Zu früh für den Hundehimmel

Zu früh für den Hundehimmel

Es hatte sich angefühlt, als ob jemand die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Er hatte das Licht ausgeschaltet und eine große Käseglocke über meine kleine Hundewelt gestülpt, die jedes Geräusch fernhielt und jedes Eindringen verhinderte.
„Komisch“ dachte ich noch und wollte mich genauer umsehen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Auch meine Stimme gehorchte nicht, als ich nach jemandem rufen wollte, der die Glocke wieder hochnähme. Doch plötzlich wurde es schwarz um mich herum, tiefschwarz und kalt.
Als ich wieder zu mir kam und vorsichtig mit den Augen blinzelte, nahm ich leise Stimmen wahr.
„Da ist sie wieder!“, sagte eine fremde Stimme und jemand streichelte meinen Rücken.
„Gott sei Dank!“ Das war Frauchen, wie gern hätte ich mit dem Schwanz gewedelt, aber das ging nicht. Nicht einmal den Kopf konnte ich anheben, dabei hätte ich mein Frauchen so gern angeschaut.
„Was machst du nur für Sachen, Assi. Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“, sagte Frauchen jetzt und ganz nah klang ihre Stimme, so nah, dass ich beinahe ihren Atem wahrnehmen konnte. Aber ich konnte sie nicht sehen. Sie hielt ihre Hand an meine Nase und tätschelte mich sanft. Oh, wie gut das tat. Ich schnupperte und konnte gar nicht genug davon bekommen.
„Sie hat Sie erkannt! Das ist ein sehr gutes Zeichen!“, sagte die andere Stimme nun wieder. Das war auch eine Frau und ich mochte ihre Stimme auf Anhieb. Aber warum sollte ich mein Frauchen nicht erkennen? Das leuchtete mir nun gar nicht ein. Schließlich kannte ich sie schon mein Leben lang und ich kann euch sagen: Sie ist das beste Frauchen der Welt, das vergisst man doch nicht.
Ich erinnerte mich daran, dass mir plötzlich so kalt war und dass es dunkel wurde. Nun, dunkel war es noch immer, aber ich lag offensichtlich auf einer Wärmflasche, so einer, wie Frauchen sie auch besaß. Oft lagen wir abends gemeinsam auf der Couch und dann durfte ich auch mal eine Weile auf die herrliche Wärmflasche, die so herrlich nach meinem Frauchen roch. Das fühlte sich gut an. Doch warum konnte ich nichts sehen? Das war doch seltsam. Mir tat nichts weh, mir war warm, aber es war dunkel.
„Sicher können wir den Verband schon bald abnehmen, damit sie auch wieder etwas sehen kann!“, sagte die fremde Stimme jetzt. „Sie bekommt dann einen Trichter, damit sie sich nicht kratzen kann und ihre Wunden in Ruhe lässt!“
Wunden? Was war denn nur passiert? Hatte ich etwa wieder ein Kämpfchen mit dem Nachbarhund gehabt? Nein, daran würde ich mich erinnern.
„Sie hat viel Glück gehabt. Der Fahrer, dem sie vor das Auto gelaufen ist, hat sich liebevoll gekümmert und so konnten wir Assi sofort von der Straße holen und sie versorgen. Was für ein Glück, dass Sie gerade in der Nähe waren, Frau Doktor!“
Aha, so langsam dämmerte es, ich war vor dieses blöde Auto gelaufen. Weinrot war es, das weiß ich noch und ich weiß auch, wohin ich wollte. Schräg gegenüber stand mein Freund Mattis auf dem Bürgersteig. Zu dem wollte ich, ja genau! Oh je, der arme Mattis, was der wohl für einen Schreck bekommen hat. Das muss ich unbedingt wieder gut machen. Wenn es doch nur nicht so dunkel wäre.
Ich versuchte ein kurzes Wuff und als das gelang, wurde ich mutiger und bellte.
„Hey!“, rief Frauchen. „Das klingt gut, jetzt bist du richtig wach, meine Süße. Aber du musst dich noch ausruhen, damit du wieder ganz gesund wirst, hörst du?“
Klar, das hatte ich gehört, aber jetzt wollte ich was sehen, unbedingt.
Mein Kopf wurde ein wenig angehoben und man steckte ihn in einen Trichter. Dann wurden meine Augen vom Verband befreit und tatsächlich, es wurde hell. Zuerst sah ich noch verschwommen, aber ich konnte sehen. Die Frau Doktor leuchtete mit einer grellen Lampe in meine Augen, das war nicht angenehm, musste aber wohl sein. Als sie dann sagte: „Sie sieht!“ und dabei ganz glücklich klang, da war ich auch glücklich und wie glücklich ich war und mein Frauchen auch, das kann man kaum beschreiben. Die da oben im Hundehimmel würden noch ein bisschen auf mich warten müssen. Ich hatte es noch einmal geschafft!

© Regina Meier zu Verl

 

Photo by Lisa Fotios on Pexels.com

3 Kommentare zu „Zu früh für den Hundehimmel

  1. Eine berührende Geschichte. Ganz ohne Zweifel, Tiere sind ganz sicher die besten Begleiter des Menschen.

    Auch ich, der nie persönlichen Kontakt zu Tieren, Hunden hatte, wurde eines Besseren
    belehrt. Lucky, der Hund meines Sohnes hat mir bei meinen Besuchen stets seine
    Freundschaft angeboten und nicht aufgegeben. Ja und dann musste ich gestehen, Lucky hatte es geschafft. Möge es ihm im Hundehimmel gut gehen.

    Für Assi weiter gute Besserung.

    Christoph

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Christoph,
      in unserer Familie gehörten immer Hunde dazu. Leider leben sie ja nicht so lange wie wir, deshalb mussten wir uns auch von einigen treuen Gefährten schon verabschieden. Jetzt haben wir noch unseren Mailo, der aber draußen im Pferdestall wohnt. Hoffen wir, dass er noch lange leben möchte. (Assi war ein Cocker Spaniel, eine Seele von Hund, wenn sie nicht gerade Hühner jagte.
      Liebe Grüße
      Regina

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