Die Reisen der Julifrau


Die Reisen der Julifrau

„Es ist mein Los, ständig auf Achse zu sein und das ist auch gut so. Heute Morgen watete ich über den Meeresstrand, jetzt streife ich durch Wiesen und Felder, die Weinberge und Obstgärten werde ich gleich noch besuchen und in den Wäldern nach dem Rechten sehen und den Abend werde ich in den Bergen verbringen. Ein guter Plan für einen guten Tag.“ Die Julifrau nickte zufrieden.
„Hast du dir da nicht ein bisschen zu viel vorgenommen?“, wisperte der Rosenkäfer, dessen grüne Flügel im Sonnenlicht schimmerten. „Du hast doch viele Tage Zeit für deinen Job! Mach eines nach dem anderen!“
Die Julifrau lachte. „Du hast recht, kleiner Käfer, aber ich liebe meine Arbeit so sehr, dass ich alles auf einmal machen möchte.“
„Alles? Auf einmal?“ Der Käfer spreizte die Flügel. „Was ist das überhaupt, dieses ‚Alles‘? Und das gleich auch noch mit diesem ‚Auf einmal‘? Nein, das verstehe ich nicht. Meine Kollegen und ich nämlich, wir, ja, wir machen alles eines nach dem anderen. Stück für Stück für Stück.“
„Genau so ist es richtig“, rief die Julifrau und ihre Stimme klang lauter noch und fröhlicher und voller Energie. „Das mache ich auch. Stück für Stück für Stück wandere ich durch mein Land und das ist auch mein Job.“
„So, so!“, meinte der Rosenkäfer, der sich die Beinchen putzte. „Dann ist es ja gut! Aber meinst du nicht, du verlangst zu viel von dir? Ich meine gehört zu haben, dass dein Monat auch so etwas wie ein Monat der Ruhe und der Pause ist. Die Menschen sagen dies immer und sie lieben deine Zeit, um sich zu erholen … und um im Land herumzureisen.“
Die Julifrau lachte. „Da siehst du es! Sie machen es wie ich.“
„Stimmt!“ Der Rosenkäfer nickte zustimmend und überlegte, ob er auch verreisen sollte. Er kam dann aber zu dem Schluss, dass er ja nicht alles so machen musste wie die Menschen und die Julifrau. Er würde hierbleiben und seine Arbeit machen und am Abend würde er sich ausruhen und die schönen Julinächte genießen.
„Ich hoffe, du wirst Zeit finden, dich um das Wetter zu kümmern“, brummte er daher nur. „Und besonders auf laue Abende und angenehme Nächte. Die liebe ich nämlich und wie mir zu Ohren gekommen ist, mögen die Menschen sie auch über alles gut leiden. Also bitte, streng dich an, gute Frau!“
„Alles wird im rechten Maß geschehen, Sonne, Regen und Sommerspaß, Gewitter und Abkühlung, verlass dich drauf!“, versprach die Julifrau und machte sich auf den Weg in die Berge.
Die Sonne war gerade hinter den Bergen untergegangen, als sie ihr Ziel erreichte. Sie seufzte. „Alles im richtigen Maß!“, murmelte sie. „Wachen und schlafen, arbeiten und ausruhen!“ Dann schlief sie mit einem Lächeln ein.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl


Julifrau?, Bildquelle © pixel2013/pixabay

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Die Junifrau und die Beerenzeit


Die Junifrau und die Beerenzeit

„Beeren. Frische Beeren! Ihr Leute, seht, ich habe euch meine Beeren mitgebracht. Nur von mir und eigens für euch. Kommt und seht und genießt!“
Laut hallte die Stimme der Junifrau übers Land.
„Erdbeeren gibt es hier längst zuhauf. Seit Wochen schon“, antwortete ein Stimmchen.
Die Junifrau schaute sich um, konnte aber nicht entdecken, wer da zu ihr sprach. Auch ärgerte es sie, dass man ihr Widerworte gab. Wie ungehörig! Dabei hatte sie doch die süßesten, saftigsten Erdbeeren mitgebracht. Dazu Himbeeren, Johannisbeeren in rot und schwarz und Stachelbeeren.
„Das… das kann nicht sein“, rief sie. „Ich allein bin die Beerenfrau, die dem Sommer die süßen Beerenfrüchte, nach denen sich Menschen und Tiere so sehr sehnen, zurückbringt. Beere für Beere küsse ich reif und kein anderer kann diesen Job erledigen. Nicht ohne meine beerenwarmen Hände. Hörst du?“
Das Stimmchen kicherte. „Aber du musst doch zugeben, meine Gute, dass du ohne die Sonne nicht viel taugst. Da können deine Küsse und die beerenwarmen Hände noch so nett sein. Ohne Sonne geht nichts!“
„Oha!“ Die Junifrau wollte nun endlich wissen, wer ihr da Widerworte gab. So einen Empfang war sie nicht gewöhnt.
„Was redest du?“, rief sie. „Die Sonne ist mir sehr nahe und sie wird es auch immer bleiben. Was sonst, glaubst du, wäre der Sommer ohne uns beide? Keine Wärme gäbe es, keine Ernten, keinen Sommer. Daher kann man fast sagen, wir sind so etwas wie Schwestern, Frau Sonne und ich.“
„Na gut, dann ist das eben so!“, antwortete das Stimmchen. „Du musst mich nun entschuldigen, ich ziehe mich in mein Haus zurück. Der Mittagsschlaf, weißt du?“
Die Junifrau erblickte zu ihren Füßen, mitten im Erdbeerbeet, eine Schnecke.
„Ach, du bist das!“, murmelte sie versöhnlich. „Dann wünsche ich dir ein erholsames Schläfchen. Ich habe noch jede Menge zu tun! Obwohl, müde bin ich auch. Und wie müde ich bin!“
Sie gähnte und … Da! Ein Glöckchen bimmelte. Nein, es war ein vielstimmiger Glöckchenklang. Er riss die Junifrau aus dem Schlaf.
„Was … wie … wo bin ich?“, murmelte sie und rieb sich die Augen.
„Das fragen wir uns auch!“, riefen die Beeren an ihren Sträuchern. „Wir wollen nicht länger warten! Wir wollen reifen und warten auf den Zauber deiner Junisüße!“
„Ich … ich bin doch schon da. Haben wir uns nicht gerade schon unterhalten?“
Die Junifrau war verwirrt. Verwundert sah sie sich um. Sie lag ja noch in ihrem Winterschlafquartier in ihr Wolkenbett eingekuschelt und schwitzte! Hatte sie ihre Reise ins Juniland und das Gespräch mit der kleinen, frechen Schnecke nur geträumt?
„Ein Glück!“, murmelte sie. „Sie warten noch auf mich, die Beeren. Und ich dachte schon, ich …“
Die Junifrau musste sich aber keine Gedanken machen. Es war nur ein Traum gewesen. Sie wurde sehnsuchtsvoll erwartet, die Menschen liebten den Sommer und die Beeren. Das war schon immer so und würde es auch bleiben.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Beerenzeit, Bildquelle © butenko94/pixabay

 

Monatsgeschichten JUNI findest du hier:
Die Junifee, die die Nächte heller machte
Vom arbeitssamen Monat Juni
Die Zeit des kleinen Sommers
Die Junifrau und die Beerenzeit
Und hier geht es weiter zur Julifrau: Die Reisen der Julifrau

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