Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal zum Weihnachtsbaum werden würde. Die Tannengeschwister im Wald hatten so viel davon erzählt und in jedem Jahr waren einige von ihnen verschwunden und niemals mehr zurückgekommen. Die kleine Tanne hatte nicht gewusst, ob es erstrebenswert war, ein Weihnachtsbaum zu werden. Trotzdem hatte sie sich immer ein wenig geärgert, wenn die Menschen sie betrachtet hatten. Oft hatte sie Worte gehört wie: Die ist doch viel zu klein, geradezu mickrig. Das hatte weh getan.

In diesem Jahr hatte es geklappt. Ein Mann war mit seiner Tochter Laura in den Wald gekommen und hatte lange nach einem passenden Baum gesucht, als das Mädchen stehen blieb und rief:
„Schau hier, Papa, dieser schöne Baum ist genau richtig für uns.“
Die beiden trugen eine scharfe Säge bei sich und einigten sich schnell, dass es eine gute Wahl war, die kleine Silbertanne mitzunehmen. Als der Vater die Säge ansetzen wollte, bekam das Bäumchen heftige Angst und rief: „Halt, nicht sägen, dann sterbe ich!“

Als hätte er die Worte gehört, hielt der Mann inne. Er trat ein wenig zurück, betrachtete den Baum erneut und schüttelte den Kopf.
„Warte hier!“, sagte er zu seiner Tochter. „Dieses Bäumchen ist viel zu schade, um es abzusägen. Ich werde einen Spaten aus dem Auto holen, dann graben wir es aus.“
Glücklicherweise war der Waldboden nicht gefroren. Mitsamt aller Wurzeln wurde die Tanne in den Kofferraum geladen und dann trat sie die erste Reise seines Lebens an, hinaus aus dem Wald und hinein in eine warme Stube.
„Oh!“, staunte Lauras Mutter, „So ein schöner Baum, der ist ja niedlich! Ganz entzückend!“
Am Abend schmückte dann die ganze Familie den Baum mit bunten Glaskugeln und Strohsternen, mit Holzspielzeug und echten Kerzen. Die kleine Tanne war mächtig stolz. Wie schön es doch war, ein Weihnachtsbaum zu sein.

Es folgten glückliche Tage. Die Tanne war nie allein, denn es kamen viele Menschen zu Besuch, die Großeltern, die Nachbarn und Freunde und alle betrachteten den Weihnachtsbaum und lobten seinen schönen Wuchs und herrlichen Schmuck. Es wurden Lieder gesungen, die waren fast so schön, wie der Gesang der Waldvögel im Frühling. Die kleine Tanne war einfach nur glücklich.
Da sie in einem großen Blumentopf eingepflanzt war und regelmäßig Wasser zu trinken bekam, ging es ihr gut. Nur ab und zu war es ihr etwas zu warm und sie sehnte sich nach kühler, frischer Luft.

Als das Weihnachtsfest längst vorbei war und die Menschen wieder zur Schule gingen oder zur Arbeit, wurde es ruhiger im Wohnzimmer und die kleine Tanne fühlte sich allein.
„Morgen werden wir den Baum abschmücken und in den Garten pflanzen!“, beschloss Lauras Mutter und der Vater nickte zustimmend.
„Du hast Recht, aber ich denke, wir sollten das Bäumchen wieder an seinen alten Platz im Wald bringen.“
„Ja, Papa, das finde ich richtig“, rief auch Laura. „Ich komme mit!“

Vater und Tochter brachten die kleine Tanne zurück in den Wald. Als Laura sich verabschiedete, hängte sie ein rotes Glasherz an einen der Zweige.
„Damit ich dich immer erkennen kann, wenn ich im Wald bin und vielleicht können wir dich im nächsten Jahr wieder in unser Haus holen. Danke, kleine Tanne!“

Ein ganzes Jahr stand die Tanne wieder an ihrem Platz im Wald, freute sich über den Frühling, den Sommer und den Winter. Als es im Advent anfing zu schneien, sah man ihr rotes Glasherz schon von weitem leuchten.
„Wann kommst du, kleine Laura?“, dachte die Tanne, die so gern wieder ein Weihnachtsbaum sein wollte. Doch sie wartete umsonst.
An einem Sonntag, es war der vierte Advent, kam ein Mann einer Säge. Er schaute sich um und suchte nach einem geeigneten Baum für das Fest. Da entdeckte er die kleine Silbertanne mit dem roten Herzen.
„Na bitte“, sagte der Mann. „Hier ist doch schon ein toller Baum.“ Er setzte die Säge an; im gleichen Augenblick zerbrach das Herz aus Glas mit einem lauten Knall. Der Mann erschrak.
„Das ist kein gutes Zeichen!“, rief er. „Dich lasse ich wohl besser hier stehen!“
Er nahm seine Säge und stapfte weiter durch den Schnee.
Die kleine Silbertanne war erleichtert. War auch ihr Herz zerbrochen, so würde sie doch weiterleben und wieder einen Frühling, Sommer und Herbst erleben.

© Regina Meier zu Verl

Weihnachten liegt in der Luft

Weihnachten liegt in der Luft

Lenny verstand die Welt nicht mehr. Was war denn nur mit seinen Menschen los. Seit Tagen rannten sie im Haus hin und her, räumten und sortieren, rissen die Gardinen von den Fenstern, hängten sie dann wieder davor, schrubbten die Fußböden und wedelten mit einem seltsamen Besen an den Decken herum. Selbst sein Hundekörbchen hatten sie auseinandergenommen und als später wieder alle Decken und Kissen hineingelegt wurden, roch alles so seltsam.

„Oh!“, rief Mama, und noch einmal „Oh, wie riecht das gut! So frisch!“

Doch das fand Lenny gar nicht. Es duftete nicht mehr wie er selbst, ja, fast hätte er sein Lieblingskissen gar nicht mehr erkannt.

Dann wurde der kleine Tisch neben dem Fernseher auch noch weggebräumt. Das fand Lenny gar nicht mehr witzig, denn dort lag er gewöhnlich drunter, wenn die Familie versammelt war und auch die kleinen Menschen zu Besuch waren. Lenny liebte diese kleinen Menschen sehr, sie waren viel näher an ihm dran als die Großen. Aber sie waren tollpatschig und wenn er in aller Seelenruhe auf dem Teppich lag, dann stolperten sie über ihn oder sie zogen an seinen Ohren. Ihnen fiel immer etwas ein, wie sie Lenny aus der Ruhe bringen konnten. Erst neulich hatte die kleine Maila sich auf seinen Rücken gesetzt und immer „Hopp, hopp!“ gerufen.

Lenny hatte gedacht, dass das ein Befehl gewesen war und sich vorsichtig erhoben. Die Kleine war runtergefallen und hatte sofort angefangen zu kreischen, als wäre die Welt untergegangen. Ach du je, war das eine Aufregung gewesen. Mama hatte ihn böse angefahren.

„Lenny, raus, sofort!“ hatte sie gerufen und das klang wirklich sehr böse. So kannte Lenny Mama gar nicht. Tief traurig, mit hängenden Ohren, war er in die Diele gelaufen und hatte sich dort hinter einem Blumenständer versteckt. Den ganzen Nachmittag war er dort liegen geblieben und seitdem versteckte er sich stets unter dem Tisch, der da gerade aus dem Wohnzimmer getragen wurde.

Lenny beobachtete das Treiben von seinem Körbchen aus. Als nach einer Weile der Vatermensch nach Hause kam und eine Tanne ins Wohnzimmer schleppte, fiel es ihm ein. Es war wohl wieder Weihnachten, der Baum war ein sicheres Zeichen. Gleich würden sie Kugeln und Sterne an die Zweige hängen und allerlei Glitzerkram. Ja, und Lichter, viele Lichter. Und er, Lenny, würde nicht im Wohnzimmer schlafen dürfen, weil er doch im letzten Jahr an den Baum gepinkelt hatte. Wie hätte er denn wissen sollen, dass er das nicht durfte? Im Wald machte er das ja auch und da hatte noch niemand gemeckert.

Schnuppern war aber sicher erlaubt, Lenny wollte so gern wissen, wie der Baum roch. Vorsichtig verließ er sein Körbchen und schlich sich an die Tanne heran. Köstlich duftete sie, so gar nicht nach Waschmittel wie sein Körbchen. Interessant war auch, dass da wohl ein anderer Hund diesen Baum markiert haben musste. Lenny war aufgeregt. War der Kumpel möglicherweise noch in der Nähe? Und warum durfte der das und er nicht? Das war ungerecht, jawohl, sehr ungerecht!

Wie gern hätte Lenny nun seinerseits den Baum markiert und dem fremden Hund eine Nachricht hinterlassen. Er traute sich aber nicht.

„Lenny!“, rief Mama, die gerade ins Wohnzimmer kam. „Weg vom Baum! Du wirst doch wohl nicht wieder …“ Sie packte ihn am Halsband und zog ihn zu seinem Körbchen. „Platz!“, rief sie noch und dann fing sie an, die Tannenzweige zu schmücken.

Nein, Lenny würde nicht an den Baum pinkeln, er war ja nicht blöd, auch wenn seine Menschen das anscheinend dachten. Aber eines war gewiss: Sollte sich dieser fremde Hund hier sehen lassen, dann wäre was los. Das war hier seine Familie und sein Zuhause, niemand hatte hier etwas zu suchen. Lenny würde sein Reich verteidigen und seine großen und kleinen Menschen auch, die besonders.

© Regina Meier zu Verl

 

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