Sternengesang

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Jule, Jette und das Jesuskind

IMG_20181207_124716Jule, Jette und das Jesuskind

Es ist Dezember. Im Dorf sind viele Fenster mit Lichtern geschmückt und in den Gärten gibt es schon so manchen Weihnachtsbaum, der eine Lichterkette trägt und am Abend im Glanz erstrahlt.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Schnee, dann kann Weihnachten kommen. Jule und Jette sind schon aufgeregt, denn Weihnachten ist für sie das schönste Fest des Jahres. Das hat nichts mit den Geschenken zu tun, oder nur ein ganz kleines bisschen.
Jule und Jette sind Christkinder, das sagt jedenfalls die Oma. Sie sind am 24. Dezember geboren, alle beide, denn sie sind Zwillinge. Jule ist die Älteste, genau fünf Minuten vor ihrer Schwester erblickte sie das Licht der Welt und darauf ist sie besonders stolz.
„So ein Quatsch“, sagt Jette immer, „was sind schon fünf Minuten?“
Christkinder sind sie, weil der 24. Dezember der Geburtstag von Jesus Christus ist und deshalb haben die Eltern auch Namen gewählt, die mit J wie Jesus anfangen.
Die beiden Mädchen gleichen sich wie ein Haar dem anderen, nur ihre Eltern und Oma Hilde können sie sicher auseinander halten und Tante Sophie kann es nur, wenn eine von beiden anfängt zu reden.
In der kleinen Kirche ist schon ein Adventskranz aufgestellt worden. Am nächsten Sonntag wird die erste Kerze brennen und am Heiligabend stehen dann wieder zwei Weihnachtsbäume rechts und links vom Altar.
„Weißt du was, Jette, ich habe eine gute Idee“, sagt Jule am ersten Dezember zu ihrer Schwester.
„Lass hören!“, sagt Jette und schnappt sich einen Apfel, in den sie genüsslich hinein beißt.
„Wir bekommen doch immer so viele Geschenke, zum Geburtstag und zu Weihnachten…“
„Ja, das ist toll, und was ist damit?“
„Jesus hat doch auch Geburtstag und er bekommt nie etwas geschenkt, wir sollten ihm in diesem Jahr mal eine Freude machen.“
Jette kratzt sich am Kopf, das hilft beim Denken.
„Wie jetzt? Wie stellst du dir das denn vor, Jesus ist doch tot.“
„Stimmt, aber trotzdem ist er doch noch für uns da, wir beten doch jeden Abend zu ihm und weißt du noch, als Oma im letzten Jahr so krank war und Mama gesagt hat, dass sie bald sterben würde, da haben wir gebetet und Oma ist wieder gesund geworden.“
„Stimmt auch wieder, du hast Recht, wir sollten ihm was schenken. Fragt sich nur, was das sein sollte.“
Jules Augen leuchten, sie hat längst eine Idee gehabt und schon sprudelt sie los:
„Die beiden Weihnachtsbäume in der Kirche, die sind immer so nackt. Jede von uns bastelt Strohsterne für einen Baum und dann bringen wir sie am Tag vor Weihnachten in die Kirche und legen sie unter den Baum. Und wenn Jesus Christus sie haben möchte, dann werden sie am Heiligen Abend an den Bäumen hängen. Aber wir verraten keinem etwas davon, abgemacht?“
Jette ist Feuer und Flamme. Gleich am nächsten Tag nach der Schule gehen sie ins Bastelgeschäft und kaufen von ihrem Taschengeld Strohhalme und Kleber.
Jeden Abend verbringen sie in ihrem Zimmer und an der Tür hängt ein Schild „Bitte nicht stören“.
Manchmal stellt Mama ihnen einen Teller mit Keksen und Mandarinen vor die Tür, klopft kurz an und verschwindet dann wieder.
Am Tag vor Weihnachten sind alle Sterne fertig. Jette und Jule gehen zur Kirche und legen die Sterne, es sind genau dreißig Sterne für jeden Baum, unter die Bäume, die Morgen das erste Mal beleuchtet sein werden. Echte Kerzen schmücken die Zweige, der riesigen Tannen.
Dann gehen sie nach Hause und am Abend beten sie gemeinsam: Lieber Jesus Christus, wir haben dir ein Geschenk in die Kirche gelegt. Du wirst es schon finden. Nimm es an, wir sind so dankbar, dass du unsere Oma gesund gemacht hast und jetzt sind wir ganz gespannt, ob du unser Geschenk toll findest.
Peter Michels, der Kirchendiener geht am Morgen des Heiligen Abends noch einmal in die Kirche und schaut, ob alles bereit ist für die Feier am Nachmittag. Er legt das Jesuskind in die Krippe und stellt auch Maria und Josef auf, die in der Adventszeit noch nicht da waren. Dann überprüft er die Kerzen an den Weihnachtsbäumen. Sie müssen richtig fest in den Haltern stecken, damit es kein Unglück gibt, wenn sie am Abend angezündet werden.
Da entdeckt er zwei Pakete unter den Bäumen. „Für das Christkind“ steht drauf und Peter staunt. Wer mag das nur hingelegt haben, denkt er und schaut sich vorsichtig um, ob ihn auch niemand beobachtet. Keiner da, er öffnet die Pakete und findet die wunderschönen Strohsterne darin. Kurz entschlossen holt er noch einmal die große Leiter und schmückt die beiden Kirchentannen mit den Sternen.
Zufrieden betrachtet er sein Werk, dann fährt er nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet.

Als es dunkel wird, läuten die Glocken und die Einwohner des Dorfes gehen zur Kirche. Jette und Jule sind furchtbar aufgeregt.
Sie betreten die festlich erleuchtete Kirche und trauen ihren Augen nicht. Alle Sterne hängen an den Weihnachtsbäumen und das sieht so schön aus, dass die Leute „Aah und Oh, schaut mal“ sagen.
„Danke, lieber Herr Jesus“, sagt Jule zuerst, weil sie ja die Ältere ist und Jette schließt sich an, „Ja, sag ich auch mal, danke!“

© Regina Meier zu Verl