Engel der Obdachlosen

Vorwort:
Die Geschichte stammt aus einer Sammlung mehrerer Geschichten rundum den Advent und Weihnachten. In der Rahmenhandlung befinden wir uns in einem Café und dort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Insgesamt sind es 20 Begegnungen, eine davon möchte ich hier vorstellen.

„Engel der Obdachlosen“

Heute ist es ruhig im Café. Ein jüngerer Mann sitzt an einem Tisch in der Nische, er scheint nervös zu sein, denn immer wieder schaut er auf seine Uhr. Sarah bringt ihm einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Auf ihre freundlichen Worte reagiert er kaum. Nach einer Viertelstunde betritt ein weiterer, älterer Man den Raum, schaut sich suchend um und begrüßt dann den Jüngeren. Sarah hört, wie er sich vorstellt. Die beiden Männer kennen sich also nicht persönlich. Auch er bestellt einen Kaffee. Sie sprechen leise miteinander, doch als das Gespräch in Fluß kommt, schnappt die junge Kellnerin einige Sätze auf, die sie dazu veranlassen, sich diskret zurück zu ziehen.

„Er hat oft von Ihnen gesprochen, wissen Sie?“
Siegfried Müller schüttelte den Kopf.
„Wie soll ich das wissen, ich habe ihn ja gar nicht gekannt!“
„Entschuldigen Sie, das war gedankenlos!“ Herr Stein hob bedauernd die Hände, überlegte einen Moment und fuhr dann fort:
„Vielleicht sollte ich einfach von vorn anfangen, also von unserer ersten Begegnung. Sie sollen alles erfahren, was ich über ihn weiß!“
„Gut, erzählen Sie einfach. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch Sie etwas von meinem Vater erfahren werde.“
„Es war ein Sonntag, Anfang Dezember 1985. Es hatte schon seit Tagen gefroren und die Bäume waren über und über mit Raureif bedeckt. Sie glitzerten in der Morgensonne. Herrlich sah das aus. Ich ging mit meinem Hund im Park spazieren. Damals konnte man die Hunde einfach so laufen lassen, ohne dass man damit rechnen musste, eine Strafe zu bekommen. Heute geht das ja nicht mehr, ist ja auch richtig so. Aber ohne den alten Bruno hätte ich Leo, Ihren Vater, wohl niemals kennengelernt. Mein Hund lief immer ein Stückchen voraus, aber ich musste nur kurz pfeifen, dann kann er zu mir zurück. Nicht so an diesem Tag. Ich machte mir schon Sorgen, da ich ihn seit einigen Minuten nicht gesehen hatte, als er plötzlich anschlug. Irgendetwas hatte er entdeckt und nun wartete er auf mich, um es mir zu zeigen.
Auf einer etwas abgelegenen Bank saß Leo, völlig in sich zusammen gesunken. Ich dachte schon, dass er tot sei, weil er sich gar nicht rührte. Aber er war nur starr vor Angst und Kälte, wie sich später herausstellte. Ich nahm meinen Bruno an die Leine und sprach Ihren Vater an. Nie werde ich diesen traurigen Blick vergessen. Mir war klar, dass es mit einem netten Gespräch nicht getan war, dieser Mann war in Not und ich musste handeln. Ich lud ihn also ein, eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, da ich ja ganz in der Nähe wohnte. Ich nahm seinen Rucksack, hielt den Bruno an der kurzen Leine und ging los. Er stand schwerfällig auf und folgte mir, oder seinem Rucksack, der scheinbar sein ganzes Hab und Gut enthielt. Bis dahin hatte er noch kein einziges Wort gesprochen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich ihm sofort vertraute und nicht einen Gedanken daran verschwendete, was passieren könnte, wenn ich ihn in mein Haus einlud. Ich schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Später stellte sich dann erst heraus, dass wir beide im gleichen Jahr geboren waren, 1950. Na ja, das machte wohl das Leben auf der Straße, das einen altern lässt. Die Kälte, die Nässe, die unregelmäßigen Mahlzeiten. Damals lebte er ja schon fünf Jahre von der Hand in den Mund, ein schreckliches Schicksal, dachte ich mir.“
Friedrich Stein nahm einen Schluck Kaffee und winkte die Kellnerin heran, um sich ein Wasser zu bestellen.
„Entschuldigen Sie, mein Mund ist ganz trocken vom vielen Erzählen“, sagte er und dann ging es weiter.
„Meine Frau hatte das Frühstück vorbereitet, als wir beide zu Hause eintrafen. Auch für sie war es keine Frage, dass er mit uns essen und trinken sollte. Man merkte allerdings, dass er selbst ein Problem damit hatte und es schlecht annehmen konnte. Er sprach nicht viel, bedankte sich aber höflich und man konnte merken, dass er, wie man so sagt, aus gutem Hause kam. Wir stellten ihm keine Fragen, obwohl mir vieles auf den Lippen brannte. Bescheiden aß er und trank seinen Kaffee. Dann erhob er sich und verabschiedete sich. „Ich danke Ihnen Herzen!“, sagte er noch. Dann nahm er seinen Rucksack, zog seinen alten Parka an und wollte das Haus verlassen. „Warten Sie!“, rief meine Frau und verschwand im Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Paar Stricksocken und selbst gestrickten Fausthandschuhen zurück. „Die habe ich für unseren Kirchenbasar gestrickt!“, sagte sie und drückt ihm die Wollsachen in die Hand. „Die werden Sie wärmen!“
Leo nahm beides an, dann verließ er das Haus und wir sahen ihn einige Tage nicht mehr. Jeden Morgen im Park hielt ich nach ihm Ausschau, ich machte mir Sorgen. Ich war ja zu der Zeit noch berufstätig und war morgens immer nur kurz mit Bruno im Park. Ingrid, meine Frau, gab mir jeden Morgen ein Paket mit Broten mit, falls ich ihn treffen sollte. Das legte ich dann auf die Bank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Das Proviantpaket war stets am nächsten Tag verschwunden.“
Jakob Stein machte eine Pause. Er schaute den Jüngeren an und erkannte die Züge des Vaters in dessen Gesicht.
„Hat er sie genommen?“, fragte Siegfried Müller.
„Ja, das habe ich aber erst später erfahren. Er schellte eines Tages an unserer Tür und brachte einen Blumenstrauß für meine Frau und eine Flasche Wein für mich. Ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, dass ich ihn erneut einlud, zu bleiben und ein wenig von sich zu erzählen. Er berichtete, dass er sich endlich Hilfe gesucht habe und nun in einem Heim für Obdachlose untergekommen war. So musste er den Winter nicht draußen verbringen. Mittlerweile war es ja bitterkalt geworden. Es war ein paar Tage vor Weihnachten.“
„Von welchem Geld hat er Blumen und Wein kaufen können? Wissen Sie das?“
„Ja, er fand einen Job. Als Weihnachtsmann verkleidet zog er durch die Straßen und wenn es zu kalt war, dann hatte er seinen Platz im Eingangsbereich des Kaufhauses. Eine Agentur hatte ihn vermittelt. Ich habe dort mal nach ihm geschaut. In seinem Kostüm war er kaum zu erkennen. Es fiel mir auf, dass seine Augen strahlten, wenn die Kinder ehrfürchtig vor ihm standen. Er hat das sehr genossen, ich hatte sogar das Gefühl, dass er glücklich war.“
Siegfried Müller lächelte. Es tat gut, zu hören, dass der Vater irgendwie die Kurve bekommen hatte.
„Leider war das ja ein Job auf Zeit. Wer braucht schon nach Weihnachten einen Weihnachtsmann, nicht wahr?“
„Wie ging es weiter?“, fragte der Jüngere ungeduldig.
„Gesehen habe ich ihn danach nur noch ein paar Mal. Er kam zu uns und bat meine Frau, ihm das Socken stricken beizubringen! Diese warmen Socken haben ihm so gut geholfen damals, dass er auch anderen damit helfen wollte. Die beiden haben dann im Wohnzimmer gesessen und gestrickt. Er hatte das sehr schnell begriffen. Irgendwann konnte er es ganz allein. Meine Frau hat ihm dann noch jede Menge an Restwolle geschenkt und dann haben wir ihn aus den Augen verloren.“
„Hat er Ihnen erzählt, warum er uns damals verlassen hat?“, fragte Siegfried Müller mit Tränen in den Augen.
„Nein! Wir haben auch nicht gefragt. Wir hatten Angst, dass wir ihn damit verschrecken würden. Ich habe nur immer wieder gespürt, dass er eine große Sehnsucht nach Ihnen hatte. Er war aber wohl zu stolz, um Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Ich habe angenommen, dass Ihre Mutter ihn sehr verletzt haben muss.“
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Dann suchte Herr Stein etwas in seiner Brieftasche und beförderte schließlich einen alten Zeitungsartikel hervor mit der Überschrift „Leo, der Engel der Obdachlosen“. Er gab dem Jüngeren den Artikel, der über einen Obdachlosen berichtete, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Obdachlosen seiner Stadt mit selbstgestrickten Socken zu warmen Füßen zu verhelfen.
„Behalten Sie den Ausschnitt, vielleicht finden Sie ihren Vater ja dadurch. Ich fand diesen Bericht erst im letzten Jahr in unserer Heimatzeitung!“
„Ich danke Ihnen so sehr, lieber Herr Stein. Ich werde ihn suchen und vielleicht habe ich ja das Glück, ihm hiermit ein wenig näher gekommen zu sein!“
Die beiden Männer tauschten noch ihre Adressen aus, dann verließen sie das Café, beide in der Hoffnung, dass sie der Weihnachtsfreude noch ein Stück weit näher gekommen waren.

(c) Regina Meier zu Verl