Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Nachdem ich nun viel Post zu meinen Treckergeschichten bekommen habe und ich immer wieder gefragt wurde, wann es denn endlich weiter geht mit dem kleinen Trecker, stelle ich heute die 6. Geschichte vor und es werden weitere folgen. Danke für Euer Interesse und die vielen netten Mails dazu!

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Das Wunder in der Scheune

Ich hatte euch doch von dem schönen neuen Sitzkissen erzählt, auf das ich so richtig stolz war. Margret, die Bäuerin, hatte es für mich gestrickt, bevor Josef mit mir zum Trecker Treff gefahren war. Dort hatten wir zwar keinen Preis gewonnen, aber wir sahen beide sehr fesch aus, der Josef mit seiner neuen Weste und frisch gestutztem Bart, und ich auf Hochglanz poliert und mit dem wunderbaren Sitzkissen.
Ja nun, wenn ihr jetzt erfahrt, warum ich dieses Kissen nicht mehr benutzen kann, dann werdet ihr sagen: Ist doch nicht so schlimm! Wetten?
Passt auf, das war so:
Ich stand, wie immer, in der Scheune und erfreute mich am Feierabend. Der dicke grüne Traktor hatte eine große Halle für sich allein. Mir gefiel es in der Scheune, dort hatte ich seit vielen Jahren meinen Platz. Ab und zu bekam ich Besuch, sogar mitten in der Nacht. Ein paar Mäuse trippelten durch die Scheune und suchten nach etwas Essbarem. Aber auch Violetta die schwarz-weiße Katze verirrte sich schonmal bei mir. Manchmal lag sie sogar auf meinem nigelnagelneuen Sitzkissen und schlief dort ein paar Stunden. Ich hatte nichts dagegen, war ich halt nicht so allein.
Ich hatte in den letzten Tagen immer mal gedacht, dass Violetta ganz schön dick geworden war. ‚Vielleicht frisst sie sich Winterspeck an‘, dachte ich noch und als ich sah, dass ihr Bauch beinahe über den Boden schleifte, musste ich kichern und hätte ihr am liebsten gesagt: Jetzt ist es aber genug, Violetta. Habe ich aber nicht, wie auch, sie hätte mich doch nicht verstanden.
Auf jeden Fall kam Violetta eines Nachts in die Scheune. Sie sah komisch aus, gar nicht so wie sonst. Gut, sie war dick geworden, aber daran hatte ich mich längst gewöhnt. In dieser Nacht aber war sie träge wie noch nie und sie schaute sich so ängstlich um, so als befürchte sie Schlimmes. Ganz seltsam eben. Sie atmete auch viel schneller als sonst und machte dabei so pfeifende Geräusche.
Ich bin ein alter Trecker und ich habe eine gewisse Lebenserfahrung. Also dachte ich mir schon, dass Violetta möglicherweise Junge bekommen würde und auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Geburt war. Dass sie schließlich diesen Platz in meinem Führerhaus wählte und sich dafür das Kissen vom Sitz zog, um es im Fußraum zu drapieren, konnte ich ja nicht ahnen.
Genau so passierte es aber. Violetta lag auf dem Kissen im Fußraum des Führerhauses und atmete schnell und schneller. Und ich, ich konnte gar nichts tun. Ich konnte nur ein guter Gastgeber sein und sie gewähren lassen, selbst wenn sie auf meinem schönen Kissen lag und das sicher nicht unbeschadet bleiben würde. Nicht so schlimm, habe ich doch gesagt!
Jedenfalls dauerte es ungefähr zwei Stunden, genau kann ich es nicht sagen, weil ich keine Uhr auf dem Tacho habe. Aber ich habe ein ganz gutes Zeitgefühl. Nach den zwei Stunden waren dann die Kätzchen geboren, was für ein Wunder. Josef hat mir später erzählt, dass es acht junge Kätzchen waren und eines bezaubernder war als das andere. Wir ließen Violetta und ihre Kinder weiter im Führerhaus wohnen. Josef und Margret brachten ihr jeden Tag frisches Futter und Wasser und stellten ihr sogar das Katzenklo ganz in die Nähe.
Josef und Margret haben übrigens direkt am nächsten Morgen von der wundersamen Geburt erfahren, nachdem ich mal eine Ausnahme gemacht habe und einfach von mir selbst aus laut gehupt habe, aber psssst, nicht verraten, dass ich das kann, abgemacht? Josef hat gemeint, dass Margret das nur geträumt haben kann, das mit dem Hupen, dann hat er aber doch nachgesehen und den Rest kennt ihr ja nun.
Margret strickt mir übrigens ein neues Kissen, nett, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte 1

Gebraucht werden ist schön (Folge 1)

Auf einem Bauernhof, gar nicht weit von hier, steht in einer Scheune ein kleiner roter Trecker. Die rote Farbe sieht man fast nicht mehr, denn eine dicke Staubschicht hat sich in den letzten Monaten auf die Bleche gelegt. Der Trecker ist traurig. Früher hat er hart gearbeitet, heute wird er nicht mehr gebraucht. An seiner Stelle schafft jetzt ein neuer, moderner Traktor. Er ist grün und etwas größer als unser trauriger Geselle.
Am ersten Sonntag im Juli soll auf dem Hof das Heu eingefahren werden. In der Scheune wurde Platz geschaffen, das Scheunentor steht weit auf, so dass der kleine Trecker auf den Hof sehen kann. Wie gern würde er nun helfen, aber niemand kümmert sich um ihn.
Gerade kommt der grüne Trecker aus der Wiese zurück. Er hat das Heu noch einmal gewendet und in Welle gefahren, jetzt hängt der Bauer die Heupresse an und dann wird es losgehen zum Pressen.
Die Helfer fahren mit den Fahrrädern voraus, der Bauer geht noch kurz ins Haus. Dann schwingt er sich auf den Sitz und will den Trecker anlassen. Doch – es passiert nichts, der grüne Trecker macht keinen Mucks. „Verflixt!“, flucht der Bauer und steigt wieder ab. „Was ist denn nun wieder los?“
Natürlich bekommt er keine Antwort, Trecker reden nur, wenn der Motor läuft. Wenn ihnen etwas fehlt, dann fangen sie an zu stottern oder brummen. Ein Trecker, der nicht läuft, kann nicht sagen, was los ist. Der Bauer weiß das eigentlich, trotzdem versucht er es noch einmal: „Kannst du mir mal sagen, warum ich so viel Geld ausgegeben habe für dich und wenn es drauf ankommt, dann springst du nicht an?“
Der Bauer überprüft, ob noch genügend Treibstoff im Tank ist, er öffnet auch die Motorhaube und schaut dort nach dem rechten. Doch er kann machen, was er will, der Trecker schweigt.
Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf, in der Ferne hört man schon den Donner grummeln. Ein Gewitter zieht auf.
‚Hol mich hier raus‘, denkt der rote Trecker. ‚Gleich gibt es Regen und dann ist das schöne Heu plitschnass!‘
Genau dieser Gedanke kommt auch dem Bauern in diesem Moment, er rennt in die Scheune, nimmt einen Besen und fegt den kleinen Traktor ab. Das kitzelt, der Kleine muss lachen – aber nur ganz leise. “Lass mich nicht im Stich, Kleiner!“, sagt der Bauer und streicht liebevoll über das Schutzblech. Er überprüft die Reifen, es ist alles in bester Ordnung und etwas Diesel ist auch noch im Tank. Der kleine rote Trecker springt auf Anhieb an und schnurrt wie eine Katze.
Die Heupresse wird angehängt und dann geht es ab zur Wiese, wo schon alle warten. Sie staunen, dass der Bauer mit dem alten Trecker angefahren kommt, aber sie sind so froh, dass er ohne Probleme durch die Reihen fährt und das Heu in Bunde presst.
Rechtzeitig vor dem Regen schaffen sie es alle zusammen, das Heu aufzuladen und zu Hause in der Scheune zu verstauen.
Alle sind froh und besonders froh ist der kleine rote Trecker, der beweisen konnte, dass man auch wenn man schon etwas älter ist und nicht mehr ganz so modern, seine Arbeit tun kann und gebraucht wird.
© Regina Meier zu Verl