Engel der Obdachlosen

Vorwort:
Die Geschichte stammt aus einer Sammlung mehrerer Geschichten rundum den Advent und Weihnachten. In der Rahmenhandlung befinden wir uns in einem Café und dort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Insgesamt sind es 20 Begegnungen, eine davon möchte ich hier vorstellen.

„Engel der Obdachlosen“

Heute ist es ruhig im Café. Ein jüngerer Mann sitzt an einem Tisch in der Nische, er scheint nervös zu sein, denn immer wieder schaut er auf seine Uhr. Sarah bringt ihm einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Auf ihre freundlichen Worte reagiert er kaum. Nach einer Viertelstunde betritt ein weiterer, älterer Man den Raum, schaut sich suchend um und begrüßt dann den Jüngeren. Sarah hört, wie er sich vorstellt. Die beiden Männer kennen sich also nicht persönlich. Auch er bestellt einen Kaffee. Sie sprechen leise miteinander, doch als das Gespräch in Fluß kommt, schnappt die junge Kellnerin einige Sätze auf, die sie dazu veranlassen, sich diskret zurück zu ziehen.

„Er hat oft von Ihnen gesprochen, wissen Sie?“
Siegfried Müller schüttelte den Kopf.
„Wie soll ich das wissen, ich habe ihn ja gar nicht gekannt!“
„Entschuldigen Sie, das war gedankenlos!“ Herr Stein hob bedauernd die Hände, überlegte einen Moment und fuhr dann fort:
„Vielleicht sollte ich einfach von vorn anfangen, also von unserer ersten Begegnung. Sie sollen alles erfahren, was ich über ihn weiß!“
„Gut, erzählen Sie einfach. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch Sie etwas von meinem Vater erfahren werde.“
„Es war ein Sonntag, Anfang Dezember 1985. Es hatte schon seit Tagen gefroren und die Bäume waren über und über mit Raureif bedeckt. Sie glitzerten in der Morgensonne. Herrlich sah das aus. Ich ging mit meinem Hund im Park spazieren. Damals konnte man die Hunde einfach so laufen lassen, ohne dass man damit rechnen musste, eine Strafe zu bekommen. Heute geht das ja nicht mehr, ist ja auch richtig so. Aber ohne den alten Bruno hätte ich Leo, Ihren Vater, wohl niemals kennengelernt. Mein Hund lief immer ein Stückchen voraus, aber ich musste nur kurz pfeifen, dann kann er zu mir zurück. Nicht so an diesem Tag. Ich machte mir schon Sorgen, da ich ihn seit einigen Minuten nicht gesehen hatte, als er plötzlich anschlug. Irgendetwas hatte er entdeckt und nun wartete er auf mich, um es mir zu zeigen.
Auf einer etwas abgelegenen Bank saß Leo, völlig in sich zusammen gesunken. Ich dachte schon, dass er tot sei, weil er sich gar nicht rührte. Aber er war nur starr vor Angst und Kälte, wie sich später herausstellte. Ich nahm meinen Bruno an die Leine und sprach Ihren Vater an. Nie werde ich diesen traurigen Blick vergessen. Mir war klar, dass es mit einem netten Gespräch nicht getan war, dieser Mann war in Not und ich musste handeln. Ich lud ihn also ein, eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, da ich ja ganz in der Nähe wohnte. Ich nahm seinen Rucksack, hielt den Bruno an der kurzen Leine und ging los. Er stand schwerfällig auf und folgte mir, oder seinem Rucksack, der scheinbar sein ganzes Hab und Gut enthielt. Bis dahin hatte er noch kein einziges Wort gesprochen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich ihm sofort vertraute und nicht einen Gedanken daran verschwendete, was passieren könnte, wenn ich ihn in mein Haus einlud. Ich schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Später stellte sich dann erst heraus, dass wir beide im gleichen Jahr geboren waren, 1950. Na ja, das machte wohl das Leben auf der Straße, das einen altern lässt. Die Kälte, die Nässe, die unregelmäßigen Mahlzeiten. Damals lebte er ja schon fünf Jahre von der Hand in den Mund, ein schreckliches Schicksal, dachte ich mir.“
Friedrich Stein nahm einen Schluck Kaffee und winkte die Kellnerin heran, um sich ein Wasser zu bestellen.
„Entschuldigen Sie, mein Mund ist ganz trocken vom vielen Erzählen“, sagte er und dann ging es weiter.
„Meine Frau hatte das Frühstück vorbereitet, als wir beide zu Hause eintrafen. Auch für sie war es keine Frage, dass er mit uns essen und trinken sollte. Man merkte allerdings, dass er selbst ein Problem damit hatte und es schlecht annehmen konnte. Er sprach nicht viel, bedankte sich aber höflich und man konnte merken, dass er, wie man so sagt, aus gutem Hause kam. Wir stellten ihm keine Fragen, obwohl mir vieles auf den Lippen brannte. Bescheiden aß er und trank seinen Kaffee. Dann erhob er sich und verabschiedete sich. „Ich danke Ihnen Herzen!“, sagte er noch. Dann nahm er seinen Rucksack, zog seinen alten Parka an und wollte das Haus verlassen. „Warten Sie!“, rief meine Frau und verschwand im Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Paar Stricksocken und selbst gestrickten Fausthandschuhen zurück. „Die habe ich für unseren Kirchenbasar gestrickt!“, sagte sie und drückt ihm die Wollsachen in die Hand. „Die werden Sie wärmen!“
Leo nahm beides an, dann verließ er das Haus und wir sahen ihn einige Tage nicht mehr. Jeden Morgen im Park hielt ich nach ihm Ausschau, ich machte mir Sorgen. Ich war ja zu der Zeit noch berufstätig und war morgens immer nur kurz mit Bruno im Park. Ingrid, meine Frau, gab mir jeden Morgen ein Paket mit Broten mit, falls ich ihn treffen sollte. Das legte ich dann auf die Bank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Das Proviantpaket war stets am nächsten Tag verschwunden.“
Jakob Stein machte eine Pause. Er schaute den Jüngeren an und erkannte die Züge des Vaters in dessen Gesicht.
„Hat er sie genommen?“, fragte Siegfried Müller.
„Ja, das habe ich aber erst später erfahren. Er schellte eines Tages an unserer Tür und brachte einen Blumenstrauß für meine Frau und eine Flasche Wein für mich. Ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, dass ich ihn erneut einlud, zu bleiben und ein wenig von sich zu erzählen. Er berichtete, dass er sich endlich Hilfe gesucht habe und nun in einem Heim für Obdachlose untergekommen war. So musste er den Winter nicht draußen verbringen. Mittlerweile war es ja bitterkalt geworden. Es war ein paar Tage vor Weihnachten.“
„Von welchem Geld hat er Blumen und Wein kaufen können? Wissen Sie das?“
„Ja, er fand einen Job. Als Weihnachtsmann verkleidet zog er durch die Straßen und wenn es zu kalt war, dann hatte er seinen Platz im Eingangsbereich des Kaufhauses. Eine Agentur hatte ihn vermittelt. Ich habe dort mal nach ihm geschaut. In seinem Kostüm war er kaum zu erkennen. Es fiel mir auf, dass seine Augen strahlten, wenn die Kinder ehrfürchtig vor ihm standen. Er hat das sehr genossen, ich hatte sogar das Gefühl, dass er glücklich war.“
Siegfried Müller lächelte. Es tat gut, zu hören, dass der Vater irgendwie die Kurve bekommen hatte.
„Leider war das ja ein Job auf Zeit. Wer braucht schon nach Weihnachten einen Weihnachtsmann, nicht wahr?“
„Wie ging es weiter?“, fragte der Jüngere ungeduldig.
„Gesehen habe ich ihn danach nur noch ein paar Mal. Er kam zu uns und bat meine Frau, ihm das Socken stricken beizubringen! Diese warmen Socken haben ihm so gut geholfen damals, dass er auch anderen damit helfen wollte. Die beiden haben dann im Wohnzimmer gesessen und gestrickt. Er hatte das sehr schnell begriffen. Irgendwann konnte er es ganz allein. Meine Frau hat ihm dann noch jede Menge an Restwolle geschenkt und dann haben wir ihn aus den Augen verloren.“
„Hat er Ihnen erzählt, warum er uns damals verlassen hat?“, fragte Siegfried Müller mit Tränen in den Augen.
„Nein! Wir haben auch nicht gefragt. Wir hatten Angst, dass wir ihn damit verschrecken würden. Ich habe nur immer wieder gespürt, dass er eine große Sehnsucht nach Ihnen hatte. Er war aber wohl zu stolz, um Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Ich habe angenommen, dass Ihre Mutter ihn sehr verletzt haben muss.“
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Dann suchte Herr Stein etwas in seiner Brieftasche und beförderte schließlich einen alten Zeitungsartikel hervor mit der Überschrift „Leo, der Engel der Obdachlosen“. Er gab dem Jüngeren den Artikel, der über einen Obdachlosen berichtete, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Obdachlosen seiner Stadt mit selbstgestrickten Socken zu warmen Füßen zu verhelfen.
„Behalten Sie den Ausschnitt, vielleicht finden Sie ihren Vater ja dadurch. Ich fand diesen Bericht erst im letzten Jahr in unserer Heimatzeitung!“
„Ich danke Ihnen so sehr, lieber Herr Stein. Ich werde ihn suchen und vielleicht habe ich ja das Glück, ihm hiermit ein wenig näher gekommen zu sein!“
Die beiden Männer tauschten noch ihre Adressen aus, dann verließen sie das Café, beide in der Hoffnung, dass sie der Weihnachtsfreude noch ein Stück weit näher gekommen waren.

(c) Regina Meier zu Verl

Mika rappt ein Weihnachtslied

Mika rappt ein Weihnachtslied

Es war Dezember. Draußen war es dunkel und kalt, aber in den Zimmern war es mollig warm und gemütlich. Überall im Wohnzimmer leuchteten Kerzen. Mama stand auf und ging ans Klavier, sie klappte den Deckel auf, stellte ein Notenbuch auf die Ablage und sagte:
„Spielt jemand mit?“ Erwartungsvoll sah sie uns an. Papa und Mika rührten sich nicht. Ja, sie taten so, als hätten sie nichts gehört. Das machten sie immer so und ich, Ela, war dann wieder diejenige, die Mama nicht enttäuschen wollte. Also stand ich brav auf, holte die Querflöte aus meinem Zimmer und stellte mich hinter Mama ans Klavier.
Wir spielten »Alle Jahre wieder« zum Aufwärmen, das konnten wir schon lange, hatten es sogar im letzten Jahr beim Weihnachtskonzert in der Kirche vorgetragen. Papa summte ein wenig mit, nur Mika daddelte auf seinem Handy herum.
„Was jetzt?“, frage Mama, als wir alle drei Strophen gespielt hatten.
„Stern über Bethlehem!“, schlug ich vor. Das war noch ein Lied aus dem Weihnachtskonzert.
„Jetzt mal ganz was anderes“, meinte Papa und stand auf, nahm seine Gitarre, stimmte sie kurz durch und schlug ein paar Akkorde an.
„Wir sollten mal selbst was erfinden, die alten Weihnachtslieder sind schön, aber es dürfte auch mal was schönes Neues geben, findet ihr nicht auch?“
Mika legte sein Handy zur Seite. „Dann brauchen wir aber einen Text, ich könnte was rappen!“, schlug er vor.
„Ja, los, mach mal!“, ich war begeistert, fand es ziemlich cool, wenn mein Bruder rappte.
Papa bestimmte die Tonart, schlug einen Akkord an und dann
warteten wir gespannt, was Mika einfallen würde. Der hatte sich eine Cellophantüte genommen, in der vorhin noch Plätzchen gewesen waren. Er fasste sie an beiden Enden und ließ sie, wie eine Ziehharmonika, immer wieder von innen nach außen schnellen. Dabei entstand ein interessantes raschelndes Geräusch, das nun den Takt vorgab, dann legte er los:
Der Lebkuchenkerl war ein Genuss,
besonders gut war sein Zuckerguss,
rosa und mit Silberliebesperlen
schmeckt er nicht nur Chikas,
sondern auch uns Kerlen!
Mama kicherte.
„Mach direkt noch einmal, das war gut!“, sagte sie. Papa gab noch einmal den Akkord vor und schlug ihn rhythmisch weiter, Mika begann zu rappen und Mama legte eine leise Melodie über das Ganze. Das klang mega!
„Jetzt du, Ela!“, meinte Papa, aber das war gar nicht so einfach. Schließlich hatte ich keine Noten und einfach so etwas zu spielen, das fand ich noch zu schwer. Aber Mama hatte die Lösung, sie schrieb mir ein paar Töne auf einen Zettel und dann probierten wir alle zusammen.
Ich sag’s euch, das klang echt cool und noch cooler war, das Mika noch eine zweite Strophe einfiel:
Der Lebkuchenkerl ist nun längst verdaut,
zu gern hätte ich ihn nochmal angeschaut.
Das Lied hier ist für dich,
du süßer rosa Kerl,
sag mal, denkst du auch an mich?

Ich weiß nicht, wie oft wir das Lied an diesem Abend noch gespielt haben, es wurde von Mal zu Mal besser und wir hatten wirklich einen Mega-Spaß. Zu Weihnachten in der Kirche werden wir es aber wohl eher nicht vortragen, oder was meint ihr?
© Regina Meier zu Verl

Photo by Pixabay on Pexels.com

Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal zum Weihnachtsbaum werden würde. Die Tannengeschwister im Wald hatten so viel davon erzählt und in jedem Jahr waren einige von ihnen verschwunden und niemals mehr zurückgekommen. Die kleine Tanne hatte nicht gewusst, ob es erstrebenswert war, ein Weihnachtsbaum zu werden. Trotzdem hatte sie sich immer ein wenig geärgert, wenn die Menschen sie betrachtet hatten. Oft hatte sie Worte gehört wie: Die ist doch viel zu klein, geradezu mickrig. Das hatte weh getan.

In diesem Jahr hatte es geklappt. Ein Mann war mit seiner Tochter Laura in den Wald gekommen und hatte lange nach einem passenden Baum gesucht, als das Mädchen stehen blieb und rief:
„Schau hier, Papa, dieser schöne Baum ist genau richtig für uns.“
Die beiden trugen eine scharfe Säge bei sich und einigten sich schnell, dass es eine gute Wahl war, die kleine Silbertanne mitzunehmen. Als der Vater die Säge ansetzen wollte, bekam das Bäumchen heftige Angst und rief: „Halt, nicht sägen, dann sterbe ich!“

Als hätte er die Worte gehört, hielt der Mann inne. Er trat ein wenig zurück, betrachtete den Baum erneut und schüttelte den Kopf.
„Warte hier!“, sagte er zu seiner Tochter. „Dieses Bäumchen ist viel zu schade, um es abzusägen. Ich werde einen Spaten aus dem Auto holen, dann graben wir es aus.“
Glücklicherweise war der Waldboden nicht gefroren. Mitsamt aller Wurzeln wurde die Tanne in den Kofferraum geladen und dann trat sie die erste Reise seines Lebens an, hinaus aus dem Wald und hinein in eine warme Stube.
„Oh!“, staunte Lauras Mutter, „So ein schöner Baum, der ist ja niedlich! Ganz entzückend!“
Am Abend schmückte dann die ganze Familie den Baum mit bunten Glaskugeln und Strohsternen, mit Holzspielzeug und echten Kerzen. Die kleine Tanne war mächtig stolz. Wie schön es doch war, ein Weihnachtsbaum zu sein.

Es folgten glückliche Tage. Die Tanne war nie allein, denn es kamen viele Menschen zu Besuch, die Großeltern, die Nachbarn und Freunde und alle betrachteten den Weihnachtsbaum und lobten seinen schönen Wuchs und herrlichen Schmuck. Es wurden Lieder gesungen, die waren fast so schön, wie der Gesang der Waldvögel im Frühling. Die kleine Tanne war einfach nur glücklich.
Da sie in einem großen Blumentopf eingepflanzt war und regelmäßig Wasser zu trinken bekam, ging es ihr gut. Nur ab und zu war es ihr etwas zu warm und sie sehnte sich nach kühler, frischer Luft.

Als das Weihnachtsfest längst vorbei war und die Menschen wieder zur Schule gingen oder zur Arbeit, wurde es ruhiger im Wohnzimmer und die kleine Tanne fühlte sich allein.
„Morgen werden wir den Baum abschmücken und in den Garten pflanzen!“, beschloss Lauras Mutter und der Vater nickte zustimmend.
„Du hast Recht, aber ich denke, wir sollten das Bäumchen wieder an seinen alten Platz im Wald bringen.“
„Ja, Papa, das finde ich richtig“, rief auch Laura. „Ich komme mit!“

Vater und Tochter brachten die kleine Tanne zurück in den Wald. Als Laura sich verabschiedete, hängte sie ein rotes Glasherz an einen der Zweige.
„Damit ich dich immer erkennen kann, wenn ich im Wald bin und vielleicht können wir dich im nächsten Jahr wieder in unser Haus holen. Danke, kleine Tanne!“

Ein ganzes Jahr stand die Tanne wieder an ihrem Platz im Wald, freute sich über den Frühling, den Sommer und den Winter. Als es im Advent anfing zu schneien, sah man ihr rotes Glasherz schon von weitem leuchten.
„Wann kommst du, kleine Laura?“, dachte die Tanne, die so gern wieder ein Weihnachtsbaum sein wollte. Doch sie wartete umsonst.
An einem Sonntag, es war der vierte Advent, kam ein Mann einer Säge. Er schaute sich um und suchte nach einem geeigneten Baum für das Fest. Da entdeckte er die kleine Silbertanne mit dem roten Herzen.
„Na bitte“, sagte der Mann. „Hier ist doch schon ein toller Baum.“ Er setzte die Säge an; im gleichen Augenblick zerbrach das Herz aus Glas mit einem lauten Knall. Der Mann erschrak.
„Das ist kein gutes Zeichen!“, rief er. „Dich lasse ich wohl besser hier stehen!“
Er nahm seine Säge und stapfte weiter durch den Schnee.
Die kleine Silbertanne war erleichtert. War auch ihr Herz zerbrochen, so würde sie doch weiterleben und wieder einen Frühling, Sommer und Herbst erleben.

© Regina Meier zu Verl

Der Wunderweihnachtsbaum

Der Wunderweihnachtsbaum

Die riesige Tanne vor dem Rathaus wurde in jedem Jahr von den Schülern der Grundschule geschmückt. Jedes Kind, das Lust hatte, etwas zu basteln und an den Baum zu hängen war eingeladen, am Tag vor dem ersten Dezember zu kommen und dem Schauspiel beizuwohnen. Das Errichten der Tanne, die Befestigung der Lichterketten, sehr spannend war es, das mit anzusehen. Doch der Höhepunkt war, wenn die Sterne, Päckchen oder andere Basteleien angebracht wurden, denn in einem Korb, der hochgefahren wurde, stand Herr Koch, der Hausmeister.

„Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts“, riefen die Kinder ihm zu oder: „Herr Koch, du musst mein Geschenk an die Spitze hängen, damit es das Christkind zuerst sehen kann!“

Der Hausmeister war geduldig, schon seit vielen Jahren erledigte er diese Aufgabe und für ihn war es die rechte Weihnachtsfreude, so viele strahlende Kinderaugen zu sehen. In diesem Jahr aber hatte sich Herr Koch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Es war nämlich sein letztes Jahr im Dienst der Stadt und es sollte einen Abschluss bilden, an den man sich noch lange erinnern würde. So hatte es sich der Fast-Rentner vorgenommen.

In den Schulen und Kindergärten hatte er Aushänge aufgehängt und mit den Lehrern und Erziehern gesprochen. Herr Koch wünschte sich nur große Sterne am Baum und auf jedem Stern sollte ein persönlicher Wunsch vermerkt sein. Keiner, den man einfach mit Geld und im nächsten Warenhaus erfüllen konnte, sondern einer, mit dem man einem anderen eine große Freude bereiten wollte. Die Lehrer erklärten es den Kindern und die waren gleich mit Feuereifer bei der Sache. So ganz einfach war das aber nicht, denn was sie sich selbst wünschten, das wussten sie längst. Aber was sie jemand anderem wünschen sollten, das war eine andere Sache. Frau Müller gab ihren Schülern ein Beispiel.

„Da ich nicht mitmachen darf, sage ich euch jetzt, was ich auf meinen Stern schreiben würde. Vielleicht habt ihr dann eine gute Idee, wie euer Wunsch ausfallen könnte. Also: Meine Nachbarin ist schon alt. Ihr größter Traum ist es, einmal noch ihren Sohn zu sehen, der weit weg, in Amerika lebt. Ich wünsche ihr, dass sich dieser Wunsch recht bald erfüllt, denn sie ist sehr krank.“                           Die Kinder waren ganz still geworden. Die Idee war so schön, eine solche Bitte wollten sie auch formulieren und manchen fiel auch gleich ein Mensch ein, der in der näheren Umgebung lebte und der auch so einen Wunsch haben könnte.

„Ihr dürft euren Wunsch aber nicht verraten, dann erfüllt er sich nicht!“, verriet Frau Müller den Kindern.

Große rote und goldene Sterne wurden aus dicken Karton ausgeschnitten, dann schrieben die Schüler die Wünsche auf die Rückseite und am Schluss wurde jeder einzelne Stern in eine Folie eingeschweißt, damit Regen oder Schnee ihm nichts anhaben konnte.                                                    Am nächsten Tag gingen dann alle gemeinsam zum Rathaus und dort beobachteten sie, wie ein Stern nach dem anderen am Weihnachtsbaum befestigt wurde. Der Bürgermeister hatte Punsch für alle gespendet und er beobachtete das Treiben wohlwollend aus seinem Rathauszimmer.

„Wenn sich ein Wunsch erfüllt hat, dann leuchtet der Stern, der dazu gehört!“, erklärte er seiner Sekretärin, die lächelte, aber nicht so recht daran glauben wollte. Sie fand, dass es eine schöne Geste sei, aber Wunder hatte sie noch keine erlebt und das würde ihr auch der Chef nicht einreden können.

Ein paar Tage lang bewunderten alle Leute der Stadt „ihren“ Weihnachtsbaum und sie erfreuten sich an der Geschichte, dass die Sterne leuchten würden, wenn sich Wünsche erfüllten. Besonders gut beobachtete Herr Koch den Baum, denn schließlich hatte er ja die Idee gehabt, es in diesem Jahr einmal anders zu machen. Er wünschte sich sehr, dass möglichst viele Sterne leuchten mögen.

Alltag war eingekehrt in der kleinen Stadt. Der Baum stand an seinem Platz, jeder hatte ihn gesehen und bewundert und eigentlich warteten nur noch die Kinder, Herr Koch und der Bürgermeister auf ein Leuchten oder zwei oder drei. Am Tag vor dem Heiligen Abend, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, weil die Wolken voller Schnee waren, passierte dann etwas, über das alle noch lange reden würden. Dicke Schneeflocken fielen auf die Stadt und auf den Weihnachtsbaum und sie legten sich auf seine Zweige und alle, die gerade in der Nähe waren blieben stehen und freuten sich. Und während sie den Baum betrachteten, leuchtete ein Sternchen in hellem Licht auf und dann noch eines und ein weiteres und es dauerte fast eine Stunde, da waren alle Sterne hell erleuchtet und das hieß dann wohl, dass sich alle Wünsche erfüllt hatten.

„Wie kann das sein?“, fragten sich die Leute. „Da ist doch ein Trick dabei!“

Herr Koch stand mit klopfendem Herzen ganz in der Nähe, aus seinen Augen lösten sie Tränen, die heiß über die kühlen Wangen rollten. Wie schön das war und wie Recht er doch behalten hatte. Auch der Bürgermeister beobachtete das Wunder, schnell ließ er sich seinen Mantel geben und eilte nach draußen, um sich mit den Menschen zu freuen, die dort standen und Beifall klatschten. Ein Wunder, ein richtiges Wunder in seiner Stadt. So stolz war er nur bei seiner Wahl gewesen, damals, vor vielen Jahren.

Nun mag man sich fragen, wie es denn kam, dass alle Sterne zu funkeln anfingen, wo es doch so viele Wünsche waren, die dort verzeichnet waren? Wenn ich euch jetzt sage, dass die alte Dame, von der die Lehrerin gesprochen hatte, just in dem Moment Besuch von ihrem Sohn aus Amerika bekam, dann beantwortet sich diese Frage wohl von selbst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Der Wunderweihnachtsbaum
Photo by Deena on Pexels.com

Felix und der Weihnachtsbaum

Felix und der Weihnachtsbaum

Felix schlich durch die Wohnung. Seine Menschen schliefen längst. Er aber war hellwach und wusste nichts mit sich anzufangen. Zum Mäusejagen war er viel zu faul und draußen war es bitter kalt. Es hatte schon die ganze Woche heftig geschneit, im Vorgarten stand eine Schneemannfamilie und die war ihm nicht so ganz geheuer. Noch ein Grund, sich nicht allzu lange im Garten aufzuhalten. Wer weiß, ob sich diese Schneemenschen nicht doch einmal rührten und ihn dann jagten.
Der Vatermensch hatte auf dem Weg zum Haus Salz gestreut, das brannte so furchtbar an den Pfoten. Besonders die wunde Stelle, die er sich bei einem Revierkämpfchen mit dem dicken Mozart zugezogen hatte, schmerzte gewaltig.
Mozart war sowieso ein ganz blöder Kater. Seine Menschen verhätschelten ihn so, weil er angeblich hochmusikalisch war und die kleine Nachtmusik in und auswendig kannte. Dabei klang das so schauerlich, wenn er sang, dass Felix sich die Ohren mit den Pfoten zuhalten musste.

Im Wohnzimmer stand seit ein paar Tagen der Baum, den Alina und ihre Mutter festlich geschmückt hatten. Felix umrundete ihn und stupste mal hier, mal da mit der Pfote an. Das klingelte so lustig und in den Kugeln spiegelte sich das Licht der Fenstergirlanden.
Am Abend hatte der Vatermensch gesagt, dass Weihnachten schon bald vorbei ist. „Nur noch ein Tag“, hatte er geseufzt.
Wenn Weihnachten nun bald vorbei wäre, dann könnte Felix doch wagen, den Engel mit dem Rauschehaar dort oben von der Spitze zu holen. Er umrundete den Baum ein weiteres Mal, um zu prüfen, an welcher Seite er am Besten hinauf kommen könnte.
Man könnte zuerst auf den blauen Sessel, dann auf das Kaminsims und anschließend auf den Baum springen. So müsste es gehen.

Felix sprang auf den Sessel, aufs Kaminsims, auf den Baum … der wackelte gewaltig und er piekste entsetzlich. Felix konnte sich nicht halten und zappelte und quiekte. Der Baum fiel um und Felix fiel direkt neben das Jesuskind, das da in der Krippe schlief.
Verdutzt blieb er dort liegen und schon regte sich das schlechte Gewissen. Was würden wohl die Menschen sagen, wenn sie die Bescherung am Morgen entdeckten?
Vorsichtshalber blieb neben der Krippe liegen, hier würde ihn niemand entdecken, denn über dem Stall lag ja der Baum.
Richtig gemütlich war das, fast wie im Wald und es duftete herrlich. Felix schlief ein und schlummerte selig. Er träumte von Katzendamen mit goldenem Engelhaar, die ihn zärtlich beschnupperten und wurde unsanft geweckt, als der Vatermensch den Baum anhob und mit lauter Stimme rief: „Nun sieh sich einer diesen Schlingel an. Zuerst kippt er den Baum um und dann sucht er Schutz beim Christkind!“
Alina und ihre Mutter kamen in die Stube und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Nur eine einzige Kugel war zerbrochen und keiner war so richtig böse auf ihn. Felix streckte sich und maunzte und ließ sich dann von Alina ein wenig kraulen. Sie war zwar keine Engelskatze, aber auch ganz schön und vor allem sehr zärtlich.

Und der dicke Mozart saß draußen auf der Fensterbank und wurde vor Neid ganz blass.

© Regina Meier zu Verl

Kann man so einem niedlichen Wesen denn böse sein? Zeichnung © Judith Meier zu Verl

<

Das Weihnachtstheater

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

cinnamon-stars-3806699_1280
Bildquelle Couleur/pixabay

Abschied

Abschied

Unten, in dem kleinen Fachwerkhaus, in dem Paul mit seinen Eltern wohnt, lebt auch Frau Mergelheide.
Paul weiß, dass sie so heißt, Frau Mergelheide selbst hat ihren Namen vergessen. Eigentlich vergisst sie alles um sich herum und starrt nur noch aus dem Fenster. Selten lächelt sie, meist schaut sie traurig aus und oft rinnen Tränen aus ihren Augenwinkeln.
Pauls Mama kümmert sich ein wenig um die Nachbarin, die fast hundert Jahre alt ist und keine Verwandten mehr hat. Morgens kommt eine Frau vom Pflegedienst. Sie hilft der alten Dame beim Aufstehen, Waschen und Ankleiden. Dann bereitet sie ihr das Frühstück zu, setzt sie in den Sessel am Fenster und kommt erst am Abend wieder, um sie ins Bett zu bringen. So geht das Tag für Tag.
Dazwischen kümmert sich Mama um sie und auch Paul sieht ab und zu nach ihr. Manchmal liest er ihr Geschichten vor und dann könnte man meinen, dass sie jedes Wort verstehen kann, so interessiert hört sie zu. Sie sagt aber niemals etwas.

Ein paar Tage vor Weihnachten, draußen liegt schon der erste Schnee, sagt Mama:
„Wir werden in diesem Jahr nicht zu den Großeltern fahren, wir können Frau Mergelheide nicht allein lassen. Ich habe so ein komisches Gefühl.“
Paul ist traurig, denn Weihnachten mit Oma und Opa ist einfach toll. Trotzdem weiß er, dass Mama Recht hat.
„Ich möchte heute Weihnachtsplätzchen backen, magst du mir helfen?“
Paul ist Feuer und Flamme, er nascht doch so gern von dem Teig und es macht ungeheuren Spaß, die lustigen Formen nach dem Backen zu verzieren.
„Ich geh schnell runter und bringe Frau Mergelheide ein paar Zimtsterne“, ruft Mama und schon ist sie verschwunden. Es dauert lange, bis sie wieder zurückkommt und ihre Augen sind gerötet. Sie nimmt Paul in den Arm und dann weint sie.
„Was ist denn nur passiert, Mama?“
„Ach Paul, man musste ja damit rechnen, aber jetzt bin ich doch ganz traurig, Frau Mergelheide ist für immer eingeschlafen, ganz friedlich sitzt sie in ihrem Sessel und lächelt. Ich habe den Arzt gerufen, er wird gleich hier sein.“
„Darf ich mit runter kommen?“, fragt Paul und Mama nickt.
„Ja, komm nur.“

Gemeinsam gehen sie in das Zimmer der alten Dame. Paul tritt vorsichtig an sie heran. Er nimmt ihre Hand, die noch ganz warm ist und spricht sie an:
„Jetzt hast du es geschafft, Tante Mergelheide. Du musst mir etwas versprechen. Wenn du da oben im Himmel bist, passt du dann ein bisschen auf mich auf?“
„Das wird sie sicher tun“, sagt Mama.

Paul ist traurig und bei der Beerdigung weint er dicke Tränen. Aber er weiß, dass es seiner alten Freundin jetzt gut geht. Sicher kann sie sich dort oben endlich wieder erinnern an all das, was sie mal erlebt hat und sie wird von ihm, Paul, erzählen. Sie wird zu ihm herunterschauen, besonders morgen, am Heiligabend. Denn dann wird Paul eine dicke Kerze in den Garten stellen, damit sie ihn auch finden kann in der Dunkelheit.

© Regina Meier zu Verl

Foto © Regina Meier zu Verl

Opa, Mia und der Wunschzettel

Opa, Mia und der Wunschzettel
So ein richtiger Winter ist das in diesem Jahr nicht. Frühlingstemperaturen lassen vereinzelte Tulpen neugierig die Köpfchen aus dem Boden strecken. Auch an den Zweigen der Sträucher zeigt sich erstes Grün. Lustig sieht es aus, wenn die Eichhörnchen vergnügt von Ast zu Ast springen. Vor allem, weil Oma rote Weihnachtskugeln im Garten verteilt hat, denn in ein paar Tagen ist Heiligabend und so recht will noch keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen.
„Irgendwann wird er schon noch kommen, der Winter!“, sagt Großvater und schaut in den Himmel, so, als könne er da nachlesen, wann es denn endlich so weit sein würde.
„Und? Riecht es nach Schnee?“, frage ich ihn. Opa hatte das schon des Öfteren behauptet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Schnee riecht, wenn er noch im Himmel ist. Wenn er auf die Erde fiel, dann konnte man jedenfalls keinen Geruch wahrnehmen.
„Nein, absolut nicht! Der Schnee lässt ebenfalls auf sich warten. Sie scheinen es nicht eilig zu haben, die Brüder?“
„Welche Brüder?“, Opa spricht mal wieder in Rätseln.
„Na, der Schnee und der Winter, die gehören doch zusammen, oder etwa nicht?“
„Ja, aber sind sie deshalb gleich verwandt? Sogar Brüder?“
„Sei doch nicht so kleinlich!“ Opa schüttelt verärgert den Kopf, er mag es gar nicht, wenn man etwas hinterfragt. Außerdem erfindet er gern mal irgendwas, man weiß nie so richtig, was man glauben sollt und was nicht.
Letzte Woche hatte er doch allen Ernstes behauptet, dass unsere Katze Mia ihm erzählt habe, dass sie den Nikolaus beobachtet habe, als er die Wunschzettel vom Fensterbrett genommen hatte. Die lügt doch, oder? Ich habe nochmal nachgefragt, doch mit mir hat sie kein Sterbenswörtchen geredet, blöde Katze.
Eigentlich ist sie nicht blöd, ich habe sie sogar sehr gern. Es ärgert mich einfach nur, dass sie mit Opa geredet hat und mit mir nicht. Zu gern wüsste ich, wo mein Wunschzettel wirklich abgeblieben ist. Mit dem Schreiben habe ich mir wirklich viel Mühe gegeben.
Nun ja, wir werden sehen, was das Christkind so bringen wird und dann kann ich ja feststellen, ob an Mias Behauptung was dran ist. Jetzt werde ich erstmal die Verwandtschaftsverhältnisse vom Winter und vom Schnee mit meinem Opa diskutieren. Mal sehen, wer das letzte Wort hat.

© Regina Meier zu Verl 2015

Von Engeln und Bratäpfeln – Eine Kindheitserinnerung

Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)

„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.

© Regina Meier zu Verl

Die Adventskalenderfiguren

Die Adventskalenderfiguren

„Ach Menno“, drängelte der süße Nikolaus aus Schokolade, der sich im sechsten Türchen von Leos Adventskalender versteckte.
„Ich will hier raus!“
Die anderen Schokoladenfiguren kicherten.
„Warte nur ab, du bist schon bald an der Reihe und dann ist es aus mit dir!“
„Hier ist es aber so eng und sehen kann ich auch nichts, viel zu dunkel ist’s“, jammerte der Nikolaus, aber ein wenig erschrocken war er schon. Wieso sollte es dann aus sein mit ihm?
„Draußen ist es bestimmt schöner und Leo wird mit mir spielen“, behauptete er. Die anderen Figuren kicherten schon wieder.
„Du spinnst doch. Aufessen wird er dich, happs, dann bist du weg!“
„Stimmt ja gar nicht!“
Er bekam keine Antwort mehr, denn Leo war ins Zimmer gekommen und machte sich am Adventskalender zu schaffen. Wenn der Nikolaus richtig gezählt hatte, dann war heute das fünfte Türchen dran geöffnet zu werden. Es knisterte und dann ertönte ein Jubelschrei von Leo: „Ach guck mal, wie niedlich, ein Schaukelpferd!“
Aha, da war also ein Schaukelpferd im fünften Türchen und Leo fand es niedlich. Dann würde er es doch ganz sicher nicht einfach aufessen, dachte sich der Nikolaus.
Leo verließ das Zimmer und die Schokoladenfiguren nahmen ihre Unterhaltung wieder auf.
„Das arme Schaukelpferd“, riefen sie und der Nikolaus bekam es nun doch mit der Angst zu tun. Woher wussten die anderen denn nur, dass sie allesamt aufgegessen werden würden.
„In der Schokoladenfabrik hat es einer gesagt, das wird schon stimmen“, brummte der Ochse aus dem zehnten Türchen und eine helle Stimme mischt sich ein:
„Das ist eben unsere Bestimmung, den Kindern Freude zu machen!“ Das war der Engel aus Nummer siebzehn.
„Können wir denn gar nichts dagegen tun?“, fragte der Nikolaus traurig und er schämte sich ein bisschen. Denn schließlich war er doch ein alter weiser Mann, der die anderen besser trösten sollte, als herumzujammern.
„Es gibt nur eine einzige Möglichkeit“, rief eine Glocke wichtigtuerisch. „Wir müssen uns verwandeln, in Stein, Metall oder Plastik. Dann kann uns nichts mehr passieren!“
Niemand sagte etwas, alle überlegten und plötzlich rief das Rentier, das direkt neben dem Nikolaus wohnte:
„Ich hab es, wir werden um Mitternacht alle Türen öffnen und zu einer Konferenz zusammen kommen. Vielleicht gibt es ja hier im Kinderzimmer einen Zauberkasten oder so was, oder eines von den Spielzeugen weiß einen Rat, um Zwölf werden die doch alle lebendig!“
„Ja, genau, das ist es!“, schrie der Esel und schickte ein lautes „IA“ hinterher.
„Jetzt aber leise“, warnte der Stern. „Das Kind will schlafen!“
„Welches Kind?“, fragte der Ochse erstaunt.
„Das Christkind etwa?“ flüsterte der Nikolaus.
„Das ist doch noch gar nicht geboren, es kommt er’s am vierundzwanzigsten!“, wusste das Schaf aus der achtzehnten Tür.
„Quatsch!“, rief der Engel, so gar nicht engelhaft. „Das alles ist über zweitausend Jahre her, wir sind doch nur Schauspieler aus Schokolade!“
Alle schwiegen bedrückt. Es war ja auch so, wer waren sie denn schon? Klitzekleine Schokofiguren, die um ihr Überleben bangten.
„Dann ist schon alles egal“, sagte der Nikolaus traurig. „Wir werden wohl nichts machen können!“ Er nahm sich vor, von nun an kein Wort mehr zu sagen und sich in sein Schicksal zu ergeben. Auch die anderen Figuren waren ganz still geworden und so blieb es auch den ganzen Tag lang.

Der Nikolaustag war gekommen. Es dauerte ewig, bis der Nikolaus aus seinem Türchen geholt wurde, denn der Leo hatte verschlafen und war in Windeseile im Bad verschwunden, ohne an den Kalender zu denken. Als er aus der Schule kam, half er der Mutter beim Plätzchen backen, denn am Abend sollte der richtige Nikolaus zu den Kindern kommen und Mama wollte alles schön herrichten.
Die Adventskalenderfiguren hörten, wie es an der Haustür klingelte und eine tiefe Stimme erklang: „Ho, Ho, Ho, liebe Kinder. Ich, der Nikolaus, möchte doch mal nachfragen, ob ihr alle lieb und brav gewesen seid!“
Was die Kinder antworteten, konnte man nicht verstehen, so leise und schüchtern waren ihre Stimmen. Der Nikolaus wurde eingelassen und er fragte:
„Habt ihr denn auch einen Adventskalender?“
‚Ach du Schreck’, dachte der kleine Nikolaus, jetzt geht es mir an den Kragen.
„Habt ihr denn euer Türchen heute schon geöffnet?“, fragte der richtige Nikolaus und im nächsten Augenblick kam Leo ins Zimmer gerannt, riss den Adventskalender vom Haken, dass die Figuren nur so durcheinander geschüttelt wurden und flitzte die Treppe wieder hinunter. Das sechste Türchen wurde geöffnet. Der kleine Nikolaus blinzelte, so hell war es mit einem Mal.
„Was ist das denn?“, rief Leo. „Der ist ja gar nicht aus Schokolade!“ Er nahm den kleinen Nikolaus und betrachtete ihn. Wie ein richtiger Nikolaus sah er aus, hatte einen roten Mantel an und trug einen Sack mit Geschenken in seiner Hand. Der kleine Nikolaus zitterte, aber nur ein ganz kleines Bisschen. Erstaunt schaute er an sich herunter. Dann blickte der den richtigen Nikolaus an, der ihm zuzwinkerte. War er etwas der Zauberer gewesen, der den Wunsch der Figuren erfüllt hatte?
„Zu viel Süßes ist schlecht für die Zähne!“, sagte er zu Leo und der nickte eifrig.
„Stimmt, von diesem Nikolaus habe ich viel mehr, ich werde ihn an den Weihnachtsbaum hängen und dann in jedem Jahr wieder herausholen!“
„Das ist eine gute Idee“, sagte der weise alte Mann und holte noch ein Päckchen aus seinem Sack.
Was drin war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass der kleine Nikolaus sehr glücklich war und der Ochse, der Esel, der Stern und der Engel und wer noch so alles im Adventskalender war, auch.

© Regina Meier zu Verl


Diese Weihnachtsmänner warten wohl auf ihren Einsatz Foto © Regina Meier zu Verl