Sommerleicht

Sommerleicht

Sommerleicht

„Lebe deinen Traum“, hatte ich das nicht hunderte von Malen auf Postkarten, in Internetforen als Signatur oder in Selbsthilfebüchern für Depressive gelesen? Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, das auch wirklich umzusetzen.
Dann aber sah ich diesen Film vor ein paar Wochen. Den Titel habe ich vergessen und auch die Handlung ist mir nicht mehr bewusst, vielleicht habe ich auch nur einen Ausschnitt gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle, denn was auch immer ich da gesehen habe, es hat den Hebel in meinem Kopf umgelegt, der verhinderte, mich so zu geben, wie ich eigentlich bin: Selbstbewusst, gut aussehend, attraktiv vielleicht sogar auf eine gewisse Weise schön. Zugegeben, das ein oder andere Kilo auf meinen Hüften gehört eigentlich unter meine Füße, damit Körpergröße und Bodymaßindex harmonieren, es handelt sich also nur um eine Verlagerung von Werten.

Ich fasste den Entschluss, dass ich nicht mehr träumen wollte, sondern leben, mich mutig präsentieren und mich vielleicht sogar neu verlieben. Ich hatte es satt, ständig vorm Internet oder Flimmerkasten zu sitzen. Ich füllte die Anmeldung für den Single-Urlaub an der Ostsee aus und brachte den Brief noch am gleichen Tag zur Post.
In ein paar Wochen begannen die Ferien und danach würde ich ein neuer Mensch sein, jawohl!

Die kommenden Wochen verbrachte ich damit, meine Urlaubsgarderobe zusammen zu stellen, es fehlt nur noch ein neuer Badeanzug, ach was, ein Bikini sollte es sein.
„Haben Sie diesen Bikini auch in Größe 48?“, fragte ich die sympathische Verkäuferin mit Konfektionsgröße zweiunddreißigeinhalb. Sie schaute mich verdutzt an, blieb aber höflich.
„Moment, ich schaue gleich mal nach“, sie verschwand im Lager und kam nach ein paar Minuten mit zwei Bikinis in meiner Größe zurück. Vergnügt wedelte sie mit den Kleiderbügeln.
„Hier, bitte schön. Dort ist die Kabine, wenn sie mal probieren wollen!“ Sie zeigte auf einen kleinen Bretterverschlag, in dem man mit zweiunddreißigeinhalb genügend Platz hat, sich aus den Klamotten zu schälen, ohne sich blaue Flecken zu holen. Ich schluckte.
„Ich befürchte, dass es mir dort zu eng sein wird, ich habe nämlich Platzangst!“, behauptete ich. Die Kleine nickte verständnisvoll.
„Wissen Sie was, wir nehmen die Personaltoilette, dort ist es geräumiger und sie können ungestört anprobieren, okay?“

Fünf Minuten später stand ich in einem blauen Bikini in der Personaltoilette des Kaufhauses und versucht, mich im Spiegel zu betrachten, der über dem Wachbecken hing. Das gelang nur als Brustbild und das fand ich soweit okay. Als ich aber an mir herunterschaute, sah ich, dass der Bikini meine Figur ungemein betonte, das heißt, dass jeder Rettungsring gut zu sehen war und dort, wo die Hose endete, quoll eine unansehnlich Masse überflüssiger Körperfülle hinaus. Schrecklich, fand ich und wollte mich gerade wieder ausziehen, als die innere Stimme wieder mit mir sprach und sagte: Du bist schön! Nimm den Bikini!
„Kommen Sie mit der Größe zurecht?“, rief die junge Verkäuferin, die vor der Tür auf mich wartete. „Soll ich mal gucken?“
Ich schloss die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schaute mich an, bat mich, mich kurz umzudrehen und dann nickte sie anerkennend.
„Sie sehen toll aus, allerdings würde ich die Hose ein wenig größer nehmen, sie kneift und das ist zu gewagt und unvorteilhaft. Moment, bin gleich zurück!“
Sie brachte mir eine andere Bikinihose, die ich gleich anprobierte und sie hatte Recht, ich fühlte mich gleich besser. Als sie mir dann ein blaubuntes Tuch um die Hüften schlang, wagte ich es sogar, die Toilette zu verlassen, um mich im Laden in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Und was ich sah, gefiel mir.
„Alles klar, den Bikini nehme ich und das Tuch auch!“
„Eine gute Wahl!“
„Und eine wunderbare Beratung!“, sagte ich und zwinkerte der Kleinen zu. „Ich werde Ihnen was Schönes aus dem Urlaub mitbringen!“, versprach ich und hielt mein Versprechen.
Ich fand im Urlaub keine neue Liebe, aber es waren viele Menschen dort, mit denen ich plauderte und feierte und ich fühlte mich wie neu geboren, als ich wieder zu Hause war.

© Regina Meier zu Verl

So ein Schreck

So ein Schreck

„Wenn wir ein Fest veranstalten wollen, dann brauchen wir aber auch etwas zu essen und zu trinken.“
Das war typisch für Naschi, sie dachte immer nur ans Essen, dabei war sie schon so dick, dass man sich wundern musste, dass sie noch in ihr Schneckenhäuschen passte.
„Ach Naschi, das ist doch wirklich kein Problem, wir nehmen einfach die frischen Kräuter und sammeln Tau, dann wird schon genug für alle da sein!“ Kiki dachte stets recht praktisch und wenn sie etwas in Angriff nahm, dann klappte das gewöhnlich auch.
Aber Naschi hatte schon wieder etwas einzuwenden.
„Worin sollen wir denn Tau sammeln?“
„Na, in Eichelhütchen oder wir fragen mal die Maiglöckchen, ob sie uns ein paar Blütenbecher zur Verfügung stellen.“, schlug Mariechen vor.
„Igitt, Maiglöckchen duften so kräftig, da würde alles parfümiert schmecken und außerdem sind sie giftig.“ Naschi schimpfte wie ein Rohrspatz.
„Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben. Ich habe schon gar keine Lust mehr auf ein Fest!“ Mariechen zog sich beleidigt in ihr Schneckenhaus zurück.
„Dann sollen sie halt alles alleine machen“, dachte sie und beschloss, vorläufig nicht mehr heraus zu kommen.
„Da hast du es! Immer musst du Mariechen ärgern.“ Auch Kiki war jetzt verstimmt. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Das Fest der Elfen war wunderschön gewesen, so dass die drei Schnecken spontan entschieden hatten, auch mal so eine tolle Fete auszurichten. Und jetzt das hier, dabei hatte Kiki schon ganz viele Freunde eingeladen.
„Ich besuche mal meine Cousine, die Nacktschnecke. Vielleicht hat sie einen Rat für mich. Bin ganz schnell wieder zurück.“, rief Kiki und machte sich auf den Weg.
„Das kann dauern!“ Naschi kaute bedächtig an einem Löwenzahnblatt, aber so richtig wollte es ihr heute nicht mehr schmecken. Hoffentlich hatte sie es sich nicht ganz mit den Freundinnen verdorben, das wäre schlimm. Wer mag schon gern allein sein?

Kiki war völlig erschöpft, als sie am nächsten Morgen zurückkam. Sie wollte erst einmal ein wenig schlafen und verkroch sich ebenfalls in ihr Häuschen, direkt neben Naschi und Mariechen, die noch keinen Fühler vor die Tür gesteckt hatten.
Sie war gerade eingeschlafen, als sie unsanft wieder geweckt wurde. Irgendwer oder was hob sie hoch, ihr wurde ganz schwindlig und sie traute sich nicht, aus dem Häuschen zu schauen. Dann machte es plötzlich „Pling“ und noch einmal und ein drittes Mal „Pling“ und dann war Ruhe.
Kiki hielt die Luft an, sie konnte sich nicht vorstellen, was da passiert war. Nach einer Weile schaute sie ganz vorsichtig aus ihrem Haus und wäre beinahe mit Naschi zusammengestoßen, die auch einen Blick wagen wollte.
„Huch, hast du mich erschreckt!“, rief Naschi und schaute sich dann neugierig um.
„Schau mal, Mariechen ist auch da. Sag mal, wo sind wir denn hier gelandet?“ Naschi kam nun ganz aus dem Schneckenhaus und kroch ein Stückchen weiter auf Mariechen zu.
„Igitt, ist das kalt und glatt hier, das ist doch nicht der Waldboden“, stellte sie fest und Kiki stimmte ihr zu.
„Das ist Glas, wir sind in einem Marmeladenglas gefangen. Schau mal nach oben, kein Himmel weit und breit, aber ein Deckel mit Luftlöchern drin.“
„Und nichts zu essen hier, kein einziges Blättchen“, jammerte Naschi.
Mariechen ließ sich nun auch blicken, sie war die kleinste von allen und hatte furchtbare Angst. Sie fing leise an zu weinen und sagte kein einziges Wörtchen.
„Wir werden verhungern und verdursten, wenn wir nicht bald etwas unternehmen, nun tu doch was, Kiki. Du bist doch sonst immer so klug.“ Naschi quengelte und jammerte.
Kiki versuchte an den Seiten des Glases nach oben zu kommen, das war gar nicht so einfach. Vielleicht könnte sie ja versuchen, den Deckel an die Seite zu schubsen und sie alle konnten entkommen.
Sie war fast am Rand angekommen, als sich plötzlich der Deckel öffnete und eine gewaltige Stimme ertönte: „Na, dir gefällt es wohl nicht da drin!“
„Natürlich nicht, blöde Frage“, antwortete Kiki mutig, aber wohl nicht laut genug, denn die Stimme ertönte aufs Neue.
„Schön da drin bleiben ich pflücke schnell ein paar Kräuter und dann nehme ich euch mit nach Hause.“ Ein Junge gehörte zu der Stimme, er stellt das Glas auf einem Stein ab und suchte den Waldboden nach Grünem ab. Kiki ergriff die Gelegenheit und kroch, so schnell das für eine Schnecke möglich war, auf den Rand des Glases und ließ sich dann hinunterfallen. Dann versteckte sie sich unter einem Blatt, kroch in ihr Haus und verhielt sich mucksmäuschenstill. Voller Angst dachte sie an ihre Freundinnen, die es wohl nicht schaffen würden, aus dem Gefängnis zu kriechen. Die Elfen kamen ihr in den Sinn. Sie musste Hilfe holen, doch wie sollte sie das machen. Sicher kam der Junge gleich zurück und vielleicht würde er nach ihr suchen.
Kiki dachte ganz fest an die Elfen, die versprochen hatten, auf die Schneckenkinder aufzupassen.
„Bitte, bitte, kommt doch, wir brauchen euch jetzt so dringend“, dachte Kiki und dann schlief sie vor Erschöpfung ein.
Ein leises Klopfen weckte sie auf und dann hörte sie die Stimme von Millie, dem Elfenmädchen.
„Kiki, komm nur heraus. Alles ist gut, deine Freundinnen sind in Sicherheit. Ihnen ist nur ein wenig übel, denn sie mussten mit mir auf eine Flugreise gehen. Wenn du magst, bringe ich dich jetzt zu ihnen und dann machen wir ein großes Fest, ein Geburtstagsfest für euch drei Schneckenmädchen.“
Kiki musste jetzt vor Erleichterung auch ein bisschen weinen und dann merkte sie, dass sie schrecklichen Hunger hatte.
Wie froh war sie, als sie endlich Mariechen in die Arme schließen konnte und Naschi hatte bereits leckere Waldmeisterblätter und kühles Wasser für die mutige Freundin bereitgestellt.
Mit vielen Gästen feierten die Schnecken und Elfen ein wunderbares Fest und immer wieder musste Kiki die Geschichte vom Marmeladenglas und der mutigen Befreiungsaktion erzählen.

© Regina Meier zu Verl

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