Seelengedanken – Reizwortgeschichte

Angeber, Buch, radieren, wundern, braun

Das waren die Wörter, die unterzubringen waren. Dieses ist vorläufig die letzte Reizwortgeschichte, erst im neuen Jahr geht es weiter hier. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore und Martina

(und nun gestehe ich, dass ich, als ich diese Gedanken aufschrieb, es einfach habe laufen lassen und es war mir nicht möglich, das Wort Angeber unterzubringen … die anderen Vorgabewörter sind aber drin – sorry. Aber das Wort passte so gar nicht in meine Seelengedanken)


Seelengedanken


In einem Buch hatte sie einmal gelesen, dass es wichtig ist, möglichst vor Mitternacht einzuschlafen, da sich um Punkt Zwölf die Seelen unserer Verstorbenen, mit denen der Lebenden verbinden.
Ob das stimmte, wusste sie natürlich nicht, aber der Gedanke gefiel ihr. Also versuchte sie es, damals, als ihr Vater gestorben war. Sie hätte ihm noch so viel zu sagen gehabt und dann war er einfach gegangen. Das war lange her, aber es verging noch immer kein Tag, an dem sie nicht an ihn dachte.
Ob sich ihre Seelen um Mitternacht verbunden haben, vermochte sie nicht zu sagen. Es hatte jedenfalls nicht auf Anhieb funktioniert, aber der Gedanke ließ sie einfach nicht los.
Heute weiß sie, dass es für eine solche Verbindung keine bestimmte Zeit gibt. Das mag bei jedem Menschen anders sein. Bei ihr ist es die Stunde zwischen dem Aufwachen am Morgen und dem „Sich-nochmal-einkuscheln“, um die Wärme des Bettes und Ruhe des frühen Morgens zu genießen. In dieser Stunde, glaubt sie, ist ihr Vater bei ihr. Manchmal auch der Großvater oder der Freund aus der Schule, der schon so lange tot ist. Aber meist ist es der Vater. Sie reden miteinander, ohne Worte natürlich, die Gedanken fliegen hin und her und es geht dabei nicht um Übersinnliches, meist nicht, es geht um Alltägliches, um miteinander Erlebtes.
An manchen Tagen wacht sie weinend auf, an anderen Tagen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Immer dann, wenn der Vater einen seiner uralten Witze zum Besten gegeben hat. Ja, sie wundert sich, dass er das noch immer tut. Der alte Witz, dass jemand eine Briefmarke kaufen will und den Mann am Postschalter bittet, den Preis auszuradieren, weil es doch ein Geschenk sein soll, taucht immer mal wieder auf. Sie kann keine Briefmarke am Schalter kaufen, ohne genau daran zu denken. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen.
Eigentlich ist ihr Vater der, der er immer für sie war und vieles von dem, was sie vergessen glaubte, fiel ihr in der Stunde am Morgen wieder ein, wenn sie ohne Worte mit ihrem Vater plauderte, ganz locker, ganz ungezwungen, ganz so wie früher.
Ganz deutlich sieht sie den Vater dann vor sich. Er trägt seinen braunen Lieblingspullover, hat die Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Gesicht ruht in seinen Händen. Das ist seine Lieblingsposition. Sie hat das übernommen von ihm. Auch sie sitzt so da, wenn sie nachdenkt. Vor vielen Jahren, als sie auch einmal wieder so dasaß, kam ihr der Gedanke, der sie nie wieder losgelassen hat: „Ich bin er, als seine Tochter lebe ich für ihn weiter, wir sind eins!“ Das war und ist für sie tröstlich und es macht sie dankbar, sehr dankbar!

© Regina Meier zu Verl