Baumgeflüster

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Baumgeflüster

„Weißt du eigentlich, dass die dicke Eiche auf unserem Hof reden kann, Opa?“, fragt Jan seinen Opa, der gerade hinter dem Schuppen eine Zaunlatte repariert.
„Klar, weiß ich das. Ist ein richtiges Plappermäulchen, die Dicke!“, sagt Opa und grinst übers ganze Gesicht.
„Du glaubst mir wohl nicht!“ Jan kennt diesen Tonfall und das dazugehörende Grinsen.
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass sie plappert!“
„Ja, aber das sagst du nur so. In Wirklichkeit denkst du, dass ich spinne!“ Jan kickt mit dem Fuß einen dicken Ast zur Seite. „Aua!“ Der Ast war härter als gedacht.
„Hast du dir was getan?“, fragt Opa besorgt. Er lässt den Hammer fallen und geht auf Jan zu. Doch der ist verärgert. Schnell läuft er davon.
„Nun warte doch, Junge! Was hat sie denn nun gesagt, die Eiche?“, ruft Opa.
„Sie sagt, dass Erwachsene blöd sind!“, antwortet Jan ohne sich umzuschauen. Im gleichen Moment tut es ihm schon wieder leid. Er wollte Opa doch erklären, wie Bäume miteinander reden, denn die plappern natürlich nicht so wie die Menschen. Aber soweit ist er ja gar nicht gekommen, gleich hat Opa das ins Lächerliche gezogen und das findet Jan blöd, sehr blöd sogar.
Jan setzt sich auf die Bank vorm Haus, zieht seinen Schuh und den Strumpf aus und reibt seinen schmerzenden Zeh. Als Opa am Haus angekommen ist, setzt er sich zu Jan auf die Bank.
„Tut mir leid!“, sagt Opa.
„Mir tut es auch leid!“, sagt Jan und dann grinsen sie beide.
„Ist dein Zeh verletzt?“, will Opa wissen.
„Nein, ich glaube nicht, sehen kann man nichts. Ist ja meine eigene Schuld!“, sagt Jan und streckt Opa den Fuß hin. „Guck du doch mal!“
Vorsichtig bewegt Opa Jans Zeh hin und her.
„Scheint alles in Ordnung zu sein!“, sagt er dann. „Vielleicht sollten wir trotzdem ein wenig mit Eis kühlen“, schlägt er vor und macht sich auf den Weg ins Haus. „Bin sofort zurück!“
Als er mit einem leckeren Eis zurückkommt, das zwar nicht den Zeh kühlt, aber Jans Zunge, ist die Welt wieder in Ordnung.

„So, und jetzt erzähl mir mal, was die dicke Eiche gesagt hat!“, bittet Opa.
„Na ja, so richtig gesprochen hat sie nicht, also so mit Worten wie wir, meine ich. Aber Bäume reden miteinander“, erklärt Jan seinem Großvater. „Heute war ein Förster in unserer Schule, der hat uns erzählt, dass die Bäume so eine Art Netzwerk haben, in dem sie sich miteinander verständigen können!“
„Wie im Internet?“, fragt Opa.
„Ja, ganz ähnlich, sie brauchen dafür aber keinen Computer, sie machen das mit Gerüchen, Geschmäckern und mit ihren Wurzeln!“, erzählt Jan.
Opa ist beeindruckt und will mehr wissen.
„Hat der Förster euch auch erklärt, wie das geht?“
„Ja, alles habe ich nicht behalten, aber gemerkt habe ich mir, die Sache mit den Raupen!“
„Igitt, ich mag keine Raupen!“, meint Oma, die gerade aus dem Haus kommt.
„Setz dich zu uns, der Jan erklärt mir gerade wie die Bäume miteinander reden!“, sagt Opa und klopft mit der flachen Hand auf die Bank. „Komm!“
Jan erzählt weiter: „Wenn eine Raupe an einem Blatt knabbert, dann ist das für den Baum eine Verletzung. Es tut ihm weh. Also wehrt er sich!“
„Ach ja? Was macht er denn? Schüttelt er sich?“, fragt Oma lachend.
„Du sollst den Jungen ernst nehmen!“, schimpft Opa. „Rede weiter, Jan!“
„Er schüttelt sich nicht, das kann er gar nicht, dazu braucht er Wind. Bäume, die sich von sich selbst aus schütteln können, gibt es nur im Märchen!“ Jan erinnert sich, dass der Förster das auch gesagt hat. „Auch kann ein Baum keine Geräusche machen von sich selbst aus. Er muss zu anderen Mitteln greifen. Passt auf: Die Raupe knabbert und solange es ihr schmeckt, wird sie weiter knabbern. Also verändert der Baum den Geschmack seiner Blätter. Das dauert ein wenig, aber so ungefähr nach einer Stunde schmeckt das Grün so widerlich für die Raupe, dass sie von ihm ablässt. Und um die anderen Bäume zu warnen, verändert sich auch der Duft des Baumes!“

Oma und Opa staunen. Das haben sie nicht gewusst, aber wenn Jan das sagt, dann ist da sicher etwas Wahres dran.
„Das klingt sehr logisch, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann!“, meint Opa.
„Wir haben ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das noch einmal erklärt wird!“ Eifrig springt Jan auf, um seinen Schulrucksack zu holen.
„Guckt hier!“ er zeigt das Arbeitsblatt. Man sieht einige Bäume, die in einer Gruppe beieinanderstehen. Ihre Kronen berühren sich und unter der Erde sind ihre Wurzeln miteinander verbunden. Die gezeichneten Bäume haben fröhliche Gesichter, nur einer von ihnen schaut verärgert, in seiner Krone sitzt nämlich eine fette Raupe, die sich an dem Blattgrün sattfrisst. Im nächsten Bild schauen dann alle Bäume verärgert, sie haben mitbekommen, dass sich da ein Schädling bei ihrer Baumfreundin eingenistet hat. Im dritten Bild purzelt die Raupe auf die Erde und macht sich, so schnell sie kann, davon. Ihr schmeckt es nicht mehr. In einer Sprechblase steht „Igittigitt“.
„Das ist aber schade!“, sagt Opa und legt die Stirn in Falten.
„Was denn?“, fragen Oma und Jan gleichzeitig.
„Na, dass unsere dicke Eiche da ganz alleine steht. Sie hat niemandem, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie vor Raupen warnen könnte. Sicher ist sie einsam!“
Das findet Jan auch, aber er hat keine Idee, wie man das ändern könnte. Schließlich sollte die Eiche auch einen Partner ihrer Art haben, oder doch nicht?
„Meinst du, wir könnten einen kleinen Baum daneben pflanzen, Opa?“, fragt er deshalb.
„Ja, das meine ich. Hat denn der Förster gesagt, ob Eichen sich auch mit anderen Bäumen vertragen?“, will Opa wissen.
Jan schüttelt den Kopf. „Nein, das hat er nicht gesagt. Gleich morgen frage ich mal nach. Wir machen nämlich mit dem Förster einen Ausflug in den Wald.“
„Das finde ich super! Ach, ich würde auch gern noch einmal zur Schule gehen“, meint Opa, doch das findet Jan völlig übertrieben. Sie gehen ja nicht jeden Tag in den Wald.
„Du kannst in die Baumschule gehen und eine Freundin für unsere Eiche aussuchen. Das ist auch schön, oder nicht?“, fragt Jan.
„Das machen wir zusammen, wenn du herausgefunden hast, was für einen Baum wir pflanzen wollen! Ich fände es gut, wenn es keine Eiche wäre.“
„Aber warum denn, Opa?“
„Weil die so langsam wachsen, dass ich gar nicht mehr erleben würde, ob die beiden sich anfreunden. Unsere Dicke ist nämlich schon älter als ich, mein Opa hat sie gepflanzt, vor mehr als siebzig Jahren.“
Jan überlegt einen Moment. Wahrscheinlich hat Opa Recht, sie sollten einen schnellwachsenden Baum aussuchen, damit sie selbst etwas davon hatten – nicht erst die Ur-Ur-Enkel. Ist doch klar!

© Regina Meier zu Verl

Felix und der Schniefgeist

Felix und der Schniefgeist

Oma erzählt: Neuerdings wohnte er im Kinderzimmer von Felix. Durch die Fensterritze war er gekommen und hatte es sich gemütlich gemacht. Draußen war es jetzt schon kühl und vor allem nass. Er mochte das eigentlich, aber noch lieber hatte er Gesellschaft.
Also hatte er sich auf Felix‘ Kopfkissen niedergelassen und abgewartet, bis der Junge ins Bett musste und dann war es passiert. Der Felix hatte sich den Schnupfen eingefangen, der da in seinem Bett auf ihn lauerte.
„Oma, das ist doch Quatsch! Den Schnupfen habe ich mir eingefangen, als mir gestern so kalt war und ich außerdem noch nasse Füße bekommen hatte!“, sagt Felix und schnäuzt sich die Nase.
„Nasse Füße sind wahrlich nicht angenehm.“ Oma nickt.
„Aber hast du dich einmal gefragt, warum deine Füße plötzlich nass waren? Wenn ich mich genau erinnere, bist du nicht in den Bach gefallen und die Pfützen auf dem Weg waren zugefroren!“ Oma wiegt bedenklich ihren Kopf hin und her. „Jede Wette, dass er da schon seine Finger im Spiel hatte, dieser hinterlistige Kerl.“
Felix überlegt. Oma hat recht. Doch woher waren die nassen Füße wirklich gekommen, ob ihm etwa … nein, einen Streich hatte ihm niemand gespielt und Hendrik von nebenan war verreist mit seinen Eltern. Der konnte es also auch nicht gewesen sein.
„Der Schniefgeist ist’s!“, ruft er plötzlich. „Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Er hat mir den Schnupfen geschickt.“
„Der Schniefgeist? Soso!“ Oma muss schmunzeln. „Den Kerl habe ich noch nie gesehen. Wo mag er stecken?“ Suchend blickt sie sich im Zimmer um.
„Da!“, ruft Felix. „Er hockt da drüben auf der Fensterbank.“
Oma lässt ihre Brille auf die Nase rutschen, gewöhnlich trägt sie diese auf dem Kopf, wie einen Haarreifen. „Ich sehe ihn trotz Brille nicht“, verkündet sie, steht auf und geht näher an die Fensterbank.
„Hatschi!“, tönt es plötzlich nur eine Nasenlänge vor ihr. „Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi! Hatschi!“
„Huch!“, entfährt es Oma und sie springt ungelenk einen Schritt zurück. Ulkig sieht das aus. Und dann macht sie: „Hatschi!“
„Jetzt hat er dich auch erwischt!“, sagt Felix und das klingt ziemlich schadenfroh. „Konntest du ihn sehen? Oder hast du ihn an die Seite geniest?“
Oma niest schon wieder, schüttelt aber den Kopf. „Gesehen habe ich ihn nicht! Hatschi!“ Sie macht ein strenges Gesicht. „Und ich finde, wir sollten unseren ungebetenen Gast ganz schnell aus der Wohnung jagen. Wer sich unsichtbar macht und nur Schabernack treiben möchte, der ist hier nicht willkommen. Hatschi!“
„Aber wie willst du den Kerl verjagen, Oma?“
„Krieche du unter die Decke, ich lüfte mal durch, das hilft! Und dann koche ich einen leckeren Tee für uns, mit einem kräftigen Löffel Honig darin und dann kuschle ich mich zu dir, okay? Und damit er nicht zu uns unter die Decke kriecht, dieser Schniefgeist, erschießen wir ihn. Jetzt gleich.“
„Erschießen? Jetzt gleich?“ Entsetzt starrt Felix seine Oma an. Schießen? Das passt so gar nicht zu Oma.
Die geht zum Schrank und zieht eine Pistole heraus. Nein, halt, es ist keine Pistole. Ein Wasserzerstäuber ist es und in den füllt Oma nun mit einem Lächeln Wasser und ein paar Tropfen Pfefferminzöl.
Felix ist begeistert, seine Oma ist einfach genial. Jetzt heißt es nur noch, den ollen Schnupfengeist auch zu treffen – aber das würde schon gelingen!

© Regina Meier zu Verl

Wer macht das Wetter

Wer macht das Wetter?

Der kühle Wind vertrieb den Spätsommer von der Bühne. Er fegte durch den Himmel, trieb die Schönwetterwölkchen und erste gelbe Birkenblätter vor sich her und zerrte an den Baumkronen. Mit lautem „Plopp“ fielen die Kastanien und Eicheln aufs Pflaster. Sollte es das etwa gewesen sein? Gab sich der Sommer so schnell geschlagen?
„Bitte nicht! Wind, du kannst dich zur Ruhe begeben, wir sind noch nicht bereit für deine Kühle! Und du, Sommer, bleib hier!“
Laut hallten die Rufe der Frau durch den Tag und die Häuser gaben ihre Worte im Gesang des Halls zurück. Sie stand mitten auf dem Marktplatz und war mit ihrer Bitte an Wind und Sommer nur schwer zu überhören.
Die Leute blieben stehen und lauschten. Einige nickten zustimmend mit den Köpfen, andere ereiferten sich laut: „Endlich ist es nicht mehr so heiß, die Verrückte soll doch still sein! Wir sind froh, dass der Herbst endlich kommt!“, riefen sie.
Die Frau aber wurde nicht müde, den Sommer zu beschwören zu bleiben.
„Das sind doch alles Worte!“, rief sie den Leuten entgegen. „Heute ist euch die Hitze zu heiß, morgen die Kälte zu kalt. Der Herbst wird euch bald zu ungestüm und unberechenbar und dunkel sein, vom Winter ganz zu schweigen. Da nämlich werdet ihr am Fenster stehen, in den Himmel sehen und euch nach dem Sommer sehnen. Ja, genauso wird das sein, ich sage es euch voraus!“
„Der das Wetter gemacht hat, hat sich etwas dabei gedacht!“, sagte ein Mann. „Wir brauchen nämlich alle Jahreszeiten und wenn wir noch so sehr jammern, so wird sich nichts ändern. Leider, leider haben wir Menschen aber schon eingegriffen in die natürlichen Abläufe und das ist nicht gut!“
„So ein Blödsinn!“, rief ein anderer Mann. „Niemand hat eingegriffen. Wir können gar nicht eingreifen, Sie sagten es doch selbst!“
„Wer hat es denn gemacht, das Wetter?“, fragte eine Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hatte.
„Mama, weißt du das denn nicht?“, fragte die Kleine verwundert.
Die Mutter schüttelte den Kopf und sah ihr Kind mit einem liebevollen Blick an.
„Nicht wirklich, nein, wenn ich ehrlich bin, so weiß ich das nicht so genau. Aber ich rate mal. Es … es ist die gute Wetterfee. Stimmt`s?“
Das Kind lächelte.
„Das könnte sein!“, sagte es. „Aber es könnte auch sein, dass das Wetter von Gott kommt, oder?“
„Ja, das könnte auch sein. Vielleicht waren es beide, Gott und die Wetterfee, denn Gott kann auch nicht alles allein schaffen. Er braucht Hilfe, oder?“
Die Mutter schwieg. Es fiel ihr schwer, diese Frage zu beantworten. Zu viel passierte überall auf der Welt gerade mit der Natur und dem Wetter. Zu viel, was Sorgen bereitete und ängstigte und was weder Gott noch alle Wetterfeen des Universums wieder würden richten können, wenn nicht bald Vernunft und Einsicht in die Köpfe der Menschen zurückkehrten.

© Regina Meier zu Verl

Gesangsstunde mit Lukas (Kindermund)

Das Abendessen ist fertig. Lukas ist noch mit Opa im Pferdestall. Von dort bekomme ich ihn schlecht weg, es sei denn ich setze mich ans Klavier bei weit geöffneter Balkontür.
Sobald er die ersten Töne vernimmt, kommt er ins Haus und will mitspielen. Heute auch, ich spiele ein Menuett und bin kaum am Schluss, da sitzt er schon neben mir auf der Klavierbank.
„Rück mal, Oma!“
Klar rücke ich, viel zu gern tu ich das.
„Nehmen wir das randere Buch?“ Lukas krabbelt auf die Bank und sucht das Buch mit den Kinderliedern. Niedlich klingt das, wenn er „andere“ sagt, er setzt nämlich immer ein R davor, das randere Buch eben.
Wir spielen: Hänschen klein, Ein Männlein steht im Walde, Wer will fleißige Handwerker sehn?
Lukas singt alles mit, er liebt diese Gesangstunden mit mir und ich erst.
Dann sagt er plötzlich: „So, jetzt machen wir das Klavier zu, die Katastrophe ist zu Ende.“

Krümel träumt – Reizwortgeschichte

Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig
Das waren die Wörter, die heute mit eingebaut werden mussten. Wir sind heute nur zu zweit, da Lore sich von einem heftigen Sturz erholen muss. Wir wünschen ihr gute Besserung und freuen uns, wenn sie bald wieder dabei sein kann!
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Krümel träumt

Krümel hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf. Da war doch ein Geräusch gewesen, mitten in der Nacht. Da! Schon wieder. Krümel bellte zweimal kurz „Wuff, Wuff!“ Dann lauschte er aufmerksam. Er hörte nichts mehr und legte sich wieder bequem hin. Ach, er war so müde und hatte auch überhaupt keine Lust, Einbrecher zu verjagen. Sicher hatte er geträumt.
Er versuchte, sich zu erinnern, wovon er geträumt hatte. Es war doch gerade so schön gewesen. War da nicht ein Hundemädchen vorgekommen? Verflixt, Krümel wusste es nicht mehr und jetzt konnte er auch nicht wieder einschlafen vor lauter Denkerei. Wie blöd war das denn!
Vielleicht könnte er mal kurz in die Küche gehen und einen Schluck trinken, sicher schaffte er es anschließend, wieder in seinem geräumigen Kuschelkorb einzuschlafen. Einen Versuch war es wert. Also, ab in die Küche. Dort schlabberte er den gesamten Wassernapf leer und bedauerte, dass da nicht ein einziges Leckerchen im Fressnapf lag. Dabei mochte er doch diese gelben Hunde-Biskuits so gern, bei denen vorn auf der Tüte diese süße Hundedame abgebildet war. Die war es auch, die ständig in seinen Träumen vorkam, jetzt fiel es ihm wieder ein. Was gäbe er dafür, die Süße jetzt betrachten zu dürfen, die Tüte dürfte auch ruhig leer sein. Irgendwo hatte er doch neulich eine dieser Verpackungen aus dem Müll gerettet und versteckt, wo war das nur gewesen?
Krümel machte sich auf die Suche. Er fing in der Küche an. Unter dem Tisch war nichts, unter der Eckbank auch nicht. Die Schränke konnte er nicht öffnen und die Arbeitsplatte war unerreichbar für ihn. Weiter ging es im Wohnzimmer. Er krabbelte unters Sofa, schaute hinter den Sofakissen, wobei er sie im hohen Bogen ins Zimmer warf. Selbst in den großen Topfblumen fand er nichts auf Anhieb. Vielleicht hatte er die Tüte dort verbuddelt? Mit den Vorderpfoten schob er zunächst vorsichtig die Erde ein wenig zur Seite. Als er nichts fand, wurde er ärgerlich und schließlich vergaß er, dass er im Wohnzimmer war und nicht draußen im Garten, er buddelte also heftig, so dass die Blumenerde nur so flog. Die Tüte fand er nicht und nach der Niedergeschlagenheit meldet sich dann das schlechte Gewissen. Krümel zog den Schwanz ein und wimmerte. Was hatte er nur wieder angestellt. Da würde Mama sicher heftig schimpfen. Vor lauter Not musste er nun auch noch pinkeln, ganz dringend musste er. Er erleichterte sich auf der Blumenerde, die auf dem Teppich lag, oh, das tat gut!
Als Mama am nächsten Morgen das Malheur entdeckte, kreischte sie so laut, dass Krümel vor lauter Schreck in den Flur flitzte und in seine Transportbox kletterte, die unter der Garderobe stand. Eigentlich mochte er diese blöde Box gar nicht leiden, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass es dann zum Tierarzt ging, und der piekte ihn dann mit dieser furchtbaren Spritze. Aber heute fühlte er sich in der Box in Sicherheit. Mit der Schnauze zog er sogar das Gitter von innen zu und sagte keinen Mucks mehr. Den ganzen Vormittag blieb er darin und als er sich sein Kissen zurechtschieben wollte, knisterte es ein wenig. Da war sie ja, die Tüte mit dem Portrait der Angebeteten. So wurde doch alles wieder gut und Mama, die beruhigte sich auch bald wieder, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

Irgendwann, wenn ich groß bin


Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

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Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus

Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus
Eine Fensterbankgeschichte

„Ich kann nicht verstehen“, rief die Sansevieria ihrer kleinen Schwester zu, „dass immer dieser hässliche Kaktus zwischen uns stehen muss. Ich mag ihn nicht leiden!“
„Da bin ich ganz deiner Meinung, meine Liebe!“, gab diese näselnd zur Antwort.
„Aber bedenke, nicht jeder hat das Glück, so wohlgestaltet und wunderschön sein zu dürfen wie wir. Daher sollten wir Mitleid haben mit dem armen Kerl, findest du nicht auch?“
Die Große stimmte ihr zu:
„Das stimmt wohl, er kann ja nichts dafür, dieser stachelige Geselle. Armer Wicht!“
„Dick ist er auch!“, meinte die Kleine.
„Wir dagegen sind schlank und schön, habe ich nicht recht?“
„Und eingebildet, ja, das seid ihr“, brummte der Kaktus.
„Ich wünschte, ich müsste euch nicht länger zuhören. Im Übrigen: Hört euch mal um! Von uns, den Kakteen spricht jeder, weil jeder sie kennt. Wer aber weiß schon, was eine Sansevieria ist. Ha! Und nun möchte ich um etwas mehr Ruhe bitten. Ich bin etwas müde.“
„Blödmann!“, schimpfte die Kleine.
„Kaktus, wie das schon klingt, wie … ach, ich mag es gar nicht aussprechen!“
Die große Schwester lachte albern, schickte aber die nächste Frechheit gleich hinterher:
„Du siehst aus wie ein grüner Igel, ein hässlicher grüner Igel!“
„Igel sind niedlich!“, brummte der Kaktus. „Ihr aber nicht, ihr böswilligen Schwestern!“
Er nahm sich vor, nun nichts mehr zu sagen. Warum sind sie so gemein zu mir, überlegte er und er merkte, wie ihn Traurigkeit überrollte. Das Leben könnte so schön sein, wenn alle nett zueinander wären. Nett und einfach.
„Ach, ach!“, entfuhr es ihm nun und er senkte sein stacheliges Haupt.
Die Sansevieria-Schwestern schwiegen. Vielleicht merkten sie, dass sie es übertrieben hatten, und das schlechte Gewissen regte sich. Eine Weile war es still auf der Fensterbank an diesem schönen Sommertag, bis auf einmal die Kleine sagte: „Mir ist das viel zu heiß hier heute, ich könnte einen Schluck Wasser vertragen.
„Oh, oh, ich auch“, erwiderte ihre Schwester. „Aber ich fürchte, wir werden warten müssen. Die Frau gießt uns jeden Freitag und das ist noch nicht lange her. Eigentlich reicht das auch.“
„Nur jetzt gerade nicht. Ich glaube, wir müssen verdursten … und Schuld ist dieser Kerl da.“ Sie winkte zum Kaktus hinüber. „Ärger macht durstig. Das weiß doch jeder.“
Der Kaktus kicherte.
„Was kicherst du so blöd?“, fragten die Schwestern gemeinsam.
„Och, mir fiel nur gerade ein, dass Ärger nicht nur durstig, sondern auch hässlich macht, ja ja!“
„Hast du das gehört?“, brauste die Große auf. „Eine Unverschämtheit ist das. Ha!“ Sie wandte sich an ihre Schwester. „Warum sagst du nichts dazu?“
Die Kleine schwieg und ihre Blattspitzen begannen, sich leicht, ganz leicht einzurollen.
Auch der Kaktus kicherte nicht mehr.
„Lasst uns zusammenhalten!“, sagte er. „Wir sind doch die einzigen hier, die …“
„Die was?“, fragte die Gießkanne.
„Na, wir sind die, die zusammenhalten müssen. Komm schon, Gießkanne, gib den Damen einen Schluck Wasser. Ich kann lange ohne Wasser auskommen, die beiden aber nicht!“
„Und ich habe keine Beine“, sagte die Gießkanne.
„Was bildest du dir eigentlich ein, du doofe Kanne!“, keifte die große Sansevieria los.
„Verschwinde, du hast hier überhaupt nichts verloren!“, polterte auch die Kleine.
„Genau!“, brüllte der Kaktus. „Nichts als Unfrieden säst du, nur Unfrieden, du Wasserding, du. Du willst wohl unsere kleine Familie hier gegeneinander aufbringen. Lass uns in Ruhe! Hörst du?“
Lautes Gezeter und Geschimpfe erfüllte den Raum.
„Ich lasse mich nun einfach von der Fensterbank fallen, wollen wir doch mal sehen, ob dann nicht jemand kommt und eingreift“, verkündete der Kaktus. Er ruckelte hin und her und noch einmal hin und her und zack, lag er auf der Seite. Das schepperte heftig und sofort kam Gela angerannt. Sie wohnte hier und hatte die Macht über die Gießkanne.
„Na sagt mal, was ist denn hier los?“, fragte sie und wollte den Kaktus wieder aufrichten, dabei stachen seine spitzen Stacheln heftig in ihre Hand.
„Aua!“, schrie sie und ließ ihn gleich wieder fallen. „Du spinnst wohl!“
„Tut er nicht!“, riefen die Sansevierien im Chor. „Er wollte uns retten, der Liebe!“
Aber das hörte Gela nicht, sie konnte wohl die Blumensprache nicht verstehen. Der Kaktus aber hatte es vernommen und es tat ihm so gut.
Als Gela ihn vorsichtig aufgerichtet hatte und er wieder zwischen den Schwestern stand, war seine Welt wieder in Ordnung. Alle bekamen einen Schluck Wasser aus der Gießkanne, die nun auch erfreut wieder in den Kreis der Freunde aufgenommen wurde.

© Regina Meier zu Verl

Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

In dieser Geschichte geht es auch um die Heimat: Eine Reise in die Kindheit (auch zum Anhören)

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

„Schau nur Anni, die Pfingstrose wird bald aufblühen. Ich liebe die Zeit der Pfingstrosen!“, sagt Oma Anna zu ihrer Enkelin.
„Haben sie auch Dornen, die Pfingstrosen?“, will Anni wissen und greift vorsichtig ins Blattgrün.
„Nein, wo denkst du hin? Aber aufpassen musst du trotzdem. Pfingstrosen sind nämlich leicht giftig und man kann sich mächtig den Magen verderben, wenn man ein Blattstück oder ein Blütenblatt nascht.“ Ernst sieht Oma Anna Anni an.
„Also immer schön Hände waschen, wenn du eine Pfingstrose angefasst hast.“
„Versprochen!“, sagt Anni und gleich fällt ihr schon wieder eine Frage ein. „Warum haben sie denn keine Dornen, Oma?“
„So genau weiß ich das auch nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Pfingstrose, die auch Marienblume genannt wird, weil man ihr nachsagt, dass sie Heil, Geborgenheit und mütterliche Liebe spendet, aus genau diesem Grund keine Dornen hat. Um niemanden zu verletzen. Die alten Griechen berichten sogar, dass ein römischer Gott durch das Pferd seines Vaters zu Tode gekommen war und dann durch eine Pfingstrose wieder zum Leben erweckt wurde.“
Anni staunt. „Was du alles weißt, Oma!“, sagt sie bewundernd.
„Ach, das habe ich mal irgendwo gelesen“, sagt Oma Anna und schnuppert an der Knospe. „Bald wird sie wunderbar duften“, sagt sie.
„Dann ist die Pfingstrose also gar keine echte Rose“, meint Anni. „Sie heißt nur so?“
Oma Anna nickt. „Muss wohl so sein“, murmelt sie, denn diese Frage kann sie ihrer kleinen Enkelin ausnahmsweise einmal nicht beantworten und das bekümmert sie.
„Oma, das geht doch eigentlich gar nicht, dass, wenn einer tot ist, er durch eine Blume wieder zum Leben erweckt werden kann, oder?“, will Anni nun wissen.
„Nein, eigentlich nicht, vielleicht ist es ja ein Märchen, die Geschichte mit dem Pferd und dem Vater!“, sagt Oma Anna.
„Mitnichten“, ertönte da eine Stimme von irgendwo. „Und wer sagt, dass das, was euch Märchen erzählen, nicht wahr ist? Ich sage euch, die Märchen erzählen mehr wahre Dinge, als man glauben mag.“
Anni lauscht. „Hast du das auch gehört, Oma?“, fragt sie leise.
„Was denn Anni? Ich habe nichts gehört.“ Auch sie lauscht und mit einem Mal kribbelt es in ihrer Nase und sie niest heftig. „Hatschi!“
„Gesundheit!“, ruft die Stimme. Jetzt hat Oma sie auch gehört.
Sie lächelt. „Danke, kleine Blumenfee!“, sagt sie. „Das ist sehr freundlich von dir. Verrätst du uns nun auch noch, wo du dich verborgen hältst?“
„Gerade eben hier, später dort, immerfort zum andern Ort werd ich gehn und kein Mensch kann mich sehn“, tönt es von irgendwo weiter weg nun.
Oma Anna und Anni schauen sich an und lächeln.
„So ein schönes Erlebnis, hoffentlich kommt sie immer wieder in unseren Garten. Vielleicht haben wir Glück und können doch mal einen Blick auf sie erhaschen“, flüstert Anni ganz ergriffen.
Doch Oma schüttelt den Kopf.
„Es ist nicht so wichtig, sie zu sehen. Wichtig ist zu wissen, dass es Blumenelfen gibt, nicht wahr?“
Anni nickt. Mehr weiß sie in diesem Augenblick nicht zu sagen, aber sie würde von nun an sehr wachsam sein. Vielleicht würde sie die kleinen Feen doch mal sehen. Irgendwann …

© Regina Meier zu Verl

Schuhgröße Neun, Reizwortgeschichte

Clematis, Couch, clever, campen und chauffieren
Das waren die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten.
Schaut bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Schuhgröße Neun

Oma stand im Garten und bewunderte die Blütenpracht der Clematis, die sich in diesem Jahr von ihrer besten Seite zeigte und üppig an der Dachrinne hochkroch.
„Ist sie nicht wunderbar?“, seufzte sie ein ums andere Mal, erwartete aber keine Antwort. Doch ich war clever, ich ging auf ihre Jubelrufe ein und staunte laut mit ihr. Ich wollte nämlich mit meinem Freund im Garten campen und brauchte dafür ihr Einverständnis.
„Ach Oma, ich habe noch in keinem anderen Garten so eine prächtige Clementine gesehen!“, rief ich ihr von der Terrasse aus zu.
„Das heißt Clematis, Junge. Wie oft muss ich dir das noch sagen?“, schimpfte Oma. Dass ich mir das aber auch nicht merken konnte, das war blöd.
„Sorry, immer wieder vergesse ich den Namen der Schönheit!“, entschuldigte ich mich und summte das Lied von Clementine, das wir im Schulchor neulich gesungen hatten. Eigentlich war es ein trauriges Lied von einem Bergmann, der seine Tochter Clementine so sehr vermisste, aber mir gefiel es.
„Das kenne ich!“, jubelte Oma und stimmte den Refrain an: „Oh my darling, oh my darling, oh my darling Clementine!“
Sie lachte. „Jetzt weiß ich auch, warum du meine Blümchen immer verwechselst.“
„Stimmt, die Clementine aus dem Lied soll ja auch sehr schön gewesen sein, sie hatte nur furchtbar große Füße. Größe Neun, das war ihr Verhängnis!“, erzählte ich Oma, denn wir hatten im Unterricht nicht nur gesungen, sondern auch den Text übersetzt.
„Habe ich auch!“, sagte Oma. „Große Füße meine ich! Aber da fällt mir ein, dass ich unbedingt noch was einkaufen möchte. Fragst du Opa bitte mal, ob er mich in die Stadt chauffiert?“
Wie praktisch, dachte ich mir. Dann könnte sie doch ein paar Chips und Limo mitbringen, die wir beim Zelten verspeisen konnten. „Dürfen Tom und ich in eurem Garten campen, Oma?“, fragte ich.
„Meinetwegen, aber frag auch Opa, du findest ihn auf der Couch!“
Auch Opa war einverstanden. Also stand einem tollen Wochenende nichts mehr im Wege und Chips und Limo gab es auch, aber erst nach den Grillwürstchen und Omas leckerem Kartoffelsalat.

© Regina Meier zu Verl