kräuterbeet ist ein Traum. Für mich darf es im Sommer jeden Tag Salat mit frischen Kräutern geben.
Heute aber soll es bei mir Bratkartoffel mit Spiegeleiern geben. Dazu brauche ich ein wenig Schnittlauch. Ich nehme also meine Kräuterschere, ziehe die Gummistiefel an und wandere in den Garten.
Der Nachbar ist auch schon aktiv, er winkt mir fröhlich zu. Ein sympathischer Mensch ist er und den ganzen Tag an der frischen Luft tätig. Nun ja, er ist auch schon Rentner und hat viel Zeit. Ganz so gepflegt wie sein Garten ist meiner wohl nicht.
Als ich am Beet ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Wo gestern noch herrliche Petersilie stand, ragen nun nur noch die Stängel aus der Erde, abgefressen, alles!
Schnittlauch mochte der Dieb wohl nicht und auch die Kohlrabipflanzen sind weitgehend unversehrt. Ich atme dreimal tief durch, aber es gelingt mir nicht, mich zu beruhigen.
„Verdammter Mist!“, rufe ich laut und dann, als wäre der Fluch nicht schon genug, trompete ich noch dreimal das verflixte Sch-Wort hinterher, das ich meinen Kindern immer verboten habe. Zur Krönung werfe ich die Schere mit Nachdruck auf die Erde. Dabei kann sie nun wirklich nichts dafür.
„Was ist los?“, ruft der Nachbar.
Ich schäme mich, wie konnte ich nur so ausfallend fluchen?
„Guten Morgen, junger Mann!“, rufe ich keck, um das Bild, das er nun von mir haben wird wieder gerade zu rücken. Daraufhin setzt er sich in Bewegung und kommt an den Zaun.
„Ist was passiert?“, fragt er besorgt.
„Das kann man wohl sagen – meine Petersilie, sie ist weg. Völlig abgefressen, dabei war sie so herrlich nachgewachsen.“
„Das waren die Hasen. Bei mir waren sie auch schon. Ich habe jetzt einen Draht gezogen, damit sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das sollten Sie auch machen!“, rät er mir.
„Ja, das sollte ich wohl tun“, stimme ich ihm zu. Er bietet mir seine Hilfe an.
„Ich mach das gern für Sie, soll ich?“
„Das würden Sie tun?“ Ich bin hoch erfreut über so viel Hilfsbereitschaft und schlage einen Handel vor.
„Dafür mache ich uns nun leckere Bratkartoffeln und lade Sie auf meine Terrasse ein!“
Der Nachbar freut sich und stiefelt gleich los, um Draht und Werkzeug zu holen. Ich schneide etwas Schnittlauch ab und mache mich auf den Weg in die Küche.
Es macht Spaß für Zwei zu kochen. Herr Müller ist ebenfalls schon lang allein.
Draußen wird gehämmert und geklopft und in der Küche duftet es nach Speck, Zwiebeln und Kartoffeln, köstlich.
Gerade, als ich den Tisch fertig gedeckt habe, schellt das Telefon. Johanna, meine Freundin, hat Lust auf einen Plausch. Aber ich vertröste sie auf den Nachmittag.
„So, so“, sagt sie. „Du hast also Besuch und willst mir nicht erzählen, wer es ist!“
„Später!“, flüstere ich, denn ich sehe, dass sich Herr Müller auf das Haus zukommt.
Wir unterhalten uns sehr gut, Friedel und ich. Das Du ergab sich gleich nach dem ersten Glas Bier, das ich heute einmal ausnahmsweise zum Mittagessen mit ihm getrunken habe. Zu Bratkartoffeln passt das einfach wunderbar, das Bier und das Du.
Friedel hat mir versprochen, weitere Arbeiten in meinem Garten zu erledigen. Dafür werde ich für ihn kochen, ab und zu. Er wird den ein oder anderen Salatkopf beisteuern und bald sind auch die Kirschen reif, da backen wir dann einen wunderbaren Kirschkuchen. Mal sehen.
Mein erster Weg am Morgen ist noch immer der in den Garten, dabei summe ich:
„Wenn ich früh in den Garten geh mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut.“

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Ich lag gerade so schön mit Opa auf dem Sofa, als plötzlich ein lauter Schrei aus dem Badezimmer zu hören war.
„Ach herrjemine!“, rief Opa. „Oma Betty!“ Er sprang so schnell auf, dass sein Weinglas auf dem Tisch umkippte. Dann rannte er ins Bad, ich hinterher.
„Betty, was ist passiert?“, fragte er durch die geschlossene Tür. Ich wäre ja sofort reingegangen, aber Opa ist eben höflich. Er stört nicht, wenn eine Dame duscht.
„Mich hat eine erwischt!“, kreischte Oma. „Kommt rein, ihr müsst gucken!“
„Wer hat dich erwischt?“, fragte ich aufgeregt. Es konnte doch gar niemand reingekommen sein.
Vorsichtig öffnete Opa die Tür. Oma hatte sich ein großes Badehandtuch umgelegt und sie machte ein sehr verschrecktes Gesicht.
„Hier!“, sagte sie und stellte ihr Bein auf den Badewannenrand.
„Ich sehe nichts!“, sagte Opa. „Philip, hol bitte schnell meine Brille!“
Das war ja mal wieder typisch. Immer wenn es spannend wurde, dann schickte man mich weg. Ich sauste so schnell ich konnte ins Wohnzimmer und hastete dann mit der gewünschten Brille wieder ins Bad.
„Dann lass mich mal gucken!“ Opa setzte die Brille auf und nickte. „Stimmt, da hat dich eine angefallen!“, sagte er. Angefallen? „Ich will auch mal sehen!“, rief ich und schaute mir Omas Oberschenkel genauer an. Dann sah ich sie, eine dicke Zecke hatte sich dort festgebissen. Die hätte Opa nun auch ohne Brille erkennen können. Also wirklich.

„Und jetzt?“, fragte ich. „Müssen wir ins Krankenhaus?“
„Quatsch mit Soße!“, lachte Opa. „Hol den Zeckenhaken, der liegt auf dem Schrank neben dem Hundekörbchen.
Als ich zurückkam, erfolgte die Operation „Zecke“ umgehend. Konzentriert setzte Opa den Haken an und zog. Oma hatte wohl die Luft angehalten, sie war schon ganz weiß im Gesicht. Der Zeckenhaken rutschte ab und die Zecke steckte noch immer in Omas Bein.
„Dieses verflixte Biest!“, kreischte Oma. Opa versuchte es erneut. Es funktionierte, das Tier war raus. Es zappelte noch mit den Beinen und wie es aussah, war es noch vollständig. Das war gut, denn wenn noch etwas in Omas Bein geblieben wäre, das wäre schlecht gewesen.
Oma atmete nun wieder, sie war froh, dass sie den kleinen Vampir los war.
„Ich desinfiziere das ein bisschen und dann ist alles wieder gut!“, sagte sie und schickte uns wieder ins Wohnzimmer zurück. Opa ließ schnell das Weinglas verschwinden, das beim Umkippen kaputt gegangen war und ich wischte die Weinflecken weg, so gut es ging.
Jetzt könnte man meinen, es sei alles gut ausgegangen – stimmt leider nicht. Am nächsten Morgen war Omas Bein geschwollen und es tat ihr weh.
„Morgen gehe ich zum Arzt!“, beschloss sie. Es war ja Sonntag und in die Notaufnahme wollte sie nun auch nicht.
Am Montagmorgen war die Schwellung noch gewachsen, in der Mitte war ein roter Flatschen und außen rum war es weiß und geschwollen. Eine Wanderröte nennt sich das. Hat der Arzt Oma erklärt und ihr eine Medizin verschrieben, die sie nun 21 Tage lang einnehmen muss. Oma gefällt das nicht, aber sie fügt sich und sie schimpft auf diese verflixten Biester jeden Tags aufs Neue. Kann ich verstehen, ihr auch?

© Regina Meier zu Verl

Photo by Erik Karits on Pexels.com
Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Wenn Oma Betty morgens ihre erste Tasse Kaffee getrunken hat, setzt sie die Lesebrille auf und macht sich über die Tageszeitung her.
Liest sie was Nettes, grinst sie, manchmal ärgert sie sich und ab und zu regt sie sich auf. Gestern zum Beispiel!
Ich dachte schon, dass etwas furchtbar Schlimmes passiert ist, noch furchtbarer als die schlechten Nachrichten, über die sich Oma sonst so ärgert. Sie wurde puterrot im Gesicht und atmete ganz schnell.
„Oma, was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig, bekam aber keine Antwort. „Soll ich dir ein Glas Wasser holen?“, hakte ich nach, weil sie so heftig schnaufte.
„Wasser?“ Sie schrie es fast, ich bekam es so langsam mit der Angst zu tun.
„Wasser hilft nicht und Schnaps darf ich nicht, du weißt ja, mein Herz! Ich könnte jetzt aber einen gebrauchen!“ Oma nahm die Lesebrille ab, setzte sie wieder auf und las noch einmal das, was sie so aufregte.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte sie. Dann hielt sie mir die Seite hin, die wohl Anlass für den Ärger war. Eine ganzseitige Werbeanzeige des Kaufhauses in der Nachbarstadt.
„Das machen die doch extra!“, schimpfte Oma Betty.
„Was denn? Ich verstehe nicht …“, warf ich ein, obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben hatte, gleich zu erkennen, was denn so schrecklich war.
„Na da!“ Oma klopfte mit der flachen Hand auf die Anzeige. Als ich noch immer nicht reagierte, nahm sie den Zeigefinger und tippte auf einen Topf. So langsam schwante mir, was passiert sein könnte.
„Dein neuer Slow-Cooker?“, fragte ich vorsichtig.
„Genau der! Eine Unverschämtheit ist das, ich sag’s ja, die machen das extra!“
„Aber was denn, Oma?“
„Die verkaufen doch das gleiche Modell für 49 Euro und ich habe letzte Woche 79 Euro bezahlt!“ Oma war jetzt den Tränen nah.
„Aber du hast ihn doch gar nicht dort gekauft, Oma!“
„Nein, habe ich nicht. Ich wollte den unbedingt haben und da bin ich zum Haushaltswarenladen bei uns gefahren, da gab es den für 79 Euro und die Verkäuferin sagte noch, dass es ein Sonderangebot sei!“
Mir fiel nichts ein, was Oma hätte trösten können, also blieb ich lieber still. Plötzlich sprang Oma auf und rannte in den Keller. Mit der Gebrauchsanweisung des neuen Topfes kam sie zurück in die Küche. Diese studierte sie dann ganz genau, las dann noch einmal die Anzeige und endlich entspannten sich ihre Züge.
„Ich nehme alles zurück!“, sagte sie leise.
„Warum?“, wollte ich nun wissen.
„Mein Slow-Cooker ist für fünf Liter ausgerichtet, der in der Anzeige nur für drei Liter!“ Sie strahlte.
„Oma?“
„Ja, was ist denn?“
„Sagst du nicht immer zu mir, dass ich erstmal ganz genau nachdenken soll, bevor ich jemanden beschuldige?“, fragte ich sie und freute mich, dass mir das gerade eingefallen war.
„Das ist ja ganz was anderes …“, sagte sie. „Aber …“
„Aber?“
„Aber du hast doch ein bisschen recht, nein, du hast hundertprozentig recht, entschuldige!“, sagte sie und die Entschuldigung habe ich natürlich angenommen. Auch Omas können sich mal vertun, nicht wahr?“

© Regina Meier zu Verl

Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com