Die bunte Weihnachtsdose

Die bunte Weihnachtsdose

All ihre kleinen Schätze bewahrte Djamila in einer großen bunten Dose auf. Früher waren mal Lebkuchen drin gewesen. Da man Lebkuchen fast ausschließlich in der Weihnachtszeit isst, waren auch weihnachtliche Motive auf dieser Dose zu finden.
Da war auf der einen Seite der bunte Nussknacker, der einem beinahe ein wenig Furcht einjagen konnten mit seinem grimmigen Gesicht. Djamila hatte sich aber vorgestellt, dass er gar nicht böse war, sondern lediglich Zahnschmerzen hatte vom ewigen Nüsse knacken.
Wenn man die Dose ein wenig weiterdrehte, sah man den dicken Weihnachtsmann in seinem roten Mantel, die Daumen in dem breiten braunen Ledergürtel verhakt und breitbeinig mitten im Schnee stehend. Er hatte bestimmt keine Zahnschmerzen. Seine Backen lugten aus dem weißen Gestrüpp seines Bartes wie zwei rotwangige Äpfel und seine kleinen Augen lachten fröhlich und verschmitzt, Am liebsten würde man mitlachen und in sein vergnügtes „hohoho!“ mit einstimmen.
Neben dem Weihnachtsmann prangte eine festlich geschmückte Weihnachtstanne mit unzähligen Lichtern und noch ein wenig weiter schauten zwei Engel aus einer Wolke auf die Erde hinab. Das war Djamilas Lieblingsmotiv auf der Dose, denn Oma hatte einmal gesagt, dass sie, Djamila, einer dieser Engel sei.
Obwohl das Mädchen da seine Zweifel hatte. Mussten Engel nicht immer brav und folgsam sein? Und das war sie bestimmt nicht, sie konnte ganz schön schmollen, wenn es mal nicht nach ihrem Kopf ging. Dann musste sie lachen, denn Papa war auch gerade im Zimmer gewesen und hatte Omas Worte gehört.
„Mama, du hattest schon immer eine rosarote Brille auf, wenn es um deine Enkelin geht“, hatte er schmunzelnd gesagt. Daran konnte sich Djamila noch genau erinnern.
Djamila hatte gelacht, als sie sich Oma mit einer rosaroten Brille vorgestellt hatte. Die Bedeutung dieser Worte war ihr damals aber nicht bewusst gewesen.
„Oma, du hast dich getäuscht“, flüsterte Djamila.
„Du bist das da oben auf der Wolke und neben dir ist deine Freundin Anna, von der du mir so oft erzählt hast.“
Auf Djamilas Lippen lag ein Lächeln bei der Erinnerung an ihre Oma, aber in ihren Augen glitzerten schon wieder die Tränen. Das erste Weihnachtsfest ohne Oma konnte sie sich nicht vorstellen und das wollte sie auch nicht. Sie öffnete den Deckel der Weihnachtsdose und griff nach dem mit Spitze umhäkelten Taschentuch und schnupperte daran.
Sie schloss die Augen. Es roch so schön nach Oma! Wie hatte sie Weihnachten immer geliebt. Und nun sollte das erste Mal das Fest ohne sie stattfinden. Sie drehte die Dose und betrachtete gedankenverloren den geschmückten Weihnachtsbaum. Da hatte sie eine Idee, wie Oma doch mitfeiern könnte und das jedes Jahr. Sie würde eine Weihnachtskugel basteln mit ihrem Bild und glücklicherweise hatte sie ganz viele Geschichten, die Oma für sie gesprochen hatte, und die sie nun immer wieder anhören konnte.
Am Heiligabend hing die Kugel mit Omas Bild am festlich geschmückten Baum. Die Familie saß zusammen und erinnerte sich daran, wie es in den Jahren zuvor gewesen war und die ein- oder andere Träne floss auch an diesem Abend.
Als man später gemeinsam Omas lustige Weihnachtsgeschichten anhörte, konnte man sogar schon wieder ein bisschen lachen und das hätte Oma gefreut, ganz sicher hätte sie das gefreut!

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

 

 

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Das Weihnachtsnachthemd

Das Weihnachtsnachthemd

Im Garten ist Winterruhe eingekehrt. Sogar ein wenig Schnee hat es heute gegeben und das bringt Marie völlig aus der Fassung.
„Ist es nun bald soweit? Kommt das Christkind?“, fragt sie ihre Mutter, die in der Küche einen Plätzchenteig knetet.
„Da musst du noch ein bisschen warten, mein Schatz“, antwortet die Mutter.
„Och immer warten, kann denn das Christkind nicht einfach früher kommen?“
Die Mutter lacht.
„Nein, es kommt an seinem Geburtstag, und das ist nun mal, der 24. Dezember.“
„Ich mag aber nicht mehr warten, Mama. Du weißt doch, wie schlecht ich warten kann!“ Die Mutter lacht. Ja, das weiß sie und nicht nur das, sie hat auch vorgesorgt.
„Wenn du mir versprichst, dass du dir Mühe geben willst, nicht allzu ungeduldig zu sein, dann habe ich schon heute ein kleines Geschenk für dich!“, verspricht die Mutter, wischt sich die Hände in ihrer Schürze ab und geht ins Wohnzimmer.
Gleich darauf kommt sie zurück. Sie hält ein rotes, mit lustigen Weihnachtsmotiven bemaltes Hemd in den Händen. Marie verzieht enttäuscht das Gesicht.
„Das ist ja nur ein Nachthemd.“
Die Mutter schmunzelt.
„Es ist ein ganz besonderes Hemd, ein Weihnachtshemd!“
„Was soll daran schon besonders sein, ein rotes Hemd mit Bildern!“, schmollt Marie.
„Zieh es heute Nacht an, dann wirst du sehen, dass es ein ganz besonderes Hemd ist, das verspreche ich dir!“
Am Abend zieht Marie, nachdem sie die Zähne geputzt hat, das „besondere“ Nachthemd an. Sie glaubt nicht, dass sie ihre Meinung über das Hemd ändern wird. Aber – ein Versuch macht klug. Sie liegt noch nicht ganz in ihrem Bett, da fallen ihr die Augen zu. Sie hört eine leise Melodie und plötzlich ist alles ganz warm und hell.
Sie blinzelt und sieht sich erstaunt um. In einem Stall ist sie. Ein Stern taucht die armselige Umgebung in ein strahlend helles Licht. Weißgekleidete Engel singen so wunderschön, dass es Marie ganz anders um Herz wird. In der Krippe liegt das Jesuskind und lacht ihr fröhlich entgegen.
Marie selbst steht in ihrem Weihnachtsnachthemd und barfuß im Stroh vor der Krippe. Sie überlegt, wie sie das Jesuskind ansprechen soll, denn schließlich weiß sie ja, dass es Gottes Sohn ist, der da vor ihr liegt. Gar nicht so einfach! Marie versucht es mit:
„Na du!“ Das ist erstmal unverbindlich. Das Kind sagt nichts, aber es lächelt weiter.
„Ich weiß, wer du bist … und ich bin die Marie!“, fährt Marie fort.
„Schön Marie, dass du uns besuchst und siehst du wie sehr sich das Kind über deinen Besuch freut, aber er ist ja noch ein Baby und kann noch nicht sprechen.“
Marie sah die schöne junge Frau ehrfürchtig an.
„Bist du die Mutter Maria?“
„Ja, wir haben beide fast den gleichen Namen.“
„Aber warum kann das Jesuskind denn nicht sprechen, er ist doch Gottes Sohn?“
„Ja, aber er wurde von Gott als Mensch auf die Erde geschickt und wie jedes Kind muss er auch erst alles lernen.“
Marie reicht dem Kind die Hand und lacht, als es ihren Finger festhält.
Niemand wird ihr glauben, dass sie das gerade erlebt. Aber das ist nicht schlimm, denn wichtig ist, dass es so ist und es ist wunderbar.
Plötzlich hört Marie, dass jemand ihren Namen ruft. „Marie! Du kleine Schlafmütze!“ Das ist eindeutig Mama.
„Ich komme morgen wieder!“, flüstert Marie und öffnet die Augen.
Mama steht an ihrem Bett und lächelt.
„Guten Morgen, mein Kind. Hast du gut geschlafen?“, fragt sie.
Marie kann nur nicken, so ergriffen ist sie noch von dem im Traum erlebten.

Nach dem Frühstück fragt Marie ihre Mutter:
„Sag mal, Mama, funktioniert das Nachthemd jede Nacht?“
Erstaunt sieht Mama ihre kleine Tochter an.
„Was meinst du?“, fragt sie.
„Ach, ist schon gut!“, sagt Marie, die plötzlich weiß, dass sie ihr Geheimnis für sich behalten sollte. Aber aufschreiben würde sie es, ganz bestimmt.

Wenn ich euch nun erzähle, dass Marie, obwohl sie heute erwachsen ist, immer noch ihr Weihnachtsnachthemd hat und es in der Zeit vor Weihnachten mit ins Bett nimmt (sie passt längst nicht mehr hinein), dann wisst ihr, dass es weiterhin funktioniert hat, stimmts?

© Regina Meier zu Verl

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Das Weihnachtsglöckchen

Das Weihnachtsglöckchen

Jedes Jahr im Dezember fällt unsere wöchentliche Strickrunde aus. Wir drei, Moni, Kathrin und ich treffen uns dann zur gewohnten Zeit am Mittwochnachmittag und trennen uns gleich wieder, da jede von uns einen Besuch bei einem alleinstehenden Menschen macht.
Ich besuche Herrn Winkler nun schon zum dritten Mal im diesem Advent. Ich habe ihn erst in diesem Jahr kennen gelernt, doch wir sind schon sehr vertraut miteinander. Beim ersten Besuch war er noch ein wenig misstrauisch. Dann hat er aber gemerkt, dass ich ihn wirklich nur besuchen möchte, um ihm eine Freude zu machen.
„Es ist schön, dass sie einen einsamen alten Mann besuchen. Ich habe mich schon so auf heute gefreut!“, sagt er, als er mir die Tür öffnet.
„Guten Tag, Herr Winkler, ich freue mich auch, Sie wohlauf zu sehen. Alles in Ordnung soweit?“, begrüße ich ihn und folge ihm in seine Stube.
„Ich bin zufrieden und es nützt ja auch nichts, sich zu beklagen. Davon wird es nicht besser.“
Herr Winkler lässt sich in seinen Sessel fallen und deutet mit der Hand auf den zweiten Sessel. „Nehmen Sie Platz!“
Ich stelle meinen Korb auf den Tisch und packe aus. Kaffee habe ich mitgebracht und Weihnachtsplätzchen, die ich mit den Enkelkindern gebacken habe. Wir haben eine Extraportion für Herrn Winkler in eine große, bunte Dose gepackt.
„Darf ich mir zwei Tassen und Teller aus der Küche holen?“, frage ich. „Ich habe uns Kaffee mitgebracht und was Leckeres zum Naschen.“
„Nehmen Sie das gute Porzellan. Es steht dort im Wohnzimmerschrank. Allerdings habe ich es nicht mehr benutzt, seit meine Frau verstorben ist. Vielleicht ist es verstaubt.“
In den Augen des alten Mannes schimmern Tränen. Sicher vermisst er seine Frau sehr, es ist nicht leicht, allein zu sein. Ich schlucke, um nicht mitzuweinen, öffne den Schrank und finde ein wunderbares Kaffeeservice, feines weißes Porzellan mit Goldrand. Vorsichtig trage ich zwei Gedecke in die Küche und spüle sie mit heißem Wasser ab. Die Küche ist in die Jahre gekommen, aber blitzsauber.
Zwischen den beiden Sesseln steht ein runder Tisch, auf dem ich eine Weihnachtsdecke ausbreite und für uns eindecke. Aus meinem Korb zaubere ich noch eine Kerze und etwas Tannengrün.
„Die Plätzchen sehen lecker aus, sind aber viel zu schade zum Naschen. Hier, diese herrlichen Bäumchen und Glocken, bezaubernd!“, lobt Herr Winkler die Kreationen meiner Enkelkinder.
„Tina und Tim haben sie gebacken und ich soll Ihnen auch einen schönen Gruß ausrichten. Die beiden würden Sie gern mal kennenlernen. Darf ich sie beim nächsten Besuch mitbringen?“
„Damit machen Sie mir eine große Freude! Kommen Sie denn nächste Woche noch einmal zu mir? Es ist ja der Tag vor Heiligabend, da haben Sie doch sicher viel zu tun!“, fragt Herr Winkler besorgt.
„Aber sicher komme ich. Wissen Sie, seit ich nicht mehr arbeite und die Kinder aus dem Haus sind, habe ich jede Menge Zeit und ich bin froh, dass ich Ihnen eine Freude machen kann.“
„Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß das zu schätzen. Meine Kinder wohnen so weit von hier, die können nicht oft kommen, aber zu Weihnachten werden sie hier bei mir sein. Ich hoffe, dass nicht wieder etwas dazwischen kommt. Im letzten Jahr hatten wir ja Schnee und Eis und sie sind lieber zu Hause geblieben. Das habe ich verstanden, aber traurig war ich doch. Es ist nicht schön, zu Weihnachten allein zu sein.“
Wir verbringen zwei schöne Stunden miteinander, plaudern über alte Zeiten und erzählen uns gegenseitig, wie das Weihnachtsfest in unserer Kindheit war. Besonders gerührt hat mich, als Herr Winter aufstand und ein kleines silbernes Glöckchen aus dem Schrank holte.
„Das ist die Glocke, die in meiner Kindheit am Weihnachtsbaum hing. Das Wohnzimmer war in den Tagen vor dem Fest immer abgeschlossen und am Heiligen Abend durfte ich erst das Zimmer betreten, wenn das Glöckchen gebimmelt hatte. Ganz still musste ich sein, um das feine Läuten hören zu können. ‚Jetzt verlässt das Chriskind die Stube’, sagte meine Mutter dann und schloss die Türe auf.“
„Wie schön ist das! Haben Sie das Christkind jemals gesehen?“, frage ich verschmitzt.
„Gesehen habe ich es nicht – aber gespürt, mein ganzes Leben lang!“

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Wie die vier Kerzen zu ihrem Namen kamen

Wie die vier Kerzen zu ihren Namen kamen

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„Die haben mich vergessen!“, schimpfte die vierte Kerze auf dem Adventskranz.
„Ach was, du kommst schon noch dran!“, meinten die anderen einstimmig.
„Aber es ist doch schon dunkel und wenn ich das richtig sehe, ist kein Mensch zu Hause“, sagte nun wieder die Nummer Vier.
„Wir sind denen gar nicht wichtig, sie haben uns nicht einmal einen Namen gegeben!“, sagte die Nummer Drei traurig. „Menschen geben denen, die sie lieben einen Namen. Denk mal an den Hund!“
„Du hast recht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es stimmt. Wir sind einfach nur Nummern. Oh je, ist das traurig!“ Das war die zweite Kerze.
„Wir sind eben nur Kerzen!“, flüsterte die Nummer Eins, die immer ein wenig leiser war als die anderen. Dabei hatte sie doch das Glück gehabt, als allererste von ihnen entzündet zu werden. Sie wusste aber, dass das ein Zufall war, es hätte ebenso gut eine von den anderen sein können.
Die vier Kerzen schwiegen, jede für sich war in Gedanken versunken. Im Haus war es mucksmäuschenstill, nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.
Plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und jemand schaltete das Licht ein.
„Jetzt ist es endlich soweit!“, dachte die vierte Kerze und wagte kaum zu atmen vor lauter Aufregung. Tatsächlich, da kam Tina, die hier wohnte und setzte sich aufs Sofa.
„Schatz!“, rief sie und noch einmal: „Schahatz!“
„Was ist denn, Tina?“, rief Alex, Tinas Liebster.
„Heute ist der vierte Advent, wir wollen noch die Kerzen anzünden und ein Weihnachtslied singen!“, rief Tina.
„Boah, du bist so altmodisch! Muss das denn unbedingt jetzt sein, ich habe solchen Hunger!“, maulte Alex. Da er aber seine Tina liebte, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
„Ich bin übrigens nicht altmodisch, man nennt das romantisch, mein Lieber und ein wenig Romantik stände dir auch ganz gut zu Gesicht!“, meinte Tina und hielt Alex die Streichhölzer hin. „Mach du!“, ordnete sie an.
Gerade wollte Alex die vierte Kerze anzünden, deren Docht noch ganz unbenutzt war, als Tina rief: „So nicht, es muss in der richtigen Reihenfolge angezündet werden, die vierte ist die letzte Kerze, fang mit der Nummer Eins an!“, schimpfte sie.
„Demnächst werden wir den Kerzen noch Namen geben und ihnen später einen Gutenachtkuss geben!“, witzelte Alex.
„Blödmann!“, schimpfte Tina und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das ist aber kein schöner Name, lass dir was besseres einfallen!“, konterte Alex und brachte Tina damit wieder zu lachen.
„Okay, die erste heißt Chris – nun bist du dran, mein Lieber!“
Alex zündete die erste Kerze an. „Ich taufe dich auf den Namen Chris!“, sagte er feierlich. Dann hielt er das Streichholz an die zweite Kerze. „Und du heißt … Aua!“ Alex hatte sich den Finger verbrannt, das tat ganz schön weh.
„Aua kann sie aber nicht heißen“, meinte Tina, nachdem sie Alex einen Kuss auf den schmerzenden Finger gegeben hatte. „Ich schlage vor, sie heißt Aurelia, okay?“
Zu Chris und Aurelia kamen dann noch Luke und Mara dazu.
Die Kerzen waren glücklich und strahlten heller als je zuvor. „Sie haben uns Namen gegeben“, flüsterte Mara. „Das heißt, dass sie uns lieben!“
„Ja!“, flüsterten Chris, Aurelia und Luke.
Tina kuschelte sich an ihren Alex und schaute glücklich ins funkelnde Licht der Adventskerzen.

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Hier lese ich die Geschichte vor

Der alte Johann und die Weihnachtsbäume

Der alte Johann und die Weihnachtsbäume

Seinen Nachnamen kenne ich gar nicht. Wir nannten ihn alle nur „den alten Johann“. Als ich noch klein war, hatte ich ein bisschen Angst vor ihm. Sein Gesicht war verbittert und sah aus wie zerknautschte Pappe. Er trug stets Gummistiefel und einen grünen Arbeitskittel, in dessen Taschen er seine riesigen Hände steckte, wenn er mit jemandem sprach.
Ich konnte ihn nicht verstehen, denn er sprach Plattdeutsch und das sehr undeutlich. Meine Mutter bekam aber meist raus, was er wollte, wenn er sie mal ansprach.
Im Advent ging der alte Johann von Haus zu Haus und erbettelte ein paar gute Sachen, die er den Tieren im Wald bringen wollte. Er bat nicht für sich selbst, immer nur für die Tiere und die Bewohner im Dorf wussten das und gaben ihm Äpfel, Heu, Hafer und andere Leckereien, die der Johann dann in den Wald brachte.
Einmal haben Vater und ich ihn begleitet, am Tag vor Heiligabend war das. Ich werde niemals vergessen, wie das damals war. Es hatte geschneit und dick eingemummelt folgten wir dem alten Johann in den Wald. Vater trug ein Bündel Heu auf dem Rücken und einen Korb in der Hand, den Mutter mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte. Der alte Johann trug einen großen Sack, den er sich über die Schulter geworfen hatte und ich hatte meinen Ranzen auf dem Rücken, in den meine Mutter und ich Päckchen mit Sonnenblumenkernen, Hirsekörnern und allerlei Samen gepackt hatten, für die Vögel.
Lange marschierten wir schweigend durch den Schnee, bis Johann stehenblieb und den Sack auf der Erde absetzte. Er packte ein paar schrumplige Äpfel aus, bohrte mit einem Schraubenzieher ein Loch hinein und zog einen Bindfaden durch das Loch. Dann verknotete er die Enden und hängte die so entstandene Weihnachtskugel an einen Tannenzweig. Ein Apfel nach dem anderen schmückte bald den Baum und viele weitere Bäume. Wie schön das aussah!
Das Heu verteilten wir an trockenen Stellen unter den Bäumen und die Samen und Nüsse streuten wir auf den Schnee. Dann breitete mein Vater eine Decke auf einem Baumstamm aus und wir tranken einen Becher heißen Tee.
„Hach, dat is wat Feines!“, schwärmte Johann und grinste von einem Ohr zum anderen. Dabei entblößte er sein Gebiss, das aus drei Zähnen bestand, die ein einsames Dasein in seinem Mund fristeten. Mutter hatte uns ein paar Butterbrote eingepackt, die wir mit gutem Appetit verspeisten. Mit jedem Bissen wurde Johann gesprächiger und von da an hatte ich auch gar keine Angst mehr vor ihm. In allem, was er uns erzählte, zeigte sich seine Liebe zu den Tieren und wer Tiere so sehr liebt, der muss ein gutes Herz haben.
Johann ist nun schon viele Jahre tot. Ich denke noch oft an ihn, besonders in der Adventszeit, denn dann gehe ich mit meinen Kindern in den Wald und wir schmücken die Bäume mit Äpfeln und Nüssen. Die Kinder lieben diese Tradition genau wie ich. Natürlich nehmen wir auch Tee mit und Plätzchen.
„Hach, dat is wat Feines!“, rufen die Kinder dann und bevor wir nach Hause gehen, stimmen wir gemeinsam ein Weihnachtslied an.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich euch die Geschichte vor:

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Bildquelle LoggaWiggler/pixabay

Das Christkind und die Wolldecke

2014-12-19 15.07.56

Das Christkind und die Wolldecke

Timo liegt bäuchlings auf dem Fußboden. Er blättert in seinem Bilderbuch. Die Erwachsenen haben keine Zeit für ihn, denn die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest sind in vollem Gange. Susi, die Dackeldame hat es sich neben Timo gemütlich gemacht.
Überall im Haus wird geputzt und gewienert, geschmückt und verpackt, gebacken und gebraten. Köstlich riecht es, nach Leckereien und nach Tannenduft. Timo mag das sehr. Weihnachten ist einfach toll.
Seine gute Laune lässt sich Timo durch nichts und niemanden verderben, auch wenn er gern jemanden zum Spielen gehabt hätte. Doch mit einem Buch wird ihm nicht langweilig, denn er denkt sich zu den Bildern Geschichten aus. Manchmal passiert dann etwas, was man nicht erklären kann. So auch heute!
Timo betrachtet eine Krippenszene. Das Jesuskind ist schon geboren und liegt mit einem strahlenden Lächeln in der Krippe. Die Eltern, Maria und Josef, knien neben dem Kind. Sie sind glücklich, das sieht Timo ihren Gesichtern an. ‚Ihr habt es ja auch gut, ich muss noch auf das Christkind warten. Bei euch ist es schon da!“, flüstert Timo. Der Ochse, der im Stroh liegt, schnaubt leise und wendet sich Timo zu. Oder hat Timo sich das nur eingebildet? Nein, da schnaubt er schon wieder und dann erhebt er sich und kommt direkt auf Timo zu.
„Kannst du mich kurz kratzen, bitte? Ich habe vermutlich einen Floh und den können wir hier im Stall gar nicht gebrauchen. Schließlich ist hoher Besuch anwesend.“
Er blickt in Richtung der Könige, die ins Gebet vertieft sind.
Vorsichtig streckt Timo die Hand aus und greift ins flauschige Fell des Ochsen. Dann wird er mutiger und kratzt dem Tier den Rücken.
„Oh, das tut gut!“, schwärmt der Ochse freudig.
„Ich kann aber keinen Floh entdecken!“, stellt Timo fest.
Der Ochse lacht und wedelt mit dem Schweif.
„Dann habe ich mich wahrscheinlich getäuscht …“
„IA!“, ruft der Esel und die anderen Tiere mahnen empört zur Ruhe.
„Das Kind! Denk doch an das Kind, es braucht seine Ruhe!“, flüstert ein Schäfchen und die Hirten nicken zustimmend und legen den Finger auf den Mund, was so viel bedeuten soll, dass alle ruhig sein sollen.
Timo krault den Esel hinter den Ohren, damit er Ruhe gibt. Die Schafe rücken näher an das Kind heran. „Wir wollen es wärmen, schau nur, es ist ja fast nackt!“, erklären sie Timo.
„Wartet, ich hole eine Decke!“, schlägt Timo vor, weiß aber nicht so recht, was er dem Kind anbieten könnte. Es ist ja so winzig klein. Dann fällt ihm ein, dass seine Mama immer so kleine Deckchen strickt, Maschenproben nennt sie das. Das könnte gehen. Timo sucht in Mamas Handarbeitskorb und findet einen wolligen Lappen, der klein genug ist, um das Kind damit zuzudecken. Als er zurückkommt, hat es angefangen zu schneien in seinem Buch.
„Gut, dass du kommst ruft einer der Hirten. Hilf uns mal, wir wollen ein Fell in die Krippe legen und das Kind darauf betten. Kannst du es hochnehmen?“
Timo ist sehr aufgeregt. Das Jesuskind aufheben soll er. Das ist eine sehr große Ehre. Hoffentlich kann er das auch, wo er doch immer so tollpatschig ist. Schnell legt er die kleine Decke zur Seite und behutsam hebt er das Kind aus der Krippe und legt es in die Arme seiner Mutter. Der Hirte kleidet das Bettchen mit dem Fell aus und Maria legt das Kind wieder hinein. Dann kommt Timos Maschenprobe zum Einsatz. Vorsichtig deckt er das Kind zu. Es lächelt dankbar und Maria summt ein Schlaflied. Es dauert gar nicht lange, da ist das Jesuskind eingeschlafen, schön warm liegend auf einem Schaffell und mit einer wolligen Decken aus Mamas Strickkorb zugedeckt.
Auch Timo ist ein wenig müde geworden und weil Maria so schön singt, schläft er auch ein. Er träumt vom Christkind und den Hirten, vom Ochsen und Esel, von den Schafen und von einem kleinen Floh, der sich vorwitzig beim Dackel Susi einen neuen Platz gesucht hat. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

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Silver, der kleine Engel

Silver, der kleine Engel

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Der kleine Engel Silver trottete traurig durch den verschneiten Winterwald. Eiskalte Füße hatte er, daran konnten auch seine heißen Tränen nichts ändern. Er hätte fliegen können, doch dazu fehlte ihm die Kraft.
Es war Nacht. Glücklicherweise schien aber der Vollmond hell auf den glitzernden Schnee. So schön sah das aus, doch Silver nahm es nicht wahr.
„Nun sag mal“, sagte der kleine Fuchs, der plötzlich mitten auf dem Weg stand. „Was ist denn nur mit dir los? Du weinst ja zum Herzerbarmen!“
„Stimmt“, schluchzte der Engel. „Es ist aber auch alles so furchtbar traurig!“
„Kann ich dir helfen?“, fragte der Fuchs.
„Mir kann niemand helfen!“, heulte Silver und schon wieder tropfen dicke Tränen in den Schnee.
„Lass es mich doch versuchen“, schlug der Fuchs vor. Er setzte sich vor die Füße des kleinen Engels und schlug seinen buschigen Schwanz um seine Vorderpfoten. Sehr anmutig sah das aus. Silver, der noch nie einen Fuchs aus der Nähe gesehen hatte, war beeindruckt von dessen Eleganz.
„Wie schön du bist!“, rief er bewundernd aus und das meinte er auch ganz ehrlich.
Der Fuchs lächelte, das Kompliment freute ihn.
„So schöne Worte für mich von einem so schillernden Wesen wie dir“, schmeichelte er. „Dabei bist du viel schöner als ich. Dein silbernes Engelshaar leuchtet im Dunklen. Jeder Stern müsste vor Neid blass werden.“
Silver überlegte einen Moment. Sollte der Fuchs etwa recht haben? Doch mit dem winzigen Hoffnungsfünkchen stellten sich schon im nächsten Augenblick heftige Zweifel ein.
„Das mag sein, aber alles an mir ist falsch. Alle anderen Engel sind von goldener Farbe, ihr Haar, ihre Gewänder, ihr Sternenschmuck im Haar. An mir ist alles Silber. Das ist nicht richtig und deshalb bin ich so unglücklich!“
„Tja“, sagte der Fuchs. „Du musst lernen, dich selbst zu lieben. So mache ich das auch und deshalb bin ich ein glücklicher Fuchs.“
„Ich werde es versuchen“, versprach der kleine Engel halbherzig.
„Gut“, sagte der Fuchs. „Denk immer an meine Worte! Mach‘s gut, kleiner Engel!“
Der Fuchs erhob sich und ging seines Weges. Erst jetzt bemerkte Silver, dass der hübsche Fuchs das linke Hinterbein schwerfällig hinter sich herzog.
Lange schaute er ihm nach und er schämte sich. Er jammerte und jammerte, nur wegen seiner Farbe und der Fuchs, der offensichtlich ein schweres Schicksal zu tragen hatte, strahlte Zuversichtlichkeit und Glück aus.
„Warte, Fuchs!“, rief Silver laut. „Lass mich ein Stück mit dir gehen!“
Doch der Fuchs drehte sich nicht um und er wartete auch nicht auf den kleinen Engel. Also ging Silver allein weiter. Er hatte aufgehört zu weinen. Auch die Last auf seinen Schultern schien ihm plötzlich nicht mehr so schwer zu sein. Vorsichtig hof er seine Flügel an und hob sich in die Luft.
„Ich kann es wieder“, jubelte er. „Ich bin gut, so wie ich bin. Das werde ich von nun an beherzigen und dann wird sich erfüllen, was mir mein Freund Gabriel prophezeit hat, der gesagt hatte: „Kleiner Engel Silver, Engel werden mit ihrem Namen geboren und wie dein Name, ist auch alles weitere an dir silbern. Das ist kein Zufall, sondern Bestimmung. Eines Tages wirst du wissen, was das zu bedeuten hat.“

Was es damit auf sich hatte, das werden wir auch schon bald erfahren, denn das ist schon wieder eine neue Geschichte von Silver, dem kleinen silbernen Engel.

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Ohne Fleiß kein Preis

Ohne Fleiß kein Preis

Tim hat Jule bei Frau Müller kennen gelernt. Frau Müller ist die Musiklehrerin und Jule hat immer eine Stunde vor Tim Klavierunterricht.
Er wartet vor der Tür, damit er nicht stört. Erst, wenn sie aufgehört haben zu spielen, klopft er leise an die Tür.
„Komm nur herein, Tim“, sagt Frau Müller dann und Tims Herz klopft ein bisschen schneller.
Er reicht Frau Müller die Hand und macht einen kleinen Diener und dann begrüßt er Jule, die er heimlich bewundert. Sie kann nämlich nicht nur wunderbar Klavier spielen, sie ist auch noch das schönste Mädchen, das er je gesehen hat.
„Hast du vielleicht Lust, einmal mit Jule gemeinsam ein Weihnachtslied einzuüben?“, fragt Frau Müller ihn heute, doch Tim hat gar nichts verstanden. Er schaut das Mädchen an und vergisst die Welt um sich herum.
„Tim, ich habe dich etwas gefragt!“
„Wa-wa-was denn?“, stammelt Tim und wird rot im Gesicht. Frau Müller tut so, als habe sie das nicht bemerkt.
„Ich möchte wissen, ob du mit Jule gemeinsam ein Stück spielen möchtest, vierhändig.“ Jule lächelt und nickt Tim aufmunternd zu. Er hat sich mittlerweile ein wenig gefangen und antwortet:
„Ja, gern. Aber kann ich das denn schon?“
„Sicher kannst du es, wenn du fleißig übst. Ich gebe dir heute die Noten und wir arbeiten gemeinsam daran. Nächste Woche kommst du dann einfach eine Stunde früher und ihr beide habt gemeinsam Unterricht. Ist das in Ordnung?“
„Von mir aus gern“, sagt Jule und packt ihre Notenhefte in die Tasche.
Tim ist vor Freude ganz aufgeregt und nimmt sich vor, diese Woche tüchtig zu üben, damit er mit Jule mithalten kann. Das Mädchen verabschiedet sich und Frau Müller stellt Tim das neue Lied vor. Es klingt wunderbar und Tim ist Feuer und Flamme. Am Ende der Klavierstunde gelingt es ihm schon ganz gut, im Takt zu bleiben und das Musikstück mit Frau Müller gemeinsam zu spielen.
In der folgenden Woche übt er jeden Tag eine halbe Stunde mittags, wenn er aus der Schule kommt und am Abend noch einmal ein paar Minuten.
Mama und Papa staunen, weil sie doch sonst immer sagen müssen:
„Tim, du musst noch Klavier üben!“, worauf Tim dann meist maulend und unlustig auf den Tasten herumklimpert. Plötzlich ist alles anders. Tim hat ein Ziel und es fühlt sich ganz wunderbar an zu spüren, dass man mit Fleiß eine Menge erreichen kann. Den Preis für seine Arbeit bekommt er, als er in der nächsten Woche gemeinsam mit Jule am Klavier sitzt und ihr so nah ist wie noch nie.
Frau Müller ist begeistert und klatscht vor Freude in die Hände.
„Kinder, das machen wir jetzt öfter!“, jubelt sie und ahnt nicht, welche Freude sie Tim damit macht. Oder doch?

Beim Weihnachtskonzert in der Schule treten Jule und Tim gemeinsam auf. Sie spielen die schönsten Weihnachtslieder und bekommen eine Menge Applaus.

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Geteilte Freude ist doppelte Freude

Geteilte Freude ist doppelte Freude

In der Schule gibt es einen Adventskalender. Vierundzwanzig Kästchen hängen an einem dicken Seil direkt über der Tafel. Jeden Tag darf eines der Kinder ein Päckchen öffnen und nach dem Wochenende sind es sogar drei Schüler, die an der Reihe sind.
Die Reihenfolge wurde ausgelost. Gut ist, dass es in der zweiten Klasse genau 24 Kinder gibt, schlecht ist, dass Michel die 24 gezogen hat und das ärgert ihn, wo er doch so neugierig ist. Aber da hilft nichts, er muss sich gedulden, eine gute Übung.
„Dafür ist dann gleich danach Heiligabend!“, tröstet ihn Jenny, die schon am zweiten Tag dran ist. Sie hat gut reden, denkt Michel und zieht eine Schnute. Oh, wie süß Jenny das findet, wenn Michel eine Schnute zieht. Zum Verlieben süß, Jennys Herz macht lauter kleine Hüpfer.
„Du, Michel“, flüstert sie.
„Ja, was denn?“, fragt der und er ärgert sich immer noch und es ärgert ihn auch, dass Jenny gar nicht mit dem Thema aufhören will.
„Wir könnten tauschen!“, schlägt Jenny vor und plötzlich hüpft Michels Herz so komisch. Diese Jenny ist eine Wucht, er fand sie vom ersten Tag an super.
„Das würdest du für mich tun?“, fragt er und wird ein bisschen rot im Gesicht, das steht ihm gut.
„Klar!“ Jenny grinst, für Michel würde sie alles tun.
„Perfekt – aber dann musst du ja so lange warten, das wäre nicht nett von mir.“ Jenny drückt Michel ihre Nummer zwei in die Hand.
„Nun mach schon, gib mir deine Nummer, muss ja keiner merken, nicht wahr?“ Sie tauschen und als Michel am zweiten Tag sein Päckchen öffnet und darin zwei Dominosteine, zwei Zimtsterne und zwei supersaure Kaugummikugeln findet, teilen die beiden den Schatz und dann warten sie gemeinsam auf den Tag, an dem Michel sein Adventspäckchen erhält. Sie werden wieder teilen, das steht fest.
„Geteilte Freude ist doppelte Freude, oder so ähnlich!“, lacht Jenny am letzten Schultag vor Weihnachten.
„Bingo!“, sagt Michel und dann drückt er seiner Jenny einen dicken Schmatzer auf die Wange. Dann wird er wieder ein bisschen rot und das steht ihm wirklich sehr gut.

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Ein Geschenk für Anna

Ein Geschenk für Anna
Jule saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und blätterte in einer Zeitschrift. Sie suchte nach einer Geschenkidee für ihre beste Freundin Anna.
Es sollte etwas Besonderes sein. Das war gar nicht so einfach, denn die beiden Mädchen kannten sich schon seit der Kindergartenzeit und in jedem Jahr hatten sie sich etwas geschenkt zu Weihnachten und immer war es etwas Einzigartiges gewesen.
Im letzten Jahr hatte Anna ein Buch bekommen, auf dessen Einband ein Leuchtturm zu sehen war, denn Anna liebte Leuchttürme. Die Seiten des Buches waren leer, es wanderte seitdem immer hin und her zwischen den Freundinnen. Mal schrieb die eine etwas hinein, dann die andere. Das war spannend.
Im Jahr davor hatte Jule ein Bild gemalt. Eine Dünenlandschaft mit Leuchtturm, ein anderes Geschenk war ein getöpferter Turm gewesen, in rot-gelb geringelt. Jule legte Wert darauf, dass es nicht einfach ein gekauftes Geschenk war. Das konnte ja jeder.
Sie legte das Heft zur Seite und überlegte mit geschlossenen Augen weiter. Da es ein anstrengender Tag gewesen war und im Zimmer schön warm und gemütlich, schlief sie bald darauf ein.

Sie träumte, dass sie auf einem Weihnachtsmarkt war. Viele fremde Menschen hatten sich dort versammelt und Jule fühlte sich allein unter ihnen. Nicht ein einziges bekanntes Gesicht sah sie. Ein kleines Mädchen stand weinend neben dem Kinderkarussell. Niemand kümmerte sich um das Kind. Jule sprach es an und fragte, wo denn die Eltern seien. Das Kind antwortete nicht. Verzweifelt schluchzte es. Jule nahm seine Hand und redete beruhigend auf es ein.
„Wir suchen deine Eltern, komm!“ Ein Weihnachtsmann kam ihnen entgegen. Er sah Jule und das weinende Mädchen.
„Oh!“, rief er, „Da hat wohl jemand Kummer. Kann ich helfen?“
Er setzte seine Mütze ab und stülpte sie dem Mädchen auf den Kopf. Dann griff er in seine Manteltasche, holte ein kleines Fläschchen heraus und öffnete es. Er streute ein wenig von dem Inhalt auf den Bommel der Mütze, der daraufhin zu leuchten begann, strahlend hell. Dann nahm er das Kind auf seinen Arm und rief: „Wo sind denn die Eltern des kleinen Mädchens, schaut alle her!“
Eine Frau bahnte sich durch die Menge, sie weinte ebenfalls.
„Mia! Da bist du ja!“, rief sie. „Ich habe dich überall gesucht!“

„Jule! Das Abendbrot ist fertig!“
Jule rieb sich die Augen. Ihre Mutter stand neben dem Bett.
„Ich habe geträumt, es war sehr aufregend, aber alles ist gut ausgegangen!“, erzählte Jule und während sie sich an den Traum erinnerte und der Mutter davon erzählte, wusste sie, was sie Anna zu Weihnachten schenken wollte. Eine Bommelmütze, in gelb-rot geringelt und sie sollte einen Leuchtbommel bekommen, so wie die Weihnachtsmannmütze auf dem Weihnachtsmarkt. Beim Stricken würde Mama ihr helfen und einen Leuchtbommel, den würde sie sicher finden, irgendwo – irgendwie.

© Regina Meier zu Verl