Der Weihnachtswunsch

Der Weihnachtswunsch

Auch Rentiere haben Wünsche. Sie äußern sie allerdings selten, denn sie wissen ja, dass der Nikolaus und das Christkind schon jede Menge zu tun haben in der Zeit vor Weihnachten. Friedjan, eines der ältesten Rentiere in Nikolaus’ Stall, machte eine Ausnahme.
„Lieber Nikolaus“, sprach er eines Tages. „Ich habe so kalte Füße und fürchte sehr, dass ich mich erkälten werde und an der Auslieferung der Geschenke nicht teilnehmen kann. Kann ich mir was wünschen?“
Der Nikolaus horchte erstaunt auf. Er hatte noch nie erlebt, dass Friedjan eine Bitte an ihn hatte und er wollte sie ihm nur zu gern gewähren. Viele Jahre hatte das Rentier brav für ihn gearbeitet und sogar als Streitschlichter zwischen den jungen Rentieren gegolten. Er hatte einfach den Weitblick und die Erfahrung. Nicht auszudenken, was er ohne ihn machen sollte im hektischen Weihnachtsgeschäft.
„Was wünscht du dir denn? Ich will sehen, ob ich dir helfen kann“, antwortete der Nikolaus deshalb und setzte sich für einen Moment auf ein dickes Paket, das auf den Schlitten geladen werden musste.
„Wir bringen doch so oft herrliche Stricksocken zu den Menschen. Ich hätte auch gern so ein Paar, dann ginge es mir bestimmt bald wieder gut“, sagte Friedjan und schaute den Nikolaus erwartungsvoll an.
„Hmm“, machte Nikolaus und strich über seinen weißen Bart. „Hmm, ich werde sehen, was ich tun kann!“

Auf der Erde saßen die Menschen in ihren warmen Wohnzimmern. Sie hatten die Fenster geschmückt, denn der Advent, die Zeit des Wartens und der Ankunft hatte begonnen. Auch die Leute, die gemeinsam in der Brunnenstraße lebten, hatten sich zusammengefunden und sangen Weihnachtslieder. Es waren sehr alte Menschen, die hier lebten, weil sie keine Angehörigen mehr hatten, die sich um sie kümmern konnten. Manche von ihnen brauchten einen Rollstuhl, um von hier nach da zu kommen. Andere konnten noch vieles selbst machen und so kam es, dass die Frauen einen Strickclub gegründet hatten, denn in Gesellschaft strickt es sich doch am besten.
So wurde gesungen und gestrickt und man erzählte sich die Geschichten von früher.
Gerade hatte Herr Wischke begonnen, die Geschichte vom Nikolaus, der mit einem Traktor kam zu erzählen, als ein lautes Klopfen die Bewohner erschreckte.
„Hi-hi-hilfe“, stammelte Frau Sonnenschein, die ein wenig ängstlich war. Sogleich stand Herr Wischke auf und tätschelte ihr beruhigend die Schulter.
„Keine Angst, meine Liebe!“, sagte er. „Ich schau gleich mal nach, was da los ist!“
Er öffnete die Terrassentür, Frau Sonnenschein hielt vor Aufregung die Luft an und bekam unmittelbar danach einen Schluckauf.
„Guten Abend, liebe Bewohner“, erklang die tiefe Stimme des Nikolaus. „Nicht erschrecken, ich bin es doch nur und ich komme mit einer riesig großen Bitte zu euch!“
Ein Tuscheln und Raunen ging durch das Wohnzimmer und zwischendurch hörte man ein lautes „Hicks“, das war Frau Sonnenschein mit ihrem Schluckauf.
„Eines meiner Rentiere, Friedjan genannt, hat einen Weihnachtswunsch. Er wünscht sich warme Socken, weil er doch immer so kalte Füße hat. Nun weiß ich, dass es hier Frauen gibt, die wunderbare Socken stricken können und da wollte ich …“
„Ich, ich, ich …“, klang es von allen Seiten und Herr Wischke donnerte mit seinem tiefen Bass dazwischen:
„Nun lasst doch den Nikolaus erst einmal ausreden!“ Sofort kehrte wieder Ruhe ein und alle schauten den Nikolaus gespannt an.
„Da wollte ich fragen, ob Sie wohl so nett wären, ein Paar Socken für Friedjan zu stricken oder eventuell auch ein paar mehr für die anderen Rentiere.“
Der Nikolaus war fertig mit seiner Ansage und wartete nun auf eine Antwort.
„Komm doch rein, lieber Nikolaus“, sagte Fräulein Jäger, die auch unbedingt Fräulein genannt werden wollte. „Trink erstmal eine Tasse Tee und wärm dich auf!“
Das ließ sich der Nikolaus nicht zweimal sagen. Er wärmte seine Hände am heißen Tee und schaute in die Runde der Bewohner. Erstaunlich war, dass er sie alle beim Namen nennen konnte.
„Ich kenne euch alle ja schon seit vielen Jahren“, sagte er und lächelte. „Frau Sonnenschein, wissen Sie noch, als sie damals das vertauschte Geschenk bekommen haben, eine Holzeisenbahn, die für den Nachbarjungen bestimmt war?“
Frau Sonnenschein kicherte.
„Ja, das weiß ich noch. Mann, war ich traurig an diesem Weihnachtsfest, ich hatte mir doch so sehr ein Bügeleisen für meine Puppenkleider gewünscht. Und der Fritz von nebenan, der hat ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt, als er das Bügeleisen in seinem Paket fand. Glücklicherweise hat sich die Sache dann ja aufgeklärt und wir haben getauscht.“
Der Nikolaus lachte so laut, dass die Scheiben klirrten.
„Jetzt muss ich aber los. Was meinen Sie, meine Damen, wann darf ich wiederkommen und die Socken abholen?“
Herr Wischke baute sich vorm Nikolaus auf und sprach:
„Wenn es recht ist, dann übernehme ich mal die Organisation und wenn es sein muss, dann lerne ich sogar noch stricken auf meine alten Tage.“
Die Bewohner klatschten vor Freude in die Hände, sie freuten sich, eine Aufgabe zu haben und schon eine halbe Stunde später legten sie mit der Sockenstrickerei los. Sie strickten so eifrig, dass sie vierundzwanzig Paar Socken zusammen bekamen und die sahen so toll aus, dass Friedjan beinahe ohnmächtig geworden wäre vor lauter Freude.

So kam es, dass in jenem Winter nicht nur der Friedjan warme Füße hatte, sondern alle Rentiere des Nikolaus‘ und man kann sich vorstellen, dass alle zufrieden waren. Die Leute der Wohngemeinschaft haben seitdem mit dem Sockenstricken nicht mehr aufgehört. Der Nikolaus holt in jedem Jahr eine große Menge an liebevoll gestrickten Socken dort ab und wenn ihr euch fragt, woher ich das weiß, dann rate ich euch, doch mal die Menschen in einem Altersheim zu besuchen. Sie werden sich freuen und für Besuch legen sie ihr Strickzeug sicher gern für eine Weile an die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Hier wird fleißig gestrickt Foto © Regina Meier zu Verl

4 Kommentare zu “Der Weihnachtswunsch

  1. welch eine ganz entzückend erzählte Weihnachts – Nikolausgeschichte liebe Gina…
    su hast sie soo plastisch erzählt, dass ich mehr als nur einmal laut aufgelacht habe…
    deine Phantasie!!!!!…ich gratuliere dir hast du voll ausgelebt dabei ich konnte sogar die fleissigen Stricknadeln klappern hören.
    In der Tat – und ganz im Ernst – es ist nicht nur eine hübsche und lustige Geschichte sondern die Bewohner vieler Alten und Seniorenheime würden sich freuen – wenn – sie dazu noch in der Lage sind (für beides )das freuen und stricken können – wenn sie eine solch Aufgabe bekämen, denn unnütz und überflüssig sein gefühle kennen sicher viele und wären über jede Unterbrechung froh…
    b wohl so manch Angehörige daran !?denken…
    ene wunderhübsche Geschichte die ich gerne in all seiner Lebendigkeit gelesen habe..
    herzlich
    angelface

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, liebe Regina, auch ich habe mich sehr amüsiert. Eine sehr schön erzählte Geschichte.
    Rentiere in Socken, herrlich. Frau Sonnenschein mit Ihrem „Hickssss“! Und dann das „Fräulein
    Jäger“. Man, was waren es für Zeiten als wir das unterscheiden konnten.

    Über die jetzige Situation der alten Menschen in Heimen mag ich gar nicht nachdenken.

    Christoph

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Christoph,
      das ist das Schöne am Schreiben, dass ich mir das Leben „schön“ schreiben kann, auch wenn es mal nicht so toll ist. Wenn es dann noch jemandem Freude bringt, was ich schreibe, um so besser.
      Die Situation in unserem Altenheimen ist wirklich schlimm, obwohl die Menschen, die dort arbeiten sicherlich ihr Bestes (und noch mehr) geben. Ich bin sehr froh, dass meine Mutter (88) noch in ihrer Wohnung lebt und wir uns somit um sie kümmern können und sie dafür sehr dankbar ist.

      Herzliche Grüße und einen schönen zweiten Advent wünsche ich
      Regina

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