Froschsocken

Froschsocken
Oma Änne schlug mit der Kuchengabel an ihre Kaffeetasse.
„Hört mich denn keiner?“, rief sie verärgert und klopfte ausdauernd weiter.
„Mutter, willst du eine Rede halten?“ David betrat das Zimmer seiner Mutter, nachdem er tief durchgeatmet hatte. Seit Mutter ausgerutscht war und sich dabei das Bein gebrochen hatte, war sie zu einer echten Nervensäge geworden.
„Werde bloß nicht frech, Junge!“, schimpfte sie und drohte mit der Gehhilfe. „Schließlich kann ich mit dem Gipsbein nicht so, wie ich gern möchte. Aber das interessiert hier wohl niemanden!“
„Es ist niemand im Haus, Anna ist beim Arzt und die Kinder sind in der Schule. Sag einfach, was du möchtest, dann kann ich anschließend auch wieder an meine Arbeit!“ So richtig freundlich klang das nun auch nicht mehr. Ständig unterbrochen zu werden war aber auch ziemlich nervig. Die Kinder hatten sich schon angewöhnt auf leisen Sohlen durch das Haus zu geistern, damit Oma sie nicht hören konnte, denn stets lauerte sie auf Geräusche und dann hatte sie einen Auftrag für Lotta oder Leon, der unbedingt sofort ausgeführt werden musste.
„Was arbeitest du denn eigentlich?“, wollte Davids Mutter nun wissen. „Du hast doch gesagt, dass du dein Projekt abgeschlossen hast!“
„Habe ich auch, ich arbeite bereits an einer neuen Sache. Aber um mich das zu fragen hast du doch sicher nicht den Kaffeebecher mit der Gabel traktiert, oder?“
Oma Änne schüttelte den Kopf. „Nein, nicht deswegen. Es ist … es ist kompliziert!“ Tränen traten ihr in die Augen.
„Nichts ist so kompliziert, dass sich nicht eine Lösung dafür fände!“, sagte David und trat näher an seine Mutter heran. „Nun schieß schon los!“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter und sah sie erwartungsvoll an.
„Ach, ich bin so blöd!“, sagte sie nun und die Tränen kullerten nun über ihre Wangen. „Weißt du, dieser blöde Gips, der macht mich noch ganz verrückt und er juckt so schrecklich.“ David nickte.
„Das kenne ich, war bei mir auch so, als ich damals beim Schlittschuhlaufen gestürzt war!“
„Ja, ich weiß! Aber du hast zwar gejammert, aber so blöd wie ich warst du damals nicht!“
„Nun sag schon Mutter, was ist denn passiert?“ David schaute sich das Gipsbein seiner Mutter an, konnte aber nichts Auffälliges daran entdecken.
„Ich wollte nur ein wenig kratzen, nur ein ganz bisschen!“, jammerte sie. „Und da habe ich die Stricknadel genommen und das tat so gut und dann habe ich immer weiter gekratzt und dann ist die blöde Nadel im Gips verschwunden und ich bekomme sie nicht mehr heraus!“
Jetzt war es raus. David unterdrückte ein Lachen. So schlimm konnte das nicht sein, er musste eben mit ihr in die Praxis fahren und den Arzt mal draufgucken lassen. Schlimmstenfalls würde sie einen neuen Gips bekommen.
„Du musst gar nicht so grinsen, ich weiß ja, dass es unvernünftig war. Aber was sollen wir denn jetzt machen?“ Verzweifelt hob Oma Änne die Hände und ließ sie dann wieder in den Schoß sinken.
Dort lag ihr Strickzeug, giftgrüne Wolle auf vier Nadeln, eine Socke im Entstehungsprozess, wie David unschwer erkennen konnte.
„Das werden Socken für Lotta, sie geht doch in diesem Jahr als Frosch zum Karneval!“, erklärte Oma Änne und fing schon wieder an zu weinen.
„Wie soll ich die nun fertigbekommen ohne meine fünfte Nadel?“, fragte sie.
David stutzte, dann fing er laut an zu lachen.
„Ist das deine einzige Sorge?“, fragte er, nach Luft ringend.
„Ja sicher, es geht nicht ohne die fünfte Nadel und ich habe keinen Ersatz und ich muss doch heute fertig werden“, jammerte sie.
„Wir fahren zum Arzt, der wird die Nadel aus dem Gips befreien und dann kann es weitergehen, Mutter.“
Damit war seine Mutter aber nicht einverstanden, es würde viel zu viel Zeit kosten, wertvolle Zeit, die sie fürs Stricken brauchte.
„Zuerst muss ich ins Handarbeitsgeschäft und während ich beim Arzt warte, kann ich schon wieder ein paar Zentimeter stricken!“, sagte sie und klang auf einmal wieder sehr entschlossen. David wusste, dass eine Widerrede in diesem Fall zwecklos war.
Eine halbe Stunde später saß Oma Änne mit ihrem Strickzeug im Wartezimmer ihres Arztes und eine weitere Stunde später schnitt dieser den Gips ein wenig auf und befreite die verlorene Nadel. Die Socke war aber schon fast fertig und Oma war wieder zufrieden.
„Nie mehr werde ich eine Stricknadel in meinen Gips versenken!“, versprach sie und hielt drei Finger in die Höhe. „Ich schwöre!“

HIER auch als Hörbuch

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay

Kontaktsperre und Woll(ver)lust

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Kontaktsperre und Woll(ver)lust
„Ach du Schreck!“, jammerte Else. „Mir ist die Wolle ausgegangen!“ Dem Strumpf auf ihren Nadeln fehlte noch die Spitze. Für Else war das eine mittlere Katastrophe.
„Wo ist sie denn hin gegangen?“, fragte Albert mit einem verschmitzten Lächeln.
„Blödmann!“, schimpfte Else. „Du weißt doch genau, was ich meine! Was mache ich denn nun? Das Woll-Lädchen ist doch geschlossen wegen dieses blöden Virus.“
„Hm!“ Albert tat, als überlege er. „Dann leg das Strickzeug zur Seite und häkle etwas. Hast du schon lange nicht mehr gemacht.“
„Du Döskopf! Nicht weiter denken wie die Nase reicht, ja, das kannst du.“
Else ärgerte sich nun wirklich.
„Wie soll ich denn ohne Wolle häkeln? Kannst du mir das vielleicht auch verraten?“
„Lass uns einen Spaziergang machen. Das ist gesund und bringt uns auf andere Gedanken!“, schlug Albert vor. Er wusste genau, dass er damit bei seiner Else ins Schwarze treffen würde und überwand deshalb seine Trägheit.
Else legte das Strickzeug zur Seite. Sie freute sich, zumal heute die Sonne so herrlich schien. Zu zweit durften sie ja gehen, Albert und sie und das war gut so. Außerdem kam ihr da ein Gedanke. Ingrid! Die hatte doch neulich geklagt, dass sie nicht wisse, was sie mit all der Wolle anstellen sollte, die ihr die Nachbarin bei deren Umzug geschenkt hatte. Zwei große Kisten voller Wolle in den schönsten Farben, so hatte Ingrid es gesagt. Und Ingrid hatte keine Lust zum Stricken. Bestimmt würde sie ihr ein paar Knäuel Wolle für einen schönen Schal oder Pullover abgeben.
„Fein!“, sagte sie. „Da können wir gleich einen Abstecher zu Ingrid und Peter machen. Und …“
„Halt!“, rief Albert entsetzt.
„Hast du es immer noch nicht verstanden? Kontaktverbot, meine Liebe. Muss ich es dir noch einmal erklären, oder siehst du vor lauter Woll-Lust die Realität nicht mehr?“
Else stutzte, dann lacht sie laut auf und kann nicht mehr aufhören zu lachen. „Wollust!“, stammelte sie und dann ging es wieder von vorn los.
Albert hatte es gerade nicht begriffen, warum Else lachte. „Du würdest wegen deiner dämlichen Wolle glatt ins Verderben tappen. Es ist ernst, Else! Die Sache ist ernst.“
„Was? Das Stricken ist ernst? Nein, es entspannt und macht fröhlich. So wie jetzt. Wollust! Hihi! Ist das nicht zu komisch?“
„Hihi!“, machte Albert, aber es klang eher wie ein „Oh-mein-Gott,-die-Alte-spinnt, -was-mach-ich-nur?“
„Und wo krieg ich nun Wolle her, für meine …?“, Else kicherte, und beinahe wäre sie schon wieder in lautes Gelächter ausgebrochen.
Genau in diesem Moment hörte man deutlich den Groschen fallen, der bei Albert festgesteckt hatte. Klirr! Albert schluckte, grinste, lachte laut auf und schlug sich auf die Schenkel.
„Else! Du bist einfach unglaublich!“, lachte er und dann lachten sie zusammen bis Tränen kamen. Hach, das tat gut! Sollten wir alle mal machen, was meint ihr?

© Regina Meier zu Verl

Von Maschen und vom Naschen

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Teddy trägt ein gestricktes Halstuch

Von Maschen und vom Naschen

Oma bringt Lotta das Stricken bei. So lange schon hat Lotta gebettelt, jetzt ist es endlich soweit. Ein quietschbuntes Wollknäuel und zwei Stricknadeln liegen bereit. Es kann losgehen.
„Zuerst müssen wir die Maschen aufnehmen!“, sagt Oma. Sie nimmt den Faden, wickelt ihn um Daumen und Zeigefinger der linken Hand und geht dann mit einer der Nadeln in die Schlaufe am Daumen.
„Guck, wir holen den Faden und haben die erste Masche auf der Nadel, das wiederholen wir, bis wir 30 Maschen haben!“
Ganz langsam macht sie das, damit die Enkelin alles gut sehen kann.
„Das sieht aber ganz schön kompliziert aus“, meint Lotta. „Warum denn so viele Maschen? Und warum lässt du die alle wieder runterfallen?“
Erstaunt schaut Oma Lotta an.
„Ich lasse sie doch nicht fallen, ich nehme sie auf die Nadel!“, sagt sie und macht weiter.
„Und dann?“, will Lotta wissen.
„Dann stricken wir sie ab, eine nach der anderen.“
„Okay, das kriegen wir hin!“, meint Lotta. Oma grinst. Sie weiß, dass da noch die ein- oder andere Klippe zu umschiffen ist, bevor es soweit sein wird.
„Was wird es denn?“, fragt Lotta, die nun auch endlich stricken will.
„Ein Probelappen!“, verkündet Oma. Sie steht auf und stellt sich hinter Lotta. Dann drückt sie ihr die Nadel mit den 30 Maschen in die linke Hand und die leere Nadel in die rechte Hand.
Sie zeigt Lotta, wie sie den Faden um den linken Zeigefinger wickeln muss und hilft ihr dann, die erste Masche zu stricken.
„Von vorn durchstechen, den Faden holen, durch die Masche ziehen und dann die Masche auf der rechten Nadel gut festhalten und den Rest von der anderen Nadel gleiten lassen …“, sagt Oma bei jeder Masche, die sie zusammen stricken.
Wenn Oma ihre Hände führt, geht das ganz einfach. Schnell ist die erste Reihe gestrickt, es wird gewendet und die nächste Reihe ist dran.
Das ist so anstrengend, dass Lotta anfängt zu schwitzen. Aber es macht Spaß, Riesenspaß.
„Du Oma, einen Probelappen finde ich blöd. Können wir nicht gleich ein richtiges Teil stricken? Zum Beispiel einen Schal für mich?“ Lottas Augen leuchten. Das wäre doch megacool, wenn sie morgen mit ihrem selbstgestrickten Schal in die Schule gehen könnte. Da würden die Freundinnen staunen.
„Immer langsam mit den jungen Pferden!“, sagt Oma lachend. „So schnell geht es ja nun auch wieder nicht. Außerdem haben wir nicht genügend Wolle. Für einen Schal brauchen wir mehr!“
Ein bisschen enttäuscht ist Lotta, sie will sich das aber nicht anmerken lassen, wo Oma sich doch so viel Mühe gibt.
„Okay, dann also doch zuerst den Probelappen und morgen kaufen wir Wolle, abgemacht?“ Oma nickt. „Können wir machen, aber jetzt versuch es mal alleine, das schaffst du!“
Oma streckt sich, ihr tut der Rücken weh. Sie setzt sich neben Lotta und passt auf, dass diese alles gut hinbekommt. Fünf Reihen schafft sie an diesem Nachmittag. Wenn man den Probelappen so anschaut, dann ist das noch nicht sehr viel. Trotzdem ist Lotta stolz auf ihr Werk.
„Ich brauche eine Pause!“, verkündet sie. „Du auch?“
„Ja, ich auch und eine Tasse Tee würde ich gern trinken. Kommst du mit in die Küche?“
In der Küche ist Mama dabei Plätzchenteig zu rühren. Lotta darf probieren und ist gleich Feuer und Flamme. Sie möchte beim Backen helfen. Andererseits wartet ihr Strickzeug auf sie. Eine schwere Entscheidung. Oma hat die Lösung.
„Du hilfst Mama beim Ausstechen und immer dann, wenn ein Blech im Ofen ist, dann strickst du eine Reihe. So kannst du beides machen!“
Das ist es doch. Dass Lotta das nicht selbst eingefallen ist. Sie holt ihr Strickzeug aus dem Wohnzimmer und zeigt Mama stolz, was sie schon geschafft hat.
„Super, Lotta!“, sagt Mama. „Der Teig muss nun eine halbe Stunde ruhen, da schaffst du noch ein paar Reihen.“
Als Papa später von der Arbeit heimkommt, findet er drei glückliche Menschen vor, zwei strickend, die andere Teig ausrollend und es duftet herrlich in der Küche.
„Meine drei fleißigen Frauen!“, sagt Papa stolz und drückt eine nach der anderen.
„Nur noch ein Blech, dann sind die Plätzchen fertig und wir können den Tisch für das Abendbrot decken“, sagt Mama und schiebt das letzte Backblech in den Ofen.
Oma räumt ihr Strickzeug zur Seite und auch Lotta beendet ihre Arbeit für heute.
„Ich hole das Kehrblech und den Besen!“, schlägt Papa vor. „Damit ich die runtergefallenen Maschen aufkehren kann, da liegen sicher jede Menge davon unter dem Tisch!“ Er lacht dröhnend.
„Frechdachs!“, ruft Oma. „Der Witz ist alt, älter noch als ich!“
Lotta versteht gerade nicht, über was die beiden da streiten. Sie hat jedenfalls keine Masche verloren, keine einzige.

© Regina Meier zu Verl

Oma Socke

Oma Socke
In unserer kleinen Stadt kannte sie jeder. Ihren richtigen Namen wusste aber fast niemand, jeder nannte sie Oma Socke. Vermutlich hatte sie für jedes Kind unserer Stadt und manchen Erwachsenen Socken gestrickt und diese Socken waren die besten und wärmsten der Welt. Ich weiß das genau, denn auch ich habe so ein Paar Socken besessen und sie gehütet wie meinen Augapfel.
Ihr denkt jetzt sicher, dass es ganz großer Quatsch ist, denn auch andere Menschen können Socken stricken und sogar die gekauften Socken wärmen die Füße und erfüllen ihren Zweck. Aber es ist wirklich kein Blödsinn, den ich euch heute hier erzähle. Das kann mir kein geringerer als der Nikolaus selbst bestätigen. Fragt ihn, wenn ihr ihn in diesem Jahr irgendwo treffen solltet. Ich bin davon überzeugt, dass ihr mir dann glauben werdet.
Was aber war das Geheimnis dieser bunt geringelten Strümpfe? Lange wusste ich das auch nicht, bis ich es vor vielen Jahren erfahren habe. Damals besuchte ich Oma Socke regelmäßig, denn sie konnte nicht nur stricken, nein, sie erzählte auch ganz wunderbare Geschichten. Ich liebte Geschichten und da meine Oma gestorben war, was mich lange Zeit sehr traurig machte, schickte meine Mutter mich zu Oma Socke. Was besseres hätte mir nicht passieren können, denn wenn ich bei ihr war, vergaß ich für eine Weile meine Trauer und irgendwann nahm ich Oma Socke beinahe wie eine eigene Oma an. Das tat uns beiden sehr gut, denn Oma Socke hatte selbst keine Enkelkinder.
„Warum wärmen deine Socken viel besser als alle anderen Socken der Welt?“, fragte ich sie eines Tages. Oma Socke lächelte, zierte sich aber noch ein wenig, mir das Geheimnis anzuvertrauen.
„Wenn ich es dir erzähle, dann ist es ja kein Geheimnis mehr!“, sagte sie. „Aber, ich bin eine alte Frau und vielleicht sollte ich es wenigstens dir erzählen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, wenn ich einmal nicht mehr da bin.“
Dieser Satz machte mir ein wenig Angst, denn Oma Socke hatte ja wohl nicht vor, meiner richtigen Oma in den Himmel zu folgen?
„Du musst bei mir bleiben!“, sagte ich deshalb traurig und das Geheimnis war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. „Ich brauche dich doch!“
Oma Socke standen Tränen in den Augen. Dabei hatte ich sie gar nicht traurig machen wollen, ich hatte doch nur eine Frage gestellt und nun waren wir beide kurz vorm Weinen.
„Ist schon gut, wir müssen ja alle mal gehen!“, sagte sie und dann lächelte sie wieder. „Pass auf, ich erzähle dir jetzt, warum meine Socken so beliebt sind. Sie haben außer der Wolle zwei Zutaten, die sie so besonders machen.“
Das klang geheimnisvoll und ich wollte nun unbedingt wissen, welche Zutaten das waren. Irgendwie klang das lustig, wie beim Backen.
„Und? Was waren das für Zutaten?“, fragte ich.
„Die erste ist die Liebe!“, sagte sie und strich liebevoll über den fast fertigen Strumpf, den sie gerade in Arbeit hatte. „Man muss beim Stricken Freude empfinden und liebevoll an denjenigen denken, für den sie bestimmt sind!“
Das konnte ich verstehen, schon deshalb, weil in meinem Zimmer ein Bild hing, auf dem folgender Spruch stand: Was man mit Liebe tut, wird immer gut! Mama hatte mir das erklärt und seitdem machte ich sogar meine Hausaufgaben mit Liebe, dann ging es mir viel leichter von der Hand. Ich sagte jetzt nicht „Ich liebe dich“ zum meinen Matheaufgaben, das wäre doch zu viel des Guten gewesen. Aber ich ging mit Freude an die Sache und Freude und Liebe liegen ja eigentlich ganz nah beieinander, oder?
„Und? Die zweite Zutat?“, fragte ich ungeduldig.
„Die habe ich vom Nikolaus empfohlen bekommen!“, behauptete Oma Socke. „Warte, ich zeige es dir!“ Sie griff nach ihrem Haarknoten, löste ihn und ihre weißen Haare fielen über ihre Schulter. Wie ein Engel sah sie plötzlich aus. Ich hätte niemals gedacht, dass Oma Socke so lange Haare hatte. Sie griff ein einzelnes Haar und zog es mitsamt der Wurzel aus. Aua! Dann nahm sie ihr Strickzeug, legte das Haar über den linken Zeigefinger, zusammen mit dem Wollfaden, und strickte es in die nächsten Maschen mit ein.
Dann erklärte sie: „Der Nikolaus hat einmal einige Paare Socken bei mir bestellt, die waren für eine arme Familie bestimmt. Am Nikolausabend wollte er die Socken in deren Stiefel stecken. Aber vergiss nicht, sagte er zu mir, eines deiner Haare in jedem Socken mit zu stricken. Das wärmt besonders gut, der Winter wird hart! Selbstverständlich habe ich seinen Wunsch erfüllt und seitdem stricke ich in jede Socke ein Haar von mir mit hinein! So ist das!“
Ihr könnt euch vorstellen, dass ich erstmal sprachlos war. Aber ich weiß genau, dass es stimmt, denn, wie gesagt, ich hatte auch mal ein Paar Socken von Oma Socke, das ich gehütet habe wie meinen Augapfel.
Jetzt kennt ihr das Geheimnis der besten Socken der Welt. Vielleicht strickt ihr ja auch, dann strickt doch mal ein eigenes Haar mit ein, vielleicht funktioniert es bei euch auch – und: vergesst die Liebe nicht!

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich dir die Geschichte vor

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Bildquelle ArtTower/pixabay