Familie Feldhamster muss umziehen

Familie Feldhamster muss umziehen

Das Stroh ist eingefahren, riesige Rundballen lagern in der Scheune. Die Felder sind leer, kein Hälmchen mehr, keine Kornblume, kein Klatschmohn. Schon bald wird der Trecker seines Amtes walten und das abgeerntete Feld grubbern oder pflügen. Ein ewiger Kreislauf!
Während sich alle freuen, steht Marius mitten im Stoppelfeld und kämpft mit den Tränen. So schön war der Acker gewesen mit den geschmeidigen Kornhalmen und den Blüten, die so schöne Farbtupfer abgegeben haben. Oft hat er sich hier versteckt und die kleine Welt mit all den Tieren beobachtet. Und nun sind sie alle verschwunden.
„Schade“ murmelt er.
„Das finde ich auch!“, sagt eine feine Stimme. Marius kann niemanden sehen. Komisch!
„Hier unten bin ich, sei vorsichtig mit deinen großen Füßen“, sagt die Stimme wieder. Marius beugt sich hinunter und sieht einen sehr kleinen Feldhamster, der noch ganz jung sein muss.
„Oh!“ Marius ist verdutzt. „Ein Feldhamster, der sprechen kann?“
„Weiß der Himmel, warum ich eure Sprache verstehe.“
Der kleine Hamster seufzt.
„Ehrlich gesagt weiß ich es auch erst seit eben. Vielleicht sind es nur deine Worte, die mich erreichen und ich muss sagen, es gefällt mir.“
Er seufzt noch ein bisschen mehr.
„Es ist doch gut, dass man immer eine Sache hat, die sich gut anfühlt, denn ehrlich, dass ihr meine Heimat mit eurer großen Maschine zerstört habt, das, ja, das gefällt mir überhaupt nicht.“
„Ich verstehe dich so gut, lieber Hamster. Mir geht es nicht anders. Aber weißt du, wir brauchen doch das Korn, um es zu mahlen und aus dem Mehl dann Brot und Kuchen zu backen!“, versucht Marius dem Hamster zu erklären. So hat er es gelernt und es leuchtet ihm auch ein. Allerdings haben die Menschen früher nicht so riesige laute Maschinen dafür benutzt und die sind trotzdem satt geworden, oder? Aber das sagt er dem Hamster besser nicht, er würde es nicht verstehen.
„Mehl? Brot? Kuchen? Braucht ihr Menschen das?“ Fragend sieht der kleine Kerl Marius an.
„Ich kann zwar deine Worte verstehen, aber was sie mir sagen möchten, verstehe ich nicht immer.“
„Ob wir das unbedingt brauchen? Das weiß ich nicht, aber es ist lecker. Warte, ich glaube, ich einen Keks bei mir, dann kannst du mal probieren!“ Marius wühlt in seinen Hosentaschen und findet tatsächlich ein kleines Paket Butterkekse für den Notfall.
Vorsichtig nimmt der kleine Hamster das seltsame Ding, das sich Keks nannte, in seine Pfötchen und schnuppert, dann probiert er, vorsichtig, ein bisschen misstrauisch auch, kaut, schluckt, beißt noch einmal ab und ein Strahlen überzieht sein Gesichtchen. „Hmmmm!“, macht er und noch einmal: „Hmmmm!“
Marius grinst. Es schmeckt dem Hamster, es ist nicht zu übersehen und zu überhören.
„Siehst du, ich habe es doch gesagt, Kekse sind lecker!“, sagt er und beißt selbst noch einmal genüsslich ab.
„Und dafür muss man das Korn mahlen?“, fragt der kleine Hamster.
„Ja, genau. Man mahlt es zu Mehl und dann kommen ein paar weitere Zutaten dazu und es wird im Ofen gebacken. Brot ist auch sehr lecker und Kuchen auch. Wenn du willst, bringe ich dir beim nächsten Mal kleine Kostproben mit“, schlägt Marius vor.
„Oh ja, oh ja, das wäre mir eine Freude, aber…“ Der kleine Feldhamster macht eine Pause und ringt nach Worten.
„Ein nächstes Mal, das wird nicht möglich sein. Noch heute Abend werde ich mit meiner Familie umziehen, irgendwohin, wo die Menschen uns unsere Nahrung nicht wegnehmen. Schade, oder nicht?“ Er deutete eine kleine Verbeugung an.
„Aaaber … du musst mir nur sagen, wohin ihr zieht, dann werde ich dich besuchen und bringe Kuchen mit, halt, ich habe eine noch bessere Idee …“ Marius will den kleinen Freund nicht so schnell wieder verlieren, deshalb will er ihn überreden, zu ihm in den Garten zu ziehen. Da gibt es einige schöne Stellen, wo er sich mit seiner Familie einrichten könnte, und niemand würde sie stören.
Während er noch überlegt, wie er dem kleinen Hamsterfreund seinen Vorschlag schmackhaft machen könnte, hallt plötzlich Mamas Stimme über das Feld.
„Marius! Hörst du mich? Marius! Kommst du? Wir wollen nach Hause fahren.“
Nach Hause? Jetzt schon?
„Komme gleich!“, ruft er schnell und überlegt fieberhaft, was nun zu tun ist.
„Lieber Hamster, können wir uns hier morgen früh noch einmal treffen? Ich würde dich und deine Familie gern in unseren Garten einladen. Aber ich muss das erst vorbereiten und dann brauche ich ja auch einen Korb oder sowas, in dem ihr mit mir auf dem Fahrrad mitfahren könnt!“
„Mit dem Fahrrad?“, fragt der Hamster ängstlich. „Ist das denn nicht gefährlich? Und wie sollen wir dann wieder nach Hause kommen? Und überhaupt. Ich würde sagen …“
Mehr sagt der Hamster nicht mehr, das heißt, mehr kann Marius nicht mehr hören, auch wenn er noch so sehr die Augen aufreißt und nach ihm Ausschau hält: Der Hamster ist verschwunden.
„Seltsam!“, murmelt er und reibt sich die Augen.
„Was hat ihn so erschreckt und wie konnte er verschwinden? Ich habe gar nichts gesehen. hm?“
„Komm jetzt, Marius“, ruft die Mutter schon wieder. „Und träume nicht andauernd.“

Natürlich setzt sich Marius am nächsten Morgen auf sein Rad und fährt zu dem abgeernteten Feld. Ob er da den Feldhamster antrifft? Oder hat er das nette Gespräch mit ihm nur geträumt.
Als er aber an der Stelle vom Vortag einen halben Butterkeks entdeckt, musste ja wohl etwas dran gewesen sein an der Geschichte, oder?

© Regina Meier zu Verl

Dies ist Hubert, so ähnlich könnte der kleine Feldhamster ausgesehen haben, Habt ihr ihn gesehen? (Bild Regina Meier zu Verl)

Krümel träumt – Reizwortgeschichte

Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig
Das waren die Wörter, die heute mit eingebaut werden mussten. Wir sind heute nur zu zweit, da Lore sich von einem heftigen Sturz erholen muss. Wir wünschen ihr gute Besserung und freuen uns, wenn sie bald wieder dabei sein kann!
Lest bitte auch bei MARTINA KLICK

Hier kannst du dir die Geschichte anhören:

Krümel träumt

Krümel hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf. Da war doch ein Geräusch gewesen, mitten in der Nacht. Da! Schon wieder. Krümel bellte zweimal kurz „Wuff, Wuff!“ Dann lauschte er aufmerksam. Er hörte nichts mehr und legte sich wieder bequem hin. Ach, er war so müde und hatte auch überhaupt keine Lust, Einbrecher zu verjagen. Sicher hatte er geträumt.
Er versuchte, sich zu erinnern, wovon er geträumt hatte. Es war doch gerade so schön gewesen. War da nicht ein Hundemädchen vorgekommen? Verflixt, Krümel wusste es nicht mehr und jetzt konnte er auch nicht wieder einschlafen vor lauter Denkerei. Wie blöd war das denn!
Vielleicht könnte er mal kurz in die Küche gehen und einen Schluck trinken, sicher schaffte er es anschließend, wieder in seinem geräumigen Kuschelkorb einzuschlafen. Einen Versuch war es wert. Also, ab in die Küche. Dort schlabberte er den gesamten Wassernapf leer und bedauerte, dass da nicht ein einziges Leckerchen im Fressnapf lag. Dabei mochte er doch diese gelben Hunde-Biskuits so gern, bei denen vorn auf der Tüte diese süße Hundedame abgebildet war. Die war es auch, die ständig in seinen Träumen vorkam, jetzt fiel es ihm wieder ein. Was gäbe er dafür, die Süße jetzt betrachten zu dürfen, die Tüte dürfte auch ruhig leer sein. Irgendwo hatte er doch neulich eine dieser Verpackungen aus dem Müll gerettet und versteckt, wo war das nur gewesen?
Krümel machte sich auf die Suche. Er fing in der Küche an. Unter dem Tisch war nichts, unter der Eckbank auch nicht. Die Schränke konnte er nicht öffnen und die Arbeitsplatte war unerreichbar für ihn. Weiter ging es im Wohnzimmer. Er krabbelte unters Sofa, schaute hinter den Sofakissen, wobei er sie im hohen Bogen ins Zimmer warf. Selbst in den großen Topfblumen fand er nichts auf Anhieb. Vielleicht hatte er die Tüte dort verbuddelt? Mit den Vorderpfoten schob er zunächst vorsichtig die Erde ein wenig zur Seite. Als er nichts fand, wurde er ärgerlich und schließlich vergaß er, dass er im Wohnzimmer war und nicht draußen im Garten, er buddelte also heftig, so dass die Blumenerde nur so flog. Die Tüte fand er nicht und nach der Niedergeschlagenheit meldet sich dann das schlechte Gewissen. Krümel zog den Schwanz ein und wimmerte. Was hatte er nur wieder angestellt. Da würde Mama sicher heftig schimpfen. Vor lauter Not musste er nun auch noch pinkeln, ganz dringend musste er. Er erleichterte sich auf der Blumenerde, die auf dem Teppich lag, oh, das tat gut!
Als Mama am nächsten Morgen das Malheur entdeckte, kreischte sie so laut, dass Krümel vor lauter Schreck in den Flur flitzte und in seine Transportbox kletterte, die unter der Garderobe stand. Eigentlich mochte er diese blöde Box gar nicht leiden, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass es dann zum Tierarzt ging, und der piekte ihn dann mit dieser furchtbaren Spritze. Aber heute fühlte er sich in der Box in Sicherheit. Mit der Schnauze zog er sogar das Gitter von innen zu und sagte keinen Mucks mehr. Den ganzen Vormittag blieb er darin und als er sich sein Kissen zurechtschieben wollte, knisterte es ein wenig. Da war sie ja, die Tüte mit dem Portrait der Angebeteten. So wurde doch alles wieder gut und Mama, die beruhigte sich auch bald wieder, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

Auseinander geliebt – Reizwortgeschichte

Ferien, Frühstück, flott, freuen und fauchen
Das sind die Wörter, die diesmal mit eingebaut werden sollten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Martina und Lore

Auseinander geliebt

Hannes arbeitete schon viele Jahre in einem Tierpark. Alle tierischen Bewohner waren ihm ans Herz gewachsen. Besonders gern aber hatte er die kleinen Ziegen. Besucher, die öfter herkamen, hatten ihm aus diesem Grund den Spitznahmen Ziegenhannes gegeben. Er freute sich über diesen Namen, erinnerte er ihn doch jeden Tag aufs Neue an seine Kindheit, in der man ihn immer Dackelhannes gerufen hatte. In seinem Zuhause hatten nämlich sechs niedlich anstrengende Dackel gelebt, sein Vater hatte eine Rauhaardackelzucht gehabt, und nachmittags ging Hannes mit allen sechs Hunden spazieren.
Das war lange her, trotzdem träumte Hannes davon, irgendwann mal wieder einen Dackel, gern auch zwei oder drei, zuhause zu haben. Leider war seine Marianne völlig dagegen.
„Ich kann nicht gut mit Hunden!“, beteuerte sie immer wieder. Hannes glaubte ihr, denn wenn sie bei einem Spaziergang mal auf einen Hund trafen, weiteten sich Mariannes Augen vor Schreck und sie zitterte vor Angst. Überhaupt hatte sie Probleme mit Tieren, von Katze bis Maus, von den Spatzen im Hof bis zu harmlosen Mücken. Und Ziegen. Nur Schmetterlinge, die liebte sie über alles, fanatisch fast.
Hannes war, auch wenn er seine Marianne liebte, sehr traurig darüber. Ein einziges Mal in all den Jahren hatte sie ihn an seiner Arbeitsstelle besucht. Wenn er am Abend heimkam, musste er seine Kleidung flott in der Garage wechseln, weil Marianne den Geruch, der daran haftete, nicht ertragen konnte. Das machte ihn oft traurig, auch, weil er nicht herausfinden konnte, ob sie die Tiere nur fürchtete, oder ob sie sie schlicht nicht mochte. Wie konnte er sie da bedingungslos lieben? Und wie immer, wenn er darüber nachdachte, war er froh, dass sie den Gang zum Standesamt bisher nicht gewagt hatten. Seit 27 Jahren!
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie ein Kind gehabt hätten. Doch es war müßig, darüber nachzudenken, der Zug war wohl abgefahren und vielleicht war das ebenfalls auch besser so.
Als Hannes und Marianne nach einer Ferienreise wieder zuhause angekommen waren, passierte etwas, das ihr ganzes Leben verändern würde: Alwin war gestorben! Einfach nicht mehr aufgewacht war Hannes‘ Kollege und bester Freund seit Kindheitstagen, der draußen vor der Stadt allein in seinem kleinen Häuschen mit dem großen Garten lebte. Und ihn, Hannes, hatte Alwin zum Alleinerben bestimmt für Haus, Garten und … für Königspudel Amadeus.
„Du erwartest doch nicht, dass ich mit dir in diese „Bude“ ziehe!“, hatte Marianne gefaucht, als Hannes von der Testamentsverlesung nach Hause gekommen war. Seit Alwins Tod kümmerte sich Hannes schon um Amadeus und da er einen Schlüssel zu Alwins Haus hatte, war er schon ab und zu dageblieben, bevor er wusste, dass ihm das alles mal gehören sollte.
Bude? Es war so ein schönes Haus, so ein friedliches, harmonisches und Amadeus ein Juwel. Nie hatte er einen friedfertigeren und klügeren Hund erlebt als ihn. Sollte er dieses liebevolle Geschöpf etwa in ein Tierheim bringen? Nein.
„Sieh es dir doch einmal an!“, bat er Marianne eines Morgens nach dem Frühstück. „Du wirst es lieben. Und Amadeus auch. Er tut dir nichts zuleide. Ich verspreche es dir.“
Ein paar Wochen gingen ins Land. Marianne hatte sich nicht erweichen lassen und lebte nun allein in der Wohnung, die sie zuvor mit Hannes bewohnt hatte. Aber es hatte sich etwas verändert zwischen ihnen. So fuhr Hannes jeden Abend nach Dienstschluss zuerst zu Marianne, schaute, ob sie etwas brauchte, trank einen Kaffee mit ihr und bekam dafür eine liebevoll gekochte Mahlzeit mit nach Hause. Manchmal brachte er Blumen für sie mit und sie blieb stets am Fenster stehen und winkte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Doch irgendwann wurden seine Besuche seltener. Sie vertrugen sich nicht mehr so gut wie früher, und ohne es zu merken, waren sie irgendwann kein Paar mehr und jeder lebte sein Leben, das nicht mehr für zwei genügte.
Einmal noch hatte Hannes sie gesehen. Im Park. Sie saß dort, angeregt plaudernd, mit roten Wangen vor Eifer, mit einer Freundin und zwei Schäferhunden und jede hielt eine Hundeleine in der Hand. Von Mariannes Furcht vor Hunden war nichts zu spüren.
„Sie hat mich wohl nicht genügend geliebt“, murmelte Hannes. „Oder zu sehr. So sehr, dass sie kein weiteres Wesen in unserer Liebe ertragen konnte?“

© Regina Meier zu Verl

Grinsende Schnecken

Grinsende Schnecken

Ein wenig mehr Regen könnten wir gebrauchen, aber wir wollen nicht unzufrieden sein, denn gerade vorhin hat ein Schauer den Staub von den Blättern gespült und der Garten sieht wie frisch geputzt aus.
Ich ziehe meine Gummistiefel an und freue mich darauf, eine wenig in meiner Kräuterspirale zu schnuppern und zu zupfen, falls nötig. Ich freue mich immer, wenn ich über den Rasen zu ihr hinüber gehe und dort verweilen darf. Ein bisschen bin ich auch stolz auf sie, denn die Kräuter gedeihen prächtig.
Jetzt aber erschrecke ich. Ein bisschen verwüstet sehen sie aus und zwei fette rote Nacktschnecken aalen sich auf Petersilie und Rauke.
»Das ist ja wohl eine Unverschämtheit!«, rufe ich laut aus. Die beiden Schnecken stört das gar nicht, sie mümmeln ruhig weiter an den Kräutern. Fast sehen sie ein wenig so aus, als grinsen sie mich frech an.
Oh nein, zum Lachen ist mir gar nicht zumute.
»Verschwindet!«, herrsche ich die beiden kleinen Monster an. »Ihr habt hier nichts zu suchen. Das ist mein Kräuterbeet und meine Petersilie und mein Rucola. Ab mit euch auf die Wiese – oder noch besser rüber zum Nachbarn!«
»Aber, aber, meine Liebe! Das ist nicht die feine Art!«
Die Stimme vom Nachbarn Fritz ertönt laut, nicht unfreundlich, aber auf der Stelle habe ich ein schlechtes Gewissen. Wie viel mochte er gehört haben, auch das mit dem Nachbarn? Wahrscheinlich! Ich laufe puterrot an und schäme mich. Ob ich mich entschuldigen soll? Aber was soll ich sagen? Und grinsen die beide Schnecken nun nicht noch unverschämter? Überhaupt: Noch nie habe ich eine grinsende Schnecke gesehen und zwei schon gar nicht.
»Ei-ein Missverständnis«, grummle ich Richtung Gartenzaun.
»Ach so!«, sagt Fritz und wendet sich wieder seinen Rosen zu. Er ist kein Mann der großen Worte. Eigentlich bin ich erleichtert, aber dann möchte ich doch gern wissen, was er gehört hat.
»Gibt es bei dir auch Schnecken, Fritz?«, frage ich und hebe eine von den meinen mit spitzen Fingern an, um sie Fritz zu zeigen, dabei gehe ich ein paar Schritte auf ihn zu.
Er guckt erst verdutzt auf die Schnecke, dann auf mich, grinst und sagt:
»Die grinst ja! Siehst du das auch?«
Hat er es also auch gesehen! Und ich habe schon befürchtet, ich sei ein wenig neben der Spur heute. Naja, plemplem eben.
»Klar, das sehe ich auch. Da ist noch eine, die grinst genauso unverschämt. Warte, ich hole sie!«, sage ich und drehe mich schon um, als Fritz sagt: »Und dann setzt du sie in meinem Garten aus, oder?«, er lacht laut. ‚Also doch‘, denke ich und spüre, wie mir die Röte abermals ins Gesicht schießt.
»Das würde ich doch nie tun!«, sage ich schnell und bemühe mich, seinem Blick standzuhalten. »Kein Mensch mit Anstand würde seinen Nachbarn so misslich behandeln und …«
Ich stutze und starre auf Fritzens Gesicht. Es ist rot geworden. Puterrot.
Mich kitzelts in der Kehle, ich kann gar nicht mehr denken, konzentriere mich auf das Kitzeln und dann lache ich los, laut und befreit. So lange lache ich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und Fritz? Der lacht erleichtert mit und die beiden Schnecken? Sind verschwunden, komisch!

© Regina Meier zu Verl

Vergesslich? Ich doch nicht! (Reizwortgeschichte)

Die Reizwörter sind: Bibliothek, Buch, betreten, begeistert, beheben

Schaut bitte auch bei meinen Kolleginnen, was sie dazu geschrieben haben

Martina und Lore

Vergesslich? Ich doch nicht!

Als ich die Bibliothek betrat, wusste ich noch genau, was ich dort wollte. Aber, wie das so ist, wenn man einer Fülle an Informationen ausgesetzt ist und sich Buch an Buch reiht, kann man schonmal vergessen, was der eigentliche Grund für den Besuch war.

Das ist aber auch gar nicht schlimm, denn Lesen bildet und es kann ja nicht falsch sein, sich einfach mal inspirieren zu lassen. Ich stehe also mit schräg gelegtem Kopf vor einem Regal und versuchte die Titel der dort stehenden Bücher zu entziffern. Ab und zu greife ich ein Buch heraus und lese ein paar Seiten, manchmal überfliege ich nur den Klappentext. Immer wieder stelle ich fest, dass ich eine große Zahl der Bücher kenne, was aber kein Wunder ist – ich stehe in meiner Lieblingsabteilung, der Kinderbuchoase. Hier kenne ich die Klassiker und die Bücher meiner Lieblingsautoren und immer wieder freue ich mich darüber, etwas ganz Neues zu entdecken. Ich tarne meine Gier damit, mir einzureden, dass ich es meinen Enkeln vorlesen möchte.

Mache ich auch und selbst das ist Eigennutz. Solange sie es lieben, werde ich das schamlos ausnutzen, das könnt ihr mir glauben. Bücher begeistern mich eben und das ist ja kein Charakterfehler, nicht wahr?

Ich gehe nach Stunden dann zur Ausgabe und lasse einen Stapel Bücher einlesen, den ich mit nach Hause nehmen möchte. Wie gut, dass ich meinen Hackenporsche* bei mir habe, das passt allerhand rein, denn zum Tragen sind die Bücher viel zu schwer.

Als ich nach Hause komme, brauche ich erstmal einen Kaffee und dann ein Enkelkind, oder auch mehrere, damit wir mit dem Schmökern anfangen können. Als das Telefon schellt, wird dieses Enkelkinderproblem schnell behoben. Nummer Eins kündigt sich an, das gefällt mir sehr und bei der Gelegenheit fällt mir auch wieder ein, was ich eigentlich in der Bibliothek ausleihen wollte:

„Gedächtnistraining im Alter“ – habe schon viel Gutes über dieses Buch gelesen, vielleicht hilft es ja.

© Regina Meier zu Verl

*Einkaufswagen , auf Rädern, den man hinter sich herziehen kann.

Alles ist möglich (Reizwortgeschichte)

Die Reizwörter sind: Ameise, Ankunft, alt, angeln, angeben

Schaut bitte auch bei meinen Kolleginnen, was sie dazu geschrieben haben

Martina und Lore

Alles ist möglich


Die alte Adelheid sitzt in einem Ruderboot und angelt. Dabei kommt es ihr gar nicht darauf an, etwas zu fangen, nein, sie genießt einfach die Ruhe und das Alleinsein.
„Ich habe es so gut“, sagt sie sich und seufzt. „Welche Kuh hat so ein großes Glück wie ich und darf in aller Seelenruhe in einem Boot sitzen und angeln?“
Etwas ungewöhnlich ist das schon, oder habt ihr schon einmal eine schwarzbunte Kuh beim Angeln gesehen? Kaum jemand, oder? Ich möchte nicht angeben, aber ich habe eben einen Blick für so etwas und hier kommt mir entgegen, dass eine Kuh relativ groß und kaum zu übersehen ist, nicht wahr? Würde es sich um eine Ameise handeln, wäre mir so eine Sensation sicher verborgen geblieben. Die könnte man mit bloßem Auge kaum entdecken.
Aber zurück zu Adelheid. Ich kann mich noch gut an ihre Ankunft auf unserem Bauernhof erinnern. Damals war es noch Brauch, dass, wenn eine Frau auf einen Hof „einheiratete“, die Nachbarn der Braut eine Kuh als Mitgift gaben. So war das auch bei Adelheid. Sie war eine Mitgift. Darauf war sie zunächst sehr stolz gewesen, denn man hatte sie gewaschen und herausgeschmückt mit einem wundervollen Blumenkränzchen.
Aber sie hatte keinen leichten Start, denn alle anderen Stallgenossinnen kannten sich schon länger und Adelheid als Neue, wurde beäugt und gehänselt. Warum? Sie war schwarzbunt und im Stall gab es ausschließlich braune Kühe. Da Kühe aber ein recht gutes Sozialverhalten haben, lebte sich Adelheid bald ein und schloss auch Freundschaften mit der ein- oder anderen Kuhdame. Eigentlich sind Kühe den ganzen Tag mit dem Fressen beschäftigt, aber es bleibt schon Zeit für ein wenig Geplauder und da erzählt man sich auch von seinen geheimsten Wünschen. Als Freundschaftsbeweis leckt man sich dann gegenseitig das Fell und stößt zufriedene Seufzer aus.
Liese, eine von Adelheids engsten Freundinnen, wünschte sich nichts sehnlicher, als einmal einen ganzen Eimer Erdbeereis verspeisen zu dürfen. Immer und immer wieder hatte sie Adelheid davon erzählt und als auf dem Hof einmal der Gefrierschrank ausgefallen war und eine Riesenportion Erdbeereis geschmolzen war, da war ihr Traum wahr geworden, denn die Bäuerin hatte den Kühen das cremige Dessert hingestellt mit den Worten: „Genießt es, ich kann es nicht mehr verkaufen!“
Da alle Lieses Herzenswunsch kannten, ließ man ihr den Vortritt. Schön, oder?
Lächelnd erinnert sich Adelheid an diesen Tag, während sie hier in ihrem Boot sitzt und angelt. Dieser Wunsch war so einzigartig wie sie selbst und lange hatte sie nicht daran geglaubt, dass er sich erfüllen könnte. Dann hatte ihre Freundin Klärchen ihr aber verraten, dass alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt und ihr einen Satz gesagt, den Clärchen selbst zu ihrem Lebensmotto gemacht hatte. Er lautet: „Wenn’s Beine hat, dann geht’s!“
Ihr seht, man muss nur fest dran glauben, Adelheid hat Beine und sitzt nun im Boot und angelt, das ist der Beweis, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

Adelheid angelt (c) Regina Meier zu Verl

Dreckspatz Pepper – Reizwortgeschichte

Pfoten, Pfütze, pflücken, pflegen, pfeffrig

Das waren die Wörter, die diesmal verwendet werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen MARTINA und LORE

Dreckspatz Pepper


„Du glaubst doch nicht, dass du mit diesen schmutzigen Pfoten ins Haus darfst?“, fragte Conny Pepper, den kleinen Jack Russell Terrier, der mit freudig wedelndem Schwanz vor ihr stand. Anmutig legte er sein Köpfchen von einer Seite zur anderen. Er war offensichtlich sehr stolz, dass nicht nur seine Pfoten schlammig waren, sondern sein gesamtes Fell.
„Hast du wieder jede Pfütze unterwegs mitgenommen?“ Conny schüttelte verärgert den Kopf. „Nein, nein, nein, ich fasse es nicht!“, schimpfte sie.
„Mama, nicht schimpfen. Pepper kann gar nichts dafür. Weißt du, da war so ein Hundemädchen, das hatte es ihm angetan“, Florian verteidigte Pepper, obwohl er wusste, dass das fremde Hundemädchen keine Schuld traf. Er hätte besser aufpassen müssen und den Hund nicht von der Leine lassen dürfen. Das war klar.
„Du hast ihn frei laufen lassen, gib es zu!“, sagte Mama Conny da auch schon. Florian hatte es geahnt. Seine Mutter konnte Gedanken lesen, das war doch zum Haare raufen.
„Habe ich, es war aber weit und breit niemand zu sehen und dann kam da dieser kleine Hund um die Ecke. Die beiden tobten durch jede Pfütze.“, sagte Florian schuldbewusst und ärgerte sich insgeheim, dass er auf dem Nachhauseweg nicht einmal ein paar Blümchen für seine Mama gepflückt hatte. Dann wäre das Donnerwetter vielleicht halb so wild ausgefallen.
„Du weißt, was nun zu tun ist?“, fragte die Mutter.
„Ja, da ist wohl die Badewanne angesagt und anschließend wir das Fell gepflegt und dann muss das Badzimmer gewischt werden“, Florian seufzte.
„Jawohl, genau in der Reihenfolge – aber warte, ich helfe dir“, versprach Mama Conny.
Florian atmete auf, wenn Mama dabei war, dann war die Prozedur nur halb so wild, denn Pepper war, abgesehen von dreckigen Pfützen, absolut wasserscheu.
Pepper spielte dann auch, wie erwartet, den wilden Kerl. Er wehrte sich und versuchte zu entkommen, doch er hatte keine Chance. Am schlimmsten war es, wenn das Hundeshampoo zum Einsatz kam. Wäre das nun pfeffrig gewesen, dann könnte man das ja verstehen, aber es roch lecker und war so mild, dass es sicherlich nicht in den Augen biss. Florian hatte aber Verständnis, denn ihm machte das Haarewaschen auch immer ein wenig Stress.
„Beim nächsten Spaziergang passe ich besser auf!“, versprach Florian, als sie später mit dem frisch gebadeten Pepper im Wohnzimmer spielten.
„Ich bitte darum!“, sagte Mama Conny lachend und dann erzählte sie mir die Geschichte von ihrer Hündin Jacky, die genauso gern durch Pfützen getobt war, wie unser Pepper. Damals war Mama das Kind gewesen und sie hatte nicht vergessen, dass so etwas eben mal passieren konnte. Gut so!

© Regina Meier zu Verl

Meine Freundin Edeltraud

Meine Freundin Edeltraud

Sascha ist das Nesthäkchen der Familie. Er ist fünf Jahre alt. Dann sind da noch Tine und Bella, die Zwillinge. Die beiden sind schon acht und gehen in die dritte Klasse.Sascha findet es blöd, dass er noch nicht in die Schule gehen darf. Er möchte nicht mehr in den Kindergarten. Lesen will er und schreiben, denn dann würde er Geschichten schreiben, so wie seine Mama. Ja, und Bauer will er werden, so wie Nachbar Heinrich.
„Wenn du willst, dann schreibe ich deine Geschichten auf“, hatte seine Mutter ihm oft angeboten.
Heute ist es soweit, Sascha fragt:
„Mama, hast du Zeit?“
„Sicher, was möchtest du denn?“
„Ich will dir eine Geschichte erzählen. Schreibst du sie für mich auf?“
„Klar, mache ich.“
Mama nimmt sich einen Block und einen Bleistift und dann kann es losgehen.
Sascha diktiert:
„Sascha ist bei Heinrich. Was macht er da?“
Mama schreibt eifrig und Sascha überlegt. „Er füttert die Kühe. Heinrich hat viele Kühe.“
Sascha überlegt.
„…Und die haben dollen Hunger und Durst und die heißen Liese und Lotte und Herta und Franzi und…“
„Moment!“, ruft Mama. „Nicht so schnell!“
„Okay, also langsamer: Liese, Lotte, Herta, Franzi, Heidi, Paula, Trude…“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du alle Namen kennst, Sascha.“
„Das ist ganz leicht, ich stelle mir vor, dass sie alle hier vor dem Fenster vorbeilaufen, dann fallen mit die Namen ein.“
Mama staunt nicht schlecht, denn es kommen noch mindestens zehn weitere Kuhdamennamen. Sie könnte sich das bestimmt nicht so merken.
„Kennt der Heinrich seine Kühe auch so gut?“
„Klar Mama, sie sind seine allerbesten Freundinnen, die kennt man doch. Er sagt immer, dass er sie am Euter erkennen kann.“
Mama prustet los, sie schüttelt sich vor Lachen.
„Und woran erkennst du die Kühe?“
„Na, am Gesicht und wenn nicht, dann auch am Euter!“
Als Mama sich wieder ein bisschen beruhigt hat, geht es weiter mit der Geschichte.
Zwischendurch muss Mama noch einmal vorlesen. Sie hat alles richtig gesagt und Sascha ist zufrieden.
„Ist schon eine ganz schön lange Geschichte, stimmt’s, Mama?“
„Ja, stimmt! Wie geht es denn weiter?“
„Gut, also weiter: Als alle Kühe gefüttert sind, schickt der Heinrich sie wieder auf die Weide, die Lise, die Lotte, die Herta, die Franzi…“
Mama schreibt brav mit, ihre Gedanken wandern aber schon in die Küche, bald ist Zeit für das Abendessen.
„Lies mal vor, Mama! Die Kühe schlafen jetzt und die erste Geschichte ist zu Ende.“
Mama liest vor. Als sie den letzten Satz gelesen hat, fängt Sascha an zu weinen.
„Was ist denn jetzt los?“
„Mama, du hast die Edeltraud vergessen, die hat jetzt nichts zu fressen bekommen und auf die Weide durfte sie auch nicht mit. Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Edeltraud aufschreiben.“ Verzweifelte Tränen laufen und die Nase läuft gleich mit.
„Weißt du was, lieber Sascha. Du hast Recht, ich erinnere mich genau, dass du mir die Edeltraud genannt hast. Da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst. Entschuldige bitte.“
„Ja gut, Mama. Aber was machen wir denn jetzt?“
„Wir schreiben die Edeltraud jetzt einfach dazu, dann hat alles wieder seine Ordnung!“
Sascha ist zufrieden und Mama denkt, dass sie beim nächsten Diktat einfach besser zuhören muss, denn Sascha ist pingelig und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl


Der musikalische Spatz

Der musikalische Spatz

„Nur eine kleine Geschichte noch, Oma. Dann schlafe ich, versprochen!“
Ich kann dieser Bitte nicht widerstehen und überlege fieberhaft, welche Geschichte ich noch erzählen könnte. Jule kennt sie schon fast alle.
„Erzähl die mit dem Vogel, der sich in deinem Wohnzimmer verirrt hatte!“, bittet Jule und ihre blauen Kulleraugen leuchten.
„Okay, aber nächstes Mal erzählst du sie mir“, schlage ich vor und Jule nickt eifrig.
„Mache ich, einmal musst du sie aber noch erzählen!“
„Eines Abends im Frühling, ich hatte die Balkontür weit geöffnet, besuchte mich ein kleiner Spatz in meinem Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Sofalehne und als ich in seine Nähe kam, schlug er vor Angst mit den Flügeln und floh.“
„Warum ist er denn nicht nach draußen geflogen, wenn er doch solche Angst vor dir hatte?“
„Vielleicht wusste er nicht mehr, in welche Richtung er sollte. Deshalb flog er mitten ins Zimmer und setzte sich auf’s Klavier.“
Jule grinst. Sie weiß genau, wie es weitergeht. Sie setzt die Geschichte fort:
„Und weil da gerade die Noten lagen, die du für die Schulaufführung geschrieben hattest, passierte es, dass der kleine Vogel, der ja große Angst hatte, auf das Notenpapier kleckerte!“
Jule lacht. Immer wieder kann sie darüber lachen. Natürlich habe ich ihr das Notenblatt gezeigt, das ich aufbewahrt hatte. Der ängstliche Spatz hatte dort nicht nur einen Klecks hinterlassen, nein, einen ganzen Takt hatte er zugekleckert.
„Du weißt ja, was dann passiert ist, Jule!“
„Ja, Oma, du hast so gelacht, dass der Spatz vor Schreck wieder losflog und den Weg ins Freie gefunden hat und dann hast du das Lied nach ihm benannt, stimmt’s?“
„Stimmt! Wollen wir es singen?“
Jule strahlt und fängt an:
„Ein Spatz, der gerne Lieder mocht‘,
von Menschhand geschrieben,
der kam mal in mein Wohnzimmer,
doch ist er nicht geblieben.
Er kleckerte das Sofa voll,
fast hätt ich ihn gepackt,
da hat er dann vor lauter Angst
aufs Notenblatt ge-kleckert.“

Jule lacht bis ihr die Tränen kommen.
„Das reimt sich nicht, Oma. Es muss doch …“
Ich unterbreche sie, bevor sie es ausgesprochen hat. Wir sind vor Lachen beide völlig außer Atem und plötzlich ist Jule gar nicht mehr müde.
„Mutter, du sollst doch nicht so wilde Geschichten vorm Einschlafen erzählen“, schimpft meine Tochter mit mir und droht mit dem Zeigefinger. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass sie herein gekommen ist.
„Mach ich ja gar nicht“, versuche ich mich zu verteidigen. Jule kommt mir zur Hilfe.
„Mama, lass Oma in Ruhe, die ist cool. Keiner hat eine so coole Oma wie ich – und jetzt raus hier, ich will schlafen!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Oldiefan/pixabay

Mäusefreundinnen (Reizwortgeschichte)

Praline – Glas – zittern – kunterbunt – beliebt

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Schaut auch bitte bei

Martina, was ihr zu den Wörtern eingefallen ist. Soweit ich weiß, setzt Lore noch einmal aus, wird aber beim nächsten Mal, am 15.8. wieder dabei sein!

Mäusefreundinnen

Die kleine Maus Krümel hatte ihr behagliches Nest unter der dichten Lorbeerhecke verlassen. Weit draußen, auf der Obstwiese schnupperte sie an einem Apfelkitsch, den wohl jemand achtlos weggeworfen hatte. Welch ein Glück für die Maus. Krümels winzige Nase bebte und die feinen Barthaare zitterten vor Aufregung. Mit den Pfoten ergriff sie geschickt einen Apfelkern und knabberte genüsslich daran. Einen weiteren Kern verputzte sie und einen dritten wollte sie ihrer Freundin Minny mitbringen. Die würde sich freuen. So flitzte Krümel mit dem Kern zwischen den Zähnen nach Hause, legte ihren Schatz in das winzige Glas im Nest, das sie einmal gefunden hatte und mühsam ins Heim geschleppt hatte. Dann machte sich gleich noch einmal auf den Weg, um einen weiteren Apfelkern einzusammeln.
Als sie aber zurück zur Wiese kam und durch das lange Gras trippelte, um den Apfelrest wiederzufinden, sah sie gerade noch, wie eine dicke Katze gebeugt durch die Wiese schlich. Im nächsten Moment sprang sie auf etwas zu und dann gab es ein Gequieke und Geschrei und – glücklicherweise – konnte ein anderes Mäuschen entwischen.
Unserer Maus Krümel allerdings war der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren, dass sie keine Lust mehr auf Apfelkerne hatte und sich schleunigst auf den Weg ins Nest machte. Dort saß sie nun mit ihrem Apfelkern, der ihr so begehrenswert wie eine feine Praline erschien. Das Wasser lief ihr im Mäulchen zusammen, aber sie beherrschte sich. Schließlich hatte sie den Kern für ihre Freundin Minny mitgebracht. Vielleicht könnte sie aber auch den Kern verzehren und dafür einen kunterbunten Blumenstrauß für ihre Freundin pflücken, dachte sie. Aber das war wohl nicht ganz das gleiche, einen Kern konnte man essen und sie selbst hatte sogar zwei Kerne genießen können. Es war nicht gerecht, dass sie Minnys Kern auch noch vertilgte. Sie wäre eine schlechte Freundin gewesen.
Nach dem Mittagsschlaf machte sich Krümel auf den Weg, ihre Freundin zu besuchen. Sie huschte in deren Nest und ließ den Apfelkern vor Minny fallen.
„Bitte schön, der ist für dich!“, sagte sie und Minny machte sich sogleich über ihr Geschenk her.
„Danke schön, das tat gut!“, sagte sie noch schmatzend. „Apfelkerne geben Kraft, das habe ich heute am eigenen Leib erfahren!“
„Ja? Was ist denn passiert?“, wollte Krümel wissen.
„Ich wäre fast von der dicken Katze erwischt worden, ich konnte im letzten Moment entwischen, ich habe mich mit Händen, Füßen und Gequieke gewehrt und es hat funktioniert, ich konnte entwischen.“
„Das ist wunderbar! Aber, was haben denn die Apfelkerne damit zu tun?“, fragte Krümel.
„Ich hatte gerade genüsslich meinen fünften Apfelkern verzehrt, als die böse Katze auf mich zukam. Ich hatte nämlich einen Apfel im Gras gefunden und kam gut an alle fünf Kerne heran, mmmh, die waren lecker!“, erklärte Minny.
„Wolltest du gar keinen Kern für mich mitbringen? Nicht einen einzigen?“, fragte Krümel enttäuscht.
„Oh“, rief Minny, und dann noch einmal: „Oh, das tut mir leid und du hast recht, ich hätte dir einen Kern mitbringen sollen. Ich bin eine schlechte Freundin!“, jammerte sie.
Krümel wehrte ab. „Ist schon gut, wichtig ist, dass dich die Katze nicht erwischt hat!“, sagte sie, aber so ein ganz kleines Bisschen tat es doch weh im Bauch, dass Minny gar nicht an sie gedacht hatte.
Ein paar Tage später, Krümel kam gerade von einem Besuch bei ihrer Cousine Amie zurück, fand sie in ihrem Glas fünf herrlich schwarze, glänzende Apfelkerne. Sofort dachte Krümel an Minny und sie glaubte, dass nur sie die beliebten Kerne dort hineingelegt haben konnte. Bevor sie also nur ein einziges Kernchen verzehrte, lief sie zu Minny hinüber, um sich zu bedanken. Die kam ihr aber schon auf dem halben Wege entgegen und hatte das gleiche Anliegen, denn auch sie hatte fünf Apfelkerne vorgefunden.
„Wie, du warst das nicht?“, fragte Krümel ungläubig.
„Nein wirklich nicht und du? Warst du das auch nicht?“, wollte Minny wissen.
„Hey Mädels!“ Das war die Stimme von Feli. „Habt ihr mein Geschenk gefunden?“
Minny und Krümel sahen sich an. „Wir sind schlechte Freundinnen!“, flüsterte Minny und Krümel nickte zustimmend. Keine von beiden hatte an Feli gedacht. Sie schämten sich und nahmen sich vor, demnächst besser auf die Freundinnen zu achten und an sie zu denken, wenn es etwas zum Teilen gab. Ganz fest nahmen sie es sich vor und wie ich gehört habe, klappte das auch.

© Regina Meier zu Verl