Claras Puppenstube

Claras Puppenstube

Zufrieden trat Steffen einen Schritt zurück, um sein Werk noch einmal mit gebührendem Abstand zu betrachten. Schön war die Puppenstube gelungen, die sich Carla so dringend zu Weihnachten wünschte. Seine Tochter hatte ihm genau beschrieben, wie ihr Wunsch aussah und er, Steffen, hatte sich bemüht, alles genauso umzusetzen. Eine Puppenstube, die anders war als die, die man kaufen konnte, sollte es sein. Und ganz wichtig: Nichts durfte rosa sein. Die Farbe mochte Carla nämlich nicht leiden. Außerdem sollte ein Platz für einen Esel vorhanden sein. Einen Esel? Steffen fand, dass diese Bedingung am schwersten umzusetzen war. Jedenfalls war ihm das so vorgekommen, doch dann hatte er die Idee gehabt, gleich einen ganzen Stall anzubauen, so wie es damals auch in seinem Zuhause war, auf dem Bauernhof vor langer Zeit.
»Eine Stube mit Stall!« Er grinste. »Das muss mir erst einmal jemand nachmachen.«
»Das ist nichts Neues, Junge!«, brummelte Urgroßvater Hinrich, der mit einem Buch neben ihn saß und las. »Auf dem Land hatte man das früher so. Ich habe das noch manchmal gesehen.«
»Was? Wohnen mit Stall?« Steffen staunte. Er stellte sich das nicht so angenehm vor und sicherlich hatte das doch gestunken!
»Klar, die Tiere haben die Deele mit ihren Körpern gewärmt, so dass im Winter die Kälte nicht in die Küchen kriechen konnte, die war nämlich meist direkt neben der Deele. Erinnerst du dich gar nicht mehr an unseren Hof, mein lieber Steffen?«
»Schon. Aber daran nicht.« Steffen zögerte. »Aber die Stube, die sehe ich noch genau vor mir. Gemütlich war sie und den großen Kamin habe ich über alles geliebt. Es war so kuschelig, so heimisch.« Er zögerte wieder und sagte dann leise: »Wenn mich jemand nach meiner Heimat fragt, so muss ich immer an die Geborgenheit auf dem alten Hof denken.“
Der Urgroßvater schmunzelte. »Daher ähnelt deine Puppenstube wohl ein bisschen unserer alten Deele, nicht wahr?«
Steffen nickte. »Weißt du was? Ich werde auch noch versuchen, ein paar Tiere zu finden. Irgendwo auf dem Dachboden ist sicher noch mein altes Holzspielzeug, ich schaue gleich einmal nach!«, verkündete er.
Der Urgroßvater klappte sein Buch zu und schloss die Augen. Es dauerte gar nicht lange, da war er eingeschlafen und jetzt könnt ihr euch sicherlich denken, wovon er träumte, oder? Richtig, er war ein Kind und befand sich auf dem Bauernhof. Gerade war ein Kälbchen geboren worden. Der Urgroßvater rieb es mit Stroh trocken und durfte ihm einen Namen geben. Wilhelm hatte er es taufen wollen. Das war der Name des letzten Kaisers und von dem hatte ihm sein Urgroßvater so oft und so viele Geschichten erzählt, dass der kleine Hinrich so unbedingt auch einen Wilhelm haben wollte. Aber alle Hofbewohner hatten die Nasen verzogen. Einen Kaiser Wilhelm wollten sie nicht auf dem Hof haben, nicht einmal im Kuhstall. Aber gelacht haben sie noch in der lange in der Familie, wenn sie von dem Willhelm-Kalb sprachen.
Mittlerweile war Steffen wieder vom Dachboden hinabgestiegen und wollte seine Ausbeute an Holztieren dem Urgroßvater zeigen. »Großvati, schläfst du?«, flüsterte er und legte seine Hand sanft auf die Schulter des alten Mannes.
»Nein, nein, ich ruhe nur ein wenig!«, sagte dieser.
»Schau, was ich gefunden habe!« Steffen zeigte einen Esel, ein Schaf und eine Kuh mit ihrem Kälbchen. Der Urgroßvater griff nach dem Kälbchen und schaute es mit Tränen in den Augen an. »Wollen wir es Wilhelm nennen?«, fragte er.
»Sicher, wenn du das möchtest, heißt es jetzt Wilhelm!«, sagte Steffen und als er die glücklichen Augen des alten Mannes sah, freute er sich schon darauf, wenn Carla und der Urgroßvati gemeinsam mit der Puppenstube spielen würden.

© Regina Meier zu Verl

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