Ein leeres Paket zum Muttertag

Ein leeres Paket zum Muttertag

Meine Oma Betty macht mal ein paar Tage Pause, es gibt noch viel mehr von ihr zu erzählen, aber ich will euch nicht ermüden und stelle nun erstmal wieder ein paar Geschichten aus meinen „frischen und aktuellen“ ein. Mit einer Muttertagsgeschichte geht es los, es ist ja bald soweit, am 9. Mai, wenn ich das richtig im Kopf habe.

Ein leeres Paket zum Muttertag

„Hast du eine Idee, was wir Mama zum Muttertag schenken könnten?“, fragt Anne ihren Bruder Tim.
Der nimmt seine Kopfhörer aus dem Ohr und sagt: „Was?“
„Das heißt: wie bitte!“, verbessert ihn Anne und fragt dann nochmal.
„Keine Ahnung!“, ist die Antwort und sofort wandern die Kopfhörer wieder ins Ohr.
Anne verdreht die Augen und tippt ihrem Bruder auf die Schulter.
„Du könntest mal mit mir gemeinsam überlegen!“, bittet sie.
„Wie bitte?“, fragt Tim und grinst, nimmt aber die Kopfhörer wieder raus und wendet sich seiner Schwester zu.
„Ist gar nicht einfach!“, meint er und kratzt sich am Ohr. „Blumen?“
Anne schüttelt den Kopf. „Nein du weißt doch, dass Mama es nicht mag, dass am Muttertag alle Blumen schenken. Sie sagt immer, dass es dafür Gelegenheiten genug gibt und die zum Muttertag einfach überteuert sind.“
„Ist das denn wirklich so?“, fragt Tim und schielt auf sein Handy, das gerade eine Nachricht angekündigt hat. Gern würde er nachsehen, wer geschrieben hat, wartet aber ab. In Gedanken ist er bereits nicht mehr beim Muttertag, sondern bei der Handynachricht.
„Fürs Bildermalen sind wir wohl zu groß mittlerweile“, meint Anne. Tim nickt zustimmend.
„Stimmt, außerdem kann ich nicht malen, das wäre dann nur was für dich!“, sagt er und nimmt das Handy, um nun doch mal kurz drauf zu schauen. Er liest, grinst, tippt und schon hat er seine Schwester wieder vergessen.
„Du bist wirklich unmöglich!“, schimpft Anne. „Kannst du nicht mal ein paar Minuten ohne dein Handy sein?“
„Schlecht!“, gibt Tim zu.
Annes Augen blitzen mit einem Mal auf. „Ich habe eine Idee für den Muttertag!“, ruft sie. „Vertraust du mir?“, will sie von ihrem Bruder wissen.
„Mmh, eigentlich schon, aber jetzt lass mich erstmal in Ruhe!“
„Pass auf, du musst gar nichts machen, ich kümmere mich um das Geschenk, aber du musst versprechen, dass du nicht meckerst!“, sagt Anne.
„Versprochen!“, Tim steckt seine Kopfhörer wieder ins Ohr, für ihn ist die Diskussion damit beendet.

Am Muttertagmorgen decken die Geschwister liebevoll den Kaffeetisch.
„Und was ist nun mit dem Geschenk?“, fragt Tim.
„Warte, bis Mama da ist, dann wirst du es sehen!“ Anne macht ein so verschmitztes Gesicht, dass Tim doch neugierig geworden ist. Aber sie verrät nichts.
„Alles Gute zum Muttertag!“, sagt Anne feierlich und drückt ihrer Mama einen dicken Kuss auf die Wange. Tim schließt sich an. Mama freut sich über das Frühstück. „Ihr seid die Besten!“, sagt sie glücklich.
„Wir haben auch noch ein Geschenk für dich“, Anne holt ein buntes Päckchen aus dem Küchenschrank, wo sie es vorher versteckt hatte.
Mama packt das Geschenk erwartungsvoll aus, Tim schaut ihr neugierig über die Schulter. Das Paket ist leer, nur ein Brief ist drin. Mama öffnet den Brief und liest laut:
Liebe Mama, wir schenken dir zum Muttertag Zeit, Zeit ohne Unterbrechungen und blödes Handygepiepe, deshalb legen wir nun unsere Handys in diesen Karton und du darfst bestimmen, wann wir sie wieder herausholen dürfen. Deine Kinder Anne und Tim!
„Das ist eine großartige Idee!“ Mama freut sich. Anne legt ihr Handy in den Karton und auch Tim tut das, ohne zu murren. Er hat’s versprochen und was man versprochen hat … ihr wisst schon.
Papa, der in der Küchentür steht und die Sache beobachtet, legt sein Handy auch dazu, weil er die Idee richtig schön findet.
„Fehlt nur noch Mamas Handy!“, sagt er fröhlich. Natürlich wandert das auch in den Karton und ich bin davon überzeugt, dass die Vier einen wunderbaren Tag haben werden, ganz ohne Störungen.

© Regina Meier zu Verl

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Mamas Herzenswunsch

Mamas Herzenswunsch

Mamas Herzenswunsch

Mamas Herzenwunsch

Wenn man Mama fragt, was sie sich wünscht, sagt sie immer:
„Ich wünsche mir, dass der Pit kommt und sagt, dass alles wieder gut ist!“
Der Pit ist mein großer Bruder. Er wohnt nicht mehr bei uns. Was damals passiert ist, weiß ich gar nicht mehr so richtig. Mama spricht nicht gern drüber.

Es ist drei Tage vor Muttertag, als ich mir überlege, dass ich Mama gern eine große Freude machen möchte. Ich will keine Blumen schenken und auch kein gemaltes Bild. Ich möchte ihr einen Herzenswunsch erfüllen und das ist ein Besuch meines Bruders. Doch wie soll ich das anstellen?

Ich überlege und überlege und dann hab ich’s plötzlich. Ich werde ihn suchen. Mir wird er den Wunsch nicht abschlagen, denn er hat doch gesagt, dass er mich lieb hat. Er hat es mir auch geschrieben, heimlich. Vor ein paar Wochen, als ich aus der Schule kam, hatte er einen Brief auf meinen Fahrradgepäckträger geklemmt. Darin stand auch seine Telefonnummer. „Da kannst du anrufen, wenn du mich brauchst!“

Ich packe also meinen Brief in die Schultasche und fahre nach der Schule zu Oma. Dort kann ich telefonieren. Ich wähle Pits Nummer, er meldet sich sofort.
„Hallo, kleine Schwester“, sagt er.
„Wann kommst du nach Hause?“, frage ich. Pit sagt nichts.
„Hast du mich nicht verstanden? Wann kommst du nach Hause?“
Ich höre ganz deutlich, dass Pit noch da ist. Wir schweigen beide, dann ein Räuspern.
„Ich kann nicht nach Hause, Pia. Das verstehst du nicht.“
„Ihr Großen seid blöd, immer sagt ihr, dass ich nichts verstehe. Aber ich bin nicht dumm. Mama wünscht sich so sehr, dass du nach Hause kommst.“
„Hat sie das gesagt?“ flüstert Pit.
„Ja, das hat sie und nicht nur einmal, immer sagt sie es und dann weint sie. Pit, am Sonntag ist doch Muttertag, komm doch, damit Mama wieder glücklich ist.“
„Ich kann es nicht“, behauptet Pit und das klingt so, als sei daran nichts zu machen.
„Dann werde ich dich holen“, sage ich, weil er doch gesagt hat, dass er es nicht kann. Vielleicht kann ich ihm ja helfen.
„Pia, das geht nicht, ich wohne doch jetzt in der Nachbarstadt. Du kannst nicht allein hierher kommen.“
„Das wirst du schon sehen!“
Ich gebe Oma das Telefon, sie steht schon die ganze Zeit neben mir und macht Zeichen, dass sie den Pit auch sprechen möchte. Die beiden reden kurz, so etwas wie „Wie geht es dir“ und „Junge, komm doch nach Hause“ und dann legt Oma auf . Sie weint.
„Er wird nicht kommen“, sagt sie und kramt in ihrer Hosentasche nach einem Taschentuch.

Erwachsene sind einfach blöd. Sie leiden und dann tun sie nichts. Sie weinen, aber niemand darf es sehen. Sie sehnen sich nach ihren Kindern oder Müttern und sie tun nichts. Ich kann das nicht verstehen. Aber eines weiß ich: Ich werde nicht einfach zusehen, wie sie alle traurig sind. Ich werde etwas tun.
Am Samstag vor dem Muttertag schlachte ich mein Sparschwein, packe meinen Rucksack und verlasse schon ganz früh am Morgen das Haus. Papa und Mama schlafen noch. Leise schließe ich die Haustür und hole mein Fahrrad aus dem Schuppen. Ich weiß genau, wo der Bahnhof ist, zweimal links und einmal rechts und dann bin ich auch schon da. Mein Fahrrad schließe ich ab und dann schaue ich in der Bahnhofshalle auf die Anzeigetafeln. Ich will nach zu Pit.
Ist das ein Wirrwarr von Zahlen und Buchstaben, da blicke ich nicht durch. Ich frage eine alte Dame.
„Können Sie mir sagen, wie ich zu meinem Bruder komme?“
Die Dame schaut mich von oben bis unten an.
„Bist du nicht viel zu klein, um allein mit dem Zug zu fahren?“
„Nein, das bin ich nicht, ich bin schon acht Jahre alt und mein Bruder holt mich vom Bahnhof ab“, lüge ich und schäme mich ein bisschen.
Die Dame will mir aber nicht helfen, sie sagt, dass ich schleunigst nach Hause gehen soll. Ich nicke und tu so, als ob ich den Bahnhof verlasse, drücke mich aber noch etwas im Eingang herum.
„Ich fahre einfach mit dem Rad“, denke ich mir und gehe zurück zum Fahrradständer. Dort werde ich von einem Polizisten angesprochen.
„Na, junge Dame, ganz allein unterwegs zu dieser Zeit?“ ‚Blödmann’, denke ich und nicke. Er sieht doch, dass ich allein bin.
„Wissen denn deine Eltern, dass du morgens um sechs Uhr allein hier am Bahnhof bist?“
„Ja, klar!“ antworte ich und schließe mein Fahrrad auf.
„Ich fahre jetzt nach Hause, wollte nur meinen Bruder abholen, der heute zum Muttertag nach Hause kommt!“ Schon wieder gelogen, aber irgendwie ahne ich, dass der Polizist einen guten Grund braucht, um mich nicht mit ins Gefängnis zu nehmen.
„Aha!“, sagt der zu mir und guckt streng. Ich bekomme ein bisschen Angst und dann habe ich eine gute Idee.
„Sie können ihn ja anrufen und nachfragen, wenn Sie mir nicht glauben. Die Nummer habe ich dabei.“ Der Mann lässt sich die Telefonnummer geben und tippt sie sofort in sein Handy ein.
„Oberwachtmeister Schulz, guten Morgen. Entschuldigen Sie, dass ich so früh störe, aber hier am Hauptbahnhof steht eine junge Dame vor mir, die behauptet, dass sie Ihre Schwester sei.“
Pit muss einen furchtbaren Schrecken bekommen haben, denn er sagt dem Polizisten, dass er eine Weile auf mich aufpassen soll, er komme sofort, um mich abzuholen.
Das sagt mir der Schutzmann jedenfalls und ich muss grinsen. Ziel erreicht, ohne, dass ich in die Nachbarstadt fahren muss. Pit kommt und holt mich, was will ich mehr?

Es dauert nur eine halbe Stunde, bis Pit vor mir steht. Ich bin total erleichtert und glücklich und dann weine ich ihm auf die Schulter, als er mich drückt und küsst. Er bedankt sich beim Polizisten und dann bringt er mich nach Hause. Dort werde ich bereits vermisst. Als wir klingeln, kommt Mama mit verweinten Augen an die Tür.
„Alles wird wieder gut!“, sagt Pit und dann drückt er Mama und Mama weint auch und ich auch und dann lachen wir und feiern den schönsten Muttertag, den es je gegeben hat.

© Regina Meier zu Verl

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Ich bin nicht allein

Ich bin nicht allein

(Eine Geschichte zum Muttertag)

Dienstag ist Omatag. Einmal in der Woche holt sie mich vom Kindergarten ab und wir unternehmen etwas zusammen. Das finde ich toll. Oma ist auch toll, nur manchmal ist sie etwas streng. Immer dann, wenn ich mal schlechte Laune habe und unbedingt fernsehen will. Das mag Oma nicht. Sie erlaubt es auch nicht. Zuerst bin ich dann beleidigt und heule und quengele herum. Meist, nach ein paar Minuten, geht es dann wieder und ich schleiche mich langsam an Oma heran.

„Sollen wir was spielen?“, frage ich sie. Sofort hat sie Zeit für mich. Manchmal liegen wir einfach auf dem Bauch im Wohnzimmer und spielen mit den Autos. Oma kann tolle Geräusche machen, fast so gut wie ich selbst. Aufheulende Motoren gelingen ihr besonders gut.

Ein anderes Mal geht sie mit mir in die Bibliothek. Ich fühle mich da richtig wohl. So viele tolle Bücher gibt es und ein Kasperltheater. Ich suche die Bücher aus und Oma liest vor. Das macht uns beiden viel Spaß. Ich sehe es an Omas Augen, sie strahlen, wenn sie liest, vor allem seit sie die neue Brille hat und wieder richtig gut gucken kann.

Oma ist schon alt, ungefähr hundert Jahre. Opa auch, aber beide sind noch ganz fit. Sogar Fangen können sie noch mit mir spielen. Meist gewinne ich.  Ist ja auch kein Wunder. Ich habe junge Beine, die laufen schneller, sagt Oma.

Am Sonntag ist Muttertag, da schenke ich Mama ein schönes Bild und Blumen, die Oma für mich pflückt. Das hat sie mir versprochen. Aber Oma ist ja auch eine Mutter, also bekommt sie auch ein Bild und einen dicken fetten Schmatzer. Oma liebt meine Schmatzer, selbst dann, wenn ich Schokolade gegessen habe.  Das sieht dann lustig aus und ich schmatze ihr noch einmal auf die Wange.

Oma hat auch zwei Kinder, meinen Papa und meine Tante Düwi. Die heißt gar nicht Düwi, ich habe sie immer so genannt, als ich noch nicht richtig sprechen konnte. Düwi ist toll und sie bleibt meine Düwi. Aber eine Mutter ist sie noch nicht, sie hat keine Zeit für Kinder, weil sie noch studiert.

Meinen Papa sehe ich nicht so oft, dabei habe ich ihn doch ganz doll lieb. Mama und Papa mögen sich nicht mehr so gern leiden. Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich ja noch klein war, als Papa ausgezogen ist. Ich habe ja noch Oma und Opa – und das gleich zwei Mal. Aber das erzähle ich später, jetzt muss ich schlafen.

„Gute Nacht Mama, gute Nacht Omas und Opas, gute Nacht Papa und Tante Düwi!“

© Regina Meier zu Verl