Hannes, Piet und der Schmetterling

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“
Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.
Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:
„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“
„Geh‘ nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.
Hannes betrat die Ferienwohnung.
„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.
„Hast du Hunger?“
„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“
„Dann lass mal hören.“
„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“
Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.
„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“
Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.
„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“
„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“
„Aha?“
„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“
„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.
„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …
Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.
Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.
Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.
„Spiel noch einmal!“, bat er.
Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.
Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!
© Regina Meier zu Verl

John, Peter and the butterfly

„The wind is carrying the melody across the water. Listen, then you can hear it too and you’ll be enchanted.”
The old lighthouse keeper quietly closed the book. Then he closed his eyes and listened. The children were totally still, hardly daring to breathe. They were sitting at the old man’s feet. The old man was sitting on a bench in front of the lighthouse. They came here whenever they could because old Peter always had a story for them. Sometimes he made the stories up and sometimes he read out loud from his big story book. John had listened, totally fascinated. He could have sung the melody himself; he had heard it so clearly and felt it so deeply.
He didn’t know how much time had passed. He took a quick glance at his watch and was horrified. He cleared his throat and whispered:
“I’m sorry but I’ve got to go now. My parents will be worried.”
“Run along now! And if you’d like to, come over again sometime, I‘ve got many more stories.” Peter smiled. He loved children. They were such good listeners and they still believed in the small and big miracles in his stories.

John went into the holiday cottage.
“I’m back!” he shouted. His parents had settled down for the evening in the sitting room.
“That’s nice, John. Your cheeks are really red. The fresh air here is doing you good, isn’t it?” She touched John’s cheeks and kissed him on his forehead.
“Are you hungry?”
“No thanks Mum, I’m not hungry, but may I ask you for something?”
“Go ahead, ask me!”
“I’d like to learn the violin.”
John’s Dad put the newspaper he had been reading to one side. He looked at his son in astonishment.
“Where did you get that idea from?” You’ve already got a piano at home which you hardly ever play. Isn’t that enough?”

John thought for a moment before he tried explaining to his parents why he really wanted to play the violin.
“Peter told us story today about the melody which hovers over the water. It sounded so amazing. I heard it and I’m never going to forget how wonderful it was.

“Oh son! You’re dreaming. Melodies don’t hover over water. Peter probably has a CD player or something,” Mum said and Dad nodded in agreement.
“No, we were all sitting outside under the lighthouse. Of course I know it was only a story, but then… I heard it, I heard the melody! Peter had told us beforehand that you can only play as wonderfully as that if you use the violin bow so gently that a butterfly can stay sitting on it without being disturbed.”
“Oh really?”
“Yes, and after hearing the music, a butterfly flew directly in front of my nose up to the top of the lighthouse and at that moment I knew I’d like to play the violin!”
“We’ll see!” Dad said and reached for the newspaper again.
“I’ll play every day and I’ll prove to you that I can do it!” John pleaded and he did the same the following day and the day after that…

He got a violin for his birthday and a few days later he was allowed to go to a violin teacher. John was happy.

When the family spent their holidays on the island again the following year, John took his violin with him. He went to the lighthouse and visited old Peter.
He played the melody which he had heard the previous year and Peter’s eyes filled up with tears.
“Play it again!” he asked.

John placed the bow back on the violin and closed his eyes. He played so wonderfully and it was a pity that he couldn’t see how a butterfly landed on the bow.

But Peter saw it – honestly!
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

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Bildquelle stevenunderhill/pixabay

Eine weitere Geschichte in zwei sprachen „Krümelkinder – The children and their crumbs“
 

Das Cello gibt den Ton an

Das Cello gibt den Ton an

Alle Kinder hatten sich auf der Bühne in der Schulaula versammelt. Auf den Notenständern waren die Noten für das Weihnachtskonzert aufgestellt. Heute nun sollte die erste Probe sein.
„Hat jeder Schüler zu Hause geübt?“, fragte Herr Koch, der Musiklehrer, nachdem er einige Male mit dem Taktstock auf sein Pult geklopft hatte, um Ruhe in die Gruppe zu bringen.
Gemurmel, einige Kinder zeigten auf. Nach und nach fragte Herr Koch ab, was sie zu sagen hatten.
„Ich konnte nicht üben, weil meine kleine Schwester Mittagsschlaf halten musste!“, sagte Kai, der immer eine Ausrede hatte. Seine Geige hatte er vorsichtshalber noch gar nicht ausgepackt.
„Und du, Lisa? Was hast du für eine Ausrede? Hatte deine Flöte etwa Husten?“, fragte Herr Koch verärgert.
Alle lachten, nur Lisa nicht. Der stiegen die Tränen in die Augen. So gern wollte sie das Solo in einem Lied spielen, sie hatte so viel geübt, aber es gelang einfach nicht.
„Ich, ich …“, stammelte sie und lief rot an. „Ich habe jeden Tag eine Stunde geübt, aber meine Flöte schafft die hohen Töne einfach nicht!“, versuchte sie zu erklären.
Plötzlich redeten alle durcheinander. Wieder klopfte Herr Koch auf das Dirigentenpult.
„Meine Lieben, so wird das nichts! Fangen wir also mit einer Tonleiter an, aber zuerst muss gestimmt werden. Alexander, gib uns bitte ein A!“
Alexander saß am Flügel. Zaghaft schlug er eine Taste auf dem Flügel an.
„Etwas lauter, bitte!“, rief Herr Koch.
Alexander schlug noch einmal den Ton an, diesmal etwas kräftiger.
„Jetzt die Geigen!“, rief Herr Koch. Außer Kai gab es noch zwei Schüler, die Geige spielten. Oh weh, das klang furchtbar. Herr Koch musste eingreifen. Sorgfältig stimmte er die Geigen.
„Jetzt die Flöten!“, ordnete Herr Koch an und auch die klangen einfach nur schrecklich.
„Lisa, du musst ein wenig kräftiger spielen, Anja, zieh bitte den Flötenkopf ein Milimeterchen heraus!“ Es dauerte eine Weile, bis Klavier, Geigen und Flöten ein einigermaßen sauberes A miteinander spielen konnten. Dann war Herr Koch zufrieden.
„So, nun du!“ Christine strich mit dem Bogen über die A-Saite ihres Cellos, ganz sanft machte sie das. Dann prüfte sie die anderen Saiten, stimmte ein wenig nach, indem sie vorsichtig an den Wirbeln drehte, schließlich nickte sie zufrieden.
„Wunderbar!“, rief Herr Koch, er stellte sich wieder hinter seinem Dirigentenpult auf.
„Fangen wir an!“, sagte er. „Eine Tonleiter in F-Dur bitte!“
„Häh?“, rief Niels, der eine Triangel in der Hand hielt.
„Du natürlich nicht, Niels!“ Herr Koch raufte sich die Haare, das hatte er sich einfacher vorgestellt.
Es dauerte eine ganze Schulstunde, bis endlich jeder begriffen hatte, was eine F-Dur-Tonleiter ist und wie man die spielen musste. Eine weitere Stunde brauchten sie dafür, das erste Weihnachtslied miteinander zu spielen, so, dass es jeder erkennen konnte.
Wenn Herr Koch gewusst hätte, dass es schlimmer kommen sollte, hätte er wohl schon nach diesen zwei Stunden aufgegeben, aber noch hatte er die Hoffnung, dass sie alle gemeinsam das schon schaffen würden mit der nötigen Ruhe und Geduld.

„Was für ein Chaos! Ich finde diesen Blödsinn sehr ermüdend!“, sagte das Cello, als die Instrumente in der Pause allein in der Aula waren.
„Ganz meine Meinung!“, krächzte die Bratsche, auf der niemand spielen wollte. Es gab aber auch keinen Schüler, der das gekonnt hätte. Schon aus diesem Grund war die Bratsche mächtig verstimmt.
„Wir sind quietschfidel!“, jubilierten die Blockflöten, die sich einbildeten die schönsten Instrumente überhaupt zu sein.
„Liebe Freunde, ich möchte euch folgenden Vorschlag machen, damit wir alle doch noch unseren Spaß haben“, sagte das Cello geheimnisvoll. Es wurde ruhig im Saal, alle waren gespannt darauf, was das Cello zu sagen hatte.
„Wenn die Pause gleich vorbei ist und der Lehrer wieder Anweisungen gibt, dann spielen wir einfach alle zusammen das schöne Weihnachtslied ‚Alle Jahre wieder‘, in F-Dur, versteht sich. Wir achten gar nicht darauf, was die Kinder tun, sondern setzen uns durch! Was meint ihr?“ Gespannt schaute das Cello seine Freunde an.
„Das wird ein Spaß!“, jubelte eine der Geigen. „Ich kann es kaum noch erwarten!“
„Ja, ja, ich will aber auch mitspielen“, trommelte das Schlagzeug, das ganz hinten in einer dunklen Ecke stand. Zum Weihnachtskonzert hatte man es nicht dazu gebeten. Unverschämtheit!

Dann ertönte der Schulgong, die Pause war vorbei. Als wäre nichts gewesen, warteten die Instrumente still an ihrem Platz. Die Schüler stürmten in die Aula und nahmen ihre Plätze ein, auch Herr Koch kam aus dem Lehrerzimmer zurück.
Er klopfte mal wieder auf sein Dirigentenpult.
„So, wir spielen nun das Lied ‚Lasst uns froh und munter sein‘. Konzentriert euch, ich will keinen schiefen Ton hören!“, verkündete er und hob die Arme, zählte bis vier und gab den Einsatz.
Es ertönte ‚Alle Jahre wieder‘ und das klang so schön, dass Herr Koch vergaß, dass er ein ganz anderes Lied gewünscht hatte. Der Lehrer strahlte, wunderte sich aber über den leichten Rhythmus, der vom Schlagzeug kam. Irgendwie ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu, oder?
Es war ihm egal – so schön klang das und das Orchester spielte immer weiter, längst waren drei Strophen gespielt, aber es ging weiter und weiter, mal jubilierten die Flöten im Vordergrund und dann wieder die Geigen und das Cello trug die Melodie sanft und sicher, in der sechsundzwanzigsten Strophe erklang sogar ein Schlagzeugsolo, wer immer das auch gespielt hatte, der verstand sein Fach.

Wieder ertönte der Schulgong, der das Ende der Stunde ankündigte – oder war es der Wecker von Herrn Koch und er hatte das alles nur geträumt? Keine Ahnung!

© Regina Meier zu Verl

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Der Beginn der Weihnachtszeit

Ein Fremder schlurfte über den Marktplatz. Am Brunnen blieb er stehen und blickte über den Platz. Er lächelte, dann zog er einen verschlissenen Geigenkasten aus seinem Rucksack, stellte ihn auf den Brunnenrand, entnahm ihm die Geige und hob sie ans Kinn. Zaghaft strich er mit dem Bogen über die Saiten, stimmte sie ein wenig ein und begann zu spielen.
Für einen Augenblick verharrte das Leben im Ort in Stille, so zauberschön klang die Melodie. Schön und fremdartig und doch seltsam vertraut. Ein Lied, das glauben ließ, man sei Zuhause, geborgen und im Reinen mit sich selbst.
Der Trubel im Kaufhaus nebenan verstummte, die Menschen blieben stehen, spitzten die Ohren und gingen zu dem Fremden am Brunnen hinüber. Auch in den Wohnungen wurden Radios und Fernseher ausgeschaltet. Man öffnete die Fenster und lauschte gebannt der Musik. Ruhig war es ringsum geworden. Lediglich das Quietschen eines Einkaufswagens, in dem die alte Hanni ihr Hab und Gut verwahrte, unterbrach die Stille.
Wer war der alte Mann mit dem gebräunten Gesicht, das von einem langen weißen Bart umrahmt war. Ein Magier? Er spielte und spielte und die Menschen lauschten wie gebannt. Schön war es, unwirklich, ein bisschen unheimlich fast. So etwas hatte man noch nie erlebt. Es herrschte eine Stimmung, in der man beinahe das Atmen vergessen konnte.
Selbst Hanni, die sich nur schwer beeindrucken ließ, hatte nun angehalten. Ein wenig abseits von den anderen blieb sie stehen und faltete andächtig die Hände. In ihren Augen blitzten Tränen, die dann über ihr schmutziges Gesicht kullerten. Niemand beachtete sie, alle Augen waren auf den Alten gerichtet, der seiner Geige immer wieder neue Melodien entlockte.
In diesem Augenblick blitzten an der Tanne neben dem Kaufhaus die Lichter auf. Sie tauchten den kleinen Platz in ein warmes, funkelndes Licht, das in den Herzen der Menschen eine stille Freude auf die Weihnachtszeit erweckte.
Das Geigenspiel brach ab. Die Menschen applaudierten, einige zückten ihre Geldbörsen und warfen ein paar Münzen in den Geigenkasten.
Der Alte verbeugte sich zum Dank. Dann nahm er die Münzen, packte sein Instrument sorgfältig wieder ein und schnallte sich den Geigenkasten auf den Rücken. Leise, wie er gekommen war, ging er wieder. Doch zuvor hielt er bei der alten Hanni an, drückte ihr die Münzen in die Hand und sagte: „Frohe Weihnachten!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Von leisen Basstönen, oder Papa ist raus

Von leisen Basstönen, oder Papa ist raus

„Ich habe doch früher sogar in einem Knabenchor gesungen!“, sagte Papa beleidigt, als wir ihm sagten, dass er in unserem Weihnachtsspiel nicht mitsingen durfte. „Ich habe sogar in der ersten Reihe gestanden!“
„Ja, Papa, das wissen wir. Aber heute bist du ein Brummbass und passt so gar nicht zu den hellen Stimmen der Engel!“, versuchte ihm meine große Schwester Carina zu erklären. Sie war es auch, die die Idee für das Weihnachtsspiel gehabt hatte und nun mit großem Eifer versuchte umzusetzen. Bei der heutigen Probe ging es um den Gesang der Engel an der Krippe. Dafür hatte Carina eigens ein Lied geschrieben, das ganz wunderbar klang.
„Aber“, versuchte es Papa noch einmal, „aber im Orchester spielt doch auch ein Bass mit und seine leisen tiefen Töne tragen das Orchester durch das jeweilige Stück!“, sagte er.
Carina überlegte einen Moment und ich grinste schon einmal vorsorglich, denn ich wusste genau, was bei dieser Diskussion herauskommen würde. Papa würde seinen Willen bekommen, wie immer.
„Papa, da hast du auch ein bisschen recht!“, lenkte Carina ein und sofort widersprach Papa.
„Ein bisschen recht gibt es nicht, Punkt! Ich habe recht und deshalb darf ich mitsingen!“, trompetete Papa siegessicher.
Carina gab sich vorläufig geschlagen. „Also gut!“, sagte sie, fügte aber noch hinzu: „Die Betonung liegt auf „leise Töne“, Papa. Okay?“
Wir stellten uns also rundum den Zeitungsständer auf, der heute als Krippe diente. Wir, das waren wir Schwestern Nicole, also ich, und Sina, sowie unsere Freundinnen aus dem Nachbarhaus Anna und Lisa. Papa hielt sich im Hintergrund. Carina saß am Klavier. Sie spielte die Einleitung. Sehr leise und gefühlvoll machte sie das, dann kam unser Einsatz:
„Hier sind wir, Herr Jesus, an deiner Seit‘,
wir hoffen, dass unser Anblick dich freut!“
Das klang schön, lediglich Papas Basstöne schienen etwas zu schief und etwas zu laut zu sein. Oder waren sie überhaupt fehl am Platz? Carina schien jedenfalls angesäuert zu sein.
Sie klatschte in die Hände.
„Also nochmal, die Mädels kräftig bitte und du Papa, denk an die leisen Töne!“
Alle nickten, Carina spielte wieder das Vorspiel, dann setzten wir ein.
„Hier sind wir …“ Carina winkte ab. „Es ist nicht zu überhören, dass ihr da seid, aber das Kind in der Krippe bekommt einen mächtigen Schrecken, wenn ihr so brüllt!“, schimpfte sie.
„Ich geh aufs Klo!“, verkündete Sina und Anna schaute genervt auf die Uhr. „Kommt zu Potte, ich habe noch was vor!“, sagte sie und jeder wusste, dass sie sich mit Stephen treffen wollte, ihrem Lieblingsmenschen.
„So wird das nichts!“, meinte Carina. „Es sind nur noch vier Wochen bis Weihnachten, das schaffen wir niemals, wenn wir jetzt nicht vernünftig proben!“
„Ich hätte da mal einen Vorschlag!“, sagte Papa. Er hatte den Arm gehoben und zeigte auf wie in der Schule.
„Ja, Papa?“, ermunterte Carina ihn zu sprechen. „Lass hören!“
„Wir alle reißen uns nun für eine halbe Stunde zusammen und machen dann Feierabend. Niemand drängelt und motzt, ich eingeschlossen, und wir holen Mama als neutrale Beobachterin dazu. Die kann dann sagen ob mein Bass passt oder nicht und ob die Engel zu laut sind. Einverstanden?“
Ich fand das gut, Carina wohl auch und auch die anderen nickten zustimmend, außer Sina, die war noch auf dem Klo. Aber die war auch noch so klein, die hatte sowieso nichts zu sagen!
Wir haben es dann tatsächlich geschafft, das Lied zufriedenstellend zu singen. Woran lags? An Mama, die hat nämlich als erstes Papa den Mund verboten, ganz geschickt hat sie das gemacht.
„Bernd, du hältst dich besser zurück bei diesem Engelgesang, dafür bekommst du das Hirtensolo. Was meinst du, Carina?“
Den Felsbrocken, der Carina vom Herzen gefallen ist, konnten wir alle hören. Und das Beste: Papa war gar nicht beleidigt und das Hirtensolo, das hat er später ganz wunderbar gesungen, ehrlich!

© Regina Meier zu Verl

Photo by Ylanite Koppens on Pexels.com

Engelorchester

Engelorchester

Irmchen Sander hatte sich in diesem Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die Weihnachtsfeier zu gestalten.
Das Klassenorchester der Sechsten würde Weihnachtslieder in Engelsgewändern vortragen. Es waren einige recht talentierte Kinder dabei und Benjamin sollte auf seiner Violine das Solo spielen, wenn das Stück „Hört der Engel helle Lieder“ vorgetragen wurde.
Einige Schüler zierten sich zunächst ein bisschen, sie fanden es bescheuert, als Engelchen auf der Bühne zu stehen, wo doch die ganze Familienbande im Publikum saß.
Aber Irmchen setzte sich wieder einmal durch, wenn sie was wollte, dann kriegte sie das hin.

Die Schüler der zwölften Klasse hatten die Gewänder geschneidert und waren mächtig stolz auf ihre Werke. Bei der Generalprobe saßen dann zweiundzwanzig Engel auf der Bühne. Irmchen Sander war entzückt.
Musikalisch gab es an der ein- oder anderen Stelle zwar noch ein paar Ungereimtheiten, aber eine Generalprobe musste schief gehen, sonst klappte die Aufführung später nicht. Die Lehrerin war seit über zwanzig Jahren an der Schule und kannte sich bestens aus.

Am Abend der Weihnachtsfeier war der Festsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Das Orchester nahm die Plätze ein. Irmchen Sander stimmt noch einmal die Instrumente durch, dann öffnete sich der Vorhang.
Zunächst begrüßte der Schulleiter die Gäste und wünschte allen einen besinnlichen Abend. Dann trug Melanie ein Gedicht vor, bei dem sie sich nicht ein einziges Mal verhaspelte.
Irmchen Sander hatte ihre Position vor dem Orchester bereits bezogen und hob jetzt die Arme. Eins, zwei, drei, vier … zählte sie mit leiser Stimme an und es erklangen die ersten Takte von „Alle Jahre wieder“, vierstimmig, in F-Dur.
Tobi verhedderte sich in seinem Überschwang mit dem Geigenbogen in den Flügeln seines Vordermannes, aber sonst ging alles glatt. Das Publikum klatschte begeistert.

„Gleich biste dran“, flüsterte Bine dem Benjamin zu, der im nächsten Stück aufstehen sollte und ganz vorn auf der Bühne das Solo spielen musste.
„Geht aber nicht“, flüsterte Benjamin zurück und verzog schmerzverzerrt das Gesicht.
„Ich kann nicht aufstehen.“
„Pst“, machte Irmchen und warf Benjamin einen drohenden Blick zu.
„Warum kannst du nicht aufstehen?“, wollte Bine wissen, der es Leid tat, dass Benni schon kreidebleich war.
„Ich muss mal …“, wisperte der und kniff verzweifelt die Knie zusammen.

„Beim nächsten Stück wird Benjamin Schlüter das Solo spielen!“, verkündete Irmchen stolz und Benjamin setzte sich wohl oder Übel in Bewegung. Er stellte sich auf seinen Platz, machte einen kurzen Diener, hob die Geige ans Kinn und wartete darauf, dass das Orchester einsetzte.
Da stand er, der Engel Benjamin in seinem weißen Gewand, seine Flügel bibberten, doch er biss die Zähne zusammen und setzte pünktlich ein.
„Glo-ho-ho-ho-ho-ho, ho-ho-ho-ho-ho, glo-ho-ho-ho-horia“, sang die Geige und Benjamin dachte „oh, o-o-o-o-o, mir ist alles egal, Hauptsache es klingt jetzt schön!“ Dann ließ er laufen, was nicht mehr aufzuhalten war. Die Erleichterung wirkte sich unmittelbar auf sein Geigenspiel aus. Irmchen Sander lächelte glücklich. Dieser Junge war ein besonderes Talent, das hatte sie ja immer gesagt.

Sie wunderte sich ein bisschen, dass er den Platz vorm Orchester nicht räumen wollte, aber er sollte seinen Applaus haben und ruhig stehen bleiben. Er spielte alle weiteren Stücke von dort aus mit und als sich der Vorhang endlich schloss, war er der erste Engel, der von der Bühne verschwunden war und niemand sah in mehr an diesem Abend.
Es hat ihn später auch niemand auf die Pfütze an seinem Platz angesprochen, nur Bine musste bei dem Gedanken an das glorreiche Solo noch Jahre später lachen.

© Regina Meier zu Verl

Das Bild hat eine Schülerin, Johanna, für mich gezeichnet. Foto © Regina Meier zu Verl

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied

Oma Betty und das Lieblingsweihnachtslied

Oma Betty summt leise vor sich hin. Gemeinsam mit Nora sticht sie Weihnachtsplätzchen aus. Das macht beiden Spaß und ab und zu wandert ein kleines Stückchen Teig ins Mäulchen. Nicht nur bei Nora, nein, auch Oma liebt Plätzchenteig.
„Was summst du da, Oma?“, fragt Nora. „Das Lied kenne ich noch gar nicht!“
„Es ist eines meiner Lieblingsweihnachtslieder“, Oma räuspert sich kurz, dann singt sie: „Maria durch ein Dornwald ging …“
„Halt, Stopp!“, ruft Nora. „Was ist ein Dornwald?“
„Du kennst ja die Rosenbeete im Garten“, sagt Oma. Nora nickt. Die kennt sie und die pieken, das weiß sie.
„Kenne ich, die Rosen haben Dornen, ne?“, stellt sie fest.
„Stimmt genau! Und wenn der Winter kommt, und alle Rosen verblüht sind, dann fällt auch das Laub von den Stängeln und zurück bleibt ein Dornengestrüpp und ganz viel von dem Dornengestrüpp nennt sich dann Dornwald, oder so!“, erklärt Oma Betty.
„Maria durch ein Dornwald ging, Kyrie Eleison“, singt Oma weiter.
„Halt, Stopp!“, ruft Nora. „Was ist das denn wieder für ein komisches Wort?“
„Oh je, nun hast du mich aber auf dem falschen Fuß erwischt!“, meint Oma, der einfach nicht einfallen will, was das bedeutet.
„Herr, erbarme dich!“, ruft Opa, der gerade aus dem Garten ins Haus gekommen ist.
„Was ist denn nun schon wieder passiert?“, fragt Oma und lässt die Teigkugel fallen, die sie gerade ausrollen wollte.
„Nichts, warum?“, fragt Opa unschuldig.
„Weil der Herr sich erbarmen soll, das sagst du doch immer, wenn irgendwas passiert ist, erst neulich, als du die Katze vom Baum retten wolltest, was ja schwierig war!“, sagt Oma.
Opa lacht schallend.
„Das ist dann wohl jetzt … in diesem Fall, also es ist ein Missverständnis!“, sagt Opa unter Prusten und Lachen.
„Wieso?“
„Weil du Kyrie Eleison gesungen hast – das heißt „Herr, erbarme dich“!“ Opa lacht schon wieder.
„Ach so!“, sagt Oma kleinlaut. „Mir fiel es gerade nicht ein, was es heißt!“, gab sie zu.
„Macht ihr zwei wieder heiteres Weihnachtsliederraten?“, will Opa jetzt wissen und weil ich Opa gut kenne, wird er sich verdrücken, wenn es ums Singen geht. Das ist nämlich „nicht so seins“, sagt er immer.
„Ich verdrücke mich dann mal lieber!“, sagt er auch schon und schließt die Küchentür hinter sich.
Oma mag nun nicht mehr singen.
„Es ist doch blöd, wenn man immer wieder von vorn anfangen muss“, meint sie.
„Ach komm, Oma, nun möchte ich aber die Geschichte des Liedes hören, sing bitte noch einmal. Niemand wird dich stören, ich auch nicht!“, fügt Nora kleinlaut hinzu, denn schließlich war sie es, die Oma Betty schon zwei Mal unterbrochen hat.
Oma singt viel zu gerne, als dass sie ihrer Enkeltochter diesen Wunsch nicht erfüllen würde.
„Also gut, eine Strophe singe ich noch und den Rest erzähle ich, okay?“, schlägt sie vor. Damit ist Nora einverstanden, sie lauscht.
„Maria durch ein Dornwald ging, Kyrie Eleison. Maria durch ein Dornwald ging, der hat in sieb ‘n Jahr’n kein Laub getragen. Jesus und Maria.“
Gerade will Nora ansetzen und nachfragen, warum denn jetzt Jesus dabei ist, wo doch eben nur von Maria die Rede war. Sie besinnt sich aber und wartet ab.
„Weißt du, in dem Lied heißt es weiter, dass Maria ein Kind unter ihrem Herzen trug, das heißt wohl, dass sie schwanger war. Auf jeden Fall haben die Dornen plötzlich angefangen Rosen zu tragen, also zu blühen“, erzählt Oma Betty.
„Krass!“, sagt Nora und staunt nicht schlecht. Das ist eine schöne Geschichte, findet sie.
„Maria war unterwegs zu ihrer Cousine Elisabeth, die auch schwanger war!“, fügt Oma noch hinzu.
„Bist du mit der verwandt?“, will Nora wissen.
„Im gewissen Sinne schon, auf jeden Fall aber bin ich nach ihr benannt!“, sagt Oma Betty stolz, denn immerhin hat Elisabeth Johannes dem Täufer das Leben geschenkt, was Oma ganz besonders freut.
„Ach so!“, sagt Nora und wendet sich wieder dem Plätzchenteig zu.
„Weißt du, welches mein Lieblingsweihnachtslied ist?“, fragt sie Oma.
„Nein, sag!“, fordert Oma Betty sie auf.
„In der Weihnachtsbäckerei – siehste doch!“ Nora lacht und stopft sich ein dickes Teigstück in den Mund.

© Regina Meier zu Verl

Photo by Lina Kivaka on Pexels.com

Fritzchen erzählt – Gedanken eines Kanarienvogels

Wir hatten zu Hause immer einen Kanarienvogel, sein Name war Hansi und er gehörte zur Familie. Später: Wir Kinder waren schon alle ausgezogen und hatten eigene Familien, da zog wieder ein Vogel bei Mama ein, ein zitronengelber Kanarienvogel, Hansi.

Natürlich habe ich an ihn gedacht, als ich die nachfolgende Geschichte geschrieben habe. Trotzdem heißt er hier Fritzchen, denn die Story ist erfunden. Doch, wie das in jeder kleinen Geschichte ist, steckt auch hier ein Fünkchen Wahrheit drin.

Fritzchen erzählt – Gedanken eines Kanarienvogels

Sie ist einsam, ich weiß es. Gestern Abend hat sie wieder geweint. Ich werde ganz traurig, wenn ich ihre Tränen sehe. Ich bin ein Mann und sie ist eine Frau. Ich möchte ihr eine Freude machen und singe für sie. Meine schönsten Koloraturen lasse ich erklingen. Das kann ich. Mehr kann ich nicht für sie tun. Bin ja selbst einsam und singe gegen die Traurigkeit an. Früher hat sie auch gesungen, mit ihrer Geige. Manchmal haben wir dann einen richtigen Wettbewerb veranstaltet. Oft habe ich gewonnen und sie hat ihre Geige in den Kasten mit dem roten Samtbezug zurückgelegt. Ein anderes Mal hat sie mich einfach ausgesperrt.
„Du kannst mich ganz schön aus dem Konzept bringen!“, hat sie dann lachend gerufen und mich samt Käfig auf den Balkon verfrachtet, nicht ohne mir vorher ein leckeres Salatblatt zwischen die Stäbe zu schieben. Ich glaube, dass alle Kanarienvögel das frische Grün lieben. Bei dem Gedanken daran bekomme ich Lust darauf. Ich setze noch einmal zu einer neuen Arie an, lege meinen Herzschmerz in das Lied. Einsame Frau, ich liehihibe dich sohoho!
Sie kommt aus der Küche, dann ist ihr Gesicht ganz nah bei mir. Vorsichtig klemmt sie ein kleines Apfelstück zwischen das Gitter.
„Mein Kleiner, was wäre ich nur ohne deinen Gesang“, flüstert sie. Obwohl mir das Wasser im Schnabel zusammenläuft, lasse ich es mir nicht nehmen, noch eine kurze Zugabe zu singen. Sie lächelt, endlich lächelt sie. Dann kann ich mich ja beruhigt über den Apfel hermachen.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Widerstroem/pixabay

 

Ohne Fleiß kein Preis

Ohne Fleiß kein Preis

Tim hat Jule bei Frau Müller kennen gelernt. Frau Müller ist die Musiklehrerin und Jule hat immer eine Stunde vor Tim Klavierunterricht.
Er wartet vor der Tür, damit er nicht stört. Erst, wenn sie aufgehört haben zu spielen, klopft er leise an die Tür.
„Komm nur herein, Tim“, sagt Frau Müller dann und Tims Herz klopft ein bisschen schneller.
Er reicht Frau Müller die Hand und macht einen kleinen Diener und dann begrüßt er Jule, die er heimlich bewundert. Sie kann nämlich nicht nur wunderbar Klavier spielen, sie ist auch noch das schönste Mädchen, das er je gesehen hat.
„Hast du vielleicht Lust, einmal mit Jule gemeinsam ein Weihnachtslied einzuüben?“, fragt Frau Müller ihn heute, doch Tim hat gar nichts verstanden. Er schaut das Mädchen an und vergisst die Welt um sich herum.
„Tim, ich habe dich etwas gefragt!“
„Wa-wa-was denn?“, stammelt Tim und wird rot im Gesicht. Frau Müller tut so, als habe sie das nicht bemerkt.
„Ich möchte wissen, ob du mit Jule gemeinsam ein Stück spielen möchtest, vierhändig.“ Jule lächelt und nickt Tim aufmunternd zu. Er hat sich mittlerweile ein wenig gefangen und antwortet:
„Ja, gern. Aber kann ich das denn schon?“
„Sicher kannst du es, wenn du fleißig übst. Ich gebe dir heute die Noten und wir arbeiten gemeinsam daran. Nächste Woche kommst du dann einfach eine Stunde früher und ihr beide habt gemeinsam Unterricht. Ist das in Ordnung?“
„Von mir aus gern“, sagt Jule und packt ihre Notenhefte in die Tasche.
Tim ist vor Freude ganz aufgeregt und nimmt sich vor, diese Woche tüchtig zu üben, damit er mit Jule mithalten kann. Das Mädchen verabschiedet sich und Frau Müller stellt Tim das neue Lied vor. Es klingt wunderbar und Tim ist Feuer und Flamme. Am Ende der Klavierstunde gelingt es ihm schon ganz gut, im Takt zu bleiben und das Musikstück mit Frau Müller gemeinsam zu spielen.
In der folgenden Woche übt er jeden Tag eine halbe Stunde mittags, wenn er aus der Schule kommt und am Abend noch einmal ein paar Minuten.
Mama und Papa staunen, weil sie doch sonst immer sagen müssen:
„Tim, du musst noch Klavier üben!“, worauf Tim dann meist maulend und unlustig auf den Tasten herumklimpert. Plötzlich ist alles anders. Tim hat ein Ziel und es fühlt sich ganz wunderbar an zu spüren, dass man mit Fleiß eine Menge erreichen kann. Den Preis für seine Arbeit bekommt er, als er in der nächsten Woche gemeinsam mit Jule am Klavier sitzt und ihr so nah ist wie noch nie.
Frau Müller ist begeistert und klatscht vor Freude in die Hände.
„Kinder, das machen wir jetzt öfter!“, jubelt sie und ahnt nicht, welche Freude sie Tim damit macht. Oder doch?

Beim Weihnachtskonzert in der Schule treten Jule und Tim gemeinsam auf. Sie spielen die schönsten Weihnachtslieder und bekommen eine Menge Applaus.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle zjazjazoie/pixabay

Hannes, Piet und der Schmetterling

Hannes, Piet und der Schmetterling

 

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“

Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.
Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:
„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“
„Geh‘  nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.

Hannes betrat die Ferienwohnung.
„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.
„Hast du Hunger?“
„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“
„Dann lass mal hören.“
„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“
Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.
„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“
Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.
„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“
„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“
„Aha?“
„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“
„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.
„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …
Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.

Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.
Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.
„Spiel noch einmal!“, bat er.
Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.

Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!

© Regina Meier zu Verl

 

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