Opas Chaiselongue

Opas Chaiselongue

„Opa machte seinen Mittagsschlaf stets auf der Chaiselongue. Oma ärgerte sich darüber, denn dann musste sie nach dem Essen leise sein, durfte nicht mit dem Geschirr klappern, geschweige denn es abspülen. Einen Geschirrspüler gab es damals noch nicht und auch keine Küchentür, die sie hinter sich schließen konnte“, erzählte Mama. Jakob hat sie darum gebeten, ein wenig von ganz früher zu erzählen, weil sie in der Schule gerade von der Zeit sprachen, als seine Eltern noch Kinder gewesen waren.
„Was ist denn eine Chaise… was weiß ich, wie das Dings heißt?“, fragte Jakob.
„Das ist so eine Art Sofa, ich zeige dir mal so ein Möbelstück, wenn du willst“, sagte Mama und holte ihren Laptop. Dort gab sie ‚Chaiselongue‘ in die Suchmaschine ein und schon konnte Jakob sehen, wie so ein Sofa aussah. Im Grunde war es ein verlängerter Sessel. Große Menschen konnten sicher nicht so gut darauf schlafen, weil das einzige Kopfende hochgestellt war.
„Interessant!“, sagte Jakob, der seinen Uropa gern kennengelernt hätte. Aber das war ihm nicht vergönnt. Frieder Paulsen aus seiner Klasse hatte sogar noch beide Urgroßeltern. Das kam nicht so oft vor, meinte Mama.
„Hat der Uropa denn gar nicht beim Spülen helfen müssen?“, will Jakob jetzt von seiner Mutter wissen, denn gerade fällt ihm ein, dass sein Papa, als der Geschirrspüler einmal kaputt war, immer helfen sollte. Die Kinder mussten dann alles wegräumen. Das war blöd gewesen, hatte Papa auch gesagt und schnell dafür gesorgt, dass der Elektriker die Maschine wieder reparierte.
„Nein, ich glaube, er glaube, er hat nicht im Haushalt geholfen. Oma sorgte sogar dafür, dass man ihn in Ruhe ließ, wenn er aus dem Stall kam und das Vieh versorgt hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass alle dann mucksmäuschenstill sein mussten.“
Jakob überlegte einen Moment, bevor er die nächste Frage stellte.
„Durfte Uroma dann auch mal auf die Chaiselongue?“, er war ganz stolz, dass ihm das schwere Wort wieder eingefallen war.
„Ich glaube schon“, antwortete die Mutter. „Aber weißt du, was richtig schön war?“
„Nein, erzähl doch schon“, drängelte Jakob.
„Das war, wenn Opa auf seiner Chaiselongue saß wie auf einem Pferd, also mit ausgebreiteten Beinen. Dann klopfte er auf das Polster und das hieß, dass ich dann zu ihm mit auf sein Ross kommen durfte und wir taten so, als ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer. Das war schön!“ Mama hatte rote Wangen von Erzählen bekommen und vom Erinnern. Das tat gut!
„Mama?“
„Ja, Jakob?“
„Ich wünschte, wir hätten auch eine Chaiselongue!“, flüsterte Jakob.
„Wir nehmen einfach die Sofalehnen, komm!“, rief Mama und schon ritten wir wie die wilden Kerle durchs Wohnzimmer.

© Regina Meier zu Verl

Ankündigung

Mein neues E-Book ist in der letzten Woche erschienen. Ab dem 16.1. gibt es eine Preisaktion und es ist für nur 99 Cent erhältlich. Später kostet es 2.49 €.

Hier könnt ihr es downloaden und auf dem Ebookreader, dem Handy oder Tablett lesen.

Tierische Geschichten KLICK
Hier der Klappentext:
In der Luft, auf den Feldern, in den Wäldern und in unserem Zuhause leben sie, unsere tierischen Freunde. Wenn man ihnen zuhört, dann erfährt man so manches, was man niemals geahnt hätte. Du denkst, das geht nicht? Und ob das möglich ist, lies oder höre selbst, was uns die Tiere erzählen möchten und dann erzähle es weiter. Nicht alle können die Sprache der Tiere verstehen, dabei musst du nur gut hinhören. Lass dich überraschen! Von Mäusen, Hunden und Schmetterlingen wirst du lesen, von den kleinen Meisen und anderen gefiederten Freunden und viele andere Tiere werden dir in diesem kleinen Geschichtenbuch begegnen.

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Gerade nochmal gut gegangen

Heute habe ich mir im Gartencenter ein Vogelhaus angesehen, aber noch nicht gekauft, weil ich hoffe, dass mein Mann mir eines bauen wird. Wir standen gerade auf der Terrasse und berieten, wie groß es werden sollte, da schlich die dicke Nachbarkatze über die Wiese hinterm Haus. Sofort sprangen meine Geschichtenhirnzellen an. Das Ergebnis stelle ich hier vor.

Gerade nochmal gut gegangen

Aufgeregt ließ sich Frau Blaumeise auf dem Apfelbaumzweig nieder, direkt neben Frau Kohlmeise.
„Haben Sie es schon gehört? Es ist sensationell, meine Liebe!“, zwitscherte sie.
„Was soll ich denn gehört haben, nun sagen Sie schon!“, erwiderte Frau Kohlmeise.
„Auf der Terrasse der alten Betty steht ein neues Vogelhaus!“, erzählte Frau Blaumeise stolz. Sie wähnte sich als Entdeckerin dieser unglaublichen Sensation.
„Na und?“, fragte Frau Kohlmeise. „In vielen Gärten stehen Vogelhäuser. Was nützt uns das, wenn nichts drin ist?“
„Das ist es ja eben! Bei der alten Betty ist was drin und was für tolle Sachen das sind. Ich bin pappsatt und kann heute kein Körnchen mehr hinunterbringen! Diese Nüsschen, ich sage Ihnen, die sind köstlich!“, schwärmte Frau Blaumeise.
„Erzählen Sie es nur nicht zu oft herum, rate ich Ihnen. Dann bleibt nichts mehr für uns!“, meinte Frau Kohlmeise, dann machte sie sich auf, um das Vogelhaus in Augenschein zu nehmen. Sie bat Frau Blaumeise nicht einmal, mit ihr zu kommen. Auch hätte sie sich bedanken können. Frau Blaumeise war verstimmt und ärgerte sich nun, dass sie überhaupt etwas verraten hatte. Dabei hatte sie es gut gemeint, schließlich hatten doch alle Vögel Hunger.
Sie flog ein paar Zweige höher im Apfelbaum, da sie von dort einen besseren Blick auf den Garten der alten Betty hatte. Es fing schon an zu dämmern und im Garten war alles still. Doch da, was war das? Schlich da nicht der dicke Theodor ums Vogelhaus? Frau Blaumeises Gefieder stellte sich aufrecht, das ist so, wenn Meisen Gänsehaut bekommen. Gefahr! Große Gefahr! Der dicke Theodor war nämlich ein gefräßiger Kater und sicher hatte er Frau Kohlmeise bereits im Blick.
‚Ich muss helfen‘, dachte Frau Blaumeise. Aber das war gar nicht so einfach, was konnte sie schon gegen einen dicken Kater ausrichten?
So schnell sie konnte, flog sie zum Garten der alten Betty, setzte sich aufs Fensterbrett und zwitscherte und piepste so laut, wie es ihr möglich war. Immer wieder hackte sie mit dem Schnabel an die Fensterscheibe und es dauerte auch gar nicht lange, da öffnete Betty das Fenster und streckte den Kopf heraus.
„Was ist denn hier los?“, fragte sie und schon ging ihr Blick zum Vogelhaus und gleich erfasste sie die Lage. „Theodor!“, kreischte sie. „Komm sofort da weg!“
Theodor schlich mit hängenden Schultern zur Katzenklappe, durch die er noch gerade so durchpasste.
„Macht euch keine Sorgen, liebe Vögelchen!“, versprach die alte Betty. „Gleich morgen werde ich einen Draht unterhalb des Hauses anbringen, dann kann euch niemand etwas zuleide tun!“
Frau Blaumeise war erleichtert und Frau Kohlmeise, die diese Gefahr erst erkannt hatte, als schon alles vorbei war, war sehr dankbar.
„Frau Blaumeise, Sie sind die Beste!“, zwitscherte sie und von diesem Tage an waren die beiden Freundinnen.

© Regina Meier zu Verl 2018

Meisengespräche, Foto von Gellinger/pixabay

Ich bin nicht allein

Ich bin nicht allein

Dienstag ist Omatag. Einmal in der Woche holt sie mich vom Kindergarten ab und wir unternehmen etwas zusammen. Das finde ich toll. Oma ist auch toll, nur manchmal ist sie etwas streng. Immer dann, wenn ich mal schlechte Laune habe und unbedingt fernsehen will. Das mag Oma nicht. Sie erlaubt es auch nicht. Zuerst bin ich dann beleidigt und heule und quengele herum. Meist, nach ein paar Minuten, geht es dann wieder und ich schleiche mich langsam an Oma heran.

„Sollen wir was spielen?“, frage ich sie. Sofort hat sie Zeit für mich. Manchmal liegen wir einfach auf dem Bauch im Wohnzimmer und spielen mit den Autos. Oma kann tolle Geräusche machen, fast so gut wie ich selbst. Aufheulende Motoren gelingen ihr besonders gut.

Ein anderes Mal geht sie mit mir in die Bibliothek. Ich fühle mich da richtig wohl. So viele tolle Bücher gibt es und ein Kasperltheater. Ich suche die Bücher aus und Oma liest vor. Das macht uns beiden viel Spaß. Ich sehe es an Omas Augen, sie strahlen, wenn sie liest, vor allem seit sie die neue Brille hat und wieder richtig gut gucken kann.

Oma ist schon alt, ungefähr hundert Jahre. Opa auch, aber beide sind noch ganz fit. Sogar Fangen können sie noch mit mir spielen. Meist gewinne ich.  Ist ja auch kein Wunder. Ich habe junge Beine, die laufen schneller, sagt Oma.

Am Sonntag ist Muttertag, da schenke ich Mama ein schönes Bild und Blumen, die Oma für mich pflückt. Das hat sie mir versprochen. Aber Oma ist ja auch eine Mutter, also bekommt sie auch ein Bild und einen dicken fetten Schmatzer. Oma liebt meine Schmatzer, selbst dann, wenn ich Schokolade gegessen habe.  Das sieht dann lustig aus und ich schmatze ihr noch einmal auf die Wange.

Oma hat auch zwei Kinder, meinen Papa und meine Tante Düwi. Die heißt gar nicht Düwi, ich habe sie immer so genannt, als ich noch nicht richtig sprechen konnte. Düwi ist toll und sie bleibt meine Düwi. Aber eine Mutter ist sie noch nicht, sie hat keine Zeit für Kinder, weil sie noch studiert.

Meinen Papa sehe ich nicht so oft, dabei habe ich ihn doch ganz doll lieb. Mama und Papa mögen sich nicht mehr so gern leiden. Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich ja noch klein war, als Papa ausgezogen ist. Ich habe ja noch Oma und Opa – und das gleich zwei Mal. Aber das erzähle ich später, jetzt muss ich schlafen.

„Gute Nacht Mama, gute Nacht Omas und Opas, gute Nacht Papa und Tante Düwi!“

© Regina Meier zu Verl

Oma erzählt die schönsten Geschichten

Für eine Geschichte aus dem Leben erzählt ist man wohl nie zu alt, besonders, wenn sie von der Oma vorgelesen wird!

Oma erzählt die schönsten Geschichten

Großmutter schloss das Buch und nahm ihre Lesebrille ab. Dann schaute sie Lukas erwartungsvoll an.
„Na, mein Junge, kanntest du diese Geschichte schon?“
Lukas grinste, wobei die große Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen sichtbar wurde.
„Ja, Oma, die kannte ich schon, aber das macht nichts. Du weißt, dass ich all deine Geschichten liebe und sie immer wieder hören kann!“
Wie reizend das aussah, wenn Oma errötete. Lukas liebte diese Frau so sehr, dass ihm das Herz weh tat, wenn er daran dachte, dass sie vielleicht eines Tages nicht mehr da sein könnte. Schnell wischte der den Gedanken weg.
„Wenn ich uns noch einen leckeren Kakao mache, würdest du dich überreden lassen, mir noch eine Geschichte vorzulesen?“
Natürlich ließ sich Oma überreden, viel zu gern las sie ihrem Enkel vor. Im Laufe der Jahre war eine schöne Geschichtensammlung entstanden, die schon vielen Kindern Freude gemacht hatte. Oft war Lukas die Hauptperson, aber immer wieder kamen auch Kinder drin vor, die sich selbst erkannten, weil Lukas’ Oma es irgendwie immer schaffte, eine besondere Eigenart der Kinder herauszustellen, ohne den Namen zu nennen.
„Das Mädchen eben in der Geschichte, das war doch meine Cousine Petra, nicht wahr?“
Lukas kam mit den Kakaobechern aus der Küche.
„Sei vorsichtig, damit du nichts verschüttest“, warnte Oma, dann nickte sie. „Ja, das war die Petra. Was sie heute wohl macht? So lange habe ich nichts von ihr gehört.“
„Es wird ihr schon gut gehen. Wenn man nichts hört, dann ist das doch eher ein gutes Zeichen. Das sagt Mama jedenfalls immer.“
„Ich bin aber trotzdem froh, dass wenigstens du dich immer bei mir meldest und mich regelmäßig besuchst. Sonst wäre ich ganz schön einsam.“
Oma schaute nachdenklich auf ihren Enkel und strich ihm dann sanft über die Wangen. Ehe Lukas etwas dagegen tun konnte, hatte sie kurz auf ihr Taschentuch gespuckt und versuchte nun, Lukas den Kakaorand vom Mund zu wischen.
Lukas ließ es geschehen, musste aber schon wieder grinsen. Er fragte sich, ob Oma ihm im nächsten Jahr, wenn er seinen Fünfzigsten gefeiert hatte, noch immer die Schnute abwischen würde.
„Es war einmal ein Junge, der hieß Lukas …“, begann Oma zu lesen. Lukas setzte sich auf den Fußboden zu ihren Füßen und legte den Kopf auf ihren Schoß.

© Regina Meier zu Verl

Julius und sein Schneemann

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Von Julius für den Schneemann gemalt

„Einmal nur möchte ich eine bunte Blumenwiese sehen, das ist mein größter Traum!“, sagt der Schneemann zu Julius, der ihn gebaut hat.
Traurig antwortet der Junge: „Das geht nicht, deine Zeit ist der Winter. Wenn die Sonne wärmer wird, dann wirst du schmelzen!“
„Du hast mich gebaut, also bist du doch mein Vater, stimmt’s?“, fragt der Schneemann.
Julius kichert.
„Das könnte man so sagen!“
„Väter tun alles für ihre Söhne, oder?“
„Alles, was sie können!“, stimmt Julius zu.
„Dann mach, dass ich auf einer Blumenwiese stehen kann!“ Der Schneemann wird immer energischer und Julius immer stiller. Wie soll er seinem Schneemann den Wunsch erfüllen? Er hat keine Idee.
„Mein Vater tut auch alles für mich, aber manche Wünsche kann auch er nicht erfüllen!“
„Es ist aber doch mein einziger Wunsch!“, erwidert der Schneemann.
„Also gut, ich überlege mir was. Aber jetzt muss ich ins Haus, Papa hat schon zum Essen gerufen!“
Als Julius mit seinem Papa am Küchentisch sitzt, fragt er:
„Du, Papa, wenn ich nur einen einzigen Wunsch hätte, würdest du mir den erfüllen?“
„Wenn ich das könnte, dann würde ich es tun. Was wünscht du dir denn?“
„Ach, eigentlich geht es gar nicht um mich, sondern um einen Freund!“
„Erzähl doch mal!“
„Mein Freund der Schneemann draußen wünscht sich auf einer Blumenwiese zu stehen!“
„Wie soll das gehen, es ist doch Winter!“
„Das habe ich ihm auch gesagt, aber er meint, dass es sein einziger Wunsch sei und den möchte ich ihm so gern erfüllen!“, sagt Julius traurig und eigentlich will er gar nicht weinen. Doch da ist es schon passiert, die Tränen kullern die Wangen hinunter.
Papa reicht ihm ein Taschentuch, das er aus der Hosentasche gezaubert hat.
„Mama hätte bestimmt eine Idee“, jammert er. Doch Mama ist nicht da, sie macht eine Kur im Schwarzwald und ist ganz weit weg.
„Vielleicht hätte sie das. Ruf sie doch am Abend mal an!“, schlägt Papa vor.
Plötzlich beginnen Julius’ Augen zu leuchten. Er rast in sein Zimmer und ist in nullkommanichts wieder da. In der Hand hat er ein Bild von Mama.
„Ich hab’s!“, ruft er. „Abends wünsche ich mir immer, dass Mama bei mir ist. Da sie aber nicht kommen kann, nehme ich ihr Bild und schaue es so lange an, bis mir ganz warm wird, vor lauter Liebe und dann geht es mir gleich besser!“
„Das ist schön! Aber was hat das mit dem Schneemann zu tun?“
„Ich male ihm ein Bild und auf dem Bild steht er auf einer bunten Blumenwiese. Das ist dann fast so, als wäre es wahr!“
Papa ist stolz auf seinen Julius und es rührt ihn beinahe zu Tränen, wie klug und gefühlvoll der kleine Mann ist.
Nachdem die beiden den Tisch abgeräumt haben, hilft Papa dabei, ein wunderbares Bild zu malen und später bringt Julius es in den Garten, zu seinem Schneemann. Papa knipst ein Foto vom Schneemann, Julius und dem Blumenwiesenbild und das schicken sie dann zu Mama.
Die wird sich freuen!

© Regina Meier zu Verl 2015

Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen
Das sind die Wörter, die es diesmal zu verarbeiten galt. Bei mir ist eine neue Oma Betty Geschichte draus geworden, wie immer mit viel Wahrheit drin aber auch jeder Menge Fantasie.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore – Lores Märchenzauber
Martina – Von Herz zu Herz Geschichten

Oma Betty und die Wollmäuse

„Oma, was ist denn eigentlich in dieser großen runden Schachtel dort oben auf dem Kleiderschrank?“
Maila war wieder einmal bei Oma Betty zu Besuch und half ihr, die Betten neu zu beziehen. Das machten sie gern zusammen, denn Maila liebte es so sehr, zwischen Oma und Opa im frisch duftenden Bett zu liegen. Als sie gerade auf der Matratze herumhüpfte, sah sie oben auf dem Schrank diesen rosa-weiß gestreiften Karton und schon war die Neugier geweckt.
„Könnte es wohl sein, dass da mein Weihnachtsgeschenk drin versteckt ist?“, fragte sie.
Oma Betty lachte.
„Aber Kind, die Geschenke bringt doch das Christkind, nicht wahr?“
Maila grinste, dabei wurde ihre große Zahnlücke sichtbar.
„Oma, ich weiß genau, dass es ein Christkind gibt, aber die Geschenke, die kommen doch von euch, gib es zu!“
„In dieser Schachtel ist auf jeden Fall kein Geschenk für dich!“, verriet Oma und zog den großen Bezug über das dicke Federbett.
„Für jemand anderen vielleicht?“, wollte Maila wissen.
Oma Betty schüttelte den Kopf. „Auch nicht für jemand anderen!“, sagte sie.
„Oma, nun sag schon. Was ist drin?“ Maila konnte es fast nicht mehr aushalten, so neugierig war sie.
„Lass uns zuerst die Betten fertigmachen. Dann holen wir Opa, denn ich bin zu klein, ich komme gar nicht ran an die Schachtel und ehrlich gesagt: ich traue mich auch nicht!“
„Wieso? Ist da was Gefährliches drin?“ Maila sah ihre Oma mit weit aufgerissenen Augen an.
„Eigentlich nicht, aber neulich, da hat es so komisch geknarzt in der Nacht, vielleicht haben sich Mäuse dort oben eingerichtet. Opa meint, das sei unmöglich, aber ich schwöre, ich habe etwas gehört!“ Oma Betty hatte sehr leise gesprochen, so, als wollte sie nicht, dass die Mäuse hörten, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war. Oh je, das war spannend.
„Soll ich Opa schon holen?“, fragte sie.
„Ja, mach das und sage ihm, dass er die Trittleiter mitbringen soll und verrate nicht, dass ich dir von den Mäusen erzählt habe. Dann sagte er nämlich wieder: Das kann gar nicht sein!“
Maila kicherte. Das war nämlich einer von Opas Lieblingssätzen. Immer wieder kam der zum Einsatz, besonders dann, wenn er keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, was in seinen Augen Unsinn war.
Wenn aber seine Enkelin um etwas bat, dann fackelte er nicht lange, sondern tat, was sie wollte. Er schnappte sich also die Trittleiter und gemeinsam gingen sie zu Oma ins Schlafzimmer.
„Wo brennts?“, fragte er.
„Gar nicht!“, sagte Oma. „Ich wollte dich bitten, die Schachtel vom Kleiderschrank zu holen und bei der Gelegenheit könntest du kurz Staub wischen da oben, ich komme so schlecht da ran!“, sagte Oma.
Opa stellte die Leiter auf und kletterte hoch. Er schnappte sich die Schachtel und musste prompt niesen, so staubig war es auf dem Schrank. Oma nahm die Schachtel an, wischte sie ab und reichte den Lappen an Opa weiter.
„Oh, oh“, schimpfte er und nieste erneut. „Mäuse, Wollmäuse, jede Menge!“
Oma Betty kreischte und verließ den Raum. Maila, die keine Angst vor Mäusen hatte, wäre am liebsten gleich mit auf die Leiter geklettert und hätte sich die niedlichen Wollmäuse angeschaut.
Opa lachte.
„Mailakind, hol Oma zurück. Es sind keine echten Mäuse, schau!“ Er zeigte Maila einen Knubbel aus Staub.
Oma war längst wieder da. „Igitt!“, rief sie. Da sollte ich mich wohl schämen!“ Sie hatte einen kleinen Eimer mit Wasser und einen frischen Putzlappen mitgebracht und Opa wischte nun den gesamten Kleiderschrank sauber. Das lohnte sich so richtig!
Oma befreite die Schachtel vom restlichen Staub und dann war es endlich so weit. Maila durfte den Deckel abheben.
In der Schachtel lag ein riesiger weißer Hut. „Mein Hochzeitshut“, flüsterte Oma Betty und hob den Hut aus seiner Schachtel.
„Ein Hochzeitshut? Das habe ich noch nie gesehen!“, meinte Maila, betrachtete aber den Hut ehrfürchtig, immerhin war er ja schon alt, mindestens hundert Jahr oder so.
„Setzt du ihn bitte mal auf, Oma!“, bat sie. Doch das wollte Oma nicht, lieber wollte sie Maila Bilder von der Hochzeit zeigen.
„Weißt du, der Hut ist nämlich magisch, wenn man ihn trägt, muss man tanzen, die ganze Nacht lang. So war das jedenfalls bei unserer Hochzeit und jetzt machen das meine müden Gelenke nicht mehr mit!“, versuchte Oma zu erklären.
Opa lachte schallend.
„Ich höre immer „müde Gelenke“, das kann ja wohl nicht sein, oder? Zwei Mal in der Woche gehst du zum Sport, einmal zum Yoga und im Sommer schwimmst du jeden Morgen – von Müdigkeit keine Spur, also setz den magischen Hut auf, mach uns die Freude!“
„Also gut!“ Oma setzte den Hut auf, fing an zu singen, schnappte sich Opa und tanzte mit ihm durchs Schlafzimmer. Und Maila? Die machte mit! Später waren alle drei aus der Puste und ließen sich ins frisch bezogene Bett fallen, aber nur ein Viertelstündchen …

© Regina Meier zu Verl

Novembergedanken

Novembergedanken

Dein grauer Mantel wärmt mich nicht, November. Doch hüllt er mich ein, schmeichelt mir und lässt meine Linien weicher erscheinen. Ich habe das bunte Herbstgewand neben das zitronengelbe Sommerkleid gehängt. Das Grau schmücke ich mit farbenfrohen Tüchern, so wie ich meine Fenster mit Kerzenlicht erhelle.
Die Gedanken an das keimende Leben in der Natur verscheuchen die Tristesse, die wieder mal Gast in mir sein will. Ich habe gelernt damit umzugehen und habe mir ein Lächeln ins Gesicht gemalt, versuche es zu halten und siehe da, wie gespiegelt lächeln die Menschen zurück. Wo noch eben Missmut spürbar war, zaubert das Lächeln ein Licht um sie und strahlt immer heller. Freundliche Gesichter, warme Worte, ein Miteinander wie ich es mir wünsche. Es ist so leicht, warum machen wir es uns immer so schwer?
Mein Herz tut sich auf und erkennt die Schönheit der Nebelschleier, gnädig verhüllen sie die Welt, geben ihr etwas Geheimnisvolles. Im Abendlicht funkeln Tropfen wie Glasperlen an feinen Spinnfäden. Ich suche nach Elfen und Waldgeistern in dieser zauberhaften Natur und manchmal habe ich Glück und entdecke ein Waldwesen in einer Baumrinde oder einer vergessenen Blüte. Ich umarme die Bäume, spüre ich Kraft und wünsche mir, dass ich wie sie den Lebensstürmen trotzen kann. Und plötzlich weiß ich: Ich kann! Ich muss es nur wollen und ich will. Dankbar bin ich und demütig. Ich bin eins mit der Natur, sie nimmt mich auf und das wird sie auch tun, wenn meine Erdenzeit zu Ende sein wird. Der Kreislauf des Lebens, es ist die Zeit, in der wir der Verstorbenen gedenken und ihre Gräber schmücken mit Farbe und Licht. Wir tragen sie in uns und sie stehen uns zur Seite, immer, nicht nur im November.
Vorfreude erwacht, kindliches Staunen, das mit großen Augen auf die Lichter schaut, die nach und nach die Fenster erleuchten. Schon erahne ich die ersten Schneekristalle, die auf meiner Nasenspitze schmelzen und mit der Zunge fahre ich über die Lippen, um den Winter zu schmecken. Willkommen, November, ich mag dich und deine Eigenheiten. Dein Geruch ist ausgeprägt in meiner Erinnerung, wie liebe ich den Duft des Laubes. Das Rascheln unter meinen Füßen singt mir ein Lied und ganz leise klingen schon die Glocken des Advents mit.

© Regina Meier zu Verl


Novemberlicht, Foto © Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte „Die Wichteltür“ Teil 2

Anzug, Schaf, zittern, schnäuzen, blind

Das waren die Wörter, die verarbeitet werden mussten, bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

Die Wichteltür (Teil 2) Teil 1 findet ihr her TEIL 1

„Warum hast du denn heute Nacht auf dem Teppich geschlafen? War es nicht viel zu kalt und ungemütlich?“, wollte Mama von Alina wissen. Die schüttelte den Kopf.

„Nein, gar nicht, ich habe wunderbar geschlafen und außerdem ist mein Schlafanzug schön kuschelig warm. Ich habe nicht gefroren! Aber – wie bin ich denn in mein Bett gekommen?“

Mama erzählte, dass sie Alina hineingetragen habe. Daran konnte sich das Mädchen nicht erinnern, wohl aber daran, dass es in dem Land hinter der Wichteltür gewesen war, zum allerersten Mal und so, wie Oma das vorhergesagt hatte. Das schönste daran aber war, dass sie dort eine Dame getroffen hatte, die Grüße von Oma ausgerichtet hatte. Die Dame hatte sie umarmt und an die Hand genommen und dann waren sie zusammen weiter in das Land hinein gegangen. Wie schön es dort gewesen war und wie großartig war, dass Alina nun immer wieder hingehen konnte. Gleich heute Abend würde sie es wieder tun und darauf freute sie sich schon sehr. Ihr war bewusst, dass sie ihren Eltern besser nichts davon erzählen sollte. Vielleicht kam sonst noch einer darauf, die Wichteltür abzubauen. Alina kannte ihre Mutter, die machte kurzen Prozess, wenn ihr etwas nicht geheuer war.

Es war aber gar nicht so einfach, diese Freude für sich zu behalten. Zu gern hätte Alina sie mit jemandem geteilt. In dem Land hinter der Wichteltür war Alina mit der Dame spazieren gegangen. Alina nahm sich vor, die Dame heute nach ihrem Namen zu fragen. Das hatte sie gestern ganz vergessen so beschäftigt war sie mit den vielen Eindrücken gewesen, die da auf sie zugekommen waren. Niemals hatte sie schönere Blumen gesehen und buntere Bäume.

„Beschreibe mir, was du siehst!“, hatte die Dame sie gebeten. „Ich bin blind und habe dieses schöne Land leider selbst nie sehen können. Aber es muss wunderbar sein, stimmt’s?

Alina tat die Dame leid. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass diese nicht sehen konnte, denn sie bewegte sich sicher auf den Wegen und erklärte Alina sogar, was für Bäume da am Wegrand standen und wies auf die leuchtenden Farben ihrer Gewänder hin. Alina traute sich nicht zu fragen, woher sie denn das wisse, wenn sie blind sei.

Alina beschrieb also so gut sie konnte, was sie sah. Sie gingen an einer Wiese vorbei, auf der ein Schaf graste. „Es ist kuschelweich, wie eine Wolke!“, beschrieb Alina das Schäfchen. „Und es zittert leicht, so, als habe es Angst vor uns!“

„Das kann sein, denn lange hat es keinen Menschen mehr gesehen, das Schaf. Du bist die erste, die unser Land wieder betreten durfte und das ist gut so!“, sagte die Dame lächelnd.

Sie kamen an einem Baum vorbei, dessen Laub aus unzähligen bunten Federn bestand. Wunderschön war das anzusehen, Alina staunte und dann nieste sie. „Hatschi!“, und noch einmal, „Hatschi!“

Gerade wollte sie in ihre Hosentasche greifen, um ein Taschentuch zum Schnäuzen herauszuziehen, als sie bemerkte, dass sie im Schlafanzug unterwegs war. Alina lachte, dann beschrieb sie die schillernd bunten Federn des Baumes und eine, die darunter lag, gab sie der Dame in die Hand, damit sie ertasten konnte, wie sich so ein Federblatt anfühlte …

Hier geht es bei der nächsten Reizwortgeschichte weiter …

© Regina Meier zu Verl

Die Nudisten und die Knabberfische

 

Wann immer es möglich ist, laufen wir beide nackt herum. In der Wohnung sowieso, es sei denn es ist Winter und eiskalt drinnen und draußen. Dann wäre das zu extrem und wenn wir erstmal richtig kalt geworden sind, dann ist es schwierig, wieder warm zu werden. Oft hilft dann nur ein heißes Bad, um die Lebensgeister wieder aufzuwecken, oder eine wärmende Massage mit einem herrlichen Aromaöl.

Am Besten gefällt es uns im Bett. Die Nacht ist nämlich, mit Ausnahmen; die einzige Zeit, die wir miteinander genießen dürfen. Dann kuscheln wir und reiben uns aneinander. Doch halt, zu viele Intimitäten wollen wir hier nicht ausplaudern. Das ist nicht angemessen.

Gestern war uns eine Wellness Behandlung vergönnt. Zuerst lagen wir entspannt in einem duftenden Schaumbad mit Glitzerteilchen. Danach durften wir eine wohltuende Massage genießen und anschließend erfuhren wir, dass es neben dem Wellness-Salon die neue Sommerkollektion an Schuhen gab. Die Damen, die sich darüber unterhielten, stießen spitze Schreie aus und ganz ehrlich, wir beiden hätten auch am liebsten eingestimmt, aber nicht vor Wohlbehagen, sondern aus Angst.

Als nämlich im letzten Jahr das Wort „Sommerkollektion“ fiel, wurden wir in ein Bad mit unzähligen kleinen Fischchen gesteckt, die zur Aufgabe hatten, unsere Hornhaut anzuknabbern. Das war nicht schön, gar nicht! Diese Knabberfische sind kleine Karpfen, man nennt sie auch Doktorfische. Es hat zwar nicht weh getan, aber wer lässt sich schon gern von Fischen anknabbern? Sie etwa?

Frauen und Schuhe, das war doch ein krankhaftes Verhalten, was sie da an den Tag legten. Wenn man sie doch nur überreden könnte, davon abzulassen. Keine Chance! Zuerst wurde die Kollektion in Lederausstattung bewundert, dann die Stoffschuhabteilung, Sportschuhe aus hypersensitivem Material, Badeschlappen, Gummistiefelchen in Modefarben und und und …

Sie, verehrter Leser, haben längst erraten, wer wir sind. Stimmt! Wir sind die Füße einer sehr mode- und gesundheitsbewussten Dame im mittleren Alter. Es geht uns gut soweit, außer man steckt uns in zu enge Schuhe. Aber das macht unsere Besitzerin schon längst nicht mehr, das waren dann eher Jugendsünden – das Alter hat also auch etwas für sich.

© Regina Meier zu Verl

Knabberfisch?