Leni und der Herzballon

Leni und der Herzballon

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Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.
Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.
„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.
Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.
„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.
Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.
„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.
Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.
Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.
Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.
„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“
Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.
„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.
„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“
„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“
Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.
In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.
Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.
„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.
„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

© Regina Meier zu Verl
Diese Geschichte wurde von meiner Freundin Helen Swetlik ins Englische übersetzt:

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Das Vorher und das Nachher

Das Vorher und das Nachher

Das Vorher und das Nachher

Wir waren eine glückliche Familie, die es geschafft hatte, so manchem Sturm im Leben zu trotzen.
Alles änderte sich, als Großvater gestorben war. Für uns alle gab es nur noch ein Vorher und ein Nachher. Die jeweilige Grenze zu überschreiten war schmerzhaft und so fingen wir an, es zu vermeiden. Meist lebten wir im Vorher, erzählten uns Geschichten einer Zeit, die besser gewesen war, als die, die nun vor uns lag.
Wir trauerten gemeinsam. Das schweißte uns als Familie noch mehr zusammen. Trotzdem gab es immer wieder auch Streit, weil wir alle so dünnhäutig geworden waren.
„Du hättest ihm noch die Haare schneiden sollen!“, warf Oma meiner Mutter vor. „Er sah ja ganz schrecklich aus an seinem letzten Tag!“
Mama hatte weinend das Zimmer verlassen, ihre Jacke genommen und die Haustür hinter sich ins Schloss fallen lassen.
Oma begann auch zu weinen und ich reichte ihr ein großes Stück von der Küchenrolle, in das sie lautstark schnäuzte.
„Ich habe es doch nicht böse gemeint“, schluchzte sie.
„Das weiß ich doch, Oma. Und Mama, die weiß es auch!“, versuchte ich sie zu trösten, während meine kleine Schwester auf ihren Schoß kletterte und die Ärmchen um sie schlang.
Nach einem solchen Vorfall kam meine Mutter meist nach ein paar Minuten zurück und dann tranken die beiden Frauen Tee miteinander, mit einem kleinen Schuss Rum drin, so, wie Großvater ihn gern gehabt hatte.
Papa hielt sich aus allem raus. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu zeigen und deshalb schwieg er lieber gleich. Er vermisste die abendlichen Gespräche mit Mama. Oma saß immer gemeinsam mit ihnen im Wohnzimmer. Sie wollte einfach nicht allein sein in ihrer Wohnung, das verstanden wir alle.
Aber das Leben musste weitergehen. Wir Kinder kehrten zuerst zur Normalität zurück. Wir spielten miteinander, zunächst noch still, dann aber fingen wir an zu streiten und raufen und das Leben kehrte zurück ins Haus. Wir bezogen Oma in unsere Spiele mit ein und manchmal gelang es uns, dass sie sogar ein wenig lachen konnte. Das war schön, erleichtert stellten wir fest, dass sie immer seltener weinte. Jedenfalls sahen wir es nicht mehr so häufig.
An einem Abend, ein paar Tage vor meinem Geburtstag, lag ich in meinem Bett und las noch ein wenig in meinem spannenden Buch. Es ging um einen Zaubertunnel, der in einem Waldstück lag und immer wenn ein Mensch durch diesen Tunnel ging, dann kam er auf der anderen Seite verwandelt wieder heraus. Erik, die Hauptperson in meiner Geschichte, war gerade als Hund wieder erschienen und das fand ich einerseits lustig, aber auch ein wenig beängstigend, denn er konnte sich nicht zurückverwandeln. Das glaubte ich jedenfalls. Ich klappte das Buch zu und machte mir so meine eigenen Gedanken dazu. Wäre es schön, ein anderes Leben zu haben, fragte ich mich, als ich jäh in meinen Überlegungen gestört wurde.
Papa kam in mein Zimmer. „Ist Jule bei dir?“, fragte er und trat an mein Bett.
„Nein, sie ist doch schon längst im Bett, ich habe ihr sogar noch etwas vorgelesen, dann ist sie eingeschlafen!“
„Sie ist nicht in ihrem Bett!“, behauptete Papa. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und rannte zu Jules Zimmer. Tatsächlich, sie war nicht da.
„Vielleicht musste sie mal!“, stellte ich fest.
„Im Bad ist sie auch nicht, in der Küche und im Wohnzimmer auch nicht!“
Der Tunnel fiel mir ein. Ich hatte Jule davon erzählt. Vielleicht hatte sie sich auf die Suche gemacht und sich verirrt. Meinen Eltern erzählte ich das aber nicht, denn sofort packte mich das schlechte Gewissen. Was war, wenn Jule meine Geschichte für wahr gehalten hatte?
„Ich gehe mal hoch zu Mutter“, schlug mein Vater vor und machte sich auf den Weg. Mama und ich warteten an der Treppe, wir wagten kaum zu atmen und lauschten angestrengt.
Dann erschien mein Vater oben an der Treppe. Er legte den Finger auf die Lippen und winkte uns nach oben.
„Das müsst ihr euch anschauen!“, flüsterte er.
Wir folgten ihm leise zu Omas Schlafzimmer. Dort lagen die beiden, Arm in Arm, im großen Ehebett. Oma schnarchte selig und Jule hatte sich eng an sie gekuschelt.
Leise gingen wir wieder nach unten.
„Das ist die beste Therapie für Oma!“, sagte meine Mutter und lächelte.
Von da an durften wir Kinder abwechselnd bei Oma schlafen und das tat uns allen gut. Wir waren im Nachher angekommen und es tat nicht mehr so weh, wenn wir die Grenze zum Vorher überschritten. Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, dass Großvater immer noch bei uns war und sicher fand er es gut und richtig, dass wir sein Bett nun in Beschlag genommen hatten.

© Regina Meier zu Verl