Reizwortgeschichte – Die Flucht vor den Speckbohnen

Die folgenden Wörter galt es dieses Mal in der Geschichte unterzubringen: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend.

Bitte schaut auch, was meinen Kolleginnen dazu eingefallen ist: MARTINA und LORE

Die Flucht vor den Speckbohnen

Meine Mutter konnte gut kochen, ganz ehrlich. Aber ein Gericht mochte ich gar nicht gern und jedes Mal gab es Streit, wenn sie es zubereitet hatte. Grüne Bohnen mit Speck.
„Schön aufessen!“, sagte sie immer, „Bohnen sind gesund! Du stehst mir nicht vom Tisch auf, ehe du alles aufgegessen hast.“
Wie sollte ich das essen? Mir war schon schlecht, wenn ich es nur sah oder roch.
Aber sie kannte kein Pardon, es war wirklich schrecklich. Ich hatte auch keine Idee, was ich da unternehmen konnte und bat meine Oma um Hilfe.
„Ach Kind, so schlimm schmeckt das doch gar nicht!“, sagte sie, versprach mir aber, sich etwas einfallen zu lassen.
Ich seufzte. Oma hatte sich schon öfter etwas einfallen lassen, doch Mama war uns immer auf die Schliche gekommen und am Ende saßen wir beide am Tisch und mühten uns ab, dieses Ekelzeugs zu essen. Ehrlich, da musste uns nun etwas ganz besonders Schlaues einfallen, um dem beim nächsten Mal zu entgehen. Nur was?
Als Mama am folgenden Tag ankündigte, dass sie Bohnen pflücken wollte, weil es mittags Bohnen und Speck geben sollte, sagte Oma:
„Liebe Mechthild, koch aber nicht so viel davon, denn Mia und ich haben morgen schon etwas vor und sind über Mittag außer Haus. Und wir haben es jetzt schon sehr eilig!“ Oma stand auf und zwinkerte mir zu.
Erstaunt schaute ich sie an und nicht nur ich, sondern auch meine Mutter hatte Fragezeichen in den Augen.
„Wo wollt ihr denn hin und werde ich eigentlich gar nicht mehr gefragt?“, sagte sie empört.
„Nö“, sagte Oma und grinste.
„Nö“, sagte auch ich und tat ganz unschuldig, so als hätte ich mit all dem gar nichts zu tun. Und das war ein Fehler. Ich Esel hätte es wissen müssen, Mama roch den Braten sofort.
„Nun gut“, sagte sie. „Das ist mir ganz recht, denn dann muss ich nicht zu Mittag gar nicht kochen und kann mir einen netten Nachmittag machen. Papa hat nämlich auch einen Termin und kommt nicht zum Mittagessen.“
Sollte Papa etwa auch allergisch gegen Speckbohnen sein?
Nun war guter Rat teuer, denn, und das konnten wir uns sicher ausrechnen, es würde halt einen Tag später die verhassten Bohnen geben. Oma räusperte sich, dann sagte sie mit fester Stimme:
„Meine Liebe, du hast es sicher längst bemerkt, wir reißen vor deinen Speckbohnen aus, die mögen wir nämlich beide nicht!“
Oh ha, die traute sich was, die Oma!
Mama seufzte und sah mich mit einem ihrer besonders genervten und viel mehr noch traurigen Mama-Blicke an.
„Stimmt das?“, fragte sie. „Bin ich denn so eine schlechte Mutter, die ihr Kind mit Speckbohnen quält?“ Das klang, als wollte sie jeden Moment anfangen zu heulen.
Oma schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich erschrak, Mama auch!
„Schluss jetzt!“, sagte sie. „Wir werden uns doch wegen dieser dusseligen Bohnen nicht streiten! Ich schlage vor, dass du es akzeptierst, dass wir beide die nicht mögen und ab sofort dürfen wir das auch sagen. Du, meine Liebe, nimmst dir ja auch das Recht raus, zu sagen, was du denkst. Verflixt und zugenäht!“, schimpfte Oma. So hatte ich sie noch nie gesehen und von da an herrschte wieder Friede bei uns. Wir mussten nicht ausreißen, wenn Mama ihre geliebten Bohnen kochte, denn dann bekamen Oma und ich Milchreis – lecker. Wenn wir Glück hatten, durften wir danach ein erfrischendes Eis zum Dessert genießen. Und Papa? Der aß tapfer die Bohnen, aber so richtig glücklich sah er dabei nicht aus.

© Regina Meier zu Verl