Frühling auf dem Land

Frühling auf dem Land

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Als Katinka aus dem Bus stieg, schloss sie erst einmal fest beide Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Ja, so musste der Frühling riechen. Ein bisschen nach Sonne, ein bisschen nach Regen, ein bisschen nach Blüten und ein ganz klein wenig nach Pferdemist. Das war genau die richtige Mischung, Katinka liebte den Geruch auf dem Land und sie liebte die langen Wochenenden bei ihren Großeltern auf dem Hof.
„Na, junges Frollein, hältst du ein Mittagsschläfchen?“ Das war die Stimme von Georg, der auf dem Hof half. Katinka kannte ihn schon lange und freute sich, ihn zu sehen.
„Hey, Georg, hat Opa dich geschickt?“
„Nein, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen: Katinka kommt, Katinka kommt!“, antwortete Georg und nahm Katinka den Rucksack und die Sporttasche ab.
„Blödmann, alter!“ Katinka lachte. Bei Georg durfte sie sich das erlauben. Sie neckten sich immer ein wenig gegenseitig und da stand keiner dem anderen was nach. Fast war es schon wie ein Wettkampf unter ihnen, wem die meisten Neckereien einfielen, es gab aber keinen der siegte oder verlor.
„Bist du etwa zu Fuß hier?“, fragte Katinka und schaute sich suchen um.
Georg schüttelte den Kopf.
„Aber nein, Frollein Katinka, das würde ich mir niemals erlauben. Dann müsste ich Sie ja tragen und mir sind die Taschen schon schwer genug!“, meinte Georg. „Balthasar steht in der Nebenstraße!“
„Yippieh!“, kreischte Katinka. Georg war mit Balthasar da, dem lieben alten Radaubruder Balthasar. So hieß nämlich Opas Trecker und Katinka liebte ihn von Herzen, den Trecker und den Opa natürlich auch.
„Nicht so laut, da fallen ja die Kirschblüten von den Bäumen vor Schreck!“ Georg lachte schon wieder und zeigte auf den Bürgersteig, der über und über mit Kirschblüten bedeckt war.
„War ich das etwa?“, fragte Katinka betroffen und schaute zum Baum auf, der noch reichlich blühte und von dem noch eine Menge Kirschblüten aufs Pflaster segeln würden. Beruhigt bückte sie sich, nahm die Blüten mit beiden Händen und warf sie in die Luft.
„Es schneit, es schneit, Kirschblütenschnee!“, rief sie und drehte sich im Kreis wie eine Ballerina. Dann entdeckte sie den Trecker und wie von selbst fingen ihre kleinen Füße an zu flitzen, schneller und immer schneller. Als sie Balthasar erreicht hatte, drückte sie ihm einen dicken Schmatzer auf den Kotflügel. Schmatz!
Georg wieherte beinahe vor Lachen. „Sie küsst den Trecker, ich fasse es nicht!“, rief er und wären Leute auf der Straße gewesen, die wären stehengeblieben. Aber gerade war Mittagszeit, da waren alle zu Hause, so schien es jedenfalls.
Georg verstaute das Gepäck, Katinka kletterte auf den Kindersitz und schon konnte es losgehen. Georg ließ den Trecker an, der machte ein mordsmäßiges Getöse, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Glücklicherweise auch nicht die Worte der Leute, die sich wohl in ihrer Mittagsruhe gestört fühlten und nun laut schimpfend, so sah es jedenfalls aus, in ihre Vorgärten geeilt waren. Balthasar gefiel das wohl sehr, denn vor Freude schickte er eine dicke schwarze Wolke aus seinem Auspuff.
Katinka fand das lustig, obwohl es ziemlich müffelte und Georg gab nochmal ordentlich Gas.

Zehn Minuten später hatten sie den Hof von Katinkas Großeltern erreicht. Oma stand schon an der Pforte und winkte ihnen fröhlich zu und Opa kam auch zur Begrüßung aus der Deelentür.
Katinka formte mit den Händen einen Trichter und schrie: „Da bin ich!“
Georg lachte. „Wir sind nicht zu überhören!“, rief er und parkte den Trecker mitten auf dem Hof. Katinka sprang ab und rannte auf die Großeltern zu. Opa packte sie und wirbelte sie in die Runde, so dass ihr ganz schwindelig wurde. Dann bekam Oma einen dicken Schmatz und alle waren glücklich.
„Hast du Hunger, Kind?“, fragte Oma überflüssigerweise, denn Katinka hatte immer Hunger und besonders hier bei Oma und Opa schmeckte das Essen nochmal so gut. Ob das an der Landluft lag?
„Aber Oma, du weißt doch, dass wir mit dem Essen noch kurz warten müssen, weißt schon, wegen …“, Opa machte einen bedeutungsvollen Blick zur Scheune hin. Von Oma fing er sich allerdings einen Rüffel ein:
„Ich bin nicht deine Oma!“, tadelte sie Opa. „Mein Name ist immer noch Hildegard!“
„Okay, Hildegard, die Katinkas Oma ist!“, sagte Opa und schlug die Hacken zusammen wie beim Militär. Das machte er ganz oft so, deshalb wusste sogar Katinka, was das zu bedeuten hatte.
„Dann komm, Enkelkind Katinka“, ordnete Opa an. „Wir gehen in die Scheune!“
Katinka schaute von einem zum anderen und verstand gerade nicht, was hier eigentlich los war. Georg war ihr auch keine Hilfe, der grinste nur wie ein Honigkuchenpferd im Sommer.
Opa ging vorweg, dann kam Katinka, dann Oma Hildegard, danach Georg und zu Schluss schlich Toni, die Hauskatze hinterher. Als sie im Gänsemarsch bei der Scheune angekommen waren, öffnete Opa einen Spalt breit die Tür und winkte Katinka zu sich.
„Versprich mir, dass du nicht schreien wirst. Vorher lasse ich dich nicht rein!“, sagte er und schaute Katinka streng an.
„Ich verspreche es!“, sagte Katinka feierlich und hob wie zum Schwur die Hand.
Was dann kam, hatte Katinka in ihren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Vorsichtig betrat sie die Scheune, vorsichtshalber hatte sie die Hand auf den Mund gelegt, falls ihr doch ein Schrei entweichen sollte. Ihre Augen mussten sich zuerst an das Licht in der Scheune gewöhnen, doch dann sah sie es. Da stand doch tatsächlich ein Pony in der alten Pferdebox, die seit vielen Jahren leer gestanden hatte. Früher, als Mama noch zu Hause gewohnt hatte, war es die Box von Mamas Stute Ninette gewesen. Doch die war eines Tages im Pferdehimmel eingezogen, so hatte man es Katinka erzählt.
„Oh!“, sagte Katinka leise und noch einmal: „Oh!“
Opa lachte. „Du darfst schon etwas sagen, nur schreien solltest du nicht. Tinka ist noch so schreckhaft, sie wohnt erst seit drei Tagen bei uns!“
„Oh, ein Mädchen!“, sagte Katinka andächtig und dann war sie nicht mehr zu halten. Sie liebkoste das Pony, klopfte ihm den Hals, streichelte seine Nüstern und flüsterte ihm liebe Worte zu.
Das war der Anfang einer großen Liebe, einer, an der es nichts zu rütteln gab. Katinka und Tinka wurden sofort die besten Freundinnen und ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es über die beiden jede Menge zu erzählen gibt. Stimmt, aber das sind neue Geschichten.

© Regina Meier zu Verl

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Hier kannst du dir die Geschichte anhören, viel Spaß!

Frühling auf dem Land – zum Anhören

Bine und die Traumfee

Bine und die Traumfee    unter dem Text auch zum Anhören

Bine konnte vor Müdigkeit kaum die Augen offenhalten. Aber schlafen wollte sie auf keinen Fall, denn in ein paar Minuten war es so weit, ihr sechster Geburtstag stand bevor. Sie freute sich sehr, denn das bedeutete, dass sie bald in die Schule gehen durfte. Sie war jetzt ein großes Mädchen.
Ob sie wohl die tolle Schultasche mit dem Einhorn darauf bekommen würde? Bine war mächtig gespannt. Im Haus war es still, nichts regte sich. Wäre heute nicht Vollmond, dann hätte sie im Zimmer nichts sehen können.
Bine schaute im Zimmer umher und versuchte krampfhaft die Augen offen zu halten. Trotzdem nickte sie kurz ein. Plötzlich tippte jemand leicht auf ihre Schulter. Bine erschrak und wusste zuerst gar nicht, wo sie war.
„Na, du bist mir ja ein Geburtstagskind!“, sagte eine feine Stimme, die Bine nie zuvor gehört hatte. „Du verschläfst den Anfang deines Geburtstages. Und das, wo wir uns so große Mühe gegeben haben, es richtig schön für dich zu machen!“
„Wer bist du und warum habt ihr euch so viel Mühe gegeben?“ Sie warf einen Blick zum Fenster, durch das der dicke Vollmond grinste. Es sah so aus, als lache er sie aus.
„Nun, da draußen bin ich nicht, da musst du mich nicht suchen.“ Das Stimmchen kicherte. „Ich bin hier bei dir im Zimmer, besser gesagt: wir sind hier in deinem Zimmer!“
Bine schaute sich um. Alles sah aus wie immer, oder halt… hatte sich dort im Bücherregal etwas bewegt.
„Hey, sitzt da jemand in meinem Regal?“, flüsterte Bine aufgeregt.
Dicht an Bines Ohr kicherte jemand.
„Das ist der Bücherwurm, der wohnt da!“
Bine erschrak. „Igitt, ein Wurm, der macht mir alle meine schönen Bücher kaputt.“
„Keine Sorge“, beruhigte die Stimme. „Er gräbt nur einen Weg für dich, damit du in unsere Welt, die du so liebst, eintreten kannst, denn wir haben für dich eine Geburtstagsparty vorbereitet. Schließlich ist es ein besonderer Geburtstag, denn schon bald wirst du lesen lernen und kannst dann all die Geschichten selbst lesen.“
„Ja, darauf freue ich mich schon. Einige Buchstaben kenne ich schon, zum Beispiel die aus meinem Namen“, sagte Bine stolz. Dann stockte sie. „Aber jetzt möchte ich erst einmal wissen, wer du bist. Sitz du etwa in meinem Ohr? Bist du ein Ohrwurm?“
Gekicher. „Nein, ich bin kein Wurm. Halte einmal deine Hand vor dich, mit der Handfläche nach unten!“
Bine hielt ihre Hand vor sich, genauso, wie die Stimme es gesagt hatte. Plötzlich kitzelte etwas ihren Handrücken und Bine entdeckte die kleine Fee, die sich dort niedergelassen hatte. Ihr entfuhr ein „Oh-wie-niedlich“.
Die Fee kicherte. „Ich wusste, dass du das sagen würdest!“, sagte sie.
„Wie konntest du das wissen?“
„Ich kenne dich schon etwas länger. Ich bin nämlich deine Traumfee, liebe Bine. Ich bin bei dir, aber nur wenn du schläfst, heute mache ich eine Ausnahme, weil doch dein Geburtstag ist! Herzlichen Glückwunsch übrigens!“
„Danke schön!“, sagte Bine höflich.
„So, nun geht es aber los“, sagte die Traumfee. „Zuerst muss du erraten, in welchem deiner Bücher der Bücherwurm einen Pfad für dich gebuddelt hat!“
Bine überlegte einen Moment.
„Ich habe keine Ahnung, kannst du mir einen Tipp geben, bitte?“, bettelte Bine.
„Ja, es ist dein Lieblingsbuch!“, verriet die Traumfee.
„Dann ist es das dicke Märchenbuch von Oma, aus dem mir meine Eltern jeden Abend eine Geschichte vorlesen! Richtig?“
„Ganz genau! Kannst du das Buch bitte einmal holen?“, bat die Traumfee. „Ich setze mich wieder auf deine Schulter, weil du beide Hände zum Tragen brauchst.“
Bine holte das dicke Buch aus dem Regal und trug es zum Bett. Dann kuschelte sie sich wieder unter die Decke, denn es war noch recht kalt nachts, obwohl der Frühling draußen schon überall zu spüren war.
„Gut so! Schlag nun die Seite mit deiner Lieblingsgeschichte auf!“, bat die Traumfee und da musste Bine gar nicht lange überlegen.
„Das ist die Geschichte von Benno, dem Hund, der von zu Hause weggelaufen war.“
„Hihi, ich wusste, dass du das sagen würdest!“, kicherte die Traumfee. „Mindestens einmal in der Woche müssen deine Eltern die vorlesen und wenn deine Oma zu Besuch ist, dann täglich!“ Die kleine Fee lachte so reizend, dass Bine mit einstimmte. Die Traumfee hatte ja recht, sie, Bine, kannte die Geschichte in und auswendig, so oft hatte sie die schon gehört.
Bine schlug also die Seite auf und staunte nicht schlecht, als da auf der Zeichnung vom Hund Benno der Bücherwurm saß und sie angrinste.
„Hey, Bine, happy Birthday!“, sagte er.
„Oh, wie niedlich!“, rief Bine und entschuldigte sich sofort dafür. „Ist mir so rausgerutscht, Entschuldigung!“
„Nun ja“, sagte der Bücherwurm. „Es gibt schlimmere Adjektive!“
„Hä?“ Bine stutzte. Das Wort kannte sie nicht.
„Wie-Wörter“, versuchte der Bücherwurm zu erklären, merkte aber, dass es das nicht besser machte.
„Lern erst einmal lesen, danach lernst du dann, dass Wie-Wörter beschreiben, wie etwas ist. Zum Beispiel ‚die dunkle Nacht‘, da ist dunkel das Wie-Wort!“, fügte er noch hinzu.
Damit gab sich Bine für den Moment zufrieden.
„Pass auf, du musst nun ganz still sein und die Augen schließen, denn jetzt geht die Party richtig los!“, flüsterte die Traumfee.
Bine schloss die Augen und lauschte. Unter der Decke war es schön warm und mittlerweile war schon fast eine halbe Stunde ihres Geburtstages vergangen. Sie hielt die Augen geschlossen und mit einem Mal sah sie die Traumfee, die mit ihren Freundinnen einen Reigen tanzte und der Bücherwurm stand auf einem Hocker und dirigierte ein Orchester, das wunderbare Musik machte. Da waren Grillen, die auf der Geige spielten, ein Hirschkäfer saß am Klavier, Frösche quakten im Takt der Musik und ein Spatzenchor sang ein Geburtstagslied. Wie schön das klang. Bine stand auf und klatschte vor Freude in die Hände und dann wurde sie an die Hand genommen und tanzte mit den Feen. Ein bisschen wunderte sich Bine, dass die Feen genauso groß waren wie sie selbst – aber was spielte das für eine Rolle, wenn man glücklich war, nicht wahr?

„Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück!“, sangen Mama und Papa. Bine öffnete verschlafen die Augen und wusste in diesem Moment gar nicht wo sie war. Hatte sie nicht gerade noch mit den Feen getanzt?
Mama hatte einen Kuchen in der Hand, auf dem sechs Kerzen brannten.
„Auspusten, meine Große!“, sagte Mama. Bine richtete sich auf und wollte gerade pusten, als ihr das dicke Märchenbuch in den Bauch piekte. „Au!“, rief sie und Mama wunderte sich, wie es denn auf Bines Bett gekommen war.
Bine sagte nichts, sie wollte nicht, dass die Erwachsenen das einfach abtaten mit einem: Das hast du sicher nur geträumt. Denn sie war fest davon überzeugt, dass ihr Erlebnis in der Nacht ganz echt wahr gewesen war. Bombensicher!

© Regina Meier zu Verl

Bine und die Traumfee – zum Anhören
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