Die bunte Weihnachtsdose

Die bunte Weihnachtsdose

All ihre kleinen Schätze bewahrte Djamila in einer großen bunten Dose auf. Früher waren mal Lebkuchen drin gewesen. Da man Lebkuchen fast ausschließlich in der Weihnachtszeit isst, waren auch weihnachtliche Motive auf dieser Dose zu finden.
Da war auf der einen Seite der bunte Nussknacker, der einem beinahe ein wenig Furcht einjagen konnten mit seinem grimmigen Gesicht. Djamila hatte sich aber vorgestellt, dass er gar nicht böse war, sondern lediglich Zahnschmerzen hatte vom ewigen Nüsse knacken.
Wenn man die Dose ein wenig weiterdrehte, sah man den dicken Weihnachtsmann in seinem roten Mantel, die Daumen in dem breiten braunen Ledergürtel verhakt und breitbeinig mitten im Schnee stehend. Er hatte bestimmt keine Zahnschmerzen. Seine Backen lugten aus dem weißen Gestrüpp seines Bartes wie zwei rotwangige Äpfel und seine kleinen Augen lachten fröhlich und verschmitzt, Am liebsten würde man mitlachen und in sein vergnügtes „hohoho!“ mit einstimmen.
Neben dem Weihnachtsmann prangte eine festlich geschmückte Weihnachtstanne mit unzähligen Lichtern und noch ein wenig weiter schauten zwei Engel aus einer Wolke auf die Erde hinab. Das war Djamilas Lieblingsmotiv auf der Dose, denn Oma hatte einmal gesagt, dass sie, Djamila, einer dieser Engel sei.
Obwohl das Mädchen da seine Zweifel hatte. Mussten Engel nicht immer brav und folgsam sein? Und das war sie bestimmt nicht, sie konnte ganz schön schmollen, wenn es mal nicht nach ihrem Kopf ging. Dann musste sie lachen, denn Papa war auch gerade im Zimmer gewesen und hatte Omas Worte gehört.
„Mama, du hattest schon immer eine rosarote Brille auf, wenn es um deine Enkelin geht“, hatte er schmunzelnd gesagt. Daran konnte sich Djamila noch genau erinnern.
Djamila hatte gelacht, als sie sich Oma mit einer rosaroten Brille vorgestellt hatte. Die Bedeutung dieser Worte war ihr damals aber nicht bewusst gewesen.
„Oma, du hast dich getäuscht“, flüsterte Djamila.
„Du bist das da oben auf der Wolke und neben dir ist deine Freundin Anna, von der du mir so oft erzählt hast.“
Auf Djamilas Lippen lag ein Lächeln bei der Erinnerung an ihre Oma, aber in ihren Augen glitzerten schon wieder die Tränen. Das erste Weihnachtsfest ohne Oma konnte sie sich nicht vorstellen und das wollte sie auch nicht. Sie öffnete den Deckel der Weihnachtsdose und griff nach dem mit Spitze umhäkelten Taschentuch und schnupperte daran.
Sie schloss die Augen. Es roch so schön nach Oma! Wie hatte sie Weihnachten immer geliebt. Und nun sollte das erste Mal das Fest ohne sie stattfinden. Sie drehte die Dose und betrachtete gedankenverloren den geschmückten Weihnachtsbaum. Da hatte sie eine Idee, wie Oma doch mitfeiern könnte und das jedes Jahr. Sie würde eine Weihnachtskugel basteln mit ihrem Bild und glücklicherweise hatte sie ganz viele Geschichten, die Oma für sie gesprochen hatte, und die sie nun immer wieder anhören konnte.
Am Heiligabend hing die Kugel mit Omas Bild am festlich geschmückten Baum. Die Familie saß zusammen und erinnerte sich daran, wie es in den Jahren zuvor gewesen war und die ein- oder andere Träne floss auch an diesem Abend.
Als man später gemeinsam Omas lustige Weihnachtsgeschichten anhörte, konnte man sogar schon wieder ein bisschen lachen und das hätte Oma gefreut, ganz sicher hätte sie das gefreut!

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Photo by Ylanite Koppens on Pexels.com

Engel unter sich (ein kleines Hörspiel für Zwei)

Wolkenhimmel

Zwei Engel, ein junger und ein älterer, sitzen auf einer dicken Wolke. Es ist kurz vor Weihnachten. Die beiden ruhen sich aus, denn sie haben für die Festvorbereitungen kräftig gearbeitet.

Kleiner: Na du!

Großer: Na du? Was soll das denn heißen?

Kleiner: Wollte nur mal Hallo sagen, mir ist so langweilig hier!

Großer: Mmh, ja, ein bisschen langweilig ist mir auch! Hast du denn auch schon alle Aufgaben erledigt?

Kleiner: Klar, ich war in diesem Jahr in der Backwerkstatt. Ich kann dir sagen: tonnenweise Mehl haben wir da verarbeitet. Junge, war das eine Arbeit!

Großer: Ein bisschen Respekt bitte, ich bin kein Junge, ich bin ein Engel, ein alter dazu.

Kleiner: Sorry, habe ich doch nicht böse gemeint. Weißt du, ich mag dich doch!

Großer: So? Mmh, ja, wie soll ich es sagen?

Kleiner: Sag einfach wie dir der Schnabel gewachsen ist …

Großer: Ich habe aber keinen … ach egal. Ich wollte sagen, dass es mich freut, wenn du mir sagst, dass du mich magst! Hat mir lange keiner mehr gesagt!

Kleiner: Oh, dann wurde es ja Zeit. Sollen wir ein bisschen singen?

Großer: Ach nein, weißt du, meine Stimme ist etwas kratzig. Früher konnte ich schön singen, da war ich sogar im Engelchor. Ach, was haben wir schöne Konzerte gegeben.

Kleiner: Toll. Ich spiele in diesem Jahr im Orchester mit, darauf freue ich mich schon sehr. Morgen haben wir wieder eine Probe. Ich muss gleich noch ein bisschen üben. Spielst du mit?

Großer: Ich kann das nicht und um es zu lernen bin ich wohl schon zu alt! Schade!

Kleiner: Ach was, du bist doch nicht alt. Alles kann man lernen, man muss es nur wollen!

Großer: Meinst du?

Kleiner: Meine ich!

Der junge Engel zieht seine Flöte hervor und einen Putzstab. Er fängt an, das Instrument zu reinigen.

Großer: Was machst du da?

Kleiner: Ich reinige meine Flöte, weißt du, sie muss von innen immer gut ausgewischt werden, sonst verändert sich das Holz und dann klingt sie nicht mehr schön. Wenn ich gleich fertig bin, dann zeige ich dir, wie man spielt!

Großer: Ach, das ist vergebliche Liebesmüh, das lerne ich nie. Bin viel zu alt dafür!

Kleiner: Jetzt hör aber auf, ständig mit deinem Alter zu kokettieren. Du bist nicht alt, nur älter als ich und was macht das schon?

Großer: Wenn du meinst!

Kleiner: Meine ich!

Der junge Engel reicht dem Alten die Flöte und zieht eine weitere Flöte hervor.

Kleiner: Zuuuufällig habe ich noch eine Flöte, die ist schon sauber. Wir können also loslegen.

Großer: Loslegen? Ich?

Kleiner: Ja pass auf, ich zeige es dir. Du musst den linken Daumen schön dicht auf das Daumenloch legen, guck hier hinten …

Großer: Okay, das klappt. Und dann?

Kleiner: Dann legst du den Zeigefinger auf das oberste Loch, den Mittelfinger auf das nächste und immer so weiter, bis alle Finger auf der Flöte sind. Mach mal!

Großer: So? Mach ich das richtig? Aber ich höre gar nichts!

Kleiner:Haha, du bist mir ja einer. Du musst oben reinpusten, sonst hört man natürlich nichts, ist doch klar!

Großer: Ach so, ja, warte, ich versuche es mal! (Er spielt ein paar Töne) Klingt schaurig! So wird das nichts, glaube ich!

Kleiner: Nicht so ungeduldig – wir haben ja etwas ganz Wichtiges vergessen!

Großer: Was denn?

Der kleine Engel fasst in seine Tasche und holt etwas Sternenstaub heraus, er pustet ihn über beide Flöten!

Kleiner: So, nun kann es losgehen, was spielen wir?

Großer: Weiß ich doch nicht, sag du!

Kleiner: Für den Anfang was Leichtes … eins, zwei drei vier

Die beiden spielen „Alle Jahre wieder“, es klappt ganz gut!

Großer: Ich bin beeindruckt, das hätte ich nicht gedacht, dass das so gut klappt.

Kleiner: Du bist eben cool!

Großer: Cool?

Kleiner: Talentiert, meinte ich.

Großer: Meinst du?

Kleiner: Meine ich!

Sie nehmen wieder die Flöten. der Kleine zählt an. Sie spielen: Hört der Engel helle Lieder, es klingt wunderbar.

Kleiner: Ich werde vorschlagen, dass du im Orchester mitspielen kannst!

Großer:Das wäre wunderbar. Schon immer wollte ich in einem Orchester mitspielen. Danke, kleiner Engel, du bist …

Kleiner: Cool?

Großer: Ja, genau!

Kleiner: Wenn du meinst!

Großer: Meine ich!

© Regina Meier zu Verl

24. Dezember 2021 Heiligabend

24. Dezember

Moni freute sich so sehr, dass sie Tina spontan umarmte.
„Mir hat noch nie jemand ein so schönes Geschenk gemacht“, sagte sie. „Danke Tina!“
„Magst du meine Freundin sein? Ich werde dich oft besuchen und sicher darfst du mich auch einmal zu Hause besuchen“, versprach Tina.
„Klar, wenn Frau Sommer es erlaubt, darf ich dich auch besuchen!“
Tina nahm Moni an die Hand und zog sie zu ihrer Mutter.
„Hallo Moni“, sagte die Mutter. „Freust du dich auch schon so auf Weihnachten?“
„Wie schön, dass Träume manchmal wahr werden können!“, sagte Tina und dann seufzte sie zufrieden.

An dieser Stelle könnte die Geschichte enden, liebe Leser. Aber was ist dann mit den Fragen, die noch unbeantwortet blieben? Und ist eine Freundin ein guter Ersatz für eine Schwester oder einen Bruder?
Für wen sind die beiden Porzellanschilder? Und woher weiß der Adventskalender, dass Tina zwei Freundschaftsbändchen brauchte?
Warum war Tinas Mama öfter krank in den letzten Wochen? Und zuletzt: wo waren Papa und Mama als sie geschwindelt hatten wegen der Weihnachtsfeier der Arbeitskollegen?
Also, der Reihe nach:
Eine gute Freundin oder einen Freund zu haben, das ist sehr wichtig und kann tatsächlich ausgleichen, wenn man keine Geschwister hat – ich bin gesegnet mit einer Schwester und einem Bruder und die beiden möchte ich nicht missen. Aber ich habe auch zwei sehr gute Freundinnen, die mich tragen und auffangen, wenn es mir mal nicht so gut geht und mit denen ich meine Freuden teilen kann.
Kommen wir zu den Porzellanschildern. Habe ich ein wenig damit in die Irre geführt? Wollte ich auch, aber es ist wahr, sie werden beide gebraucht, auch wenn Moni nicht bei Tinas Familie einziehen wird.
Der Adventskalender ist magisch, schließlich hat er sprechende Figuren in sich gehabt und er wusste genau, dass sowohl zwei Freundschaftsbänder, als auch zwei Türschilder gebraucht wurden. Das Bändchen für Moni und das Türschild … na, warum war Mama immer so übel? Richtig, sie ist schwanger und in Papas ehemaliges Büro wird ein Baby einziehen. Ist das nicht wunderbar?
Was mit der Weihnachtsfeier war, möchtet ihr noch wissen?
Die Eltern haben Kinderzimmermöbel gekauft und sie waren im Kinderheim und haben mit Frau Sommer gesprochen, weil sie so gern Moni zu Weihnachten zu sich einladen wollten.
Warum gerade Moni?
Na, von der hatte Tina doch geträumt – es war eben magisch, nicht wahr?

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, macht es euch gemütlich mit euren Lieben und bleibt gesund,

Eure Regina

23. Dezember 2021

23. Dezember

So schnell wie an diesem Morgen war Tina noch nie aus ihrem Bett gesprungen. Auch im Bad trödelte sie nicht lang herum.
Nach dem Frühstück fuhr sie dann mit Mama zusammen zur Schule.
Vorher zeigte sie ihr aber noch die beiden Porzellanschilder, die in ihrem Adventspäckchen gewesen waren.
„Weißt du, wofür die Schilder sein sollen?“, fragte sie.
Mama zuckte mit den Achseln.
„Nein, aber hübsch sind sie. Sicher findet sich ein geeigneter Platz dafür“, meinte Mama.
„Oder zwei“, ergänzte Tina. Mama lächelte.
Heute durften auch alle Freunde mit in die Schule, das hatte Tina ihnen versprochen und was man verspricht, das muss man auch halten. Auch an die beiden Freundschaftbändchen dachte Tina. Vielleicht begegnete ihr das Mädchen aus dem Traum. Dem würde sie dann eines davon schenken.
Es war ja nur ein Traum gewesen, doch nach allem, was Tina in diesem Advent schon erlebt hatte, hielt sie selbst das für möglich.

Das Sophienheim lag am Rande der Stadt. Es war ein altes Gebäude, das aussah wie ein richtiges Schloss. Die Kinder staunten, als sie dort vorfuhren. Mit dem Bus waren sie gekommen, denn Timos Vater hatte ein Busunternehmen und hatte den Bus zur Verfügung gestellt. Natürlich fuhr er ihn zur Feier des Tages selbst.
Timo war mächtig stolz auf seinen Papa.
„Habt ihr den großen Garten gesehen?“, rief Sascha. „Da könnte man herrlich Fußball spielen!“, fügte er hinzu.
Als sie die Eingangshalle des Heims betraten, wurden sie von einer jungen Dame erwartet, die jedes Kind mit Handschlag begrüßte.
„Wie schön, dass ihr gekommen seid!“, sagte sie. „Die Kinder freuen sich auf eine Überraschung, aber ich habe noch nichts verraten. Sie sind alle im Speisesaal, kommt mit!“
Die Dame reichte auch Tinas Mutter die Hand. „Könnte ich sie später noch kurz sprechen?“, flüsterte sie ihr zu. „Sicher!“, flüsterte Tinas Mama zurück.
Tina wunderte sich ein bisschen, doch zum Nachdenken blieb nun keine Zeit mehr. Sie betraten den Saal, der wunderschön geschmückt war. Auf den Tischen leuchteten Kerzen und auf jedem Tisch stand ein großer Teller mit Kuchen. Von der Decke des Raumes baumelten goldene Sterne und es roch köstlich nach Zimt und Orangen.
Tinas Mutter packte die Gitarre aus und dann stimmten die Kinder das erste Lied an. Zuerst zaghaft, dann aber immer mutiger stimmten die Kinder des Sophienheimes mit ein. Tina sagte ein Gedicht auf, dann sagte die Lehrerin ein paar Worte und danach wurden die kleinen Geschenke verteilt. Dazu kam jedes Kind nach vorn. Plötzlich stockte Tina der Atem. Da war sie, das Mädchen aus dem Traum. Es kam direkt auf Tina zu und lächelte sie an.
„Hallo, ich bin Moni!“, sagte sie und reichte Tina die Hand.
„Ti-Ti-Tina!“, stammelte Tina und Moni lachte fröhlich.
„Das ist aber ein lustiger Name.“
Da musste auch Tina herzlich lachen.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, Moni!“ Tina reichte Moni das Freundschaftsbändchen. „Das ist für dich!“, sagte sie. „Schau, ich habe auch eins!“

Hier geht es morgen weiter …

Engel der Obdachlosen

Vorwort:
Die Geschichte stammt aus einer Sammlung mehrerer Geschichten rundum den Advent und Weihnachten. In der Rahmenhandlung befinden wir uns in einem Café und dort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Insgesamt sind es 20 Begegnungen, eine davon möchte ich hier vorstellen.

„Engel der Obdachlosen“

Heute ist es ruhig im Café. Ein jüngerer Mann sitzt an einem Tisch in der Nische, er scheint nervös zu sein, denn immer wieder schaut er auf seine Uhr. Sarah bringt ihm einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Auf ihre freundlichen Worte reagiert er kaum. Nach einer Viertelstunde betritt ein weiterer, älterer Man den Raum, schaut sich suchend um und begrüßt dann den Jüngeren. Sarah hört, wie er sich vorstellt. Die beiden Männer kennen sich also nicht persönlich. Auch er bestellt einen Kaffee. Sie sprechen leise miteinander, doch als das Gespräch in Fluß kommt, schnappt die junge Kellnerin einige Sätze auf, die sie dazu veranlassen, sich diskret zurück zu ziehen.

„Er hat oft von Ihnen gesprochen, wissen Sie?“
Siegfried Müller schüttelte den Kopf.
„Wie soll ich das wissen, ich habe ihn ja gar nicht gekannt!“
„Entschuldigen Sie, das war gedankenlos!“ Herr Stein hob bedauernd die Hände, überlegte einen Moment und fuhr dann fort:
„Vielleicht sollte ich einfach von vorn anfangen, also von unserer ersten Begegnung. Sie sollen alles erfahren, was ich über ihn weiß!“
„Gut, erzählen Sie einfach. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch Sie etwas von meinem Vater erfahren werde.“
„Es war ein Sonntag, Anfang Dezember 1985. Es hatte schon seit Tagen gefroren und die Bäume waren über und über mit Raureif bedeckt. Sie glitzerten in der Morgensonne. Herrlich sah das aus. Ich ging mit meinem Hund im Park spazieren. Damals konnte man die Hunde einfach so laufen lassen, ohne dass man damit rechnen musste, eine Strafe zu bekommen. Heute geht das ja nicht mehr, ist ja auch richtig so. Aber ohne den alten Bruno hätte ich Leo, Ihren Vater, wohl niemals kennengelernt. Mein Hund lief immer ein Stückchen voraus, aber ich musste nur kurz pfeifen, dann kann er zu mir zurück. Nicht so an diesem Tag. Ich machte mir schon Sorgen, da ich ihn seit einigen Minuten nicht gesehen hatte, als er plötzlich anschlug. Irgendetwas hatte er entdeckt und nun wartete er auf mich, um es mir zu zeigen.
Auf einer etwas abgelegenen Bank saß Leo, völlig in sich zusammen gesunken. Ich dachte schon, dass er tot sei, weil er sich gar nicht rührte. Aber er war nur starr vor Angst und Kälte, wie sich später herausstellte. Ich nahm meinen Bruno an die Leine und sprach Ihren Vater an. Nie werde ich diesen traurigen Blick vergessen. Mir war klar, dass es mit einem netten Gespräch nicht getan war, dieser Mann war in Not und ich musste handeln. Ich lud ihn also ein, eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, da ich ja ganz in der Nähe wohnte. Ich nahm seinen Rucksack, hielt den Bruno an der kurzen Leine und ging los. Er stand schwerfällig auf und folgte mir, oder seinem Rucksack, der scheinbar sein ganzes Hab und Gut enthielt. Bis dahin hatte er noch kein einziges Wort gesprochen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich ihm sofort vertraute und nicht einen Gedanken daran verschwendete, was passieren könnte, wenn ich ihn in mein Haus einlud. Ich schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Später stellte sich dann erst heraus, dass wir beide im gleichen Jahr geboren waren, 1950. Na ja, das machte wohl das Leben auf der Straße, das einen altern lässt. Die Kälte, die Nässe, die unregelmäßigen Mahlzeiten. Damals lebte er ja schon fünf Jahre von der Hand in den Mund, ein schreckliches Schicksal, dachte ich mir.“
Friedrich Stein nahm einen Schluck Kaffee und winkte die Kellnerin heran, um sich ein Wasser zu bestellen.
„Entschuldigen Sie, mein Mund ist ganz trocken vom vielen Erzählen“, sagte er und dann ging es weiter.
„Meine Frau hatte das Frühstück vorbereitet, als wir beide zu Hause eintrafen. Auch für sie war es keine Frage, dass er mit uns essen und trinken sollte. Man merkte allerdings, dass er selbst ein Problem damit hatte und es schlecht annehmen konnte. Er sprach nicht viel, bedankte sich aber höflich und man konnte merken, dass er, wie man so sagt, aus gutem Hause kam. Wir stellten ihm keine Fragen, obwohl mir vieles auf den Lippen brannte. Bescheiden aß er und trank seinen Kaffee. Dann erhob er sich und verabschiedete sich. „Ich danke Ihnen Herzen!“, sagte er noch. Dann nahm er seinen Rucksack, zog seinen alten Parka an und wollte das Haus verlassen. „Warten Sie!“, rief meine Frau und verschwand im Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Paar Stricksocken und selbst gestrickten Fausthandschuhen zurück. „Die habe ich für unseren Kirchenbasar gestrickt!“, sagte sie und drückt ihm die Wollsachen in die Hand. „Die werden Sie wärmen!“
Leo nahm beides an, dann verließ er das Haus und wir sahen ihn einige Tage nicht mehr. Jeden Morgen im Park hielt ich nach ihm Ausschau, ich machte mir Sorgen. Ich war ja zu der Zeit noch berufstätig und war morgens immer nur kurz mit Bruno im Park. Ingrid, meine Frau, gab mir jeden Morgen ein Paket mit Broten mit, falls ich ihn treffen sollte. Das legte ich dann auf die Bank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Das Proviantpaket war stets am nächsten Tag verschwunden.“
Jakob Stein machte eine Pause. Er schaute den Jüngeren an und erkannte die Züge des Vaters in dessen Gesicht.
„Hat er sie genommen?“, fragte Siegfried Müller.
„Ja, das habe ich aber erst später erfahren. Er schellte eines Tages an unserer Tür und brachte einen Blumenstrauß für meine Frau und eine Flasche Wein für mich. Ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, dass ich ihn erneut einlud, zu bleiben und ein wenig von sich zu erzählen. Er berichtete, dass er sich endlich Hilfe gesucht habe und nun in einem Heim für Obdachlose untergekommen war. So musste er den Winter nicht draußen verbringen. Mittlerweile war es ja bitterkalt geworden. Es war ein paar Tage vor Weihnachten.“
„Von welchem Geld hat er Blumen und Wein kaufen können? Wissen Sie das?“
„Ja, er fand einen Job. Als Weihnachtsmann verkleidet zog er durch die Straßen und wenn es zu kalt war, dann hatte er seinen Platz im Eingangsbereich des Kaufhauses. Eine Agentur hatte ihn vermittelt. Ich habe dort mal nach ihm geschaut. In seinem Kostüm war er kaum zu erkennen. Es fiel mir auf, dass seine Augen strahlten, wenn die Kinder ehrfürchtig vor ihm standen. Er hat das sehr genossen, ich hatte sogar das Gefühl, dass er glücklich war.“
Siegfried Müller lächelte. Es tat gut, zu hören, dass der Vater irgendwie die Kurve bekommen hatte.
„Leider war das ja ein Job auf Zeit. Wer braucht schon nach Weihnachten einen Weihnachtsmann, nicht wahr?“
„Wie ging es weiter?“, fragte der Jüngere ungeduldig.
„Gesehen habe ich ihn danach nur noch ein paar Mal. Er kam zu uns und bat meine Frau, ihm das Socken stricken beizubringen! Diese warmen Socken haben ihm so gut geholfen damals, dass er auch anderen damit helfen wollte. Die beiden haben dann im Wohnzimmer gesessen und gestrickt. Er hatte das sehr schnell begriffen. Irgendwann konnte er es ganz allein. Meine Frau hat ihm dann noch jede Menge an Restwolle geschenkt und dann haben wir ihn aus den Augen verloren.“
„Hat er Ihnen erzählt, warum er uns damals verlassen hat?“, fragte Siegfried Müller mit Tränen in den Augen.
„Nein! Wir haben auch nicht gefragt. Wir hatten Angst, dass wir ihn damit verschrecken würden. Ich habe nur immer wieder gespürt, dass er eine große Sehnsucht nach Ihnen hatte. Er war aber wohl zu stolz, um Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Ich habe angenommen, dass Ihre Mutter ihn sehr verletzt haben muss.“
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Dann suchte Herr Stein etwas in seiner Brieftasche und beförderte schließlich einen alten Zeitungsartikel hervor mit der Überschrift „Leo, der Engel der Obdachlosen“. Er gab dem Jüngeren den Artikel, der über einen Obdachlosen berichtete, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Obdachlosen seiner Stadt mit selbstgestrickten Socken zu warmen Füßen zu verhelfen.
„Behalten Sie den Ausschnitt, vielleicht finden Sie ihren Vater ja dadurch. Ich fand diesen Bericht erst im letzten Jahr in unserer Heimatzeitung!“
„Ich danke Ihnen so sehr, lieber Herr Stein. Ich werde ihn suchen und vielleicht habe ich ja das Glück, ihm hiermit ein wenig näher gekommen zu sein!“
Die beiden Männer tauschten noch ihre Adressen aus, dann verließen sie das Café, beide in der Hoffnung, dass sie der Weihnachtsfreude noch ein Stück weit näher gekommen waren.

(c) Regina Meier zu Verl

22. Dezember 2021

22. Dezember

Am Morgen hüpfte Tina bereits um sieben Uhr aus dem Bett. Heute war der große Tag, an dem sie im Kinderheim auftreten würden. Tina hatte schon in der Nacht davon geträumt. Ganz deutlich hatte sie die Gesichter der Kinder vor sich gesehen.
Ein Mädchen war dabei, das sich hinter den anderen Kindern versteckte. Tina konnte sich genau an sie erinnern. Große, dunkle Augen hatte sie, die fragend in die Welt blickten. Das Kind war ihr sofort aufgefallen. Warum das so war, das wusste Tina nicht.
Die Freunde schliefen noch. Sicher hatten sie wieder die ganze Nacht geplaudert. Tina war leise, holte ihr Geschenk vom Adventskalender und krabbelte wieder ins warme Bett. Vorsichtig, um nicht zu rascheln, öffnete sie das Päckchen. Es waren zwei ovale Porzellanbilder darin, beide sorgfältig in Seidenpapier gewickelt. Auf der Rückseite befanden sich jeweils zwei Schrauben, die wohl durch die Löcher geschraubt werden sollten, die sich rechts und links vom Rand befanden. Beide Bilder waren genau gleich.
„Es sind Türschilder“, dachte Tina. Aber wo sollten die angebracht werden, vielleicht an ihrer Zimmertür eines, aber was war mit dem zweiten? Komisch!
Mit nackten Füßen schlich Tina über den Flur zu Papas Büro. Sie wollte schnell einen Blick hineinwerfen. Vielleicht kam sie dem Geheimnis so auf die Spur, denn seit ein paar Tagen war das Zimmer immer abgeschlossen gewesen und ein Schild „Betreten verboten“ klebte an der Tür. Das war Papas Schrift, eindeutig.
Tina war ein folgsames Kind, aber nun hielt sie es nicht mehr aus. Behutsam drückte sie die Klinke hinunter. „Einen Blick nur“, flüsterte sie. Doch die Tür war abgeschlossen.
In diesem Moment kam Mama die Treppe hinauf, Tina flitzte in ihr Zimmer und sprang ins Bett.
„Was ist los?“, fragte die Schneefrau.
„Still! Mama kommt!“, raunte Tina ihr zu.
Mama betrat das Zimmer. Sie wunderte sich, dass die Tür nicht geschlossen war. Aber sie sagte nichts dazu.
„Guten Morgen, Tina! Aufstehen, heute ist der Tag, auf den du so lange gewartet hast!“

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21. Dezember 2021

21. Dezember

Tina hatte unruhig geschlafen. Immer wieder war sie wach geworden, weil die Spielzeuge lautstark miteinander diskutierten. War Tina dann aber wach, schwiegen sie. Um sie zu belauschen, hatte Tina sich dann schlafend gestellt. Trotzdem hatte sie kein Wort verstanden von dem, was da geredet wurde.
Es ging um Papas Büro und um einen Möbelwagen. Die Schneefrau hatte immer wieder von einer großen Freude gesprochen. Immer wieder sagte sie, dass SIE recht habe mit dem was sie vermute.
Tina konnte sich keinen Reim darauf machen. Unruhig wälzte sie sich im Bett herum und als sie am Morgen aufstand, war sie erschöpft, kein Wunder, oder?
Als erstes packte sie ihr Adventspäckchen aus und schon wieder musste sie rätseln, was das zu bedeuten hatte. Es war ein großes Fragezeichen aus Lebkuchen, lecker verziert mit Zuckerguss und Liebesperlen.
Die Sache wurde immer spannender.
„Was hat das nun wieder zu bedeuten?“, fragte Tina den kleinen Nikolaus.
„Wie soll ich das wissen?“, antwortete der. Doch Tina hatte das sichere Gefühl, dass er mehr wusste, als er zugab. Er wollte nur nichts verraten.
„Ihr seid mir schöne Freunde“, schimpfte sie, „mich hier im Dunklen lassen, das ist nicht nett!“
Wenn sie aber richtig darüber nachdachte, dann kam sie zu dem Schluss, dass sie wohl auch nichts verraten hätte, wenn es um eine Überraschung für einen ihrer Freunde gegangen wäre.
Also versuchte sie, sich abzulenken und schrieb in ihr Geschichtenbuch:
Nun ist es bald so weit, ich kann es kaum noch erwarten, bis Weihnachten da ist. Alle Zeichen deuten auf eine große Überraschung hin. Was kann es nur sein. Ich habe keine Ahnung und ich werde es auch nicht herausbekommen, denn hier rundum mich herum, halten alle dicht, leider. Ich verstehe es zwar, aber ich bin auch ein wenig verärgert.
Morgen singen wir im Kinderheim. Ich bin ganz schön aufgeregt, ich hoffe sehr, dass alles gut klappt!

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20. Dezember 2021

20. Dezember

Wie abgesprochen hatte Papa mittags seine Tochter wieder abgeholt. Der seltsame Schlüssel war in den Puppenkoffer zu den anderen Geschenken gewandert.
Selbstverständlich waren auch die Freunde gespannt, wofür dieser Schlüssel denn sein sollte. Sie diskutierten und stellte schonmal einige Möglichkeiten zusammen.
„Pst, seid doch still“, flüsterte Tina, die Angst hatte, dass ihr Vater was merken könnte. Sie schloss den Koffer und auf die Frage, mit wem sie denn da spreche, sagte sie: „Manchmal rede ich mit mir selbst, Papa, ich glaube, ich werde alt!“
Papa lachte laut auf. „Von wem hast du denn diesen Spruch?“, fragte er.
„Das sagst du doch selbst immer, Papa!“
Darauf hatte Papa nichts zu sagen, er grinste vor sich hin.
„Hattet ihr denn eine schöne Weihnachtsfeier?“, wollte Tina wissen.
Papa stotterte ein wenig, als er antwortete:
„Ja, ja, es war ganz nett. Nichts Besonderes, einfach eine Weihnachtsfeier!“
Tina verkniff sich die nächste Frage. Er schwindelte, das war sicher und schon bald sollte sich herausstellen, dass sie damit auch recht hatte.
Ein paar Tage müsst ihr aber noch warten, es dauert ja noch ein wenig bis Heiligabend.
Wer wird denn so neugierig sein?

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Die drei Glocken

Die drei Glocken

Im ersten Türchen fanden wir eine kleine goldenen Glocke und hörten die Geschichte vom Glöckchen, das im Glockenturm einer kleinen Bergkapelle sein Zuhause gehabt hatte. Am Sonntag vor dem Gottesdienst ertönten immer die beiden großen Glocken und der Klang des kleinen Glöckchens ging darin unter, so dass niemand hören konnte, welch silberhelles Stimmchen die Kleine hatte. Trotzdem läutete sie voller Inbrunst, denn sie wusste, dass sie wie Lie-be klang, Lie-be, Lie-be, Lie-be. War das nicht das Wichtigste auf der Welt? Die Liebe!
„Spiel dich nicht so auf, Kleine, tönte die dicke Glocke, die alle anderen übertönte. Es ist der Glaube, der am wichtigsten ist. Ja, ja, der Glaube!“ Sie legte sich noch einmal so richtig ins Zeug und die Kinder, die vor der Kirche standen legten die Hände auf die Ohren, so laut war sie.
„Und was ist mit mir?“, fragte die dritte Glocke, die ein wenig kleiner war als die Dicke, aber immer noch laut genug, um die kleine Glocke zu übertönen. „Ich bin die Hoffnung und ohne die Hoffnung geht gar nichts!“
Es stimmt nicht, dachte die kleine Glocke, aber sie schwieg. Wusste sie doch genau, dass die Liebe, war sie als Glöckchen auch noch so klein, die Größte von allen war, was ihre Bedeutung betraf. Aber sie liebte ja ihre beiden Freunde und deshalb ließ sie diese gewähren.
Langsam klangen sie aus, die Gottesdienstbesucher waren alle in der Kirche, als die Hoffnungsglocke leise sagte: „Bald ist wieder Weihnachten, ich hoffe sehr, dass es friedlich sein wird, hier und überall auf der Welt!“
„Das möchte ich so gern glauben“, flüsterte die Glaubensglocke. „Aber denkt doch mal an die vielen traurigen Erlebnisse dieses Jahres. Da kann einem angst und bange werden, findet ihr nicht auch?“
Beinahe hätten die beiden anderen Glocken genickt, aber das durften sie nicht, weil sie erst am Ende der Sonntagsfeier wieder läuten durften.
„Vielleicht“, wisperte die kleine Glocke, „vielleicht sollten wir einmal alles anders machen, nicht mehr schweigen und uns fügen, sondern die Menschen darauf aufmerksam machen, wie wichtig Glaube, Liebe und Hoffnung sind. Was meint ihr?“
„Sie hat recht!“, meinte die Dicke und auch die Mittlere stimmte zu. „Ja, wir sollten nicht mehr schweigen. Kleine Glocke, fang du an und wir stimmen dann leise mit ein. Wie findest du das?“
So kam es, dass die kleine Glocke zunächst ganz allein ihr Lie-be, Lie-be, Lie-be erklingen ließ, ganz fein und leise klang das und die Menschen horchten auf. Und als die mittlere Glocke einstimmte, da staunten alle, die es hören konnten und das war weithin möglich. Schließlich setzte die große Glocke ein und man hörte das Geläute der drei weit über den Ort hinaus. Die Menschen blieben stehen und lauschten andächtig.
„Jetzt kann Weihnachten werden!“, sagte der alte Michel, der zum ersten Mal nach vielen Jahren ein Lächeln auf den Lippen hatte. „Glaube, Liebe und Hoffnung, diese drei“, flüsterte er und schaute glücklich in den Winterhimmel.

© Regina Meier zu Verl

Die drei Glocken – Bild Regina Meier zu Verl (nach einem Tutorial von happypaintingclub)

19. Dezember 2021

19. Dezember

Beim Frühstück sagte Mama, dass Tina in der nächsten Nacht bei den Großeltern schlafen sollte. Sie und Papa hätten etwas vor am Abend.
Tina ging gern zu Oma und Opa, aber heute wollte sie lieber mit ihren Eltern mitgehen. Sie taten so geheimnisvoll.
„Was habt ihr denn vor? Ich möchte mit!“, sagte sie deshalb.
„Das geht leider nicht, Tinalein. Es ist die Weihnachtsfeier von Papas Firma, da sind Kinder nicht mit eingeladen. Außerdem wäre es sowieso langweilig dort!“
Das verstand Tina und scheinbar hatte es mit dem Geheimnis ja auch nichts zu tun und sie würde nichts verpassen.
Sie packte also ihre Tasche und den Puppenkoffer, die Freunde sollten ja auch mitkommen. Dann nahm sie das nächste Päckchen von der Adventskalenderleine. Das durfte sie ja dann am Morgen auspacken, ob sie nun bei Oma war oder zuhause.
Zuerst aber ging es in die Schule und nach der Schule fuhr Papa sie zu Oma und Opa.
„Hier bin ich!“, rief Tina schon im Flur. „Was machen wir denn heute?“, fragte sie gleich hinterher.
„Immer langsam, junge Dame!“, Opa lachte und hob Tina hoch. „Erstmal wird der Großvater entsprechend liebevoll begrüßt, oder?“
„Klar“, Tina schlang ihre Arme um Opas Hals und drückt ihm einen Schmatzer auf die Wangen. Auch Oma wurde mit einem Küsschen bedacht und dann verabschiedete Papa sich.
„Mach’s gut, und sei lieb, meine Große!“, sagte er noch. Als wäre Tina jemals nicht lieb gewesen, ts.
Tina erzählte ihren Großeltern, dass sie an Heiligabend zum Kinderheim gehen würden, mit der ganzen Klasse und mit Mama.
„Ja, das weiß ich schon. Deine Mama hat ja mit der Heimleiterin gesprochen!“, sagte Oma.
„Das ist gemein, davon hat sie mir gar nichts gesagt. Überhaupt ist mir das ein bisschen zu viel mit den Heimlichkeiten. Bist du sicher, dass sie heute auf eine Weihnachtsfeier gehen? Ich glaube das nämlich nicht, denn Annas Vater arbeitet in der gleichen Firma wie Papa und der muss nicht zur Weihnachtsfeier.
„Tina!“, sagte Oma entsetzt. „Du willst doch nicht behaupten, dass deine Eltern dich anlügen?“
„Nein, nicht richtig lügen – mehr so schwindeln. Mein Schneemann meint das auch!“
Nun wollte Oma aber wissen, was es mit dem sprechenden Schneemann auf sich hat und Tina erzählte ihr die ganze Geschichte.
Natürlich verhielten sich die Freunde mucksmäuschenstill, denn nur für Tina erwachten sie ja zum Leben. Aber Oma Hilde glaubte ihr trotzdem.
„Wenn man richtig fest an eine Sache glaubt, dann ist sie wahr – oder sie wird wahr werden. Daran glaube ich auch fest. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Weihnachten ist eben mit Heimlichkeiten verbunden, du hast ja auch welche, nicht wahr?“
Tina nickte. Das stimmte ja, sie hatte Mama und Papa auch noch nichts von den lebendigen Figuren erzählt.
„Was hältst du davon, wenn wir einen schönen Spaziergang im Schnee machen?“, schlug Oma vor.
Das machten sie, Opa kam auch mit und später kuschelten sie sich aufs Sofa und erzählten sich gegenseitig Geschichten. Schön war’s!
Das Highlight des Tages war allerdings, dass Tina im großen Bett zwischen den Großeltern schlafen durfte.
Am nächsten Morgen fand Tina in ihrem Päckchen einen kleinen Schlüssel.
„Komisch, was soll ich denn mit einem Schlüssel?“, fragte sie.
„Das richtige Schloss dafür finden“, meinte Opa.

Hier geht es morgen weiter …