Die Bühne im Kurpark

Die Bühne im Kurpark

Als ich Kind war, wollte ich gern Schauspielerin werden. Ich stellte mir das so toll vor, berühmt zu sein und überall erkannt zu werden. Die Leute würden mir zujubeln und rufen: Schaut mal, da ist sie, die großartige Annelies Wuttke. Natürlich hätte ich meinen Namen geändert, vielleicht in Germaine Toulouse oder so. Aber es hat gar nicht geklappt. Mittlerweile bin ich in Rente und werde einiges nachholen. Leider muss ich auf mein Geld aufpassen, denn alles ist so teuer geworden. Mein Plan war, Theaterabonnements hier im Provinztheater des Städtchens und in der etwas entfernteren Großstadt zu Studienzwecken zu buchen, aber daraus wird nichts werden. Doch es gibt nichts, was eine Annelies Wuttke von einem Plan abhalten könnte. Ich werde mir meine eigene Bühne suchen.

Ich habe da auch schon so eine Idee, die umsetzbar ist und nichts, oder fast nichts kosten wird. Zuerst einmal fange ich allein an, später suche ich mir vielleicht ein paar Verbündete. Nun aber mal Klartext: ich werde eine Einfraushow einüben und damit in Seniorenheime oder Residenzen gehen. Das ist das eine und ein zweites Programm werde ich für Kindergärten einstudieren – ich habe eine Menge erlebt und einiges zu erzählen, warum sollte ich mir das nicht zunutze machen? Das Reden vor Publikum ist meine leichteste Übung. Schon meine Mutter sagte immer, dich wird man nach deinem Tod mal eigens noch erschlagen müssen, damit auch dein Plappermäulchen seine Ruhe findet. Damals habe ich das als Kompliment aufgefasst und ich bin so mit einer tüchtigen Portion Selbstvertrauen durchs Leben marschiert. Und nun freuen wir uns auf unsere neue Zukunft, mein Plappermäulchen und ich.
Zuerst werde ich mal ein paar Termine ausmachen. Das brauche ich, denn wenn ich kein klares Ziel habe und mich nicht ein wenig unter Druck setze, dann versanden meine guten Ideen wieder. Das kenne ich schon von mir.
Also rufe ich im Luisenstift hier in unserer Stadt an und trage mein Anliegen vor.
„Ich denke so an ein zweistündiges Programm, Sie werden begeistert sein!“, sage ich der Dame, mit der man mich verbunden hat, nachdem ich ihr mein Anliegen vorgetragen habe.
„Das hört sich gut an“, sagt diese. „Aber zwei Stunden sind viel zu lang. So lange können unsere Bewohner nicht aufmerksam bleiben und es würde auch unsere Abläufe hier total durcheinander bringen!“
„Gut, ich kann das Programm ja auch kürzen und nur eine Stunde zu Ihnen kommen!“, schlage ich vor.
„Hm. Ich weiß nicht so recht“, sie klingt zögerlich nun. „Also 20 Minuten am Anfang, das könnte vielleicht machbar sein. Lassen Sie mich einmal im Terminkalender nachsehen. Warten Sie … ja … einen Augenblick, ich muss gerade …“
Ich warte und warte und spüre, wie mein Herz nun doch anfängt, schneller zu schlagen und wie Aufregung aufkommt.
„Hallo?“, wage ich es schließlich, in den Telefonhörer zu hauchen. „Sind sie noch da?“
Keine Reaktion, seltsam. Sollte die etwa einfach aufgelegt haben? Erschien dann nicht so ein Zeichen, so ein langes Tuuuuut? Ich weiß es nicht und warte noch etwas. Nach einer Viertelstunde gebe ich auf.
Beinahe traue ich mich nun nicht mehr, die nächste Nummer auf meiner Liste anzurufen. Es kostet mich Überwindung und ich erschrecke ein bisschen. Habe ich mir die Sache zu einfach vorgestellt?
Um nicht länger nachdenken zu müssen, wähle ich schnell die nächste Nummer. Ein Anrufbeantworter schaltet sich ein und ich lege auf, dankbar fast, denn mein Herz will schon wieder stolpern. Was ist los mit mir?
Ich muss an die frische Luft.
Auf der Terasse atme ich tief durch und suche nach meinen Zigaretten, die ich für Notfälle immer in einem abgedeckten Blumentopf versteckt habe. Eigentlich rauche ich nicht mehr, nur im Notfall und ein solcher ist gerade eingetreten, meine Träume drohen zu zerplatzen – aber noch ist nicht aller Tage Abend, denke ich!
Es ist ein schöner Nachmittag. Die Wolken haben sich verzogen und es ist noch einmal warm geworden. Ganz in Gedanken gehe ich zum Gartentor und trete auf die Straße. Hier kann ich wieder besser atmen und ich beschließe, ein paar Schritte zu gehen. Die Bewegung wird mir guttun. Ich schreite mit großen Schritten aus und erreiche schon bald den kleinen Kurpark mit der alten Wandelhalle und dem Pavillon, in dem früher Musikkapellen aufgetreten waren. Noch gut erinnere ich mich an die Kurkonzerte, die es früher hier gegeben hat. Schade, dass sie den Kurbetrieb eingestellt haben. Wie magisch angezogen gehe ich auf den Pavillon zu. Die perfekte Bühne, denke ich.
Ich positioniere mich mitten auf der Bühne, schließe die Augen, breite die Arme aus und beginne zu erzählen. Wie automatisch habe ich eine Geschichte ausgewählt, die mir seit Tagen im Kopf herumgeistert. Sie handelt von dem alten Mann, der allein in einem kleinen Haus am Stadtrand wohnt und mit dem niemand etwas zu tun haben möchte, weil man ihm die seltsamsten Dinge unterstellt.
Meine Stimme wird zunehmend sicherer, während ich erzähle. Es ist auch keiner da, der mir zuhört. Ich werde übermütig und erfinde immer kuriosere und witzigere Begebenheiten rund um meinen einsamen Helden und muss selbst innerlich immer wieder lachen. Es macht mir so eine große Freude und ich spüre, wie ich mich innerlich immer freier fühle, wie die Energie durch meinen Körper strömt. Herrlich ist das! Und ich weiß nun wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und warum soll ich nicht hier mit meiner Passion beginnen? Eine Speaker’s Corner im alten Kurpark?
„Bravo!“, ruft da plötzlich eine Stimme und ich höre ein Klatschen.
Beinahe ist mir das ein wenig peinlich, aber als ich die Augen öffne und sehe, dass da ein paar Leute sitzen, die mich freundlich anlächeln, freue ich mich doch sehr.
Ich werde wiederkommen, verspreche ich mir selbst! Dann sage ich:
„Nächsten Sonntag um die gleiche Zeit geht es weiter, danke für den Applaus!“
Nach einer leichten Verbeugung gehe ich nach Hause, ich fühle mich leicht und glücklich, endlich mal wieder.

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte einer einsamen Dame findet ihr hier: Sonntags im Café

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Es war ein schöner Tag gewesen gestern. So hatte Tessa sich ihren Geburtstag gewünscht. Schließlich wird man nur einmal achtzig Jahre alt. Tessa kicherte, sie konnte es kaum selbst glauben, dass sie nun schon so alt war. Sie fühlte sich nicht so, eher wie fünfzig. Hm! Achtzig hörte sich trotzdem erschreckend an.
„Nein!“, wehrte sie sich gegen diese Gedanken. „So schnell kriegt ihr mich nicht klein. Wer gesund lebt, kann, so sagen sie, hundert werden und mehr. Gute Hundert ohne ein Siechtum im Rollstuhl.“
Sie öffnete die Schublade zu ihrer Kommode, die, die keiner öffnen durfte außer ihr, und nahm ihr gesundes Geheimnis, wie sie es nannte, heraus. Magnesium, Kalium, Vitamin C, Zink und einige andere mehr. Sorgsam verteilte sie die Kapseln in einer Schale und schluckte eine nach der anderen, langsam, bedächtig.
„So! Ihr werdet euch wundern!“
Tessa wusste, dass ihre Tochter sie auslachen würde. Deshalb behielt sie es für sich. Es würde sich schon zeigen, wer recht behalten würde. Tessa lächelte, packte die Wundermedizin wieder zurück in die Schublade, trank noch ein großes Glas Wasser und ging dann in den Garten, in dem der Herbst schon eingezogen war, ihre Lieblingsjahreszeit. Noch viel war zu tun hier, aber auch das trauten sie ihr ja nicht mehr zu.
„Ach was!“, wehrte sie sich laut gegen ihre Gedanken, die immer wieder zum selben Punkt zurückkehrten, und stapfte wie bekräftigend mit dem Fuß auf. „Ich werde sie nicht mehr beachten, sie mit ihren Unkenrufen und Mahnungen und falschen Sorgen. Davon habe ich mir gestern genug anhören müssen. Es reicht. Und nun werde ich das kleine Kartoffelbeet umgraben und letzte Schätze ernten.“
Tessa ging mit forschen Schritten hinüber zum Geräteschuppen, schnappte sich den kleinen handlichen Spaten, zog ihre dicken Gummiklotschen an und machte sich daran, das Beet umzugraben. Die Kartoffeln hatte sie schon in der letzten Woche geerntet und allen hatten die frischen Kartoffeln gestern im Geburtstagskartoffelsalat gut geschmeckt. Das selbst angebaute Gemüse war doch immer noch das Beste auf der Welt.
„Man weiß, was man isst!“, murmelte sie und hieb den Spaten mit all ihrer Kraft tief in die Erde. Es klirrte, laut und scheppernd. Tessa erschrak.
Sie ließ den Spaten fallen und trat einen Schritt zurück. Als sich weiter nichts tat, nahm sie den Spaten wieder auf und traute sich wieder näher an das Erdloch heran.
Da sie nichts darin sehen konnte, setzte sie den Spaten vorsichtig noch einmal an und … es schepperte wieder.
„Hilfe!“, rief Tessa laut. Irgendwie erschien ihr die Angelegenheit unheimlich. Es tat sich nichts. „Hilfe!“, rief sie noch einmal, diesmal laut und gellend.
Dann besann sie sich.
„Eine Bombe wird es wohl nicht sein“, schimpfte sie mit sich selbst. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe!“
„Hast du einen Schatz gefunden, Tante Tessa?“, hörte sie da Timo, den Nachbarjungen, rufen. „Das ist ja krass!“
„Das weiß ich noch nicht, mein Junge. Hilfst du mir beim Bergen, bitte?“ Tessa war hocherfreut, dass sie in der Situation nicht mehr allein war. Timo war ein taffer Junge, er würde wissen, was zu tun war.
„Darf ich?“, sagte er und nahm Tessa den Spaten ab. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du da gefunden hast!“
Er stieß ein paar Mal in die Erde, es knirschte und schepperte, dann hatte er den „Schatz“ freigelegt.
„Wow!“, stieß er hervor und zog das Fundstück, eine weiße Emaille Schüssel mit einem Griff, aus der Erde. „Was ist das denn? Ein Salattopf mit Griff?“
„Was? Zeig her!“ Tessa starrte auf den Fund. „Ein Nachttopf!“, stieß sie hervor und musste lachen. „Wie kommt ein Nachttopf in mein Kartoffelbeet?“
„Aber was ist denn ein Nachttopf, Tante Tessa? Gibt es Tagtöpfe und Abendtöpfe und Nachttöpfe etwa?“, fragte Timo.
Tessa fing erneut an zu lachen, das gab es doch nicht, ein Junge, der nicht wusste, was ein Nachttopf war, komisch. „Weißt du, lieber Timo, früher hatte man nicht in jedem Haus eine Toilette, oft gab es außerhalb des Wohnhauses ein Klo, ein Plumpsklo. Da musste man, wenn man mal musste, bei jedem Wetter nach draußen. Das war besonders im Winter sehr unangenehm. Genau dafür war so ein Nachttopf da, der stand für das kleine Geschäft zwischendurch unter dem Bett und wurde am Morgen dann ausgeleert.“
„Igittegit!“ Tims Augen wurden groß vor Staunen. „Das ist ja eklig! Wie konnten die Menschen so leben?“
Tessa musste noch mehr lachen. „Wie du siehst, haben wir es alle überlebt. Sonst gäbe es dich und deine Eltern und deine Freunde nicht, oder?“
„Stimmt.“ Tim lachte nun auch.
„Das ist spannend mit dir“, sagte er. „Darf ich dir weiter beim Graben helfen? Vielleicht finden wir noch andere Schätze aus dieser gruseligen Zeit?“
„Gerne.“ Tessa freute sich. Es war so wichtig, dass die Jungen vom Leben ihrer Vorfahren erfuhren und lernten. Man konnte schließlich nie wissen, ob und wann sie dieses alte Wissen, das gerade im Begriff war, verloren zu gehen, auch für ihr Leben anwenden konnten. „Ich wusste doch, dass auch dies ein guter Tag werden würde.“
Tessa drückte Timo den Spaten in die Hand: „Bitte sehr, du bist dran!“, sagte sie und der Junge hatte im Nu das Kartoffelbeet umgegraben. An diesem Tag fanden die beiden keinen weiteren „Schatz“, aber sie suchten weiter, Tag für Tag.

© Regina Meier zu Verl

Ausnahmsweise

Ausnahmsweise

„Ich esse alles, was mir schmeckt. Fleisch in Maßen, aber nur, wenn es von Tieren kommt, die ein gutes Leben hatten und langsam heranwachsen durften. Gemüse, wenn es Bioqualität hat oder aus meinem eigenen Garten kommt …“
Line holt kaum Luft beim Reden. Das würde wieder ein Vortrag werden, bei dem man keine Chance hatte, auch mal etwas zu sagen, ich kannte das schon.
Ich versuche, ein Gähnen zu unterdrücken. Gespräche über Essgewohnheiten sind mir unangenehm, denn sie haben stets einen lehrerhaften Unterton. Außerdem wecken sie regelmäßig mein Gewissen auf und das ist sehr unbequem, wenn es um gutes und richtiges Essen geht. Ich esse zu gerne, um auf viele Dinge, die man als ungesund erkannt hat, zu verzichten. Aber soll ich mich geißeln? Andererseits ist es ja gar nicht falsch, darüber nachzudenken und vielleicht peu à peu auf Ungesundes zu verzichten, oder sich zu beschränken und nur wenig davon zu sich zu nehmen. Ach, es ist schwierig! Jeder sagt etwas anderes, ich kenne mich gar nicht mehr aus. Wie viele Hundert und mehr Bücher gibt es übers richtige Essen, die einen sagen dies, die anderen das, die dritten wieder etwas ganz anderes und jeder behauptet, nur seine Methode sei die einzig wahre und gesunde. Das stresst und ich gähne nun doch.
Ich stutze, was ist denn mit Line los? Sie sagt gar nichts mehr. „Was ist?“, frage ich.
„Nichts, wieso? Ich warte darauf, dass du etwas dazu sagst, oder ist das nicht dein Thema?“, will sie wissen.
Ich werde rot. Mit Line über dieses Ess-Thema zu sprechen, kommt einen Griff ins Wespennest gleich. Alles was ich sagen würde, wäre das falsche. Und dennoch kann ich mich dann doch nicht beherrschen.
„Noch besser wäre es, wenn du dich für die vegane Ernährung entscheiden könntest“, sage ich so nebenbei und innerlich ducke ich mich bereits.
Aber weit gefehlt, ich ernte Zustimmung und das ist mehr, als ich befürchtet hatte, denn nun wir Line versuchen, auch mich zu überzeugen. Sie sagt doch tatsächlich: „Ich finde es super, dass du das sagst. Weißt du, ich bin auf dem besten Wege, auch noch das Fleisch wegzulassen. Wie ist es? Machst du mit?“
Na bravo! Da habe ich mir aber selbst ein Bein gestellt. Wie komme ich aus dieser Nummer wieder heraus, ohne Line zu kränken? Ich und vegan? Eher friert die Hölle zu. Ich hasse Soja und Tofu und all den Kram und von Hülsenfrüchten bekomme ich Blähungen. Na ja, da bleibt dann sonst nicht mehr viel für eine ausgewogene Ernährung.
Dass das nicht stimmt, wird Line mir dann sicher erklären. Wie ich sie kenne, hat sie sich da längst schlau gemacht. Ich aber bitte mir Bedenkzeit aus und wechsle elegant das Thema. „Wir sollten mal wieder einen Ausflug ans Meer machen, findest du nicht?“, frage ich.
„Zu Fischbrötchen und Fish and Chips?“ Line sieht mich mit einem schelmischen Grinsen an. „Das könnte mich doch glatt locken und mein Magen knurrt schon.“ Sie lacht. „Weißt du, man sollte das mit den Prinzipien und Regeln nicht so eng sehen. Ausrutscher sind erlaubt, wenn sie für den Moment fröhlich machen in dieser sonst so ernsten Welt. Was meinst du?“
Sie lacht mich an und ich verkneife mir jedes weitere Wort und lache auch.
Wie recht sie hat, die Line.

© Regina Meier zu Verl

Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Omas Zaubermusik

Omas Zaubermusik

„Eines Tages werde ich nicht mehr da sein und was soll dann aus meinen unzählig vielen Büchern und Notenbüchern werden? Ich sollte so langsam aber sicher versuchen, einiges davon zu verschenken und zu entsorgen, was niemand mehr haben möchte!“ Das waren Großmutters Worte und die hatten mich heftig getroffen. Natürlich hatte sie recht, aber so richtig annehmen konnte ich das noch nicht. Überhaupt verstand ich es nicht, wie man an den eigenen Tod und an all das, was die Erwachsenen „letzter Wille“ nannten, denken konnte. Großmutter durfte nicht sterben. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Das ging nicht.
Ihre Entschlossenheit aufzuräumen, würde ich aber nicht ändern und deshalb half ich eben ein wenig mit. Das war interessant, denn Oma kam ins Erzählen, wenn ich eine Frage zu einem Buch oder einer Notensammlung stellte. Ab und zu setzte sie sich sogar ans Klavier und spielte mir etwas vor. Und wenn sie ihr Spiel besonders stark berührte, schloss sie die Augen, und dann, ja, dann weilte sie in anderen Welten. Schönen Welten. Die schönsten, die Musik zu erschaffen fähig ist.
Ich schloss dann die Augen und träumte tolle bunte Bilder. Omas Musik war eine Zaubermusik und ich konnte mir nicht vorstellen, sie einmal nicht mehr hören zu können.
„Oma, du weißt ja, dass ich nächste Woche Geburtstag habe, oder?“ fragte ich, als wir wieder einmal so eine zauberhafte Zeit miteinander verbracht hatten. “Darf ich mir etwas wünschen?“
„Natürlich weiß ich das. Aber eigentlich habe ich schon ein Geschenk für dich!“, antwortete Oma. „Doch, lass hören, was du dir noch wünschst!“
„Ich wünsche mir, dass wir deine Musik aufnehmen, damit ich sie immer und immer wieder anhören kann!“
„Meine Musik? Aufnehmen?“ Oma sah mich erschrocken an. Fast wirkte sie verstört und das kannte ich bei ihr, dieser selbstsicheren Frau, gar nicht. „Es … es ist doch nur ein bisschen Geklimper. Nichts weiter“, wiegelte sie rasch ab. „Das kann auch weg.“
Nun war ich es, die erschrak. Oma hatte es doch sonst so gar nicht mit dem Wegwerfen und nun tat sie genau das mit ihrem ganzen Lebensinhalt. Fühlte sie sich vielleicht krank?
Mir war klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste und ich hatte auch schon eine Idee. Wenn sie das nächste Mal spielen würde, würde ich heimlich mit Mamas Handy eine Aufnahme machen. Das würde Mama mir sicherlich erlauben.
Wie gedacht, so getan. Es war nicht schwer, Oma erneut zum Spielen zu überreden. Sie begann mit Beethovens Für Elise, dann spielte sie einen Walzer von Chopin. Der war wunderbar und schien gar kein Ende zu haben. Oma spielte und spielte und die Melodien wurden immer schöner und verträumter. Es war, als zauberten sie Licht ins Zimmer, das in kleinen Perlchen über unseren Köpfen tanzte. Oma hatte längst die Augen geschlossen und da merkte ich, dass es nicht mehr Chopins Musik war, die wir hörten, sondern Omas.
Es war wunderbar und keine Aufnahme der Welt konnte das wiedergeben. Trotzdem war ich unheimlich froh, dass ich die Musik aufgenommen hatte, denn ich würde mich auf diese Art und Weise immer an dieses wunderbare Konzert, nur für mich allein, erinnern!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte, in der es um eine alte Dame und die Musik geht, findet ihr hier: Mondscheinsonate

Was ein Lächeln bewirken kann

Was ein Lächeln bewirken kann

Gela stand vor dem Spiegel und betrachtete kritisch die kleinen Fältchen rund um ihren Mund. Sie gefielen ihr nicht. Trotzdem lächelte sie ihr Spiegelbild an und sofort waren auch die Fältchen weg. „Ich sollte nur noch lächeln!“, beschloss Gela. Sie verzog das Gesicht, zwinkerte mit den Augen, pustete die Wangen auf, dann lächelte sie. Ein Lächeln, das die Augen nicht erreichte.
„Es gibt ja auch nichts zu lachen“, knurrte sie und lächelte trotzdem.
Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass sie, seit sie die Menschen anlächelte, die ihr begegneten, viel bessere Laune hatte und die Tage erträglicher wurden. Also machte sie es sich zu einer festen Gewohnheit. Und manchmal hatte sie das Glück, dass Leute, die vorher eher grimmig vor sich hin stierten, ihre Mundwinkel auch etwas nach oben bewegten. Manche lächelten sogar zurück. Und das war doch mal ein guter Anfang. Wenn das alle täten!
„Man müsste alle Zeitungsredaktionen kapern und an einem Montagmorgen in allen Blättern im Land auf der Titelseite LÄCHELN SIE UND ALLES WIRD GUT veröffentlichen!“, überlegte sie nun und musste kichern.
Gela fiel ein Buch ein, das sie vor langer Zeit mal gelesen hatte, seine Aussage war genau das: Es allen sagen und auf den Erfolg warten. An den Titel konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber der Autor hatte immer vom sogenannten “Tipping Point“ geschrieben, also etwas anstoßen und ins Rollen bringen! Nur wie?
Ihr Blick fiel auf die Nähmaschine, die seit einigen Wochen unangerührt auf dem Tisch in der Ecke stand und langsam einstaubte. Und dann hatte sie eine Idee.
„Wir müssen das Lächeln überallhin tragen: Auf Bildern, auf Schals, auf T-Shirts und Blusen, überall, damit es jeder immer und immer wieder sehen kann! Ja, das wäre ein Anfang.“ Ein Lächeln als Botschaft für den Alltag, aufgemalt und aufgestickt und immer dabei.
Gela legte alles bereit, um mit ihrem Vorhaben zu starten. Sie entstaubte die Nähmaschine und machte sie sich daran, eine Skizze zu zeichnen. Schnell merkte sie, dass sie dabei Hilfe brauchte, deshalb schickte sie ihrer Freundin eine SMS
„Hilfe erwünscht, wir bringen die Welt zum Lächeln! Machst du mit?“
Sie schickte die Nachricht ab und lächelte. Prompt kam die Antwort:
„Ich bin dabei, sag mir wo und wie!“
Und das teilte Gela der Freundin dann auch sofort mit: „Umgehend. Bring Farben und Stoffe mit, gute Laune und ein Lächeln.“
Noch während sie die SMS absandte, trat sie vor den Spiegel und staunte. Es war ein anderes Gesicht, das ihr entgegen strahlte, als heute Morgen, ein leuchtendes Gesicht mit einem Lächeln, das die Wangen und die Augen endlich wieder erreichte.

© Regina Meier zu Verl

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Oma und der öffentliche Bücherschrank

Seit meine Oma den Bücherschrank in der Stadt betreute, für den eine alte Telefonzelle eingerichtet wurde, hatte sie jede Menge zu tun. Aber sie tat es gerne, denn sie war eine Leseratte und freute sich über jedes neue Buch, das sich im öffentlichen Bücherschrank einfand. Das war dann auch das Verrückte an der Sache, denn Oma konnte an keinem, wirklich an gar keinem Buch vorbeigehen, ohne es sich genauer anzusehen, darin zu blättern und die ersten paar Seiten zu lesen. Und dann fand sie es so interessant, dass sie es erstmal mit nach Hause brachte.
Seitdem stapelten sich hier die Bücher, die zuerst gelüftet, dann gelesen und anschließend wieder in den Bücherschrank gebracht wurden. Lüften? Ja, wirklich. Oma war allergisch gegen Zigarettenrauch. Manchmal griff sie sogar zum Föhn und föhnte die einzelnen Buchseiten durch. »Damit wird das Klima für die Buchstaben und Worte besser«, hatte sie mir mal erklärt.
Ehrlich, das habe ich bis heute nicht verstanden, aber es konnte mir egal sein. Die Bücher allerdings waren auch mir nicht gleichgültig. Sorgsam blätterte ich sie erstmal Seite für Seite durch. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gefunden habe.
Von den Eselsohren mal abgesehen, fanden sich die ungewöhnlichsten Lesezeichen. Da war vom Bonbonpapier bis zum Brausepulvertütchen aus den 60iger Jahren bis über Haarnadeln und Visitenkarten alles dabei. Das schönste Fundstück war allerdings ein Brief, den ich behalten habe, weil er mir so gut gefällt. Er war in einer feinen Handschrift von einer Eva geschrieben an ihren Hans. Junge, Junge, muss die den geliebt haben. Manchmal legte ich all meine Fundstücke vor mir auf den Tisch und überlegte, was sie wohl so alles erlebt haben mussten, wo sie gewesen sein könnten und ob die Leute, die sie in den Büchern vergessen hatten, jung gewesen waren oder alt, glücklich oder traurig, aufgeregt und gelangweilt, und in meinem Kopf entspannen viele neue Geschichten. Die könnte alle jemand in ein neues Buch, nein, in viele neue Bücher packen. Aufregend war das, echt wahr.
Das war doch eine großartige Idee – ich sollte Geschichten schreiben, Büchergeschichten.
»Oma!«, rief ich laut und warte auf eine Antwort.
»Oma, ich habe eine Idee!«, versuchte ich es noch einmal. Keine Reaktion!
»Oma, ich werde ein Buch schreiben!«, kreischte ich, so laut ich konnte.
»Das sagen sie alle!«, rief Oma und die Stimme kam ganz aus der Nähe. Komisch!
»Und rate, wie viele von ihnen dann tatsächlich ein Buch schreiben!«
»Nicht viele?«, fragte ich, doch das interessierte mich gerade weniger. Nein, was für mich gerade viel spannender war, war die Frage: Wo steckte Oma? Ihre Stimme klang, als hockte sie in dem Buch, das vor mir lag, irgendwo zwischen den Seiten. So nah klang sie. Nah und unsichtbar. Träumte ich das gerade?
Ich blätterte das Buch durch, fand aber gar nichts darin, auch Oma nicht, obwohl mich das gar nicht gewundert hätte.
Jetzt stand sie plötzlich neben mir und schaute mir über die Schulter.
»Wo warst du denn?«, fragte ich.
»Hier, wo sonst?« Oma sah mich verwundert an.
»Die ganze Zeit?«, wollte ich wissen.
»Klar!«, sagte Oma und nahm mir das Buch aus der Hand.
»Aha!«, sagte sie und lächelte vielsagend.
»Vielleicht war ich auch kurz in Narnia, schau, die Schranktür ist noch offen!«
Das konnte sie erzählen, wem sie wollte, aber ich würde ihr das nicht glauben! Ihr vielleicht?

© Regina Meier zu Verl

Kleine Künstlerinnen

Kleine Künstlerinnen

Kira und Anni haben sich zu einem Malkurs angemeldet. Sie freuten sich schon sehr darauf, auch wenn das Wetter in den Sommerferien super war und das Freibad der angesagteste Ort der Welt momentan.
„Vielleicht malen wir ja draußen. Das hätte den Vorteil, dass die Farben schneller trocknen“, meinte Kira und kicherte.
Anni kicherte erst mal auch. Das tat sie stets, wenn andere lachten oder kicherten. Damit lag sie immer richtig. Dann aber wurde sie ernst.
„Man kann beides machen und viel mehr“, sagte sie. „Schwimmbad geht immer, vor dem Malkurs und danach auch. Und Eis essen geht auch immer. Wir können das alles dann auch gleich malen.“
„Anni, du bist genial, du hast immer für alles eine Lösung!“ Kira bewunderte ihre Freundin sehr, mit ihr schien das Leben ein wenig leichter zu sein. Sie selbst machte sich einfach zu viele Gedanken! So auch jetzt gleich wieder. Gleich nämlich kamen ihr Zweifel. Wir können das alles dann auch gleich malen, hatte Anni gesagt. Als ob das so einfach wäre. Sie konnte doch gar nicht malen. Noch nicht. Wie also sollte sie Leute im Schwimmbad oder in der Eisdiele zeichnen? Strichmännchen etwa?
„Leute malen wir erstmal nicht“, sagte Anni auch schon. „Wir fangen mal mit Eis an, dafür brauchen wir Anschauungsmaterial, komm, wir fahren zur Eisdiele, nimm einen Block und Buntstifte mit und Wasserfarben!“, ordnete sie an.
„Okay! Bei Eis bin ich immer dabei.“ Kira strahlte und schon wenig später saßen die Freundinnen im Eiscafé Verona ganz nahe bei der Eis Theke, damit sie das Eis, das sie malen wollen, besser sehen konnten. Am besten aber sah man es, wenn es auf dem Tisch stand, und so bestellten sie ihren ersten Eisbecher, Erdbeere, Kiwi und Zitrone für Anni, Schokolade, Vanille und Engelblau für Kira. Lecker sahen die aus und hübsch mit den Waffeln, die Engelsflügeln ähnelten, und den Schokodrops als Topping. Tolle Motive zum Zeichnen.
Sie machten zuerst eine kleine Skizze, stimmten die Farben mit ihren Buntstiften ab, die Wasserfarben ließen sie erstmal außen vor, dann ließen sie sich dann das Eis schmecken.
„Oh, bene, die Damen sind Künstlerinnen!“, sagte der nette Inhaber, als er an ihren Tisch kam und ihnen über die Schulter schaute.
„Das bringt mich auf eine Idee, bitte nicht weglaufen, Senoritas!“
„Was für eine Idee?“ Anni starrte Kira verwundert an und ließ den Löffel, den sie gerade zum Mund geführt hatte, sinken.
Die Freundin starrte zurück. Knallrot war sie im Gesicht geworden und auf ihrer Stirn stand FLUCHT ganz groß geschrieben.
„W-wir sind doch keine Künstlerinnen“, stammelte sie.
„Doch, das seid ihr!“ Da war er wieder, der nette Besitzer. „Und ihr habt mich auf eine tolle Idee gebracht.“ Er zog sich einen Stuhl vom Nebentisch heran und setzte sich. „Wir machen einen Malwettbewerb!“, sagte er und grinste, wobei eine Reihe strahlend weißer Zähne zu sehen war.
„Wir nehmen eure schönen Bilder als Beispiel, wie großartig so ein gemalter Eisbecher aussehen kann!“
„Aber wir sind doch gar keine …“, stieß Kira hervor und ihr Kopf war nun so rot wie eine Tomate. Halt, nein, wie ein tiefrotes Himbeereis. Sie kam auch nicht dazu, ihren Satz zu beenden, denn Anni fiel ihr ins Wort.
„Super!“, rief sie. „Das machen wir!“
„Klar!“, stammelte Kira, „das machen wir!“
„Wir werden eure Bilder rahmen und einen schönen Text dazu schreiben. Das mit dem Rahmen und dem Text kann ich übernehmen. Selbstverständlich seid ihr beiden meine Gäste! Bestellt euch ruhig noch etwas, euer Eis ist ja ganz geschmolzen mittlerweile!“, sagte Arthuro, der eigentlich Arthur hieß und gar nicht aus Italien kam. Aber das machte ja nichts.
Schnell machten sie sich über ihre Eisbecher her und löffelten sie voller Genuss leer. Erst die mit dem geschmolzenen Eis, das nun wie eine Eissoße schmeckte, und dann die neuen zwei, drei, vier Eisbecher, die ihnen Arthuro mit immer neuen Kostproben brachte. Dann war ihnen erst einmal ein bisschen schlecht, aber es war egal. Sie waren stolz wie Oskar, was machte da schon ein wenig Bauchkneifen?
„Es ist cool, eine Künstlerin zu sein“, sagte Anni später auf dem Nachhauseweg.
Kira nickte. „Obercool.“ Und insgeheim überlegte sie, wen im Städtchen sie am nächsten Tag zum Malen besuchen würden.

© Regina Meier zu Verl

Familie Feldhamster muss umziehen

Familie Feldhamster muss umziehen

Das Stroh ist eingefahren, riesige Rundballen lagern in der Scheune. Die Felder sind leer, kein Hälmchen mehr, keine Kornblume, kein Klatschmohn. Schon bald wird der Trecker seines Amtes walten und das abgeerntete Feld grubbern oder pflügen. Ein ewiger Kreislauf!
Während sich alle freuen, steht Marius mitten im Stoppelfeld und kämpft mit den Tränen. So schön war der Acker gewesen mit den geschmeidigen Kornhalmen und den Blüten, die so schöne Farbtupfer abgegeben haben. Oft hat er sich hier versteckt und die kleine Welt mit all den Tieren beobachtet. Und nun sind sie alle verschwunden.
„Schade“ murmelt er.
„Das finde ich auch!“, sagt eine feine Stimme. Marius kann niemanden sehen. Komisch!
„Hier unten bin ich, sei vorsichtig mit deinen großen Füßen“, sagt die Stimme wieder. Marius beugt sich hinunter und sieht einen sehr kleinen Feldhamster, der noch ganz jung sein muss.
„Oh!“ Marius ist verdutzt. „Ein Feldhamster, der sprechen kann?“
„Weiß der Himmel, warum ich eure Sprache verstehe.“
Der kleine Hamster seufzt.
„Ehrlich gesagt weiß ich es auch erst seit eben. Vielleicht sind es nur deine Worte, die mich erreichen und ich muss sagen, es gefällt mir.“
Er seufzt noch ein bisschen mehr.
„Es ist doch gut, dass man immer eine Sache hat, die sich gut anfühlt, denn ehrlich, dass ihr meine Heimat mit eurer großen Maschine zerstört habt, das, ja, das gefällt mir überhaupt nicht.“
„Ich verstehe dich so gut, lieber Hamster. Mir geht es nicht anders. Aber weißt du, wir brauchen doch das Korn, um es zu mahlen und aus dem Mehl dann Brot und Kuchen zu backen!“, versucht Marius dem Hamster zu erklären. So hat er es gelernt und es leuchtet ihm auch ein. Allerdings haben die Menschen früher nicht so riesige laute Maschinen dafür benutzt und die sind trotzdem satt geworden, oder? Aber das sagt er dem Hamster besser nicht, er würde es nicht verstehen.
„Mehl? Brot? Kuchen? Braucht ihr Menschen das?“ Fragend sieht der kleine Kerl Marius an.
„Ich kann zwar deine Worte verstehen, aber was sie mir sagen möchten, verstehe ich nicht immer.“
„Ob wir das unbedingt brauchen? Das weiß ich nicht, aber es ist lecker. Warte, ich glaube, ich einen Keks bei mir, dann kannst du mal probieren!“ Marius wühlt in seinen Hosentaschen und findet tatsächlich ein kleines Paket Butterkekse für den Notfall.
Vorsichtig nimmt der kleine Hamster das seltsame Ding, das sich Keks nannte, in seine Pfötchen und schnuppert, dann probiert er, vorsichtig, ein bisschen misstrauisch auch, kaut, schluckt, beißt noch einmal ab und ein Strahlen überzieht sein Gesichtchen. „Hmmmm!“, macht er und noch einmal: „Hmmmm!“
Marius grinst. Es schmeckt dem Hamster, es ist nicht zu übersehen und zu überhören.
„Siehst du, ich habe es doch gesagt, Kekse sind lecker!“, sagt er und beißt selbst noch einmal genüsslich ab.
„Und dafür muss man das Korn mahlen?“, fragt der kleine Hamster.
„Ja, genau. Man mahlt es zu Mehl und dann kommen ein paar weitere Zutaten dazu und es wird im Ofen gebacken. Brot ist auch sehr lecker und Kuchen auch. Wenn du willst, bringe ich dir beim nächsten Mal kleine Kostproben mit“, schlägt Marius vor.
„Oh ja, oh ja, das wäre mir eine Freude, aber…“ Der kleine Feldhamster macht eine Pause und ringt nach Worten.
„Ein nächstes Mal, das wird nicht möglich sein. Noch heute Abend werde ich mit meiner Familie umziehen, irgendwohin, wo die Menschen uns unsere Nahrung nicht wegnehmen. Schade, oder nicht?“ Er deutete eine kleine Verbeugung an.
„Aaaber … du musst mir nur sagen, wohin ihr zieht, dann werde ich dich besuchen und bringe Kuchen mit, halt, ich habe eine noch bessere Idee …“ Marius will den kleinen Freund nicht so schnell wieder verlieren, deshalb will er ihn überreden, zu ihm in den Garten zu ziehen. Da gibt es einige schöne Stellen, wo er sich mit seiner Familie einrichten könnte, und niemand würde sie stören.
Während er noch überlegt, wie er dem kleinen Hamsterfreund seinen Vorschlag schmackhaft machen könnte, hallt plötzlich Mamas Stimme über das Feld.
„Marius! Hörst du mich? Marius! Kommst du? Wir wollen nach Hause fahren.“
Nach Hause? Jetzt schon?
„Komme gleich!“, ruft er schnell und überlegt fieberhaft, was nun zu tun ist.
„Lieber Hamster, können wir uns hier morgen früh noch einmal treffen? Ich würde dich und deine Familie gern in unseren Garten einladen. Aber ich muss das erst vorbereiten und dann brauche ich ja auch einen Korb oder sowas, in dem ihr mit mir auf dem Fahrrad mitfahren könnt!“
„Mit dem Fahrrad?“, fragt der Hamster ängstlich. „Ist das denn nicht gefährlich? Und wie sollen wir dann wieder nach Hause kommen? Und überhaupt. Ich würde sagen …“
Mehr sagt der Hamster nicht mehr, das heißt, mehr kann Marius nicht mehr hören, auch wenn er noch so sehr die Augen aufreißt und nach ihm Ausschau hält: Der Hamster ist verschwunden.
„Seltsam!“, murmelt er und reibt sich die Augen.
„Was hat ihn so erschreckt und wie konnte er verschwinden? Ich habe gar nichts gesehen. hm?“
„Komm jetzt, Marius“, ruft die Mutter schon wieder. „Und träume nicht andauernd.“

Natürlich setzt sich Marius am nächsten Morgen auf sein Rad und fährt zu dem abgeernteten Feld. Ob er da den Feldhamster antrifft? Oder hat er das nette Gespräch mit ihm nur geträumt.
Als er aber an der Stelle vom Vortag einen halben Butterkeks entdeckt, musste ja wohl etwas dran gewesen sein an der Geschichte, oder?

© Regina Meier zu Verl

Dies ist Hubert, so ähnlich könnte der kleine Feldhamster ausgesehen haben, Habt ihr ihn gesehen? (Bild Regina Meier zu Verl)

Sonne im Glas

Sonne im Glas

„Das ist Sonne im Glas!“, sagte Oma und hielt das Einweckglas mit Kirschen in die Höhe.
„Quatsch, das sind eingemachte Kirschen!“ Opa tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Genau! Sie sind die Kinder der Sonne. Das weiß doch jeder.“
Opa schüttelte verwundert den Kopf.
„Was du immer für Ideen hast! Aber wenn ich es so recht überdenke …“
Oma lächelte und wartete auf Opas nächsten Satz. Der kam aber nicht, also half sie nach: „Wenn du es so recht überdenkst, dann…“
„Dann bist du eine Künstlerin, meine Gute! Meine geliebte kleine Künstlerin, die es vermag, die Sonne in kleinen Früchten einzufangen und sie für uns aufzubewahren für dunkle Zeiten, die bald wieder kommen werden.“
Er leckte sich über die Lippen.
„Und nun freue ich mich noch mehr auf den Kirschkuchen, den du uns dann als kleinen Sonnengruß backen wirst.“
„Das werde ich sicher tun, aber später. Vorerst gibt es noch so viele frische Früchte im Garten, die wir direkt schnabulieren können, mein Lieber!“, sagte Oma und machte sich schon wieder auf den Weg in ihren geliebten Garten. Opa folgte ihr, doch auf halbem Weg machte er Halt.
„Ich glaube, ich habe da gerade eine Idee“, brummte er, und wie immer, wenn er eine Idee hatte, wurde sein Gesicht hochrot vor Aufregung.
Oma stöhnte. Sie kannte die Ideen ihres Mannes und fürchtete sie ein bisschen.
Sie hörte ihn im Schuppen herumwerkeln und dann pfiff er vergnügt seinen Heimwerkersong. Oma sang mit „Wer will fleißige Opas sehn, der muss in den Schuppen gehn!“
Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ihr Mann mit der Schubkarre angefahren, auf die er viele Bretter und seinen Werkzeugkoffer gestapelt hatte.
Oma erschrak. „Was hast du vor? Ich dachte, du würdest mir bei der Aprikosenernte helfen. Sieh nur, der Baum ist in diesem Jahr voller reifer Früchte und die müssen geerntet werden.“
Sie lächelte und fuhr mit verlockend klingender Stimme fort: „Du liebst doch Aprikosenmarmelade und Linzer Torte so sehr, Liebling, oder? Die Aprikosen warten. Viele kleine Sonnenküsschen.“
„Selbstverständlich, meine Liebste, helfe ich dir bei der Ernte der leckeren Aprikosen! Anschließend musst du mir dann auch helfen, ich möchte Schilder an die Bäume machen: Sonnenkirschen, Sonnenaprikosen, von der Sonne geküsste Zwetschgen und was wir noch alles so in unserem Garten haben und dann laden wir die Nachbarn ein und machen ein Früchtefest und von allem, was wir im Überfluss haben, dürfen die Nachbarn miternten. Was hältst du davon? Aber warte. Ich bin gleich wieder hier. Ich … ich habe noch ein Geschenk für dich.“
„Ein Geschenk?“ Oma stemmte die Arme in die Seite. „Ich habe doch noch gar nicht Geburtstag. Seltsam.“
Aber da war Opa schon im Schuppen verschwunden. Es rumpelte ein wenig und Oma konnte ein paar unfeine Flüche hören, dann kehrte Opa zurück. In den Händen hielt er feierlich zwei Gläser.
„Sonnengläser“, rief er ihr entgegen. „Wir hängen sie in die Bäume. Sie fangen das Sonnenlicht auf und leuchten in der Nacht. Ich wollte sie dir eigentlich zum Geburtstag schenken, aber sag, ist nicht jetzt die passende Gelegenheit dazu?“
Oma lächelte. „Du bist der beste Ehemann von allen!“, sagte sie und drückte Opa einen dicken Schmatzer mitten auf die Schnute.
Was passiert nun mit dem Holz, möchtet ihr wissen? Daraus werden Schilder gemacht, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte!

© Regina Meier zu Verl

Diese herrlichen Aprikosen bringen sicherlich viel Sonne ins Glas – Photo by Tetyana Kovyrina on Pexels.com