Henny und Opa suchen Sauerampfer

Henny und Opa suchen Sauerampfer

„Im Frühling finden sich Freunde viel leichter als im Winter!“, sagte Henny und nickte bestätigend mit dem Kopf, so dass ihre blonden Locken lustig hüpften.
„Soso?“ Opa schmunzelte. „Woran das wohl liegen mag?“
„Am Frühlingswetter, ist doch klar! Da kann man so viele schöne Sachen machen und alle haben bessere Laune!“
„Erzähl, was für Sachen kann man machen? Und vor allem: darf ich mitmachen, auch wenn ich nicht dein Freund bin, sondern dein alter Großvater?“ Opa Hans stand auf und tat dabei, als schmerze sein Kreuz ganz furchtbar.
„Laufen, rennen, hüpfen, schaukeln, spielen. All das kann man im Frühling viel besser machen als im Winter. Ja, und Ausflüge und Picknicks und ach, es gibt so vieles.“ Henny umschrieb mit den Armen einen großen Kreis in der Luft.
„Ach, alles können wir machen. Am besten jetzt gleich.“
Opa Hans lachte.
„Na, dann schlage ich vor, wir fangen mit einem Picknick an, ich habe großen Hunger!“
Henny jubelte.
„Opa, du bist der Beste. Was nehmen wir mit?“
„Alles, was Omas Vorratsschrank so hergibt, denke ich und ich könnte schnell ein paar Waffeln backen“, schlug Opa vor, aber das dauerte Henny viel zu lange. Sie wollte los, am besten auf der Stelle. Also packten sie eine Tafel Schokolade, Butterkekse, zwei Bananen und Apfelsaft in Hennys Rucksack.
„Mehr brauchen wir wirklich nicht, Opa. Wir sammeln unterwegs Beeren und Kräuter, die machen auch satt?“
„Beeren? Im Frühling?“ Zweifelnd sah Opa Henny an. „Ich glaube, da werden wir wenig Glück haben.“
Doch Henny war schon viel weiter in ihren Gedanken.
„Weißt du, dass man Löwenzahn essen kann? Ganz. Von der Blüte bis zum Blatt und sogar den Stängel. Und aus der Wurzel kann man Kaffee machen. Ist das nicht wunderbar?“
„Das ist prima, aber seit wann trinkst du Kaffee?“, fragte Opa mit einem Augenzwinkern. „Aber ich verstehe schon, Löwenzahn ist ein Allround-Talent, so meinst du es, nicht wahr?“
„Genau, den Kaffee kannst du ja probieren und ich esse leckeren Löwenzahnhonig, oder Salat, der bestimmt auch gut schmeckt!“
„Na prima! So müssten wir unterwegs nicht verhungern und unser Picknick ist gerettet“, sagte Opa und er schritt schneller voran. „Wollen wir zum kleinen Waldteich gehen? Dort gibt es schöne Picknickplätze. Und bestimmt auch viele Löwenzahnblüten.“
„Man kann auch andere Wiesenblumen essen“, gab Henny zur Antwort, denn die Idee, sich das Essen selbst zu sammeln, gefiel ihr immer mehr.
„Dann schieß mal los, ich will alle wissen!“, meinte Opa. „Aber eine Blume weiß ich selbst, sie ist winzig und wunderhübsch. Weißt du, welche ich meine?“
Henny überlegte.
„Meinst du ein Veilchen?“, fragte sie.
„Gut geraten!“ Opa applaudierte. „Eine Veilchenblüte schmeckt, wie sie duftet. Zuckersüß!“
„Toll! Ich mag Veilchen.“ Auch Henny klatschte in die Hände, dann aber wurde sie still.
„Ich mag die Veilchen so sehr, dass ich sie eigentlich nicht essen möchte, und auch Gänseblümchen nicht, die dürfte man nämlich auch essen.“
„Dann“, sagte Opa, „empfehle ich dir den Sauerampfer.
„Hey, Opa, du weißt ja doch Bescheid, klasse. Ja, der Sauerampfer gehört auch dazu und der soll sehr lecker sein. Hast du ihn schon probiert?“
„Ja, das habe ich. Wir haben ihn in den Wiesen gesucht, als wir Kinder waren. Ich hatte das vollkommen vergessen. Schön, dass du mich erinnerst!“
„Dann lass ihn uns suchen, Opa! Sauerampfer möchte ich unbedingt versuchen. Der Name gefällt mir so gut.“
„Jaja. Sauer macht lustig.“ Opa nahm Henny an der Hand. Zielstrebig verließen sie den Weg und stapften quer über die Wiese Richtung Wald. Ein hübsches Bild, die kleine Henny und der große Opa mit den Nasen zum Boden gerichtet auf der Suche nach Sauerampfer, Veilchen, Löwenzahn und noch mehr Wiesenkräutern, die nicht nur Kühen lecker schmeckten.

© Regina Meier zu Verl

Die dicke Wolke

Die dicke Wolke

„Hast du Hausaufgaben auf, Emmy?“, fragt Mama, als ich aus der Schule komme.
„Klar, heute sollen wir einen Aufsatz schreiben: Wie schön die Welt im Frühling ist. Das kann ich nicht!“ Erstaunt sieht Mama mich an.
„Du kannst doch tolle Geschichten erfinden, da dürfte es dir doch nicht schwerfallen, einen Aufsatz zu schreiben.“
„Ich mag aber nicht schreiben, ich male lieber Bilder oder höre Musik. Aufsätze sind blöd, megablöd!“, knurre ich und weiß doch, dass ich mich nicht drücken kann. Dabei würde ich so gern malen, mit den neuen Farben, die ich zu Ostern bekommen habe.
„Schreiben, das ist wie das Malen mit Worten!“, behauptet Mama.
„Kann ich zuerst etwas in den Garten gehen? Die Sonne ist so toll!“
Dagegen hat Mama nichts, frische Luft tut gut, sagt sie immer.
Die Krokusse blühen und auch die Narzissen leuchten schon. Es ist noch recht kühl, aber wunderbar. Der blaue Himmel verspricht gutes Wetter auch für die nächsten Tage. Nur eine einzige Wolke zieht dort oben, sie kommt immer näher. Wie ein riesiger Elefant sieht sie aus, ich rufe ihr zu:
„Komm runter, lass mich auf deinen Rücken klettern, damit ich die Welt von oben sehen kann!“
Sie kommt näher, immer näher und dann spricht sie mit mir:
„Ich darf die Erde nicht berühren, dann werde ich zu Wasser. Aber du, schließ die Augen und stelle dir ganz fest vor, dass du auf meinen Rücken kletterst, dann wird es gelingen!“
Ich schließe fest die Augen und ich blinzle auch kein kleines Bisschen. Ich sehe, wie ich auf den Rücken des Wolkenelefanten klettere und schon steigt er mit mir auf. Es wird kälter, immer kälter und ich trau mich nicht, die Augen zu öffnen.
„Du kannst jetzt gucken!“, sagt die Wolke. Vorsichtig gehorche ich. Das gibt es doch nicht, ich sitze auf einem flauschig weichen Elefanten und sehe unseren Garten, der kleiner und kleiner wird. Dann erblicke ich die Schule und den Supermarkt. Winzig kleine, bunte Autos fahren dort unten und in der Stadt laufen die Menschen wie geschäftige kleine Ameisen umher. Wie lustig das aussieht.
Bald verändert die Wolke ihre Form und wird zu einem rassigen Rennpferd, schnell galoppieren wir am Himmel entlang, immer weiter. Unter uns sind Wälder und Seen, die in der Sonne glitzern.
„Da, schau, blühende Kirschbäume, ein ganzer Wald davon!“, rufe ich und komme aus dem Staunen nicht heraus. Das müssen die Obstplantagen sein, von denen Oma immer erzählt hat. Rauchende Schornsteine sehen aus wie Drachennasenlöcher.
„So, kleine Emmy, jetzt muss ich dich wieder nach Hause bringen, sonst vermissen dich deine Leute!“, sagt die Wolke und traurig stimme ich zu.
„Schade, es war ein toller Ausflug mit dir, vielen Dank!“ Gern würde ich noch weiterfliegen, aber ich möchte auch nicht, dass Mama traurig ist. Außerdem muss ich auch noch meinen Aufsatz schreiben, ich habe auch schon eine Idee.
Völlig außer Atem renne ich ins Haus, als die liebe Wolke mich sanft auf den Rasen purzeln lassen hat.
„Hast du es aber eilig, Emmy!“, ruft Mama noch, ich sitze aber schon am Schreibtisch und schreibe:

Wie schön die Welt im Frühling ist

Heute war ein besonders schöner Frühlingstag. Ich bewunderte die Blumen im Garten, als plötzlich eine dicke Wolke direkt über mir anhielt und mich einlud, eine Reise mit ihr zu machen. Das war eine Freude, die Welt mal von oben zu sehen. Leider hatte ich keinen Fotoapparat bei mir, aber ich schreibe es für euch auf, denn Schreiben ist wie Malen mit Worten.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle w3work/pixabay

 

Ein Krokus auf Reisen, Reizwortgeschichte

Luftballon, Zwiebel, rosa, allein, kichern
Das waren die Wörter, die diesmal unterzubringen waren. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore
Martina
Ein Krokus auf Reisen


An einem sonnigen Tag im Frühling landete ein rosaroter Luftballon mitten auf einer Krokuswiese. Eigentlich wollte er sich nur eine Weile ausruhen, weil er schon weit geflogen war und die Erschöpfung sich bemerkbar machte.
Doch es kam alles ganz anders. Also, das war so:
Die Franzi, also die Trauzeugin von Anna, hatte Karten drucken lassen, viele Karten. Diese Karten hatte sie an rosa Luftballons gebunden, weil doch rosa die Lieblingsfarbe der Anna war und weil Anna und Bastian geheiratet hatten. Das war am letzten Samstag gewesen. Nach der Trauung in der St. Anna Kirche hatte die Franzi jedem Anwesenden einen Luftballon mit Kärtchen in die Hand gedrückt und auf das Kommando „Eins, zwei, drei – wir lassen euch jetzt frei!“ ließen alle los und die Ballons schwebten gemeinsam gen Himmel. Das sah toll aus.
Auf den Karten stand die Adresse von Anna und Bastian und der Finder wurde gebeten, kurz einzutragen, wo und wann er den Ballon gefunden hatte und die Karte dann in den nächsten Postkasten zu stecken.
Zuerst war unser Ballon mit den anderen in den Himmel geschwebt, weiter und immer weiter waren sie geflogen und schon bald hatte man sie von der Kirche aus nicht mehr sehen können. Anna und Bastian hatten ihnen nachgewinkt und freuten sich auf recht viele Karten.
Doch zurück zu unserem Ballon, der nun ganz allein, also ohne die anderen Ballons, auf der Krokuswiese gelandet war.
„Was bist du denn für eine seltsame Blume?“, fragten die Krokusse und kicherten. Zuerst hatten sie sich gefürchtet, als der Ballon sich niedergelassen hatte, doch dann bemerkten sie, dass er federleicht war. Er war also nicht gefährlich für sie.
„Eine Blume? Ich bin doch keine Blume, ich bin ein Ballon, ich reise durch den Himmel!“, antwortete der Ballon. „Aber ich muss ein wenig verschnaufen, ich bin nämlich schon ein paar Tage unterwegs.“
„Wie schön“, seufzte der zarte, gelbe Krokus. „Wir stehen hier auf unserer Wiese und Jahr für Jahr kommen wir an der gleichen Stelle wieder zum Vorschein. Das ist langweilig, ich würde auch so gern mal verreisen! Nimmst du mich mit, wenn du weiterfliegst?“
„Das wird nicht möglich sein, du würdest verwelken, kleines Blümchen“, meinte der Ballon.
„Ach nein, das würde ich nicht, ich habe doch eine Zwiebel, daraus bekomme ich meine Nahrung und die hält mich frisch. Bitte, bitte, nimm mich mit!“, sagte der Krokus und klammerte sich am Ballonkärtchen fest.
„Pst, still, da kommt jemand!“, rief der große lila Krokus. Sofort waren alle ruhig, nur der Ballon zitterte ein wenig vor lauter Anspannung und der kleine gelbe Krokus zitterte mit ihm.
„Ich halte mich ganz doll fest, heb ab, Ballon, heb ab“, flüsterte er. Doch der Ballon schaffte es nicht, sich in die Luft zu heben, er war einfach noch zu schwach.
„Guck mal hier!“, rief da ein Mädchen. „Ein schöner Ballon mitten zwischen den Blumen. Komm doch mal her!“
„Ja, immer langsam, meine Liebe, ich möchte die Krokusse nicht zertreten, sie sind wunderschön!“ Das war die Stimme eines jungen Mannes.
Das Mädchen hatte mittlerweile die Karte entdeckt, die am Ende der Ballonschnur hing, aber sie konnte sie nicht lesen, denn der kleine gelbe Krokus klammerte sich mit aller Kraft daran fest und gab sie nicht frei. Als das Mädchen vorsichtig daran zog, hatte es mit einem Mal die Karte und das Blümchen mitsamt seiner Zwiebel in der Hand.
„Oh, Verzeihung!“, rief das Mädchen und der junge Mann schimpfte.
„Du solltest achtsamer mit den Blumen umgehen und sie nicht aus dem Boden reißen!“
„Das wollte ich ja nicht, es tut mir leid.“ Sie las die Karte und wusste endlich, was es damit auf sich hatte.
„Schau mal, da haben Anna und Bastian geheiratet und sie wünschen sich, dass man die Karte zurückschickt. Mach doch mal schnell ein Foto mit dem Handy und dann schicken wir die Karte mit dem Blümchen an das Paar, die können es dann in ihrem Garten einpflanzen“, rief das Mädchen begeistert.
„Wenn der Krokus das aushält“, gab der Mann zu bedenken. „Ich habe eine bessere Idee, wir bringen das schnell zu der Adresse, es ist ja nicht weit.“
„Stimmt, es ist der Nachbarort. Dass ich nicht selbst drauf gekommen bin!“ Das Mädchen lachte und drückte dem jungen Mann einen Kuss auf die Wange.

Zeichnung Regina Meier zu Verl

Anna und Bastian haben sich sehr gefreut und den gelben Krokus haben sie in ihren Vorgarten gesetzt, ja, so war das.

© Regina Meier zu Verl

Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof   (unter der Geschichte auch zum Anhören)

„Ihr könnt mir glauben, ich habe es genau gesehen!“, behauptete Ida, eine der ältesten Hennen auf dem Hof des Bauern Josef. „Mitten in der Nacht, noch bevor er einen Schrei loslassen konnte, haben sie ihn geholt und in eine dunkle Kiste gesteckt. Und nun ist er weg, einfach weg!“
„Reg dich nicht auf, Ida, das ist nicht gut für dein Hühnerherz!“, meinte Frieda, ihre Freundin, gelassen. „Es ist ja nicht der erste Kerl, der bei Nacht und Nebel verschwunden ist!“ Sie pickte weiter auf dem Boden herum, stets auf der Suche nach dem dicksten Korn.
Ida hatte keinen Appetit. Der Hahn Hermann war ihr ans Herz gewachsen, auch wenn er ein rechter Krachmacher war. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie ihn eingefangen und weggebracht hatten. Unglaublich! Menschen machten doch auch Lärm. Wenn Ida nur an die dicken Trecker dachte, oder an den Balkenmäher, mit dem der Sohn des Bauern häufig wie ein wildgewordener Handfeger durchs Gehege jagte.
„Vielleicht kommt er ja wieder zurück!“, piepste Kicki, das Junghuhn. „Kann ja sein!“
Frieda lachte laut auf. „Du Jungspund! Hast du jemals erlebt, dass einer von uns zurückgekommen ist?“
„Nee, aber ich bin ja auch noch jung, wie du richtig gesagt hast. Was sagt ihr Alten denn dazu? Ist mal einer zurückgekommen?“, wollte Kicki wissen.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein.
„Ich!“, rief Agnes aufgeregt, „Ich habe das mal erlebt, am eigenen Leibe sogar!“
„Erzähl!“, riefen die Hennen neugierig.
„Es war kurz vor Ostern. Die Bäuerin hatte mich gepackt und in den Stall getragen. Ich wusste ja nicht, was sie vorhatte und deshalb habe ich mich auch gar nicht gewehrt.“
„Und dann?“ Kicki fand das sehr spannend und sie wünschte, sie wäre an Agnes‘ Stelle gewesen.
„Dann hat sie gesagt, dass ich eine schöne Suppe ergeben würde. Stellt euch das vor, sie wollte mich kochen, Hühnersuppe sollte ich werden!“, Agnes versagte es beinahe die Stimme, als sie daran dachte, welche Angst sie damals gehabt hatte.
„Ich war so in Panik, dass ich vor lauter Schreck ein Ei gelegt habe, mitten in die Hand der Bäuerin!“
Die Hühner gackerten los, einerseits vor Lachen, aber auch vor Schreck, denn noch kannten sie ja den Ausgang der Geschichte nicht.
„Und dann?“, kreischte Kicki.
„Dann hat sie mich losgelassen, sie wollte wohl das Ei nicht fallenlassen! Ihr könnt euch vorstellen, wie schnell ich gerannt bin, um ihr zu entkommen. Sollte sie doch mein Ei behalten, das hätte sie mir ja sowieso weggenommen. Aber …“ Agnes grinste.
„Aber?“ Kicki konnte es vor Aufregung kaum noch aushalten.
„Sie brachte es mir in den Hühnerstall und ließ es mich ausbrüten. Es war eben ein besonderes Ei!“, behauptete Agnes.
„Und? Was war es, ein Hähnchen, oder ein Hühnchen?“, wollte nun Ida wissen, die sich gar nicht erinnern konnte an dieses Geschehnis.
„Weder noch!“ Agnes grinst immer breiter.
„Häh? Sag schon, verflixt!“, riefen die Hennen.
„Da war der Bär drin, den ich euch gerade aufgebunden habe“, rief Agnes und machte, dass sie davonkam. Hühner haben nämlich spitze Schnäbel und die hätte sie sicher zu spüren bekommen.
Wo Hermann abgeblieben ist, das weiß ich leider auch nicht. Möglicherweise ist er einfach nur umgezogen.
© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle MALCOLUMBUS/pixabay
Aufregung im Hühnerhof

Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Das Kälbchen schwankte bedenklich auf seinen dünnen Beinen, die wie Gummi immer wieder einknickten. Es zitterte. Seine Mutter leckte es liebevoll trocken.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte die Schwalbe, die ihre eigenen Kinder für eine Weile allein gelassen hatte, um der Geburt des Kalbes beizuwohnen. Wie mühsam das war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie, die Schwalbe hatte sechs Eier gelegt, das war auch anstrengend genug gewesen.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte sie erneut, um gleich darauf neugierig zu fragen:
„Was ist es denn, ein Junge oder ein Mädchen?“
Mutter Kuh antwortete nicht, sie war viel zu sehr mit ihrem Kleinen beschäftigt und außerdem war sie erschöpft. Frau Schwalbe ließ aber nicht locker.
„Eines muss man euch Kühen zu lassen. Kaum seid ihr auf der Welt, da könnt ihr schon stehen. Bei meinen Kindern wird es noch dauern, bis sie das Nest erstmalig verlassen können.“
„Dafür könnt ihr dann fliegen, das können wir Kühe nicht. Es ist übrigens ein Mädchen“, antwortete die Kuh jetzt höflich, schließlich musste sie ihrem Kind ein gutes Vorbild sein. Das gefiel der Schwalbe sehr. Diese Kuh war sehr freundlich und das Kälbchen war wirklich wunderhübsch mit seinen riesigen braunen Augen und den Gummistelzenbeinen.
„Und das Kleine hat sogar ein Fell. Wie lange es doch dauert, bis meine Kinder Federn haben“, seufzte sie.
Sanft massierte die Kuh das Fell ihres Kindes mit der Zunge, sie ließ keinen Winkel seines kleinen Körpers aus. Das Kalb drückte sich eng an seine Mutter. Es schnupperte und suchte und stupste seine Mutter. Dann hatte es plötzlich gefunden, wonach es gesucht hatte: das Euter. Gierig begann es zu schmatzen und schmeckte die süße Milch.
„Interessant, interessant“ pfiff Frau Schwalbe und legte aufgeregt das Köpfchen von einer Seite zur anderen, um alles genau betrachten zu können.
Mutter Kuh lachte. Die Schwalbe war schon ein wenig komisch. Was sollte beim Milch trinken denn so lustig sein? Es kitzelte ein wenig, aber es war ein wunderbares Gefühl.
„Musst mich gar nicht auslachen“, flötete die Schwalbe beleidigt. „Ich sehe so was zum ersten Mal!“
„Schon gut, ich habe dich gar nicht ausgelacht. Ich lache vor Glück und Freude“, sagte die Kuh.
Das verstand die Schwalbe gut und nachdem sie noch einmal ihre allerherzlichsten Glückwünsche ausgesprochen hatte, verabschiedete sie sich.
„So, dann will ich mal los, meine Rasselbande wartet schon, ich höre ihr Piepsen bis hierher. Schade, dass ich kein Euter habe, das würde die leidige Futtersuche doch sehr vereinfachen!“
Als die Kuh sich das vorstellte, eine Schwalbe mit Euter, musste sie so heftig lachen, dass das Kälbchen prompt umkippte und vor Schreck auch noch einen Schluckauf bekam.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte „Muttergespräche“

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Bildquelle Pezibear/pixabay

Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle hschmider/pixabay

Oma Betty und die Veilchen

Eine weitere Geschichte von Oma Betty, die so allerhand erlebt und es mit Freuden an ihre Enkelkinder weitergibt. Viele Geschichten entstehen auf diese Weise. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen.

Oma Betty und die Veilchen

Heut ist ein wunderbarer Tag, endlich ist der Frühling gekommen. Oma Betty und ich genießen die Sonne im Garten.
„Guck doch mal hier!“, ruft Oma Betty begeistert. „Veilchen!“
„Ich sehe keine Veilchen!“, behaupte ich und sehe auch wirklich nichts. Oma Betty zieht an meinem Arm.
„Du musst dich schonmal etwas bücken, von da oben siehst du sie nicht!“
Ich bücke mich und entdecke winzige blaue Blüten im Rasen.
„Okay!“, sage ich, „Kann ich jetzt wieder gehen?“
Oma Betty ist entsetzt über meine gleichgültige Reaktion. Für sie sind die Veilchen im Rasen eine Sensation, das spüre ich deutlich. Sie sitzt in der Hocke vor den zarten Blümchen und freut sich. Ich würde das zu gern knipsen, habe aber leider Handyverbot.
„Oma, ich würde sie gern für dich fotografieren, darf aber mein Handy nicht benutzen diese Woche!“, erkläre ich und hoffe insgeheim, dass Oma mir ihres anbietet.
„Tja, da kann man nichts machen!“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Schönheit dieser Frühblüher kann man sowieso nicht ablichten, die muss man genießen und erschnuppern!“
„Erschnuppern?“
„Die kleinen Blüten haben nämlich einen Trick, weil sie so klein sind und von den Menschen kaum wahrgenommen werden, verströmen sie einen bezaubernden Duft. Riech doch mal!“
Oma Betty legt sich auf den Bauch und schnuppert, aus der Hocke heraus wäre das nicht möglich gewesen, denn dann wäre sie umgefallen.
Ich lasse mich ebenfalls auf den Bauch fallen und rieche an den Veilchen und tatsächlich, der Duft ist super, er erinnert mich an irgendwas, das mir gerade nicht einfällt. Gerade will ich noch eine Nase voll nehmen, als Oma wohl die gleiche Idee hatte und wir beide mit den Köpfen zusammenstoßen. Aua! Das tat weh, aber lustig war’s auch und ein bisschen kann ich Oma Bettys Begeisterung für die kleinen blauen Blüten nun verstehen.

© Regina Meier zu Verl

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Duftveilchen Bildquelle Hans/pixabay

Weitere Geschichten von Oma Betty:
Oma Betty meditiert

Weiberfastnacht

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied

Eine Überraschung für Mama

Eine Überraschung für Mama

Omas Bett steht am Fenster im Wohnzimmer. Wenn Mama das Kopfteil ein wenig höher stellt, dann kann Oma in den Garten schauen. Das gefällt ihr, denn raus kann sie nicht mehr, schon lange nicht. Sie muss fast den ganzen Tag liegen. Dadurch, dass das Bett aber nun im Wohnzimmer steht, nimmt sie am Familienleben teil und ist nicht so allein.
Ich spiele oft im Garten. Immer wieder schaue ich dann bei Oma vorbei, zeige ihr ein Blümchen, das ich gepflückt habe oder male ein Herz an die Fensterscheibe. Dabei darf ich mich aber nicht von Mama erwischen lassen. Sie mag das nämlich gar nicht.
Dieses Wochenende ist bei uns was los. Mama und Papa machen Frühjahrsputz. Jede Ecke wird aufgeräumt und entstaubt. Die Fenster werden auf Hochglanz poliert und selbst die Decken aller Räume werden geputzt. Dafür hat Mama einen weichen Lappen auf den Wischer gespannt und sie streckt und reckt sich, damit sie auch jeden Winkel erwischt. Das ist anstrengend, denn sie stöhnt in einer Tour.
Oma und ich schmunzeln bei jedem Seufzer und schauen uns wie zwei Verschworene an. Laut zu lachen, das wagen wir nicht, das würde Mama wohl ärgern. Dabei hat sie selbst es sich ja so ausgesucht und wir können ihr auch gar nicht helfen. Oma, weil sie krank ist und ich, weil ich auf Oma aufpassen muss. Das ist in diesem Fall ganz praktisch, finde ich.
Papa entrümpelt den Keller, so steht er Mama nicht im Weg und er muss auch nicht ihr Gestöhne anhören. Schließlich kann er ja nichts dafür, dass die Spinnen die Decke und Zimmerecken „bewebt“ haben. All die feinen Spinnweben, wahre Kunstwerke, verschwinden nun im Putztuch. Oma hustet, ich huste zur Gesellschaft gleich mit und wedle mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Puh, staubt das hier!“, bemerke ich und fange mir einen bösen Blick von Mama ein.
„Meckern kann ich auch“, schimpft sie und macht weiter. Oma hustet schon wieder, ich auch. Papa kommt ins Wohnzimmer und wedelt ebenfalls mit den Armen.
„Das kann ja nicht gesund sein, Ingrid, denk an deine Mutter!“ Er geht zum Fenster und öffnet es weit. Im Raum wird es furchtbar kalt und Oma und ich husten um die Wette.
„Ihr macht mir doch was vor, ihr Beiden“, sagt Mama verärgert, hört aber auf, an der Decke herumzuputzen.
Als Papa das Fenster gerade wieder schließen will, steckt der Postbote seinen Kopf ins Zimmer.
„Ich habe schon drei Mal geläutet, habe einen wichtigen Brief für Sie!“, kündigt er an und überreicht Papa einen großen Umschlag.
„Schauen Sie, hier müssen Sie bitte quittieren. Er deutet auf sein Lesegerät und reicht Papa einen Stift. Papa zieht die Augenbrauen in die Höhe und staunt. Er fragt sich, was wohl in dem Brief sein wird. Als sich der Postbote verabschiedet hat, lässt sich Papa auf’s Sofa fallen, Mama daneben, gemeinsam öffnen sie den Briefumschlag. Sie lesen, dann kreischt Mama und Papa grinst, als er einen dicken Schmatz von seiner Frau bekommt.
„Du bist ja so süß, Freddy, richtig romantisch, ich bin hin und weg!“
Oma und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Wir verstehen nicht, was da gerade los ist. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob Oma nur so tut, oder ob sie genau weiß, was da vor sich geht. Papa sagt nämlich:
„Das ist ja sehr lieb und du darfst mich ruhig noch mal küssen, liebe Ingrid, aber ich war das nicht, Ehrenwort!“
„Was ist denn nur los?“, will ich jetzt wissen. Oma schweigt und grinst.
„Dein Vater hat mir eine Reise nach Paris geschenkt und nun tut er so, als wäre er es nicht gewesen!“, beantwortet Mama meine Frage.
Oma kichert und jetzt weiß ich auch warum: sie war das.
„Oma war’s!“, verkünde ich und bekomme einen Buff in die Seite.
„Mutter, ist das wahr?“
„Ja!“, sagt Oma. „Ich wollte euch etwas zum Hochzeitstag schenken und dachte mir, dass ihr mal nach Paris reisen solltet und den Knirps, den lasst ihr hier bei mir. Der muss Tante Elisabeth Anweisungen geben. Denn die wird sich während des Wochenendes um mich kümmern. Ihr seht, für alles ist gesorgt!“
„Aber …“, stammelt Mama, „aber, das geht doch nicht!“
„Geht!“, sagt Oma und da ist auch nichts dran zu rütteln.
Ich finde das gut, denn ich bin ja schon groß und kann Tante Elisabeth gut sagen, wo es langgeht. Vielleicht gehorcht sie sogar, wenn ich Pizza bei ihr bestelle und einen dicken Eisbecher. Wir werden sehen.

HIER auch als Hörbuch: Überraschung beim Frühjahrsputz

© Regina Meier zu Verl

Kirschzweige im Frühling

Frühling auf dem Land

Frühling auf dem Land

unter dem Text auch zum Anhören

Als Katinka aus dem Bus stieg, schloss sie erst einmal fest beide Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Ja, so musste der Frühling riechen. Ein bisschen nach Sonne, ein bisschen nach Regen, ein bisschen nach Blüten und ein ganz klein wenig nach Pferdemist. Das war genau die richtige Mischung, Katinka liebte den Geruch auf dem Land und sie liebte die langen Wochenenden bei ihren Großeltern auf dem Hof.
„Na, junges Frollein, hältst du ein Mittagsschläfchen?“ Das war die Stimme von Georg, der auf dem Hof half. Katinka kannte ihn schon lange und freute sich, ihn zu sehen.
„Hey, Georg, hat Opa dich geschickt?“
„Nein, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen: Katinka kommt, Katinka kommt!“, antwortete Georg und nahm Katinka den Rucksack und die Sporttasche ab.
„Blödmann, alter!“ Katinka lachte. Bei Georg durfte sie sich das erlauben. Sie neckten sich immer ein wenig gegenseitig und da stand keiner dem anderen was nach. Fast war es schon wie ein Wettkampf unter ihnen, wem die meisten Neckereien einfielen, es gab aber keinen der siegte oder verlor.
„Bist du etwa zu Fuß hier?“, fragte Katinka und schaute sich suchen um.
Georg schüttelte den Kopf.
„Aber nein, Frollein Katinka, das würde ich mir niemals erlauben. Dann müsste ich Sie ja tragen und mir sind die Taschen schon schwer genug!“, meinte Georg. „Balthasar steht in der Nebenstraße!“
„Yippieh!“, kreischte Katinka. Georg war mit Balthasar da, dem lieben alten Radaubruder Balthasar. So hieß nämlich Opas Trecker und Katinka liebte ihn von Herzen, den Trecker und den Opa natürlich auch.
„Nicht so laut, da fallen ja die Kirschblüten von den Bäumen vor Schreck!“ Georg lachte schon wieder und zeigte auf den Bürgersteig, der über und über mit Kirschblüten bedeckt war.
„War ich das etwa?“, fragte Katinka betroffen und schaute zum Baum auf, der noch reichlich blühte und von dem noch eine Menge Kirschblüten aufs Pflaster segeln würden. Beruhigt bückte sie sich, nahm die Blüten mit beiden Händen und warf sie in die Luft.
„Es schneit, es schneit, Kirschblütenschnee!“, rief sie und drehte sich im Kreis wie eine Ballerina. Dann entdeckte sie den Trecker und wie von selbst fingen ihre kleinen Füße an zu flitzen, schneller und immer schneller. Als sie Balthasar erreicht hatte, drückte sie ihm einen dicken Schmatzer auf den Kotflügel. Schmatz!
Georg wieherte beinahe vor Lachen. „Sie küsst den Trecker, ich fasse es nicht!“, rief er und wären Leute auf der Straße gewesen, die wären stehengeblieben. Aber gerade war Mittagszeit, da waren alle zu Hause, so schien es jedenfalls.
Georg verstaute das Gepäck, Katinka kletterte auf den Kindersitz und schon konnte es losgehen. Georg ließ den Trecker an, der machte ein mordsmäßiges Getöse, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Glücklicherweise auch nicht die Worte der Leute, die sich wohl in ihrer Mittagsruhe gestört fühlten und nun laut schimpfend, so sah es jedenfalls aus, in ihre Vorgärten geeilt waren. Balthasar gefiel das wohl sehr, denn vor Freude schickte er eine dicke schwarze Wolke aus seinem Auspuff.
Katinka fand das lustig, obwohl es ziemlich müffelte und Georg gab nochmal ordentlich Gas.

Zehn Minuten später hatten sie den Hof von Katinkas Großeltern erreicht. Oma stand schon an der Pforte und winkte ihnen fröhlich zu und Opa kam auch zur Begrüßung aus der Deelentür.
Katinka formte mit den Händen einen Trichter und schrie: „Da bin ich!“
Georg lachte. „Wir sind nicht zu überhören!“, rief er und parkte den Trecker mitten auf dem Hof. Katinka sprang ab und rannte auf die Großeltern zu. Opa packte sie und wirbelte sie in die Runde, so dass ihr ganz schwindelig wurde. Dann bekam Oma einen dicken Schmatz und alle waren glücklich.
„Hast du Hunger, Kind?“, fragte Oma überflüssigerweise, denn Katinka hatte immer Hunger und besonders hier bei Oma und Opa schmeckte das Essen nochmal so gut. Ob das an der Landluft lag?
„Aber Oma, du weißt doch, dass wir mit dem Essen noch kurz warten müssen, weißt schon, wegen …“, Opa machte einen bedeutungsvollen Blick zur Scheune hin. Von Oma fing er sich allerdings einen Rüffel ein:
„Ich bin nicht deine Oma!“, tadelte sie Opa. „Mein Name ist immer noch Hildegard!“
„Okay, Hildegard, die Katinkas Oma ist!“, sagte Opa und schlug die Hacken zusammen wie beim Militär. Das machte er ganz oft so, deshalb wusste sogar Katinka, was das zu bedeuten hatte.
„Dann komm, Enkelkind Katinka“, ordnete Opa an. „Wir gehen in die Scheune!“
Katinka schaute von einem zum anderen und verstand gerade nicht, was hier eigentlich los war. Georg war ihr auch keine Hilfe, der grinste nur wie ein Honigkuchenpferd im Sommer.
Opa ging vorweg, dann kam Katinka, dann Oma Hildegard, danach Georg und zu Schluss schlich Toni, die Hauskatze hinterher. Als sie im Gänsemarsch bei der Scheune angekommen waren, öffnete Opa einen Spalt breit die Tür und winkte Katinka zu sich.
„Versprich mir, dass du nicht schreien wirst. Vorher lasse ich dich nicht rein!“, sagte er und schaute Katinka streng an.
„Ich verspreche es!“, sagte Katinka feierlich und hob wie zum Schwur die Hand.
Was dann kam, hatte Katinka in ihren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Vorsichtig betrat sie die Scheune, vorsichtshalber hatte sie die Hand auf den Mund gelegt, falls ihr doch ein Schrei entweichen sollte. Ihre Augen mussten sich zuerst an das Licht in der Scheune gewöhnen, doch dann sah sie es. Da stand doch tatsächlich ein Pony in der alten Pferdebox, die seit vielen Jahren leer gestanden hatte. Früher, als Mama noch zu Hause gewohnt hatte, war es die Box von Mamas Stute Ninette gewesen. Doch die war eines Tages im Pferdehimmel eingezogen, so hatte man es Katinka erzählt.
„Oh!“, sagte Katinka leise und noch einmal: „Oh!“
Opa lachte. „Du darfst schon etwas sagen, nur schreien solltest du nicht. Tinka ist noch so schreckhaft, sie wohnt erst seit drei Tagen bei uns!“
„Oh, ein Mädchen!“, sagte Katinka andächtig und dann war sie nicht mehr zu halten. Sie liebkoste das Pony, klopfte ihm den Hals, streichelte seine Nüstern und flüsterte ihm liebe Worte zu.
Das war der Anfang einer großen Liebe, einer, an der es nichts zu rütteln gab. Katinka und Tinka wurden sofort die besten Freundinnen und ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es über die beiden jede Menge zu erzählen gibt. Stimmt, aber das sind neue Geschichten.

© Regina Meier zu Verl

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Hier kannst du dir die Geschichte anhören, viel Spaß!

Frühling auf dem Land – zum Anhören

Maja sucht die Bärtierchen

Maja sucht die Bärtierchen

Behutsam setzte Maja einen Fuß vor den anderen. Sie war darauf bedacht, nicht auf das grüne Moos am Waldboden zu treten, weil sie wusste, dass darin kleine Tierchen lebten. Gesehen hatte sie die noch nicht, denn sie waren so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht erkennen konnte.

In der Schule hatten sie darüber gesprochen und Maja war fasziniert von den Bildern, die die Lehrerin von den Bärtierchen gezeigt hatte. Sie sahen tatsächlich wie Bären aus, nur kleiner waren sie, viel kleiner, höchstens einen Millimeter groß.

Als Maja ihre Mutter danach fragte, hatte diese gar nichts davon gewusst und gemeinsam hatten sie im Internet danach geforscht und sich die Tierchen gemeinsam angesehen.

Als Maja eine große Moosfläche entdeckte, beugte sie sich hinunter und schaute ganz genau hin.

Na ihr Süßen“, flüsterte sie. „Schade, dass ich euch nicht sehen kann, aber ich weiß, dass ihr da seid. Sicher tapst ihr gerade wie tollpatschige Bären durch das Moos.“

Zart berührte sie das feuchte Moos, in dem Tautropfen glitzerten.

Es war Frühling geworden und endlich durfte Maja auch wieder in den Wald gehen, der ganz nah an ihrem Zuhause lag. Sie hatte mit Mama vereinbart, dass Mama die große Messingglocke anschlagen würde, die auf der Terrasse hing. Ihr Klang würde sie nach Hause rufen, wenn das Mittagessen fertig war.

Noch war Zeit und Maja zog ihre Jacke aus, legte sie auf einen dicken Baumstamm und setzte sich darauf. Bald würden die Forstarbeiter diesen Baumstamm sicher abholen. Maja träumte. Irgendwann würde sie auch im Wald arbeiten und die Tiere erforschen, die dort lebten. Sie wollte eine Forscherin werden, das war ganz klar. Zu Weihnachten hatte sie ein Mikroskop bekommen und seitdem untersuchte sie alles, was darunter passte.

Ich werde etwas Moos mitnehmen“, nahm sie sich vor. „Vielleicht entdecke ich dann die Bärtierchen!“

Vorsichtig zupfte sie ein wenig Moos aus und packte es in eine Plastikdose, die sie immer bei sich trug.

Echtes Moos, mit echten Bärtierchen!“, seufzte sie glücklich und trat den Heimweg an.

Kurz bevor sie den Garten erreichte, hörte sie den Klang der Glocke.

Bin schon da!“, rief sie.

Nach dem Mittagessen untersuchte sie das Moos, interessant sah das aus, wenn man es so groß betrachten konnte, kleine grüne Sternchen konnte sie erkennen, aber leider keine Tiere.

Macht nichts, irgendwann werde ich euch schon finden“, flüsterte sie und trug das Moos in den Garten, vielleicht würde es sich dort vermehren und sie konnte später in Ruhe weiterforschen.

© Regina Meier zu Verl

Copyright f. d. Bild Josef Thomalla

Copyright f. d. Bild Josef Thomalla