Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!

Bockermänner

Bockermänner

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Bockermänner

Kennst du das? Du hast ein Paar Lieblingssocken und glaubst, dass du ohne diese Socken nicht leben kannst. Deine Oma hat sie gestrickt, mit viel Liebe und Mühe. Dann passiert folgendes: du hast Kartoffeln reingepflanzt! Kennst du nicht? So sagen wir bei uns, wenn sich die große Zehe, oder gleich beide, durch die Spitze den Weg nach draußen verschaffen und vorwitzig ins Freie schauen. Natürlich ziehst du diese Socken an, solange das Loch noch klein genug ist. Du denkst drüber nach, ob es im Laufe des Tages passieren könnte, dass du die Schuhe ausziehen musst. Zum Beispiel beim Arzt. Dann geht das natürlich nicht. Nichts ist peinlicher, als Löcher in den Socken zu haben. Gut, es gibt noch Peinlicheres, aber die Lochsocken sind schon in Kategorie Eins der Dinge, die man vermeiden sollte.

Irgendwann stellst du entsetzt fest, dass der große Bockermann sich völlig durchgekämpft hat.  Dann ist die Zeit gekommen, etwas zu unternehmen. Wenn man nicht stopfen kann, hilft es eine Weile, eine dünne Socke drunter zu ziehen. Aber das ist keine Dauerlösung.

Du bewaffnest dich also mit Stopfnadel und Garn und wagst den ersten Stopfversuch. Wie hat Oma das gemacht? Ach, wenn man sie doch fragen könnte.

So schwer kann es aber nicht sein. Einmal den Vorgang in Gedanken durchgespielt, dann geht es los. Zuerst schaffst du ein Gitter, dafür wird Faden neben Faden über das Loch gespannt. Der zweite Schritt folgt sogleich, in der anderen Richtung wird dann die Wolle durch das Gitter gewebt, oben – unten – oben – unten und so weiter. Wie ein feiner Stoff spannt sich das Gewebte über das gerade noch klaffende Loch und schon ist der Schaden behoben. War doch ganz leicht und der Bockermann hat nun keine Chance mehr. Lieblingssocke gerettet!

Oma wäre stolz, sehr stolz. In Gedanken höre ich ihre Stimme:

„Und als nächstes lernen wir das Sockenstricken, nicht wahr?“

Ich nicke zur Bestätigung und schreibe in mein Tagebuch: Socken gestopft, hat Spaß gemacht. Morgen kaufe ich Wolle und ein Nadelspiel.

 

© Regina Meier zu Verl

 

 

Storchenreise in den Süden

Storchenreise in den Süden

Immer wieder fasziniert mich die Rückkehr der Störche im Frühjahr und etwas wehmütig bin ich, wenn sie sich wieder auf die Storchenreise in den Süden machen. Ein Trost, sie kommen wieder, das hoffe ich jedenfalls.

Storchenreise in den Süden

„Liebster, die Kinder sind längst ausgeflogen. Sollen wir uns auch langsam auf den Weg machen?“
Vater Storch klappert unwillig mit dem Schnabel. Er hat noch keine Lust, die große Reise nach Afrika anzutreten. Es gibt noch so viele leckere Sachen auf der Wiese und das Wetter ist auch prima.
„Lass uns noch ein oder zwei Tage warten“, schlägt er deshalb vor.
Frau Storch weiß, dass ein Widerspruch nichts nützt. Wenn sie doch nur nicht so eine Sehnsucht nach den Kindern hätte, die das Nest schon vor einigen Tagen verlassen hatten und unternehmungslustig gen Süden gezogen waren. Ob sie ihre Kleinen wiedersehen würde?
Als hätte ihr Mann ihre Gedanken gehört, gibt er ihr die Antwort auf die nicht gestellte Frage:
„Wir werden die Kinder einholen, da bin ich ganz sicher. Und nun friss, du brauchst Kraft für die Reise und da oben am Himmel ist es lausig kalt, da muss dich dein Fett wärmen!“
Stolz schreitet die Storchenmutter hinter ihrem Mann her und hält die Augen offen. Sie sucht die Wiese nach etwas Essbarem ab und hat Glück. Ein dicker fetter Regenwurm ist die Vorspeise und dann erbeutet sie noch ein paar Heuschrecken. Seit die Kinder sich selbst ernähren konnten, können die Eltern wieder etwas mehr für sich selbst sorgen und das ist auch gut so. Vor einem Mauseloch verharrt Mutter Storch. War da nicht gerade ein Mäuschen verschwunden? Mal abwarten.
„Die Kinder finden den Weg, sie haben einen inneren Wegweiser. Das weißt du doch!“, sagt Vater Storch, der sich natürlich auch sorgt. Er zeigt es nur nicht so.
„Ja, ja, das weiß ich ja. Trotzdem darf ich doch an sie denken, oder nicht?“
„Sicher, aber mach dir nicht zu viele Sorgen. Wir haben es doch auch ohne unsere Eltern geschafft und in diesem Jahr ist es schon das sechste Mal, dass wir die lange Reise antreten.“
Frau Storch kichert. „Antreten ist gut, ersegeln ist aber besser, oder willst du nach Afrika laufen?“
Ärgerlich klappert Vater Storch mit dem Schnabel. Es ärgert ihn, dass seine Frau immer das letzte Wort haben muss. Seine Frau hingegen ärgert sich, dass das Mäuschen durch das Geklapper gewarnt ist und sicher nicht so bald wieder aus seinem Loch kommen wird. ‚Blödmann!‘, denkt sie, hütet sich aber, das auszusprechen.
Am nächsten Tag machen sich die beiden aber dann doch auf, um mit vielen anderen Störchen in den Süden zu reisen. Als sie beim Treffpunkt ankommen, sehen sie auch ihre Kinder wieder. Ist das eine Freude!
Fast zwei Monate sind die Störche und ihre Freunde dann unterwegs. Ob sie im nächsten Jahr zurückkommen?

© Regina Meier zu Verl 2015

Rechnen ist doch ganz einfach

Rechnen ist doch ganz einfach

Rechnen ist doch ganz einfach

„Das geht nicht!“, rief Mike und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Er schickte einen Fluch hinterher. „Verflixt nochmal!“
„Es kann nicht gehen, weil es keine Beine hat!“, sagte Opa Heinz und wandte sich wieder seinem Buch zu.
„Boah, Opa, du drehst mir immer die Worte im Mund um!“
„Ich habe dich nicht angefasst!“, versicherte Opa. Er grinste, wusste er doch genau, dass er seinen Enkel leicht auf die Palme bringen konnte. Wohingegen im Zimmer keine Palme war und im Garten auch nicht. Opa grinste über seine eigenen Gedanken, er fand sich einfach witzig.
„Kannst du mir bitte mal helfen?“, bat Mike nun, der sich vergeblich bemüht hatte, die Rechenaufgabe zu lösen, die zu den Hausaufgaben gehörte. „Es geht einfach nicht, ich bin zu blöd für Mathe!“
„Ach was! Zeig mal her!“ Opa stand auf und blickte Mike über die Schulter. Er schaute sich die Aufgabe an und überlegte einen Moment. „Es geht, du musst einfach nur logisch denken!“, behauptete er dann.
„Wie? Es geht? Hat’s denn Beine?“ Mike kicherte. „Na? Habe ich dich mit deinen eigenen Waffen geschlagen?“, fragte er.
„Ich besitze keine Waffen, aber ich kann logisch denken!“ Opa grinste schon wieder. Er verriet aber die Lösung der Matheaufgabe nicht. Mike sollte selbst darauf kommen, dass sie eigentlich ganz einfach zu lösen war.
„Dann erkläre es mir bitte!“, bat Mike. „Oder noch besser, sag mir das Ergebnis, dann kann ich nämlich rausgehen und spielen!“
„Pass auf, zuerst mal richtig lesen, was dort steht. Also: drei Kinder haben 29 Gummibärchen geschenkt bekommen, die sie teilen sollen. Wie viele Gummibärchen bekommt jedes Kind?“, las Opa langsam vor.
„Das habe ich schon hundert Mal gelesen!“, meckerte Mike. „Das geht aber nicht!“
„Warum nicht? Ist doch ganz einfach, du teilst 29 durch 3 und dann weißt du es!“ Opa rollte mit den Augen. „Geh zu Oma und frag, ob sie eine Tüte Gummibärchen für uns hat!“, ordnete er an und das ließ sich Mike nicht zweimal sagen. Strahlend kam er mit einer nigelnagelneuen Tüte aus der Küche zurück.
„Also dann!“ Opa riss die Tüte auf und zählte 29 Gummibärchen ab. „Verteil die mal auf drei Häufchen!“
Mike verteilte die Bärchen auf drei Haufen und als er schließlich nur noch zwei übrig hatte, stampfte er wieder mit dem Fuß auf. „Siehst du, es geht nicht!“, schimpfte er.
„Wir haben nun also dreimal neun Bärchen, jedes Kind bekommt also neun Gummibärchen! Ist doch ganz einfach!“, sagte Opa stolz.
„Und was ist mit den zwei Bärchen, die übrigbleiben?“
„Die sind für mich!“, sagte Opa und schob sie sich genüsslich in den Mund. „Siehste, geht doch!“
Mike strahlte. War ja doch ganz einfach – eigentlich.
Er schrieb in sein Heft:
Jedes Kind bekommt neun Gummibärchen und den Rest isst Opa.
„Schreib noch dazu, dass es zwei Bärchen sind, die übrigbleiben, dann stimmt es genau und dein Lehrer weiß, dass du die Aufgabe verstanden hast. Jetzt testen wir aber noch, ob du wirklich verstanden hast, wie es funktioniert, okay?“
„Das geht nicht, Opa!“ Mike schnappte sich die drei Bärenhäufchen und wollte sich aus dem Staub machen.
„Warum nicht?“ Opa war verdutzt.
„Weils keine Beine hat, Opa!“

© Regina Meier zu Verl 2017

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Bart – Nasenspitze – vorwitzig – füllig – saugen

Das sind die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben bei „Josh im Bärenwald“. Viel Spaß!

Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen

LORE

MARTINA

„Das war aber eine lange Geschichte!“, sagte Josh begeistert. Er fand es so spannend, dass er auf keinen Fall einschlafen wollte, und das war ihm auch gelungen.
„Gibt es morgen wieder eine neue?“, wollte er von Opa wissen.
Der schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Junge erst übermorgen wieder. Morgen Abend treffen ich doch meine Freunde vom Volleyballverein. Wir wollen besprechen, wann wir unser Training wieder aufnehmen können!“
„Schade!“, fand Josh, gab sich aber damit erstmal zufrieden, weil er ja wusste, wie gern Opa Volleyball spielte. Später würde er dem Verein sicher auch mal beitreten. Das hatte er sich vorgenommen.
„Machen Bären eigentlich auch Sport?“, fragte er jetzt, um Opas Verabschiedung noch ein wenig hinauszuzögern.
„Das weiß ich nicht, da muss ich erstmal wieder bei Familie Bär lauschen!“, meinte Opa und grinste. Natürlich hatte er Josh durchschaut. Er konnte es ihm nämlich an der Nasenspitze ansehen und da sah er so manches schon, bevor der Junge etwas gesagt hatte.
„Opa, du lauscht doch gar nicht, du denkst dir das aus!“ Josh kicherte. Er war ja schon ein großer Junge und kannte seinen Opa doch zu gut, um ihm alles zu glauben.
„Beim meinem Barte schwöre ich, dass ich lausche!“, sagte Opa jetzt und da tat sich schon wieder eine neue Frage auf.
„Bei deinem Barte, Opa? Du hast doch gar keinen Bart!“
„Nein, aber da könnte einer sein, wenn ich wollte!“, stammelte Opa und strich sich übers Kinn. Er hatte einfach nur vermeiden wollten, den Ausspruch „Beim Barte des Propheten“ zu benutzen. Den hätte er nämlich nicht erklären können.
Josh gab sich damit erstmal zufrieden. Es war ihm auch fast egal, woher Opa die Geschichten nahm, die Hauptsache war doch, dass er sie ihm erzählte.
„Opa, wenn du einmal keine Zeit zum Lauschen hast, dann saugst du dir eben eine Geschichte aus den Fingern!“, sagte er Josh vorwitzig.
Opa lachte. „Woher hast du denn den Spruch?“, wollte er wissen.
„Das hat Papa neulich gesagt, als er mir eine Geschichte erzählen sollte und ihm keine einfiel.“, Josh verstellte seine Stimme, weil er wie Papa klingen wollte: „Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen?“
Die beiden lachten. „Das ist typisch dein Vater!“, sagte Opa.
„Aber jetzt sag doch! Machen Bären auch Sport?“, fragte Josh nachdrücklich.
Opa zögerte einen kurzen Moment, dann leuchteten seine Augen plötzlich.
„Weißt du, Mama Bär ist wohl ein wenig zu füllig und sie hat auch genug mit den Doppelzwillingen zu tun, wobei Papa Bär ein begeisterter Angler ist!“
„Aber Angeln ist doch kein Sport, Opa!“, meinte Josh vorwitzig.
„Hast du `ne Ahnung. Natürlich ist das Angeln Sport. Aber das werde ich dir heute nicht mehr erzählen, übermorgen wirst du es erfahren. Und nun schlaf schön, mein Lieber!“

in der nächsten Reizwortgeschichte geht es dann weiter …

Fliegenpilze im Mondlicht

Fliegenpilze im Mondlicht

Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte KLICK

Sternengesang

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Glück in Dosen

Im Magazin CARL auch als Hörgeschichte

 

Glück in Dosen

Meine Nichte Saskia war eine Sammlerin. Viele Dinge hatten sich im Laufe der Zeit angesammelt und jedes Ding hatte einen Platz in ihrem Zimmer bekommen. Wenn man Saskia fragte, welcher von all ihren Schätzen denn am wichtigsten sei, dann musste sie nicht lange überlegen.
„Das ist die Dose mit den Glücksmomenten!“, antwortete sie und ein strahlendes Lächeln bewies, dass genau diese Dose es war, die das Mädchen glücklich machte. „Welche ist es denn?“, fragte ich sie einmal, denn überall im Zimmer standen bunte Blechdosen herum, große und kleine.
„Es ist diese hier!“ Saskia holte eine große Dose aus ihrem Bücherregal und hielt sie mir hin. „Schau!“ Ein wenig verbeult war sie und kunterbunt, ein wenig rostig schon am Boden aber doch wunderschön. Bunte Schmetterlinge tanzten zwischen Sommerblumen.
„Darf ich mal reinschauen?“, bat ich sie, denn es interessierte mich brennend, wie so ein Glücksmoment aussehen würde.
Sie nickte. „Darfst du, aber nur hineinsehen, nichts anfassen!“, erlaubte sie mir und schraubte den Deckel ab.
Ich blickte hinein und sah Steine, Federn, bunte Zettel, Postkarten und funkelnde Perlen. Ich wollte gerade nach dem ein- oder anderen fragen, da zog Saskia die Dose wieder weg, schraubte den Deckel drauf und stellte sie zurück ins Regal. Nun war ich nicht klüger als zuvor. Ich war enttäuscht.
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, erklärte sie mir. „Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“
„Erzähl mir ein bisschen mehr über das Glück und über die Dinge, die da in deiner Dose sind!“, bat ich sie. Doch Saskia schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht!“, sagte sie. „Jeder hat ein anderes Glück, weißt du. Du musst schon selbst sammeln. Fang einfach damit an, dann wirst du mich verstehen!“
Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was Saskia meinte. Vielleicht war ich auch einfach schon zu alt für so etwas. Aber versuchen wollte ich es doch und als ich ein paar Tage später mit Saskia auf dem Trödelmarkt war, suchte ich nach einer Dose, in der ich meine Glücksmomente aufbewahren könnte, wie immer sie auch aussehen würden.
Wir entdeckten viele schöne und interessante Dinge, aber eine Dose, wie sie mir vorschwebte, fanden wir nicht.
„Das kann man nicht erzwingen!“, sagte Saskia. „Es ist wie mit dem Glück, es kommt auf dich zu. Mit der Dose wird das genauso sein, wirst schon sehen!“
Ich wunderte mich, dass ein so junges Mädchen wie Saskia so viel über das Glück wusste. Ja, sie erschien mir beinahe weise und ich schämte mich ein bisschen, dass ich mir niemals Gedanken über Glücksmomente gemacht hatte. Ich war doch ein glücklicher Mensch, oder etwa nicht?
Ich war völlig in Gedanken versunken, als mich einer der Händler, vor dessen Stand wir uns gerade aufhielten, ansprach.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er freundlich und als er bemerkte, dass ich ihn nicht verstanden hatte, wiederholte er seine Frage. „Suchst du etwas Bestimmtes? Kann ich dir helfen?“
„Sie schaut nur!“, antwortete Saskia an meiner Stelle und drückte mir ein hölzernes Kästchen in die Hand. „Guck mal!“, sagte sie.
„Das ist eine besonders schöne Arbeit!“, versicherte der Händler geschäftstüchtig. Liebevoll strich er über den Deckel, der mit einer feinen Intarsienarbeit verziert war. Goldfarbene Scharniere gaben dem Deckel Halt.
„Darin wurden Liebesbriefe aufbewahrt, damals, als man noch richtige Briefe schrieb. Lange ist’s her!“
Saskia kicherte, sie wusste genau, was ich dachte in diesem Moment. Sie kannte mich schließlich gut genug und sie wusste, dass ich noch immer persönliche Briefe schrieb, zu jedem Geburtstag, zu jedem Jahresfest und auch einfach mal zwischendurch. Sie, als meine Nichte kam häufig in den Genuss.
„Dann habe ich wohl gefunden, was ich suchte!“, stellte ich fest und drückte die Truhe an mich. „Dieses wird meine Glücksmomentetruhe werden!“, beschloss ich und war ganz sicher, dass ich genau das Richtige für mich gefunden hatte. Ich fragte nach dem Preis. Wir wurden uns schnell einig, der nette Händler und ich und als er mir mit einem Augenzwinkern seine Visitenkarte in die Truhe packte, versprach ich ihm einen Brief, einen handgeschriebenen.

Das ist nun viele Jahre her. Die Truhe hat sich gefüllt mit unzähligen Glücksmomenten. Mal war es eine Feder, die ich bei einem Spaziergang im Park gefunden hatte und die mich an einen wunderbaren Nachmittag mit einem lieben Menschen erinnerte. Dann dieser Ring aus einem Kaugummiautomaten mit der rosa Perle, den mir Paul geschenkt hatte, als er unseren Jahrestag vergessen hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie er ihn für eine Münze zusammen mit drei bunten Kaugummikugeln aus dem Automaten zog. Der Bierdeckel, auf den er ein Gedicht für mich gekritzelt hatte gehörte genauso zu meinen Glücksmomenten, wie die Armbändchen meiner Kinder, die sie als Neugeborene im Krankenhaus getragen hatten. Auch Saskia hat viele Momente dazu beigetragen.
Als ich die getrocknete Rose aus Saskias Brautstrauß liebevoll in die Truhe packe, erinnere ich mich zurück an unseren Flohmarktbesuch und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich ein Stück Leben gelehrt hat, denn auf dem Flohmarkt fing es an, ich war auf der Suche nach dem Glück und fand ein doppeltes: die hölzerne Truhe und Paul, der sie mir verkauft hat und bereits nach ein paar Tagen den ersten Brief von mir erhielt.
So ein Glück!
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, schrieb ich ihm damals.
„Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“

Ja, so war das und ich kann nur jedem raten, seine Glücksmomente zu sammeln, um sich immer wieder daran erinnern zu können. Es tut so gut!

© Regina Meier zu Verl

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Märchen, Reise, vergnügt, erschrecken, erleichtert

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Ich habe diesmal ein etwas „längeres“ Werk begonnen und präsentiere heute zunächst den Prolog. Mit jeder weiteren Reizwortgeschichte wird es etwas vorangehen bei meiner Erzählung, vielleicht auch mal zwischendurch, mal schauen, wohin der Weg mich führt – mögt Ihr mich begleiten?

Josh im Bärenwald

Prolog
„Von diesem Tag an erzählte der Bärenpapa seinen Kindern jeden Abend ein Märchen!“, sagte Opa und klappte das Buch zu.
„Nun wird aber geschlafen, kleiner Josh!“ Er deckte den Jungen liebevoll zu, küsste seine Stirn und wollte gerade das Zimmer verlassen, als Josh fragte:
„Aber woher kennt denn der Bärenpapa die Märchen? Hat er auch ein Märchenbuch?“
„Das vermute ich!“, meinte Opa. „Vielleicht denkt er sich aber auch einfach immer wieder neue Geschichten aus, so wie ich das manchmal mache!“
Erschreckt setzte sich Josh im Bett auf.
„Aber wenn der Bärenvater die Geschichten erfindet, wie kann ich dann von ihnen erfahren. Opa, du musst mir ihm reden, unbedingt!“, bettelte Josh.
„Mmmh“, machte Opa und dann noch einmal „Mmmh!“
„Weißt du, kleiner Josh, es gibt so viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich glaube, sie werden uns niemals ausgehen. Aber ich versuche, ob ich auch vom Bärenvater eine neue Geschichte erfahren kann, und die werde ich dir dann erzählen.“, sagte Opa vergnügt, denn er liebte es, Geschichten zu erfinden.
Erleichtert ließ sich Josh in sein Kissen zurücksinken.
„Meist du, du kannst mir morgen schon eine Geschichte vom Bärenvater erzählen?“, fragte Josh und seine Augen wurden kleiner und kleiner. Die Antwort seines Opas hörte er schon gar nicht mehr, im Nu hatte er sich auf die Reise ins Land der Träume gemacht.
Als Opa ins Wohnzimmer kam, setzte er sich auch gleich an seinen Schreibtisch. Oma war noch irgendwo im Haus beschäftigt, vielleicht arbeitete sie ebenfalls am Schreibtisch, denn sie war Lehrerin und musste am Abend immer den Unterricht vorbereiten, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach war, da die Schüler gar nicht in die Schule kamen, sondern online am Bildschirm Unterricht hatten.
Opa nahm seinen Skizzenblock und malte einen Bären, daneben vier Kinder, natürlich Bärenkinder. Jedes von ihnen bekam einen Namen, Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hießen sie und waren allerliebst anzuschauen, besonders, als sie farbig ausgemalt waren und nun ihren Erschaffer, Opa, vorwitzig anschauten.
„Nun wollen wir doch mal sehen, ob mir zu euch nicht jede Menge Geschichten einfallen werden!“, sagte Opa und malte noch einen Wald in den Hintergrund, denn irgendwo mussten die Bären ja wohnen.
Der Josh würde staunen, wenn er ihm am nächsten Morgen die Zeichnung zeigen würde und noch mehr staunen würde er, wenn er dann am Abend bereits die erste Geschichte von Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hören würde. Opa hatte schon eine Idee, aber die wird natürlich noch nicht verraten – vielleicht morgen, mal sehen!

© Regina Meier zu Verl

Diese Geschichte nimmt an Elkes ‚froher und kreativer Linkparty‘ teil. Hier geht es zu Elke und ihrem ‚Kleinen Blog‘. KLICK!

Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

Lies hier:

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