Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt
Heute: Schwiegermutter

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty sucht den Frühling

Oma Betty sucht den Frühling

Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hin will, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

© Regina Meier zu Verl

Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Manchmal weint Oma Betty. Oft kommt das nicht vor, aber gelegentlich schon. Ich versuche sie dann aufzuheitern und erzähle ihr Witze. Sie lacht aber meist aus Höflichkeit. Das merkt man ja, wenn ein Witz gar nicht so richtig ankommt, entweder weil er nicht richtig witzig ist, oder wenn derjenige, der ihn hört einfach nicht in der Stimmung ist.
Oma Betty ist selten traurig. Ich bin dann sehr betrübt, lieber habe ich die Tränen, die sie vor Freude lacht, oder vor Rührung.
Neulich zum Beispiel, da hat sie so herzlich gelacht, dass dicke Tränen über ihre Wangen kullerten. Das war toll und man kann einfach nicht anders und muss mit lachen, bis einem der Bauch wehtut.
Und die Rührungstränen, die weint sie, wenn etwas ganz besonders schön für sie ist. Als Mila letzte Woche zu ihr gesagt hat, dass sie die allerbeste Oma der ganzen Welt ist, da hat sie auch geweint, vor Freude halt.
Ich habe mir vorgenommen, viel öfter solche Tränen bei Oma Betty hervor zu kitzeln. Sicher tut ihr das gut. Mir auch! Denn ich liebe meine Oma sehr.
Wenn Oma schöne Musik hört, dann kann es auch passieren, dass sie sich das ein- oder andere Tränchen verdrückt. Ihre Lieblingsmusik kenne ich schon sehr gut und deshalb war ich voll begeistert, als ich von meinem Klavierlehrer neulich ein neues Stück bekam, das zu Oma Bettys Lieblingsmusik gehört. Ich glaube, ich habe noch nie so fleißig geübt, wie in dieser Woche.
Ihr hättet ihr Gesicht sehen sollen, als ich ihr das Stück dann vorgespielt habe. Prompt nahm sie ihre Geige aus dem Koffer und hat mitgespielt. Zusammen haben wir dann den Reigen seliger Geister so schön gespielt, dass sogar unser Hund mitgesungen hat. Opa hat es wohl nicht so gefallen, er hat sich schnell in den Garten verzogen. Ist halt nicht so sein Ding, die klassische Musik.
Mein Ding eigentlich auch nicht, aber für Oma kann man das wohl mal machen, nicht wahr? Dieser Herr Gluck hat einfach schöne Musik komponiert, da gibt es nichts zu meckern.
Ich habe mich übrigens total gefreut, dass sie die Geige dazu genommen hat. Das hat sie lange nicht gemacht und wenn mich nicht alles täuscht, dann wird sie nun wieder öfter spielen. Finde ich gut!
Jetzt müssen wir nur noch Mila überreden endlich den Flötenkurs zu besuchen, den sie vom Christkind bekommen hat. Bisher weigert sie sich noch. Aber es wäre doch schön, wenn wir zu dritt musizieren könnten. Vielleicht gefällt’s dann auch Opa!

© Regina Meier zu Verl

Oma Betty malt Bäume

Oma Betty malt Bäume

Oma Betty malt Bäume

„Hast du heute Zeit für mich?“, fragt Oma Betty am Telefon. „Ich möchte gern mit dir zum See fahren und die Malsachen mitnehmen!“
Mein Herz hüpft vor Freude, so gern fahre ich mit Oma zum See. Das ist fast schöner als Kino mit Cola und Popcorn, aber nur fast. Anders eben!
„Fährt Opa auch mit?“, will ich wissen, denn ich habe meinen Opa schon ein paar Tage nicht gesehen.
„Nein, du weißt doch, seit Opa Rentner ist, hat er so viel Arbeit, dass er es kaum schaffen kann!“ Oma lacht. Wie immer, wenn sie über Opas Rentnerdasein spricht. Es stimmt auch, Opa ist ständig unterwegs, aber Oma sagt, dass ihm das guttut und deshalb meckert sie auch nicht.
„Ich frage Mama!“, verspreche ich Oma und sage, dass ich sie anrufen werde, wenn ich mit Mama gesprochen habe.
Mama ist im Garten, sie pflanzt Salat, Mila hilft ihr dabei.
„Darf ich mit Oma zum See fahren? Wir wollen malen!“, frage ich und im gleichen Moment weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe.
„Mila will auch mit!“, plärrt meine Schwester da auch schon und lässt die Schaufel fallen.
Das hat mir gerade noch gefehlt.
„Aber Mila, du willst mich doch wohl nicht allein die ganze Arbeit machen lassen!“, sagt Mama und ich bin ihr unendlich dankbar.
„Ich will aber mit!“ Mila stampft mit dem Fuß auf und schon rollen die Tränen über ihr schmutziges Gesicht, das gibt lustige Streifen. Trotzdem ist mir nicht zum Lachen. Ich bin aber auch blöd! Ich hätte wissen müssen, dass ich Mama besser heimlich gefragt hätte.
„Am See ist es viel zu langweilig für dich!“, versuche ich die Situation zu retten. In diesem Moment naht Hilfe in Form von Opa Werner.
„Moin“, ruft er fröhlich. Opa sagt immer „Moin“, selbst am Abend noch. Er liebt nämlich die Nordsee und die Menschen dort, und die sagen auch alle „Moin“.
„Ich wollte mir mal ein Kind ausleihen, am liebsten die Mila!“, sagt er grinsend und zwinkert mir zu.
Verdutzt schaut Mila ihn an. Was soll das nun bedeuten?
„Was hast du denn vor, Vater?“, will Mama wissen.
„Ich habe doch einen Bollerwagen gebaut, der muss nun unbedingt ausprobiert werden. Mila, magst du mein erster Fahrgast sein? Wir könnten in Richtung Eisdiele fahren!“, verkündet er.
Sofort versiegen die Tränen.
„Aber du musst dich zuerst waschen, Kind. So schwarz wie du bist, nehme ich dich nicht mit!“ Opa lacht und zwinkert schon wieder.
„Und du …“, sagt Mama, „kannst Oma anrufen und sagen, dass du mitdarfst!“
Ich mache einen Freudensprung und nehme meine kleine Schwester an die Hand. „Komm, Mila, wir machen uns chic!“, sage ich und dann verschwinde ich mit ihr im Badezimmer. Sie lässt sich ohne Murren das Gesicht waschen und schrubbt ihr Hände mit Seife. Dann packe ich meinen Farbkasten und einen Block ein und mache mich auf den Weg zu Oma.
Wir fahren mit dem Fahrrad zum See. Einen schönen Platz haben wir bald gefunden. Eine halbe Stunde später ist mein erstes Bild fertig, es ist super gelungen, finde ich.
Oma malt Bäume, Oma malt immer Bäume. Es gibt genug davon hier am Ufer, sie spiegeln sich im Wasser. Auf Omas Bild kann man das schön erkennen. So gut kann ich das noch nicht, aber Übung macht den Meister!
„Rate, was ich in meiner Kühlbox habe!“, sagt Oma. Ich wünsche mir, dass es ein Eis ist und was soll ich sagen? Manche Wünsche gehen sofort in Erfüllung, Oma Betty ist eben die Beste und gleich danach kommt Opa Werner. Echt!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty meditiert

Oma Betty meditiert

„Oma, was machst du gerade?“, fragt Mila ihre Großmutter, die im Schneidersitz auf dem Teppich sitzt. Oma Betty öffnet kurz die Augen und lächelt.
„Ich meditiere!“, sagt sie leise.
„Ach so!“, sagt Mila. Sie überlegt eine Weile, dann startet sie einen neuen Versuch.
„Macht das Spaß, Oma, dieses Meditieren?“, fragt sie.
„Es tut gut!“, antwortet Oma. Mila betrachtet Omas Hände, die gefaltet auf ihrem Schoß liegen. Oma atmet ruhig ein und aus. Lustig klingt das Ausatmen, denn da pfeift immer so ein SSSS-Laut mit.
„Oma, warum machst du das?“ Mila hält ihr Ohr nahe an Omas Mund und lauscht.
„Das ist bewusstes Ausatmen, Mila. Versuch es doch auch einmal! Atme durch die Nase ein und dann durch den Mund auf SSS wieder aus!“, schlägt Oma vor.
Mila setzt sich ebenfalls in den Schneidersitz, faltet ihre Hände und atmet bewusst durch die Nase ein und durch den Mund auf SSS wieder aus.
„Ich merke nichts, Oma!“, kichert sie.
„Was solltest du denn merken?“, fragt Oma und öffnet die Augen wieder kurz.
„Na, dass es was mit mir macht. Mir geht’s wie eben, nicht besser und nicht schlechter!“, erklärt Mila.
„Man muss geduldig sein, Mila und regelmäßig üben!“
„Aber ich kann schon ganz lange atmen, Oma, das muss ich doch nicht üben. Jedes Kind kann das!“, meint Mila.
„Es geht nicht nur ums Atmen, es geht darum zur Ruhe zu kommen, den Geist zu erfrischen und auf die innere Stimme zu hören.“ Oma hat eine Engelsgeduld, auch wenn sie sich ein wenig gestört fühlt im Moment. Mila versucht es noch einmal. Fast zwei Minuten lange schafft sie es ganz still zu sein, dann springt sie auf.
„Oma, jetzt hat sie mit mir gesprochen!“, ruft sie fröhlich.
„Wer?“, fragt Oma.
„Die innere Stimme, sie hat geknurrt und gesagt: Mila, du hast Hunger! Was sagte deine Stimme, Oma?“
Oma lauscht, dann lacht sie laut auf.
„Meine innere Stimme sagt: Betty, steh auf und mach dem Kind ein Butterbrot!“
„Meditieren ist toll, Oma!“, sagt Mila und hüpft in die Küche. Morgen wird sie wieder mit Oma meditieren, ganz bestimmt!“

© Regina Meier zu Verl

Lena hat Kummer

Lena hat Kummer

„Es gibt immer einen Weg, mein Kind. Manchmal ist er steinig, aber wenn man ihn überwunden hat, dann geht es wieder leichter voran.“
Die Großmutter nahm die Hände des Mädchens und barg sie in ihren.
„Ich weiß, Oma. Du hast es mir schon öfter gesagt und es stimmt ja auch. Im Moment fühlt es sich aber gerade so an, als ginge die Welt unter.“ Dicke Tränen liefen über das Gesicht des Kindes. Unaufhörlich tropfen sie auf den Schoß der Großmutter.
„Es hilft dir nicht, wenn ich dir sage, wie schwer ich es hatte, als ich in deinem Alter war, Vielleicht möchtest du es trotzdem hören?“
Lena nickte. Ihr war jede Ablenkung vom eigenen Kummer recht und wenn ihre Großmutter erzählte, dann konnte sie für eine Weile die Welt um sich herum vergessen.
„Ich war ungefähr in deinem Alter als meine Mutter krank wurde. Mit zehn Jahren einen Haushalt zu führen, das war nicht einfach. Schließlich hatte ich fünf ältere Brüder und die waren, wenn sie nicht in der Schule oder bei der Arbeit waren, auf dem Hof beschäftigt.“
„Ich könnte das nicht, Mama helfen kann ich, aber alles allein machen, das schaffe ich sicher nicht“, Lena hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn die Mutter nicht da wäre.
„Wir hatten keinen Geschirrspüler, keine Waschmaschine oder Trockner, auch keinen elektrischen Backofen, von einer Heizung ganz zu schweigen. Meine Mutter war zu Hause, aber sie wurde immer schwächer. Als sie starb, war es für sie eine Erlösung. Wir waren alle sehr traurig und haben kaum gesprochen in dieser Zeit. Jeder hatte seine Aufgabe und als ich vierzehn war, da konnte ich schon für alle kochen und sogar die Früchte aus dem Garten einmachen.“
„Einmachen?“, fragte Lena nach, sie hatte dieses Wort noch nicht gehört.
„Ja, die Kirschen, die Erdbeeren und Pflaumen wurden geputzt, entsteint und dann in Zuckerwasser im großen Einmachtopf in Gläser eingekocht. Während des Kochens saugten sie die Deckel durch die Gummiringe am Glas fest und alles blieb lange haltbar. Wir verstauten die Gläser mit den Früchten, aber auch mit Bohnen und Erbsen in den Kellerregalen. So hatten wir auch für den Winter etwas zu essen. Weißt du, wir haben Glück gehabt. Wir haben zwar unsere Mutter verloren, doch unser Hof wurde von den Bomben verschont. Anderen ging es schlechter als uns. Bis …“ Die Augen der Großmutter richteten sich ins Weite. Sie schwieg still und Lena blieb ebenfalls ganz still. Sie streichelte die Hände der Oma und legte den Kopf auf ihre Schulter.
„Du musst nicht weitererzählen, wenn es schwerfällt“, sagte sie.
„Das möchte ich aber, es ist alles so lange her. Trotzdem schmerzt es noch immer. Meine Brüder, Karl und Friedrich kamen nicht aus dem Krieg nach Hause. Lange wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Aber mein Vater hatte es wohl geahnt. Eines Tages bekamen wir Nachricht, dass beide im Dienste für ihr Vaterland gefallen waren.“
„Gefallen?“, fragte Lena.
„Ja, so heißt es, wenn jemand im Krieg stirbt. Meine beiden ältesten Brüder waren nun auch tot. Die anderen drei, Werner, Wilhelm und Heinz waren noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Gott sei Dank!“
Lena schämte sich ein bisschen, dass sie die Oma mit ihrem „kleinen“ Kummer belastet hatte. Was war schon ein dicker Streit mit Kathi gegen das, was ihre Oma erlebt hatte. Aber es tat eben auch weh, wenn die beste Freundin einen verraten hatte. Sollte sie doch mit ihrer neuen Freundin glücklich werden, die ja so viel lustiger war als sie, Lena. Das hatte Kathi jedenfalls behauptet.
„Wir haben es trotzdem manchmal schön gehabt zu Hause. Mein Vater hat getan was er konnte. Meine Brüder haben alle eine Ausbildung bekommen. Werner hat später den Hof übernommen und ich habe den Fritz geheiratet. Ich war sehr glücklich mit ihm. Wir bekamen deinen Vater, der uns viel Freude gemacht hat. Heute denke ich manchmal, wie schön es gewesen wäre, wenn ich auch etwas gelernt hätte.“
„Aber Oma, du kannst doch alles. Du bist eine faszinierende Frau, das hat meine Lehrerin gesagt, als du neulich den Kuchen für das Klassenfest gebacken hattest. Sie war so begeistert von dir, dass ich fast ein wenig eifersüchtig war.“
Oma lachte. Sie drückte Lena noch einen Kuss auf die Stirn und erhob sich aus dem Sessel.
„Meine müden Knochen brauchen noch etwas Bewegung. Machst du noch einen kleinen Spaziergang mit mir?“, bat sie und diesen Wunsch schlug Lena ihr nicht ab.
„Weißt du was, Oma?“, fragte sie, als sie durch den Gemüsegarten gingen und die Fortschritte der Pflanzen begutachteten.
„Du bist die beste Freundin, die sich ein Mensch wünschen kann!“
Oma wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und beugte sich übers Beet. Sie pflückte eine dicke Erdbeere und wischte sie mit ihrem blütenweißen Taschentuch sauber.
„Die ist für dich, beste Freundin von allen!“, lachte sie.

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Hanna malt ihre Gedanken

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna schleicht seit Minuten um mich herum. Stören will sie nicht, aber einfach nur dasitzen und warten, das will sie auch nicht. Amüsiert betrachte ich das Treiben aus dem Augenwinkel, auf meinen Text kann ich mich sowieso nicht mehr konzentrieren. Aber das ärgert mich nicht, das Leben ist hier und jetzt, schreiben kann ich später noch.

„Na, Hanna, ist dein Bild schon fertig gemalt?“, frage ich deshalb, um das Kind zu erlösen. Ihre Augen beginnen zu leuchten, „Endlich“ kann ich darin lesen und freue mich gleich mit.
„Ja, schau mal, ich habe eine Geschichte gemalt und bin sehr gespannt, ob du erkennst, welche es ist!“

Ich betrachte das Bild, das wundervoll bunt ist und viele Details zeigt, die in Ruhe betrachtet werden wollen. Hanna platzt vor Ungeduld, als ich schaue und schaue.
„Na, hast du’s?“
Ich schüttle den Kopf. ‚Manchmal darf auch eine Oma schummeln‘, denke ich und kann das Lachen kaum noch unterdrücken.

„Dieser Frosch hier kommt mir bekannt vor“, sage ich und mache eine Pause, bevor ich mich über das fantasievolle Kleid des weiblichen Wesens auslasse, das dort auf einem Brunnenrand sitzt und weint.
„Jetzt müsstest du aber wissen, welche Geschichte das ist!“, schimpft Hanna empört.
„Weiß ich auch, es ist das Märchen vom Froschkönig!“
Hanna strahlt.
„Du bist die weltbeste Erkennerin!“, lobt sie mich und zieht das nächste Bild hinter ihrem Rücken hervor.

Jetzt wird es schwieriger. Eine alte Frau sitzt in einem Sessel, neben ihr hockt eine Katze auf der Sessellehne. Die Frau hat ein Buch auf dem Schoß, sie liest aber nicht, denn ihre Augen sind geschlossen. An der Wand hängt ein Bild, auf dem ein Hund zu erkennen ist, ein Dackel.
„Hilf mir, Hanna, gib mir einen Tipp“, bitte ich.
„Schau hin“, sagt Hanna und kichert, „du wirst erkennen, welche Geschichte auf dem Bild ist.“
Neben dem Sessel steht ein Korb mit Wolle, aus dem ein halbfertiger Socken heraushängt. Der kommt mir bekannt vor.
„Das ist ja mein Wollkorb!“, rufe ich und freue mich, dass ich der Sache nun auf die Spur komme.
Hanna grinst.
„Dann bin ich wohl die Frau im Sessel, oder?“
Hanna schüttelt energisch den Kopf.
„Nein, das kannst du doch nicht sein, du bist doch allergisch gegen Katzen.“
Das stimmt, ich bin also auf der falschen Fährte. Seltsam ist ja auch, dass die Frau rote Turnschuhe mit neongrünen Bändern trägt.

„Hey, solche Schuhe hast du doch, Hanna, oder?“
„Ja, hier schau, ich habe sie ja an!“
„Die sind aber der Frau auf dem Bild zu klein“, behaupte ich. Hanna überlegt bevor sie antwortet:
„Sie hat sich neue gekauft, in größer.“
„Ach so, dann könnte es ja sein, dass du diese Frau bist, nicht wahr?“
„Stimmt“ Hanna lacht und klatscht übermütig in die Hände.
„Jetzt rate weiter, was ist da los auf dem Bild? Guck doch mal das Buch an, das ich da auf dem Schoß habe“, rät sie.

Auf einmal weiß ich es, das ist das Buch, das ich für Hanna geschrieben habe. Alle Geschichten sind drin, die ich für sie erdacht habe und sie hat es von mir zur Einschulung bekommen. Aber warum ist Hanna so alt auf dem Gemälde und wo bin ich?
Hanna errät wohl meine Gedanken, denn sie fängt an zu erzählen:
„Pass auf! Wir haben heute in der Schule für Lisas Mama gebetet. Du weißt doch, dass sie sehr krank ist und Lisa war heute nicht da und Frau Kruse hat uns gesagt, dass ihre Mama gestorben ist. Alle waren ganz traurig und es tut mir so leid für Lisa, denn nun ist sie allein mit ihrem Papa und eine Oma hat sie auch nicht. Und da musste ich daran denken, dass dir oder Mama auch mal was passieren könnte und dann habe ich auch geweint. Da hat Frau Kruse gesagt, dass von jedem Menschen etwas bleibt, etwas, das uns an ihn erinnert und so bleibt dann dieser Mensch immer im Herzen, auch wenn er mal nicht mehr auf der Welt ist.“

Hanna hat ganz leise erzählt und mir fehlen gerade die Worte, so ergriffen bin ich von ihren Gedanken, denn ich erkenne plötzlich, was sie mir mit dem Bild sagen will.

„Du wirst immer bei mir sein, Oma. Wenn ich mal alt bin, dann setze ich mich in einen Sessel und nehme dein Buch und dann denke ich an dich, oder ich denke mir auch Geschichten aus und schreibe sie in ein Buch und die Katze wird mir dabei zuschauen, denn dann darf ich ja eine Katze haben, weil, wenn du ein Engel bist, dann bist du sicher nicht mehr allergisch, oder?“
„Nein, Hanna, Engel haben sicher keine Allergien!“

Ich setze mich in meinen Sessel und Hanna krabbelt auf meinen Schoß. Ich genieße diesen innigen Moment mit ihr und ihr Bild werde ich in einem schönen Rahmen über mein Bett hängen.

© Regina Meier zu Verl

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Rosen alt