Tims Gedankenreisen

Tims Gedankenreisen

Heute habe ich mal wieder eine kleine Reise gemacht. Schön war’s! Meine Eltern glauben mir das ja nicht. Sie sagen, dass ich zu viel Fantasie habe.
Ganz ehrlich gesagt: Sie haben keine Ahnung. Manchmal tun sie mir sogar ein bisschen leid. Dabei ist alles so einfach. Wie gern würde ich sie einmal mitnehmen. Doch sie sagen, dass sie keine Zeit haben. Schade!
Ich brauche dafür nur zwei Cent, vielleicht ginge es sogar ganz ohne Geld, aber so ist es angenehmer. Ich hole mir für zwei Cent einen Kirschlutscher bei Tante Conny, unten im Kiosk. Manchmal bekomme ich einen zweiten geschenkt und das freut mich dann immer total.
Mit dem leckeren Lutscher lege ich mit auf mein Bett und schließe die Augen. Dann dauert es gar nicht lange und ich sehe in Gedanken eine dicke Wolke heranschweben. Wie auf einem Bahnhof: die Wolke kommt, ich steige auf, stecke den Kirschlolli in den Mund und schon geht es los. Langsam erheben wir uns in die Luft. Ich sehe unser Haus, den Garten, das Dorf und dann fliegen wir weiter, die Wolke und ich.
Heute waren wir an der Nordsee. Dort war ich mit meinen Eltern schon oft, deshalb erkenne ich auch genau, was dort unten zu sehen ist. Zum Beispiel der Leuchtturm, das war der von Borkum. Ich meine den rot-weiß geringelten, sicher kennt ihr den auch. Auf Borkum gibt es ja noch zwei, die gefallen mir auch, aber eben nicht so gut wie der Kleine. Das Rot-Weiß kann man auch erkennen, wenn der Turm nicht beleuchtet ist, tagsüber strahlen die Farben schon von weitem.
Die Wolke bringt mich überall hin, ich muss es mir nur vorstellen und schon bin ich da. Das ist so toll, probiert es doch auch mal aus.
Ihr meint, dass es Träume sind? Nein, nein, ich schlafe ja gar nicht, ich reise und das ist wirklich wahr. Ich höre sogar, wenn Papa nach Hause kommt und nach mir ruft. Dann lasse ich mich ganz schnell wieder auf dem Boden absetzen und unterbreche die Reise kurz, um Papa zu begrüßen. Fröhlich erzähle ich vom Leuchtturm und vom schönen Wetter am Meer. Er streicht mir dann übers Haar und sagt: „Mein kleiner Märchenerzähler!“
Tja, so ist das mit Papa, er glaubt mir nicht und denkt, dass er zu alt ist für Gedankenreisen.
Dabei könnte er das auch, er muss es einfach nur ganz fest wollen.
Probiert es doch auch mal aus und denkt an den Kirschlutscher!

P.S. Mama sagte noch, dass ich unbedingt dazu sagen muss, dass man, wenn man das ausprobiert hinterher die Zähne putzen soll … also: macht das!

© Regina Meier zu Verl

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Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com

Die Reisen der Julifrau


Die Reisen der Julifrau

„Es ist mein Los, ständig auf Achse zu sein und das ist auch gut so. Heute Morgen watete ich über den Meeresstrand, jetzt streife ich durch Wiesen und Felder, die Weinberge und Obstgärten werde ich gleich noch besuchen und in den Wäldern nach dem Rechten sehen und den Abend werde ich in den Bergen verbringen. Ein guter Plan für einen guten Tag.“ Die Julifrau nickte zufrieden.
„Hast du dir da nicht ein bisschen zu viel vorgenommen?“, wisperte der Rosenkäfer, dessen grüne Flügel im Sonnenlicht schimmerten. „Du hast doch viele Tage Zeit für deinen Job! Mach eines nach dem anderen!“
Die Julifrau lachte. „Du hast recht, kleiner Käfer, aber ich liebe meine Arbeit so sehr, dass ich alles auf einmal machen möchte.“
„Alles? Auf einmal?“ Der Käfer spreizte die Flügel. „Was ist das überhaupt, dieses ‚Alles‘? Und das gleich auch noch mit diesem ‚Auf einmal‘? Nein, das verstehe ich nicht. Meine Kollegen und ich nämlich, wir, ja, wir machen alles eines nach dem anderen. Stück für Stück für Stück.“
„Genau so ist es richtig“, rief die Julifrau und ihre Stimme klang lauter noch und fröhlicher und voller Energie. „Das mache ich auch. Stück für Stück für Stück wandere ich durch mein Land und das ist auch mein Job.“
„So, so!“, meinte der Rosenkäfer, der sich die Beinchen putzte. „Dann ist es ja gut! Aber meinst du nicht, du verlangst zu viel von dir? Ich meine gehört zu haben, dass dein Monat auch so etwas wie ein Monat der Ruhe und der Pause ist. Die Menschen sagen dies immer und sie lieben deine Zeit, um sich zu erholen … und um im Land herumzureisen.“
Die Julifrau lachte. „Da siehst du es! Sie machen es wie ich.“
„Stimmt!“ Der Rosenkäfer nickte zustimmend und überlegte, ob er auch verreisen sollte. Er kam dann aber zu dem Schluss, dass er ja nicht alles so machen musste wie die Menschen und die Julifrau. Er würde hierbleiben und seine Arbeit machen und am Abend würde er sich ausruhen und die schönen Julinächte genießen.
„Ich hoffe, du wirst Zeit finden, dich um das Wetter zu kümmern“, brummte er daher nur. „Und besonders auf laue Abende und angenehme Nächte. Die liebe ich nämlich und wie mir zu Ohren gekommen ist, mögen die Menschen sie auch über alles gut leiden. Also bitte, streng dich an, gute Frau!“
„Alles wird im rechten Maß geschehen, Sonne, Regen und Sommerspaß, Gewitter und Abkühlung, verlass dich drauf!“, versprach die Julifrau und machte sich auf den Weg in die Berge.
Die Sonne war gerade hinter den Bergen untergegangen, als sie ihr Ziel erreichte. Sie seufzte. „Alles im richtigen Maß!“, murmelte sie. „Wachen und schlafen, arbeiten und ausruhen!“ Dann schlief sie mit einem Lächeln ein.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl


Julifrau?, Bildquelle © pixel2013/pixabay

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