Prinzessin oder Indianerin?

Prinzessin oder Indianerin?

Muriel möchte in diesem Jahr beim Karnevalsfest eine Prinzessin sein. Sie war schon Cowboy, Indianerin und Drache. Die Kostüme hat Mama alle selbst geschneidert. Nun soll es also ein Prinzessinnenkostüm werden. Gemeinsam mit Mama zieht sie los, um einen Stoff für das wunderbare Kleid zu kaufen, das ihr vor Augen schwebt. Blau soll es sein und im dazu gehörenden Krönchen sollen blaue Steine glitzern. Ganz genau weiß Muriel, wie es aussehen soll und sie freut sich schon sehr.
Mit dem Bus fahren sie in die Stadt. Muriel fährt so gern mit dem Bus und am liebsten sitzt sie ganz vorn hinter dem Fahrer. Dem würde sie gern ein paar Fragen stellen, aber das darf sie nicht. Mama hat ihr erklärt, dass man den netten Herrn nicht ablenken darf. Er muss ja auf den Verkehr achten, denn er trägt eine große Verantwortung für seine Passagiere.
Das versteht Muriel gut und deshalb hält sie sich daran. Sie fragt eben Mama, die fast alles weiß und meist geduldig auf die Fragen ihrer Tochter antwortet. Heute ist Mama aber etwas schweigsam. Muriel hat es schon beim Mittagessen bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie nicht alles täuscht, dann hat Mama sogar geweint. Ihre Augen sind gerötet und immer wieder holt sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischt über die Augen.

„Mama, warum weinst du denn?“
„Ach, ich weine gar nicht. Ich glaube ich bekomme eine Erkältung.“, weicht Mama aus und lächelt gequält. Muriel kennt ihre Mama gut, deshalb ist sie davon überzeugt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
„Weinst du wieder wegen Papa?“, fragt sie ganz leise, damit kein anderer es hören kann.
Mama schüttelt den Kopf. „Nein, nein, es ist nichts, mach dir keine Sorgen!“
Muriels Eltern haben in der letzten Zeit oft Streit. Sie denken, dass ihr Kind nichts davon mitbekommt, aber Muriel hat schon oft gehört, dass sie sich anschreien. Meist geht es dabei um Geld. Dann wirft Papa Mama vor, dass sie zu viel ausgegeben hat. Dabei ist Mama sparsam, denn immer wenn Muriel um irgendetwas bittet, dann sagt Mama:
„Kind, wir müssen sparen!“
Muriel ist zwar klein, aber sie ist nicht dumm. Sie spürt genau, dass Mama traurig ist und sicher geht es wieder um Geld und Vorwürfe, die Papa ihr gemacht. In Muriels Bauch bildet sich ein dicker Kloß. Jetzt kriecht auch in ihr die Traurigkeit hoch und sie verliert die Lust auf ein Prinzessinnenkleid. Das würde ja wieder neuen Ärger geben, denn die Zutaten kosten ja Geld. Muriel denkt nach.
„Mama“, flüstert sie. „Ich könnte doch auch das Indianerkleid vom letzten Jahr anziehen. Das ist wunderschön und alle haben mich bewundert!“
„Wie kommst du denn nur darauf?“, fragt die Mutter verwundert. „Es wird dir auch zu klein sein, du bist mächtig gewachsen im letzten Jahr!“
„Dann nähst du einfach noch was unten dran, dann wird es schon passen!“, schlägt Muriel vor. Langsam aber sicher verschwindet der Kloß im Bauch. Die Idee ist doch toll und dann wird Papa auch nicht schimpfen. Nur das zählt im Moment. Muriel möchte, dass Mama wieder lacht. Das ist viel wichtiger als ein blödes Prinzessinnenkleid, viel wichtiger.
„Meinst du?“, fragt Mama jetzt und schnäuzt noch einmal kräftig in ihr Taschentuch. Dann legt sie den Arm um ihr Kind und drückt es an sich. „Du hast dich doch so gefreut auf das Kleid!“
„Ja, das meine ich!“, behauptet Muriel und sie fühlt sich ganz großartig dabei, kein bisschen traurig. Sie sind doch eine Familie und sie müssen zusammenhalten. Außerdem ist Papa doch eigentlich total lieb. Er muss Kummer haben, sonst wäre er nicht so nervös. Muriel möchte nun aber wissen, was denn eigentlich los ist und warum Papa sich so verändert hat.
„Ich bin schon groß, du kannst mir ruhig sagen was los ist“, sagt sie deshalb zu Mama.
Mama zögert noch, doch dann erzählt sie von der kleinen Tischlerei, in der Papa arbeitet.
„Sie haben keine Aufträge und wenn das so ist, dann kommt kein Geld rein. Wenn kein Geld da ist, kann Papas Chef seine Mitarbeiter nicht bezahlen. Erinnerst du dich an die Zeit, als Papa so oft zu Hause war? Da hat er Kurzarbeit gemacht und viel weniger Lohn bekommen!“
Klar, daran erinnert sich Muriel. Das war im Sommer gewesen und sie konnten nicht verreisen in den Ferien. Schlimm fand sie das nicht, denn stattdessen hatte Papa ja viel Zeit für sie gehabt und gemeinsam hatten sie einiges unternommen. Sogar einen Kaninchenstall hatte Papa gebaut. Den hatte sich Muriel lange gewünscht.
„Wenn Papa nun arbeitslos werden sollte, dann müssen wir noch mehr sparen!“, sagt Mama jetzt betrübt.
„Verstehe ich!“, behauptet Muriel und findet ihre Entscheidung, auf das Prinzessinnenkleid zu verzichten, umso richtiger. „Wir sind doch eine Familie, wir müssen zusammenhalten. Wir bummeln jetzt durch die Stadt und fahren dann wieder nach Hause, okay?“
„So machen wir das!“ Mama ist einverstanden und sie ist sehr stolz auf ihre Tochter. Im Supermarkt kaufen sie noch ein paar Zutaten für das Abendessen ein und als sie wieder zu Hause sind, kochen sie gemeinsam und warten auf Papa, den sie mit seinem Lieblingsessen überraschen:
Bratkartoffeln mit Spiegelei.
„Ich liebe Bratkartoffeln!“, sagt Papa. „Aber euch, meine beiden Frauen, liebe ich noch viiiiel mehr!“

© Regina Meier zu Verl 2016

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Luftschlangen gehören dazu

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Luftschlangen gehören dazu

Ein weiches Kissen liegt auf der Fensterbank und die Kaffeemaschine faucht und brodelt. Frau Meyer legt zwei frische Berliner auf einen Teller, dann zieht sich ihre Strickjacke an.
Gleich geht es los. Vielleicht kommen schon die ersten Kinder. Sie schenkt sich eine große Tasse Kaffee ein und öffnet das Fenster, damit sie besser sehen kann. Es ist kalt an diesem Montagmorgen, aber nicht zu kalt. Im letzten Jahr lag sogar Schnee am Rosenmontag, heute wird sie es gut aushalten können an ihrem Fensterplatz.
Sie schaut auf den Schulhof und da kommen auch schon die ersten Kinder. Es sind zwei Cowboys.
„Ach, sind die süß“, denkt Frau Meyer und erinnert sich an Jochen, der auch immer so gern Cowboy-Kostüme getragen hat.
„Was er wohl heute macht? Ob er frei hat?“ Frau Meyer weiß es nicht, denn ihr Sohn wohnt weit weg mit seiner Familie.
„Sicher hat er viel zu tun …“, denkt sie und nimmt einen großen Schluck Kaffee. Das tut gut.
Eine Indianerin betritt den Schulhof und die Cowboys begrüßen sie mit lautem Yippi Yeah Geschrei. Es ist eine der Lehrerinnen, für einen Schüler ist sie viel zu groß. Frau Meyer kann aber nicht erkennen, welche Lehrperson sich im Indianerkostüm versteckt. Dabei kennt sie das Kollegium gut. Schließlich wohnt sie seit vielen Jahren hier und es ist ihre einzige Freude, in den Pausen den Kindern zuzusehen. Da merkt man sich Gesichter und manche Lehrer winken ihr morgens freundlich zu.
Eine Mutter hat eine Prinzessin in einem rosafarbenen Kleidchen an der Hand. Das Kind trägt eine goldene Krone und geht majestätisch über den Schulhof.
Frau Meyer wischt sich eine Träne von der Wange. Sie denkt an ihre Tochter Anja. Das ist ihre Prinzessin.
„Ach, wäre das schön, wenn du jetzt hier wärst, Kind. Ich fühle mich so einsam“, seufzt die alte Dame. Dann beißt sie beherzt in den Berliner und kleckert prompt einen dicken Marmeladenklecks auf die Strickjacke. Berliner gehören einfach dazu am Rosenmontag und Luftschlangen. Wo hat sie denn nur die Luftschlangen wieder hingelegt?
Als Frau Meyer in den Schubladen kramt, schellt es an der Haustür.
„Moment, ich komme!“, ruft sie und eilt in die Diele. Dort drückt sie auf den Türöffner und vernimmt gleich darauf Kinderlachen. Kleine Füße trippeln die Treppe hoch und dann stehen zwei Schlümpfe, ein rosa Schweinchen, ein Bäcker und eine Königin vor ihr.
„Guten Morgen, Mama!“, sagt die Königin und die Schlümpfe und das Schweinchen rufen im Chor „Oma, wir wollen dich überraschen!“
Der Bäcker nimmt Frau Meyer in den Arm und führt sie in die Stube, er drückt sie in ihren Sessel und zieht ein Päckchen Luftschlangen aus seiner Schürzentasche.
„Weil doch Luftschlangen zum Rosenmontag dazu gehören“, sagt er und Frau Meyer wischt sich heimlich noch eine Träne aus den Augen.
Anja ist gekommen, mit der ganzen Familie. Ist das eine Freude.
„Ich freu mich so!“, ruft Frau Meyer und steht auf. Sie geht zum Fenster und ruft auf den Schulhof. „Bis morgen, feiert schön! Ich habe heute keine Zeit, meine Kinder sind da!“

© Regina Meier zu Verl

Agnes und die Hedewittken

Agnes und die Hedewittken
(Eine Erzählung zum Aschermittwoch)

Agnes steht im Supermarkt und ärgert sich. Wieder einmal hat sie ihren Einkaufszettel zu Hause vergessen.
„Da liegt er gut!“, murmelt sie und versucht, sich die einzelnen Punkte vor Augen zu führen. Rosinen hat sie, Milch auch. Die Eier liegen bereits im Einkaufswagen und alle anderen Zutaten befinden sich im Vorrat zu Hause.
„Hallo Agnes! Na, hast du was vergessen? Du guckst so!“ Helene, eine Teilnehmerin aus dem Literaturkreis, an dem Agnes einmal monatlich teilnimmt, steht vor ihr.
„Grüß dich, Helene! Ja, ich habe meine Liste vergessen und hoffe, dass ich mich an alles erinnert habe, was ich brauche. Weißt du, am Mittwoch ist doch Hedewittkentag. Da möchte ich eben diese Hedewittken backen!“
„Das habe ich noch nie gehört! Was ist denn das?“, fragt sie interessiert. Sie ist nämlich erst kürzlich in die kleine Stadt gezogen und hat früher in Hamburg gewohnt.
„Am Aschermittwoch gibt es bei uns immer Rosinenbrötchen, kennst du die denn wenigstens?“, fragt Agnes.
„Ja, klar. Rosinenbrötchen kenne ich, lecker!“ Helene reibt sich genießerisch über den Bauch, gerade so, als habe sie gerade ein köstliches Rosinenbrötchen gegessen. „Am liebsten mit dick Butter und Marmelade!“, schwärmt sie.
Agnes grinst. Ja, so mag sie die auch am liebsten.
„Nun, die Marmelade sparen wir und von der Butter sollte es auch nicht zu viel sein, denn am Mittwoch ist ja Aschermittwoch, der Beginn der Fastenzeit. Die Hedewittken, wie man bei uns sagt, sollen den Abschied von den Süßigkeiten ein wenig erleichtern!“
„Ach so ist das! Vielleicht sollte ich in diesem Jahr auch mal fasten, nötig hätte ich es ja.“ Helene schaut an sich herunter.
„Ach was, du hast doch eine prima Figur!“, meint Agnes. „Es geht ja auch eigentlich nicht ums Abnehmen. Die Fastenzeit bis Ostern soll eine Zeit der Besinnung sein!“, fügt sie hinzu.
„Und das funktioniert besser mit Rosinenbrötchen als mit Schokolade?“ Helene lacht.
„Ich sehe schon, du nimmst mich nicht so richtig ernst!“ Agnes lacht auch, aber an den alten Traditionen hält sie trotzdem gern fest. „Komm doch am Mittwoch einfach zu mir zum Hedewittken essen, ich koche uns auch eine schöne Tasse Kaffee dazu!“, schlägt Agnes vor.
Helene nickt. „Gute Idee, dann besinnen wir uns gemeinsam! Ich habe aber eine Bitte: Bekomme ich dann das Rezept von dir?“
Agnes verspricht es und die beiden Frauen verabschieden sich. Als Agnes zu Hause ankommt, fällt ihr auf, dass sie die Hefe vergessen hat – sowas aber auch!

© Regina Meier zu Verl

Hier mein Hedewittken-Rezept – vielfach ausprobiert und für gut befunden.
125 g Butter – 500 g Mehl – 1 Prise Salz – 1 halbes Päckchen Trockenhefe (frische geht natürlich auch) – 40 g Zucker – 125 ml lauwarme Milch – 1 Ei – 1 Eigelb – 60 g Rosinen (ergibt ca. 8 Hedewittken)

Mehl und Salz in eine Schüssel geben und eine Mulde reindrücken, Zucker und Hefe mit Milch verrühren und in die Mehlmulde geben, dann ca. 10 Minuten ruhen lassen. Geschmolzene Butter (handwarm) und das Ei dazugeben und den Teig kneten. Ich mach das mit den Knethaken des Mixers, geht aber genauso gut von Hand. Dann den Teig zu einer Kugel formen und ungefähr eine Stunde an einem warmen Ort gehen lassen. Anschließend die Rosinen unterkneten, den Teig zu einer Rolle formen und in 8 Stücke schneiden, auf ein Backblech legen und mit Eigelb einpinseln, nochmal 20 Minuten ruhen lassen und dann ab in den vorgeheizten Ofen (180 Grad) und 15 – 20 Minuten backen. Guten Appetit!

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Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Im Kindergarten wird ein Karnevalsfest geplant. Alle Kinder basteln Fensterbilder und lustige Mobiles, die an der Decke aufgehängt werden. Da gibt es viele Clowns, Zauberer, Elfen, Cowboys und Indianer.
„Ich gehe als Prinzessin“, erzählt Nadja ihrer Freundin Lea, die gerade einen Zwerg aus Tonpapier ausschneidet.
„Ich weiß noch nicht, was ich anziehe“, sagt sie und legt die Schere zur Seite.
„Eigentlich mag ich mich nicht verkleiden, das ist doch blöd!“
Nadja kann das nicht verstehen, sie findet es ganz toll, dass man beim Karneval einmal jemand anders sein darf und Prinzessinnenkleider sind superklasse. Mama hat ihr sogar eine keine goldene Krone gekauft.
Lea würde sich auch gern verkleiden, aber ihre Eltern haben kein Geld. Gerade am Abend vorher hat Mama gesagt, dass kein Cent für unnütze Dinge ausgegeben werden darf. Aber das mag Lea nicht erzählen, die anderen Kinder könnten das sowieso nicht verstehen. Sie wird einfach sagen, dass sie Bauchschmerzen hat und nicht in den Kindergarten gehen kann, nimmt sie sich vor.
„Lea, du schaust ja so traurig. Was ist denn los?“, fragt Frau Werner, die Erzieherin.
„Ich habe Bauchweh“, behauptet Lea und legt die Hände auf den Bauch.
„Soll ich deine Eltern anrufen, damit sie dich abholen?“ Frau Werner macht ein besorgtes Gesicht und legt die Hand auf Leas Stirn. „Fieber hast du aber nicht, das ist schon mal gut!“
„Ich möchte nicht nach Hause, da ist auch niemand. Mama arbeitet doch und holt mich ab, wenn sie Feierabend hat.“
„Dann gehen wir ins Büro und du legst dich einen Moment auf die Liege, was meinst du?“
Lea folgt Frau Werner und legt sich auf die Krankenliege. Sie wird mit einer kuscheligen Decke zugedeckt und dann holt Frau Werner ihr eine Tasse Tee.
„Ich habe gar keine Bauchschmerzen“, sagt Lea, als Frau Werner zurückkommt. „Ich finde es nur so blöd, dass ich mich verkleiden muss!“
„Das musst du nicht, wenn du es nicht möchtest“, beruhigt die Erzieherin Lea.
„Ich möchte ja, aber es geht nicht. Mama kann mir nichts kaufen“, jetzt fängt Lea an zu weinen. Frau Werner reicht ihr ein Taschentuch.
„Das ist doch gar kein Problem, wir haben doch eine große Verkleidungskiste in der Bärengruppe. Da schauen wir zwei jetzt mal nach, ob wir ein passendes Kostüm für dich finden. Der Alex hat sich dort auch etwas ausgesucht.“
Gemeinsam gehen die beiden in die Bärengruppe und wühlen in der Klamottenkiste. Lea findet ein Engelkostüm und Frau Werner holt dazu noch richtige Flügel aus Goldpappe. Die Sachen werden im Büro untergebracht und morgen früh kann sich Lea dort umziehen.
„Danke, Frau Werner, du bist ein Engel“, schwärmt Lea und drückt der Erzieherin einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Ich nicht, das bist du doch, meine Liebe. Du wirst wunderschön aussehen und wir verraten keinem anderen Kind etwas, okay?“
„Klar!“, ruft Lea und dann hüpft sie durch den Gang, um schnell wieder in ihre Gruppe zu kommen.

© Regina Meier zu Verl

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Pia Pinguin

Pia Pinguin

„An Fasching werde ich ein Pinguin sein“, verkündet Pia beim Mittagessen. „Alle in der Klasse verkleiden sich als Pinguine und wir gehen als große Pinguinfamilie zum Faschingsumzug.“
„Gute Idee“, sagt Papa und denkt an die Cowboy- und Indianerträume, die er als Junge gehabt hat. „Aber wie kommt ihr ausgerechnet auf Pinguine?“
„Weil wir in der Schule gerade mächtig viel über sie gelernt haben“, sagt Pia. „Und es klingt auch gut: Pia Pinguin! Das passt.“
„Stimmt“, sagt Mama und auch sie denkt an Cowboys und Indianer, weil sich Pia an Fasching bisher immer als Cowboy oder Indianer verkleidet hat. „Ein Pinguin trägt aber keinen Revolver“, meint sie dann und grinst.
„Hoho! Komisch würde das aussehen.“ Pia lacht. Dann aber erschrickt sie. Fasching ohne Ballern und Lärmen kann sie sich – irgendwie – so gar nicht vorstellen. An Fasching MUSS man doch laut sein, um die Wintergeister zu vertreiben. So ist der Brauch. Pia weiß das ganz genau, denn das hat sie auch in der Schule gelernt. Nachdenklich sieht sie Mama an.
„Was ist das? Ein Pinguin?“, fragt da ihre kleine Schwester Annika.
„Ein Vogel, der nicht fliegen kann“, erklärt Pia. „Aber Pinguine können toll schwimmen. Sie setzen ihre Flügel zum Rudern und Tauchen ein und sind im Wasser richtige Akrobaten.“
„Was fressen die denn?“, will Annika wissen.
„Hauptsächlich Fische. In der Antarktis, wo sie leben, gibt es genug davon. Eine dicke Fettschicht schützt die Pinguine vor der Kälte. Und sie haben viele kurze Federn, mit denen sie sich aufplustern und vor dem Wind schützen.“
Papa staunt. „Toll. Was du alles weißt.“
Mama aber guckt Pia wieder prüfend an. „Dann seid ihr wohl alle Kaiserpinguine. Die sind – wie ihr – über einen Meter groß.“
Pia grinst nun auch. „Faschingspinguine sind wir. Ganz einfach.“ Und sie hat auch gleich eine gute Idee. Faschingspinguine, überlegt sie insgeheim, können unter ihrem Federkleid auch einen Revolvergurt mit Revolvern und Knallerbsen zum Winterverjagen tragen. An Fasching ist schließlich – fast – alles möglich. Aber das denkt sie nur ganz leise.
© Regina Meier zu Verl & Elke Bräunling

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Mama kann ins Herz schauen

Mama kann ins Herz schauen

Achim mag es gar nicht, wenn er sich verkleiden muss. Mama besteht aber darauf.
„Alle verkleiden sich, willst du denn als Außenseiter dastehen?“, fragt sie und hält ihm ein kariertes Hemd hin, eine Lederweste und ein Halfter für eine Pistole.
„Nun mach schon! Du wirst toll darin aussehen.“
Am liebsten möchte Achim am Rosenmontag gar nicht zur Schule gehen. Er findet Karnevalsfeiern blöd, superblöd sogar. Warum kann er nicht einfach er selbst sein? Zuhause bleiben darf er aber nicht, weil der Rosenmontag ein ganz normaler Schultag ist. Normal? Was ist daran normal?
Achim wagt noch einen Versuch, obwohl er bereits aus früheren Jahren weiß, dass er scheitern wird.
„Ich habe Halsweh!“, behauptet er und verstellt seine Stimme ein bisschen, damit sie sich krank anhört.
Mama hat ihn natürlich längst durchschaut. Aber sie spielt das Spiel mit.
„Sag mal AAAAA!“ Sie nähert sich ihm mit einem Löffel, den sie auf die Zunge legen will, um seinen Rachen genauer betrachten zu können. Tapfer hält Achim seinen Mund auf und lässt Mama in sein Innerstes schauen. Wenn sie doch nur sehen könnte, wie schlecht es ihm geht. Es ist ja nicht der Hals, der schmerzt. Es ist sein Herz und das kann Mama durch den Mund nicht sehen. Er schluckt und aus seinen Augen kullern Tränen.
„Mmh!“, sagt Mama. „Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut!“ Sie legt den Löffel in die Spüle und zieht Achim auf ihren Schoß. Aus den Kullertränen werden Sturzbäche. Achim schluchzt und schmiegt sich an Mama. Sollte sie etwa doch bis in sein Herz geschaut haben?
„Ich schlage vor, dass wir beide heute zu Hause bleiben. Kuschel du dich nochmal in dein Bett. Ich rufe meinen Chef und deine Lehrerin an und melde uns ab. Ich habe sowieso noch einige Urlaubstage zu bekommen.“
Achim ist erleichtert, ein dicker Stein plumpst ihm vom Herzen.
Als die beiden später bei einer Tasse Kakao in der Küche sitzen, fragt er Mama:
„Hast du in mein Herz geschaut Mama? Hast du gesehen, dass es mir ganz doll weh tut?“
„Ja!“, sagt Mama. „Und dann habe ich mich daran erinnert, wie ungern ich mich verkleidet habe und wie ich gelitten habe, wenn ich als Hexe, Prinzessin oder Rosenresli in die Schule gehen musste. So sind wir eben und so bleiben wir auch. Nicht jeder kann alles gut finden, nicht wahr?“
„Du bist die Beste!“, jubelt Achim und dann will er natürlich wissen, wer denn das Rosenresli ist.

© Regina Meier zu Verl 2016


Und wenn ihr, liebe Leser, das auch wissen möchtet, weil ihr noch nicht ganz so alt wie ich seid, dann schaut hier ROSENRESLI

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