Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty und die Veilchen

Oma Betty und die Veilchen

Eine weitere Geschichte von Oma Betty, die so allerhand erlebt und es mit Freuden an ihre Enkelkinder weitergibt. Viele Geschichten entstehen auf diese Weise. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen.

Oma Betty und die Veilchen

Heut ist ein wunderbarer Tag, endlich ist der Frühling gekommen. Oma Betty und ich genießen die Sonne im Garten.
„Guck doch mal hier!“, ruft Oma Betty begeistert. „Veilchen!“
„Ich sehe keine Veilchen!“, behaupte ich und sehe auch wirklich nichts. Oma Betty zieht an meinem Arm.
„Du musst dich schonmal etwas bücken, von da oben siehst du sie nicht!“
Ich bücke mich und entdecke winzige blaue Blüten im Rasen.
„Okay!“, sage ich, „Kann ich jetzt wieder gehen?“
Oma Betty ist entsetzt über meine gleichgültige Reaktion. Für sie sind die Veilchen im Rasen eine Sensation, das spüre ich deutlich. Sie sitzt in der Hocke vor den zarten Blümchen und freut sich. Ich würde das zu gern knipsen, habe aber leider Handyverbot.
„Oma, ich würde sie gern für dich fotografieren, darf aber mein Handy nicht benutzen diese Woche!“, erkläre ich und hoffe insgeheim, dass Oma mir ihres anbietet.
„Tja, da kann man nichts machen!“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Schönheit dieser Frühblüher kann man sowieso nicht ablichten, die muss man genießen und erschnuppern!“
„Erschnuppern?“
„Die kleinen Blüten haben nämlich einen Trick, weil sie so klein sind und von den Menschen kaum wahrgenommen werden, verströmen sie einen bezaubernden Duft. Riech doch mal!“
Oma Betty legt sich auf den Bauch und schnuppert, aus der Hocke heraus wäre das nicht möglich gewesen, denn dann wäre sie umgefallen.
Ich lasse mich ebenfalls auf den Bauch fallen und rieche an den Veilchen und tatsächlich, der Duft ist super, er erinnert mich an irgendwas, das mir gerade nicht einfällt. Gerade will ich noch eine Nase voll nehmen, als Oma wohl die gleiche Idee hatte und wir beide mit den Köpfen zusammenstoßen. Aua! Das tat weh, aber lustig war’s auch und ein bisschen kann ich Oma Bettys Begeisterung für die kleinen blauen Blüten nun verstehen.

© Regina Meier zu Verl

Weitere Geschichten von Oma Betty:
Oma Betty meditiert

Weiberfastnacht

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied

Eine Überraschung für Mama

Eine Überraschung für Mama

Omas Bett steht am Fenster im Wohnzimmer. Wenn Mama das Kopfteil ein wenig höher stellt, dann kann Oma in den Garten schauen. Das gefällt ihr, denn raus kann sie nicht mehr, schon lange nicht. Sie muss fast den ganzen Tag liegen. Dadurch, dass das Bett aber nun im Wohnzimmer steht, nimmt sie am Familienleben teil und ist nicht so allein.
Ich spiele oft im Garten. Immer wieder schaue ich dann bei Oma vorbei, zeige ihr ein Blümchen, das ich gepflückt habe oder male ein Herz an die Fensterscheibe. Dabei darf ich mich aber nicht von Mama erwischen lassen. Sie mag das nämlich gar nicht.
Dieses Wochenende ist bei uns was los. Mama und Papa machen Frühjahrsputz. Jede Ecke wird aufgeräumt und entstaubt. Die Fenster werden auf Hochglanz poliert und selbst die Decken aller Räume werden geputzt. Dafür hat Mama einen weichen Lappen auf den Wischer gespannt und sie streckt und reckt sich, damit sie auch jeden Winkel erwischt. Das ist anstrengend, denn sie stöhnt in einer Tour.
Oma und ich schmunzeln bei jedem Seufzer und schauen uns wie zwei Verschworene an. Laut zu lachen, das wagen wir nicht, das würde Mama wohl ärgern. Dabei hat sie selbst es sich ja so ausgesucht und wir können ihr auch gar nicht helfen. Oma, weil sie krank ist und ich, weil ich auf Oma aufpassen muss. Das ist in diesem Fall ganz praktisch, finde ich.
Papa entrümpelt den Keller, so steht er Mama nicht im Weg und er muss auch nicht ihr Gestöhne anhören. Schließlich kann er ja nichts dafür, dass die Spinnen die Decke und Zimmerecken „bewebt“ haben. All die feinen Spinnweben, wahre Kunstwerke, verschwinden nun im Putztuch. Oma hustet, ich huste zur Gesellschaft gleich mit und wedle mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Puh, staubt das hier!“, bemerke ich und fange mir einen bösen Blick von Mama ein.
„Meckern kann ich auch“, schimpft sie und macht weiter. Oma hustet schon wieder, ich auch. Papa kommt ins Wohnzimmer und wedelt ebenfalls mit den Armen.
„Das kann ja nicht gesund sein, Ingrid, denk an deine Mutter!“ Er geht zum Fenster und öffnet es weit. Im Raum wird es furchtbar kalt und Oma und ich husten um die Wette.
„Ihr macht mir doch was vor, ihr Beiden“, sagt Mama verärgert, hört aber auf, an der Decke herumzuputzen.
Als Papa das Fenster gerade wieder schließen will, steckt der Postbote seinen Kopf ins Zimmer.
„Ich habe schon drei Mal geläutet, habe einen wichtigen Brief für Sie!“, kündigt er an und überreicht Papa einen großen Umschlag.
„Schauen Sie, hier müssen Sie bitte quittieren. Er deutet auf sein Lesegerät und reicht Papa einen Stift. Papa zieht die Augenbrauen in die Höhe und staunt. Er fragt sich, was wohl in dem Brief sein wird. Als sich der Postbote verabschiedet hat, lässt sich Papa auf’s Sofa fallen, Mama daneben, gemeinsam öffnen sie den Briefumschlag. Sie lesen, dann kreischt Mama und Papa grinst, als er einen dicken Schmatz von seiner Frau bekommt.
„Du bist ja so süß, Freddy, richtig romantisch, ich bin hin und weg!“
Oma und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Wir verstehen nicht, was da gerade los ist. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob Oma nur so tut, oder ob sie genau weiß, was da vor sich geht. Papa sagt nämlich:
„Das ist ja sehr lieb und du darfst mich ruhig noch mal küssen, liebe Ingrid, aber ich war das nicht, Ehrenwort!“
„Was ist denn nur los?“, will ich jetzt wissen. Oma schweigt und grinst.
„Dein Vater hat mir eine Reise nach Paris geschenkt und nun tut er so, als wäre er es nicht gewesen!“, beantwortet Mama meine Frage.
Oma kichert und jetzt weiß ich auch warum: sie war das.
„Oma war’s!“, verkünde ich und bekomme einen Buff in die Seite.
„Mutter, ist das wahr?“
„Ja!“, sagt Oma. „Ich wollte euch etwas zum Hochzeitstag schenken und dachte mir, dass ihr mal nach Paris reisen solltet und den Knirps, den lasst ihr hier bei mir. Der muss Tante Elisabeth Anweisungen geben. Denn die wird sich während des Wochenendes um mich kümmern. Ihr seht, für alles ist gesorgt!“
„Aber …“, stammelt Mama, „aber, das geht doch nicht!“
„Geht!“, sagt Oma und da ist auch nichts dran zu rütteln.
Ich finde das gut, denn ich bin ja schon groß und kann Tante Elisabeth gut sagen, wo es langgeht. Vielleicht gehorcht sie sogar, wenn ich Pizza bei ihr bestelle und einen dicken Eisbecher. Wir werden sehen.

HIER auch als Hörbuch: Überraschung beim Frühjahrsputz

© Regina Meier zu Verl

Kirschzweige im Frühling

Frühling auf dem Land

Frühling auf dem Land

Frühling auf dem Land

unter dem Text auch zum Anhören

Als Katinka aus dem Bus stieg, schloss sie erst einmal fest beide Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Ja, so musste der Frühling riechen. Ein bisschen nach Sonne, ein bisschen nach Regen, ein bisschen nach Blüten und ein ganz klein wenig nach Pferdemist. Das war genau die richtige Mischung, Katinka liebte den Geruch auf dem Land und sie liebte die langen Wochenenden bei ihren Großeltern auf dem Hof.
„Na, junges Frollein, hältst du ein Mittagsschläfchen?“ Das war die Stimme von Georg, der auf dem Hof half. Katinka kannte ihn schon lange und freute sich, ihn zu sehen.
„Hey, Georg, hat Opa dich geschickt?“
„Nein, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen: Katinka kommt, Katinka kommt!“, antwortete Georg und nahm Katinka den Rucksack und die Sporttasche ab.
„Blödmann, alter!“ Katinka lachte. Bei Georg durfte sie sich das erlauben. Sie neckten sich immer ein wenig gegenseitig und da stand keiner dem anderen was nach. Fast war es schon wie ein Wettkampf unter ihnen, wem die meisten Neckereien einfielen, es gab aber keinen der siegte oder verlor.
„Bist du etwa zu Fuß hier?“, fragte Katinka und schaute sich suchen um.
Georg schüttelte den Kopf.
„Aber nein, Frollein Katinka, das würde ich mir niemals erlauben. Dann müsste ich Sie ja tragen und mir sind die Taschen schon schwer genug!“, meinte Georg. „Balthasar steht in der Nebenstraße!“
„Yippieh!“, kreischte Katinka. Georg war mit Balthasar da, dem lieben alten Radaubruder Balthasar. So hieß nämlich Opas Trecker und Katinka liebte ihn von Herzen, den Trecker und den Opa natürlich auch.
„Nicht so laut, da fallen ja die Kirschblüten von den Bäumen vor Schreck!“ Georg lachte schon wieder und zeigte auf den Bürgersteig, der über und über mit Kirschblüten bedeckt war.
„War ich das etwa?“, fragte Katinka betroffen und schaute zum Baum auf, der noch reichlich blühte und von dem noch eine Menge Kirschblüten aufs Pflaster segeln würden. Beruhigt bückte sie sich, nahm die Blüten mit beiden Händen und warf sie in die Luft.
„Es schneit, es schneit, Kirschblütenschnee!“, rief sie und drehte sich im Kreis wie eine Ballerina. Dann entdeckte sie den Trecker und wie von selbst fingen ihre kleinen Füße an zu flitzen, schneller und immer schneller. Als sie Balthasar erreicht hatte, drückte sie ihm einen dicken Schmatzer auf den Kotflügel. Schmatz!
Georg wieherte beinahe vor Lachen. „Sie küsst den Trecker, ich fasse es nicht!“, rief er und wären Leute auf der Straße gewesen, die wären stehengeblieben. Aber gerade war Mittagszeit, da waren alle zu Hause, so schien es jedenfalls.
Georg verstaute das Gepäck, Katinka kletterte auf den Kindersitz und schon konnte es losgehen. Georg ließ den Trecker an, der machte ein mordsmäßiges Getöse, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Glücklicherweise auch nicht die Worte der Leute, die sich wohl in ihrer Mittagsruhe gestört fühlten und nun laut schimpfend, so sah es jedenfalls aus, in ihre Vorgärten geeilt waren. Balthasar gefiel das wohl sehr, denn vor Freude schickte er eine dicke schwarze Wolke aus seinem Auspuff.
Katinka fand das lustig, obwohl es ziemlich müffelte und Georg gab nochmal ordentlich Gas.

Zehn Minuten später hatten sie den Hof von Katinkas Großeltern erreicht. Oma stand schon an der Pforte und winkte ihnen fröhlich zu und Opa kam auch zur Begrüßung aus der Deelentür.
Katinka formte mit den Händen einen Trichter und schrie: „Da bin ich!“
Georg lachte. „Wir sind nicht zu überhören!“, rief er und parkte den Trecker mitten auf dem Hof. Katinka sprang ab und rannte auf die Großeltern zu. Opa packte sie und wirbelte sie in die Runde, so dass ihr ganz schwindelig wurde. Dann bekam Oma einen dicken Schmatz und alle waren glücklich.
„Hast du Hunger, Kind?“, fragte Oma überflüssigerweise, denn Katinka hatte immer Hunger und besonders hier bei Oma und Opa schmeckte das Essen nochmal so gut. Ob das an der Landluft lag?
„Aber Oma, du weißt doch, dass wir mit dem Essen noch kurz warten müssen, weißt schon, wegen …“, Opa machte einen bedeutungsvollen Blick zur Scheune hin. Von Oma fing er sich allerdings einen Rüffel ein:
„Ich bin nicht deine Oma!“, tadelte sie Opa. „Mein Name ist immer noch Hildegard!“
„Okay, Hildegard, die Katinkas Oma ist!“, sagte Opa und schlug die Hacken zusammen wie beim Militär. Das machte er ganz oft so, deshalb wusste sogar Katinka, was das zu bedeuten hatte.
„Dann komm, Enkelkind Katinka“, ordnete Opa an. „Wir gehen in die Scheune!“
Katinka schaute von einem zum anderen und verstand gerade nicht, was hier eigentlich los war. Georg war ihr auch keine Hilfe, der grinste nur wie ein Honigkuchenpferd im Sommer.
Opa ging vorweg, dann kam Katinka, dann Oma Hildegard, danach Georg und zu Schluss schlich Toni, die Hauskatze hinterher. Als sie im Gänsemarsch bei der Scheune angekommen waren, öffnete Opa einen Spalt breit die Tür und winkte Katinka zu sich.
„Versprich mir, dass du nicht schreien wirst. Vorher lasse ich dich nicht rein!“, sagte er und schaute Katinka streng an.
„Ich verspreche es!“, sagte Katinka feierlich und hob wie zum Schwur die Hand.
Was dann kam, hatte Katinka in ihren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Vorsichtig betrat sie die Scheune, vorsichtshalber hatte sie die Hand auf den Mund gelegt, falls ihr doch ein Schrei entweichen sollte. Ihre Augen mussten sich zuerst an das Licht in der Scheune gewöhnen, doch dann sah sie es. Da stand doch tatsächlich ein Pony in der alten Pferdebox, die seit vielen Jahren leer gestanden hatte. Früher, als Mama noch zu Hause gewohnt hatte, war es die Box von Mamas Stute Ninette gewesen. Doch die war eines Tages im Pferdehimmel eingezogen, so hatte man es Katinka erzählt.
„Oh!“, sagte Katinka leise und noch einmal: „Oh!“
Opa lachte. „Du darfst schon etwas sagen, nur schreien solltest du nicht. Tinka ist noch so schreckhaft, sie wohnt erst seit drei Tagen bei uns!“
„Oh, ein Mädchen!“, sagte Katinka andächtig und dann war sie nicht mehr zu halten. Sie liebkoste das Pony, klopfte ihm den Hals, streichelte seine Nüstern und flüsterte ihm liebe Worte zu.
Das war der Anfang einer großen Liebe, einer, an der es nichts zu rütteln gab. Katinka und Tinka wurden sofort die besten Freundinnen und ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es über die beiden jede Menge zu erzählen gibt. Stimmt, aber das sind neue Geschichten.

© Regina Meier zu Verl

Photo by eberhard grossgasteiger on Pexels.com

Hier kannst du dir die Geschichte anhören, viel Spaß!

Frühling auf dem Land – zum Anhören
Maja sucht die Bärtierchen

Maja sucht die Bärtierchen

Maja sucht die Bärtierchen

Behutsam setzte Maja einen Fuß vor den anderen. Sie war darauf bedacht, nicht auf das grüne Moos am Waldboden zu treten, weil sie wusste, dass darin kleine Tierchen lebten. Gesehen hatte sie die noch nicht, denn sie waren so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht erkennen konnte.

In der Schule hatten sie darüber gesprochen und Maja war fasziniert von den Bildern, die die Lehrerin von den Bärtierchen gezeigt hatte. Sie sahen tatsächlich wie Bären aus, nur kleiner waren sie, viel kleiner, höchstens einen Millimeter groß.

Als Maja ihre Mutter danach fragte, hatte diese gar nichts davon gewusst und gemeinsam hatten sie im Internet danach geforscht und sich die Tierchen gemeinsam angesehen.

Als Maja eine große Moosfläche entdeckte, beugte sie sich hinunter und schaute ganz genau hin.

Na ihr Süßen“, flüsterte sie. „Schade, dass ich euch nicht sehen kann, aber ich weiß, dass ihr da seid. Sicher tapst ihr gerade wie tollpatschige Bären durch das Moos.“

Zart berührte sie das feuchte Moos, in dem Tautropfen glitzerten.

Es war Frühling geworden und endlich durfte Maja auch wieder in den Wald gehen, der ganz nah an ihrem Zuhause lag. Sie hatte mit Mama vereinbart, dass Mama die große Messingglocke anschlagen würde, die auf der Terrasse hing. Ihr Klang würde sie nach Hause rufen, wenn das Mittagessen fertig war.

Noch war Zeit und Maja zog ihre Jacke aus, legte sie auf einen dicken Baumstamm und setzte sich darauf. Bald würden die Forstarbeiter diesen Baumstamm sicher abholen. Maja träumte. Irgendwann würde sie auch im Wald arbeiten und die Tiere erforschen, die dort lebten. Sie wollte eine Forscherin werden, das war ganz klar. Zu Weihnachten hatte sie ein Mikroskop bekommen und seitdem untersuchte sie alles, was darunter passte.

Ich werde etwas Moos mitnehmen“, nahm sie sich vor. „Vielleicht entdecke ich dann die Bärtierchen!“

Vorsichtig zupfte sie ein wenig Moos aus und packte es in eine Plastikdose, die sie immer bei sich trug.

Echtes Moos, mit echten Bärtierchen!“, seufzte sie glücklich und trat den Heimweg an.

Kurz bevor sie den Garten erreichte, hörte sie den Klang der Glocke.

Bin schon da!“, rief sie.

Nach dem Mittagessen untersuchte sie das Moos, interessant sah das aus, wenn man es so groß betrachten konnte, kleine grüne Sternchen konnte sie erkennen, aber leider keine Tiere.

Macht nichts, irgendwann werde ich euch schon finden“, flüsterte sie und trug das Moos in den Garten, vielleicht würde es sich dort vermehren und sie konnte später in Ruhe weiterforschen.

© Regina Meier zu Verl

Copyright f. d. Bild Josef Thomalla

Copyright f. d. Bild Josef Thomalla

Singende Bäume

Singende Bäume

„Kannst du denn nicht mal für eine Weile still sein?“, fragt der kleine Spatz die Amsel, die voller Inbrunst eine Arie nach der anderen schmettert.
„Warum sollte ich? Es ist Frühling und endlich kann ich wieder singen!“
„Aber ich möchte euch allen doch so gern einmal etwas zeigen, oder besser gesagt: Ihr sollt einmal zuhören“, der Spatz ist aufgeregt. Er will unbedingt völlige Stille im Garten haben, denn er hat etwas gehört, das war so schön, man kann es nicht beschreiben, man muss es hören.
Die Amsel verspricht eine Pause zu machen.
„Zwanzig Minuten, mein Lieber, länger halte ich es nicht aus!“
Am alten Kirschbaum klopft ein Specht.
„Herr Specht, können Sie bitte mal eine Weile die Arbeit unterbrechen? Frau Amsel ist auch einverstanden und schweigt für zwanzig Minuten“, bittet der Spatz höflich. Der Specht stellt sofort seine Arbeit ein, er ist sowieso erschöpft und muss ein wenig ausruhen.
Die Meisen sind ebenfalls einverstanden, sie hocken erwartungsvoll auf der Teppichstange und warten auf den angekündigten Hörgenuss.
Als alles ganz still ist, nur von weitem ruft noch der Kuckuck, da hören es plötzlich alle. Sie können sich nicht erklären, woher dieser liebliche Gesang kommt.
„Was ist das?“, flüstert die Amsel.
„Pst, pst“, machen die Meisen vorwurfsvoll.
Die Augen des kleinen Spatzen leuchten, er ist verliebt, man sieht es ihm ganz deutlich an.
„Da, schaut“, wispert er und zeigt auf den Magnolienbaum.
Die Tiere recken die Hälse, sehen aber nichts.
„Ein singender Baum?“, fragt die Amsel.
„Pst, pst, pst“, machen die Meisen.
Auf einmal hebt sich eine Blüte in die Luft, es ist ganz still. Die Blüte hebt und senkt ihre Flügel, jetzt erkennen alle, dass es ein Schmetterling ist. Elegant fliegt er davon.
„Oh, wie schade!“ Der Specht ist enttäuscht, wie gern hätte er noch ein wenig gelauscht.
„Ich wusste gar nicht, dass Schmetterlinge singen können“, sagt er, dann fährt er mit seiner Klopfarbeit fort.
Die Amsel trällert und die Meisen verteilen sich wieder im Garten, um Nistmaterial zu sammeln. Von Weitem ruft der Kuckuck.
„Man muss ganz still werden, um die großen Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können“, flüstert der kleine Spatz. Jetzt wird er wieder warten, dass sein Schmetterling zurück kommt und ein neues Lied für ihn singt. So lange wird er von ihm träumen.

© Regina Meier zu Verl

Singing Trees

„Can’t you be quiet for a while?” the little sparrow asks the blackbird, who was blaring out one song after the other at the top of his voice.
„Why should I? It’s springtime and at long last I can sing again!”
„But I really want to show you all something, or should I say; Please listen!“ the sparrow is excited. He wants complete and utter silence in the garden because he has heard something so wonderful, he can’t describe. It has to be heard to be believed.
The blackbird promises to have a break.
„Twenty minutes, my dear, I can’t manage any longer!”
A woodpecker is pecking at an old cherry tree.
„Mr Woodpecker, Would you mind taking a break from your work for a while? Mrs Blackbird is also willing to take a break and is going to be quiet for twenty minutes”, the sparrow asks politely. The woodpecker stops working straight away, he’s tired anyway and wants to relax for a while.
The blue tits also agree, they sit full of expectation on the washing line and wait for the promised delight for their ears.
Everything is totally quiet, only a cuckoo can be heard way off in the distance, and then suddenly they all hear it. They can’t make out where this amazing singing is coming from.
„What it is?” the blackbird whispers.
„Shh, shh”, the blue tits says crossly.
The sparrow’s little eyes sparkle with joy, he’s in love, it’s clear for everyone to see.
„There, look”, he whispers and points to the magnolia tree.
The birds stretch their necks, but they can’t see anything.
„A singing tree?” the blackbird asks.
„Shh, shh, shh”, the blue tits say.
All at once a blossom rises in the air, it’s totally quiet. The blossom raises and lowers its wings, and now everyone can see that it’s a butterfly. It flies away elegantly.
„Oh, what a pity!” The woodpecker is disappointed; he would have loved to listen a little longer.
„I didn’t know that butterflies can sing“, he says and then he continues with his knocking work.
The blackbirds warble and the blue tits fly to different corners of the garden to collect things for nesting. The cuckoo calls from the distance.
„You have to be really quiet to notice the big wonders of this world”, the little sparrow whispers.
Now he’s going to wait for his butterfly to return and sing a new song for him. In the meantime he’ll dream about her.
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Das Kälbchen schwankte bedenklich auf seinen dünnen Beinen, die wie Gummi immer wieder einknickten. Es zitterte. Seine Mutter leckte es liebevoll trocken.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte die Schwalbe, die ihre eigenen Kinder für eine Weile allein gelassen hatte, um der Geburt des Kalbes beizuwohnen. Wie mühsam das war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie, die Schwalbe hatte sechs Eier gelegt, das war auch anstrengend genug gewesen.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte sie erneut, um gleich darauf neugierig zu fragen:
„Was ist es denn, ein Junge oder ein Mädchen?“
Mutter Kuh antwortete nicht, sie war viel zu sehr mit ihrem Kleinen beschäftigt und außerdem war sie erschöpft. Frau Schwalbe ließ aber nicht locker.
„Eines muss man euch Kühen zu lassen. Kaum seid ihr auf der Welt, da könnt ihr schon stehen. Bei meinen Kindern wird es noch dauern, bis sie das Nest erstmalig verlassen können.“
„Dafür könnt ihr dann fliegen, das können wir Kühe nicht. Es ist übrigens ein Mädchen“, antwortete die Kuh jetzt höflich, schließlich musste sie ihrem Kind ein gutes Vorbild sein. Das gefiel der Schwalbe sehr. Diese Kuh war sehr freundlich und das Kälbchen war wirklich wunderhübsch mit seinen riesigen braunen Augen und den Gummistelzenbeinen.
„Und das Kleine hat sogar ein Fell. Wie lange es doch dauert, bis meine Kinder Federn haben“, seufzte sie.
Sanft massierte die Kuh das Fell ihres Kindes mit der Zunge, sie ließ keinen Winkel seines kleinen Körpers aus. Das Kalb drückte sich eng an seine Mutter. Es schnupperte und suchte und stupste seine Mutter. Dann hatte es plötzlich gefunden, wonach es gesucht hatte: das Euter. Gierig begann es zu schmatzen und schmeckte die süße Milch.
„Interessant, interessant“ pfiff Frau Schwalbe und legte aufgeregt das Köpfchen von einer Seite zur anderen, um alles genau betrachten zu können.
Mutter Kuh lachte. Die Schwalbe war schon ein wenig komisch. Was sollte beim Milch trinken denn so lustig sein? Es kitzelte ein wenig, aber es war ein wunderbares Gefühl.
„Musst mich gar nicht auslachen“, flötete die Schwalbe beleidigt. „Ich sehe so was zum ersten Mal!“
„Schon gut, ich habe dich gar nicht ausgelacht. Ich lache vor Glück und Freude“, sagte die Kuh.
Das verstand die Schwalbe gut und nachdem sie noch einmal ihre allerherzlichsten Glückwünsche ausgesprochen hatte, verabschiedete sie sich.
„So, dann will ich mal los, meine Rasselbande wartet schon, ich höre ihr Piepsen bis hierher. Schade, dass ich kein Euter habe, das würde die leidige Futtersuche doch sehr vereinfachen!“
Als die Kuh sich das vorstellte, eine Schwalbe mit Euter, musste sie so heftig lachen, dass das Kälbchen prompt umkippte und vor Schreck auch noch einen Schluckauf bekam.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte „Muttergespräche“

Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof

Aufregung im Hühnerhof   (unter der Geschichte auch zum Anhören)

„Ihr könnt mir glauben, ich habe es genau gesehen!“, behauptete Ida, eine der ältesten Hennen auf dem Hof des Bauern Josef. „Mitten in der Nacht, noch bevor er einen Schrei loslassen konnte, haben sie ihn geholt und in eine dunkle Kiste gesteckt. Und nun ist er weg, einfach weg!“
„Reg dich nicht auf, Ida, das ist nicht gut für dein Hühnerherz!“, meinte Frieda, ihre Freundin, gelassen. „Es ist ja nicht der erste Kerl, der bei Nacht und Nebel verschwunden ist!“ Sie pickte weiter auf dem Boden herum, stets auf der Suche nach dem dicksten Korn.
Ida hatte keinen Appetit. Der Hahn Hermann war ihr ans Herz gewachsen, auch wenn er ein rechter Krachmacher war. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie ihn eingefangen und weggebracht hatten. Unglaublich! Menschen machten doch auch Lärm. Wenn Ida nur an die dicken Trecker dachte, oder an den Balkenmäher, mit dem der Sohn des Bauern häufig wie ein wildgewordener Handfeger durchs Gehege jagte.
„Vielleicht kommt er ja wieder zurück!“, piepste Kicki, das Junghuhn. „Kann ja sein!“
Frieda lachte laut auf. „Du Jungspund! Hast du jemals erlebt, dass einer von uns zurückgekommen ist?“
„Nee, aber ich bin ja auch noch jung, wie du richtig gesagt hast. Was sagt ihr Alten denn dazu? Ist mal einer zurückgekommen?“, wollte Kicki wissen.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein.
„Ich!“, rief Agnes aufgeregt, „Ich habe das mal erlebt, am eigenen Leibe sogar!“
„Erzähl!“, riefen die Hennen neugierig.
„Es war kurz vor Ostern. Die Bäuerin hatte mich gepackt und in den Stall getragen. Ich wusste ja nicht, was sie vorhatte und deshalb habe ich mich auch gar nicht gewehrt.“
„Und dann?“ Kicki fand das sehr spannend und sie wünschte, sie wäre an Agnes‘ Stelle gewesen.
„Dann hat sie gesagt, dass ich eine schöne Suppe ergeben würde. Stellt euch das vor, sie wollte mich kochen, Hühnersuppe sollte ich werden!“, Agnes versagte es beinahe die Stimme, als sie daran dachte, welche Angst sie damals gehabt hatte.
„Ich war so in Panik, dass ich vor lauter Schreck ein Ei gelegt habe, mitten in die Hand der Bäuerin!“
Die Hühner gackerten los, einerseits vor Lachen, aber auch vor Schreck, denn noch kannten sie ja den Ausgang der Geschichte nicht.
„Und dann?“, kreischte Kicki.
„Dann hat sie mich losgelassen, sie wollte wohl das Ei nicht fallenlassen! Ihr könnt euch vorstellen, wie schnell ich gerannt bin, um ihr zu entkommen. Sollte sie doch mein Ei behalten, das hätte sie mir ja sowieso weggenommen. Aber …“ Agnes grinste.
„Aber?“ Kicki konnte es vor Aufregung kaum noch aushalten.
„Sie brachte es mir in den Hühnerstall und ließ es mich ausbrüten. Es war eben ein besonderes Ei!“, behauptete Agnes.
„Und? Was war es, ein Hähnchen, oder ein Hühnchen?“, wollte nun Ida wissen, die sich gar nicht erinnern konnte an dieses Geschehnis.
„Weder noch!“ Agnes grinst immer breiter.
„Häh? Sag schon, verflixt!“, riefen die Hennen.
„Da war der Bär drin, den ich euch gerade aufgebunden habe“, rief Agnes und machte, dass sie davonkam. Hühner haben nämlich spitze Schnäbel und die hätte sie sicher zu spüren bekommen.
Wo Hermann abgeblieben ist, das weiß ich leider auch nicht. Möglicherweise ist er einfach nur umgezogen.
© Regina Meier zu Verl

Aufregung im Hühnerhof
Oma Betty und die Saatbomben

Oma Betty und die Saatbomben

Von Oma Betty gibt es mittlerweile schon  einige Geschichten, in dieser Episode bastelt Oma Betty Saatbomben mit ihrem Enkelkind. Es lohnt sich, das einmal nachzumachen, mir hat es jedenfalls viel Freude bereitet, mit Saatbomben zu schießen und dann später viele bunten Blumen vorzufinden. Die Bienen hat’s auch gefreut!

Oma Betty und die Saatbomben
Manchmal hat Oma so richtige coole Ideen. Gerade letzte Woche haben wir beide etwas Spannendes gemacht, Bomben gebaut, Saatbomben. Kennt ihr das?
Oma hatte im Gartenmarkt Sämereien für Wildblumen gekauft und Lehmpulver. Wir haben dann zu Hause Gartenerde mit dem Lehmpulver und den Blumensamen vermischt und ordentlich nass gemacht. Das war beinahe so, wie beim Plätzchen backen vor Weihnachten. Viele kleine Kugeln haben wir aus dem Erde-Ton-Samenteig geformt Das war eine ganz schöne Mantscherei, aber es hat Spaß gemacht.
Die Samenbomben haben wir dann auf der Fensterbank zwei Tage trocknen lassen, durch das Lehmpulver wurden sie ganz hart. Dann kam der spannendste Teil der Aktion, das Verteilen der Bomben im Garten. Überall hin haben wir sie geworfen, waren ja schließlich Bomben. Nun sind wir gespannt, wann wir die ersten Blumen entdecken werden. Oma hat gesagt, dass das etwas dauern wird. Geduld ist nicht so meine Stärke, aber was soll’s, warten wir halt ab.
Einige Kugeln habe ich mir gesichert und mit in die Schule genommen. Dort habe ich sie ebenfalls in die Beete geworfen. Heimlich, damit mich keiner dabei erwischt. Ich weiß nämlich gar nicht, ob man das darf. Egal, alle werden sich wundern, wenn dort demnächst überall Wildblumen blühen und die Bienen, die werden sich freuen. Das ist nämlich der Sinn der Sache. Manchmal kann Nützliches so viel Spaß machen, probiert es doch auch einmal aus.
Ich werde berichten, wann ich die erste Kornblume, Margerite, Kleeblüte oder Ringelblume im Garten entdeckt habe, versprochen!

© Regina Meier zu Verl
Weitere Geschichten von Oma Betty: Oma Betty erklärt: „Schwiegermutter“ Oma Betty malt BäumeOma Betty meditiert 

 

Singende Bäume * Singing trees

Singende Bäume * Singing trees

„Kannst du denn nicht mal für eine Weile still sein?“, fragt der kleine Spatz die Amsel, die voller Inbrunst eine Arie nach der anderen schmettert.
„Warum sollte ich? Es ist Frühling und endlich kann ich wieder singen!“
„Aber ich möchte euch allen doch so gern einmal etwas zeigen, oder besser gesagt: Ihr sollt einmal zuhören“, der Spatz ist aufgeregt. Er will unbedingt völlige Stille im Garten haben, denn er hat etwas gehört, das war so schön, man kann es nicht beschreiben, man muss es hören.
Die Amsel verspricht eine Pause zu machen.
„Zwanzig Minuten, mein Lieber, länger halte ich es nicht aus!“
Am alten Kirschbaum klopft ein Specht.
„Herr Specht, können Sie bitte mal eine Weile die Arbeit unterbrechen? Frau Amsel ist auch einverstanden und schweigt für zwanzig Minuten“, bittet der Spatz höflich. Der Specht stellt sofort seine Arbeit ein, er ist sowieso erschöpft und muss ein wenig ausruhen.
Die Meisen sind ebenfalls einverstanden, sie hocken erwartungsvoll auf der Teppichstange und warten auf den angekündigten Hörgenuss.
Als alles ganz still ist, nur von weitem ruft noch der Kuckuck, da hören es plötzlich alle. Sie können sich nicht erklären, woher dieser liebliche Gesang kommt.
„Was ist das?“, flüstert die Amsel.
„Pst, pst“, machen die Meisen vorwurfsvoll.
Die Augen des kleinen Spatzen leuchten, er ist verliebt, man sieht es ihm ganz deutlich an.
„Da, schaut“, wispert er und zeigt auf den Magnolienbaum.
Die Tiere recken die Hälse, sehen aber nichts.
„Ein singender Baum?“, fragt die Amsel.
„Pst, pst, pst“, machen die Meisen.
Auf einmal hebt sich eine Blüte in die Luft, es ist ganz still. Die Blüte hebt und senkt ihre Flügel, jetzt erkennen alle, dass es ein Schmetterling ist. Elegant fliegt er davon.
„Oh, wie schade!“ Der Specht ist enttäuscht, wie gern hätte er noch ein wenig gelauscht.
„Ich wusste gar nicht, dass Schmetterlinge singen können“, sagt er, dann fährt er mit seiner Klopfarbeit fort.
Die Amsel trällert und die Meisen verteilen sich wieder im Garten, um Nistmaterial zu sammeln. Von Weitem ruft der Kuckuck.
„Man muss ganz still werden, um die großen Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können“, flüstert der kleine Spatz. Jetzt wird er wieder warten, dass sein Schmetterling zurück kommt und ein neues Lied für ihn singt. So lange wird er von ihm träumen.

© Regina Meier zu Verl

Singing Trees

„Can’t you be quiet for a while?” the little sparrow asks the blackbird, who was blaring out one song after the other at the top of his voice.
„Why should I? It’s springtime and at long last I can sing again!”
„But I really want to show you all something, or should I say; Please listen!“ the sparrow is excited. He wants complete and utter silence in the garden because he has heard something so wonderful, he can’t describe. It has to be heard to be believed.
The blackbird promises to have a break.
„Twenty minutes, my dear, I can’t manage any longer!”
A woodpecker is pecking at an old cherry tree.
„Mr Woodpecker, Would you mind taking a break from your work for a while? Mrs Blackbird is also willing to take a break and is going to be quiet for twenty minutes”, the sparrow asks politely. The woodpecker stops working straight away, he’s tired anyway and wants to relax for a while.
The blue tits also agree, they sit full of expectation on the washing line and wait for the promised delight for their ears.
Everything is totally quiet, only a cuckoo can be heard way off in the distance, and then suddenly they all hear it. They can’t make out where this amazing singing is coming from.
„What it is?” the blackbird whispers.
„Shh, shh”, the blue tits says crossly.
The sparrow’s little eyes sparkle with joy, he’s in love, it’s clear for everyone to see.
„There, look”, he whispers and points to the magnolia tree.
The birds stretch their necks, but they can’t see anything.
„A singing tree?” the blackbird asks.
„Shh, shh, shh”, the blue tits say.
All at once a blossom rises in the air, it’s totally quiet. The blossom raises and lowers its wings, and now everyone can see that it’s a butterfly. It flies away elegantly.
„Oh, what a pity!” The woodpecker is disappointed; he would have loved to listen a little longer.
„I didn’t know that butterflies can sing“, he says and then he continues with his knocking work.
The blackbirds warble and the blue tits fly to different corners of the garden to collect things for nesting. The cuckoo calls from the distance.
„You have to be really quiet to notice the big wonders of this world”, the little sparrow whispers.
Now he’s going to wait for his butterfly to return and sing a new song for him. In the meantime he’ll dream about her.
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Eine weitere Geschichte in zwei Sprachen „Krümelkinder – The Children and their grumps findet ihr hier!