Weihnachtsbastelei

Weihnachtsbastelei

Greta hatte sich zum Basteln in ihr Zimmer zurückgezogen. Von Mama hatte sie eine Bastelschere, Papier und eine große Tube Klebstoff bekommen.
„Stifte und Farben hast du genügend, dann leg mal los!“, hatte Mama gesagt und seit mindestens zwei Stunden nicht einen einzigen Pieps von Greta gehört.
‚Was sie wohl macht?’, dachte Mama und rollte eine weitere Lage Plätzchenteig aus, um dann winzige Tannenbäumchen auszustechen.
‚Eigentlich könnte sie so langsam mal wieder in die Küche kommen und mir ein helfen! ’

Doch Greta hatte keine Zeit. Sie kam zwar kurz in die Küche und holte sich ein Glas Milch, naschte vom Plätzchenteig und bat ihre Mutter um einen Locher.
„Wofür brauchst du ihn denn?“
„Geheimnis! Großes Geheimnis“, sagte Greta und lächelte verschmitzt.
Mit dem Locher bewaffnet verschwand sie wieder in ihrem Zimmer und als sie am Abend zum Essen kam, hatte sie hochrote Wangen, vor lauter Eifer.

Mama war gespannt, was ihre Tochter denn gebastelt haben könnte, musste sich aber bis Weihnachten gedulden.

Am Heiligabend, als alle ihre Geschenke auspackten, lag ein Päckchen unter dem Weihnachtsbaum, das hübsch in Geschenkpapier eingepackt war und an dem ein Kärtchen hing, worauf stand „Für uns alle“.
„Wer darf es denn öffnen?“, fragte Papa.
„Das mache ich gleich selbst“, antwortete Greta und riss das Päckchen an einer Seite auf. Dann drehte sie sich juchzend um die eigene Achse und schüttelte das Päckchen.
„Schaut, es schneit!“, rief Maxi, der kleine Bruder, und versuchte die Schneeflocken einzufangen, die da durchs Zimmer wirbelten.
„Greta hat uns Schnee gebastelt, wie schön!“, rief nun auch Mama und Papa lachte.
„Unsere Tochter hat immer gute Ideen, wenn es draußen nicht schneit, dann macht sie den Schnee kurzerhand selbst!“

So gab es an diesem Weihnachtsabend Schnee in der guten Stube der Müllers und alle hatten ihre Freude daran.

© Regina Meier zu Verl

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Der Wunderweihnachtsbaum

Der Wunderweihnachtsbaum

Die riesige Tanne vor dem Rathaus wurde in jedem Jahr von den Schülern der Grundschule geschmückt. Jedes Kind, das Lust hatte, etwas zu basteln und an den Baum zu hängen war eingeladen, am Tag vor dem ersten Dezember zu kommen und dem Schauspiel beizuwohnen. Das Errichten der Tanne, die Befestigung der Lichterketten, sehr spannend war es, das mit anzusehen. Doch der Höhepunkt war, wenn die Sterne, Päckchen oder andere Basteleien angebracht wurden, denn in einem Korb, der hochgefahren wurde, stand Herr Koch, der Hausmeister.

„Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts“, riefen die Kinder ihm zu oder: „Herr Koch, du musst mein Geschenk an die Spitze hängen, damit es das Christkind zuerst sehen kann!“

Der Hausmeister war geduldig, schon seit vielen Jahren erledigte er diese Aufgabe und für ihn war es die rechte Weihnachtsfreude, so viele strahlende Kinderaugen zu sehen. In diesem Jahr aber hatte sich Herr Koch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Es war nämlich sein letztes Jahr im Dienst der Stadt und es sollte einen Abschluss bilden, an den man sich noch lange erinnern würde. So hatte es sich der Fast-Rentner vorgenommen.

In den Schulen und Kindergärten hatte er Aushänge aufgehängt und mit den Lehrern und Erziehern gesprochen. Herr Koch wünschte sich nur große Sterne am Baum und auf jedem Stern sollte ein persönlicher Wunsch vermerkt sein. Keiner, den man einfach mit Geld und im nächsten Warenhaus erfüllen konnte, sondern einer, mit dem man einem anderen eine große Freude bereiten wollte. Die Lehrer erklärten es den Kindern und die waren gleich mit Feuereifer bei der Sache. So ganz einfach war das aber nicht, denn was sie sich selbst wünschten, das wussten sie längst. Aber was sie jemand anderem wünschen sollten, das war eine andere Sache. Frau Müller gab ihren Schülern ein Beispiel.

„Da ich nicht mitmachen darf, sage ich euch jetzt, was ich auf meinen Stern schreiben würde. Vielleicht habt ihr dann eine gute Idee, wie euer Wunsch ausfallen könnte. Also: Meine Nachbarin ist schon alt. Ihr größter Traum ist es, einmal noch ihren Sohn zu sehen, der weit weg, in Amerika lebt. Ich wünsche ihr, dass sich dieser Wunsch recht bald erfüllt, denn sie ist sehr krank.“                           Die Kinder waren ganz still geworden. Die Idee war so schön, eine solche Bitte wollten sie auch formulieren und manchen fiel auch gleich ein Mensch ein, der in der näheren Umgebung lebte und der auch so einen Wunsch haben könnte.

„Ihr dürft euren Wunsch aber nicht verraten, dann erfüllt er sich nicht!“, verriet Frau Müller den Kindern.

Große rote und goldene Sterne wurden aus dicken Karton ausgeschnitten, dann schrieben die Schüler die Wünsche auf die Rückseite und am Schluss wurde jeder einzelne Stern in eine Folie eingeschweißt, damit Regen oder Schnee ihm nichts anhaben konnte.                                                    Am nächsten Tag gingen dann alle gemeinsam zum Rathaus und dort beobachteten sie, wie ein Stern nach dem anderen am Weihnachtsbaum befestigt wurde. Der Bürgermeister hatte Punsch für alle gespendet und er beobachtete das Treiben wohlwollend aus seinem Rathauszimmer.

„Wenn sich ein Wunsch erfüllt hat, dann leuchtet der Stern, der dazu gehört!“, erklärte er seiner Sekretärin, die lächelte, aber nicht so recht daran glauben wollte. Sie fand, dass es eine schöne Geste sei, aber Wunder hatte sie noch keine erlebt und das würde ihr auch der Chef nicht einreden können.

Ein paar Tage lang bewunderten alle Leute der Stadt „ihren“ Weihnachtsbaum und sie erfreuten sich an der Geschichte, dass die Sterne leuchten würden, wenn sich Wünsche erfüllten. Besonders gut beobachtete Herr Koch den Baum, denn schließlich hatte er ja die Idee gehabt, es in diesem Jahr einmal anders zu machen. Er wünschte sich sehr, dass möglichst viele Sterne leuchten mögen.

Alltag war eingekehrt in der kleinen Stadt. Der Baum stand an seinem Platz, jeder hatte ihn gesehen und bewundert und eigentlich warteten nur noch die Kinder, Herr Koch und der Bürgermeister auf ein Leuchten oder zwei oder drei. Am Tag vor dem Heiligen Abend, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, weil die Wolken voller Schnee waren, passierte dann etwas, über das alle noch lange reden würden. Dicke Schneeflocken fielen auf die Stadt und auf den Weihnachtsbaum und sie legten sich auf seine Zweige und alle, die gerade in der Nähe waren blieben stehen und freuten sich. Und während sie den Baum betrachteten, leuchtete ein Sternchen in hellem Licht auf und dann noch eines und ein weiteres und es dauerte fast eine Stunde, da waren alle Sterne hell erleuchtet und das hieß dann wohl, dass sich alle Wünsche erfüllt hatten.

„Wie kann das sein?“, fragten sich die Leute. „Da ist doch ein Trick dabei!“

Herr Koch stand mit klopfendem Herzen ganz in der Nähe, aus seinen Augen lösten sie Tränen, die heiß über die kühlen Wangen rollten. Wie schön das war und wie Recht er doch behalten hatte. Auch der Bürgermeister beobachtete das Wunder, schnell ließ er sich seinen Mantel geben und eilte nach draußen, um sich mit den Menschen zu freuen, die dort standen und Beifall klatschten. Ein Wunder, ein richtiges Wunder in seiner Stadt. So stolz war er nur bei seiner Wahl gewesen, damals, vor vielen Jahren.

Nun mag man sich fragen, wie es denn kam, dass alle Sterne zu funkeln anfingen, wo es doch so viele Wünsche waren, die dort verzeichnet waren? Wenn ich euch jetzt sage, dass die alte Dame, von der die Lehrerin gesprochen hatte, just in dem Moment Besuch von ihrem Sohn aus Amerika bekam, dann beantwortet sich diese Frage wohl von selbst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Der Wunderweihnachtsbaum
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Die kleine Kerze aus dem Weltladen

Die kleine Kerze aus dem Weltladen

„Ich will auch eine große Kerze sein“, jammerte die kleine Kerze, die seit ein paar Tagen im Schaufenster des Weltladens lag. „Eine große, dicke Kerze mit einem langen Docht. Und gelb will ich sein. Hellgelb.“
Missmutig blickte sie auf ihr zartrotes Kerzenkleid. Sie gefiel sich nicht, gar nicht.
„So mag mich doch keiner leiden, oder?“
„Dein Gejammer ist ja nicht auszuhalten!“, schimpfte die Teekanne, die direkt neben der Kerze stand. „Man ist, was man ist und daran kann man gar nichts machen. Sei doch zufrieden, ich finde dich recht schön!“
„Recht schön? Du findest mich nur „recht“ schön?“ Die kleine Kerze heulte leise auf. „Siehst du, das ist genau das Problem. Recht ist nicht richtig und recht schön bedeutet nur hübsch, ein bisschen, oder noch weniger. Dabei möchte ich doch eine ganz besondere Kerze sein für einen ganz besonderen Menschen. Aber wie soll der mich je finden, wenn ich so unbedeutend klein und nur recht schön bin?“
Die Teekanne schwieg nun. Insgeheim dachte sie, dass sie es der Kerze sowieso nicht recht machen konnte und eigentlich war es ihr auch egal. Sollte sie doch jammern.
„Siehst du“, jaulte die Kerze, „dazu fällt dir nun auch nichts mehr ein!“
„Streitet nicht, bitte!“, bat ein winziger Porzellan-Engel mit feinem Stimmchen. „Ich mag es nicht, wenn gestritten wird!“
„Oh, das tut mir leid“, sagte die kleine Kerze schnell, obwohl sie nicht wusste, was dieses „gestritten“ bedeuten sollte. „Wir haben nicht gestritten, oder?“
„Beileibe nicht“, murrte die Teekanne, „und nun störe mich nicht länger. Es kommt gerade eine nette Familie zu uns herüber und ich muss lächeln, lächeln, lieb lächeln. Vielleicht nehmen sie mich mit.“
Lächeln? Kann ich das auch? fragte sich die Kerze und gab sich Mühe, auch so ein Lächeln zu zaubern. Dabei verrenkte sie sich aber so, dass sie beinahe abgebrochen wäre. Oh je! dachte sie, nun bin ich nicht nur hässlich rosa, sondern auch noch krumm. Niemals wird mich jemand mitnehmen wollen!
„Hast du ein Glück, Teekanne!“ Sie seufzte tief auf. „Schön bist du und groß und deine Farben leuchten. Ich dagegen bin klein und hässlich. Es stimmt. Mich wird bestimmt niemals jemand mitnehmen.“
„Ha, du dummes Ding!“ Eine wunderschöne gelblilarosafarbene Stumpenkerze lachte heiser auf. Es war kein fröhliches Lachen. „Hoffe und bete, dass dich kein Mensch mitnimmt. Unser Los bei den Menschen nämlich ist kein erfreuliches und ich nenne es ein Glück, hier im Korb für alle Zeiten liegenbleiben zu dürfen. Man hört und sieht so vieles hier. Spannend ist das!“
Die kleine Kerze wollte es genauer wissen. „Nun erzähl schon, was erzählt man sich denn?“
„Na ja, ganz genau weiß ich es natürlich nicht, denn niemals ist eine Kerze zurückgekommen, um die Wahrheit zu berichten.“, meinte die Stumpenkerze. „Was ich aber weiß ist, dass man Kerzen anzündet und dann werden sie klein und kleiner und schließlich sind sie gar nicht mehr da!“
So ein Schreck! Konnte das denn wirklich wahr sein? fragte sich die kleine Kerze und je mehr sie darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr diese Behauptung.
„Du könntest recht haben!“, sagte sie deshalb leise, um nur ja nicht aufzufallen, denn gerade hatten sich die Kunden genähert und betrachteten sie.
Nein, dachte sie insgeheim, ich mag nicht noch kleiner werden und schon gar nicht mag ich angezündet werden und plötzlich verschwunden sein. Was das wohl bedeuten sollte, dieses anzünden, und ob das schmerzte?
„Guck mal, diese kleine Kerze“, vernahm man plötzlich eine Kinderstimme. „Die ist ja niedlich und sie würde genau in mein Puppenhaus passen!“
Eine andere Stimme kicherte: „Die ist doch ganz krumm!“
„Das macht doch nichts, ich finde sie schön und die Farbe ist toll, genau mein Geschmack!“, sagte nun wieder die Mädchenstimme. „Mama, kann ich die haben?“
Die Mutter trat heran, nahm die Kerze in die Hand und betrachtete sie prüfend. „Sie ist schief. Aber weißt du: schiefe Kerzen werden sehr alt. Sie dürfen nie brennen.“ Die Mutter lächelte und legte die kleine Kerze sanft in die Hand des Mädchens. „Ich denke, sie passt besonders gut ins Puppenhaus. Einverstanden. Wir nehmen sie.“
So kam es, dass die kleine Kerze ins Puppenhaus des Mädchens einzog. Was „anzünden“ bedeutete, hat sie nie erfahren, aber das ist ja auch gut so, nicht wahr?“

© Regina Meier zu Verl & Elke Bräunling

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Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen, jede Menge

Leo und Lina haben Kiefernzapfen gesammelt. Sie tun geheimnisvoll, als Mama fragt, was sie denn mit den vielen Zapfen basteln wollen.
„Das wirst du dann schon sehen!“, sagen sie und kichern. „Auf jeden Fall wird nichts gebastelt, wir helfen der Umwelt!“, behaupten sie und ziehen sich mit ihren Zapfen ins Gartenhaus zurück.
„Mama wird staunen“, freut sich Lina. „Und Papa und Oma und Opa auch.“
Leo kichert wieder. „Alle werden sie staunen. Bald.“
Lina schüttelt entschieden den Kopf.
„Von bald kann keine Rede sein. Du hast doch gehört, was Herr Norden gesagt hat, es braucht viel Geduld!“
Jetzt kommen die Jogurtbecher zum Einsatz. Tagelang haben Lina und Leo gesammelt.
„Dann erfüllen sie wenigstens noch einen Zweck!“, hatte Leo gemeint, denn zu viele Plastikbecher sind nicht gut für unsere Umwelt und Mama war dazu übergegangen, Jogurt in großen Gläsern zu kaufen, die man wiederverwenden konnte. Gut so.
Die Geschwister haben jeden Becher, den sie noch erwischen konnten, an sich genommen, denn sie haben viele Tannenzapfen gesammelt, die verarbeitet werden wollen. Wenn sie Glück hatten, dann würde aus jedem Zapfen in den Joghurtbechern ein kleines Tannenbäumchen heranwachsen. So viele Tannen!
„Ob unsere Becher da überhaupt reichen?“ Besorgt blickt Lina auf die Bechersammlung.
Die beiden Kinder füllen die Becher mit Gartenerde und legen dann jeweils einen Tannenzapfen auf die Erde. Anschließend besprühen sie jeden Zapfen mit Mamas Blumenspritze, die sie heimlich „ausgeliehen“ haben und schon bald ist ein kleines Tannenzapfenwäldchen entstanden. Jetzt kommt das Moos zum Einsatz, das sie im Garten gefunden haben und nun liebevoll auf die Erde rundum die Zapfen legen.
„Sie sollen sich doch wohlfühlen!“, meint Lina.
„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Leo und Lina grinst.
„Leo, du weißt doch, dass wir viel Geduld brauchen werden, das geht nämlich nicht so ruckzuck, es braucht Zeit!“, klärt Lina ihn nochmals auf.
„ Stimmt!“ Leo nickt und klatscht voller Vorfreude in die Hände.
„Mama wird staunen. Ein tolles Geschenk wird das sein. Ein wundertolles sogar. Ich …“ Er bricht ab, blickt über den Gartentisch, der fast ganz zugestellt ist mit Bechern, in denen auf Erde Tannenzapfen thronen, und wird blass. „Wo sollen wir die denn vor Mama verstecken? Es sind ja so viele!“
Aufgeregt blickt er seine Schwester an.
„Wir erteilen ganz einfach „Gartenhausverbot“, bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Wochen, vielleicht zeigen sich dann schon die ersten Sprösslinge.“, sagt Lina bestimmt.
„Und du meinst, dass Mama sich einfach so an das Verbot halten wird?“ Leo ist skeptisch.
„Sie muss!“, ruft Lina. „Wir machen ein Schild an die Tür und wir bitten Opa um Hilfe, der muss aufpassen, dass Mama nicht heimlich ins Häuschen geht!“
„Puh! Das wird schwer!“ Leo blickt seine Schwester zweifelnd an. „Was, wenn Mama nochmal im Garten arbeiten will?“
„Es ist Winter! Da hat Mama nichts mehr im Garten zu tun.“ Lina ist sich sicher.
Leo ist es nicht. Er denkt an die Tulpen- und Narzissenzwiebeln, die gestern in einem Paket gekommen sind und die Mama noch „in die Erde bringen will“, wie sie selbst gesagt hat.
„Dann decken wir den Tisch einfach ab mit einer großen Plane! Ich frage mal Opa, der hat immer gute Ideen!“, sagt Lina und Leo ist stolz auf seine Schwester. Meist hat sie eine Lösung, wenn ein Problem auftritt, auch wenn die Lösung immer wieder Opa heißt!
„Bei den Blumenzwiebeln können wir ja helfen!“, beschließen die Geschwister und dann machen sie sich auf zu Opa.
„Kinder! Kinder!“, sagte Opa später. „Ihr macht Sachen! Hmm! Lasst mich nachdenken.“
Er runzelt die Stirn und denkt nach. Lange. Und Lina und Leo runzeln auch die Stirn und denken auch nochmal nach.
„Wie viele Bäumchen habt ihr nochmal gepflanzt?“, fragte Opa dann. „Und wo im Garten wollt ihr sie später, nach Weihnachten, pflanzen?“
„24 sind es!“, sagt Lina stolz.
„Hinter dem Rasen in die Blumenbeete. Dort ist Platz!“ sagt Leo.
„Hm!“ macht Opa wieder. „Und wie groß werden eure Tannen einmal sein? Übrigens sind es keine Tannen, sondern Kiefern!“
„Sehr groß!“, freut sich Lina.
„Wie ein kleiner Wald!“, ruft Leo.
„Hm!“ Mehr sagt Opa nicht mehr und Lina sieht plötzlich einen großen, dichten Wald, der hinter dem Rasen hoch und dunkel aufragt. Gigantisch sieht der aus. Ein bisschen unheimlich auch. Und plötzlich gefällt ihr die Idee mit den vielen Tannen gar nicht mehr.
„Hm!“, sagt auch sie. „Ich glaube, so viele große Tannen würden Mama keine Freude machen.“
„Aber 24 kleine schon“, wirft Leo schnell ein. „Ein paar könnten wir ja auch verschenken.“
„Das ist eine gute Idee“, findet Lina. „Da es genau 24 Zapfen sind, können wir an jedem Tag im Advent eines verschenken.“
Genauso machen es die Geschwister und viele, viele Leute in der Nachbarschaft freuen sich, als es bei ihnen klingelt und die beiden Kinder mit einem Zapfenbecher vor der Tür stehen und singen:
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl

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Felix und der Weihnachtsbaum

Felix und der Weihnachtsbaum

Felix schlich durch die Wohnung. Seine Menschen schliefen längst. Er aber war hellwach und wusste nichts mit sich anzufangen. Zum Mäusejagen war er viel zu faul und draußen war es bitter kalt. Es hatte schon die ganze Woche heftig geschneit, im Vorgarten stand eine Schneemannfamilie und die war ihm nicht so ganz geheuer. Noch ein Grund, sich nicht allzu lange im Garten aufzuhalten. Wer weiß, ob sich diese Schneemenschen nicht doch einmal rührten und ihn dann jagten.
Der Vatermensch hatte auf dem Weg zum Haus Salz gestreut, das brannte so furchtbar an den Pfoten. Besonders die wunde Stelle, die er sich bei einem Revierkämpfchen mit dem dicken Mozart zugezogen hatte, schmerzte gewaltig.
Mozart war sowieso ein ganz blöder Kater. Seine Menschen verhätschelten ihn so, weil er angeblich hochmusikalisch war und die kleine Nachtmusik in und auswendig kannte. Dabei klang das so schauerlich, wenn er sang, dass Felix sich die Ohren mit den Pfoten zuhalten musste.

Im Wohnzimmer stand seit ein paar Tagen der Baum, den Alina und ihre Mutter festlich geschmückt hatten. Felix umrundete ihn und stupste mal hier, mal da mit der Pfote an. Das klingelte so lustig und in den Kugeln spiegelte sich das Licht der Fenstergirlanden.
Am Abend hatte der Vatermensch gesagt, dass Weihnachten schon bald vorbei ist. „Nur noch ein Tag“, hatte er geseufzt.
Wenn Weihnachten nun bald vorbei wäre, dann könnte Felix doch wagen, den Engel mit dem Rauschehaar dort oben von der Spitze zu holen. Er umrundete den Baum ein weiteres Mal, um zu prüfen, an welcher Seite er am Besten hinauf kommen könnte.
Man könnte zuerst auf den blauen Sessel, dann auf das Kaminsims und anschließend auf den Baum springen. So müsste es gehen.

Felix sprang auf den Sessel, aufs Kaminsims, auf den Baum … der wackelte gewaltig und er piekste entsetzlich. Felix konnte sich nicht halten und zappelte und quiekte. Der Baum fiel um und Felix fiel direkt neben das Jesuskind, das da in der Krippe schlief.
Verdutzt blieb er dort liegen und schon regte sich das schlechte Gewissen. Was würden wohl die Menschen sagen, wenn sie die Bescherung am Morgen entdeckten?
Vorsichtshalber blieb neben der Krippe liegen, hier würde ihn niemand entdecken, denn über dem Stall lag ja der Baum.
Richtig gemütlich war das, fast wie im Wald und es duftete herrlich. Felix schlief ein und schlummerte selig. Er träumte von Katzendamen mit goldenem Engelhaar, die ihn zärtlich beschnupperten und wurde unsanft geweckt, als der Vatermensch den Baum anhob und mit lauter Stimme rief: „Nun sieh sich einer diesen Schlingel an. Zuerst kippt er den Baum um und dann sucht er Schutz beim Christkind!“
Alina und ihre Mutter kamen in die Stube und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Nur eine einzige Kugel war zerbrochen und keiner war so richtig böse auf ihn. Felix streckte sich und maunzte und ließ sich dann von Alina ein wenig kraulen. Sie war zwar keine Engelskatze, aber auch ganz schön und vor allem sehr zärtlich.

Und der dicke Mozart saß draußen auf der Fensterbank und wurde vor Neid ganz blass.

© Regina Meier zu Verl

Kann man so einem niedlichen Wesen denn böse sein? Zeichnung © Judith Meier zu Verl

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Die Geschichte von Frau Engel

Frau Engel, ein Engel?

Sina war mit Mama in der Stadt und drückte sich ihr Näschen an den Schaufensterscheiben platt. Was es da alles gab, Sina konnte sich nicht satt sehen.

Am besten gefiel ihr der dicke Elefant, der bei Schürmanns im Schaufenster saß und so lieb lächelte.
„Mama, schau mal, ist der nicht toll?“

Sina stupste ihr Mama an, die sich gerade mit einer Dame unterhielt, die sie zufällig getroffen hatten. Sina kannte sie nicht. Sie hatte auch gar nicht mitbekommen, um was es in dem Gespräch ging. Sie war zu sehr mit dem Elefanten beschäftigt.
„Moment noch, Sina. Schau noch ein bisschen, ich würde gern einen Augenblick mit Frau Engel reden.“ Dann wandte sie sich wieder der fremden Dame zu.
„Frau Engel?“, dachte Sina „Das ist ja spannend, ob sie ein richtiger Engel ist?“ Wenn das so wäre, dann könnte sie dabei helfen, dass das Christkind den Elefanten zu Sina nach Hause brachte. Aber wie sollte sie das anstellen.
Mama hatte gesagt, dass Kinder nicht reinreden sollen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Das tat Sina trotzdem oft, aber heute traute sie sich nicht. Möglicherweise würde das alles verderben und die Engelfrau wäre sauer.
Sina musste sich was anderes ausdenken, sie kaute ein wenig auf dem rechten Daumennagel herum, das half beim Nachdenken. Auch diesmal, Sina hatte einen Plan.
Sie stellte sich wieder ganz nah an die Schaufensterscheibe und blinzelte dem Elefanten zu.
„Ich werde dich bekommen, ganz sicher. Warte mal ab.“ Dann begann sie herzzerreißend zu schluchzen. Sofort war die Mutter an ihrer Seite.
„Was ist denn los, Sinalein. Hast du dir wehgetan?“
Sina schüttelte den Kopf und über ihre Wangen liefen richtige Tränen. Das ging ganz leicht, man musste nur an etwas furchtbar Trauriges denken, dann klappte es.
Mama war nun echt besorgt und Frau Engel schaute ratlos aus der Wäsche.
„Es ist so schrecklich, Mama!“, heulte Sina und wischte sich die Nase mit dem Anorakärmel ab.
„Was ist denn nur so schrecklich, meine Kleine?“, fragte nun auch Frau Engel und beugte sich zu Sina hinunter.
„Er hat es mir gerade gesagt und ich kann ihm doch gar nicht helfen.“
„Wer hat was gesagt und wem kannst du nicht helfen?“, fragte Sinas Mutter.
„Na, der Elefant da, er heißt Michel und er ist schrecklich unglücklich, weil schon bald wieder Mitternacht ist und dann geht es los.“
Ein Lächeln huschte über Mamas Gesicht. Jetzt kam wieder eine von Sinas Geschichten. Doch Frau Engel hörte interessiert zu.
„Was ist denn um Mitternacht?“
„Da werden die Spielzeuge lebendig, weißt du das denn nicht, Frau Engel?“, fragte Sina.
Frau Engel wusste davon nichts, das sagte sie jedenfalls und Sina erzählte weiter.
„Also, um Mitternacht werden alle Spielzeuge für eine Stunde lebendig und dann ärgern sie den Elefanten immer und der ist am Fuß verletzt und er kann nicht weglaufen und das macht ihn so traurig. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn bald zu mir nach Hause wünsche. Da soll er es gut haben und ich will immer für ihn sorgen und …“
Frau Engel hob Sina zu sich hoch und strich ihr übers Haar.
„Frau Müller, Ihre Tochter ist ja wirklich goldig“, stellte sie fest und Mama freute sich. Frau Engel war nämlich ihre Chefin und gerade letzte Woche hatte Mama um ein paar Tage Urlaub vor Weihnachten gebeten, die Frau Engel aber nicht genehmigt hatte.
„Wenn ich es mir so recht überlege, dann denke ich, dass sie den Urlaub doch bekommen sollten. Aber was machen wir nun mit dem Elefanten, damit er nicht wieder geärgert wird?“, fragte die Engelfrau. Dann flüsterte sie Mama etwas ins Ohr und verabschiedete sich.
„Sina, ich werde mal mit dem Chef da drinnen reden, er muss sich was einfallen lassen, damit dein Michel nicht so viel Angst haben muss. Vielleicht kann ich ihn auch adoptieren. Würdest du dann gelegentlich auf ihn aufpassen? Weißt du, ich habe wenig Zeit.“
Sina nickte begeistert.
„Klar, das mache ich auf jeden Fall. Danke Frau Engel, vielen Dank.“
Frau Engel setzte Sina wieder auf dem Bordstein ab und verabschiedete sich schnell, dann verschwand sie im Kaufhaus Schürmann.
„Und wir gehen jetzt nach Hause, du kleiner Eulenspiegel.“, sagte Mama und auf dem Heimweg musste sie dann die Geschichte vom Till Eulenspiegel erzählen, der den Leuten immer gern einen Bären aufband und sie anschwindelte.
„Ich habe aber gar nicht geschwindelt, ich wollte doch nur den Elefanten retten.“, grinste Sina und hoffte insgeheim, dass Frau Engel so wenig Zeit haben würde, dass Elefant Michel ganz oft bei ihr sein könnte.
„Weißt du was ich glaube, Mama?“
„Nein, Sina, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Mama, ich glaube, dass die Frau Engel ein richtiger Engel ist.“
„Ja, das glaube ich auch“, sagte Mama und drückte Sina einen dicken Kuss auf die Wange.

 

Am heiligen Abend bekamen die Müllers Besuch von Frau Engel, die brachte den Elefanten vorbei und bat Sina darum, ihn bei sich wohnen zu lassen. Sie selbst habe wirklich gar keine Zeit und außerdem wollte sie zum Skilaufen nach Österreich fahren.
„Er kann so lange bleiben wie er will“, versprach Sina und umarmte Frau Engel.
„Und grüß die anderen von mir“ flüsterte ihr Sina ins Ohr.
„Mache ich gern“, sagte Frau Engel.
Sie musste gar nicht fragen, wen Sina denn meinte. Engel wissen eben alles.

© Regina Meier zu Verl

Hier kannst du die Geschichte anhören.

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Das Weihnachtstheater

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

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Opa, Mia und der Wunschzettel

Opa, Mia und der Wunschzettel
So ein richtiger Winter ist das in diesem Jahr nicht. Frühlingstemperaturen lassen vereinzelte Tulpen neugierig die Köpfchen aus dem Boden strecken. Auch an den Zweigen der Sträucher zeigt sich erstes Grün. Lustig sieht es aus, wenn die Eichhörnchen vergnügt von Ast zu Ast springen. Vor allem, weil Oma rote Weihnachtskugeln im Garten verteilt hat, denn in ein paar Tagen ist Heiligabend und so recht will noch keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen.
„Irgendwann wird er schon noch kommen, der Winter!“, sagt Großvater und schaut in den Himmel, so, als könne er da nachlesen, wann es denn endlich so weit sein würde.
„Und? Riecht es nach Schnee?“, frage ich ihn. Opa hatte das schon des Öfteren behauptet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Schnee riecht, wenn er noch im Himmel ist. Wenn er auf die Erde fiel, dann konnte man jedenfalls keinen Geruch wahrnehmen.
„Nein, absolut nicht! Der Schnee lässt ebenfalls auf sich warten. Sie scheinen es nicht eilig zu haben, die Brüder?“
„Welche Brüder?“, Opa spricht mal wieder in Rätseln.
„Na, der Schnee und der Winter, die gehören doch zusammen, oder etwa nicht?“
„Ja, aber sind sie deshalb gleich verwandt? Sogar Brüder?“
„Sei doch nicht so kleinlich!“ Opa schüttelt verärgert den Kopf, er mag es gar nicht, wenn man etwas hinterfragt. Außerdem erfindet er gern mal irgendwas, man weiß nie so richtig, was man glauben sollt und was nicht.
Letzte Woche hatte er doch allen Ernstes behauptet, dass unsere Katze Mia ihm erzählt habe, dass sie den Nikolaus beobachtet habe, als er die Wunschzettel vom Fensterbrett genommen hatte. Die lügt doch, oder? Ich habe nochmal nachgefragt, doch mit mir hat sie kein Sterbenswörtchen geredet, blöde Katze.
Eigentlich ist sie nicht blöd, ich habe sie sogar sehr gern. Es ärgert mich einfach nur, dass sie mit Opa geredet hat und mit mir nicht. Zu gern wüsste ich, wo mein Wunschzettel wirklich abgeblieben ist. Mit dem Schreiben habe ich mir wirklich viel Mühe gegeben.
Nun ja, wir werden sehen, was das Christkind so bringen wird und dann kann ich ja feststellen, ob an Mias Behauptung was dran ist. Jetzt werde ich erstmal die Verwandtschaftsverhältnisse vom Winter und vom Schnee mit meinem Opa diskutieren. Mal sehen, wer das letzte Wort hat.

© Regina Meier zu Verl 2015

Das Schäfchen mit dem Sprachfehler

Das Schäfchen mit dem Sprachfehler

(unten auch zum Anhören)

„Muh“, machte das Schäfchen.
„Hey, du, du bist ein Schaf, Schafe machen nicht „Muh“, sie machen „Mäh“!“, sagte der Esel, der auf dem Weg nach Bethlehem schon seit Stunden neben dem Schaf hertrottete.
„Muh! Das weiß ich doch, aber es gelingt mir nicht!“, antwortete das Schäfchen traurig.
„Du musst üben“, meinte der Esel und machte es dem Schaf noch einmal vor. „Mäh, Mäh, Mäh, ist doch ganz einfach!“ Er lachte.
„Du hast gut lachen. Dir fullt es scheinbar nicht schwer, das Wort zu sagen. Ich übe doch schon immer, hör: Muh, Muh, Muh!“
Der Esel lachte noch immer, aber er dachte darüber nach, wie er dem Schaf helfen könnte.
„Sag mal ‚Schaf‘!“ Das Schäfchen gehorchte. „Schaf!“, sagte es brav. „Das ist einfach!“
„Und wie heißt ein kleines Schaf?“, fragte der Esel hinterlistig.
„Schufchen!“, blöckte das Schaf und es ärgerte sich, dass auch dieses Wort nicht gelang. „Siehst du, ich kann es einfach nicht.“
„Da muss doch was zu machen sein“, überlegte der Esel. „Es kann ja nicht sein, dass wir in Bethlehem ankommen und du sagst zur Begrüßung ‚Muh‘. Was soll das Christkind denn von uns denken?“ Traurig ließ er seine langen Ohren hängen, doch plötzlich stellte er sie wieder auf.
„Ich hab’s!“, rief er begeistert. „Du sagst ganz einfach keine Wörter mehr, in denen ein Ä vorkommt, denn das Ä ist ja wohl das Problem, oder?“
„Muh, ich glaube wohl“, antwortete das Schäfchen.
„Machen wir noch einen Test“, schlug der Esel vor. „Sag mal ‚Bär‘!“
Das Schäfchen begann zu zittern. „Muh, das sage ich nicht, vor dem habe ich Angst!“
„Ach ja, dann sag mal ‚Käse‘!“
„Kuse, verflixt nochmal!“
„Dann sag ‚Täter‘!“
„Nee, mach ich nicht, du lachst mich ja wieder aus“, das kleine Schaf verzweifelte mehr und mehr.
Sie hatten aber schon wieder ein langes Stück ihres Weges zurückgelegt. Eine Weile schwiegen beide, dann rief der Esel fröhlich:
„Jetzt weiß ich, wie wir’s machen!“
Dem Schaf gefiel dieses WIR sehr, es fühlte sich plötzlich nicht mehr allein mit seinem Problem und es tat ihm gut, dass der Esel zum Freund wurde und es ernst nahm.
„Pass auf“, sagte dieser jetzt. „Sag mal Esel!“
„Esel“, rief das Schaf, ohne jegliches Problem.
„Jetzt: Kerze rufen!“, befahl der Esel.
„Kerze!“, rief das Schaf.
„Bethlehem!“, schlug der Esel vor. Auch das klappte gut. Das Schaf wurde immer mutiger und posaunte die E-Wörter nur so raus.
„Tee!“, war das nächste Wort.
„Tee!“, rief auch das Schaf.
„Meh!“, das war wieder der Esel.
„Meh!“, blökte das Schaf begeistert. „Meh, Meh, Meh!“
„Na siehste!“, rief der Esel. „Ich bin stolz auf dich, Schaf!“
„Und ich bin auch stolz auf mich, denn nun weiß ich endlich, wie ich diesen blöden Buchstaben umgehen kann. Ich nehme einfach das E und weißt du was, lieber Esel?“, fragte das Schaf glücklich.
„Erzähle!“, meinte der Esel gespannt.
„Ich weiß nun auch, was eine Eselsbrücke ist!“ Das Schaf lachte und konnte sich kaum mehr einkriegen vor Lachen.
Ja, so war das!

 

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

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Bildquelle Free-Photos/pixabay

© Regina Meier zu Verl

Von Engeln und Bratäpfeln – Eine Kindheitserinnerung

Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)

„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.

© Regina Meier zu Verl