Julius und sein Schneemann

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Von Julius für den Schneemann gemalt

„Einmal nur möchte ich eine bunte Blumenwiese sehen, das ist mein größter Traum!“, sagt der Schneemann zu Julius, der ihn gebaut hat.
Traurig antwortet der Junge: „Das geht nicht, deine Zeit ist der Winter. Wenn die Sonne wärmer wird, dann wirst du schmelzen!“
„Du hast mich gebaut, also bist du doch mein Vater, stimmt’s?“, fragt der Schneemann.
Julius kichert.
„Das könnte man so sagen!“
„Väter tun alles für ihre Söhne, oder?“
„Alles, was sie können!“, stimmt Julius zu.
„Dann mach, dass ich auf einer Blumenwiese stehen kann!“ Der Schneemann wird immer energischer und Julius immer stiller. Wie soll er seinem Schneemann den Wunsch erfüllen? Er hat keine Idee.
„Mein Vater tut auch alles für mich, aber manche Wünsche kann auch er nicht erfüllen!“
„Es ist aber doch mein einziger Wunsch!“, erwidert der Schneemann.
„Also gut, ich überlege mir was. Aber jetzt muss ich ins Haus, Papa hat schon zum Essen gerufen!“
Als Julius mit seinem Papa am Küchentisch sitzt, fragt er:
„Du, Papa, wenn ich nur einen einzigen Wunsch hätte, würdest du mir den erfüllen?“
„Wenn ich das könnte, dann würde ich es tun. Was wünscht du dir denn?“
„Ach, eigentlich geht es gar nicht um mich, sondern um einen Freund!“
„Erzähl doch mal!“
„Mein Freund der Schneemann draußen wünscht sich auf einer Blumenwiese zu stehen!“
„Wie soll das gehen, es ist doch Winter!“
„Das habe ich ihm auch gesagt, aber er meint, dass es sein einziger Wunsch sei und den möchte ich ihm so gern erfüllen!“, sagt Julius traurig und eigentlich will er gar nicht weinen. Doch da ist es schon passiert, die Tränen kullern die Wangen hinunter.
Papa reicht ihm ein Taschentuch, das er aus der Hosentasche gezaubert hat.
„Mama hätte bestimmt eine Idee“, jammert er. Doch Mama ist nicht da, sie macht eine Kur im Schwarzwald und ist ganz weit weg.
„Vielleicht hätte sie das. Ruf sie doch am Abend mal an!“, schlägt Papa vor.
Plötzlich beginnen Julius’ Augen zu leuchten. Er rast in sein Zimmer und ist in nullkommanichts wieder da. In der Hand hat er ein Bild von Mama.
„Ich hab’s!“, ruft er. „Abends wünsche ich mir immer, dass Mama bei mir ist. Da sie aber nicht kommen kann, nehme ich ihr Bild und schaue es so lange an, bis mir ganz warm wird, vor lauter Liebe und dann geht es mir gleich besser!“
„Das ist schön! Aber was hat das mit dem Schneemann zu tun?“
„Ich male ihm ein Bild und auf dem Bild steht er auf einer bunten Blumenwiese. Das ist dann fast so, als wäre es wahr!“
Papa ist stolz auf seinen Julius und es rührt ihn beinahe zu Tränen, wie klug und gefühlvoll der kleine Mann ist.
Nachdem die beiden den Tisch abgeräumt haben, hilft Papa dabei, ein wunderbares Bild zu malen und später bringt Julius es in den Garten, zu seinem Schneemann. Papa knipst ein Foto vom Schneemann, Julius und dem Blumenwiesenbild und das schicken sie dann zu Mama.
Die wird sich freuen!

© Regina Meier zu Verl 2015

Schneemannliebe

Schneemann und Kind
Schneemannliebe

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Friedrich Gärtner sein Frühstück stets allein eingenommen. Er lebte in einer Seniorenwohngruppe, konnte sich aber so recht nicht anfreunden mit dem Geplapper am Morgen, das ihm zuweilen tüchtig auf die Nerven ging.
Dann war Henriette Müller eingezogen und alles hatte sich seitdem verändert. Friedrich hatte plötzlich wieder Freude daran, sich am Morgen zu rasieren und ein frisches Hemd anzuziehen. Das war ihm lange nicht gelungen und seine Tochter hatte immer wieder mit ihm geschimpft. Sorgfältig frisierte er jetzt sein noch volles, weißes Haar und manchmal summte er sogar ein Liedchen.
Er grämte sich nicht mehr, wenn er ein paar Tage keinen Besuch von seinen Kindern erhielt und sogar seine Gitarre hatte er aus ihrem Koffer befreit, in dem sie monatelang untätig auf ihren Einsatz wartete.
„Guten Morgen, meine Liebe!“ Friedrich deutete einen Diener an. „Ist es gestattet?“, fragte er und deutete auf den freien Platz an ihrem Tisch.
„Ach Friedrich, du musst nicht jeden Morgen fragen, setz dich. Das ist dein Platz!“, antwortete Henriette. Sie lachte und schob sich dann eine Weintraube in den Mund. „Köstlich!“, schwärmte sie.
Friedrich schenkte sich Kaffee ein, nahm einen Schluck und seufzte.
„Hach, das tut gut!“
„Hast du schon aus dem Fenster geschaut heute?“, fragte Henriette und griff nach einem Körnerbrötchen.
„Ja, es hat heftig geschneit, so langsam reicht es mit dem Schnee, finde ich!“ Friedrich mochte den Winter nicht so gern. Früher schon hatte er das Frühjahr herbeigesehnt, damit er endlich wieder in seinem Garten werkeln konnte.
„Ich meinte, ob du HIER schon aus dem Fenster geschaut hast!“, sagte Henriette und deutete auf die große Terassentür.
„Sollte ich?“, fragte Friedrich mit einem Augenzwinkern.
„Solltest du! Unbedingt, am besten sofort!“ Henriette lachte wieder, in Friedrichs Ohren klang das wie Musik.
Friedrich legte die Serviette neben seinen Teller, erhob sich und machte sich auf den Weg zum Fenster. Im Garten, mitten auf der großen Rasenfläche, stand ein riesiger Schneemann. Henriette war ihm gefolgt. Sie hakte sich bei Friedrich ein.
„Ist er nicht wunderbar? Ich liebe Schneemänner, so lange habe ich keinen mehr gesehen!“
‚Der kann nicht echt sein!‘, schoss es Friedrich durch den Kopf, denn er entdeckte keine Rollspuren im Schnee.
„Wie ist er dahingekommen?“, sagte er leise, erwartete aber keine Antwort.
„Er will uns besuchen und kam in der Nacht, gestern war er ja noch nicht da, oder?“ Henriette drückte die Nase an die Scheibe wie ein junges Mädchen. „Er erinnert mich ein bisschen an dich!“
Friedrich stutzte. Er betrachtete den dicken Bauch und die überlange Karottennase des Schneemannes. Es war nicht gerade schmeichelhaft, mit ihm verglichen zu werden.
„Schau, sein Gesichtsausdruck!“, versuchte Henriette zu erklären. „Er guckt wie du, wenn ihm etwas nicht gefällt, er sollte lächeln, das stände ihm viel besser!“
Friedrich lacht laut auf. „Du kennst mich schon ganz gut, meine Liebe!“
„Sollen wir nach dem Frühstück mal zu ihm hinausgehen?“ Henriette zwinkerte Friedrich zu und der war sofort einverstanden.
„Das machen wir!“
Simon, der Praktikant, der in der Teeküche die Kaffeemaschine versorgte, hatte das Gespräch der beiden Senioren grinsend mit angehört. Es war also eine gute Idee gewesen, am Abend mit seinen Jungs den dicken Schneemann zu bauen. Sie hatten viel Freude daran gehabt und als dann später dicke Schneeflocken vom Himmel gefallen waren, die alle Spuren des Bauens zugedeckt hatten, schien ihm die Überraschung perfekt. Und das war sie ja auch!
Als er später Henriette und Friedrich sah, die Arm in Arm vor dem dicken Schneemann standen, fasste er den Entschluss, am Abend eine weitere Aktion zu starten.
„Liebe Frau Holle, lass es noch ein bisschen schneien!“, murmelte er und wenn ich euch jetzt erzähle, dass am Morgen des nächsten Tages neben dem Schneemann eine Schneefrau stand, die fröhlich lächelte, dann wisst ihr ja, wie sie dort hingekommen ist, oder?

© Regina Meier zu Verl

Der Schneemann und die Tiere

Der Schneemann und die Tiere

Im Garten mit dem lustig bunten Gartenzaun stand ein dicker Schneemann und langweilte sich, als es plötzlich dunkel um ihn herum wurde.
„Hey du! Was fällt dir ein? Nimm sofort dieses Ding von meinem Kopf. Ich kann fast nichts mehr sehen!“
Laut hallte die Stimme des Schneemanns durch den Garten. Am liebsten hätte er noch vor Empörung mit den Armen gerudert, doch die hatte ihm die rote Katze mit einem gewagten Sprung bereits ausgerissen. Jetzt hatte ihm jemand ein vertrocknetes Vogelnest auf den Kopf gesetzt. Unverschämtheit!
Sein Gezeter half aber nicht. Niemand kam, um ihm zur Seite zu stehen. Wo waren denn nur die Kinder, die ihn gebaut hatten? Der Schneemann runzelte angestrengt die Stirn, das Vogelnest wackelte ein wenig, fiel aber nicht herunter. Er nickte nicht dem Kopf, vorwärts, rückwärts, seitwärts. Zuerst vorsichtig, dann immer fester. Nichts half! Sowas Blödes aber auch.
Auf einmal gab es einen Ruck, jemand hatte etwas Schweres in das Nest fallen lassen. Der Schneemann stutzte, fühlte, überlegte. Ein Vogel war es, der sich in dem Nest auf dem Kopf niedergelassen hatte, ein großer, schwerer, finsterer Vogel, ein Rabe.
„Geh da weg von meinem Kopf!“, kreischte der Schneemann. „Aber sofort, sonst …“
„Sonst was?“, fragte der große Vogel und lachte hämisch.
„Sonst, sonst …“, der Schneemann wusste keine Worte. Irgendwie wagte er auch nicht, den Vogel heftiger zu beschimpfen. Aber gehörte es sich denn, auf fremden Köpfen herum zu tanzen?
„Sonst bekomme ich Kopfschmerzen, außerdem ist es mein Kopf!“, sagte er schließlich leise. Seine Stimme klang fast ein wenig verzagt.
„Und das hier ist mein Nest! Hier warte ich auf eine Frau, meine Frau, um genau zu sein!“, erklärte der Vogel und ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht nachgeben würde.
„Oh, bitte nicht, du bist allein schon so schwer. Das halte ich nicht aus. Park doch dein Nest woanders. Ich werde sowieso bald schmelzen und dann …“
„Quatsch mit Soße!“, lachte der Vogel. „Schmelzen kenne ich nicht, ist mir auch egal. Jetzt bin ich da und ich bleibe auch. Basta! Es ist ein guter Platz zum Wohnen! Allerdings stört mich dieses rote Ding in deinem Gesicht, es muss weg!“ Der Vogel machte sich an der Möhrennase zu schaffen, zog und zerrte und schließlich landete sie im Schnee.
„Aua!“, rief der Schneemann. „Bist du verrückt?“
„Nö, bin ich nicht, du vielleicht?“, der Vogel lachte und konnte sich gar nicht wieder einkriegen.
„Nein, verrückt ist er nicht, aber schlau!“, rief da ein Stimmchen. „Ich habe nämlich großen Hunger und so eine Möhre, die kommt mir gerade recht!“ Ein kleiner Hase war es, der sich sogleich über die Möhre hermachte.
„Danke, danke, danke!“, riefen auch die Mäuse, die etwas abbekamen von dem köstlichen Mahl. Die Meisen und Spatzen gesellten sich dazu und piepsten aufgeregt, das klang fast wie eine Gartensinfonie, einfach herrlich.
Da ergab sich der Schneemann in sein Schicksal, ja, er hatte sogar Freude an der Gesellschaft der Tiere, denn wenn er ganz ehrlich war, dann hatte er sich schon sehr einsam gefühlt, so allein.
© Regina Meier zu Verl

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Schneemann im Garten – Zeichnung Regina Meier zu Verl