Oma Bettys neuer Hut

Oma Bettys neuer Hut

Lausig kalt war es heute und zu allem Überfluss war für den Nachmittag Regen angesagt. So ein Mist! Dabei hatte ich mich schon so auf den Besuch bei Oma Betty gefreut. Wir wollten einen Herbstspaziergang machen und anschließend im kleinen Café am Tierpark einen leckeren Kakao mit Marshmallows trinken. Das konnten wir nun wohl vergessen.
Ich rief Oma an, als ich aus der Schule zurückkam.
„Hallo Oma. Ich bin ganz traurig, wir wollten doch zum Tierpark!“, sagte ich.
„Ja und, was spricht dagegen?“, meinte Oma und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Wir ziehen uns schön warm an und ich führe meinen neuen Regenhut aus!“, sagte Oma fröhlich.
„Klasse!“, rief ich ins Telefon. „Wann soll ich kommen?“
„Du weißt doch, erst mein Mittagsschläfchen, dann bin ich zu jeder Schandtat bereit!“
Mama bestand darauf, dass ich nach dem Essen meine Hausaufgaben erledigen sollte. „Dann hast du den Kopf frei und das tut gut!“, behauptete sie und ich fügte mich. Es war dann auch gar nicht schlimm, irgendwie machte mir die Aufgabe heute sogar Spaß, was nicht immer der Fall ist. Wir sollten alles aufschreiben, was wir am Morgen über den Kürbis gelernt hatten. Da ich gut aufgepasst hatte, fiel es mir nicht schwer und als ich dann zu meinem Text noch einen leuchtend orangen Kürbis dazu gemalt hatte, war ich happy. Die Zeit hatte ich völlig vergessen und als Mama in mein Zimmer kam und mich erinnerte, dass ich doch zu Oma wollte, musste ich mich sputen.
Mit dem dicken Pulli, den Oma mir gestrickt hatte, der wetterfesten Jacke und quietschbunten Socken in Gummistiefeln machte ich mich dann auf den Weg zu Oma. Ich sang fröhlich vor mich hin und ließ keine einzige Pfütze aus unterwegs. Ach, es machte so Spaß so richtig mit Schmackes hinein zu hüpfen. Dabei wurde es immer später, aber das würde Oma mir sicherlich verzeihen.
Dreimal hatte ich bereits an der Haustür geklingelt, doch Oma machte nicht auf. Also ging ich ums Haus herum und schaute im Garten nach Oma. Ich hatte sie schon einige Male gerufen, als sich plötzlich hinter dem Komposthaufen ein dicker Fliegenpilz in Bewegung setzte. Das gab’s doch gar nicht, zum einen nicht so dicke Fliegenpilze und schon gar keine, die laufen konnten. Ich wusste das und trotzdem fuhr mir der Schreck in die Glieder. Da, jetzt kam er auf mich zu. Ich wollte weglaufen, aber meine Beine konnten sich nicht rühren. Jetzt rief der dicke Pilz meinen Namen! „Hallo Mila!“, rief er und nochmal: „Hallo Mila!“
„Oh mein Gott! Fliegenpilze sind gefährlich, aber fressen sie auch Großmütter?“, schrie ich.
„Hä? Was ist denn das für eine Frage?“, sagte der Fliegenpilz und lachte laut.
Ich schwöre, dass ich erst in diesem Moment erkannte, dass da meine Oma vor mir stand, leibhaftig, mit ihrem neuen Regenhut – rot, mit weißen Tupfen. Sie trug ihre weiße Regenjacke und Gummistiefel. Den Hut hatte sie tief ins Gesicht gezogen.
Ich habe Oma nicht verraten, dass ich einen Moment lang richtig Angst gehabt hatte und dicker Fliegenpilz habe ich auch nicht zu ihr gesagt, ehrlich.

© Regina Meier zu Verl

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Tim zieht aus

Tim zieht aus

An einem sonnigen Tag machte sich Tim auf den Weg zu seiner Großmutter. Er packte den Schlafanzug in seinen Rucksack, die Zahnbürste, seine Lieblingssocken und seinen Teddybär Tom. Als er sein Fahrrad aus der Garage holte, warf er einen verstohlenen Blick zum Küchenfenster. Dort stand aber niemand, Mama und Papa hatten also nichts bemerkt. Sicher saßen sie im Wintergarten und lasen die Tageszeitung. Dabei wollten sie ihre Ruhe haben. Immer wollten sie ihre Ruhe haben.
Er setzte seinen Fahrradhelm auf und radelte los. Als er an der Stelle angekommen war, die man vom Wintergarten aus gut sehen konnte, gab er seinen Eltern noch eine Chance. Für einen kurzen Moment blieb er stehen und hoffte insgeheim, dass er gesehen wurde und Mama oder Papa herauskämen, um ihn zurückzuhalten.
Drei Mal sagte er das komplette Alphabet auf, aber es tat sich nichts im Wintergarten. Also blieb ihm keine Wahl, er fuhr weiter.
Den Weg zu Oma kannte er gut. Schon oft war er mit Mama oder Papa diese Strecke gefahren. Es konnte also gar nichts passieren. Trotzdem war Tim etwas mulmig zumute. So ganz allein hatte er es noch nie gewagt, Oma zu besuchen. Diesmal war es sowieso anders, denn es war ja gar kein Besuch. Er wollte zu Oma ziehen, ganz und gar. Die hatte nämlich Zeit, jede Menge.
Doch Tim hatte Pech. Oma war nicht zu Hause. Er klingelte, rief, ging ums Haus herum, klopfte an die Wohnzimmerfensterscheibe. Nichts!
Also setzte er seinen Helm wieder auf und radelte zurück nach Hause. Er war den Tränen nah. Tim stellte sein Fahrrad wieder in die Garage, hängte den Helm an den Lenker und dann fiel ihm ein, dass er ja keinen Schlüssel hatte. Dabei hatte er sich vorgestellt, ungesehen ins Haus zu kommen. Seine Eltern sollten nicht merken, dass er eigentlich ausziehen wollte. So ein Mist!
Kleinlaut drückte er auf den Klingelknopf und erwartete ein Donnerwetter. Mama würde sicher sehr traurig sein, wenn sie erfuhr, dass er ausziehen wollte, Papa auch! Und wenn Erwachsene traurig sind, dann zeigen sie das manchmal nicht. Sie können das schlecht zugeben, schließlich sind sie ja schon groß und da meistert man seine Probleme. Wenn das nicht gelingt, dann schiebt man sie auf andere. So nahm Tim es wahr, denn immer, wenn Mama traurig war, weil Mia, Tims kleine Schwester, wieder einmal eine Riesensauerei beim Essen gemacht hatte, dann schimpfte Mama mit Tim. „Du hättest besser aufpassen müssen!“, sagte sie dann. Oder: „Ich bin so enttäuscht von dir!“ Das war ungerecht!
Die Haustür wurde von Papa geöffnet. Erstaunt sah er Tim an, der vor lauter schlechtem Gewissen noch kleiner schien, als er eigentlich war. Papa überlegte einen Moment, sein Gesicht war sehr ernst. Dann sagte er:
„Mein Großer, da bist du ja wieder. Komm schnell rein, Mama hat Waffeln gebacken!“
Tim war so erleichtert, ein dicker Stein plumpste von seinem Herzen. Fast hätte man ihn poltern hören können. Durch das Haus zog der herrliche Geruch frischer Waffeln. Mama kam aus der Küche, sie hatte Mia auf dem Arm, die laut jubelte, als sie ihren Bruder entdeckte.
„Timmy!“, sagte Mama, sonst nichts. Kein Schimpfen, kein Donnerwetter. Alles war gut.
Die Waffeln schmeckten köstlich und als Mia ihr Hochstühlchen mit Sahne und Kirschen beschmierte sagte Mama: „Mia, schau, wie Tim seine Waffeln isst und nimm dir ein Beispiel an ihm!“
Na bitte, das hörte sich doch gut an. Seine Fahrt zu Oma hatte also doch etwas bewirkt. Trotzdem würde er das nicht noch einmal machen und wenn doch, dann würde er Oma vorher anrufen!

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Alexas_Fotos/pixabay