Wolkenbahnhof Apfelbaum

Wolkenbahnhof Apfelbaum

Zwei dicke weiße Wattewolken segeln am Himmel. Ab und zu werden sie vom Wind ein wenig angeschoben. Wenn ich hier unten auf der Erde einsam bin, dann kann ich auch allein mit den Wolken segeln, denke ich. Keiner wird mich vermissen, oder doch?
Ich frage mich nur, wie ich da hochkommen soll und ob mich die Wolken auch tragen können. Mein Blick fällt auf die Leiter, die an den Apfelbaum gelehnt ist. Vielleicht könnte ich dort hinaufklettern und vom Baum aus versuchen eine Wolke zu erreichen.
Vorsichtig steige ich von Sprosse zu Sprosse. Als ich an einem dicken Ast angekommen bin, beschließe ich, mich dort erstmal niederzulassen. Ich halte mich gut fest und sitze recht bequem. Von hier oben habe ich einen guten Überblick. Mir fällt ein, dass ich ein Päckchen Kaugummi in der Hosentasche habe. Mein Lehrer sagt immer, dass Kaugummi beim Denken hilft. Also ziehe ich die Süßigkeit aus der Tasche und genehmige mir einen Streifen. Mmh, Kirschgeschmack, lecker.
Ich beobachte meine Gedanken. Wie ich das mache? Ich schließe die Augen und warte darauf, was mir als nächstes einfallen wird. Nichts passiert! Vielleicht hilft das Kauen ja doch nicht. Ich habe es immer gesagt: Manchmal erzählen Lehrer auch Blödsinn. Herr Müller hat uns mal prophezeit, dass es innerhalb der nächsten Stunde regnen würde. Er spüre das in seinem Bein, das vor langer Zeit mal gebrochen war. Ihr ahnt es schon: es regnete nicht. In der nächsten Stunde nicht und in den folgenden auch nicht, eigentlich den ganzen Tag nicht. Es war also Blödsinn.

Ob Herr Müller mich vermissen würde, wenn ich mit den Wolken auf und davon flöge? Bestimmt, denn dann hätte er niemanden mehr, dem er die Schuld für all die Streiche geben könnte, mit denen ich absolut nichts zu tun hatte. Oder vielleicht nur ein ganz kleines Bisschen. Ist ja auch egal. Wenn ich weg bin, dann wird er sich vielleicht Gedanken machen.
Oder Mama? Zu gern wüsste ich, ob sie weinen würde. Mama weint nämlich nie, außer wenn sie Zwiebeln schneidet, dann aber heftig. Klar, sie wäre traurig. Aber da ist ja noch Jonas, mein kleiner Bruder. Der ist sowieso ihr Liebling. Der ist noch klein und macht keinen Quatsch. Jedenfalls noch nicht. „Jakob, du bist doch schon groß!“, sagt sie immer, die Mama. Stimmt, das bin ich. Aber so groß nun auch wieder nicht. Wie gern würde ich wieder einmal in Mamas Bett schlafen. Leider ist der Platz besetzt – dort liegt Jonas.

Kommen wir zu Papa. Dem würde ich fehlen, denn er hätte keine Hilfe mehr beim Rasen schneiden. Vielleicht bin ich ungerecht, denn den neuen Rasenmähertraktor hat er sicher nicht nur eigennützig angeschafft. Er wusste, wie sehr ich das Fahren mit dem Traktor mag. Natürlich habe ich mich gefreut wie Bolle, als er damit angefahren kam. Ansonsten hat Papa nur selten Zeit für mich. Immer gibt es Dinge, die wichtiger sind als ich.

Die Wolken fallen mir wieder ein. Ich sehe sie nicht durch das Blätterdach des Baumes. War wohl doch keine gute Idee, den Apfelbaum als Bahnhof zu benutzen. Sicher waren die Wolken längst weitergezogen – ohne mich.
Ich bin traurig, aber irgendwie auch erleichtert. Es ist nicht fair, sich einfach so aus dem Staub zu machen. Ich habe sie doch alle lieb, Mama, Papa, Jakob und Herrn Müller, aber den nur ein kleines Bisschen.

© Regina Meier zu Verl 2015

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Bildquelle Hans/pixabay

Die dicke Wolke

Die dicke Wolke

„Hast du Hausaufgaben auf, Emmy?“, fragt Mama, als ich aus der Schule komme.
„Klar, heute sollen wir einen Aufsatz schreiben: Wie schön die Welt im Frühling ist. Das kann ich nicht!“ Erstaunt sieht Mama mich an.
„Du kannst doch tolle Geschichten erfinden, da dürfte es dir doch nicht schwerfallen, einen Aufsatz zu schreiben.“
„Ich mag aber nicht schreiben, ich male lieber Bilder oder höre Musik. Aufsätze sind blöd, megablöd!“, knurre ich und weiß doch, dass ich mich nicht drücken kann. Dabei würde ich so gern malen, mit den neuen Farben, die ich zu Ostern bekommen habe.
„Schreiben, das ist wie das Malen mit Worten!“, behauptet Mama.
„Kann ich zuerst etwas in den Garten gehen? Die Sonne ist so toll!“
Dagegen hat Mama nichts, frische Luft tut gut, sagt sie immer.
Die Krokusse blühen und auch die Narzissen leuchten schon. Es ist noch recht kühl, aber wunderbar. Der blaue Himmel verspricht gutes Wetter auch für die nächsten Tage. Nur eine einzige Wolke zieht dort oben, sie kommt immer näher. Wie ein riesiger Elefant sieht sie aus, ich rufe ihr zu:
„Komm runter, lass mich auf deinen Rücken klettern, damit ich die Welt von oben sehen kann!“
Sie kommt näher, immer näher und dann spricht sie mit mir:
„Ich darf die Erde nicht berühren, dann werde ich zu Wasser. Aber du, schließ die Augen und stelle dir ganz fest vor, dass du auf meinen Rücken kletterst, dann wird es gelingen!“
Ich schließe fest die Augen und ich blinzle auch kein kleines Bisschen. Ich sehe, wie ich auf den Rücken des Wolkenelefanten klettere und schon steigt er mit mir auf. Es wird kälter, immer kälter und ich trau mich nicht, die Augen zu öffnen.
„Du kannst jetzt gucken!“, sagt die Wolke. Vorsichtig gehorche ich. Das gibt es doch nicht, ich sitze auf einem flauschig weichen Elefanten und sehe unseren Garten, der kleiner und kleiner wird. Dann erblicke ich die Schule und den Supermarkt. Winzig kleine, bunte Autos fahren dort unten und in der Stadt laufen die Menschen wie geschäftige kleine Ameisen umher. Wie lustig das aussieht.
Bald verändert die Wolke ihre Form und wird zu einem rassigen Rennpferd, schnell galoppieren wir am Himmel entlang, immer weiter. Unter uns sind Wälder und Seen, die in der Sonne glitzern.
„Da, schau, blühende Kirschbäume, ein ganzer Wald davon!“, rufe ich und komme aus dem Staunen nicht heraus. Das müssen die Obstplantagen sein, von denen Oma immer erzählt hat. Rauchende Schornsteine sehen aus wie Drachennasenlöcher.
„So, kleine Emmy, jetzt muss ich dich wieder nach Hause bringen, sonst vermissen dich deine Leute!“, sagt die Wolke und traurig stimme ich zu.
„Schade, es war ein toller Ausflug mit dir, vielen Dank!“ Gern würde ich noch weiterfliegen, aber ich möchte auch nicht, dass Mama traurig ist. Außerdem muss ich auch noch meinen Aufsatz schreiben, ich habe auch schon eine Idee.
Völlig außer Atem renne ich ins Haus, als die liebe Wolke mich sanft auf den Rasen purzeln lassen hat.
„Hast du es aber eilig, Emmy!“, ruft Mama noch, ich sitze aber schon am Schreibtisch und schreibe:

Wie schön die Welt im Frühling ist

Heute war ein besonders schöner Frühlingstag. Ich bewunderte die Blumen im Garten, als plötzlich eine dicke Wolke direkt über mir anhielt und mich einlud, eine Reise mit ihr zu machen. Das war eine Freude, die Welt mal von oben zu sehen. Leider hatte ich keinen Fotoapparat bei mir, aber ich schreibe es für euch auf, denn Schreiben ist wie Malen mit Worten.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle w3work/pixabay