Meine Freundin Edeltraud

Meine Freundin Edeltraud

Sascha ist das Nesthäkchen der Familie. Er ist fünf Jahre alt. Dann sind da noch Tine und Bella, die Zwillinge. Die beiden sind schon acht und gehen in die dritte Klasse.Sascha findet es blöd, dass er noch nicht in die Schule gehen darf. Er möchte nicht mehr in den Kindergarten. Lesen will er und schreiben, denn dann würde er Geschichten schreiben, so wie seine Mama. Ja, und Bauer will er werden, so wie Nachbar Heinrich.
„Wenn du willst, dann schreibe ich deine Geschichten auf“, hatte seine Mutter ihm oft angeboten.
Heute ist es soweit, Sascha fragt:
„Mama, hast du Zeit?“
„Sicher, was möchtest du denn?“
„Ich will dir eine Geschichte erzählen. Schreibst du sie für mich auf?“
„Klar, mache ich.“
Mama nimmt sich einen Block und einen Bleistift und dann kann es losgehen.
Sascha diktiert:
„Sascha ist bei Heinrich. Was macht er da?“
Mama schreibt eifrig und Sascha überlegt. „Er füttert die Kühe. Heinrich hat viele Kühe.“
Sascha überlegt.
„…Und die haben dollen Hunger und Durst und die heißen Liese und Lotte und Herta und Franzi und…“
„Moment!“, ruft Mama. „Nicht so schnell!“
„Okay, also langsamer: Liese, Lotte, Herta, Franzi, Heidi, Paula, Trude…“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du alle Namen kennst, Sascha.“
„Das ist ganz leicht, ich stelle mir vor, dass sie alle hier vor dem Fenster vorbeilaufen, dann fallen mit die Namen ein.“
Mama staunt nicht schlecht, denn es kommen noch mindestens zehn weitere Kuhdamennamen. Sie könnte sich das bestimmt nicht so merken.
„Kennt der Heinrich seine Kühe auch so gut?“
„Klar Mama, sie sind seine allerbesten Freundinnen, die kennt man doch. Er sagt immer, dass er sie am Euter erkennen kann.“
Mama prustet los, sie schüttelt sich vor Lachen.
„Und woran erkennst du die Kühe?“
„Na, am Gesicht und wenn nicht, dann auch am Euter!“
Als Mama sich wieder ein bisschen beruhigt hat, geht es weiter mit der Geschichte.
Zwischendurch muss Mama noch einmal vorlesen. Sie hat alles richtig gesagt und Sascha ist zufrieden.
„Ist schon eine ganz schön lange Geschichte, stimmt’s, Mama?“
„Ja, stimmt! Wie geht es denn weiter?“
„Gut, also weiter: Als alle Kühe gefüttert sind, schickt der Heinrich sie wieder auf die Weide, die Lise, die Lotte, die Herta, die Franzi…“
Mama schreibt brav mit, ihre Gedanken wandern aber schon in die Küche, bald ist Zeit für das Abendessen.
„Lies mal vor, Mama! Die Kühe schlafen jetzt und die erste Geschichte ist zu Ende.“
Mama liest vor. Als sie den letzten Satz gelesen hat, fängt Sascha an zu weinen.
„Was ist denn jetzt los?“
„Mama, du hast die Edeltraud vergessen, die hat jetzt nichts zu fressen bekommen und auf die Weide durfte sie auch nicht mit. Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Edeltraud aufschreiben.“ Verzweifelte Tränen laufen und die Nase läuft gleich mit.
„Weißt du was, lieber Sascha. Du hast Recht, ich erinnere mich genau, dass du mir die Edeltraud genannt hast. Da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst. Entschuldige bitte.“
„Ja gut, Mama. Aber was machen wir denn jetzt?“
„Wir schreiben die Edeltraud jetzt einfach dazu, dann hat alles wieder seine Ordnung!“
Sascha ist zufrieden und Mama denkt, dass sie beim nächsten Diktat einfach besser zuhören muss, denn Sascha ist pingelig und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl


Der musikalische Spatz

Der musikalische Spatz

„Nur eine kleine Geschichte noch, Oma. Dann schlafe ich, versprochen!“
Ich kann dieser Bitte nicht widerstehen und überlege fieberhaft, welche Geschichte ich noch erzählen könnte. Jule kennt sie schon fast alle.
„Erzähl die mit dem Vogel, der sich in deinem Wohnzimmer verirrt hatte!“, bittet Jule und ihre blauen Kulleraugen leuchten.
„Okay, aber nächstes Mal erzählst du sie mir“, schlage ich vor und Jule nickt eifrig.
„Mache ich, einmal musst du sie aber noch erzählen!“
„Eines Abends im Frühling, ich hatte die Balkontür weit geöffnet, besuchte mich ein kleiner Spatz in meinem Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Sofalehne und als ich in seine Nähe kam, schlug er vor Angst mit den Flügeln und floh.“
„Warum ist er denn nicht nach draußen geflogen, wenn er doch solche Angst vor dir hatte?“
„Vielleicht wusste er nicht mehr, in welche Richtung er sollte. Deshalb flog er mitten ins Zimmer und setzte sich auf’s Klavier.“
Jule grinst. Sie weiß genau, wie es weitergeht. Sie setzt die Geschichte fort:
„Und weil da gerade die Noten lagen, die du für die Schulaufführung geschrieben hattest, passierte es, dass der kleine Vogel, der ja große Angst hatte, auf das Notenpapier kleckerte!“
Jule lacht. Immer wieder kann sie darüber lachen. Natürlich habe ich ihr das Notenblatt gezeigt, das ich aufbewahrt hatte. Der ängstliche Spatz hatte dort nicht nur einen Klecks hinterlassen, nein, einen ganzen Takt hatte er zugekleckert.
„Du weißt ja, was dann passiert ist, Jule!“
„Ja, Oma, du hast so gelacht, dass der Spatz vor Schreck wieder losflog und den Weg ins Freie gefunden hat und dann hast du das Lied nach ihm benannt, stimmt’s?“
„Stimmt! Wollen wir es singen?“
Jule strahlt und fängt an:
„Ein Spatz, der gerne Lieder mocht‘,
von Menschhand geschrieben,
der kam mal in mein Wohnzimmer,
doch ist er nicht geblieben.
Er kleckerte das Sofa voll,
fast hätt ich ihn gepackt,
da hat er dann vor lauter Angst
aufs Notenblatt ge-kleckert.“

Jule lacht bis ihr die Tränen kommen.
„Das reimt sich nicht, Oma. Es muss doch …“
Ich unterbreche sie, bevor sie es ausgesprochen hat. Wir sind vor Lachen beide völlig außer Atem und plötzlich ist Jule gar nicht mehr müde.
„Mutter, du sollst doch nicht so wilde Geschichten vorm Einschlafen erzählen“, schimpft meine Tochter mit mir und droht mit dem Zeigefinger. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass sie herein gekommen ist.
„Mach ich ja gar nicht“, versuche ich mich zu verteidigen. Jule kommt mir zur Hilfe.
„Mama, lass Oma in Ruhe, die ist cool. Keiner hat eine so coole Oma wie ich – und jetzt raus hier, ich will schlafen!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Oldiefan/pixabay

Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Praline – Glas – zittern – kunterbunt – beliebt

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Schaut auch bitte bei

Martina, was ihr zu den Wörtern eingefallen ist. Soweit ich weiß, setzt Lore noch einmal aus, wird aber beim nächsten Mal, am 15.8. wieder dabei sein!

Mäusefreundinnen

Die kleine Maus Krümel hatte ihr behagliches Nest unter der dichten Lorbeerhecke verlassen. Weit draußen, auf der Obstwiese schnupperte sie an einem Apfelkitsch, den wohl jemand achtlos weggeworfen hatte. Welch ein Glück für die Maus. Krümels winzige Nase bebte und die feinen Barthaare zitterten vor Aufregung. Mit den Pfoten ergriff sie geschickt einen Apfelkern und knabberte genüsslich daran. Einen weiteren Kern verputzte sie und einen dritten wollte sie ihrer Freundin Minny mitbringen. Die würde sich freuen. So flitzte Krümel mit dem Kern zwischen den Zähnen nach Hause, legte ihren Schatz in das winzige Glas im Nest, das sie einmal gefunden hatte und mühsam ins Heim geschleppt hatte. Dann machte sich gleich noch einmal auf den Weg, um einen weiteren Apfelkern einzusammeln.
Als sie aber zurück zur Wiese kam und durch das lange Gras trippelte, um den Apfelrest wiederzufinden, sah sie gerade noch, wie eine dicke Katze gebeugt durch die Wiese schlich. Im nächsten Moment sprang sie auf etwas zu und dann gab es ein Gequieke und Geschrei und – glücklicherweise – konnte ein anderes Mäuschen entwischen.
Unserer Maus Krümel allerdings war der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren, dass sie keine Lust mehr auf Apfelkerne hatte und sich schleunigst auf den Weg ins Nest machte. Dort saß sie nun mit ihrem Apfelkern, der ihr so begehrenswert wie eine feine Praline erschien. Das Wasser lief ihr im Mäulchen zusammen, aber sie beherrschte sich. Schließlich hatte sie den Kern für ihre Freundin Minny mitgebracht. Vielleicht könnte sie aber auch den Kern verzehren und dafür einen kunterbunten Blumenstrauß für ihre Freundin pflücken, dachte sie. Aber das war wohl nicht ganz das gleiche, einen Kern konnte man essen und sie selbst hatte sogar zwei Kerne genießen können. Es war nicht gerecht, dass sie Minnys Kern auch noch vertilgte. Sie wäre eine schlechte Freundin gewesen.
Nach dem Mittagsschlaf machte sich Krümel auf den Weg, ihre Freundin zu besuchen. Sie huschte in deren Nest und ließ den Apfelkern vor Minny fallen.
„Bitte schön, der ist für dich!“, sagte sie und Minny machte sich sogleich über ihr Geschenk her.
„Danke schön, das tat gut!“, sagte sie noch schmatzend. „Apfelkerne geben Kraft, das habe ich heute am eigenen Leib erfahren!“
„Ja? Was ist denn passiert?“, wollte Krümel wissen.
„Ich wäre fast von der dicken Katze erwischt worden, ich konnte im letzten Moment entwischen, ich habe mich mit Händen, Füßen und Gequieke gewehrt und es hat funktioniert, ich konnte entwischen.“
„Das ist wunderbar! Aber, was haben denn die Apfelkerne damit zu tun?“, fragte Krümel.
„Ich hatte gerade genüsslich meinen fünften Apfelkern verzehrt, als die böse Katze auf mich zukam. Ich hatte nämlich einen Apfel im Gras gefunden und kam gut an alle fünf Kerne heran, mmmh, die waren lecker!“, erklärte Minny.
„Wolltest du gar keinen Kern für mich mitbringen? Nicht einen einzigen?“, fragte Krümel enttäuscht.
„Oh“, rief Minny, und dann noch einmal: „Oh, das tut mir leid und du hast recht, ich hätte dir einen Kern mitbringen sollen. Ich bin eine schlechte Freundin!“, jammerte sie.
Krümel wehrte ab. „Ist schon gut, wichtig ist, dass dich die Katze nicht erwischt hat!“, sagte sie, aber so ein ganz kleines Bisschen tat es doch weh im Bauch, dass Minny gar nicht an sie gedacht hatte.
Ein paar Tage später, Krümel kam gerade von einem Besuch bei ihrer Cousine Amie zurück, fand sie in ihrem Glas fünf herrlich schwarze, glänzende Apfelkerne. Sofort dachte Krümel an Minny und sie glaubte, dass nur sie die beliebten Kerne dort hineingelegt haben konnte. Bevor sie also nur ein einziges Kernchen verzehrte, lief sie zu Minny hinüber, um sich zu bedanken. Die kam ihr aber schon auf dem halben Wege entgegen und hatte das gleiche Anliegen, denn auch sie hatte fünf Apfelkerne vorgefunden.
„Wie, du warst das nicht?“, fragte Krümel ungläubig.
„Nein wirklich nicht und du? Warst du das auch nicht?“, wollte Minny wissen.
„Hey Mädels!“ Das war die Stimme von Feli. „Habt ihr mein Geschenk gefunden?“
Minny und Krümel sahen sich an. „Wir sind schlechte Freundinnen!“, flüsterte Minny und Krümel nickte zustimmend. Keine von beiden hatte an Feli gedacht. Sie schämten sich und nahmen sich vor, demnächst besser auf die Freundinnen zu achten und an sie zu denken, wenn es etwas zum Teilen gab. Ganz fest nahmen sie es sich vor und wie ich gehört habe, klappte das auch.

© Regina Meier zu Verl

Turteltauben

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay

Turteltauben

„Guten Morgen, du schönste aller Tauben“, schmeichelte der dicke Täuberich und ließ sich neben die Angesprochene auf den Ast plumpsen.
„Huch“, piepste die, „hast du mich erschreckt und sicher sagst du das jeder Frau, sei doch ruhig!“
Sie rückte ein wenig von ihm ab und würdigte ihn keines Blickes.
„Mitnichten“, gurrte der Täuberich, „ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Keine Schönere als dich habe ich gesehen, ganz ehrlich!“
Dem Taubenmädchen gefielen diese Worte sehr. Es wünschte sich schon lange die Wärme eines hübschen Nestes mit einem Gefährten an der Seite, der sich um sie kümmern würde.
„Keine Taube sollte allein sein, findest du nicht auch?“ Der Täuberich rückte näher und berührte das Ringeltaubenmädchen zaghaft. „Lass uns heiraten!“
Das junge Täubchen wurde ein wenig verlegen, aber der Gedanke an eine Hochzeit war so wunderschön, dass es nicht lange auf die Antwort warten ließ.
„Ja, das wollen wir tun, komm, wir wollen uns beeilen. Kennst du eine Brieftaube, die unsere Familien benachrichtigt?“
Der Täuberich lachte vor Freude. „Du machst mich damit zur Lachtaube, meine Liebe, so froh bin ich!“
Das Vogelmädchen schlug verlegen die Augen nieder.
„Und du machst mich zur Hochzeitstaube. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“, ihr helles Lachen begleitete diese Worte am frühen Morgen – irgendwo, auf einem Lindenast in einem Dorf direkt vor der Kirche.

© Regina Meier zu Verl


Von einer Taubendame, die verlassen wurde, handelt das Gedicht: Die Taube

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Bart – Nasenspitze – vorwitzig – füllig – saugen

Das sind die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben bei „Josh im Bärenwald“. Viel Spaß!

Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen

LORE

MARTINA

„Das war aber eine lange Geschichte!“, sagte Josh begeistert. Er fand es so spannend, dass er auf keinen Fall einschlafen wollte, und das war ihm auch gelungen.
„Gibt es morgen wieder eine neue?“, wollte er von Opa wissen.
Der schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Junge erst übermorgen wieder. Morgen Abend treffen ich doch meine Freunde vom Volleyballverein. Wir wollen besprechen, wann wir unser Training wieder aufnehmen können!“
„Schade!“, fand Josh, gab sich aber damit erstmal zufrieden, weil er ja wusste, wie gern Opa Volleyball spielte. Später würde er dem Verein sicher auch mal beitreten. Das hatte er sich vorgenommen.
„Machen Bären eigentlich auch Sport?“, fragte er jetzt, um Opas Verabschiedung noch ein wenig hinauszuzögern.
„Das weiß ich nicht, da muss ich erstmal wieder bei Familie Bär lauschen!“, meinte Opa und grinste. Natürlich hatte er Josh durchschaut. Er konnte es ihm nämlich an der Nasenspitze ansehen und da sah er so manches schon, bevor der Junge etwas gesagt hatte.
„Opa, du lauscht doch gar nicht, du denkst dir das aus!“ Josh kicherte. Er war ja schon ein großer Junge und kannte seinen Opa doch zu gut, um ihm alles zu glauben.
„Beim meinem Barte schwöre ich, dass ich lausche!“, sagte Opa jetzt und da tat sich schon wieder eine neue Frage auf.
„Bei deinem Barte, Opa? Du hast doch gar keinen Bart!“
„Nein, aber da könnte einer sein, wenn ich wollte!“, stammelte Opa und strich sich übers Kinn. Er hatte einfach nur vermeiden wollten, den Ausspruch „Beim Barte des Propheten“ zu benutzen. Den hätte er nämlich nicht erklären können.
Josh gab sich damit erstmal zufrieden. Es war ihm auch fast egal, woher Opa die Geschichten nahm, die Hauptsache war doch, dass er sie ihm erzählte.
„Opa, wenn du einmal keine Zeit zum Lauschen hast, dann saugst du dir eben eine Geschichte aus den Fingern!“, sagte er Josh vorwitzig.
Opa lachte. „Woher hast du denn den Spruch?“, wollte er wissen.
„Das hat Papa neulich gesagt, als er mir eine Geschichte erzählen sollte und ihm keine einfiel.“, Josh verstellte seine Stimme, weil er wie Papa klingen wollte: „Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen?“
Die beiden lachten. „Das ist typisch dein Vater!“, sagte Opa.
„Aber jetzt sag doch! Machen Bären auch Sport?“, fragte Josh nachdrücklich.
Opa zögerte einen kurzen Moment, dann leuchteten seine Augen plötzlich.
„Weißt du, Mama Bär ist wohl ein wenig zu füllig und sie hat auch genug mit den Doppelzwillingen zu tun, wobei Papa Bär ein begeisterter Angler ist!“
„Aber Angeln ist doch kein Sport, Opa!“, meinte Josh vorwitzig.
„Hast du `ne Ahnung. Natürlich ist das Angeln Sport. Aber das werde ich dir heute nicht mehr erzählen, übermorgen wirst du es erfahren. Und nun schlaf schön, mein Lieber!“

in der nächsten Reizwortgeschichte geht es dann weiter …

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Märchen, Reise, vergnügt, erschrecken, erleichtert

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Ich habe diesmal ein etwas „längeres“ Werk begonnen und präsentiere heute zunächst den Prolog. Mit jeder weiteren Reizwortgeschichte wird es etwas vorangehen bei meiner Erzählung, vielleicht auch mal zwischendurch, mal schauen, wohin der Weg mich führt – mögt Ihr mich begleiten?

Josh im Bärenwald

Prolog
„Von diesem Tag an erzählte der Bärenpapa seinen Kindern jeden Abend ein Märchen!“, sagte Opa und klappte das Buch zu.
„Nun wird aber geschlafen, kleiner Josh!“ Er deckte den Jungen liebevoll zu, küsste seine Stirn und wollte gerade das Zimmer verlassen, als Josh fragte:
„Aber woher kennt denn der Bärenpapa die Märchen? Hat er auch ein Märchenbuch?“
„Das vermute ich!“, meinte Opa. „Vielleicht denkt er sich aber auch einfach immer wieder neue Geschichten aus, so wie ich das manchmal mache!“
Erschreckt setzte sich Josh im Bett auf.
„Aber wenn der Bärenvater die Geschichten erfindet, wie kann ich dann von ihnen erfahren. Opa, du musst mir ihm reden, unbedingt!“, bettelte Josh.
„Mmmh“, machte Opa und dann noch einmal „Mmmh!“
„Weißt du, kleiner Josh, es gibt so viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich glaube, sie werden uns niemals ausgehen. Aber ich versuche, ob ich auch vom Bärenvater eine neue Geschichte erfahren kann, und die werde ich dir dann erzählen.“, sagte Opa vergnügt, denn er liebte es, Geschichten zu erfinden.
Erleichtert ließ sich Josh in sein Kissen zurücksinken.
„Meist du, du kannst mir morgen schon eine Geschichte vom Bärenvater erzählen?“, fragte Josh und seine Augen wurden kleiner und kleiner. Die Antwort seines Opas hörte er schon gar nicht mehr, im Nu hatte er sich auf die Reise ins Land der Träume gemacht.
Als Opa ins Wohnzimmer kam, setzte er sich auch gleich an seinen Schreibtisch. Oma war noch irgendwo im Haus beschäftigt, vielleicht arbeitete sie ebenfalls am Schreibtisch, denn sie war Lehrerin und musste am Abend immer den Unterricht vorbereiten, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach war, da die Schüler gar nicht in die Schule kamen, sondern online am Bildschirm Unterricht hatten.
Opa nahm seinen Skizzenblock und malte einen Bären, daneben vier Kinder, natürlich Bärenkinder. Jedes von ihnen bekam einen Namen, Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hießen sie und waren allerliebst anzuschauen, besonders, als sie farbig ausgemalt waren und nun ihren Erschaffer, Opa, vorwitzig anschauten.
„Nun wollen wir doch mal sehen, ob mir zu euch nicht jede Menge Geschichten einfallen werden!“, sagte Opa und malte noch einen Wald in den Hintergrund, denn irgendwo mussten die Bären ja wohnen.
Der Josh würde staunen, wenn er ihm am nächsten Morgen die Zeichnung zeigen würde und noch mehr staunen würde er, wenn er dann am Abend bereits die erste Geschichte von Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hören würde. Opa hatte schon eine Idee, aber die wird natürlich noch nicht verraten – vielleicht morgen, mal sehen!

© Regina Meier zu Verl

Diese Geschichte nimmt an Elkes ‚froher und kreativer Linkparty‘ teil. Hier geht es zu Elke und ihrem ‚Kleinen Blog‘. KLICK!

Die „tonnenschweren“ Mückendamen

Die tonnenschweren Mückendamen

Zwei Mückendamen saßen auf einem Zitronengrashalm im Garten. Sie genossen die Ruhe und die Sonne, denn beide hatten eine anstrengende Nacht hinter sich.
Gemeinsam hatten sie das Zimmer der kleinen Leni belagert und sich reichlich an deren Blut gelabt. Immer und immer wieder hatten sie in die zarte Kinderhaut gepiekt. Das ging so lange, bis Leni wach wurde und sofort jämmerlich anfing zu weinen.
Sofort waren die Eltern ins Zimmer gestürmt. Während die Mutter das Kind tröstete und eine kühlende Salbe auf die Stiche auftrug, jagte der Vater die Mücken. Doch er war erfolglos, welch ein Glück für die Mückenweibchen. Sie flüchteten durch eine undichte Stelle im Fliegennetz vor dem Fenster.
Nun hatten sie Bauchschmerzen, vor lauter Aufregung und weil ihr Bauch voll war. Das drückte mächtig und sie hofften auf Linderung durch das Zitronengras, dessen Geruch sie eigentlich verabscheuten.
„Das Leben ist zu kurz, um sich ständig solchen Gefahren auszusetzen“, jammerte Micky. Ihre Freundin Lexi fand das auch, aber sie wusste, dass es notwendig war, wenn sie sich vermehren wollten. Und das wollten sie, unbedingt. Die Nährstoffe aus dem Blut brauchen sie für ihre Eier, damit diese sich entwickeln können.
„Ich fühle mich schwer wie eine Tonne!“, beklagte sich Micky und rülpste.
„Mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten, du Ferkel!“, schimpfte Lexi und tat es ihr nach. „Oh, das tat gut!“, meinte sie und dann kicherten die beiden, so laut, wie Mücken halt kichern können. Eine Mücke ist übrigens nur zwei Milligramm schwer, von Tonne kann also gar keine Rede sein.
„Es muss doch noch etwas anderes geben, als nur zu fressen oder Eier zu legen, findest du nicht auch?“, fragte Lexi nachdenklich.
„Ja, aber was soll das sein?“ Verlegen putzte Micky ihre Flügel. Sie wusste so wenig vom Leben, das bei Mücken recht kurz ist. Wenn eine Mücke nicht von einer Fliegenklatsche oder einem Pantoffel aus dem Leben scheidet, dann bleiben ihr gerade mal sechs Wochen. Das ist nicht viel.
„Ich hab’s!“, rief Lexi auf einmal. „Wir machen einen Fallschirmsprung! Jeder sollte einmal im Leben einen Fallschirmsprung machen, findest du nicht?“
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte Micky aufgeregt. Ein Abenteuer, das wäre was Großartiges.
„Zuerst muss unser Bauch wieder leer sein, sonst sind wir zu schwer!“ Lexi hatte scheinbar einen Plan. Es ist gut, einen Plan zu haben!
„Und dann?“
„Dann nehmen wir uns einen Fallschirm, der Löwenzahn ist bald soweit, er hat schon Samen gebildet, die schickt er in die weite Welt. Wir halten uns einfach an einem seiner Schirmchen fest und dann „Huiiiii“, geht’s los!“
„Aber …“, stammelte Micky, doch die Freundin ließ sie nicht ausreden.
„Komm, wir fliegen eine Runde, legen unsere Eier ab und bis unsere Kinder da sind, sind wir längst zurück! Also los!“
Genauso machten sie das, nachdem sie die Eier abgelegt hatten, flogen sie zur Löwenzahnwiese, suchten sich zwei kräftige Fallschirme aus und klammerten sie daran fest. Dann warteten sie auf einen kräftigen Windstoß und flogen davon.
Wo sie gelandet sind? Das weiß ich auch nicht, ehrlich!

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Bildquelle 012/pixabay

Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Das Kälbchen schwankte bedenklich auf seinen dünnen Beinen, die wie Gummi immer wieder einknickten. Es zitterte. Seine Mutter leckte es liebevoll trocken.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte die Schwalbe, die ihre eigenen Kinder für eine Weile allein gelassen hatte, um der Geburt des Kalbes beizuwohnen. Wie mühsam das war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie, die Schwalbe hatte sechs Eier gelegt, das war auch anstrengend genug gewesen.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte sie erneut, um gleich darauf neugierig zu fragen:
„Was ist es denn, ein Junge oder ein Mädchen?“
Mutter Kuh antwortete nicht, sie war viel zu sehr mit ihrem Kleinen beschäftigt und außerdem war sie erschöpft. Frau Schwalbe ließ aber nicht locker.
„Eines muss man euch Kühen zu lassen. Kaum seid ihr auf der Welt, da könnt ihr schon stehen. Bei meinen Kindern wird es noch dauern, bis sie das Nest erstmalig verlassen können.“
„Dafür könnt ihr dann fliegen, das können wir Kühe nicht. Es ist übrigens ein Mädchen“, antwortete die Kuh jetzt höflich, schließlich musste sie ihrem Kind ein gutes Vorbild sein. Das gefiel der Schwalbe sehr. Diese Kuh war sehr freundlich und das Kälbchen war wirklich wunderhübsch mit seinen riesigen braunen Augen und den Gummistelzenbeinen.
„Und das Kleine hat sogar ein Fell. Wie lange es doch dauert, bis meine Kinder Federn haben“, seufzte sie.
Sanft massierte die Kuh das Fell ihres Kindes mit der Zunge, sie ließ keinen Winkel seines kleinen Körpers aus. Das Kalb drückte sich eng an seine Mutter. Es schnupperte und suchte und stupste seine Mutter. Dann hatte es plötzlich gefunden, wonach es gesucht hatte: das Euter. Gierig begann es zu schmatzen und schmeckte die süße Milch.
„Interessant, interessant“ pfiff Frau Schwalbe und legte aufgeregt das Köpfchen von einer Seite zur anderen, um alles genau betrachten zu können.
Mutter Kuh lachte. Die Schwalbe war schon ein wenig komisch. Was sollte beim Milch trinken denn so lustig sein? Es kitzelte ein wenig, aber es war ein wunderbares Gefühl.
„Musst mich gar nicht auslachen“, flötete die Schwalbe beleidigt. „Ich sehe so was zum ersten Mal!“
„Schon gut, ich habe dich gar nicht ausgelacht. Ich lache vor Glück und Freude“, sagte die Kuh.
Das verstand die Schwalbe gut und nachdem sie noch einmal ihre allerherzlichsten Glückwünsche ausgesprochen hatte, verabschiedete sie sich.
„So, dann will ich mal los, meine Rasselbande wartet schon, ich höre ihr Piepsen bis hierher. Schade, dass ich kein Euter habe, das würde die leidige Futtersuche doch sehr vereinfachen!“
Als die Kuh sich das vorstellte, eine Schwalbe mit Euter, musste sie so heftig lachen, dass das Kälbchen prompt umkippte und vor Schreck auch noch einen Schluckauf bekam.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte „Muttergespräche“

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Bildquelle Pezibear/pixabay

Neulich auf der Frühlingswiese …

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Bildquelle Gellinger/pixabay

Neulich auf der Frühlingswiese …

Zufrieden streckte der Löwenzahn auf der Wiese seine Blüte in die Sonne. „Wunderbar, dass ich hier meine Wurzeln gefunden habe. Dies ist ein herrliches Fleckchen Erde, nicht wahr, meine Liebe?“
„Ja, lieber Löwenzahn,“ antwortete das Wiesenschaumkraut, „das kann man wohl sagen, aber mit den Wurzeln ist das so eine Sache.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ohne Wurzeln können wir Pflanzen doch nicht leben.“
„Das ist ja das Problem. Wir sind fest angewachsen und haben keine Chance, uns vom Fleck zu bewegen. Eine Freundin von mir könnte noch unter uns weilen, hätte sie statt der Wurzeln Beine gehabt.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut erschraken. Was war passiert? Gerade noch hatte ihnen die Sonne ihre herrlich warmen Strahlen geschenkt. Sollte wieder ein Wolkentag sein? Die beiden hoben ihre Blütenköpfe gen Himmel. Doch der war nicht zu sehen. Es war Alma, die schwarzbunte Kuh des Bauern, die über ihnen stand und den Sonnenstrahlen den Weg versperrte.
„Hey du!“, rief der Löwenzahn, „geh mal einen Schritt zu Seite, du nimmst uns das Licht weg.“
Alma bewegte sich nicht von der Stelle. Sie neigte ihren Kopf und naschte laut schmatzend von dem frischen Gras.
„Hey du, hast du nicht gehört? Du sollst sofort zur Seite gehen“, protestierte der Löwenzahn, nun noch etwas lauter.“
Das Wiesenschaumkraut aber hatte jegliche Farbe verloren. „Psst, Löwenzahn! Sind Sie verrückt? Gleich tritt sie zur Seite und stampft uns in den Boden. Oder noch schlimmer: Sie frisst uns auf. Machen Sie doch nicht so einen Lärm!“
Im gleichen Moment setzte sich die Kuh Alma in Bewegung. Ihr linker Hinterfuß trat gefährlich nah neben dem Wiesenschaumkraut auf dem Boden auf. Das fühlte sich an wie ein Erdbeben, und das Wiesenschaumkraut heulte vor Angst laut auf.
Doch die beiden Pflanzen hatten Glück. Alma zog in die andere Richtung weiter. Als sie aber ein paar Meter entfernt wieder anhielt, schrie der Löwenzahn: „Eine Unverschämtheit ist´s, arglose Wiesenblumen so zu erschrecken.“
Alma blickte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Seltsam. Sie stand kuhseelenallein auf der Weide. Hmm. Gelangweilt kaute sie weiter.
„Das ist aber gerade noch einmal gut gegangen,“ wisperte das Wiesenschaumkraut.
„Du bist aber ängstlich.“ Der Löwenzahn plusterte sich auf und sah das Wiesenschaumkraut verächtlich an. „Feigling!“, fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam Peter, der Sohn des Bauern, um Alma zum Melken nach Hause zu holen. Er erblickte das Wiesenschaumkraut und bückte sich, um es abzupflücken. „Dich werde ich mitnehmen. Meine Mama mag deine schönen weißen Blüten sehr.“
„Und ich? Hey, was ist mit mir?“, kreischte der Löwenzahn empört.
Aber Peter war schon weitergegangen. „Alma komm, es ist Zeit …“

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Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

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Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling