Fliegenpilze im Mondlicht

Fliegenpilze im Mondlicht

Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

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Sternengesang

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Glück in Dosen

Im Magazin CARL auch als Hörgeschichte

 

Glück in Dosen

Meine Nichte Saskia war eine Sammlerin. Viele Dinge hatten sich im Laufe der Zeit angesammelt und jedes Ding hatte einen Platz in ihrem Zimmer bekommen. Wenn man Saskia fragte, welcher von all ihren Schätzen denn am wichtigsten sei, dann musste sie nicht lange überlegen.
„Das ist die Dose mit den Glücksmomenten!“, antwortete sie und ein strahlendes Lächeln bewies, dass genau diese Dose es war, die das Mädchen glücklich machte. „Welche ist es denn?“, fragte ich sie einmal, denn überall im Zimmer standen bunte Blechdosen herum, große und kleine.
„Es ist diese hier!“ Saskia holte eine große Dose aus ihrem Bücherregal und hielt sie mir hin. „Schau!“ Ein wenig verbeult war sie und kunterbunt, ein wenig rostig schon am Boden aber doch wunderschön. Bunte Schmetterlinge tanzten zwischen Sommerblumen.
„Darf ich mal reinschauen?“, bat ich sie, denn es interessierte mich brennend, wie so ein Glücksmoment aussehen würde.
Sie nickte. „Darfst du, aber nur hineinsehen, nichts anfassen!“, erlaubte sie mir und schraubte den Deckel ab.
Ich blickte hinein und sah Steine, Federn, bunte Zettel, Postkarten und funkelnde Perlen. Ich wollte gerade nach dem ein- oder anderen fragen, da zog Saskia die Dose wieder weg, schraubte den Deckel drauf und stellte sie zurück ins Regal. Nun war ich nicht klüger als zuvor. Ich war enttäuscht.
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, erklärte sie mir. „Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“
„Erzähl mir ein bisschen mehr über das Glück und über die Dinge, die da in deiner Dose sind!“, bat ich sie. Doch Saskia schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht!“, sagte sie. „Jeder hat ein anderes Glück, weißt du. Du musst schon selbst sammeln. Fang einfach damit an, dann wirst du mich verstehen!“
Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was Saskia meinte. Vielleicht war ich auch einfach schon zu alt für so etwas. Aber versuchen wollte ich es doch und als ich ein paar Tage später mit Saskia auf dem Trödelmarkt war, suchte ich nach einer Dose, in der ich meine Glücksmomente aufbewahren könnte, wie immer sie auch aussehen würden.
Wir entdeckten viele schöne und interessante Dinge, aber eine Dose, wie sie mir vorschwebte, fanden wir nicht.
„Das kann man nicht erzwingen!“, sagte Saskia. „Es ist wie mit dem Glück, es kommt auf dich zu. Mit der Dose wird das genauso sein, wirst schon sehen!“
Ich wunderte mich, dass ein so junges Mädchen wie Saskia so viel über das Glück wusste. Ja, sie erschien mir beinahe weise und ich schämte mich ein bisschen, dass ich mir niemals Gedanken über Glücksmomente gemacht hatte. Ich war doch ein glücklicher Mensch, oder etwa nicht?
Ich war völlig in Gedanken versunken, als mich einer der Händler, vor dessen Stand wir uns gerade aufhielten, ansprach.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er freundlich und als er bemerkte, dass ich ihn nicht verstanden hatte, wiederholte er seine Frage. „Suchst du etwas Bestimmtes? Kann ich dir helfen?“
„Sie schaut nur!“, antwortete Saskia an meiner Stelle und drückte mir ein hölzernes Kästchen in die Hand. „Guck mal!“, sagte sie.
„Das ist eine besonders schöne Arbeit!“, versicherte der Händler geschäftstüchtig. Liebevoll strich er über den Deckel, der mit einer feinen Intarsienarbeit verziert war. Goldfarbene Scharniere gaben dem Deckel Halt.
„Darin wurden Liebesbriefe aufbewahrt, damals, als man noch richtige Briefe schrieb. Lange ist’s her!“
Saskia kicherte, sie wusste genau, was ich dachte in diesem Moment. Sie kannte mich schließlich gut genug und sie wusste, dass ich noch immer persönliche Briefe schrieb, zu jedem Geburtstag, zu jedem Jahresfest und auch einfach mal zwischendurch. Sie, als meine Nichte kam häufig in den Genuss.
„Dann habe ich wohl gefunden, was ich suchte!“, stellte ich fest und drückte die Truhe an mich. „Dieses wird meine Glücksmomentetruhe werden!“, beschloss ich und war ganz sicher, dass ich genau das Richtige für mich gefunden hatte. Ich fragte nach dem Preis. Wir wurden uns schnell einig, der nette Händler und ich und als er mir mit einem Augenzwinkern seine Visitenkarte in die Truhe packte, versprach ich ihm einen Brief, einen handgeschriebenen.

Das ist nun viele Jahre her. Die Truhe hat sich gefüllt mit unzähligen Glücksmomenten. Mal war es eine Feder, die ich bei einem Spaziergang im Park gefunden hatte und die mich an einen wunderbaren Nachmittag mit einem lieben Menschen erinnerte. Dann dieser Ring aus einem Kaugummiautomaten mit der rosa Perle, den mir Paul geschenkt hatte, als er unseren Jahrestag vergessen hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie er ihn für eine Münze zusammen mit drei bunten Kaugummikugeln aus dem Automaten zog. Der Bierdeckel, auf den er ein Gedicht für mich gekritzelt hatte gehörte genauso zu meinen Glücksmomenten, wie die Armbändchen meiner Kinder, die sie als Neugeborene im Krankenhaus getragen hatten. Auch Saskia hat viele Momente dazu beigetragen.
Als ich die getrocknete Rose aus Saskias Brautstrauß liebevoll in die Truhe packe, erinnere ich mich zurück an unseren Flohmarktbesuch und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich ein Stück Leben gelehrt hat, denn auf dem Flohmarkt fing es an, ich war auf der Suche nach dem Glück und fand ein doppeltes: die hölzerne Truhe und Paul, der sie mir verkauft hat und bereits nach ein paar Tagen den ersten Brief von mir erhielt.
So ein Glück!
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, schrieb ich ihm damals.
„Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“

Ja, so war das und ich kann nur jedem raten, seine Glücksmomente zu sammeln, um sich immer wieder daran erinnern zu können. Es tut so gut!

© Regina Meier zu Verl

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Märchen, Reise, vergnügt, erschrecken, erleichtert

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Ich habe diesmal ein etwas „längeres“ Werk begonnen und präsentiere heute zunächst den Prolog. Mit jeder weiteren Reizwortgeschichte wird es etwas vorangehen bei meiner Erzählung, vielleicht auch mal zwischendurch, mal schauen, wohin der Weg mich führt – mögt Ihr mich begleiten?

Josh im Bärenwald

Prolog
„Von diesem Tag an erzählte der Bärenpapa seinen Kindern jeden Abend ein Märchen!“, sagte Opa und klappte das Buch zu.
„Nun wird aber geschlafen, kleiner Josh!“ Er deckte den Jungen liebevoll zu, küsste seine Stirn und wollte gerade das Zimmer verlassen, als Josh fragte:
„Aber woher kennt denn der Bärenpapa die Märchen? Hat er auch ein Märchenbuch?“
„Das vermute ich!“, meinte Opa. „Vielleicht denkt er sich aber auch einfach immer wieder neue Geschichten aus, so wie ich das manchmal mache!“
Erschreckt setzte sich Josh im Bett auf.
„Aber wenn der Bärenvater die Geschichten erfindet, wie kann ich dann von ihnen erfahren. Opa, du musst mir ihm reden, unbedingt!“, bettelte Josh.
„Mmmh“, machte Opa und dann noch einmal „Mmmh!“
„Weißt du, kleiner Josh, es gibt so viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich glaube, sie werden uns niemals ausgehen. Aber ich versuche, ob ich auch vom Bärenvater eine neue Geschichte erfahren kann, und die werde ich dir dann erzählen.“, sagte Opa vergnügt, denn er liebte es, Geschichten zu erfinden.
Erleichtert ließ sich Josh in sein Kissen zurücksinken.
„Meist du, du kannst mir morgen schon eine Geschichte vom Bärenvater erzählen?“, fragte Josh und seine Augen wurden kleiner und kleiner. Die Antwort seines Opas hörte er schon gar nicht mehr, im Nu hatte er sich auf die Reise ins Land der Träume gemacht.
Als Opa ins Wohnzimmer kam, setzte er sich auch gleich an seinen Schreibtisch. Oma war noch irgendwo im Haus beschäftigt, vielleicht arbeitete sie ebenfalls am Schreibtisch, denn sie war Lehrerin und musste am Abend immer den Unterricht vorbereiten, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach war, da die Schüler gar nicht in die Schule kamen, sondern online am Bildschirm Unterricht hatten.
Opa nahm seinen Skizzenblock und malte einen Bären, daneben vier Kinder, natürlich Bärenkinder. Jedes von ihnen bekam einen Namen, Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hießen sie und waren allerliebst anzuschauen, besonders, als sie farbig ausgemalt waren und nun ihren Erschaffer, Opa, vorwitzig anschauten.
„Nun wollen wir doch mal sehen, ob mir zu euch nicht jede Menge Geschichten einfallen werden!“, sagte Opa und malte noch einen Wald in den Hintergrund, denn irgendwo mussten die Bären ja wohnen.
Der Josh würde staunen, wenn er ihm am nächsten Morgen die Zeichnung zeigen würde und noch mehr staunen würde er, wenn er dann am Abend bereits die erste Geschichte von Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hören würde. Opa hatte schon eine Idee, aber die wird natürlich noch nicht verraten – vielleicht morgen, mal sehen!

© Regina Meier zu Verl

Diese Geschichte nimmt an Elkes ‚froher und kreativer Linkparty‘ teil. Hier geht es zu Elke und ihrem ‚Kleinen Blog‘. KLICK!

Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

Lies hier:

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Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Gänse, Brot, süß, meckern, stehlen

Das sind die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten. Lest, was dabei herausgekommen ist unten und auch bei meinen beiden Mitstreiterinnen:

Lore

Martina

Aufregung auf der Gänsewiese 

Aufgeregt liefen die Gänse auf der Gänsewiese hin und her. Sie schnatterten dabei laut. Man hätte denken können, es sei der Teufel oder der Fuchs hinter ihnen her. Sie schlugen so kräftig mit den Flügeln, dass Gänsefedern durch die Luft stoben. Das Pony Rodrian wieherte: „Guck, es schneit wieder!“
Was war denn da nur los? Tante Anna, die Bäuerin, stand am Küchenfenster und wunderte sich.
„Ich glaube“, sagte sie zu ihrem Mann Antonius, „du musst mal gucken gehen, die Gänse sind außer Rand und Band!“
Antonius schob sich schnell noch ein Stück Brot mit Schinkenspeck in den Mund, murmelte „Jau!“, erhob sich schwerfällig, schnappte seine Mütze und ging nach draußen.
Als er an der Gänsewiese angekommen war, beruhigten sich die Tiere ein wenig. Es war immer gut, wenn sich der Boss einmischte, das kannten sie schon.
„Nun macht doch mal halblang, ihr alten Schnattertanten!“, sagte er und schon der Klang seiner Stimme half, um noch ein wenig mehr Ruhe einkehren zu lassen.
„Schade!“, wieherte Rodrian und drehte den Gänsen sein Hinterteil zu. Er hatte sich so über den Schnee gefreut und nun machte der Bauer alles kaputt.
„Nun sagt mir doch mal, was hier los ist!“, befahl der Bauer. Sofort schnatterten alle wild durcheinander.
„Halt!“, brüllte Antonius. „So nicht! Eine redet, die anderen schweigen!“
Stille kehrte ein, dann schnatterte Gisela, die Älteste: „Die böse Katze hat unser Schnubbelchen gestohlen!“
„Wer um alles in der Welt ist denn Schnubbelchen?“, fragte der Bauer verwundert.
„Na, unser Jüngstes!“, erklärte Gisela weinerlich. „Die Katze hat das Kleine so lange gelockt, bis es durch ein Loch im Zaun hinter ihr her ist. Wir konnten gar nichts machen!“
„Und wo ist die Katze jetzt? Und wie sieht sie aus? Und von woher kommt sie überhaupt?“, wollte der Bauer nun wissen.
Gisela zuckte mit den Flügeln. „Woher soll ich das wissen?“
Der Bauer Antonius schlurfte nun über seinen gesamten Hof, schaute in jede Ecke, hinter jeden Busch und Strauch und rief: „Schnubbelchen! Schnubbelchen!“
Gerade als er vor dem Küchenfenster hinter dem Rhododendron nachgeschaut hatte und immer weiter rief: „Schnubbelchen, wo bist du denn?“, antwortete sein Frau: „Hier bin ich doch!“
Der Bauer Antonius lachte auf, er konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. „D…dich meinte ich nicht!“, stammelte er atemlos. „Ich suche ein Gänseküken, Schnubbelchen! Eine fremde Katze soll es gestohlen haben!“
Anna überlegte nicht lange. „Dann kann ich dir helfen. Es wird die Nachbarkatze sein, die Schnurrsula! Die kuschelt so gern, schau mal in der Scheune nach!“ Die Bäuerin kam aus der Küchentür und begleitete den Antonius zur Scheune. Leise öffneten sie die Tür und schauten vorsichtig hinein.
„Da, schau!“ Anna deutete auf einen Haufen Heu, in dem hatte sich die Katze eingerollt und an ihren Hals gekuschelt schlief ein Gänseküken, Schnubbelchen.
„Das ist süß, oder?“, flüsterte Anna.
„Jau!“, sagte Antonius und sah seine Anna liebevoll an. „Aber jetzt verrate mir doch bitte, woher du den Namen der Katze kennst!“
„Es ist die Katze der Nachbarin und weil die Ursula heißt, und die Katze so ein liebevolles Kätzchen ist, habe ich sie Schnurrsula genannt!“
Dass die Katze eigentlich ein Kater war und Felix hieß, war ja nicht so schlimm, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Ein leeres Paket zum Muttertag

Ein leeres Paket zum Muttertag

Meine Oma Betty macht mal ein paar Tage Pause, es gibt noch viel mehr von ihr zu erzählen, aber ich will euch nicht ermüden und stelle nun erstmal wieder ein paar Geschichten aus meinen „frischen und aktuellen“ ein. Mit einer Muttertagsgeschichte geht es los, es ist ja bald soweit, am 9. Mai, wenn ich das richtig im Kopf habe.

Ein leeres Paket zum Muttertag

„Hast du eine Idee, was wir Mama zum Muttertag schenken könnten?“, fragt Anne ihren Bruder Tim.
Der nimmt seine Kopfhörer aus dem Ohr und sagt: „Was?“
„Das heißt: wie bitte!“, verbessert ihn Anne und fragt dann nochmal.
„Keine Ahnung!“, ist die Antwort und sofort wandern die Kopfhörer wieder ins Ohr.
Anne verdreht die Augen und tippt ihrem Bruder auf die Schulter.
„Du könntest mal mit mir gemeinsam überlegen!“, bittet sie.
„Wie bitte?“, fragt Tim und grinst, nimmt aber die Kopfhörer wieder raus und wendet sich seiner Schwester zu.
„Ist gar nicht einfach!“, meint er und kratzt sich am Ohr. „Blumen?“
Anne schüttelt den Kopf. „Nein du weißt doch, dass Mama es nicht mag, dass am Muttertag alle Blumen schenken. Sie sagt immer, dass es dafür Gelegenheiten genug gibt und die zum Muttertag einfach überteuert sind.“
„Ist das denn wirklich so?“, fragt Tim und schielt auf sein Handy, das gerade eine Nachricht angekündigt hat. Gern würde er nachsehen, wer geschrieben hat, wartet aber ab. In Gedanken ist er bereits nicht mehr beim Muttertag, sondern bei der Handynachricht.
„Fürs Bildermalen sind wir wohl zu groß mittlerweile“, meint Anne. Tim nickt zustimmend.
„Stimmt, außerdem kann ich nicht malen, das wäre dann nur was für dich!“, sagt er und nimmt das Handy, um nun doch mal kurz drauf zu schauen. Er liest, grinst, tippt und schon hat er seine Schwester wieder vergessen.
„Du bist wirklich unmöglich!“, schimpft Anne. „Kannst du nicht mal ein paar Minuten ohne dein Handy sein?“
„Schlecht!“, gibt Tim zu.
Annes Augen blitzen mit einem Mal auf. „Ich habe eine Idee für den Muttertag!“, ruft sie. „Vertraust du mir?“, will sie von ihrem Bruder wissen.
„Mmh, eigentlich schon, aber jetzt lass mich erstmal in Ruhe!“
„Pass auf, du musst gar nichts machen, ich kümmere mich um das Geschenk, aber du musst versprechen, dass du nicht meckerst!“, sagt Anne.
„Versprochen!“, Tim steckt seine Kopfhörer wieder ins Ohr, für ihn ist die Diskussion damit beendet.

Am Muttertagmorgen decken die Geschwister liebevoll den Kaffeetisch.
„Und was ist nun mit dem Geschenk?“, fragt Tim.
„Warte, bis Mama da ist, dann wirst du es sehen!“ Anne macht ein so verschmitztes Gesicht, dass Tim doch neugierig geworden ist. Aber sie verrät nichts.
„Alles Gute zum Muttertag!“, sagt Anne feierlich und drückt ihrer Mama einen dicken Kuss auf die Wange. Tim schließt sich an. Mama freut sich über das Frühstück. „Ihr seid die Besten!“, sagt sie glücklich.
„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, Anne holt ein buntes Päckchen aus dem Küchenschrank, wo sie es vorher versteckt hatte.
Mama packt das Geschenk erwartungsvoll aus, Tim schaut ihr neugierig über die Schulter. Das Paket ist leer, nur ein Brief ist drin. Mama öffnet den Brief und liest laut:
Liebe Mama, wir schenken dir zum Muttertag Zeit, Zeit ohne Unterbrechungen und blödes Handygepiepe, deshalb legen wir nun unsere Handys in diesen Karton und du darfst bestimmen, wann wir sie wieder herausholen dürfen. Deine Kinder Anne und Tim!
„Das ist eine großartige Idee!“ Mama freut sich. Anne legt ihr Handy in den Karton und auch Tim tut das, ohne zu murren. Er hat’s versprochen und was man versprochen hat … ihr wisst schon.
Papa, der in der Küchentür steht und die Sache beobachtet, legt sein Handy auch dazu, weil er die Idee richtig schön findet.
„Fehlt nur noch Mamas Handy!“, sagt er fröhlich. Natürlich wandert das auch in den Karton und ich bin davon überzeugt, dass die Vier einen wunderbaren Tag haben werden, ganz ohne Störungen.

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty im Tanzfieber

Oma Betty im Tanzfieber

Oma Betty im Tanzfieber

„Und eins, zwei drei, eins zwei drei!“, zählt Oma Betty, während ich wie ein kleines Äffchen an ihr hänge und versuche, mich zu der Musik zu bewegen. Oma ist nämlich im Tanzfieber, seit sie diese Sendung im Fernseher verfolgt. Da sie aber niemanden hat, den sie zum Tanzen überreden könnte, Opa ist nämlich völlig untalentiert, bin ich mal wieder dran.
„Oma, du schaffst mich!“, stöhne ich und wundere mich, wo diese alte Frau ihre Kondition hernimmt. „Können wir mal eine Pause machen?“
Ich löse mich aus ihrem festen Griff und lasse mich in den Sessel plumpsen. Oma lacht mich aus.
„Junge, du solltest Frühsport machen, so wie ich! Jeden Morgen hundert Kniebeugen, das tut gut und hält fit!“, meint Oma und macht die Musik leiser.
Ganz ehrlich, ich habe Oma Betty noch niemals Kniebeugen machen sehen. Das ist doch geflunkert, denke ich.
„Hundert Kniebeugen?“, frage ich. „Ist das nicht ungesund?“
Oma schüttelt den Kopf. „Keineswegs, soll ich es dir vormachen?“
„Nein, lass mal, ich glaube dir auch so!“, behaupte ich, weil ich fürchte, dass ich mitmachen muss.
„Dann tanzen wir aber noch eine Runde, okay? Weißt du, es ist gut, wenn ein Mann tanzen kann“, sagt sie und strahlt mich an. Ich strahle auch, denn es gefällt mir gut, als Mann bezeichnet zu werden, das weckt meinen Ehrgeiz ungemein.
„Also gut!“, ich rappele mich hoch, verbeuge mich vor Oma und sage: „Darf ich bitten?“
„Gern!“, sagt Oma und reicht mir die linke Hand, mit der rechten dreht sie den CD-Spieler wieder auf laut. Wir schwingen dreimal hin und her und dann tanzen wir den langsamen Walzer zu Omas krasser Musik. Geschmack hat sie, das muss ich sagen, denn genau wie Oma liebe ich Metallica. Oma Betty hat eine Aufnahme von „Nothing else matters“ Metallica mit Symphonieorchester, das rockt!
„Wie viele Musiker hat eigentlich so ein Orchester?“, frage ich Oma, als wir wieder eine kurze Verschnaufpause einlegen müssen.
„Das können bis zu hundert Musiker sein, wenn ich das richtig behalten habe!“, sagt Oma und plötzlich leuchten ihre Augen und ich weiß genau, was jetzt kommen wird.
„Schade, dass ich nun zu alt dafür bin, ich hätte auch so gern mal in einem großen Orchester mitgespielt!“, sagt sie und ich höre deutlich das Bedauern in ihrer Stimme.
„Aber Oma, du bist doch nicht alt. Du wirst sicher hundert Jahre alt werden, es bleibt also noch genügend Zeit, um sich Wünsche zu erfüllen, oder?“
Oma lacht, richtig fröhlich klingt das und gar nicht alt. „Du bist ein Schatz!“, behauptet sie und drückt mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. Ich lass ihr das heute mal durchgehen, ausnahmsweise.
„Sag mal Oma, heute haben wir es aber mit der Hundert, oder?“
Irritiert schaut sie mich an. „Was meinst du?“
„Na, hundert Kniebeugen, hundert Musiker im Orchester und dann dein hundertster Geburtstag irgendwann!“, zähle ich auf und Oma setzt der ganzen Zählerei noch die Krone auf:
„Und dieses ist die hundertste Geschichte für das Bonewie*!“, lacht sie und ich weiß, dass sie unserem Tanznachmittag nun gleich aufschreiben wird.
Meinetwegen – ich bin sicher, sie kriegt auch die Zweihundert noch voll!

© Regina Meier zu Verl
Das Bonewie ist ein Lokalmagazin, in dem monatlich eine Geschichte von mir erscheint.

Ein Bild für Tina

Ein Bild für Tina

Ein Bild für Tina

Mama arbeitet im Homeoffice. Maila weiß, dass sie nur im äußersten Notfall stören darf und so ein Notfall ist nun eingetreten. Puppe Tina ist aus ihrem Stühlchen gestürzt und hat sich verletzt. Wahrscheinlich ist ein Bein gebrochen, so wie bei Oma neulich und das war richtig schlimm. Dabei hatte Oma noch Glück gehabt und einen glatten Bruch erlitten. Schmerzvoll war es trotzdem gewesen. Bis zur Heilung muss Oma nun einen Gips tragen und mit Gehhilfen durchs Zimmer humpeln.
Maila klopft leise an die Wohnzimmertür. Mama sitzt am Schreibtisch und hat die Kopfhörer auf. Sie spricht mit einem Herrn, den Maila auf dem Bildschirm sehen kann. Vorsichtig schleicht sie sich an Mama heran und zupft an ihrem Ärmel.
Zuerst schaut Mama sie verärgert an, sieht dann aber, dass Maila todunglücklich schaut.
„Entschuldigen Sie, Herr Winter, ich glaube ich muss mich schnell um einen Notfall kümmern. Darf ich Sie in ein paar Minuten noch einmal anrufen?“, sagt sie und nimmt den Kopfhörer ab, nachdem Herr Winter den Daumen gehoben hatte, um sein Einverständnis anzuzeigen.
„Was ist den los, Schatz?“, fragt Mama und zieht Maila auf ihren Schoß.
„Meine Tina ist aus ihrem Stühlchen gefallen und hat sich verletzt, kannst du schnell kommen? Ich glaube, sie braucht einen Gips!“, erzählt Maila aufgeregt.
„Oh je, das tut mir leid!“, sagt Mama und geht mit Maila gemeinsam ins Kinderzimmer. Tina liegt auf dem Boden. Mama nimmt sie auf und wiegt sie in ihren Armen. Dabei summt sie leise. Dann legt sie die Puppe vorsichtig auf Mailas Bett und untersucht sie. Vorsichtig tastet sie Arme und Beine ab.
„Ich glaube, es ist nichts gebrochen, aber vielleicht wird sie morgen einen blauen Fleck haben, das könnte sein.“, sagt Mama. „Ich denke, wir werden ihr ein Pflaster aufs Bein kleben und ein wenig Gummibärchenmedizin geben, das hilft gut!“, schlägt sie vor.
Das findet Maila prima, denn auch sie bekommt Gummibärchen, sogar zwei mehr als Tina.
„So“ sagt Mama entschieden. „Nun lege Tina in dein Bett und male ihr ein schönes Bild. Ich gehe zurück zu Herrn Winter und dann habe ich gleich wieder Zeit für euch, okay?“
Maila ist einverstanden und während sie genüsslich ihre Gummibärchenmedizin lutscht, malt sie ein schönes Frühlingsbild für ihre Tina. Das hilft auch bei der Heilung, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bente und die Insel

Bente und die Insel

Die nachfolgende Geschichte ist ein wenig länger. Du kannst sie dir aber vorlesen lassen, wenn du magst. Viel Spaß beim Anhören oder Lesen!

Bente und die Insel

Es war einer dieser Sonnentage, die sich beinahe wie Frühling anfühlten. Die Kraniche waren schon vor ein paar Tagen zurückgekommen, ein sicheres Zeichen dafür, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis wir wieder ohne Jacke und Mütze nach draußen gehen könnten. Darauf freute ich mich schon sehr.
Die Kühe vom Nachbarn waren bereits auf der Weide, die an unseren Garten grenzte. Eine von ihnen, Bente, stand allein am Zaun. Immer schon hatte sie sich von den anderen abgesondert. Ich wusste das so genau, weil ich Bente gut kannte, besser gesagt „erkannte“, denn sie hatte auf dem linken hinteren Batzen einen weißen Fleck, der aussah wie die Insel Sylt, ansonsten war sie beinahe überall schwarz. Weiterlesen