Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (4)

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Spazierfahrt im Morgengrauen
Mit einem Ruck setzte sich der Bauer Josef im Bett auf. Hatte er geträumt, oder war es wirklich so, dass er den Motor des kleinen Treckers gehört hatte? Mitten in der Nacht. Er sah auf den Wecker, vier Uhr.
Er lauschte, hörte aber nichts. Margret, seine Frau, hatte die Decke bis zum Kinn gezogen und schnarchte leise vor sich hin.
„Es wird schon nichts gewesen sein“, beruhigte sich Josef und kuschelte sich wieder ein. So schön warm war es im Bett und er konnte noch gut zwei Stunden schlafen. Als er gerade wieder ein-schlummern wollte, hörte er es wieder. Jetzt war er sicher, dass er nicht träumte.
Mit einem Satz war er aus dem Bett, schlüpfte in Hose und Sweatshirt und flitzte dann barfuß die Treppen hinunter. Er nahm den Hausschlüssel vom Haken und wollte die Tür aufschließen, als er bemerkte, dass diese offen war.
„Ich habe doch nicht vergessen, sie gestern Abend abzuschließen, das weiß ich ganz genau!“, schimpfte Josef. Er lief über den Hof zur Scheune, das Tor stand weit offen und der Trecker – war nicht da.
„Das gibt es doch nicht!“ Josef rannte zurück zum Haus.
„Margret, Vater, steht schnell auf, jemand hat unseren kleinen Trecker gestohlen“, schrie er und seine Stimme überschlug sich vor Ärger.
Noch ganz verschlafen erschien Margret oben an der Treppe.
„Beruhige dich doch, das wird sich schon aufklären“, versuchte sich ihren Josef zu beruhigen. Sie klopfte an die Zimmertür ihres Vaters.
„Papa, bist du wach? Du musst schnell kommen!“, rief sie und öffnete gleichzeitig die Tür zum Zim-mer des Vaters.
Doch der war nicht da. Jetzt bekam Margret einen riesigen Schreck.
„Er ist nicht da“, schrie sie, „Vater ist nicht da!“
Josef wusste sofort, was passiert war. Der alte Herr machte eine Spazierfahrt mit dem Trecker. Und weil er das nicht durfte, hatte er die frühen Morgenstunden gewählt, damit ihn niemand aufhalten konnte. So musste es sein.
Josef nahm ihm das gar nicht übel, doch er sorgte sich sehr, denn der Vater war in den letzten Jahren vergesslich geworden und manchmal wusste er gar nicht mehr wo er war. Es war sogar schon vorgekommen, dass die Polizei ihn nach Hause gebracht hatte, wenn er sich mal wieder im Dorf verlaufen hatte. Seitdem sollte er nicht mehr mit dem Auto oder dem Trecker fahren, das war viel zu gefährlich.
„Wir müssen ihn suchen!“ Josef schnappte sich den Autoschlüssel.
„Fahr zum Teich!“, rief Margret ihm nach. „Das ist sein Lieblingsplatz!“ Doch Josef hörte sie schon nicht mehr, er ließ den Wagen an und fuhr los. So schnell war der Trecker ja nicht, er würde ihn schon finden.
Währenddessen fuhr der kleine Trecker mit dem Vater Fritz auf dem Fahrersitz in den Morgen. Noch war niemand auf der Straße unterwegs. Sie bogen in einen Waldweg ein.
„Ist das nicht wunderbar hier, kleiner Trecker?“, rief Fritz begeistert. „Wie oft sind wir beide durch die Gegend gefahren, aber nun sind wir alt geworden. Du hast es gut, du wirst noch gebraucht. Aber ich, ich darf nicht einmal mehr allein fahren. Sie haben Angst, dass ich mich verirre. Aber ich weiß mir zu helfen, und du, kleiner Trecker, du weißt den Weg ja auch, stimmt’s?“
Der kleine Trecker hupte einmal kurz zur Bestätigung. Fritz lacht laut auf.
„Du verstehst mich, ich wusste es doch!“, rief er voller Freude.
Der Trecker hupte wieder und noch einmal und noch einmal. Er hatte den Josef entdeckt, der nun aufmerksam wurde und ebenfalls in den Waldweg einbog und hupend auf sich aufmerksam machte. Fritz hielt den Trecker an und schaute sich um.
„Schau an, der Josef!“, rief er und kletterte vom Trecker. „Was machst du denn hier im diese Zeit?“
Josef schluckte seinen Ärger hinunter. Zu froh war er, dass er Fritz gefunden hatte und dass ihm nichts passiert war.
„Ich will euch abholen, das Frühstück ist gleich fertig!“, behauptete er.
„Fahrt ihr schon vor, ich bleibe hinter euch!“
Fritz stieg wieder auf den Trecker und ließ ihn erneut an. Dann fuhren sie rechts ab und wieder zurück zum Hof. Margret stand in der Tür. Erleichtert schloss sie ihren Vater in die Arme.
„Gott sei Dank, da seid ihr ja wieder!“
„Klar, wir haben Hunger und Kaffeedurst“, lachte Fritz und drückte seine Tochter.
„Ich geh schon nicht verloren, der kleine Trecker kennt den Weg!“
Seit diesem Tag nahm Josef den Treckerschlüssel mit ins Bett, ihr könnt euch schon denken warum das so war, stimmt’s?
© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte 1

Gebraucht werden ist schön (Folge 1)

Auf einem Bauernhof, gar nicht weit von hier, steht in einer Scheune ein kleiner roter Trecker. Die rote Farbe sieht man fast nicht mehr, denn eine dicke Staubschicht hat sich in den letzten Monaten auf die Bleche gelegt. Der Trecker ist traurig. Früher hat er hart gearbeitet, heute wird er nicht mehr gebraucht. An seiner Stelle schafft jetzt ein neuer, moderner Traktor. Er ist grün und etwas größer als unser trauriger Geselle.
Am ersten Sonntag im Juli soll auf dem Hof das Heu eingefahren werden. In der Scheune wurde Platz geschaffen, das Scheunentor steht weit auf, so dass der kleine Trecker auf den Hof sehen kann. Wie gern würde er nun helfen, aber niemand kümmert sich um ihn.
Gerade kommt der grüne Trecker aus der Wiese zurück. Er hat das Heu noch einmal gewendet und in Welle gefahren, jetzt hängt der Bauer die Heupresse an und dann wird es losgehen zum Pressen.
Die Helfer fahren mit den Fahrrädern voraus, der Bauer geht noch kurz ins Haus. Dann schwingt er sich auf den Sitz und will den Trecker anlassen. Doch – es passiert nichts, der grüne Trecker macht keinen Mucks. „Verflixt!“, flucht der Bauer und steigt wieder ab. „Was ist denn nun wieder los?“
Natürlich bekommt er keine Antwort, Trecker reden nur, wenn der Motor läuft. Wenn ihnen etwas fehlt, dann fangen sie an zu stottern oder brummen. Ein Trecker, der nicht läuft, kann nicht sagen, was los ist. Der Bauer weiß das eigentlich, trotzdem versucht er es noch einmal: „Kannst du mir mal sagen, warum ich so viel Geld ausgegeben habe für dich und wenn es drauf ankommt, dann springst du nicht an?“
Der Bauer überprüft, ob noch genügend Treibstoff im Tank ist, er öffnet auch die Motorhaube und schaut dort nach dem rechten. Doch er kann machen, was er will, der Trecker schweigt.
Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf, in der Ferne hört man schon den Donner grummeln. Ein Gewitter zieht auf.
‚Hol mich hier raus‘, denkt der rote Trecker. ‚Gleich gibt es Regen und dann ist das schöne Heu plitschnass!‘
Genau dieser Gedanke kommt auch dem Bauern in diesem Moment, er rennt in die Scheune, nimmt einen Besen und fegt den kleinen Traktor ab. Das kitzelt, der Kleine muss lachen – aber nur ganz leise. “Lass mich nicht im Stich, Kleiner!“, sagt der Bauer und streicht liebevoll über das Schutzblech. Er überprüft die Reifen, es ist alles in bester Ordnung und etwas Diesel ist auch noch im Tank. Der kleine rote Trecker springt auf Anhieb an und schnurrt wie eine Katze.
Die Heupresse wird angehängt und dann geht es ab zur Wiese, wo schon alle warten. Sie staunen, dass der Bauer mit dem alten Trecker angefahren kommt, aber sie sind so froh, dass er ohne Probleme durch die Reihen fährt und das Heu in Bunde presst.
Rechtzeitig vor dem Regen schaffen sie es alle zusammen, das Heu aufzuladen und zu Hause in der Scheune zu verstauen.
Alle sind froh und besonders froh ist der kleine rote Trecker, der beweisen konnte, dass man auch wenn man schon etwas älter ist und nicht mehr ganz so modern, seine Arbeit tun kann und gebraucht wird.
© Regina Meier zu Verl