Schuhgröße Neun, Reizwortgeschichte

Clematis, Couch, clever, campen und chauffieren
Das waren die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten.
Schaut bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Schuhgröße Neun

Oma stand im Garten und bewunderte die Blütenpracht der Clematis, die sich in diesem Jahr von ihrer besten Seite zeigte und üppig an der Dachrinne hochkroch.
„Ist sie nicht wunderbar?“, seufzte sie ein ums andere Mal, erwartete aber keine Antwort. Doch ich war clever, ich ging auf ihre Jubelrufe ein und staunte laut mit ihr. Ich wollte nämlich mit meinem Freund im Garten campen und brauchte dafür ihr Einverständnis.
„Ach Oma, ich habe noch in keinem anderen Garten so eine prächtige Clementine gesehen!“, rief ich ihr von der Terrasse aus zu.
„Das heißt Clematis, Junge. Wie oft muss ich dir das noch sagen?“, schimpfte Oma. Dass ich mir das aber auch nicht merken konnte, das war blöd.
„Sorry, immer wieder vergesse ich den Namen der Schönheit!“, entschuldigte ich mich und summte das Lied von Clementine, das wir im Schulchor neulich gesungen hatten. Eigentlich war es ein trauriges Lied von einem Bergmann, der seine Tochter Clementine so sehr vermisste, aber mir gefiel es.
„Das kenne ich!“, jubelte Oma und stimmte den Refrain an: „Oh my darling, oh my darling, oh my darling Clementine!“
Sie lachte. „Jetzt weiß ich auch, warum du meine Blümchen immer verwechselst.“
„Stimmt, die Clementine aus dem Lied soll ja auch sehr schön gewesen sein, sie hatte nur furchtbar große Füße. Größe Neun, das war ihr Verhängnis!“, erzählte ich Oma, denn wir hatten im Unterricht nicht nur gesungen, sondern auch den Text übersetzt.
„Habe ich auch!“, sagte Oma. „Große Füße meine ich! Aber da fällt mir ein, dass ich unbedingt noch was einkaufen möchte. Fragst du Opa bitte mal, ob er mich in die Stadt chauffiert?“
Wie praktisch, dachte ich mir. Dann könnte sie doch ein paar Chips und Limo mitbringen, die wir beim Zelten verspeisen konnten. „Dürfen Tom und ich in eurem Garten campen, Oma?“, fragte ich.
„Meinetwegen, aber frag auch Opa, du findest ihn auf der Couch!“
Auch Opa war einverstanden. Also stand einem tollen Wochenende nichts mehr im Wege und Chips und Limo gab es auch, aber erst nach den Grillwürstchen und Omas leckerem Kartoffelsalat.

© Regina Meier zu Verl

Henny und Opa suchen Sauerampfer

Henny und Opa suchen Sauerampfer

„Im Frühling finden sich Freunde viel leichter als im Winter!“, sagte Henny und nickte bestätigend mit dem Kopf, so dass ihre blonden Locken lustig hüpften.
„Soso?“ Opa schmunzelte. „Woran das wohl liegen mag?“
„Am Frühlingswetter, ist doch klar! Da kann man so viele schöne Sachen machen und alle haben bessere Laune!“
„Erzähl, was für Sachen kann man machen? Und vor allem: darf ich mitmachen, auch wenn ich nicht dein Freund bin, sondern dein alter Großvater?“ Opa Hans stand auf und tat dabei, als schmerze sein Kreuz ganz furchtbar.
„Laufen, rennen, hüpfen, schaukeln, spielen. All das kann man im Frühling viel besser machen als im Winter. Ja, und Ausflüge und Picknicks und ach, es gibt so vieles.“ Henny umschrieb mit den Armen einen großen Kreis in der Luft.
„Ach, alles können wir machen. Am besten jetzt gleich.“
Opa Hans lachte.
„Na, dann schlage ich vor, wir fangen mit einem Picknick an, ich habe großen Hunger!“
Henny jubelte.
„Opa, du bist der Beste. Was nehmen wir mit?“
„Alles, was Omas Vorratsschrank so hergibt, denke ich und ich könnte schnell ein paar Waffeln backen“, schlug Opa vor, aber das dauerte Henny viel zu lange. Sie wollte los, am besten auf der Stelle. Also packten sie eine Tafel Schokolade, Butterkekse, zwei Bananen und Apfelsaft in Hennys Rucksack.
„Mehr brauchen wir wirklich nicht, Opa. Wir sammeln unterwegs Beeren und Kräuter, die machen auch satt?“
„Beeren? Im Frühling?“ Zweifelnd sah Opa Henny an. „Ich glaube, da werden wir wenig Glück haben.“
Doch Henny war schon viel weiter in ihren Gedanken.
„Weißt du, dass man Löwenzahn essen kann? Ganz. Von der Blüte bis zum Blatt und sogar den Stängel. Und aus der Wurzel kann man Kaffee machen. Ist das nicht wunderbar?“
„Das ist prima, aber seit wann trinkst du Kaffee?“, fragte Opa mit einem Augenzwinkern. „Aber ich verstehe schon, Löwenzahn ist ein Allround-Talent, so meinst du es, nicht wahr?“
„Genau, den Kaffee kannst du ja probieren und ich esse leckeren Löwenzahnhonig, oder Salat, der bestimmt auch gut schmeckt!“
„Na prima! So müssten wir unterwegs nicht verhungern und unser Picknick ist gerettet“, sagte Opa und er schritt schneller voran. „Wollen wir zum kleinen Waldteich gehen? Dort gibt es schöne Picknickplätze. Und bestimmt auch viele Löwenzahnblüten.“
„Man kann auch andere Wiesenblumen essen“, gab Henny zur Antwort, denn die Idee, sich das Essen selbst zu sammeln, gefiel ihr immer mehr.
„Dann schieß mal los, ich will alle wissen!“, meinte Opa. „Aber eine Blume weiß ich selbst, sie ist winzig und wunderhübsch. Weißt du, welche ich meine?“
Henny überlegte.
„Meinst du ein Veilchen?“, fragte sie.
„Gut geraten!“ Opa applaudierte. „Eine Veilchenblüte schmeckt, wie sie duftet. Zuckersüß!“
„Toll! Ich mag Veilchen.“ Auch Henny klatschte in die Hände, dann aber wurde sie still.
„Ich mag die Veilchen so sehr, dass ich sie eigentlich nicht essen möchte, und auch Gänseblümchen nicht, die dürfte man nämlich auch essen.“
„Dann“, sagte Opa, „empfehle ich dir den Sauerampfer.
„Hey, Opa, du weißt ja doch Bescheid, klasse. Ja, der Sauerampfer gehört auch dazu und der soll sehr lecker sein. Hast du ihn schon probiert?“
„Ja, das habe ich. Wir haben ihn in den Wiesen gesucht, als wir Kinder waren. Ich hatte das vollkommen vergessen. Schön, dass du mich erinnerst!“
„Dann lass ihn uns suchen, Opa! Sauerampfer möchte ich unbedingt versuchen. Der Name gefällt mir so gut.“
„Jaja. Sauer macht lustig.“ Opa nahm Henny an der Hand. Zielstrebig verließen sie den Weg und stapften quer über die Wiese Richtung Wald. Ein hübsches Bild, die kleine Henny und der große Opa mit den Nasen zum Boden gerichtet auf der Suche nach Sauerampfer, Veilchen, Löwenzahn und noch mehr Wiesenkräutern, die nicht nur Kühen lecker schmeckten.

© Regina Meier zu Verl

Ein leeres Paket zum Muttertag*

Hier ein Tipp für ein wunderbares Geschenk zum Muttertag, das keinen Cent kostet und trotzdem gut ankommen wird bei den Müttern, wetten?

Ein leeres Paket zum Muttertag

„Hast du eine Idee, was wir Mama zum Muttertag schenken könnten?“, fragt Anne ihren Bruder Tim.
Der nimmt seine Kopfhörer aus dem Ohr und sagt: „Was?“
„Das heißt: wie bitte!“, verbessert ihn Anne und fragt dann nochmal.
„Keine Ahnung!“, ist die Antwort und sofort wandern die Kopfhörer wieder ins Ohr.
Anne verdreht die Augen und tippt ihrem Bruder auf die Schulter.
„Du könntest mal mit mir gemeinsam überlegen!“, bittet sie.
„Wie bitte?“, fragt Tim und grinst, nimmt aber die Kopfhörer wieder raus und wendet sich seiner Schwester zu.
„Ist gar nicht einfach!“, meint er und kratzt sich am Ohr. „Blumen?“
Anne schüttelt den Kopf. „Nein du weißt doch, dass Mama es nicht mag, dass am Muttertag alle Blumen schenken. Sie sagt immer, dass es dafür Gelegenheiten genug gibt und die zum Muttertag einfach überteuert sind.“
„Ist das denn wirklich so?“, fragt Tim und schielt auf sein Handy, das gerade eine Nachricht angekündigt hat. Gern würde er nachsehen, wer geschrieben hat, wartet aber ab. In Gedanken ist er bereits nicht mehr beim Muttertag, sondern bei der Handynachricht.
„Fürs Bildermalen sind wir wohl zu groß mittlerweile“, meint Anne. Tim nickt zustimmend.
„Stimmt, außerdem kann ich nicht malen, das wäre dann nur was für dich!“, sagt er und nimmt das Handy, um nun doch mal kurz drauf zu schauen. Er liest, grinst, tippt und schon hat er seine Schwester wieder vergessen.
„Du bist wirklich unmöglich!“, schimpft Anne. „Kannst du nicht mal ein paar Minuten ohne dein Handy sein?“
„Schlecht!“, gibt Tim zu.
Annes Augen blitzen mit einem Mal auf. „Ich habe eine Idee für den Muttertag!“, ruft sie. „Vertraust du mir?“, will sie von ihrem Bruder wissen.
„Mmh, eigentlich schon, aber jetzt lass mich erstmal in Ruhe!“
„Pass auf, du musst gar nichts machen, ich kümmere mich um das Geschenk, aber du musst versprechen, dass du nicht meckerst!“, sagt Anne.
„Versprochen!“, Tim steckt seine Kopfhörer wieder ins Ohr, für ihn ist die Diskussion damit beendet.

Am Muttertagmorgen decken die Geschwister liebevoll den Kaffeetisch.
„Und was ist nun mit dem Geschenk?“, fragt Tim.
„Warte, bis Mama da ist, dann wirst du es sehen!“ Anne macht ein so verschmitztes Gesicht, dass Tim doch neugierig geworden ist. Aber sie verrät nichts.
„Alles Gute zum Muttertag!“, sagt Anne feierlich und drückt ihrer Mama einen dicken Kuss auf die Wange. Tim schließt sich an. Mama freut sich über das Frühstück. „Ihr seid die Besten!“, sagt sie glücklich.
„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, Anne holt ein buntes Päckchen aus dem Küchenschrank, wo sie es vorher versteckt hatte.
Mama packt das Geschenk erwartungsvoll aus, Tim schaut ihr neugierig über die Schulter. Das Paket ist leer, nur ein Brief ist drin. Mama öffnet den Brief und liest laut:
Liebe Mama, wir schenken dir zum Muttertag Zeit, Zeit ohne Unterbrechungen und blödes Handygepiepe, deshalb legen wir nun unsere Handys in diesen Karton und du darfst bestimmen, wann wir sie wieder herausholen dürfen. Deine Kinder Anne und Tim!
„Das ist eine großartige Idee!“ Mama freut sich. Anne legt ihr Handy in den Karton und auch Tim tut das, ohne zu murren. Er hat’s versprochen und was man versprochen hat … ihr wisst schon.
Papa, der in der Küchentür steht und die Sache beobachtet, legt sein Handy auch dazu, weil er die Idee richtig schön findet.
„Fehlt nur noch Mamas Handy!“, sagt er fröhlich. Natürlich wandert das auch in den Karton und ich bin davon überzeugt, dass die Vier einen wunderbaren Tag haben werden, ganz ohne Störungen.

© Regina Meier zu Verl

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Das neue Tagebuch

Das neue Tagebuch

Mama hat gesagt, dass so ein Tagebuch etwas ganz Tolles ist. Man kann darin seine Gedanken ordnen, meint sie. So richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich bin da noch etwas unsicher, um nicht zu sagen hilflos. Was soll ich reinschreiben? Was ist, wenn es jemand liest? Das wäre blöd, kommt aber wohl vor. Mama ist das passiert. Sie stöhnt noch heute, wenn sie davon erzählt.

„Mein Bruder, dein Onkel, hat mal das Schloss geknackt und alles gelesen. Dann hat er sich über mich lustig gemacht. Von meinen Gefühlen hatte ich damals geschrieben und wie verliebt ich in Hermann war, der in meiner Klasse der Mädchenschwarm war. Ich habe getobt und gewütet. Als ich ihm mein Tagebuch abnehmen wollte, kam es zu einem Gerangel. Heinz kämpfte und kreischte und ich war so wütend, dass irgendwie meine Faust auf seinem Auge landete. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das nicht gewollt hatte, aber es war passiert. Sein Auge schwoll sofort an. Er ließ das Buch fallen und rannte zu unserer Mutter. Die blieb ruhig, legte sofort einen kühlen Lappen auf sein Auge und tröstete ihn. Ich konnte nur daneben stehen, leichenblass und voll des schlechten Gewissens. Ändern konnte ich nichts mehr, aber ich entschuldigte mich bei Heinz. Ich selbst hatte nur leichte Kratzer davon getragen, aber meine Seele war verletzt. Das war schlimm. Natürlich erwartete ich ein Donnerwetter meiner Mama. Das blieb aber aus. Sie schimpfte mit Heinz und erklärte ihm, dass man so etwas niemals tun dürfte. ‚Das ist wirklich das Allerletzte, das Tagebuch deiner Schwester zu lesen‘, hatte sie gesagt. Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Am nächsten Tag hatte er ein dunkellila Veilchen, eine Woche später war es nur noch ein Lavendelchen, danach wurde es gelb und grün und immer erinnerte mich sein Auge daran, was ich getan hatte. Das war nicht schön. Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und er hat versprochen, nie wieder an meine Sachen zu gehen, geschweige denn mein Tagebuch zu lesen. Ich habe dann aber wochenlang nichts mehr geschrieben.“

Ja, so war das bei Mama gewesen. Eine blöde Sache, das soll mir nicht passieren. Ich werde mein Buch verstecken. Vielleicht unter dem Bettlaken und mein Bett werde ich ab sofort nur noch selbst machen. Damit niemand das Buch dort entdecken kann. Andererseits vertraue ich ja meinen Leuten, ich denke noch mal drüber nach.

So, das war mein erster Eintrag im neuen Tagebuch, kurz noch etwas zum heutigen Tag: Sonnenschein am ersten Ferientag, Taschengeld bekommen und in Süßigkeiten umgesetzt, meinen morgigen Besuch bei Oma angekündigt und zwanzig Seiten meines neuen Buches gelesen, im Internet nach einem passenden Spruch für den heutigen Tag gesucht und folgenden gefunden:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu …

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Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!

Bockermänner

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Bockermänner

Kennst du das? Du hast ein Paar Lieblingssocken und glaubst, dass du ohne diese Socken nicht leben kannst. Deine Oma hat sie gestrickt, mit viel Liebe und Mühe. Dann passiert folgendes: du hast Kartoffeln reingepflanzt! Kennst du nicht? So sagen wir bei uns, wenn sich die große Zehe, oder gleich beide, durch die Spitze den Weg nach draußen verschaffen und vorwitzig ins Freie schauen. Natürlich ziehst du diese Socken an, solange das Loch noch klein genug ist. Du denkst drüber nach, ob es im Laufe des Tages passieren könnte, dass du die Schuhe ausziehen musst. Zum Beispiel beim Arzt. Dann geht das natürlich nicht. Nichts ist peinlicher, als Löcher in den Socken zu haben. Gut, es gibt noch Peinlicheres, aber die Lochsocken sind schon in Kategorie Eins der Dinge, die man vermeiden sollte.

Irgendwann stellst du entsetzt fest, dass der große Bockermann sich völlig durchgekämpft hat.  Dann ist die Zeit gekommen, etwas zu unternehmen. Wenn man nicht stopfen kann, hilft es eine Weile, eine dünne Socke drunter zu ziehen. Aber das ist keine Dauerlösung.

Du bewaffnest dich also mit Stopfnadel und Garn und wagst den ersten Stopfversuch. Wie hat Oma das gemacht? Ach, wenn man sie doch fragen könnte.

So schwer kann es aber nicht sein. Einmal den Vorgang in Gedanken durchgespielt, dann geht es los. Zuerst schaffst du ein Gitter, dafür wird Faden neben Faden über das Loch gespannt. Der zweite Schritt folgt sogleich, in der anderen Richtung wird dann die Wolle durch das Gitter gewebt, oben – unten – oben – unten und so weiter. Wie ein feiner Stoff spannt sich das Gewebte über das gerade noch klaffende Loch und schon ist der Schaden behoben. War doch ganz leicht und der Bockermann hat nun keine Chance mehr. Lieblingssocke gerettet!

Oma wäre stolz, sehr stolz. In Gedanken höre ich ihre Stimme:

„Und als nächstes lernen wir das Sockenstricken, nicht wahr?“

Ich nicke zur Bestätigung und schreibe in mein Tagebuch: Socken gestopft, hat Spaß gemacht. Morgen kaufe ich Wolle und ein Nadelspiel.

 

© Regina Meier zu Verl

 

 

Storchenreise in den Süden

Immer wieder fasziniert mich die Rückkehr der Störche im Frühjahr und etwas wehmütig bin ich, wenn sie sich wieder auf die Storchenreise in den Süden machen. Ein Trost, sie kommen wieder, das hoffe ich jedenfalls.

Storchenreise in den Süden

„Liebster, die Kinder sind längst ausgeflogen. Sollen wir uns auch langsam auf den Weg machen?“
Vater Storch klappert unwillig mit dem Schnabel. Er hat noch keine Lust, die große Reise nach Afrika anzutreten. Es gibt noch so viele leckere Sachen auf der Wiese und das Wetter ist auch prima.
„Lass uns noch ein oder zwei Tage warten“, schlägt er deshalb vor.
Frau Storch weiß, dass ein Widerspruch nichts nützt. Wenn sie doch nur nicht so eine Sehnsucht nach den Kindern hätte, die das Nest schon vor einigen Tagen verlassen hatten und unternehmungslustig gen Süden gezogen waren. Ob sie ihre Kleinen wiedersehen würde?
Als hätte ihr Mann ihre Gedanken gehört, gibt er ihr die Antwort auf die nicht gestellte Frage:
„Wir werden die Kinder einholen, da bin ich ganz sicher. Und nun friss, du brauchst Kraft für die Reise und da oben am Himmel ist es lausig kalt, da muss dich dein Fett wärmen!“
Stolz schreitet die Storchenmutter hinter ihrem Mann her und hält die Augen offen. Sie sucht die Wiese nach etwas Essbarem ab und hat Glück. Ein dicker fetter Regenwurm ist die Vorspeise und dann erbeutet sie noch ein paar Heuschrecken. Seit die Kinder sich selbst ernähren konnten, können die Eltern wieder etwas mehr für sich selbst sorgen und das ist auch gut so. Vor einem Mauseloch verharrt Mutter Storch. War da nicht gerade ein Mäuschen verschwunden? Mal abwarten.
„Die Kinder finden den Weg, sie haben einen inneren Wegweiser. Das weißt du doch!“, sagt Vater Storch, der sich natürlich auch sorgt. Er zeigt es nur nicht so.
„Ja, ja, das weiß ich ja. Trotzdem darf ich doch an sie denken, oder nicht?“
„Sicher, aber mach dir nicht zu viele Sorgen. Wir haben es doch auch ohne unsere Eltern geschafft und in diesem Jahr ist es schon das sechste Mal, dass wir die lange Reise antreten.“
Frau Storch kichert. „Antreten ist gut, ersegeln ist aber besser, oder willst du nach Afrika laufen?“
Ärgerlich klappert Vater Storch mit dem Schnabel. Es ärgert ihn, dass seine Frau immer das letzte Wort haben muss. Seine Frau hingegen ärgert sich, dass das Mäuschen durch das Geklapper gewarnt ist und sicher nicht so bald wieder aus seinem Loch kommen wird. ‚Blödmann!‘, denkt sie, hütet sich aber, das auszusprechen.
Am nächsten Tag machen sich die beiden aber dann doch auf, um mit vielen anderen Störchen in den Süden zu reisen. Als sie beim Treffpunkt ankommen, sehen sie auch ihre Kinder wieder. Ist das eine Freude!
Fast zwei Monate sind die Störche und ihre Freunde dann unterwegs. Ob sie im nächsten Jahr zurückkommen?

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Bildquelle geralt/pixabay

© Regina Meier zu Verl 2015

Rechnen ist doch ganz einfach

Rechnen ist doch ganz einfach

„Das geht nicht!“, rief Mike und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Er schickte einen Fluch hinterher. „Verflixt nochmal!“
„Es kann nicht gehen, weil es keine Beine hat!“, sagte Opa Heinz und wandte sich wieder seinem Buch zu.
„Boah, Opa, du drehst mir immer die Worte im Mund um!“
„Ich habe dich nicht angefasst!“, versicherte Opa. Er grinste, wusste er doch genau, dass er seinen Enkel leicht auf die Palme bringen konnte. Wohingegen im Zimmer keine Palme war und im Garten auch nicht. Opa grinste über seine eigenen Gedanken, er fand sich einfach witzig.
„Kannst du mir bitte mal helfen?“, bat Mike nun, der sich vergeblich bemüht hatte, die Rechenaufgabe zu lösen, die zu den Hausaufgaben gehörte. „Es geht einfach nicht, ich bin zu blöd für Mathe!“
„Ach was! Zeig mal her!“ Opa stand auf und blickte Mike über die Schulter. Er schaute sich die Aufgabe an und überlegte einen Moment. „Es geht, du musst einfach nur logisch denken!“, behauptete er dann.
„Wie? Es geht? Hat’s denn Beine?“ Mike kicherte. „Na? Habe ich dich mit deinen eigenen Waffen geschlagen?“, fragte er.
„Ich besitze keine Waffen, aber ich kann logisch denken!“ Opa grinste schon wieder. Er verriet aber die Lösung der Matheaufgabe nicht. Mike sollte selbst darauf kommen, dass sie eigentlich ganz einfach zu lösen war.
„Dann erkläre es mir bitte!“, bat Mike. „Oder noch besser, sag mir das Ergebnis, dann kann ich nämlich rausgehen und spielen!“
„Pass auf, zuerst mal richtig lesen, was dort steht. Also: drei Kinder haben 29 Gummibärchen geschenkt bekommen, die sie teilen sollen. Wie viele Gummibärchen bekommt jedes Kind?“, las Opa langsam vor.
„Das habe ich schon hundert Mal gelesen!“, meckerte Mike. „Das geht aber nicht!“
„Warum nicht? Ist doch ganz einfach, du teilst 29 durch 3 und dann weißt du es!“ Opa rollte mit den Augen. „Geh zu Oma und frag, ob sie eine Tüte Gummibärchen für uns hat!“, ordnete er an und das ließ sich Mike nicht zweimal sagen. Strahlend kam er mit einer nigelnagelneuen Tüte aus der Küche zurück.
„Also dann!“ Opa riss die Tüte auf und zählte 29 Gummibärchen ab. „Verteil die mal auf drei Häufchen!“
Mike verteilte die Bärchen auf drei Haufen und als er schließlich nur noch zwei übrig hatte, stampfte er wieder mit dem Fuß auf. „Siehst du, es geht nicht!“, schimpfte er.
„Wir haben nun also dreimal neun Bärchen, jedes Kind bekommt also neun Gummibärchen! Ist doch ganz einfach!“, sagte Opa stolz.
„Und was ist mit den zwei Bärchen, die übrigbleiben?“
„Die sind für mich!“, sagte Opa und schob sie sich genüsslich in den Mund. „Siehste, geht doch!“
Mike strahlte. War ja doch ganz einfach – eigentlich.
Er schrieb in sein Heft:
Jedes Kind bekommt neun Gummibärchen und den Rest isst Opa.
„Schreib noch dazu, dass es zwei Bärchen sind, die übrigbleiben, dann stimmt es genau und dein Lehrer weiß, dass du die Aufgabe verstanden hast. Jetzt testen wir aber noch, ob du wirklich verstanden hast, wie es funktioniert, okay?“
„Das geht nicht, Opa!“ Mike schnappte sich die drei Bärenhäufchen und wollte sich aus dem Staub machen.
„Warum nicht?“ Opa war verdutzt.
„Weils keine Beine hat, Opa!“

© Regina Meier zu Verl 2017

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Bart – Nasenspitze – vorwitzig – füllig – saugen

Das sind die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben bei „Josh im Bärenwald“. Viel Spaß!

Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen

LORE

MARTINA

„Das war aber eine lange Geschichte!“, sagte Josh begeistert. Er fand es so spannend, dass er auf keinen Fall einschlafen wollte, und das war ihm auch gelungen.
„Gibt es morgen wieder eine neue?“, wollte er von Opa wissen.
Der schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Junge erst übermorgen wieder. Morgen Abend treffen ich doch meine Freunde vom Volleyballverein. Wir wollen besprechen, wann wir unser Training wieder aufnehmen können!“
„Schade!“, fand Josh, gab sich aber damit erstmal zufrieden, weil er ja wusste, wie gern Opa Volleyball spielte. Später würde er dem Verein sicher auch mal beitreten. Das hatte er sich vorgenommen.
„Machen Bären eigentlich auch Sport?“, fragte er jetzt, um Opas Verabschiedung noch ein wenig hinauszuzögern.
„Das weiß ich nicht, da muss ich erstmal wieder bei Familie Bär lauschen!“, meinte Opa und grinste. Natürlich hatte er Josh durchschaut. Er konnte es ihm nämlich an der Nasenspitze ansehen und da sah er so manches schon, bevor der Junge etwas gesagt hatte.
„Opa, du lauscht doch gar nicht, du denkst dir das aus!“ Josh kicherte. Er war ja schon ein großer Junge und kannte seinen Opa doch zu gut, um ihm alles zu glauben.
„Beim meinem Barte schwöre ich, dass ich lausche!“, sagte Opa jetzt und da tat sich schon wieder eine neue Frage auf.
„Bei deinem Barte, Opa? Du hast doch gar keinen Bart!“
„Nein, aber da könnte einer sein, wenn ich wollte!“, stammelte Opa und strich sich übers Kinn. Er hatte einfach nur vermeiden wollten, den Ausspruch „Beim Barte des Propheten“ zu benutzen. Den hätte er nämlich nicht erklären können.
Josh gab sich damit erstmal zufrieden. Es war ihm auch fast egal, woher Opa die Geschichten nahm, die Hauptsache war doch, dass er sie ihm erzählte.
„Opa, wenn du einmal keine Zeit zum Lauschen hast, dann saugst du dir eben eine Geschichte aus den Fingern!“, sagte er Josh vorwitzig.
Opa lachte. „Woher hast du denn den Spruch?“, wollte er wissen.
„Das hat Papa neulich gesagt, als er mir eine Geschichte erzählen sollte und ihm keine einfiel.“, Josh verstellte seine Stimme, weil er wie Papa klingen wollte: „Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen?“
Die beiden lachten. „Das ist typisch dein Vater!“, sagte Opa.
„Aber jetzt sag doch! Machen Bären auch Sport?“, fragte Josh nachdrücklich.
Opa zögerte einen kurzen Moment, dann leuchteten seine Augen plötzlich.
„Weißt du, Mama Bär ist wohl ein wenig zu füllig und sie hat auch genug mit den Doppelzwillingen zu tun, wobei Papa Bär ein begeisterter Angler ist!“
„Aber Angeln ist doch kein Sport, Opa!“, meinte Josh vorwitzig.
„Hast du `ne Ahnung. Natürlich ist das Angeln Sport. Aber das werde ich dir heute nicht mehr erzählen, übermorgen wirst du es erfahren. Und nun schlaf schön, mein Lieber!“

in der nächsten Reizwortgeschichte geht es dann weiter …

Fliegenpilze im Mondlicht

Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

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