Ich denke noch oft an Maria (1)

Bei der nachfolgenden Erzählung handelt es sich um den ersten von 4 Teilen über eine Dame, die mir sehr ans Herz gewachsen war. Leider ist sie bereits vor einigen Jahren verstorben, aber in meinen Gedanken ist sie noch da, beinahe täglich. Heute Nacht habe ich von ihr geträumt, aus diesem Grund stelle ich nun in den nächsten 4 Tagen ihre Geschichte hier vor, die ich schon vor längerer Zeit aufgeschrieben habe.
Ich denke noch oft an Maria

„Guten Morgen, Maria!“
„Mein Gott nich will, is dat denn schon wieder so late?“
„Nein, es ist erst Sieben, also lass dir Zeit mit dem Wachwerden. Ich setze schon den Kaffee auf.“
Maria ist 86 Jahre alt. Sie hat Arthrose in allen Gelenken, kann sich schlecht bewegen und braucht meine Hilfe beim Waschen und Anziehen. Nur selten habe ich eine ältere Person kennen gelernt, die so zufrieden und dankbar ist. Sie ist eine Frohnatur und ich gehe richtig gern zu ihr. Während ich das Geschirr vom Vorabend spüle und den Kaffeetisch decke, steht Maria auf. Dann geht es ins Bad. Ich wasche sie von Kopf bis Fuß, während sie mir Geschichten von früher erzählt. All das, was sie als junges Mädchen und später als junge Frau erlebt hat, fällt ihr wieder ein und ich bedaure einmal mehr, dass ich mir nicht alles merken kann. Jede lustige Formulierung möchte ich am liebsten aufschreiben und festhalten. Manchmal müssen wir beide laut lachen, es ist eine fröhliche Stimmung zwischen uns beiden, herrlich.

„Habe ich dir schon erzählt, wie das mit der Kuh beim Nachbarn war? Ich meine die, die sich einfach nicht melken lassen wollte?“
Ich kenne die Geschichte, aber ich will sie noch einmal hören. Deshalb stelle ich mich unwissend.
„Ich glaube nicht, erzähl doch mal!“IMG_20160430_143640191
„Also, das war so: Ich sollte die Kuh vom Nachbarn melken. Mein Vater und der Nachbar warnten mich. ‚Dat Mistvieh schloaget ut, pass man chaut uppe!’ Ich habe mir eins ins Fäustchen gelacht und dachte, dass die mich veräppeln wollten. Also habe ich die Kuh angesprochen und ihr erst was erzählt. Liesken, habe ich zu ihr gesagt, Liesken, wolln wa de Mannsloije dat ma teigen?
Ich habe den Melkschemel dann rechts neben die Kuh gesetzt, rechts …“
Maria sieht mich erwartungsvoll an. Ich schalte nicht sofort, frage dann aber interessiert:
„Rechts?“
Maria strahlt.
„Ja genau, das ist ja das Geheimnis. Dat Liesken ließ sich einfach nur von rechts melken. Ich sachs dir, die hat nich geschlagen, kein bisschen. Ich konnte sie in Ruhe melken, so richtig schön mit Schaum oben auffe Milch!“
„Klasse!“ sage ich. „Und die Männer?“
„Die haben nur Bauklötze gestaunt, als ich ihnen den Milcheimer zeigte. Aber ich habe ihnen nichts verraten. Von da an musste ich dat Liesken immer melken und wenn ich mal keine Zeit hatte und der Bauer das selbst tun musste, dann hat sie getreten und geschlagen. Die wollte einfach den Kerl nicht von links an ihr Euter lassen!“
„Kann ich verstehen“ sage ich und lache mich kaputt. Maria lacht lauthals mit.
„Es ist schön mit dir!“ sagt sie, als sie sich wieder beruhigt hat.
„Ja“, sage ich. „Ich finde es auch schön mit dir!“

© Regina Meier zu Verl

Teil 2 hier

2 Kommentare zu “Ich denke noch oft an Maria (1)

  1. Sehr schön! Bereits der Anfang dieser Geschichte weckt Erinnerungen bei mir. Bis zu meinem 10. Lebensjahr habe ich mit meinen Eltern auf einem Bauernhof gelebt.
    An viele Erlebnisse und lustige Geschichten während dieser Zeit erinnere ich mich.
    Auch das Melken habe ich sehr oft beobachtet. Manche Kuh ist eben eigen und besteht
    darauf, dass beim Melken die richtige Seite gewählt wird.
    Es war immer sehr viel los und auch spannend…
    Ich freue mich auf die Fortsetzung.
    Christoph

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