Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal zum Weihnachtsbaum werden würde. Die Tannengeschwister im Wald hatten so viel davon erzählt und in jedem Jahr waren einige von ihnen verschwunden und niemals mehr zurückgekommen. Die kleine Tanne hatte nicht gewusst, ob es erstrebenswert war, ein Weihnachtsbaum zu werden. Trotzdem hatte sie sich immer ein wenig geärgert, wenn die Menschen sie betrachtet hatten. Oft hatte sie Worte gehört wie: Die ist doch viel zu klein, geradezu mickrig. Das hatte weh getan.

In diesem Jahr hatte es geklappt. Ein Mann war mit seiner Tochter Laura in den Wald gekommen und hatte lange nach einem passenden Baum gesucht, als das Mädchen stehen blieb und rief:
„Schau hier, Papa, dieser schöne Baum ist genau richtig für uns.“
Die beiden trugen eine scharfe Säge bei sich und einigten sich schnell, dass es eine gute Wahl war, die kleine Silbertanne mitzunehmen. Als der Vater die Säge ansetzen wollte, bekam das Bäumchen heftige Angst und rief: „Halt, nicht sägen, dann sterbe ich!“

Als hätte er die Worte gehört, hielt der Mann inne. Er trat ein wenig zurück, betrachtete den Baum erneut und schüttelte den Kopf.
„Warte hier!“, sagte er zu seiner Tochter. „Dieses Bäumchen ist viel zu schade, um es abzusägen. Ich werde einen Spaten aus dem Auto holen, dann graben wir es aus.“
Glücklicherweise war der Waldboden nicht gefroren. Mitsamt aller Wurzeln wurde die Tanne in den Kofferraum geladen und dann trat sie die erste Reise seines Lebens an, hinaus aus dem Wald und hinein in eine warme Stube.
„Oh!“, staunte Lauras Mutter, „So ein schöner Baum, der ist ja niedlich! Ganz entzückend!“
Am Abend schmückte dann die ganze Familie den Baum mit bunten Glaskugeln und Strohsternen, mit Holzspielzeug und echten Kerzen. Die kleine Tanne war mächtig stolz. Wie schön es doch war, ein Weihnachtsbaum zu sein.

Es folgten glückliche Tage. Die Tanne war nie allein, denn es kamen viele Menschen zu Besuch, die Großeltern, die Nachbarn und Freunde und alle betrachteten den Weihnachtsbaum und lobten seinen schönen Wuchs und herrlichen Schmuck. Es wurden Lieder gesungen, die waren fast so schön, wie der Gesang der Waldvögel im Frühling. Die kleine Tanne war einfach nur glücklich.
Da sie in einem großen Blumentopf eingepflanzt war und regelmäßig Wasser zu trinken bekam, ging es ihr gut. Nur ab und zu war es ihr etwas zu warm und sie sehnte sich nach kühler, frischer Luft.

Als das Weihnachtsfest längst vorbei war und die Menschen wieder zur Schule gingen oder zur Arbeit, wurde es ruhiger im Wohnzimmer und die kleine Tanne fühlte sich allein.
„Morgen werden wir den Baum abschmücken und in den Garten pflanzen!“, beschloss Lauras Mutter und der Vater nickte zustimmend.
„Du hast Recht, aber ich denke, wir sollten das Bäumchen wieder an seinen alten Platz im Wald bringen.“
„Ja, Papa, das finde ich richtig“, rief auch Laura. „Ich komme mit!“

Vater und Tochter brachten die kleine Tanne zurück in den Wald. Als Laura sich verabschiedete, hängte sie ein rotes Glasherz an einen der Zweige.
„Damit ich dich immer erkennen kann, wenn ich im Wald bin und vielleicht können wir dich im nächsten Jahr wieder in unser Haus holen. Danke, kleine Tanne!“

Ein ganzes Jahr stand die Tanne wieder an ihrem Platz im Wald, freute sich über den Frühling, den Sommer und den Winter. Als es im Advent anfing zu schneien, sah man ihr rotes Glasherz schon von weitem leuchten.
„Wann kommst du, kleine Laura?“, dachte die Tanne, die so gern wieder ein Weihnachtsbaum sein wollte. Doch sie wartete umsonst.
An einem Sonntag, es war der vierte Advent, kam ein Mann einer Säge. Er schaute sich um und suchte nach einem geeigneten Baum für das Fest. Da entdeckte er die kleine Silbertanne mit dem roten Herzen.
„Na bitte“, sagte der Mann. „Hier ist doch schon ein toller Baum.“ Er setzte die Säge an; im gleichen Augenblick zerbrach das Herz aus Glas mit einem lauten Knall. Der Mann erschrak.
„Das ist kein gutes Zeichen!“, rief er. „Dich lasse ich wohl besser hier stehen!“
Er nahm seine Säge und stapfte weiter durch den Schnee.
Die kleine Silbertanne war erleichtert. War auch ihr Herz zerbrochen, so würde sie doch weiterleben und wieder einen Frühling, Sommer und Herbst erleben.

© Regina Meier zu Verl

Wunderkerzensilvester

Wunderkerzensilvester

„Heute Nacht“, sagte der kleine Playmobilmann, „setze ich mich auf eine dieser Silvesterraketen und fliege einfach mit ins Universum!“
„Du bist ja verrückt!“, meinte die Barbiepuppe Cindy, die gerade ihre Fingernägel lackierte. Sie konnte sich nicht vorstellen, einfach in den Himmel zu fliegen. Dort gab es wahrscheinlich weder Nagellack, Lippenstifte und hübsche Kleidung, noch Kinder, die mit ihr spielen würden. Nein, sie wollte auf der Welt bleiben, ganz sicher.
„Wieso sollte ich verrückt sein? Schau doch mal, ich habe sogar einen Raumfahreranzug an!“, meinte der Playmobilmann und zeigte stolz auf seinen Anzug.
„Du bist nur verkleidet, du bist gar kein richtiger Astronaut, so wie ich keine richtige Kuh bin“, rief die winzige rot bunte Kuh, die in der Alpenlandschaft der Eisenbahnanlage stand.
„Wieso bis du keine richtige Kuh?“, fragte Barbie und pustete ihre Fingernägel trocken. „Du siehst jedenfalls aus wie eine und du riechst auch so!“, sie rümpfte die Nase.
Die Spielzeuge hätten weiter gestritten, wenn nicht in diesem Moment Tine das Zimmer betreten hätte. Sofort war alles mucksmäuschenstill. Tine hatte schlechte Laune, zuerst hatte sie die Tür mit einem Knall hinter sich ins Schloss geschmissen und dann war sie aufs Bett zugestürzt und hatte sich mit lautem Geheule ins Kopfkissen vergraben.
Nach einer Weile setzte das Mädchen sich auf und schimpfte: „Erwachsene sind gemein, so gemein!“
Insgeheim nickten die Spielzeuge. Stimmte nämlich, denn wenn es nach den Erwachsenen ging, dann hatten sie jeden Abend in der Schublade zu verschwinden und man gönnte ihnen nicht einmal die Geisterstunde um Zwölf. Die Schublade bekamen sie nämlich allein nicht auf und nur, wenn einer von ihnen draußen geblieben war, konnte er helfen, dass sie sich um Mitternacht frei bewegen konnten. Aus diesem Grund versteckte sich der Teddy Paul gern unter dem Bett, damit er nicht ins Schubfach musste, denn ins Bett nahm Tine ihn nicht mehr mit. Es hatte andere Zeiten gegeben, aber die waren wohl vorbei.
Nun hätten die Spielzeuge nur allzu gern gewusst, warum Tine so traurig war. Barbie versuchte, das Mädchen zu hypnotisieren, indem sie durchdringlich in ihre Augen schaute und es wirkte.
„Letztes Jahr haben sie gesagt, dass ich noch zu klein sei, um an Silvester aufzubleiben und die Schießerei anzuschauen und sie haben mich vertröstet, dass ich es in diesem Jahr darf und nun das! Es gibt keine Party und Knaller gibt es auch nicht, das ist so gemein!“, schluchzte Tine.
Die Spielzeuge konnten ja nicht nachfragen, aber sie ahnten schon, dass das wieder so eine Corona-Sache war. Erst neulich hatte Mama das ganze Kinderzimmer ausgeräumt, geputzt und sämtliche Stofftiere in die Waschmaschine gesteckt. Nachmittags war nämlich eine Freundin, Merle, zu Besuch gewesen und die Familie dieser Freundin hatte einen Test machen müssen, der war positiv, was auch immer das heißen sollte.
„Ich hasse dieses blöde Corona!“, schimpfte Tine. „Zuerst darf Merle nicht mehr kommen und an Weihnachten durften wir nicht zu Oma und Opa und jetzt wird nicht mal geböllert zu Silvester. Ausgerechnet dieses Jahr, wo ich endlich auch mal aufbleiben dürfte!“
Papa kam in diesem Moment ins Zimmer. „Komm mal her, mein Mädchen!“, sagte er und setzte sich zu Tine aufs Bett. Tine kletterte auf seinen Schoß und weinte dicke Tränen auf seine Schulter. Das tat gut, auch wenn es nichts änderte.
Papa streichelte ihren Kopf und redete beruhigend auf Tine ein und dann zog er ein Päckchen Wunderkerzen aus der Hosentasche. „Kommst du mit mir in den Garten? Wir zünden die Kerzen an und warten auf ein Wunder“, schlug er vor.
„Wunder?“, fragte Tine.
„Klar, deshalb heißen sie doch Wunderkerzen. Wer weiß, was passieren wird?“, antwortete Papa und reichte Tine die dicke Jacke. „Komm meine Große!“, sagte er.
Auf der Terrasse wartete Mama, auf dem Tisch standen Becher und eine Thermoskanne und am Zaun zur Straße stand ein kleines Tischchen mit einer Kerze drauf. Mama füllte zwei Becher mit heißem Punsch, die sie auf das Zauntischchen stellte. Die erste Wunderkerze war gerade erloschen, da kamen zwei Leute zum Zaun, warm eingepackt. Tine erkannte sie erst auf den zweiten Blick. „Oma und Opa!“, rief sie glücklich und wollte gleich losspringen, als ihr einfiel, dass sie das nicht durfte!
„Wie schön, dass ihr da seid!“, rief sie und machte ein kleines Freudentänzchen.
„An der Haustür hängt eine Tüte mit allerlei kleinen Silvesterüberraschungen!“, sagte Opa und Oma erzählte, dass sie auch noch eine ordentliche Portion Weihnachtsplätzchen dazu gepackt habe.
„Und um zwölf rufen wir an!“, versprachen die beiden, nachdem sie ihren Punsch ausgetrunken hatten. Tine war versöhnt und konnte sich nun wieder auf den Abend freuen.
So hatten die Wunderkerzen für ein kleines Wunder gesorgt und vielleicht war im nächsten Jahr alles wieder gut und sie konnten gemeinsam mit den Großeltern Weihnachten und Silvester feiern. Das wünschte Tine sich von Herzen und zündete gleich noch eine Wunderkerze an.

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Die Weihnachtskatze

Die Weihnachtskatze

Ich habe ganz heimlich durchs Fenster geschaut,
im Zimmer erschien mir gar alles vertraut.
Die Menschen, die Bilder, der Kerzenlichtschein,
wie gern wollte ich eine von ihnen sein.

Sie sangen und lachten, sie herzten und küssten,
und plötzlich sah’n alle, als ob sie es wüssten
zum Fenster hin. Hatten sie mich entdeckt?
Schnell hab ich mich hinter der Hecke versteckt.

Wie ein Dieb in der Nacht, so fühlte ich mich,
als ich leise zum nächsten Fensterchen schlich.
Die Pfoten, sie schmerzten, mein Bäuchlein war leer,
wo bekam ich denn nur was Essbares her?

Vor Erschöpfung schlief ich dann im Hauseingang ein
und träumte von Hühnchen und Braten und Wein,
als mir plötzlich eine Hand zärtlich über’s Fell strich.
Komm rein, kleine Katze, hier ist Platz für dich.

Man schuf mir ein Plätzchen ganz nah beim Kamin
und stellte ein Schälchen mit Futter mir hin.
Glücklich war ich und ich schnurrte ganz leise
eine Katzendankeschön-Weihnachtsweise.

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Vier Tage noch

Vier Tage noch

Vier Tage noch, dann ist’s soweit,
dann wird das Christkind kommen.
Schön war sie, diese Wartezeit,
so hab ich’s wahrgenommen.

Viel Ruhe gab es, Kerzenschein
und Muße zum Entspannen,
zu zweit, zu dritt, auch mal allein
beim Duft von Weihnachtstannen.

So sollt es sein, doch war es so
oder war’s nur ein Traum?
Egal, ich bin heut richtig froh
und dort steht auch der Baum.

Noch ungeschmückt wartet er drauf,
dass wir ihm Lichter schenken
und dass wir dann in seinem Glanz
des Weihnachtssinns gedenken.

Das werde ich im Kerzenschein,
ich hab’s mir vorgenommen,
zu zweit, zu dritt oder allein –
das Weihnachtsfest kann kommen.

© Regina Meier zu Verl

Geschmückte Weihnachtsfenster Foto © Regina Meier zu Verl

Weihnachtsbastelei

Weihnachtsbastelei

Greta hatte sich zum Basteln in ihr Zimmer zurückgezogen. Von Mama hatte sie eine Bastelschere, Papier und eine große Tube Klebstoff bekommen.
„Stifte und Farben hast du genügend, dann leg mal los!“, hatte Mama gesagt und seit mindestens zwei Stunden nicht einen einzigen Pieps von Greta gehört.
‚Was sie wohl macht?’, dachte Mama und rollte eine weitere Lage Plätzchenteig aus, um dann winzige Tannenbäumchen auszustechen.
‚Eigentlich könnte sie so langsam mal wieder in die Küche kommen und mir ein helfen! ’

Doch Greta hatte keine Zeit. Sie kam zwar kurz in die Küche und holte sich ein Glas Milch, naschte vom Plätzchenteig und bat ihre Mutter um einen Locher.
„Wofür brauchst du ihn denn?“
„Geheimnis! Großes Geheimnis“, sagte Greta und lächelte verschmitzt.
Mit dem Locher bewaffnet verschwand sie wieder in ihrem Zimmer und als sie am Abend zum Essen kam, hatte sie hochrote Wangen, vor lauter Eifer.

Mama war gespannt, was ihre Tochter denn gebastelt haben könnte, musste sich aber bis Weihnachten gedulden.

Am Heiligabend, als alle ihre Geschenke auspackten, lag ein Päckchen unter dem Weihnachtsbaum, das hübsch in Geschenkpapier eingepackt war und an dem ein Kärtchen hing, worauf stand „Für uns alle“.
„Wer darf es denn öffnen?“, fragte Papa.
„Das mache ich gleich selbst“, antwortete Greta und riss das Päckchen an einer Seite auf. Dann drehte sie sich juchzend um die eigene Achse und schüttelte das Päckchen.
„Schaut, es schneit!“, rief Maxi, der kleine Bruder, und versuchte die Schneeflocken einzufangen, die da durchs Zimmer wirbelten.
„Greta hat uns Schnee gebastelt, wie schön!“, rief nun auch Mama und Papa lachte.
„Unsere Tochter hat immer gute Ideen, wenn es draußen nicht schneit, dann macht sie den Schnee kurzerhand selbst!“

So gab es an diesem Weihnachtsabend Schnee in der guten Stube der Müllers und alle hatten ihre Freude daran.

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Der Wunderweihnachtsbaum

Der Wunderweihnachtsbaum

Die riesige Tanne vor dem Rathaus wurde in jedem Jahr von den Schülern der Grundschule geschmückt. Jedes Kind, das Lust hatte, etwas zu basteln und an den Baum zu hängen war eingeladen, am Tag vor dem ersten Dezember zu kommen und dem Schauspiel beizuwohnen. Das Errichten der Tanne, die Befestigung der Lichterketten, sehr spannend war es, das mit anzusehen. Doch der Höhepunkt war, wenn die Sterne, Päckchen oder andere Basteleien angebracht wurden, denn in einem Korb, der hochgefahren wurde, stand Herr Koch, der Hausmeister.

„Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts“, riefen die Kinder ihm zu oder: „Herr Koch, du musst mein Geschenk an die Spitze hängen, damit es das Christkind zuerst sehen kann!“

Der Hausmeister war geduldig, schon seit vielen Jahren erledigte er diese Aufgabe und für ihn war es die rechte Weihnachtsfreude, so viele strahlende Kinderaugen zu sehen. In diesem Jahr aber hatte sich Herr Koch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Es war nämlich sein letztes Jahr im Dienst der Stadt und es sollte einen Abschluss bilden, an den man sich noch lange erinnern würde. So hatte es sich der Fast-Rentner vorgenommen.

In den Schulen und Kindergärten hatte er Aushänge aufgehängt und mit den Lehrern und Erziehern gesprochen. Herr Koch wünschte sich nur große Sterne am Baum und auf jedem Stern sollte ein persönlicher Wunsch vermerkt sein. Keiner, den man einfach mit Geld und im nächsten Warenhaus erfüllen konnte, sondern einer, mit dem man einem anderen eine große Freude bereiten wollte. Die Lehrer erklärten es den Kindern und die waren gleich mit Feuereifer bei der Sache. So ganz einfach war das aber nicht, denn was sie sich selbst wünschten, das wussten sie längst. Aber was sie jemand anderem wünschen sollten, das war eine andere Sache. Frau Müller gab ihren Schülern ein Beispiel.

„Da ich nicht mitmachen darf, sage ich euch jetzt, was ich auf meinen Stern schreiben würde. Vielleicht habt ihr dann eine gute Idee, wie euer Wunsch ausfallen könnte. Also: Meine Nachbarin ist schon alt. Ihr größter Traum ist es, einmal noch ihren Sohn zu sehen, der weit weg, in Amerika lebt. Ich wünsche ihr, dass sich dieser Wunsch recht bald erfüllt, denn sie ist sehr krank.“                           Die Kinder waren ganz still geworden. Die Idee war so schön, eine solche Bitte wollten sie auch formulieren und manchen fiel auch gleich ein Mensch ein, der in der näheren Umgebung lebte und der auch so einen Wunsch haben könnte.

„Ihr dürft euren Wunsch aber nicht verraten, dann erfüllt er sich nicht!“, verriet Frau Müller den Kindern.

Große rote und goldene Sterne wurden aus dicken Karton ausgeschnitten, dann schrieben die Schüler die Wünsche auf die Rückseite und am Schluss wurde jeder einzelne Stern in eine Folie eingeschweißt, damit Regen oder Schnee ihm nichts anhaben konnte.                                                    Am nächsten Tag gingen dann alle gemeinsam zum Rathaus und dort beobachteten sie, wie ein Stern nach dem anderen am Weihnachtsbaum befestigt wurde. Der Bürgermeister hatte Punsch für alle gespendet und er beobachtete das Treiben wohlwollend aus seinem Rathauszimmer.

„Wenn sich ein Wunsch erfüllt hat, dann leuchtet der Stern, der dazu gehört!“, erklärte er seiner Sekretärin, die lächelte, aber nicht so recht daran glauben wollte. Sie fand, dass es eine schöne Geste sei, aber Wunder hatte sie noch keine erlebt und das würde ihr auch der Chef nicht einreden können.

Ein paar Tage lang bewunderten alle Leute der Stadt „ihren“ Weihnachtsbaum und sie erfreuten sich an der Geschichte, dass die Sterne leuchten würden, wenn sich Wünsche erfüllten. Besonders gut beobachtete Herr Koch den Baum, denn schließlich hatte er ja die Idee gehabt, es in diesem Jahr einmal anders zu machen. Er wünschte sich sehr, dass möglichst viele Sterne leuchten mögen.

Alltag war eingekehrt in der kleinen Stadt. Der Baum stand an seinem Platz, jeder hatte ihn gesehen und bewundert und eigentlich warteten nur noch die Kinder, Herr Koch und der Bürgermeister auf ein Leuchten oder zwei oder drei. Am Tag vor dem Heiligen Abend, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, weil die Wolken voller Schnee waren, passierte dann etwas, über das alle noch lange reden würden. Dicke Schneeflocken fielen auf die Stadt und auf den Weihnachtsbaum und sie legten sich auf seine Zweige und alle, die gerade in der Nähe waren blieben stehen und freuten sich. Und während sie den Baum betrachteten, leuchtete ein Sternchen in hellem Licht auf und dann noch eines und ein weiteres und es dauerte fast eine Stunde, da waren alle Sterne hell erleuchtet und das hieß dann wohl, dass sich alle Wünsche erfüllt hatten.

„Wie kann das sein?“, fragten sich die Leute. „Da ist doch ein Trick dabei!“

Herr Koch stand mit klopfendem Herzen ganz in der Nähe, aus seinen Augen lösten sie Tränen, die heiß über die kühlen Wangen rollten. Wie schön das war und wie Recht er doch behalten hatte. Auch der Bürgermeister beobachtete das Wunder, schnell ließ er sich seinen Mantel geben und eilte nach draußen, um sich mit den Menschen zu freuen, die dort standen und Beifall klatschten. Ein Wunder, ein richtiges Wunder in seiner Stadt. So stolz war er nur bei seiner Wahl gewesen, damals, vor vielen Jahren.

Nun mag man sich fragen, wie es denn kam, dass alle Sterne zu funkeln anfingen, wo es doch so viele Wünsche waren, die dort verzeichnet waren? Wenn ich euch jetzt sage, dass die alte Dame, von der die Lehrerin gesprochen hatte, just in dem Moment Besuch von ihrem Sohn aus Amerika bekam, dann beantwortet sich diese Frage wohl von selbst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Der Wunderweihnachtsbaum
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Die kleine Kerze aus dem Weltladen

Die kleine Kerze aus dem Weltladen

„Ich will auch eine große Kerze sein“, jammerte die kleine Kerze, die seit ein paar Tagen im Schaufenster des Weltladens lag. „Eine große, dicke Kerze mit einem langen Docht. Und gelb will ich sein. Hellgelb.“
Missmutig blickte sie auf ihr zartrotes Kerzenkleid. Sie gefiel sich nicht, gar nicht.
„So mag mich doch keiner leiden, oder?“
„Dein Gejammer ist ja nicht auszuhalten!“, schimpfte die Teekanne, die direkt neben der Kerze stand. „Man ist, was man ist und daran kann man gar nichts machen. Sei doch zufrieden, ich finde dich recht schön!“
„Recht schön? Du findest mich nur „recht“ schön?“ Die kleine Kerze heulte leise auf. „Siehst du, das ist genau das Problem. Recht ist nicht richtig und recht schön bedeutet nur hübsch, ein bisschen, oder noch weniger. Dabei möchte ich doch eine ganz besondere Kerze sein für einen ganz besonderen Menschen. Aber wie soll der mich je finden, wenn ich so unbedeutend klein und nur recht schön bin?“
Die Teekanne schwieg nun. Insgeheim dachte sie, dass sie es der Kerze sowieso nicht recht machen konnte und eigentlich war es ihr auch egal. Sollte sie doch jammern.
„Siehst du“, jaulte die Kerze, „dazu fällt dir nun auch nichts mehr ein!“
„Streitet nicht, bitte!“, bat ein winziger Porzellan-Engel mit feinem Stimmchen. „Ich mag es nicht, wenn gestritten wird!“
„Oh, das tut mir leid“, sagte die kleine Kerze schnell, obwohl sie nicht wusste, was dieses „gestritten“ bedeuten sollte. „Wir haben nicht gestritten, oder?“
„Beileibe nicht“, murrte die Teekanne, „und nun störe mich nicht länger. Es kommt gerade eine nette Familie zu uns herüber und ich muss lächeln, lächeln, lieb lächeln. Vielleicht nehmen sie mich mit.“
Lächeln? Kann ich das auch? fragte sich die Kerze und gab sich Mühe, auch so ein Lächeln zu zaubern. Dabei verrenkte sie sich aber so, dass sie beinahe abgebrochen wäre. Oh je! dachte sie, nun bin ich nicht nur hässlich rosa, sondern auch noch krumm. Niemals wird mich jemand mitnehmen wollen!
„Hast du ein Glück, Teekanne!“ Sie seufzte tief auf. „Schön bist du und groß und deine Farben leuchten. Ich dagegen bin klein und hässlich. Es stimmt. Mich wird bestimmt niemals jemand mitnehmen.“
„Ha, du dummes Ding!“ Eine wunderschöne gelblilarosafarbene Stumpenkerze lachte heiser auf. Es war kein fröhliches Lachen. „Hoffe und bete, dass dich kein Mensch mitnimmt. Unser Los bei den Menschen nämlich ist kein erfreuliches und ich nenne es ein Glück, hier im Korb für alle Zeiten liegenbleiben zu dürfen. Man hört und sieht so vieles hier. Spannend ist das!“
Die kleine Kerze wollte es genauer wissen. „Nun erzähl schon, was erzählt man sich denn?“
„Na ja, ganz genau weiß ich es natürlich nicht, denn niemals ist eine Kerze zurückgekommen, um die Wahrheit zu berichten.“, meinte die Stumpenkerze. „Was ich aber weiß ist, dass man Kerzen anzündet und dann werden sie klein und kleiner und schließlich sind sie gar nicht mehr da!“
So ein Schreck! Konnte das denn wirklich wahr sein? fragte sich die kleine Kerze und je mehr sie darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr diese Behauptung.
„Du könntest recht haben!“, sagte sie deshalb leise, um nur ja nicht aufzufallen, denn gerade hatten sich die Kunden genähert und betrachteten sie.
Nein, dachte sie insgeheim, ich mag nicht noch kleiner werden und schon gar nicht mag ich angezündet werden und plötzlich verschwunden sein. Was das wohl bedeuten sollte, dieses anzünden, und ob das schmerzte?
„Guck mal, diese kleine Kerze“, vernahm man plötzlich eine Kinderstimme. „Die ist ja niedlich und sie würde genau in mein Puppenhaus passen!“
Eine andere Stimme kicherte: „Die ist doch ganz krumm!“
„Das macht doch nichts, ich finde sie schön und die Farbe ist toll, genau mein Geschmack!“, sagte nun wieder die Mädchenstimme. „Mama, kann ich die haben?“
Die Mutter trat heran, nahm die Kerze in die Hand und betrachtete sie prüfend. „Sie ist schief. Aber weißt du: schiefe Kerzen werden sehr alt. Sie dürfen nie brennen.“ Die Mutter lächelte und legte die kleine Kerze sanft in die Hand des Mädchens. „Ich denke, sie passt besonders gut ins Puppenhaus. Einverstanden. Wir nehmen sie.“
So kam es, dass die kleine Kerze ins Puppenhaus des Mädchens einzog. Was „anzünden“ bedeutete, hat sie nie erfahren, aber das ist ja auch gut so, nicht wahr?“

© Regina Meier zu Verl & Elke Bräunling

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Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen, jede Menge

Leo und Lina haben Kiefernzapfen gesammelt. Sie tun geheimnisvoll, als Mama fragt, was sie denn mit den vielen Zapfen basteln wollen.
„Das wirst du dann schon sehen!“, sagen sie und kichern. „Auf jeden Fall wird nichts gebastelt, wir helfen der Umwelt!“, behaupten sie und ziehen sich mit ihren Zapfen ins Gartenhaus zurück.
„Mama wird staunen“, freut sich Lina. „Und Papa und Oma und Opa auch.“
Leo kichert wieder. „Alle werden sie staunen. Bald.“
Lina schüttelt entschieden den Kopf.
„Von bald kann keine Rede sein. Du hast doch gehört, was Herr Norden gesagt hat, es braucht viel Geduld!“
Jetzt kommen die Jogurtbecher zum Einsatz. Tagelang haben Lina und Leo gesammelt.
„Dann erfüllen sie wenigstens noch einen Zweck!“, hatte Leo gemeint, denn zu viele Plastikbecher sind nicht gut für unsere Umwelt und Mama war dazu übergegangen, Jogurt in großen Gläsern zu kaufen, die man wiederverwenden konnte. Gut so.
Die Geschwister haben jeden Becher, den sie noch erwischen konnten, an sich genommen, denn sie haben viele Tannenzapfen gesammelt, die verarbeitet werden wollen. Wenn sie Glück hatten, dann würde aus jedem Zapfen in den Joghurtbechern ein kleines Tannenbäumchen heranwachsen. So viele Tannen!
„Ob unsere Becher da überhaupt reichen?“ Besorgt blickt Lina auf die Bechersammlung.
Die beiden Kinder füllen die Becher mit Gartenerde und legen dann jeweils einen Tannenzapfen auf die Erde. Anschließend besprühen sie jeden Zapfen mit Mamas Blumenspritze, die sie heimlich „ausgeliehen“ haben und schon bald ist ein kleines Tannenzapfenwäldchen entstanden. Jetzt kommt das Moos zum Einsatz, das sie im Garten gefunden haben und nun liebevoll auf die Erde rundum die Zapfen legen.
„Sie sollen sich doch wohlfühlen!“, meint Lina.
„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Leo und Lina grinst.
„Leo, du weißt doch, dass wir viel Geduld brauchen werden, das geht nämlich nicht so ruckzuck, es braucht Zeit!“, klärt Lina ihn nochmals auf.
„ Stimmt!“ Leo nickt und klatscht voller Vorfreude in die Hände.
„Mama wird staunen. Ein tolles Geschenk wird das sein. Ein wundertolles sogar. Ich …“ Er bricht ab, blickt über den Gartentisch, der fast ganz zugestellt ist mit Bechern, in denen auf Erde Tannenzapfen thronen, und wird blass. „Wo sollen wir die denn vor Mama verstecken? Es sind ja so viele!“
Aufgeregt blickt er seine Schwester an.
„Wir erteilen ganz einfach „Gartenhausverbot“, bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Wochen, vielleicht zeigen sich dann schon die ersten Sprösslinge.“, sagt Lina bestimmt.
„Und du meinst, dass Mama sich einfach so an das Verbot halten wird?“ Leo ist skeptisch.
„Sie muss!“, ruft Lina. „Wir machen ein Schild an die Tür und wir bitten Opa um Hilfe, der muss aufpassen, dass Mama nicht heimlich ins Häuschen geht!“
„Puh! Das wird schwer!“ Leo blickt seine Schwester zweifelnd an. „Was, wenn Mama nochmal im Garten arbeiten will?“
„Es ist Winter! Da hat Mama nichts mehr im Garten zu tun.“ Lina ist sich sicher.
Leo ist es nicht. Er denkt an die Tulpen- und Narzissenzwiebeln, die gestern in einem Paket gekommen sind und die Mama noch „in die Erde bringen will“, wie sie selbst gesagt hat.
„Dann decken wir den Tisch einfach ab mit einer großen Plane! Ich frage mal Opa, der hat immer gute Ideen!“, sagt Lina und Leo ist stolz auf seine Schwester. Meist hat sie eine Lösung, wenn ein Problem auftritt, auch wenn die Lösung immer wieder Opa heißt!
„Bei den Blumenzwiebeln können wir ja helfen!“, beschließen die Geschwister und dann machen sie sich auf zu Opa.
„Kinder! Kinder!“, sagte Opa später. „Ihr macht Sachen! Hmm! Lasst mich nachdenken.“
Er runzelt die Stirn und denkt nach. Lange. Und Lina und Leo runzeln auch die Stirn und denken auch nochmal nach.
„Wie viele Bäumchen habt ihr nochmal gepflanzt?“, fragte Opa dann. „Und wo im Garten wollt ihr sie später, nach Weihnachten, pflanzen?“
„24 sind es!“, sagt Lina stolz.
„Hinter dem Rasen in die Blumenbeete. Dort ist Platz!“ sagt Leo.
„Hm!“ macht Opa wieder. „Und wie groß werden eure Tannen einmal sein? Übrigens sind es keine Tannen, sondern Kiefern!“
„Sehr groß!“, freut sich Lina.
„Wie ein kleiner Wald!“, ruft Leo.
„Hm!“ Mehr sagt Opa nicht mehr und Lina sieht plötzlich einen großen, dichten Wald, der hinter dem Rasen hoch und dunkel aufragt. Gigantisch sieht der aus. Ein bisschen unheimlich auch. Und plötzlich gefällt ihr die Idee mit den vielen Tannen gar nicht mehr.
„Hm!“, sagt auch sie. „Ich glaube, so viele große Tannen würden Mama keine Freude machen.“
„Aber 24 kleine schon“, wirft Leo schnell ein. „Ein paar könnten wir ja auch verschenken.“
„Das ist eine gute Idee“, findet Lina. „Da es genau 24 Zapfen sind, können wir an jedem Tag im Advent eines verschenken.“
Genauso machen es die Geschwister und viele, viele Leute in der Nachbarschaft freuen sich, als es bei ihnen klingelt und die beiden Kinder mit einem Zapfenbecher vor der Tür stehen und singen:
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl

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Die Geschichte von Frau Engel

Frau Engel, ein Engel?

Sina war mit Mama in der Stadt und drückte sich ihr Näschen an den Schaufensterscheiben platt. Was es da alles gab, Sina konnte sich nicht satt sehen.

Am besten gefiel ihr der dicke Elefant, der bei Schürmanns im Schaufenster saß und so lieb lächelte.
„Mama, schau mal, ist der nicht toll?“

Sina stupste ihr Mama an, die sich gerade mit einer Dame unterhielt, die sie zufällig getroffen hatten. Sina kannte sie nicht. Sie hatte auch gar nicht mitbekommen, um was es in dem Gespräch ging. Sie war zu sehr mit dem Elefanten beschäftigt.
„Moment noch, Sina. Schau noch ein bisschen, ich würde gern einen Augenblick mit Frau Engel reden.“ Dann wandte sie sich wieder der fremden Dame zu.
„Frau Engel?“, dachte Sina „Das ist ja spannend, ob sie ein richtiger Engel ist?“ Wenn das so wäre, dann könnte sie dabei helfen, dass das Christkind den Elefanten zu Sina nach Hause brachte. Aber wie sollte sie das anstellen.
Mama hatte gesagt, dass Kinder nicht reinreden sollen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Das tat Sina trotzdem oft, aber heute traute sie sich nicht. Möglicherweise würde das alles verderben und die Engelfrau wäre sauer.
Sina musste sich was anderes ausdenken, sie kaute ein wenig auf dem rechten Daumennagel herum, das half beim Nachdenken. Auch diesmal, Sina hatte einen Plan.
Sie stellte sich wieder ganz nah an die Schaufensterscheibe und blinzelte dem Elefanten zu.
„Ich werde dich bekommen, ganz sicher. Warte mal ab.“ Dann begann sie herzzerreißend zu schluchzen. Sofort war die Mutter an ihrer Seite.
„Was ist denn los, Sinalein. Hast du dir wehgetan?“
Sina schüttelte den Kopf und über ihre Wangen liefen richtige Tränen. Das ging ganz leicht, man musste nur an etwas furchtbar Trauriges denken, dann klappte es.
Mama war nun echt besorgt und Frau Engel schaute ratlos aus der Wäsche.
„Es ist so schrecklich, Mama!“, heulte Sina und wischte sich die Nase mit dem Anorakärmel ab.
„Was ist denn nur so schrecklich, meine Kleine?“, fragte nun auch Frau Engel und beugte sich zu Sina hinunter.
„Er hat es mir gerade gesagt und ich kann ihm doch gar nicht helfen.“
„Wer hat was gesagt und wem kannst du nicht helfen?“, fragte Sinas Mutter.
„Na, der Elefant da, er heißt Michel und er ist schrecklich unglücklich, weil schon bald wieder Mitternacht ist und dann geht es los.“
Ein Lächeln huschte über Mamas Gesicht. Jetzt kam wieder eine von Sinas Geschichten. Doch Frau Engel hörte interessiert zu.
„Was ist denn um Mitternacht?“
„Da werden die Spielzeuge lebendig, weißt du das denn nicht, Frau Engel?“, fragte Sina.
Frau Engel wusste davon nichts, das sagte sie jedenfalls und Sina erzählte weiter.
„Also, um Mitternacht werden alle Spielzeuge für eine Stunde lebendig und dann ärgern sie den Elefanten immer und der ist am Fuß verletzt und er kann nicht weglaufen und das macht ihn so traurig. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn bald zu mir nach Hause wünsche. Da soll er es gut haben und ich will immer für ihn sorgen und …“
Frau Engel hob Sina zu sich hoch und strich ihr übers Haar.
„Frau Müller, Ihre Tochter ist ja wirklich goldig“, stellte sie fest und Mama freute sich. Frau Engel war nämlich ihre Chefin und gerade letzte Woche hatte Mama um ein paar Tage Urlaub vor Weihnachten gebeten, die Frau Engel aber nicht genehmigt hatte.
„Wenn ich es mir so recht überlege, dann denke ich, dass sie den Urlaub doch bekommen sollten. Aber was machen wir nun mit dem Elefanten, damit er nicht wieder geärgert wird?“, fragte die Engelfrau. Dann flüsterte sie Mama etwas ins Ohr und verabschiedete sich.
„Sina, ich werde mal mit dem Chef da drinnen reden, er muss sich was einfallen lassen, damit dein Michel nicht so viel Angst haben muss. Vielleicht kann ich ihn auch adoptieren. Würdest du dann gelegentlich auf ihn aufpassen? Weißt du, ich habe wenig Zeit.“
Sina nickte begeistert.
„Klar, das mache ich auf jeden Fall. Danke Frau Engel, vielen Dank.“
Frau Engel setzte Sina wieder auf dem Bordstein ab und verabschiedete sich schnell, dann verschwand sie im Kaufhaus Schürmann.
„Und wir gehen jetzt nach Hause, du kleiner Eulenspiegel.“, sagte Mama und auf dem Heimweg musste sie dann die Geschichte vom Till Eulenspiegel erzählen, der den Leuten immer gern einen Bären aufband und sie anschwindelte.
„Ich habe aber gar nicht geschwindelt, ich wollte doch nur den Elefanten retten.“, grinste Sina und hoffte insgeheim, dass Frau Engel so wenig Zeit haben würde, dass Elefant Michel ganz oft bei ihr sein könnte.
„Weißt du was ich glaube, Mama?“
„Nein, Sina, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Mama, ich glaube, dass die Frau Engel ein richtiger Engel ist.“
„Ja, das glaube ich auch“, sagte Mama und drückte Sina einen dicken Kuss auf die Wange.

 

Am heiligen Abend bekamen die Müllers Besuch von Frau Engel, die brachte den Elefanten vorbei und bat Sina darum, ihn bei sich wohnen zu lassen. Sie selbst habe wirklich gar keine Zeit und außerdem wollte sie zum Skilaufen nach Österreich fahren.
„Er kann so lange bleiben wie er will“, versprach Sina und umarmte Frau Engel.
„Und grüß die anderen von mir“ flüsterte ihr Sina ins Ohr.
„Mache ich gern“, sagte Frau Engel.
Sie musste gar nicht fragen, wen Sina denn meinte. Engel wissen eben alles.

© Regina Meier zu Verl

Hier kannst du die Geschichte anhören.

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Helene und die Puppenfamilie

Helene und die Puppenfamilie

Früher hat Tante Helene noch bei uns gewohnt. Sie war Omas Schwester, unverheiratet, ein altes Fräulein, sagte Opa immer und kniff ein Auge zu. Das bedeutete für mich, dass ich das nicht sagen durfte, altes Fräulein. Irgendwann wurde Tante Helene dann krank und Opa sagte: „Der liebe Gott hat das alte Fräulein zu sich geholt!“
Daran erinnere ich mich noch gut und auch an den leckeren Butterkuchen, den es zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung gab. An die leise Klaviermusik, die oft aus ihrem Zimmer tönte, kann ich mich noch gut erinnern. Grieg und Schumann und Tschaikowsky, das waren ihre Lieblingskomponisten und sie hatte von ihnen eine Unmenge Schallplatten. Was aus ihnen wohl geworden ist? Immer, wenn ich heute die vertrauten Stücke höre, stelle ich mir diese Frage. Und nicht nur diese.
Damals war ich ein Kind, oft bekam ich keine Antworten auf meine Fragen; von Tante Helene sowieso nicht. Die war schweigsam. Aber man konnte in ihrem Gesicht lesen. Oft hatte sie so ein feines Lächeln, dass mir ganz warm wurde, wenn ich sie anschaute. Oma sagte immer: Helene ist so ganz anders als ich. Ich glaube, sie denkt, sie sei was Besseres.
Was sie damit meint, habe ich damals nicht verstanden. Tante Helene war für mich eine alte Frau, aber sie war schön. Eine schöne alte Frau mit den schneeweißen langen Haaren, die sie zu einem locker gebundenen Knoten trug – und manchmal, an Wochenenden, ließ sie sie auch lang über den Rücken hängen. So schöne lange weiße Haare, fast bis zu ihrem Po.
Ich habe Zöpfe geflochten und mit bunten Schleifen zugebunden, oder sie wie eine Krone um den Kopf gewickelt. Dann die Zöpfe wieder gelöst und das seidige Haar sanft gebürstet. Tante Helene hat das sehr gefallen, das hat sie jedenfalls gesagt. Sie war geduldig und nahm sich die Zeit für mich. Das tat mir gut. Überhaupt war ihr Zimmer für mich immer wie eine Zufluchtsburg. Ärger oder Unfriede fanden hier kein Einlass und immer, wenn ich mit meinen Eltern Krach hatte, suchte ich bei ihr Unterschlupf. Mama und Papa wirkten so spießig gegenüber Tante Helene, die doch viel älter war als sie und als spätes Fräulein in den Augen der Leute doch die Spießige war. Falsch.
Es war ein paar Tage vor Weihnachten, als ich wieder einmal in Tante Helenes Zimmer auf dem Boden saß und mit meinen Puppen spielte. Ich redete immer mit ihnen. Meine Ursula, die größte der Puppen, war die Mutter, Heidi und Susi spielten die Kinder. Alle Puppen waren von Oma eingekleidet worden, trugen wollene Unterhosen und Hemden, Rüschenkleider mit adrettem Kragen, Kniestrümpfe und winzig kleine Lederschuhe. Es fehlte nur noch der Vater, doch den hatte ich nicht. „Es gibt keine Vater-Puppen“, hatte mir Mama immer wieder erklärt und ich fand das ehrlich blöde. Zu einer richtigen Familie gehörte ein Vater. Das war nun einmal so. Aber Mama ließ nicht mit sich reden und deshalb bettelte ich schon seit dem Sommer bei Tante Helene, dass sie mir zu Weihnachten eine Vaterpuppe schenkte.
„Ich werde sehen, was ich machen kann. Aber eigentlich bringt ja das Christkind die Geschenke, nicht wahr?“, fragte sie mit einem Augenzwinkern.
Das stimmte. Ich wollte ein bisschen schmollen, denn irgendwie verließ ich mich auf Tante Helene mehr, viel mehr als auf das Christkind. Das war so und das war für mich auch das Gute und Wichtige, das mich zu ihr hinzog. Ich konnte ihr vertrauen.
Als der Heiligabend endlich gekommen war, platzte ich fast vor Ungeduld. Ich hatte meine Puppen besonders hübsch angezogen und frisiert und auch mich selbst hatte ich herausgeputzt. Meine Haare trug ich auf die gleiche Art und Weise hochgesteckt, wie Tante Helene und mein schönes Kleid hatte die Tante mir gekauft.
Papa spielte „Ihr Kinderlein kommet“ auf dem Harmonium und dann durfte ich das Wohnzimmer betreten. Und dann, ja, dann hatte ich all die Lieder, die ich gelernt hatte, vergessen. Ich konnte nichts anderes tun als auf die Geschenke zu starren, die unter dem Christbaum lagen. Vor allem zwei große, längliche Pakete hatten es mir angetan. Zwei Pakete? In meinem Kopf rasten die Gedanken und endlich, endlich war es soweit. Bescherung! Und ich hatte recht gehabt: es waren zwei Pakete mit zwei Puppen. Mit einer Papapuppe nämlich und einer Tantenpuppe, denn die, so sagte Mama, gehörte schließlich auch in eine richtige Familie, so wie Tante Helene zu uns gehörte.
Das war das letzte Weihnachtsfest, das sie mit uns verbrachte und ich bin so froh, dass Mama das damals gesagt hat, denn es hat Tante Helene sehr gutgetan. Meine Tantenpuppe sitzt noch immer auf meinem Sofa, ich bringe es nicht übers Herz, sie in die Kiste zu den anderen zu räumen. Irgendwann werde ich selbst Kinder haben, die können dann damit spielen, vorausgesetzt ich werde kein altes Fräulein, wie Tante Helene. Ich muss lächeln, bei dem Gedanken, denn manchmal wäre ich so gern wie sie, ja, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

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