Krümel träumt – Reizwortgeschichte

Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig
Das waren die Wörter, die heute mit eingebaut werden mussten. Wir sind heute nur zu zweit, da Lore sich von einem heftigen Sturz erholen muss. Wir wünschen ihr gute Besserung und freuen uns, wenn sie bald wieder dabei sein kann!
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Hier kannst du dir die Geschichte anhören:

Krümel träumt

Krümel hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf. Da war doch ein Geräusch gewesen, mitten in der Nacht. Da! Schon wieder. Krümel bellte zweimal kurz „Wuff, Wuff!“ Dann lauschte er aufmerksam. Er hörte nichts mehr und legte sich wieder bequem hin. Ach, er war so müde und hatte auch überhaupt keine Lust, Einbrecher zu verjagen. Sicher hatte er geträumt.
Er versuchte, sich zu erinnern, wovon er geträumt hatte. Es war doch gerade so schön gewesen. War da nicht ein Hundemädchen vorgekommen? Verflixt, Krümel wusste es nicht mehr und jetzt konnte er auch nicht wieder einschlafen vor lauter Denkerei. Wie blöd war das denn!
Vielleicht könnte er mal kurz in die Küche gehen und einen Schluck trinken, sicher schaffte er es anschließend, wieder in seinem geräumigen Kuschelkorb einzuschlafen. Einen Versuch war es wert. Also, ab in die Küche. Dort schlabberte er den gesamten Wassernapf leer und bedauerte, dass da nicht ein einziges Leckerchen im Fressnapf lag. Dabei mochte er doch diese gelben Hunde-Biskuits so gern, bei denen vorn auf der Tüte diese süße Hundedame abgebildet war. Die war es auch, die ständig in seinen Träumen vorkam, jetzt fiel es ihm wieder ein. Was gäbe er dafür, die Süße jetzt betrachten zu dürfen, die Tüte dürfte auch ruhig leer sein. Irgendwo hatte er doch neulich eine dieser Verpackungen aus dem Müll gerettet und versteckt, wo war das nur gewesen?
Krümel machte sich auf die Suche. Er fing in der Küche an. Unter dem Tisch war nichts, unter der Eckbank auch nicht. Die Schränke konnte er nicht öffnen und die Arbeitsplatte war unerreichbar für ihn. Weiter ging es im Wohnzimmer. Er krabbelte unters Sofa, schaute hinter den Sofakissen, wobei er sie im hohen Bogen ins Zimmer warf. Selbst in den großen Topfblumen fand er nichts auf Anhieb. Vielleicht hatte er die Tüte dort verbuddelt? Mit den Vorderpfoten schob er zunächst vorsichtig die Erde ein wenig zur Seite. Als er nichts fand, wurde er ärgerlich und schließlich vergaß er, dass er im Wohnzimmer war und nicht draußen im Garten, er buddelte also heftig, so dass die Blumenerde nur so flog. Die Tüte fand er nicht und nach der Niedergeschlagenheit meldet sich dann das schlechte Gewissen. Krümel zog den Schwanz ein und wimmerte. Was hatte er nur wieder angestellt. Da würde Mama sicher heftig schimpfen. Vor lauter Not musste er nun auch noch pinkeln, ganz dringend musste er. Er erleichterte sich auf der Blumenerde, die auf dem Teppich lag, oh, das tat gut!
Als Mama am nächsten Morgen das Malheur entdeckte, kreischte sie so laut, dass Krümel vor lauter Schreck in den Flur flitzte und in seine Transportbox kletterte, die unter der Garderobe stand. Eigentlich mochte er diese blöde Box gar nicht leiden, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass es dann zum Tierarzt ging, und der piekte ihn dann mit dieser furchtbaren Spritze. Aber heute fühlte er sich in der Box in Sicherheit. Mit der Schnauze zog er sogar das Gitter von innen zu und sagte keinen Mucks mehr. Den ganzen Vormittag blieb er darin und als er sich sein Kissen zurechtschieben wollte, knisterte es ein wenig. Da war sie ja, die Tüte mit dem Portrait der Angebeteten. So wurde doch alles wieder gut und Mama, die beruhigte sich auch bald wieder, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

Irgendwann, wenn ich groß bin


Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

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Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus

Die Schwestern Sansevieria und der dicke Kaktus
Eine Fensterbankgeschichte

„Ich kann nicht verstehen“, rief die Sansevieria ihrer kleinen Schwester zu, „dass immer dieser hässliche Kaktus zwischen uns stehen muss. Ich mag ihn nicht leiden!“
„Da bin ich ganz deiner Meinung, meine Liebe!“, gab diese näselnd zur Antwort.
„Aber bedenke, nicht jeder hat das Glück, so wohlgestaltet und wunderschön sein zu dürfen wie wir. Daher sollten wir Mitleid haben mit dem armen Kerl, findest du nicht auch?“
Die Große stimmte ihr zu:
„Das stimmt wohl, er kann ja nichts dafür, dieser stachelige Geselle. Armer Wicht!“
„Dick ist er auch!“, meinte die Kleine.
„Wir dagegen sind schlank und schön, habe ich nicht recht?“
„Und eingebildet, ja, das seid ihr“, brummte der Kaktus.
„Ich wünschte, ich müsste euch nicht länger zuhören. Im Übrigen: Hört euch mal um! Von uns, den Kakteen spricht jeder, weil jeder sie kennt. Wer aber weiß schon, was eine Sansevieria ist. Ha! Und nun möchte ich um etwas mehr Ruhe bitten. Ich bin etwas müde.“
„Blödmann!“, schimpfte die Kleine.
„Kaktus, wie das schon klingt, wie … ach, ich mag es gar nicht aussprechen!“
Die große Schwester lachte albern, schickte aber die nächste Frechheit gleich hinterher:
„Du siehst aus wie ein grüner Igel, ein hässlicher grüner Igel!“
„Igel sind niedlich!“, brummte der Kaktus. „Ihr aber nicht, ihr böswilligen Schwestern!“
Er nahm sich vor, nun nichts mehr zu sagen. Warum sind sie so gemein zu mir, überlegte er und er merkte, wie ihn Traurigkeit überrollte. Das Leben könnte so schön sein, wenn alle nett zueinander wären. Nett und einfach.
„Ach, ach!“, entfuhr es ihm nun und er senkte sein stacheliges Haupt.
Die Sansevieria-Schwestern schwiegen. Vielleicht merkten sie, dass sie es übertrieben hatten, und das schlechte Gewissen regte sich. Eine Weile war es still auf der Fensterbank an diesem schönen Sommertag, bis auf einmal die Kleine sagte: „Mir ist das viel zu heiß hier heute, ich könnte einen Schluck Wasser vertragen.
„Oh, oh, ich auch“, erwiderte ihre Schwester. „Aber ich fürchte, wir werden warten müssen. Die Frau gießt uns jeden Freitag und das ist noch nicht lange her. Eigentlich reicht das auch.“
„Nur jetzt gerade nicht. Ich glaube, wir müssen verdursten … und Schuld ist dieser Kerl da.“ Sie winkte zum Kaktus hinüber. „Ärger macht durstig. Das weiß doch jeder.“
Der Kaktus kicherte.
„Was kicherst du so blöd?“, fragten die Schwestern gemeinsam.
„Och, mir fiel nur gerade ein, dass Ärger nicht nur durstig, sondern auch hässlich macht, ja ja!“
„Hast du das gehört?“, brauste die Große auf. „Eine Unverschämtheit ist das. Ha!“ Sie wandte sich an ihre Schwester. „Warum sagst du nichts dazu?“
Die Kleine schwieg und ihre Blattspitzen begannen, sich leicht, ganz leicht einzurollen.
Auch der Kaktus kicherte nicht mehr.
„Lasst uns zusammenhalten!“, sagte er. „Wir sind doch die einzigen hier, die …“
„Die was?“, fragte die Gießkanne.
„Na, wir sind die, die zusammenhalten müssen. Komm schon, Gießkanne, gib den Damen einen Schluck Wasser. Ich kann lange ohne Wasser auskommen, die beiden aber nicht!“
„Und ich habe keine Beine“, sagte die Gießkanne.
„Was bildest du dir eigentlich ein, du doofe Kanne!“, keifte die große Sansevieria los.
„Verschwinde, du hast hier überhaupt nichts verloren!“, polterte auch die Kleine.
„Genau!“, brüllte der Kaktus. „Nichts als Unfrieden säst du, nur Unfrieden, du Wasserding, du. Du willst wohl unsere kleine Familie hier gegeneinander aufbringen. Lass uns in Ruhe! Hörst du?“
Lautes Gezeter und Geschimpfe erfüllte den Raum.
„Ich lasse mich nun einfach von der Fensterbank fallen, wollen wir doch mal sehen, ob dann nicht jemand kommt und eingreift“, verkündete der Kaktus. Er ruckelte hin und her und noch einmal hin und her und zack, lag er auf der Seite. Das schepperte heftig und sofort kam Gela angerannt. Sie wohnte hier und hatte die Macht über die Gießkanne.
„Na sagt mal, was ist denn hier los?“, fragte sie und wollte den Kaktus wieder aufrichten, dabei stachen seine spitzen Stacheln heftig in ihre Hand.
„Aua!“, schrie sie und ließ ihn gleich wieder fallen. „Du spinnst wohl!“
„Tut er nicht!“, riefen die Sansevierien im Chor. „Er wollte uns retten, der Liebe!“
Aber das hörte Gela nicht, sie konnte wohl die Blumensprache nicht verstehen. Der Kaktus aber hatte es vernommen und es tat ihm so gut.
Als Gela ihn vorsichtig aufgerichtet hatte und er wieder zwischen den Schwestern stand, war seine Welt wieder in Ordnung. Alle bekamen einen Schluck Wasser aus der Gießkanne, die nun auch erfreut wieder in den Kreis der Freunde aufgenommen wurde.

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Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

In dieser Geschichte geht es auch um die Heimat: Eine Reise in die Kindheit (auch zum Anhören)

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

Marienblume, Pfingstrose, was ist denn nun richtig?

„Schau nur Anni, die Pfingstrose wird bald aufblühen. Ich liebe die Zeit der Pfingstrosen!“, sagt Oma Anna zu ihrer Enkelin.
„Haben sie auch Dornen, die Pfingstrosen?“, will Anni wissen und greift vorsichtig ins Blattgrün.
„Nein, wo denkst du hin? Aber aufpassen musst du trotzdem. Pfingstrosen sind nämlich leicht giftig und man kann sich mächtig den Magen verderben, wenn man ein Blattstück oder ein Blütenblatt nascht.“ Ernst sieht Oma Anna Anni an.
„Also immer schön Hände waschen, wenn du eine Pfingstrose angefasst hast.“
„Versprochen!“, sagt Anni und gleich fällt ihr schon wieder eine Frage ein. „Warum haben sie denn keine Dornen, Oma?“
„So genau weiß ich das auch nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Pfingstrose, die auch Marienblume genannt wird, weil man ihr nachsagt, dass sie Heil, Geborgenheit und mütterliche Liebe spendet, aus genau diesem Grund keine Dornen hat. Um niemanden zu verletzen. Die alten Griechen berichten sogar, dass ein römischer Gott durch das Pferd seines Vaters zu Tode gekommen war und dann durch eine Pfingstrose wieder zum Leben erweckt wurde.“
Anni staunt. „Was du alles weißt, Oma!“, sagt sie bewundernd.
„Ach, das habe ich mal irgendwo gelesen“, sagt Oma Anna und schnuppert an der Knospe. „Bald wird sie wunderbar duften“, sagt sie.
„Dann ist die Pfingstrose also gar keine echte Rose“, meint Anni. „Sie heißt nur so?“
Oma Anna nickt. „Muss wohl so sein“, murmelt sie, denn diese Frage kann sie ihrer kleinen Enkelin ausnahmsweise einmal nicht beantworten und das bekümmert sie.
„Oma, das geht doch eigentlich gar nicht, dass, wenn einer tot ist, er durch eine Blume wieder zum Leben erweckt werden kann, oder?“, will Anni nun wissen.
„Nein, eigentlich nicht, vielleicht ist es ja ein Märchen, die Geschichte mit dem Pferd und dem Vater!“, sagt Oma Anna.
„Mitnichten“, ertönte da eine Stimme von irgendwo. „Und wer sagt, dass das, was euch Märchen erzählen, nicht wahr ist? Ich sage euch, die Märchen erzählen mehr wahre Dinge, als man glauben mag.“
Anni lauscht. „Hast du das auch gehört, Oma?“, fragt sie leise.
„Was denn Anni? Ich habe nichts gehört.“ Auch sie lauscht und mit einem Mal kribbelt es in ihrer Nase und sie niest heftig. „Hatschi!“
„Gesundheit!“, ruft die Stimme. Jetzt hat Oma sie auch gehört.
Sie lächelt. „Danke, kleine Blumenfee!“, sagt sie. „Das ist sehr freundlich von dir. Verrätst du uns nun auch noch, wo du dich verborgen hältst?“
„Gerade eben hier, später dort, immerfort zum andern Ort werd ich gehn und kein Mensch kann mich sehn“, tönt es von irgendwo weiter weg nun.
Oma Anna und Anni schauen sich an und lächeln.
„So ein schönes Erlebnis, hoffentlich kommt sie immer wieder in unseren Garten. Vielleicht haben wir Glück und können doch mal einen Blick auf sie erhaschen“, flüstert Anni ganz ergriffen.
Doch Oma schüttelt den Kopf.
„Es ist nicht so wichtig, sie zu sehen. Wichtig ist zu wissen, dass es Blumenelfen gibt, nicht wahr?“
Anni nickt. Mehr weiß sie in diesem Augenblick nicht zu sagen, aber sie würde von nun an sehr wachsam sein. Vielleicht würde sie die kleinen Feen doch mal sehen. Irgendwann …

© Regina Meier zu Verl

Schuhgröße Neun, Reizwortgeschichte

Clematis, Couch, clever, campen und chauffieren
Das waren die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten.
Schaut bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Schuhgröße Neun

Oma stand im Garten und bewunderte die Blütenpracht der Clematis, die sich in diesem Jahr von ihrer besten Seite zeigte und üppig an der Dachrinne hochkroch.
„Ist sie nicht wunderbar?“, seufzte sie ein ums andere Mal, erwartete aber keine Antwort. Doch ich war clever, ich ging auf ihre Jubelrufe ein und staunte laut mit ihr. Ich wollte nämlich mit meinem Freund im Garten campen und brauchte dafür ihr Einverständnis.
„Ach Oma, ich habe noch in keinem anderen Garten so eine prächtige Clementine gesehen!“, rief ich ihr von der Terrasse aus zu.
„Das heißt Clematis, Junge. Wie oft muss ich dir das noch sagen?“, schimpfte Oma. Dass ich mir das aber auch nicht merken konnte, das war blöd.
„Sorry, immer wieder vergesse ich den Namen der Schönheit!“, entschuldigte ich mich und summte das Lied von Clementine, das wir im Schulchor neulich gesungen hatten. Eigentlich war es ein trauriges Lied von einem Bergmann, der seine Tochter Clementine so sehr vermisste, aber mir gefiel es.
„Das kenne ich!“, jubelte Oma und stimmte den Refrain an: „Oh my darling, oh my darling, oh my darling Clementine!“
Sie lachte. „Jetzt weiß ich auch, warum du meine Blümchen immer verwechselst.“
„Stimmt, die Clementine aus dem Lied soll ja auch sehr schön gewesen sein, sie hatte nur furchtbar große Füße. Größe Neun, das war ihr Verhängnis!“, erzählte ich Oma, denn wir hatten im Unterricht nicht nur gesungen, sondern auch den Text übersetzt.
„Habe ich auch!“, sagte Oma. „Große Füße meine ich! Aber da fällt mir ein, dass ich unbedingt noch was einkaufen möchte. Fragst du Opa bitte mal, ob er mich in die Stadt chauffiert?“
Wie praktisch, dachte ich mir. Dann könnte sie doch ein paar Chips und Limo mitbringen, die wir beim Zelten verspeisen konnten. „Dürfen Tom und ich in eurem Garten campen, Oma?“, fragte ich.
„Meinetwegen, aber frag auch Opa, du findest ihn auf der Couch!“
Auch Opa war einverstanden. Also stand einem tollen Wochenende nichts mehr im Wege und Chips und Limo gab es auch, aber erst nach den Grillwürstchen und Omas leckerem Kartoffelsalat.

© Regina Meier zu Verl

Henny und Opa suchen Sauerampfer

Henny und Opa suchen Sauerampfer

„Im Frühling finden sich Freunde viel leichter als im Winter!“, sagte Henny und nickte bestätigend mit dem Kopf, so dass ihre blonden Locken lustig hüpften.
„Soso?“ Opa schmunzelte. „Woran das wohl liegen mag?“
„Am Frühlingswetter, ist doch klar! Da kann man so viele schöne Sachen machen und alle haben bessere Laune!“
„Erzähl, was für Sachen kann man machen? Und vor allem: darf ich mitmachen, auch wenn ich nicht dein Freund bin, sondern dein alter Großvater?“ Opa Hans stand auf und tat dabei, als schmerze sein Kreuz ganz furchtbar.
„Laufen, rennen, hüpfen, schaukeln, spielen. All das kann man im Frühling viel besser machen als im Winter. Ja, und Ausflüge und Picknicks und ach, es gibt so vieles.“ Henny umschrieb mit den Armen einen großen Kreis in der Luft.
„Ach, alles können wir machen. Am besten jetzt gleich.“
Opa Hans lachte.
„Na, dann schlage ich vor, wir fangen mit einem Picknick an, ich habe großen Hunger!“
Henny jubelte.
„Opa, du bist der Beste. Was nehmen wir mit?“
„Alles, was Omas Vorratsschrank so hergibt, denke ich und ich könnte schnell ein paar Waffeln backen“, schlug Opa vor, aber das dauerte Henny viel zu lange. Sie wollte los, am besten auf der Stelle. Also packten sie eine Tafel Schokolade, Butterkekse, zwei Bananen und Apfelsaft in Hennys Rucksack.
„Mehr brauchen wir wirklich nicht, Opa. Wir sammeln unterwegs Beeren und Kräuter, die machen auch satt?“
„Beeren? Im Frühling?“ Zweifelnd sah Opa Henny an. „Ich glaube, da werden wir wenig Glück haben.“
Doch Henny war schon viel weiter in ihren Gedanken.
„Weißt du, dass man Löwenzahn essen kann? Ganz. Von der Blüte bis zum Blatt und sogar den Stängel. Und aus der Wurzel kann man Kaffee machen. Ist das nicht wunderbar?“
„Das ist prima, aber seit wann trinkst du Kaffee?“, fragte Opa mit einem Augenzwinkern. „Aber ich verstehe schon, Löwenzahn ist ein Allround-Talent, so meinst du es, nicht wahr?“
„Genau, den Kaffee kannst du ja probieren und ich esse leckeren Löwenzahnhonig, oder Salat, der bestimmt auch gut schmeckt!“
„Na prima! So müssten wir unterwegs nicht verhungern und unser Picknick ist gerettet“, sagte Opa und er schritt schneller voran. „Wollen wir zum kleinen Waldteich gehen? Dort gibt es schöne Picknickplätze. Und bestimmt auch viele Löwenzahnblüten.“
„Man kann auch andere Wiesenblumen essen“, gab Henny zur Antwort, denn die Idee, sich das Essen selbst zu sammeln, gefiel ihr immer mehr.
„Dann schieß mal los, ich will alle wissen!“, meinte Opa. „Aber eine Blume weiß ich selbst, sie ist winzig und wunderhübsch. Weißt du, welche ich meine?“
Henny überlegte.
„Meinst du ein Veilchen?“, fragte sie.
„Gut geraten!“ Opa applaudierte. „Eine Veilchenblüte schmeckt, wie sie duftet. Zuckersüß!“
„Toll! Ich mag Veilchen.“ Auch Henny klatschte in die Hände, dann aber wurde sie still.
„Ich mag die Veilchen so sehr, dass ich sie eigentlich nicht essen möchte, und auch Gänseblümchen nicht, die dürfte man nämlich auch essen.“
„Dann“, sagte Opa, „empfehle ich dir den Sauerampfer.
„Hey, Opa, du weißt ja doch Bescheid, klasse. Ja, der Sauerampfer gehört auch dazu und der soll sehr lecker sein. Hast du ihn schon probiert?“
„Ja, das habe ich. Wir haben ihn in den Wiesen gesucht, als wir Kinder waren. Ich hatte das vollkommen vergessen. Schön, dass du mich erinnerst!“
„Dann lass ihn uns suchen, Opa! Sauerampfer möchte ich unbedingt versuchen. Der Name gefällt mir so gut.“
„Jaja. Sauer macht lustig.“ Opa nahm Henny an der Hand. Zielstrebig verließen sie den Weg und stapften quer über die Wiese Richtung Wald. Ein hübsches Bild, die kleine Henny und der große Opa mit den Nasen zum Boden gerichtet auf der Suche nach Sauerampfer, Veilchen, Löwenzahn und noch mehr Wiesenkräutern, die nicht nur Kühen lecker schmeckten.

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Ein leeres Paket zum Muttertag*

Hier ein Tipp für ein wunderbares Geschenk zum Muttertag, das keinen Cent kostet und trotzdem gut ankommen wird bei den Müttern, wetten?

Ein leeres Paket zum Muttertag

„Hast du eine Idee, was wir Mama zum Muttertag schenken könnten?“, fragt Anne ihren Bruder Tim.
Der nimmt seine Kopfhörer aus dem Ohr und sagt: „Was?“
„Das heißt: wie bitte!“, verbessert ihn Anne und fragt dann nochmal.
„Keine Ahnung!“, ist die Antwort und sofort wandern die Kopfhörer wieder ins Ohr.
Anne verdreht die Augen und tippt ihrem Bruder auf die Schulter.
„Du könntest mal mit mir gemeinsam überlegen!“, bittet sie.
„Wie bitte?“, fragt Tim und grinst, nimmt aber die Kopfhörer wieder raus und wendet sich seiner Schwester zu.
„Ist gar nicht einfach!“, meint er und kratzt sich am Ohr. „Blumen?“
Anne schüttelt den Kopf. „Nein du weißt doch, dass Mama es nicht mag, dass am Muttertag alle Blumen schenken. Sie sagt immer, dass es dafür Gelegenheiten genug gibt und die zum Muttertag einfach überteuert sind.“
„Ist das denn wirklich so?“, fragt Tim und schielt auf sein Handy, das gerade eine Nachricht angekündigt hat. Gern würde er nachsehen, wer geschrieben hat, wartet aber ab. In Gedanken ist er bereits nicht mehr beim Muttertag, sondern bei der Handynachricht.
„Fürs Bildermalen sind wir wohl zu groß mittlerweile“, meint Anne. Tim nickt zustimmend.
„Stimmt, außerdem kann ich nicht malen, das wäre dann nur was für dich!“, sagt er und nimmt das Handy, um nun doch mal kurz drauf zu schauen. Er liest, grinst, tippt und schon hat er seine Schwester wieder vergessen.
„Du bist wirklich unmöglich!“, schimpft Anne. „Kannst du nicht mal ein paar Minuten ohne dein Handy sein?“
„Schlecht!“, gibt Tim zu.
Annes Augen blitzen mit einem Mal auf. „Ich habe eine Idee für den Muttertag!“, ruft sie. „Vertraust du mir?“, will sie von ihrem Bruder wissen.
„Mmh, eigentlich schon, aber jetzt lass mich erstmal in Ruhe!“
„Pass auf, du musst gar nichts machen, ich kümmere mich um das Geschenk, aber du musst versprechen, dass du nicht meckerst!“, sagt Anne.
„Versprochen!“, Tim steckt seine Kopfhörer wieder ins Ohr, für ihn ist die Diskussion damit beendet.

Am Muttertagmorgen decken die Geschwister liebevoll den Kaffeetisch.
„Und was ist nun mit dem Geschenk?“, fragt Tim.
„Warte, bis Mama da ist, dann wirst du es sehen!“ Anne macht ein so verschmitztes Gesicht, dass Tim doch neugierig geworden ist. Aber sie verrät nichts.
„Alles Gute zum Muttertag!“, sagt Anne feierlich und drückt ihrer Mama einen dicken Kuss auf die Wange. Tim schließt sich an. Mama freut sich über das Frühstück. „Ihr seid die Besten!“, sagt sie glücklich.
„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, Anne holt ein buntes Päckchen aus dem Küchenschrank, wo sie es vorher versteckt hatte.
Mama packt das Geschenk erwartungsvoll aus, Tim schaut ihr neugierig über die Schulter. Das Paket ist leer, nur ein Brief ist drin. Mama öffnet den Brief und liest laut:
Liebe Mama, wir schenken dir zum Muttertag Zeit, Zeit ohne Unterbrechungen und blödes Handygepiepe, deshalb legen wir nun unsere Handys in diesen Karton und du darfst bestimmen, wann wir sie wieder herausholen dürfen. Deine Kinder Anne und Tim!
„Das ist eine großartige Idee!“ Mama freut sich. Anne legt ihr Handy in den Karton und auch Tim tut das, ohne zu murren. Er hat’s versprochen und was man versprochen hat … ihr wisst schon.
Papa, der in der Küchentür steht und die Sache beobachtet, legt sein Handy auch dazu, weil er die Idee richtig schön findet.
„Fehlt nur noch Mamas Handy!“, sagt er fröhlich. Natürlich wandert das auch in den Karton und ich bin davon überzeugt, dass die Vier einen wunderbaren Tag haben werden, ganz ohne Störungen.

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Das neue Tagebuch

Das neue Tagebuch

Mama hat gesagt, dass so ein Tagebuch etwas ganz Tolles ist. Man kann darin seine Gedanken ordnen, meint sie. So richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich bin da noch etwas unsicher, um nicht zu sagen hilflos. Was soll ich reinschreiben? Was ist, wenn es jemand liest? Das wäre blöd, kommt aber wohl vor. Mama ist das passiert. Sie stöhnt noch heute, wenn sie davon erzählt.

„Mein Bruder, dein Onkel, hat mal das Schloss geknackt und alles gelesen. Dann hat er sich über mich lustig gemacht. Von meinen Gefühlen hatte ich damals geschrieben und wie verliebt ich in Hermann war, der in meiner Klasse der Mädchenschwarm war. Ich habe getobt und gewütet. Als ich ihm mein Tagebuch abnehmen wollte, kam es zu einem Gerangel. Heinz kämpfte und kreischte und ich war so wütend, dass irgendwie meine Faust auf seinem Auge landete. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das nicht gewollt hatte, aber es war passiert. Sein Auge schwoll sofort an. Er ließ das Buch fallen und rannte zu unserer Mutter. Die blieb ruhig, legte sofort einen kühlen Lappen auf sein Auge und tröstete ihn. Ich konnte nur daneben stehen, leichenblass und voll des schlechten Gewissens. Ändern konnte ich nichts mehr, aber ich entschuldigte mich bei Heinz. Ich selbst hatte nur leichte Kratzer davon getragen, aber meine Seele war verletzt. Das war schlimm. Natürlich erwartete ich ein Donnerwetter meiner Mama. Das blieb aber aus. Sie schimpfte mit Heinz und erklärte ihm, dass man so etwas niemals tun dürfte. ‚Das ist wirklich das Allerletzte, das Tagebuch deiner Schwester zu lesen‘, hatte sie gesagt. Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Am nächsten Tag hatte er ein dunkellila Veilchen, eine Woche später war es nur noch ein Lavendelchen, danach wurde es gelb und grün und immer erinnerte mich sein Auge daran, was ich getan hatte. Das war nicht schön. Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und er hat versprochen, nie wieder an meine Sachen zu gehen, geschweige denn mein Tagebuch zu lesen. Ich habe dann aber wochenlang nichts mehr geschrieben.“

Ja, so war das bei Mama gewesen. Eine blöde Sache, das soll mir nicht passieren. Ich werde mein Buch verstecken. Vielleicht unter dem Bettlaken und mein Bett werde ich ab sofort nur noch selbst machen. Damit niemand das Buch dort entdecken kann. Andererseits vertraue ich ja meinen Leuten, ich denke noch mal drüber nach.

So, das war mein erster Eintrag im neuen Tagebuch, kurz noch etwas zum heutigen Tag: Sonnenschein am ersten Ferientag, Taschengeld bekommen und in Süßigkeiten umgesetzt, meinen morgigen Besuch bei Oma angekündigt und zwanzig Seiten meines neuen Buches gelesen, im Internet nach einem passenden Spruch für den heutigen Tag gesucht und folgenden gefunden:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu …

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Die Wichteltür

Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Das sind die Wörter, die heute mit in die Geschichte eingeflochten werden mussten. Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen:

Martina und Lore

Die Wichteltür

Vorwort

Manchmal fand Alina in ihrem Kopf Wörter, die schon Spinnweben angesetzt hatten, weil sie so lange nicht mehr benutzt wurden. Dabei handelte es sich oft um Wörter, die sie aus ihrem alten Märchenbuch kannte, das sie schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte. Ohne Oma machten ihr die Märchen keinen Spaß mehr. Oma hatte sie ihr vorgelesen. Alina erinnerte sich an die schönen Stunden mit ihr und das wiederum machte sie traurig, denn Oma war nun nicht mehr da.
„Ach Oma“, flüsterte Alina. „Du fehlst mir so!“
Gerade jetzt, kurz vor dem Einschlafen war ihr wieder so ein Wörtchen in den Sinn gekommen. Eines, das man im normalen Reden gar nicht mehr benutzte. Jedenfalls hatte Alina es lange nicht gehört.
Schauergefühl! So ein Schauergefühl hatte Alina nämlich gehabt, als es plötzlich irgendwo im Zimmer ein seltsames Geraschel gab. Zuerst glaubte Alina, dass sie sich verhört hatte. Als aber das Geraschel immer wieder kurz zu hören war, zog das Mädchen die Bettdecke bis ans Kinn und lauschte, dabei kroch ihr eine Gänsehaut über den Körper, ein Schauergefühl eben. Es war jetzt still geworden, doch gerade, als Alina sich wieder entspannte, war es wieder da, das Geraschel, und es kam aus dem Papierkorb unterm Schreibtisch. Ob es eine Maus war? Oder etwa eine von Patricks Rennmäusen, die aus dem Käfig ausgebüxt war? Alinas Bruder Patrick war öfter nachlässig, wenn es um das sichere Verschließen des Mausekäfigs ging. Es hätte also sein können.
Alina fasste sich ein Herz und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer, schlüpfte durch die Tür und schloss sie fest hinter sich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Patricks Zimmertür stand einen Spalt breit offen. Alina schaute leise ins Zimmer. Patrick war noch nicht im Bett. Der Mäusekäfig war verschlossen. Einerseits war Alina erleichtert, doch dann fragte sie sich erneut, was denn da in ihrem Zimmer raschelte.
Entschlossen ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern es sich gemütlich gemacht hatten. Papa schlief schon und Mama las.
„Alina, schläfst du noch nicht?“, fragte sie erstaunt.
„Geht nicht!“, meinte Alina. „In meinem Zimmer raschelt es, ich glaube es ist eine Maus oder sowas!“
Mama sprang auf. „Ach herrje, das hat uns gerade noch gefehlt!“, rief sie und schüttelte Papas Schulter. „Heiner, aufwachen, Mäusealarm!“
Papa schaute sich verschlafen um. Gerade hatte er so schön geträumt und jetzt gab es Alarm.
„Wo, wann, warum?“, stammelte er.
„In Alinas Zimmer, jetzt gerade und wir wissen auch nicht warum!“, beantwortete Mama die Fragen der Reihe nach.
Zu dritt gingen sie in die obere Etage. Mama und Alina blieben vor der Zimmertür, nur Papa betrat leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nach zwei Minuten kam er wieder heraus.
„Nichts!“, sagte er. „Nirgends eine Maus!“
„Hast du im Papierkorb nachgeschaut?“, wollte Alina wissen.
Das hatte Papa als erstes gemacht, er hatte ihn sogar einmal ins Zimmer ausgeleert und wieder eingeräumt.
„Außer einem muffigen Geruch habe ich nichts bemerkt da drin!“, sagte Papa und gerade wollte er wieder runter und auf sein geliebtes Sofa, da gab es einen Knall, nicht zu laut, aber deutlich vernehmbar. Alina zuckte zusammen, Mama ebenfalls.
„Was war das denn?“ Mama war aufgeregt und ging nun selbst in Alinas Zimmer. Sie schnupperte.
„Ich rieche nichts Muffiges, außerdem habe ich den ganzen Morgen gelüftet hier!“ Mit hochrotem Kopf suchte sie verärgert die Ecken ab, nahm die Matratze aus dem Bett, schüttelte die Decken aus, schaute hinter den Gardinen, leerte den Papierkorb nochmal aus. Nichts zu finden!
„Alina, vielleicht hast du nur geträumt!“, meinte Papa. Aber Alina schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte doch noch gar nicht geschlafen, also konnte sie auch nicht geträumt haben. Sie schaute sich ebenfalls noch einmal im Zimmer um und plötzlich blieb ihr Blick an der Wichteltür unter ihrem Fenster hängen. Die war doch eben noch geöffnet gewesen. Da war Alina sicher, denn sie hatte noch auf ihrem Spielteppich gespielt, bevor sie ins Bett gegangen war. Die Wichteltür hatte sie von Oma bekommen.
„Das ist die Tür zu einer anderen Welt!“, hatte Oma geheimnisvoll gesagt und dabei mit den Augen gezwinkert.
Plötzlich hatte Alina es sehr eilig, ihre Eltern wieder loszuwerden. „Ich habe mich bestimmt getäuscht!“, flüsterte sie und schob Mama aus der Tür. „Ihr könnt gehen!“
Mama und Papa wunderten sich, aber sie verließen das Zimmer, nachdem Mama Alina zugedeckt hatte und ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.
Die kleine Lampe auf dem Tischchen neben dem Bett durfte weiterleuchten, ausnahmsweise.
Kaum hatten die Eltern das Zimmer verlassen, huschte Alina aus dem Bett und schaute sich die Wichteltür genauer an. Vorsichtig zog sie an der kleinen Klinke und öffnete sie. Heute war keine Wand dahinter, wie sonst. Heute konnte sie in das Land hineinschauen, von dem die Großmutter gesprochen hatte. Die Sonne schien herrlich und da, saß da nicht jemand auf der Bank und las?
„Oma, bist du das?“, flüsterte Alina, die zu gern das Land betreten hätte, aber dafür war sie wohl viel zu groß.
„Schade!“ Alina schloss die Augen und schlief sofort ein und als sie in das Traumland hinüberglitt, erhob sie die Dame auf der Bank und kam langsam auf Alina zu.
„Da bist du ja!“, sagte sie und nahm das Mädchen in die Arme. „Ich habe auf dich gewartet!“

Als Mama später noch einmal nach ihrer Tochter schaute, lag diese mit einem seligen Lächeln auf ihrem Spielteppich. Mama hob sie auf und legte sie vorsichtig ins Bett.
„Schlaf gut, meine Kleine“, flüsterte sie noch.
Als sie das Zimmer verließ, schloss sich auch die Wichteltür, die aber von nun an jeden Abend geöffnet werden durfte und dahinter … warteten viele Geschichten auf Alina.

© Regina Meier zu Verl

Hier geht es bald weiter!