Ein Krokus auf Reisen, Reizwortgeschichte

Luftballon, Zwiebel, rosa, allein, kichern
Das waren die Wörter, die diesmal unterzubringen waren. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore
Martina
Ein Krokus auf Reisen


An einem sonnigen Tag im Frühling landete ein rosaroter Luftballon mitten auf einer Krokuswiese. Eigentlich wollte er sich nur eine Weile ausruhen, weil er schon weit geflogen war und die Erschöpfung sich bemerkbar machte.
Doch es kam alles ganz anders. Also, das war so:
Die Franzi, also die Trauzeugin von Anna, hatte Karten drucken lassen, viele Karten. Diese Karten hatte sie an rosa Luftballons gebunden, weil doch rosa die Lieblingsfarbe der Anna war und weil Anna und Bastian geheiratet hatten. Das war am letzten Samstag gewesen. Nach der Trauung in der St. Anna Kirche hatte die Franzi jedem Anwesenden einen Luftballon mit Kärtchen in die Hand gedrückt und auf das Kommando „Eins, zwei, drei – wir lassen euch jetzt frei!“ ließen alle los und die Ballons schwebten gemeinsam gen Himmel. Das sah toll aus.
Auf den Karten stand die Adresse von Anna und Bastian und der Finder wurde gebeten, kurz einzutragen, wo und wann er den Ballon gefunden hatte und die Karte dann in den nächsten Postkasten zu stecken.
Zuerst war unser Ballon mit den anderen in den Himmel geschwebt, weiter und immer weiter waren sie geflogen und schon bald hatte man sie von der Kirche aus nicht mehr sehen können. Anna und Bastian hatten ihnen nachgewinkt und freuten sich auf recht viele Karten.
Doch zurück zu unserem Ballon, der nun ganz allein, also ohne die anderen Ballons, auf der Krokuswiese gelandet war.
„Was bist du denn für eine seltsame Blume?“, fragten die Krokusse und kicherten. Zuerst hatten sie sich gefürchtet, als der Ballon sich niedergelassen hatte, doch dann bemerkten sie, dass er federleicht war. Er war also nicht gefährlich für sie.
„Eine Blume? Ich bin doch keine Blume, ich bin ein Ballon, ich reise durch den Himmel!“, antwortete der Ballon. „Aber ich muss ein wenig verschnaufen, ich bin nämlich schon ein paar Tage unterwegs.“
„Wie schön“, seufzte der zarte, gelbe Krokus. „Wir stehen hier auf unserer Wiese und Jahr für Jahr kommen wir an der gleichen Stelle wieder zum Vorschein. Das ist langweilig, ich würde auch so gern mal verreisen! Nimmst du mich mit, wenn du weiterfliegst?“
„Das wird nicht möglich sein, du würdest verwelken, kleines Blümchen“, meinte der Ballon.
„Ach nein, das würde ich nicht, ich habe doch eine Zwiebel, daraus bekomme ich meine Nahrung und die hält mich frisch. Bitte, bitte, nimm mich mit!“, sagte der Krokus und klammerte sich am Ballonkärtchen fest.
„Pst, still, da kommt jemand!“, rief der große lila Krokus. Sofort waren alle ruhig, nur der Ballon zitterte ein wenig vor lauter Anspannung und der kleine gelbe Krokus zitterte mit ihm.
„Ich halte mich ganz doll fest, heb ab, Ballon, heb ab“, flüsterte er. Doch der Ballon schaffte es nicht, sich in die Luft zu heben, er war einfach noch zu schwach.
„Guck mal hier!“, rief da ein Mädchen. „Ein schöner Ballon mitten zwischen den Blumen. Komm doch mal her!“
„Ja, immer langsam, meine Liebe, ich möchte die Krokusse nicht zertreten, sie sind wunderschön!“ Das war die Stimme eines jungen Mannes.
Das Mädchen hatte mittlerweile die Karte entdeckt, die am Ende der Ballonschnur hing, aber sie konnte sie nicht lesen, denn der kleine gelbe Krokus klammerte sich mit aller Kraft daran fest und gab sie nicht frei. Als das Mädchen vorsichtig daran zog, hatte es mit einem Mal die Karte und das Blümchen mitsamt seiner Zwiebel in der Hand.
„Oh, Verzeihung!“, rief das Mädchen und der junge Mann schimpfte.
„Du solltest achtsamer mit den Blumen umgehen und sie nicht aus dem Boden reißen!“
„Das wollte ich ja nicht, es tut mir leid.“ Sie las die Karte und wusste endlich, was es damit auf sich hatte.
„Schau mal, da haben Anna und Bastian geheiratet und sie wünschen sich, dass man die Karte zurückschickt. Mach doch mal schnell ein Foto mit dem Handy und dann schicken wir die Karte mit dem Blümchen an das Paar, die können es dann in ihrem Garten einpflanzen“, rief das Mädchen begeistert.
„Wenn der Krokus das aushält“, gab der Mann zu bedenken. „Ich habe eine bessere Idee, wir bringen das schnell zu der Adresse, es ist ja nicht weit.“
„Stimmt, es ist der Nachbarort. Dass ich nicht selbst drauf gekommen bin!“ Das Mädchen lachte und drückte dem jungen Mann einen Kuss auf die Wange.

Zeichnung Regina Meier zu Verl

Anna und Bastian haben sich sehr gefreut und den gelben Krokus haben sie in ihren Vorgarten gesetzt, ja, so war das.

© Regina Meier zu Verl

5 Kommentare zu „Ein Krokus auf Reisen, Reizwortgeschichte

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