Der Wunderweihnachtsbaum

Der Wunderweihnachtsbaum

Die riesige Tanne vor dem Rathaus wurde in jedem Jahr von den Schülern der Grundschule geschmückt. Jedes Kind, das Lust hatte, etwas zu basteln und an den Baum zu hängen war eingeladen, am Tag vor dem ersten Dezember zu kommen und dem Schauspiel beizuwohnen. Das Errichten der Tanne, die Befestigung der Lichterketten, sehr spannend war es, das mit anzusehen. Doch der Höhepunkt war, wenn die Sterne, Päckchen oder andere Basteleien angebracht wurden, denn in einem Korb, der hochgefahren wurde, stand Herr Koch, der Hausmeister.

„Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts“, riefen die Kinder ihm zu oder: „Herr Koch, du musst mein Geschenk an die Spitze hängen, damit es das Christkind zuerst sehen kann!“

Der Hausmeister war geduldig, schon seit vielen Jahren erledigte er diese Aufgabe und für ihn war es die rechte Weihnachtsfreude, so viele strahlende Kinderaugen zu sehen. In diesem Jahr aber hatte sich Herr Koch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Es war nämlich sein letztes Jahr im Dienst der Stadt und es sollte einen Abschluss bilden, an den man sich noch lange erinnern würde. So hatte es sich der Fast-Rentner vorgenommen.

In den Schulen und Kindergärten hatte er Aushänge aufgehängt und mit den Lehrern und Erziehern gesprochen. Herr Koch wünschte sich nur große Sterne am Baum und auf jedem Stern sollte ein persönlicher Wunsch vermerkt sein. Keiner, den man einfach mit Geld und im nächsten Warenhaus erfüllen konnte, sondern einer, mit dem man einem anderen eine große Freude bereiten wollte. Die Lehrer erklärten es den Kindern und die waren gleich mit Feuereifer bei der Sache. So ganz einfach war das aber nicht, denn was sie sich selbst wünschten, das wussten sie längst. Aber was sie jemand anderem wünschen sollten, das war eine andere Sache. Frau Müller gab ihren Schülern ein Beispiel.

„Da ich nicht mitmachen darf, sage ich euch jetzt, was ich auf meinen Stern schreiben würde. Vielleicht habt ihr dann eine gute Idee, wie euer Wunsch ausfallen könnte. Also: Meine Nachbarin ist schon alt. Ihr größter Traum ist es, einmal noch ihren Sohn zu sehen, der weit weg, in Amerika lebt. Ich wünsche ihr, dass sich dieser Wunsch recht bald erfüllt, denn sie ist sehr krank.“                           Die Kinder waren ganz still geworden. Die Idee war so schön, eine solche Bitte wollten sie auch formulieren und manchen fiel auch gleich ein Mensch ein, der in der näheren Umgebung lebte und der auch so einen Wunsch haben könnte.

„Ihr dürft euren Wunsch aber nicht verraten, dann erfüllt er sich nicht!“, verriet Frau Müller den Kindern.

Große rote und goldene Sterne wurden aus dicken Karton ausgeschnitten, dann schrieben die Schüler die Wünsche auf die Rückseite und am Schluss wurde jeder einzelne Stern in eine Folie eingeschweißt, damit Regen oder Schnee ihm nichts anhaben konnte.                                                    Am nächsten Tag gingen dann alle gemeinsam zum Rathaus und dort beobachteten sie, wie ein Stern nach dem anderen am Weihnachtsbaum befestigt wurde. Der Bürgermeister hatte Punsch für alle gespendet und er beobachtete das Treiben wohlwollend aus seinem Rathauszimmer.

„Wenn sich ein Wunsch erfüllt hat, dann leuchtet der Stern, der dazu gehört!“, erklärte er seiner Sekretärin, die lächelte, aber nicht so recht daran glauben wollte. Sie fand, dass es eine schöne Geste sei, aber Wunder hatte sie noch keine erlebt und das würde ihr auch der Chef nicht einreden können.

Ein paar Tage lang bewunderten alle Leute der Stadt „ihren“ Weihnachtsbaum und sie erfreuten sich an der Geschichte, dass die Sterne leuchten würden, wenn sich Wünsche erfüllten. Besonders gut beobachtete Herr Koch den Baum, denn schließlich hatte er ja die Idee gehabt, es in diesem Jahr einmal anders zu machen. Er wünschte sich sehr, dass möglichst viele Sterne leuchten mögen.

Alltag war eingekehrt in der kleinen Stadt. Der Baum stand an seinem Platz, jeder hatte ihn gesehen und bewundert und eigentlich warteten nur noch die Kinder, Herr Koch und der Bürgermeister auf ein Leuchten oder zwei oder drei. Am Tag vor dem Heiligen Abend, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden, weil die Wolken voller Schnee waren, passierte dann etwas, über das alle noch lange reden würden. Dicke Schneeflocken fielen auf die Stadt und auf den Weihnachtsbaum und sie legten sich auf seine Zweige und alle, die gerade in der Nähe waren blieben stehen und freuten sich. Und während sie den Baum betrachteten, leuchtete ein Sternchen in hellem Licht auf und dann noch eines und ein weiteres und es dauerte fast eine Stunde, da waren alle Sterne hell erleuchtet und das hieß dann wohl, dass sich alle Wünsche erfüllt hatten.

„Wie kann das sein?“, fragten sich die Leute. „Da ist doch ein Trick dabei!“

Herr Koch stand mit klopfendem Herzen ganz in der Nähe, aus seinen Augen lösten sie Tränen, die heiß über die kühlen Wangen rollten. Wie schön das war und wie Recht er doch behalten hatte. Auch der Bürgermeister beobachtete das Wunder, schnell ließ er sich seinen Mantel geben und eilte nach draußen, um sich mit den Menschen zu freuen, die dort standen und Beifall klatschten. Ein Wunder, ein richtiges Wunder in seiner Stadt. So stolz war er nur bei seiner Wahl gewesen, damals, vor vielen Jahren.

Nun mag man sich fragen, wie es denn kam, dass alle Sterne zu funkeln anfingen, wo es doch so viele Wünsche waren, die dort verzeichnet waren? Wenn ich euch jetzt sage, dass die alte Dame, von der die Lehrerin gesprochen hatte, just in dem Moment Besuch von ihrem Sohn aus Amerika bekam, dann beantwortet sich diese Frage wohl von selbst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Der Wunderweihnachtsbaum
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Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen, jede Menge

Leo und Lina haben Kiefernzapfen gesammelt. Sie tun geheimnisvoll, als Mama fragt, was sie denn mit den vielen Zapfen basteln wollen.
„Das wirst du dann schon sehen!“, sagen sie und kichern. „Auf jeden Fall wird nichts gebastelt, wir helfen der Umwelt!“, behaupten sie und ziehen sich mit ihren Zapfen ins Gartenhaus zurück.
„Mama wird staunen“, freut sich Lina. „Und Papa und Oma und Opa auch.“
Leo kichert wieder. „Alle werden sie staunen. Bald.“
Lina schüttelt entschieden den Kopf.
„Von bald kann keine Rede sein. Du hast doch gehört, was Herr Norden gesagt hat, es braucht viel Geduld!“
Jetzt kommen die Jogurtbecher zum Einsatz. Tagelang haben Lina und Leo gesammelt.
„Dann erfüllen sie wenigstens noch einen Zweck!“, hatte Leo gemeint, denn zu viele Plastikbecher sind nicht gut für unsere Umwelt und Mama war dazu übergegangen, Jogurt in großen Gläsern zu kaufen, die man wiederverwenden konnte. Gut so.
Die Geschwister haben jeden Becher, den sie noch erwischen konnten, an sich genommen, denn sie haben viele Tannenzapfen gesammelt, die verarbeitet werden wollen. Wenn sie Glück hatten, dann würde aus jedem Zapfen in den Joghurtbechern ein kleines Tannenbäumchen heranwachsen. So viele Tannen!
„Ob unsere Becher da überhaupt reichen?“ Besorgt blickt Lina auf die Bechersammlung.
Die beiden Kinder füllen die Becher mit Gartenerde und legen dann jeweils einen Tannenzapfen auf die Erde. Anschließend besprühen sie jeden Zapfen mit Mamas Blumenspritze, die sie heimlich „ausgeliehen“ haben und schon bald ist ein kleines Tannenzapfenwäldchen entstanden. Jetzt kommt das Moos zum Einsatz, das sie im Garten gefunden haben und nun liebevoll auf die Erde rundum die Zapfen legen.
„Sie sollen sich doch wohlfühlen!“, meint Lina.
„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Leo und Lina grinst.
„Leo, du weißt doch, dass wir viel Geduld brauchen werden, das geht nämlich nicht so ruckzuck, es braucht Zeit!“, klärt Lina ihn nochmals auf.
„ Stimmt!“ Leo nickt und klatscht voller Vorfreude in die Hände.
„Mama wird staunen. Ein tolles Geschenk wird das sein. Ein wundertolles sogar. Ich …“ Er bricht ab, blickt über den Gartentisch, der fast ganz zugestellt ist mit Bechern, in denen auf Erde Tannenzapfen thronen, und wird blass. „Wo sollen wir die denn vor Mama verstecken? Es sind ja so viele!“
Aufgeregt blickt er seine Schwester an.
„Wir erteilen ganz einfach „Gartenhausverbot“, bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Wochen, vielleicht zeigen sich dann schon die ersten Sprösslinge.“, sagt Lina bestimmt.
„Und du meinst, dass Mama sich einfach so an das Verbot halten wird?“ Leo ist skeptisch.
„Sie muss!“, ruft Lina. „Wir machen ein Schild an die Tür und wir bitten Opa um Hilfe, der muss aufpassen, dass Mama nicht heimlich ins Häuschen geht!“
„Puh! Das wird schwer!“ Leo blickt seine Schwester zweifelnd an. „Was, wenn Mama nochmal im Garten arbeiten will?“
„Es ist Winter! Da hat Mama nichts mehr im Garten zu tun.“ Lina ist sich sicher.
Leo ist es nicht. Er denkt an die Tulpen- und Narzissenzwiebeln, die gestern in einem Paket gekommen sind und die Mama noch „in die Erde bringen will“, wie sie selbst gesagt hat.
„Dann decken wir den Tisch einfach ab mit einer großen Plane! Ich frage mal Opa, der hat immer gute Ideen!“, sagt Lina und Leo ist stolz auf seine Schwester. Meist hat sie eine Lösung, wenn ein Problem auftritt, auch wenn die Lösung immer wieder Opa heißt!
„Bei den Blumenzwiebeln können wir ja helfen!“, beschließen die Geschwister und dann machen sie sich auf zu Opa.
„Kinder! Kinder!“, sagte Opa später. „Ihr macht Sachen! Hmm! Lasst mich nachdenken.“
Er runzelt die Stirn und denkt nach. Lange. Und Lina und Leo runzeln auch die Stirn und denken auch nochmal nach.
„Wie viele Bäumchen habt ihr nochmal gepflanzt?“, fragte Opa dann. „Und wo im Garten wollt ihr sie später, nach Weihnachten, pflanzen?“
„24 sind es!“, sagt Lina stolz.
„Hinter dem Rasen in die Blumenbeete. Dort ist Platz!“ sagt Leo.
„Hm!“ macht Opa wieder. „Und wie groß werden eure Tannen einmal sein? Übrigens sind es keine Tannen, sondern Kiefern!“
„Sehr groß!“, freut sich Lina.
„Wie ein kleiner Wald!“, ruft Leo.
„Hm!“ Mehr sagt Opa nicht mehr und Lina sieht plötzlich einen großen, dichten Wald, der hinter dem Rasen hoch und dunkel aufragt. Gigantisch sieht der aus. Ein bisschen unheimlich auch. Und plötzlich gefällt ihr die Idee mit den vielen Tannen gar nicht mehr.
„Hm!“, sagt auch sie. „Ich glaube, so viele große Tannen würden Mama keine Freude machen.“
„Aber 24 kleine schon“, wirft Leo schnell ein. „Ein paar könnten wir ja auch verschenken.“
„Das ist eine gute Idee“, findet Lina. „Da es genau 24 Zapfen sind, können wir an jedem Tag im Advent eines verschenken.“
Genauso machen es die Geschwister und viele, viele Leute in der Nachbarschaft freuen sich, als es bei ihnen klingelt und die beiden Kinder mit einem Zapfenbecher vor der Tür stehen und singen:
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl

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Die Geschichte von Frau Engel

Frau Engel, ein Engel?

Sina war mit Mama in der Stadt und drückte sich ihr Näschen an den Schaufensterscheiben platt. Was es da alles gab, Sina konnte sich nicht satt sehen.

Am besten gefiel ihr der dicke Elefant, der bei Schürmanns im Schaufenster saß und so lieb lächelte.
„Mama, schau mal, ist der nicht toll?“

Sina stupste ihr Mama an, die sich gerade mit einer Dame unterhielt, die sie zufällig getroffen hatten. Sina kannte sie nicht. Sie hatte auch gar nicht mitbekommen, um was es in dem Gespräch ging. Sie war zu sehr mit dem Elefanten beschäftigt.
„Moment noch, Sina. Schau noch ein bisschen, ich würde gern einen Augenblick mit Frau Engel reden.“ Dann wandte sie sich wieder der fremden Dame zu.
„Frau Engel?“, dachte Sina „Das ist ja spannend, ob sie ein richtiger Engel ist?“ Wenn das so wäre, dann könnte sie dabei helfen, dass das Christkind den Elefanten zu Sina nach Hause brachte. Aber wie sollte sie das anstellen.
Mama hatte gesagt, dass Kinder nicht reinreden sollen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Das tat Sina trotzdem oft, aber heute traute sie sich nicht. Möglicherweise würde das alles verderben und die Engelfrau wäre sauer.
Sina musste sich was anderes ausdenken, sie kaute ein wenig auf dem rechten Daumennagel herum, das half beim Nachdenken. Auch diesmal, Sina hatte einen Plan.
Sie stellte sich wieder ganz nah an die Schaufensterscheibe und blinzelte dem Elefanten zu.
„Ich werde dich bekommen, ganz sicher. Warte mal ab.“ Dann begann sie herzzerreißend zu schluchzen. Sofort war die Mutter an ihrer Seite.
„Was ist denn los, Sinalein. Hast du dir wehgetan?“
Sina schüttelte den Kopf und über ihre Wangen liefen richtige Tränen. Das ging ganz leicht, man musste nur an etwas furchtbar Trauriges denken, dann klappte es.
Mama war nun echt besorgt und Frau Engel schaute ratlos aus der Wäsche.
„Es ist so schrecklich, Mama!“, heulte Sina und wischte sich die Nase mit dem Anorakärmel ab.
„Was ist denn nur so schrecklich, meine Kleine?“, fragte nun auch Frau Engel und beugte sich zu Sina hinunter.
„Er hat es mir gerade gesagt und ich kann ihm doch gar nicht helfen.“
„Wer hat was gesagt und wem kannst du nicht helfen?“, fragte Sinas Mutter.
„Na, der Elefant da, er heißt Michel und er ist schrecklich unglücklich, weil schon bald wieder Mitternacht ist und dann geht es los.“
Ein Lächeln huschte über Mamas Gesicht. Jetzt kam wieder eine von Sinas Geschichten. Doch Frau Engel hörte interessiert zu.
„Was ist denn um Mitternacht?“
„Da werden die Spielzeuge lebendig, weißt du das denn nicht, Frau Engel?“, fragte Sina.
Frau Engel wusste davon nichts, das sagte sie jedenfalls und Sina erzählte weiter.
„Also, um Mitternacht werden alle Spielzeuge für eine Stunde lebendig und dann ärgern sie den Elefanten immer und der ist am Fuß verletzt und er kann nicht weglaufen und das macht ihn so traurig. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn bald zu mir nach Hause wünsche. Da soll er es gut haben und ich will immer für ihn sorgen und …“
Frau Engel hob Sina zu sich hoch und strich ihr übers Haar.
„Frau Müller, Ihre Tochter ist ja wirklich goldig“, stellte sie fest und Mama freute sich. Frau Engel war nämlich ihre Chefin und gerade letzte Woche hatte Mama um ein paar Tage Urlaub vor Weihnachten gebeten, die Frau Engel aber nicht genehmigt hatte.
„Wenn ich es mir so recht überlege, dann denke ich, dass sie den Urlaub doch bekommen sollten. Aber was machen wir nun mit dem Elefanten, damit er nicht wieder geärgert wird?“, fragte die Engelfrau. Dann flüsterte sie Mama etwas ins Ohr und verabschiedete sich.
„Sina, ich werde mal mit dem Chef da drinnen reden, er muss sich was einfallen lassen, damit dein Michel nicht so viel Angst haben muss. Vielleicht kann ich ihn auch adoptieren. Würdest du dann gelegentlich auf ihn aufpassen? Weißt du, ich habe wenig Zeit.“
Sina nickte begeistert.
„Klar, das mache ich auf jeden Fall. Danke Frau Engel, vielen Dank.“
Frau Engel setzte Sina wieder auf dem Bordstein ab und verabschiedete sich schnell, dann verschwand sie im Kaufhaus Schürmann.
„Und wir gehen jetzt nach Hause, du kleiner Eulenspiegel.“, sagte Mama und auf dem Heimweg musste sie dann die Geschichte vom Till Eulenspiegel erzählen, der den Leuten immer gern einen Bären aufband und sie anschwindelte.
„Ich habe aber gar nicht geschwindelt, ich wollte doch nur den Elefanten retten.“, grinste Sina und hoffte insgeheim, dass Frau Engel so wenig Zeit haben würde, dass Elefant Michel ganz oft bei ihr sein könnte.
„Weißt du was ich glaube, Mama?“
„Nein, Sina, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Mama, ich glaube, dass die Frau Engel ein richtiger Engel ist.“
„Ja, das glaube ich auch“, sagte Mama und drückte Sina einen dicken Kuss auf die Wange.

 

Am heiligen Abend bekamen die Müllers Besuch von Frau Engel, die brachte den Elefanten vorbei und bat Sina darum, ihn bei sich wohnen zu lassen. Sie selbst habe wirklich gar keine Zeit und außerdem wollte sie zum Skilaufen nach Österreich fahren.
„Er kann so lange bleiben wie er will“, versprach Sina und umarmte Frau Engel.
„Und grüß die anderen von mir“ flüsterte ihr Sina ins Ohr.
„Mache ich gern“, sagte Frau Engel.
Sie musste gar nicht fragen, wen Sina denn meinte. Engel wissen eben alles.

© Regina Meier zu Verl

Hier kannst du die Geschichte anhören.

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Abschied

Abschied

Unten, in dem kleinen Fachwerkhaus, in dem Paul mit seinen Eltern wohnt, lebt auch Frau Mergelheide.
Paul weiß, dass sie so heißt, Frau Mergelheide selbst hat ihren Namen vergessen. Eigentlich vergisst sie alles um sich herum und starrt nur noch aus dem Fenster. Selten lächelt sie, meist schaut sie traurig aus und oft rinnen Tränen aus ihren Augenwinkeln.
Pauls Mama kümmert sich ein wenig um die Nachbarin, die fast hundert Jahre alt ist und keine Verwandten mehr hat. Morgens kommt eine Frau vom Pflegedienst. Sie hilft der alten Dame beim Aufstehen, Waschen und Ankleiden. Dann bereitet sie ihr das Frühstück zu, setzt sie in den Sessel am Fenster und kommt erst am Abend wieder, um sie ins Bett zu bringen. So geht das Tag für Tag.
Dazwischen kümmert sich Mama um sie und auch Paul sieht ab und zu nach ihr. Manchmal liest er ihr Geschichten vor und dann könnte man meinen, dass sie jedes Wort verstehen kann, so interessiert hört sie zu. Sie sagt aber niemals etwas.

Ein paar Tage vor Weihnachten, draußen liegt schon der erste Schnee, sagt Mama:
„Wir werden in diesem Jahr nicht zu den Großeltern fahren, wir können Frau Mergelheide nicht allein lassen. Ich habe so ein komisches Gefühl.“
Paul ist traurig, denn Weihnachten mit Oma und Opa ist einfach toll. Trotzdem weiß er, dass Mama Recht hat.
„Ich möchte heute Weihnachtsplätzchen backen, magst du mir helfen?“
Paul ist Feuer und Flamme, er nascht doch so gern von dem Teig und es macht ungeheuren Spaß, die lustigen Formen nach dem Backen zu verzieren.
„Ich geh schnell runter und bringe Frau Mergelheide ein paar Zimtsterne“, ruft Mama und schon ist sie verschwunden. Es dauert lange, bis sie wieder zurückkommt und ihre Augen sind gerötet. Sie nimmt Paul in den Arm und dann weint sie.
„Was ist denn nur passiert, Mama?“
„Ach Paul, man musste ja damit rechnen, aber jetzt bin ich doch ganz traurig, Frau Mergelheide ist für immer eingeschlafen, ganz friedlich sitzt sie in ihrem Sessel und lächelt. Ich habe den Arzt gerufen, er wird gleich hier sein.“
„Darf ich mit runter kommen?“, fragt Paul und Mama nickt.
„Ja, komm nur.“

Gemeinsam gehen sie in das Zimmer der alten Dame. Paul tritt vorsichtig an sie heran. Er nimmt ihre Hand, die noch ganz warm ist und spricht sie an:
„Jetzt hast du es geschafft, Tante Mergelheide. Du musst mir etwas versprechen. Wenn du da oben im Himmel bist, passt du dann ein bisschen auf mich auf?“
„Das wird sie sicher tun“, sagt Mama.

Paul ist traurig und bei der Beerdigung weint er dicke Tränen. Aber er weiß, dass es seiner alten Freundin jetzt gut geht. Sicher kann sie sich dort oben endlich wieder erinnern an all das, was sie mal erlebt hat und sie wird von ihm, Paul, erzählen. Sie wird zu ihm herunterschauen, besonders morgen, am Heiligabend. Denn dann wird Paul eine dicke Kerze in den Garten stellen, damit sie ihn auch finden kann in der Dunkelheit.

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Opa, Mia und der Wunschzettel

Opa, Mia und der Wunschzettel
So ein richtiger Winter ist das in diesem Jahr nicht. Frühlingstemperaturen lassen vereinzelte Tulpen neugierig die Köpfchen aus dem Boden strecken. Auch an den Zweigen der Sträucher zeigt sich erstes Grün. Lustig sieht es aus, wenn die Eichhörnchen vergnügt von Ast zu Ast springen. Vor allem, weil Oma rote Weihnachtskugeln im Garten verteilt hat, denn in ein paar Tagen ist Heiligabend und so recht will noch keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen.
„Irgendwann wird er schon noch kommen, der Winter!“, sagt Großvater und schaut in den Himmel, so, als könne er da nachlesen, wann es denn endlich so weit sein würde.
„Und? Riecht es nach Schnee?“, frage ich ihn. Opa hatte das schon des Öfteren behauptet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Schnee riecht, wenn er noch im Himmel ist. Wenn er auf die Erde fiel, dann konnte man jedenfalls keinen Geruch wahrnehmen.
„Nein, absolut nicht! Der Schnee lässt ebenfalls auf sich warten. Sie scheinen es nicht eilig zu haben, die Brüder?“
„Welche Brüder?“, Opa spricht mal wieder in Rätseln.
„Na, der Schnee und der Winter, die gehören doch zusammen, oder etwa nicht?“
„Ja, aber sind sie deshalb gleich verwandt? Sogar Brüder?“
„Sei doch nicht so kleinlich!“ Opa schüttelt verärgert den Kopf, er mag es gar nicht, wenn man etwas hinterfragt. Außerdem erfindet er gern mal irgendwas, man weiß nie so richtig, was man glauben sollt und was nicht.
Letzte Woche hatte er doch allen Ernstes behauptet, dass unsere Katze Mia ihm erzählt habe, dass sie den Nikolaus beobachtet habe, als er die Wunschzettel vom Fensterbrett genommen hatte. Die lügt doch, oder? Ich habe nochmal nachgefragt, doch mit mir hat sie kein Sterbenswörtchen geredet, blöde Katze.
Eigentlich ist sie nicht blöd, ich habe sie sogar sehr gern. Es ärgert mich einfach nur, dass sie mit Opa geredet hat und mit mir nicht. Zu gern wüsste ich, wo mein Wunschzettel wirklich abgeblieben ist. Mit dem Schreiben habe ich mir wirklich viel Mühe gegeben.
Nun ja, wir werden sehen, was das Christkind so bringen wird und dann kann ich ja feststellen, ob an Mias Behauptung was dran ist. Jetzt werde ich erstmal die Verwandtschaftsverhältnisse vom Winter und vom Schnee mit meinem Opa diskutieren. Mal sehen, wer das letzte Wort hat.

© Regina Meier zu Verl 2015

Das Schäfchen mit dem Sprachfehler

Das Schäfchen mit dem Sprachfehler

(unten auch zum Anhören)

„Muh“, machte das Schäfchen.
„Hey, du, du bist ein Schaf, Schafe machen nicht „Muh“, sie machen „Mäh“!“, sagte der Esel, der auf dem Weg nach Bethlehem schon seit Stunden neben dem Schaf hertrottete.
„Muh! Das weiß ich doch, aber es gelingt mir nicht!“, antwortete das Schäfchen traurig.
„Du musst üben“, meinte der Esel und machte es dem Schaf noch einmal vor. „Mäh, Mäh, Mäh, ist doch ganz einfach!“ Er lachte.
„Du hast gut lachen. Dir fullt es scheinbar nicht schwer, das Wort zu sagen. Ich übe doch schon immer, hör: Muh, Muh, Muh!“
Der Esel lachte noch immer, aber er dachte darüber nach, wie er dem Schaf helfen könnte.
„Sag mal ‚Schaf‘!“ Das Schäfchen gehorchte. „Schaf!“, sagte es brav. „Das ist einfach!“
„Und wie heißt ein kleines Schaf?“, fragte der Esel hinterlistig.
„Schufchen!“, blöckte das Schaf und es ärgerte sich, dass auch dieses Wort nicht gelang. „Siehst du, ich kann es einfach nicht.“
„Da muss doch was zu machen sein“, überlegte der Esel. „Es kann ja nicht sein, dass wir in Bethlehem ankommen und du sagst zur Begrüßung ‚Muh‘. Was soll das Christkind denn von uns denken?“ Traurig ließ er seine langen Ohren hängen, doch plötzlich stellte er sie wieder auf.
„Ich hab’s!“, rief er begeistert. „Du sagst ganz einfach keine Wörter mehr, in denen ein Ä vorkommt, denn das Ä ist ja wohl das Problem, oder?“
„Muh, ich glaube wohl“, antwortete das Schäfchen.
„Machen wir noch einen Test“, schlug der Esel vor. „Sag mal ‚Bär‘!“
Das Schäfchen begann zu zittern. „Muh, das sage ich nicht, vor dem habe ich Angst!“
„Ach ja, dann sag mal ‚Käse‘!“
„Kuse, verflixt nochmal!“
„Dann sag ‚Täter‘!“
„Nee, mach ich nicht, du lachst mich ja wieder aus“, das kleine Schaf verzweifelte mehr und mehr.
Sie hatten aber schon wieder ein langes Stück ihres Weges zurückgelegt. Eine Weile schwiegen beide, dann rief der Esel fröhlich:
„Jetzt weiß ich, wie wir’s machen!“
Dem Schaf gefiel dieses WIR sehr, es fühlte sich plötzlich nicht mehr allein mit seinem Problem und es tat ihm gut, dass der Esel zum Freund wurde und es ernst nahm.
„Pass auf“, sagte dieser jetzt. „Sag mal Esel!“
„Esel“, rief das Schaf, ohne jegliches Problem.
„Jetzt: Kerze rufen!“, befahl der Esel.
„Kerze!“, rief das Schaf.
„Bethlehem!“, schlug der Esel vor. Auch das klappte gut. Das Schaf wurde immer mutiger und posaunte die E-Wörter nur so raus.
„Tee!“, war das nächste Wort.
„Tee!“, rief auch das Schaf.
„Meh!“, das war wieder der Esel.
„Meh!“, blökte das Schaf begeistert. „Meh, Meh, Meh!“
„Na siehste!“, rief der Esel. „Ich bin stolz auf dich, Schaf!“
„Und ich bin auch stolz auf mich, denn nun weiß ich endlich, wie ich diesen blöden Buchstaben umgehen kann. Ich nehme einfach das E und weißt du was, lieber Esel?“, fragte das Schaf glücklich.
„Erzähle!“, meinte der Esel gespannt.
„Ich weiß nun auch, was eine Eselsbrücke ist!“ Das Schaf lachte und konnte sich kaum mehr einkriegen vor Lachen.
Ja, so war das!

 

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

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© Regina Meier zu Verl

Von Engeln und Bratäpfeln – Eine Kindheitserinnerung

Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)

„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.

© Regina Meier zu Verl

Der Weihnachtswunsch

Der Weihnachtswunsch

Auch Rentiere haben Wünsche. Sie äußern sie allerdings selten, denn sie wissen ja, dass der Nikolaus und das Christkind schon jede Menge zu tun haben in der Zeit vor Weihnachten. Friedjan, eines der ältesten Rentiere in Nikolaus’ Stall, machte eine Ausnahme.
„Lieber Nikolaus“, sprach er eines Tages. „Ich habe so kalte Füße und fürchte sehr, dass ich mich erkälten werde und an der Auslieferung der Geschenke nicht teilnehmen kann. Kann ich mir was wünschen?“
Der Nikolaus horchte erstaunt auf. Er hatte noch nie erlebt, dass Friedjan eine Bitte an ihn hatte und er wollte sie ihm nur zu gern gewähren. Viele Jahre hatte das Rentier brav für ihn gearbeitet und sogar als Streitschlichter zwischen den jungen Rentieren gegolten. Er hatte einfach den Weitblick und die Erfahrung. Nicht auszudenken, was er ohne ihn machen sollte im hektischen Weihnachtsgeschäft.
„Was wünscht du dir denn? Ich will sehen, ob ich dir helfen kann“, antwortete der Nikolaus deshalb und setzte sich für einen Moment auf ein dickes Paket, das auf den Schlitten geladen werden musste.
„Wir bringen doch so oft herrliche Stricksocken zu den Menschen. Ich hätte auch gern so ein Paar, dann ginge es mir bestimmt bald wieder gut“, sagte Friedjan und schaute den Nikolaus erwartungsvoll an.
„Hmm“, machte Nikolaus und strich über seinen weißen Bart. „Hmm, ich werde sehen, was ich tun kann!“

Auf der Erde saßen die Menschen in ihren warmen Wohnzimmern. Sie hatten die Fenster geschmückt, denn der Advent, die Zeit des Wartens und der Ankunft hatte begonnen. Auch die Leute, die gemeinsam in der Brunnenstraße lebten, hatten sich zusammengefunden und sangen Weihnachtslieder. Es waren sehr alte Menschen, die hier lebten, weil sie keine Angehörigen mehr hatten, die sich um sie kümmern konnten. Manche von ihnen brauchten einen Rollstuhl, um von hier nach da zu kommen. Andere konnten noch vieles selbst machen und so kam es, dass die Frauen einen Strickclub gegründet hatten, denn in Gesellschaft strickt es sich doch am besten.
So wurde gesungen und gestrickt und man erzählte sich die Geschichten von früher.
Gerade hatte Herr Wischke begonnen, die Geschichte vom Nikolaus, der mit einem Traktor kam zu erzählen, als ein lautes Klopfen die Bewohner erschreckte.
„Hi-hi-hilfe“, stammelte Frau Sonnenschein, die ein wenig ängstlich war. Sogleich stand Herr Wischke auf und tätschelte ihr beruhigend die Schulter.
„Keine Angst, meine Liebe!“, sagte er. „Ich schau gleich mal nach, was da los ist!“
Er öffnete die Terrassentür, Frau Sonnenschein hielt vor Aufregung die Luft an und bekam unmittelbar danach einen Schluckauf.
„Guten Abend, liebe Bewohner“, erklang die tiefe Stimme des Nikolaus. „Nicht erschrecken, ich bin es doch nur und ich komme mit einer riesig großen Bitte zu euch!“
Ein Tuscheln und Raunen ging durch das Wohnzimmer und zwischendurch hörte man ein lautes „Hicks“, das war Frau Sonnenschein mit ihrem Schluckauf.
„Eines meiner Rentiere, Friedjan genannt, hat einen Weihnachtswunsch. Er wünscht sich warme Socken, weil er doch immer so kalte Füße hat. Nun weiß ich, dass es hier Frauen gibt, die wunderbare Socken stricken können und da wollte ich …“
„Ich, ich, ich …“, klang es von allen Seiten und Herr Wischke donnerte mit seinem tiefen Bass dazwischen:
„Nun lasst doch den Nikolaus erst einmal ausreden!“ Sofort kehrte wieder Ruhe ein und alle schauten den Nikolaus gespannt an.
„Da wollte ich fragen, ob Sie wohl so nett wären, ein Paar Socken für Friedjan zu stricken oder eventuell auch ein paar mehr für die anderen Rentiere.“
Der Nikolaus war fertig mit seiner Ansage und wartete nun auf eine Antwort.
„Komm doch rein, lieber Nikolaus“, sagte Fräulein Jäger, die auch unbedingt Fräulein genannt werden wollte. „Trink erstmal eine Tasse Tee und wärm dich auf!“
Das ließ sich der Nikolaus nicht zweimal sagen. Er wärmte seine Hände am heißen Tee und schaute in die Runde der Bewohner. Erstaunlich war, dass er sie alle beim Namen nennen konnte.
„Ich kenne euch alle ja schon seit vielen Jahren“, sagte er und lächelte. „Frau Sonnenschein, wissen Sie noch, als sie damals das vertauschte Geschenk bekommen haben, eine Holzeisenbahn, die für den Nachbarjungen bestimmt war?“
Frau Sonnenschein kicherte.
„Ja, das weiß ich noch. Mann, war ich traurig an diesem Weihnachtsfest, ich hatte mir doch so sehr ein Bügeleisen für meine Puppenkleider gewünscht. Und der Fritz von nebenan, der hat ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt, als er das Bügeleisen in seinem Paket fand. Glücklicherweise hat sich die Sache dann ja aufgeklärt und wir haben getauscht.“
Der Nikolaus lachte so laut, dass die Scheiben klirrten.
„Jetzt muss ich aber los. Was meinen Sie, meine Damen, wann darf ich wiederkommen und die Socken abholen?“
Herr Wischke baute sich vorm Nikolaus auf und sprach:
„Wenn es recht ist, dann übernehme ich mal die Organisation und wenn es sein muss, dann lerne ich sogar noch stricken auf meine alten Tage.“
Die Bewohner klatschten vor Freude in die Hände, sie freuten sich, eine Aufgabe zu haben und schon eine halbe Stunde später legten sie mit der Sockenstrickerei los. Sie strickten so eifrig, dass sie vierundzwanzig Paar Socken zusammen bekamen und die sahen so toll aus, dass Friedjan beinahe ohnmächtig geworden wäre vor lauter Freude.

So kam es, dass in jenem Winter nicht nur der Friedjan warme Füße hatte, sondern alle Rentiere des Nikolaus‘ und man kann sich vorstellen, dass alle zufrieden waren. Die Leute der Wohngemeinschaft haben seitdem mit dem Sockenstricken nicht mehr aufgehört. Der Nikolaus holt in jedem Jahr eine große Menge an liebevoll gestrickten Socken dort ab und wenn ihr euch fragt, woher ich das weiß, dann rate ich euch, doch mal die Menschen in einem Altersheim zu besuchen. Sie werden sich freuen und für Besuch legen sie ihr Strickzeug sicher gern für eine Weile an die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Hier wird fleißig gestrickt Foto © Regina Meier zu Verl

Backfee Leni, der Lebkuchenmann und der Zucker

Backfee Leni, der Lebkuchenmann und der Zucker

„Also manchmal verstehe ich die Menschen nicht!“
Der Lebkuchenmann seufzte laut.
„Wenn ich nur wüsste, was nun wieder mit ihnen los ist.“
„Los? Was ist denn los?“, fragte Leni, seine Backfee. „Ich weiß nur, dass sie sich mächtig auf unsere süßen Leckereien freuen. Wie jedes Jahr.“
„Das wohl, aber ohne … Zucker!“ Der Lebkuchenmann weinte fast. „Verstehst du? Sie wollen keinen Zucker mehr essen.“
„Aber warum denn nicht? Zucker macht doch glücklich!“, sagte die Backfee und leckte den großen Löffel ab, der voller Teig war.
„Mmh, Kokosmakronen, köstlich, aber ohne Zucker – undenkbar!“
„Stimmt genau!“ Der Lebkuchenmann nickte eifrig. „Das ist es, was ich denke und so kennt das auch jeder. Süß! Unser Gebäck muss süß sein. Süß wie die Sünde!“
Er seufzte. „Und genau das ist es, was vielen Menschen nicht mehr zu gefallen scheint. ‚Zucker macht krank!‘, sagen sie. Ach, ach! Was machen wir da nur?“
„Ach“, wehrte die Backfee ab. „Solche Wellen hat es immer mal gegeben, ich erinnere mich gut, dass wir schon vor Jahren mit weniger Zucker backen sollten. Und? Was ist passiert? Wir sind auf unserem Gebäck sitzen geblieben, ja, ja!“
„Echt wahr?“, wollte der Lebkuchenmann wissen. Er schüttelte den Kopf.
„Du meinst, sie wissen nicht, was sie wollen?“
„Doch! Klar wissen sie es.“ Backfee Leni lachte leise. „Gesund wollen sie leben, gesünder als die Jahre zuvor und sie nehmen es sich auch fest vor. Aber …“
„Aber?“
„Gesund ist eben nicht immer so lecker wie ungesund. Da nützen all unsere Backkünste nichts. Aber wir sollten ihnen helfen. Ich hatte da so eine Idee.“
„Da bin ich aber sehr gespannt!“, meinte der Lebkuchenmann und stupste das Honigkuchenpferd an, das genau neben ihm lag. „Sag du doch auch mal was, oder kannst du nur grinsen?“
„Nein!“, lachte das Honigkuchenpferd. „Ich habe euch gut zugehört und weiß, wovon ihr redet. Und aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass nicht nur Zucker süß bedeutet. Das wäre ja noch schöner, oder?“
„Was willst du damit sagen?“ Fast wollte die Backfee wütend aufbrausen, doch dann begriff sie.
„Stimmt ja!“, rief sie glücklich aus. „Da ist ja noch der Honig und der Ahornsirup, beides ist auch süß, wunderbar süß sogar!“
Das Honigkuchenpferd grinste, fast schon unverschämt grinste es und der Lebkuchenmann war auch beruhigt, jedenfalls vorläufig.
„Gut, gut!“, murmelte er, doch seine Miene blieb nachdenklich. „Ich … ich frage mich nur, ob dieses Honigsüß und Sirupsüß ein gesünderes Süß ist? Ob das die Menschen meinen? Oder sollen wir nicht besser das Fruchtfleisch reifer Datteln oder Bananen nehmen? Ach, ich bin mir so unsicher wie nie in meinem langen Lebkuchenmannleben.“
Die Backfee stemmte die Hände in die Hüften, überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Alles Blödsinn! Wir sind hier in der Himmelsbäckerei, wir machen das, was wir immer gemacht haben. Die Menschen sind für sich selbst verantwortlich, für sich und ihre Gesundheit, bisher hat das doch gut geklappt. Sie sollen halt in Maßen genießen, das ist das ganze Geheimnis, oder?“
Der Lebkuchenmann hätte gern genickt, er traute sich aber nicht, möglicherweise wäre sein Kopf dann abgefallen, das wollte er lieber nicht riskieren.

© Regina Meier zu Verl

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Die bunte Weihnachtsdose

Die bunte Weihnachtsdose

All ihre kleinen Schätze bewahrte Djamila in einer großen bunten Dose auf. Früher waren mal Lebkuchen drin gewesen. Da man Lebkuchen fast ausschließlich in der Weihnachtszeit isst, waren auch weihnachtliche Motive auf dieser Dose zu finden.
Da war auf der einen Seite der bunte Nussknacker, der einem beinahe ein wenig Furcht einjagen konnten mit seinem grimmigen Gesicht. Djamila hatte sich aber vorgestellt, dass er gar nicht böse war, sondern lediglich Zahnschmerzen hatte vom ewigen Nüsse knacken.
Wenn man die Dose ein wenig weiterdrehte, sah man den dicken Weihnachtsmann in seinem roten Mantel, die Daumen in dem breiten braunen Ledergürtel verhakt und breitbeinig mitten im Schnee stehend. Er hatte bestimmt keine Zahnschmerzen. Seine Backen lugten aus dem weißen Gestrüpp seines Bartes wie zwei rotwangige Äpfel und seine kleinen Augen lachten fröhlich und verschmitzt, Am liebsten würde man mitlachen und in sein vergnügtes „hohoho!“ mit einstimmen.
Neben dem Weihnachtsmann prangte eine festlich geschmückte Weihnachtstanne mit unzähligen Lichtern und noch ein wenig weiter schauten zwei Engel aus einer Wolke auf die Erde hinab. Das war Djamilas Lieblingsmotiv auf der Dose, denn Oma hatte einmal gesagt, dass sie, Djamila, einer dieser Engel sei.
Obwohl das Mädchen da seine Zweifel hatte. Mussten Engel nicht immer brav und folgsam sein? Und das war sie bestimmt nicht, sie konnte ganz schön schmollen, wenn es mal nicht nach ihrem Kopf ging. Dann musste sie lachen, denn Papa war auch gerade im Zimmer gewesen und hatte Omas Worte gehört.
„Mama, du hattest schon immer eine rosarote Brille auf, wenn es um deine Enkelin geht“, hatte er schmunzelnd gesagt. Daran konnte sich Djamila noch genau erinnern.
Djamila hatte gelacht, als sie sich Oma mit einer rosaroten Brille vorgestellt hatte. Die Bedeutung dieser Worte war ihr damals aber nicht bewusst gewesen.
„Oma, du hast dich getäuscht“, flüsterte Djamila.
„Du bist das da oben auf der Wolke und neben dir ist deine Freundin Anna, von der du mir so oft erzählt hast.“
Auf Djamilas Lippen lag ein Lächeln bei der Erinnerung an ihre Oma, aber in ihren Augen glitzerten schon wieder die Tränen. Das erste Weihnachtsfest ohne Oma konnte sie sich nicht vorstellen und das wollte sie auch nicht. Sie öffnete den Deckel der Weihnachtsdose und griff nach dem mit Spitze umhäkelten Taschentuch und schnupperte daran.
Sie schloss die Augen. Es roch so schön nach Oma! Wie hatte sie Weihnachten immer geliebt. Und nun sollte das erste Mal das Fest ohne sie stattfinden. Sie drehte die Dose und betrachtete gedankenverloren den geschmückten Weihnachtsbaum. Da hatte sie eine Idee, wie Oma doch mitfeiern könnte und das jedes Jahr. Sie würde eine Weihnachtskugel basteln mit ihrem Bild und glücklicherweise hatte sie ganz viele Geschichten, die Oma für sie gesprochen hatte, und die sie nun immer wieder anhören konnte.
Am Heiligabend hing die Kugel mit Omas Bild am festlich geschmückten Baum. Die Familie saß zusammen und erinnerte sich daran, wie es in den Jahren zuvor gewesen war und die ein- oder andere Träne floss auch an diesem Abend.
Als man später gemeinsam Omas lustige Weihnachtsgeschichten anhörte, konnte man sogar schon wieder ein bisschen lachen und das hätte Oma gefreut, ganz sicher hätte sie das gefreut!

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

 

 

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