Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Oma Betty und das verflixte Biest

Ich lag gerade so schön mit Opa auf dem Sofa, als plötzlich ein lauter Schrei aus dem Badezimmer zu hören war.
„Ach herrjemine!“, rief Opa. „Oma Betty!“ Er sprang so schnell auf, dass sein Weinglas auf dem Tisch umkippte. Dann rannte er ins Bad, ich hinterher.
„Betty, was ist passiert?“, fragte er durch die geschlossene Tür. Ich wäre ja sofort reingegangen, aber Opa ist eben höflich. Er stört nicht, wenn eine Dame duscht.
„Mich hat eine erwischt!“, kreischte Oma. „Kommt rein, ihr müsst gucken!“
„Wer hat dich erwischt?“, fragte ich aufgeregt. Es konnte doch gar niemand reingekommen sein.
Vorsichtig öffnete Opa die Tür. Oma hatte sich ein großes Badehandtuch umgelegt und sie machte ein sehr verschrecktes Gesicht.
„Hier!“, sagte sie und stellte ihr Bein auf den Badewannenrand.
„Ich sehe nichts!“, sagte Opa. „Philip, hol bitte schnell meine Brille!“
Das war ja mal wieder typisch. Immer wenn es spannend wurde, dann schickte man mich weg. Ich sauste so schnell ich konnte ins Wohnzimmer und hastete dann mit der gewünschten Brille wieder ins Bad.
„Dann lass mich mal gucken!“ Opa setzte die Brille auf und nickte. „Stimmt, da hat dich eine angefallen!“, sagte er. Angefallen? „Ich will auch mal sehen!“, rief ich und schaute mir Omas Oberschenkel genauer an. Dann sah ich sie, eine dicke Zecke hatte sich dort festgebissen. Die hätte Opa nun auch ohne Brille erkennen können. Also wirklich.

„Und jetzt?“, fragte ich. „Müssen wir ins Krankenhaus?“
„Quatsch mit Soße!“, lachte Opa. „Hol den Zeckenhaken, der liegt auf dem Schrank neben dem Hundekörbchen.
Als ich zurückkam, erfolgte die Operation „Zecke“ umgehend. Konzentriert setzte Opa den Haken an und zog. Oma hatte wohl die Luft angehalten, sie war schon ganz weiß im Gesicht. Der Zeckenhaken rutschte ab und die Zecke steckte noch immer in Omas Bein.
„Dieses verflixte Biest!“, kreischte Oma. Opa versuchte es erneut. Es funktionierte, das Tier war raus. Es zappelte noch mit den Beinen und wie es aussah, war es noch vollständig. Das war gut, denn wenn noch etwas in Omas Bein geblieben wäre, das wäre schlecht gewesen.
Oma atmete nun wieder, sie war froh, dass sie den kleinen Vampir los war.
„Ich desinfiziere das ein bisschen und dann ist alles wieder gut!“, sagte sie und schickte uns wieder ins Wohnzimmer zurück. Opa ließ schnell das Weinglas verschwinden, das beim Umkippen kaputt gegangen war und ich wischte die Weinflecken weg, so gut es ging.
Jetzt könnte man meinen, es sei alles gut ausgegangen – stimmt leider nicht. Am nächsten Morgen war Omas Bein geschwollen und es tat ihr weh.
„Morgen gehe ich zum Arzt!“, beschloss sie. Es war ja Sonntag und in die Notaufnahme wollte sie nun auch nicht.
Am Montagmorgen war die Schwellung noch gewachsen, in der Mitte war ein roter Flatschen und außen rum war es weiß und geschwollen. Eine Wanderröte nennt sich das. Hat der Arzt Oma erklärt und ihr eine Medizin verschrieben, die sie nun 21 Tage lang einnehmen muss. Oma gefällt das nicht, aber sie fügt sich und sie schimpft auf diese verflixten Biester jeden Tags aufs Neue. Kann ich verstehen, ihr auch?

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Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Oma Betty regt sich auf

Wenn Oma Betty morgens ihre erste Tasse Kaffee getrunken hat, setzt sie die Lesebrille auf und macht sich über die Tageszeitung her.
Liest sie was Nettes, grinst sie, manchmal ärgert sie sich und ab und zu regt sie sich auf. Gestern zum Beispiel!
Ich dachte schon, dass etwas furchtbar Schlimmes passiert ist, noch furchtbarer als die schlechten Nachrichten, über die sich Oma sonst so ärgert. Sie wurde puterrot im Gesicht und atmete ganz schnell.
„Oma, was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig, bekam aber keine Antwort. „Soll ich dir ein Glas Wasser holen?“, hakte ich nach, weil sie so heftig schnaufte.
„Wasser?“ Sie schrie es fast, ich bekam es so langsam mit der Angst zu tun.
„Wasser hilft nicht und Schnaps darf ich nicht, du weißt ja, mein Herz! Ich könnte jetzt aber einen gebrauchen!“ Oma nahm die Lesebrille ab, setzte sie wieder auf und las noch einmal das, was sie so aufregte.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte sie. Dann hielt sie mir die Seite hin, die wohl Anlass für den Ärger war. Eine ganzseitige Werbeanzeige des Kaufhauses in der Nachbarstadt.
„Das machen die doch extra!“, schimpfte Oma Betty.
„Was denn? Ich verstehe nicht …“, warf ich ein, obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben hatte, gleich zu erkennen, was denn so schrecklich war.
„Na da!“ Oma klopfte mit der flachen Hand auf die Anzeige. Als ich noch immer nicht reagierte, nahm sie den Zeigefinger und tippte auf einen Topf. So langsam schwante mir, was passiert sein könnte.
„Dein neuer Slow-Cooker?“, fragte ich vorsichtig.
„Genau der! Eine Unverschämtheit ist das, ich sag’s ja, die machen das extra!“
„Aber was denn, Oma?“
„Die verkaufen doch das gleiche Modell für 49 Euro und ich habe letzte Woche 79 Euro bezahlt!“ Oma war jetzt den Tränen nah.
„Aber du hast ihn doch gar nicht dort gekauft, Oma!“
„Nein, habe ich nicht. Ich wollte den unbedingt haben und da bin ich zum Haushaltswarenladen bei uns gefahren, da gab es den für 79 Euro und die Verkäuferin sagte noch, dass es ein Sonderangebot sei!“
Mir fiel nichts ein, was Oma hätte trösten können, also blieb ich lieber still. Plötzlich sprang Oma auf und rannte in den Keller. Mit der Gebrauchsanweisung des neuen Topfes kam sie zurück in die Küche. Diese studierte sie dann ganz genau, las dann noch einmal die Anzeige und endlich entspannten sich ihre Züge.
„Ich nehme alles zurück!“, sagte sie leise.
„Warum?“, wollte ich nun wissen.
„Mein Slow-Cooker ist für fünf Liter ausgerichtet, der in der Anzeige nur für drei Liter!“ Sie strahlte.
„Oma?“
„Ja, was ist denn?“
„Sagst du nicht immer zu mir, dass ich erstmal ganz genau nachdenken soll, bevor ich jemanden beschuldige?“, fragte ich sie und freute mich, dass mir das gerade eingefallen war.
„Das ist ja ganz was anderes …“, sagte sie. „Aber …“
„Aber?“
„Aber du hast doch ein bisschen recht, nein, du hast hundertprozentig recht, entschuldige!“, sagte sie und die Entschuldigung habe ich natürlich angenommen. Auch Omas können sich mal vertun, nicht wahr?“

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Oma Bettys neuer Hut

Oma Bettys neuer Hut

Oma Bettys neuer Hut

Lausig kalt war es heute und zu allem Überfluss war für den Nachmittag Regen angesagt. So ein Mist! Dabei hatte ich mich schon so auf den Besuch bei Oma Betty gefreut. Wir wollten einen Herbstspaziergang machen und anschließend im kleinen Café am Tierpark einen leckeren Kakao mit Marshmallows trinken. Das konnten wir nun wohl vergessen.
Ich rief Oma an, als ich aus der Schule zurückkam.
„Hallo Oma. Ich bin ganz traurig, wir wollten doch zum Tierpark!“, sagte ich.
„Ja und, was spricht dagegen?“, meinte Oma und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Wir ziehen uns schön warm an und ich führe meinen neuen Regenhut aus!“, sagte Oma fröhlich.
„Klasse!“, rief ich ins Telefon. „Wann soll ich kommen?“
„Du weißt doch, erst mein Mittagsschläfchen, dann bin ich zu jeder Schandtat bereit!“
Mama bestand darauf, dass ich nach dem Essen meine Hausaufgaben erledigen sollte. „Dann hast du den Kopf frei und das tut gut!“, behauptete sie und ich fügte mich. Es war dann auch gar nicht schlimm, irgendwie machte mir die Aufgabe heute sogar Spaß, was nicht immer der Fall ist. Wir sollten alles aufschreiben, was wir am Morgen über den Kürbis gelernt hatten. Da ich gut aufgepasst hatte, fiel es mir nicht schwer und als ich dann zu meinem Text noch einen leuchtend orangen Kürbis dazu gemalt hatte, war ich happy. Die Zeit hatte ich völlig vergessen und als Mama in mein Zimmer kam und mich erinnerte, dass ich doch zu Oma wollte, musste ich mich sputen.
Mit dem dicken Pulli, den Oma mir gestrickt hatte, der wetterfesten Jacke und quietschbunten Socken in Gummistiefeln machte ich mich dann auf den Weg zu Oma. Ich sang fröhlich vor mich hin und ließ keine einzige Pfütze aus unterwegs. Ach, es machte so Spaß so richtig mit Schmackes hinein zu hüpfen. Dabei wurde es immer später, aber das würde Oma mir sicherlich verzeihen.
Dreimal hatte ich bereits an der Haustür geklingelt, doch Oma machte nicht auf. Also ging ich ums Haus herum und schaute im Garten nach Oma. Ich hatte sie schon einige Male gerufen, als sich plötzlich hinter dem Komposthaufen ein dicker Fliegenpilz in Bewegung setzte. Das gab’s doch gar nicht, zum einen nicht so dicke Fliegenpilze und schon gar keine, die laufen konnten. Ich wusste das und trotzdem fuhr mir der Schreck in die Glieder. Da, jetzt kam er auf mich zu. Ich wollte weglaufen, aber meine Beine konnten sich nicht rühren. Jetzt rief der dicke Pilz meinen Namen! „Hallo Mila!“, rief er und nochmal: „Hallo Mila!“
„Oh mein Gott! Fliegenpilze sind gefährlich, aber fressen sie auch Großmütter?“, schrie ich.
„Hä? Was ist denn das für eine Frage?“, sagte der Fliegenpilz und lachte laut.
Ich schwöre, dass ich erst in diesem Moment erkannte, dass da meine Oma vor mir stand, leibhaftig, mit ihrem neuen Regenhut – rot, mit weißen Tupfen. Sie trug ihre weiße Regenjacke und Gummistiefel. Den Hut hatte sie tief ins Gesicht gezogen.
Ich habe Oma nicht verraten, dass ich einen Moment lang richtig Angst gehabt hatte und dicker Fliegenpilz habe ich auch nicht zu ihr gesagt, ehrlich.

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Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt, heute „Schwiegermutter“

Oma Betty erklärt
Heute: Schwiegermutter

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

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Oma Betty sucht den Frühling

Oma Betty sucht den Frühling

Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hin will, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

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Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Oma Bettys Tränen und die seligen Geister von Herrn Gluck

Manchmal weint Oma Betty. Oft kommt das nicht vor, aber gelegentlich schon. Ich versuche sie dann aufzuheitern und erzähle ihr Witze. Sie lacht aber meist aus Höflichkeit. Das merkt man ja, wenn ein Witz gar nicht so richtig ankommt, entweder weil er nicht richtig witzig ist, oder wenn derjenige, der ihn hört einfach nicht in der Stimmung ist.
Oma Betty ist selten traurig. Ich bin dann sehr betrübt, lieber habe ich die Tränen, die sie vor Freude lacht, oder vor Rührung.
Neulich zum Beispiel, da hat sie so herzlich gelacht, dass dicke Tränen über ihre Wangen kullerten. Das war toll und man kann einfach nicht anders und muss mit lachen, bis einem der Bauch wehtut.
Und die Rührungstränen, die weint sie, wenn etwas ganz besonders schön für sie ist. Als Mila letzte Woche zu ihr gesagt hat, dass sie die allerbeste Oma der ganzen Welt ist, da hat sie auch geweint, vor Freude halt.
Ich habe mir vorgenommen, viel öfter solche Tränen bei Oma Betty hervor zu kitzeln. Sicher tut ihr das gut. Mir auch! Denn ich liebe meine Oma sehr.
Wenn Oma schöne Musik hört, dann kann es auch passieren, dass sie sich das ein- oder andere Tränchen verdrückt. Ihre Lieblingsmusik kenne ich schon sehr gut und deshalb war ich voll begeistert, als ich von meinem Klavierlehrer neulich ein neues Stück bekam, das zu Oma Bettys Lieblingsmusik gehört. Ich glaube, ich habe noch nie so fleißig geübt, wie in dieser Woche.
Ihr hättet ihr Gesicht sehen sollen, als ich ihr das Stück dann vorgespielt habe. Prompt nahm sie ihre Geige aus dem Koffer und hat mitgespielt. Zusammen haben wir dann den Reigen seliger Geister so schön gespielt, dass sogar unser Hund mitgesungen hat. Opa hat es wohl nicht so gefallen, er hat sich schnell in den Garten verzogen. Ist halt nicht so sein Ding, die klassische Musik.
Mein Ding eigentlich auch nicht, aber für Oma kann man das wohl mal machen, nicht wahr? Dieser Herr Gluck hat einfach schöne Musik komponiert, da gibt es nichts zu meckern.
Ich habe mich übrigens total gefreut, dass sie die Geige dazu genommen hat. Das hat sie lange nicht gemacht und wenn mich nicht alles täuscht, dann wird sie nun wieder öfter spielen. Finde ich gut!
Jetzt müssen wir nur noch Mila überreden endlich den Flötenkurs zu besuchen, den sie vom Christkind bekommen hat. Bisher weigert sie sich noch. Aber es wäre doch schön, wenn wir zu dritt musizieren könnten. Vielleicht gefällt’s dann auch Opa!

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Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

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Oma Betty guckt wie Theo

Oma Betty guckt wie Theo

Oma Betty guckt wie Theo

„Es gibt so Tage“, sagt Oma Betty, „da ist man einfach nicht gut zurecht!“ Sie fährt sich mit den Fingern durchs Haar und versucht, ihre Frisur zu richten. Dabei guckt sie wie Theo. Das ist der Hund des Nachbarn, ein Dackel. Er guckt immer so, als wollte er jeden Moment anfangen zu weinen.
„Mach dir nichts draus, Oma!“, versuche ich sie zu trösten. „Mir geht es auch manchmal so und dann denke ich an etwas Schönes und gleich geht es mir wieder besser!“ Bei mir klappt das meist, wieso sollte es also bei Oma Betty nicht funktionieren?
„Ja, ja, was Schönes!“, flüstert Oma und sie guckt immer noch wie Theo. „Da fällt mir spontan nichts ein!“, behauptet sie und verstrubbelt erneut ihre Haare.
Ich drücke mit dem Zeigefinger auf meine Nasenspitze, so wie Opa das immer macht, wenn er nachdenkt. Er hat vom vielen Denken schon ganz tiefe Furchen auf dem Nasenrücken. Prompt muss ich lachen, Opa macht mir gute Laune.
„Denk mal an Opa!“, rate ich Oma Betty. „Bei mir hilfts!“
Oma grinst, ganz leicht nur, aber ich kann es schon sehen. Zuerst lächeln die Augen, dann erst der Mund und dann das ganze Gesicht. Schließlich lachen wir beide Tränen, es ist so ansteckend, einfach herrlich.
„Hach!“, seufzt Oma. „Das hat gutgetan!“ Sie zieht mich an sich und drückt mich ganz fest. So lange niemand zusieht darf sie das, ich bin nämlich schon groß.
„Weißt du, es gibt so Tage, da braucht man einen, der einen anstupst, damit man nicht vergisst, wie schön das Leben ist!“, sagt Oma und wenn sie Theo wäre, dann hätte sie jetzt mit dem Schwanz gewedelt. Als ich mir das vorstelle, pruste ich schon wieder los. Oma auch, obwohl sie gar nicht weiß, was für ein Bild ich gerade da vor Augen hatte. Macht aber nichts, Hauptsache ist, dass ich sie immer wieder anstupsen kann, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Am besten gefällt mir meine Oma Betty nämlich, wenn sie lacht!

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Oma Betty malt Bäume

Oma Betty malt Bäume

Oma Betty malt Bäume

„Hast du heute Zeit für mich?“, fragt Oma Betty am Telefon. „Ich möchte gern mit dir zum See fahren und die Malsachen mitnehmen!“
Mein Herz hüpft vor Freude, so gern fahre ich mit Oma zum See. Das ist fast schöner als Kino mit Cola und Popcorn, aber nur fast. Anders eben!
„Fährt Opa auch mit?“, will ich wissen, denn ich habe meinen Opa schon ein paar Tage nicht gesehen.
„Nein, du weißt doch, seit Opa Rentner ist, hat er so viel Arbeit, dass er es kaum schaffen kann!“ Oma lacht. Wie immer, wenn sie über Opas Rentnerdasein spricht. Es stimmt auch, Opa ist ständig unterwegs, aber Oma sagt, dass ihm das guttut und deshalb meckert sie auch nicht.
„Ich frage Mama!“, verspreche ich Oma und sage, dass ich sie anrufen werde, wenn ich mit Mama gesprochen habe.
Mama ist im Garten, sie pflanzt Salat, Mila hilft ihr dabei.
„Darf ich mit Oma zum See fahren? Wir wollen malen!“, frage ich und im gleichen Moment weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe.
„Mila will auch mit!“, plärrt meine Schwester da auch schon und lässt die Schaufel fallen.
Das hat mir gerade noch gefehlt.
„Aber Mila, du willst mich doch wohl nicht allein die ganze Arbeit machen lassen!“, sagt Mama und ich bin ihr unendlich dankbar.
„Ich will aber mit!“ Mila stampft mit dem Fuß auf und schon rollen die Tränen über ihr schmutziges Gesicht, das gibt lustige Streifen. Trotzdem ist mir nicht zum Lachen. Ich bin aber auch blöd! Ich hätte wissen müssen, dass ich Mama besser heimlich gefragt hätte.
„Am See ist es viel zu langweilig für dich!“, versuche ich die Situation zu retten. In diesem Moment naht Hilfe in Form von Opa Werner.
„Moin“, ruft er fröhlich. Opa sagt immer „Moin“, selbst am Abend noch. Er liebt nämlich die Nordsee und die Menschen dort, und die sagen auch alle „Moin“.
„Ich wollte mir mal ein Kind ausleihen, am liebsten die Mila!“, sagt er grinsend und zwinkert mir zu.
Verdutzt schaut Mila ihn an. Was soll das nun bedeuten?
„Was hast du denn vor, Vater?“, will Mama wissen.
„Ich habe doch einen Bollerwagen gebaut, der muss nun unbedingt ausprobiert werden. Mila, magst du mein erster Fahrgast sein? Wir könnten in Richtung Eisdiele fahren!“, verkündet er.
Sofort versiegen die Tränen.
„Aber du musst dich zuerst waschen, Kind. So schwarz wie du bist, nehme ich dich nicht mit!“ Opa lacht und zwinkert schon wieder.
„Und du …“, sagt Mama, „kannst Oma anrufen und sagen, dass du mitdarfst!“
Ich mache einen Freudensprung und nehme meine kleine Schwester an die Hand. „Komm, Mila, wir machen uns chic!“, sage ich und dann verschwinde ich mit ihr im Badezimmer. Sie lässt sich ohne Murren das Gesicht waschen und schrubbt ihr Hände mit Seife. Dann packe ich meinen Farbkasten und einen Block ein und mache mich auf den Weg zu Oma.
Wir fahren mit dem Fahrrad zum See. Einen schönen Platz haben wir bald gefunden. Eine halbe Stunde später ist mein erstes Bild fertig, es ist super gelungen, finde ich.
Oma malt Bäume, Oma malt immer Bäume. Es gibt genug davon hier am Ufer, sie spiegeln sich im Wasser. Auf Omas Bild kann man das schön erkennen. So gut kann ich das noch nicht, aber Übung macht den Meister!
„Rate, was ich in meiner Kühlbox habe!“, sagt Oma. Ich wünsche mir, dass es ein Eis ist und was soll ich sagen? Manche Wünsche gehen sofort in Erfüllung, Oma Betty ist eben die Beste und gleich danach kommt Opa Werner. Echt!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty und die Veilchen

Oma Betty und die Veilchen

Eine weitere Geschichte von Oma Betty, die so allerhand erlebt und es mit Freuden an ihre Enkelkinder weitergibt. Viele Geschichten entstehen auf diese Weise. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen.

Oma Betty und die Veilchen

Heut ist ein wunderbarer Tag, endlich ist der Frühling gekommen. Oma Betty und ich genießen die Sonne im Garten.
„Guck doch mal hier!“, ruft Oma Betty begeistert. „Veilchen!“
„Ich sehe keine Veilchen!“, behaupte ich und sehe auch wirklich nichts. Oma Betty zieht an meinem Arm.
„Du musst dich schonmal etwas bücken, von da oben siehst du sie nicht!“
Ich bücke mich und entdecke winzige blaue Blüten im Rasen.
„Okay!“, sage ich, „Kann ich jetzt wieder gehen?“
Oma Betty ist entsetzt über meine gleichgültige Reaktion. Für sie sind die Veilchen im Rasen eine Sensation, das spüre ich deutlich. Sie sitzt in der Hocke vor den zarten Blümchen und freut sich. Ich würde das zu gern knipsen, habe aber leider Handyverbot.
„Oma, ich würde sie gern für dich fotografieren, darf aber mein Handy nicht benutzen diese Woche!“, erkläre ich und hoffe insgeheim, dass Oma mir ihres anbietet.
„Tja, da kann man nichts machen!“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Schönheit dieser Frühblüher kann man sowieso nicht ablichten, die muss man genießen und erschnuppern!“
„Erschnuppern?“
„Die kleinen Blüten haben nämlich einen Trick, weil sie so klein sind und von den Menschen kaum wahrgenommen werden, verströmen sie einen bezaubernden Duft. Riech doch mal!“
Oma Betty legt sich auf den Bauch und schnuppert, aus der Hocke heraus wäre das nicht möglich gewesen, denn dann wäre sie umgefallen.
Ich lasse mich ebenfalls auf den Bauch fallen und rieche an den Veilchen und tatsächlich, der Duft ist super, er erinnert mich an irgendwas, das mir gerade nicht einfällt. Gerade will ich noch eine Nase voll nehmen, als Oma wohl die gleiche Idee hatte und wir beide mit den Köpfen zusammenstoßen. Aua! Das tat weh, aber lustig war’s auch und ein bisschen kann ich Oma Bettys Begeisterung für die kleinen blauen Blüten nun verstehen.

© Regina Meier zu Verl

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Weiberfastnacht

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied